Ulm, Judenhof

August 31, 2012

An der Ecke Schlegelgasse, Judenhof stand eine mittelalterliche Synagoge in Ulm, die angeblich im Jahr 1349 zerstört worden sein soll. Jedoch gab es auch danach noch bis etwa 1500 eine jüdische Gemeinde in der Stadt.

In Ulm at the Judenhof near the famous Munster (pictures from year 2000) (Jews court” in medieval times was a synagogue, destroyed in 1349, as it is told. However until 1500 there was a Jewish community in medieval Ulm, which most likely had at least one other synagogue.


Mittelalterliche hebräische Grabsteine in Nürnberg

August 8, 2012

Der (bereits nicht mehr so ganz) „neue“ jüdische Friedhof westlich des Westfriedhofs an der Schnieglinger Straße 155 im gleichnamigen Stadtteil Schnieglingen gelegen hat eine Gesamtfläche von rund 3 ha (1916 und in der Literatur bis heute als aktueller Wert zitiert: 4 ha), wovon derzeit etwas über 1,4 ha mit Gräbern belegt und weitere 0,5 ha an freien Grabflächen vorhanden sind.

In der stattlichen Tahara befinden sich vier mittelalterliche Grabsteine, die im Jahre 1367 vom damals zerstörten jüdischen Friedhof der Stadt geraubt und als Treppenstufen des etwa 80 Meter hohen Südturms der Nürnberger Lorenz-Kirche missbraucht wurden.

St. Lawrence church Nuremberg / St. Lorenz Nürnberg

Die Kirche ist dem in das dritte christliche Jahrhundert datierten Schutzheiligen „Laurentuius“ geweiht, der zusammen mit Sebald auch christlicher „Schutzpatron“ der Stadt Nürnberg ist. Wohl weil er der Legende nach als Märtyrer starb und auf einem Gitterrost verbrannt wurde („Laurentius mit dem Roste“), gilt er frommen Christen u.a. als Schutzheiliger der Köche, wird aber auch von Gläubigen angebetet, die Hautprobleme haben. Während eine Kirche in Rom behauptet, den Rost auf den Laurentius gebraten worden sein soll, zu besitzen, soll sich der Kopf des Heiligen eigenartigerweise in Mönchengladbach befinden. Anderswo gibt es sein Blut und andere mutmaßliche Körperteile als verehrte Reliquien. Da der Leichnam des Lorenz eigentlich verbrannt/geröstet worden sein soll, ist dies in der Tat höchst wunderlich, war aber als “story line” damals ausreichend, um die Massen der wundergierigen Bevölkerung zu begeistern, europaweit und darüber hinaus, schließlich wurde selbst noch der Saint Lawrence River nach jenem Heiligen benannt.

Inside the Tahara hall at the Jewish cemetery in Nuremberg, Schniegglinger Str. 155

1969/70 wurden die Grabsteine aus dem Turm entfernt  und – wie eine Tafel in der Tahara besagt – der heutigen Israelitischen Kultusgemeinde „im Zeichen der religiösen Verständigung“ überlassen. Drei der Stufengrabsteine wurden jeweils oberhalb von Widmungstafeln angebracht, der vierte Stein fand sich in einem seitlichem Nebenraum unter einem alten Tisch liegend, wofür kein plausibler Grund erkennbar war.

Tahara Hall at new Jewish cemetery of Nuremberg, Schnieglingen

Der mittelalterliche Judenkirchhof der Reichsstadt Nürnberg soll sich bei der Judengasse nahe des Lauferturms befunden haben, wahrscheinlich auf dem Gelände der auf beiden Seiten der zwischen der Judengasse und dem Martin-Treu-Gasse und entlang der vielsagenden Wunderburggasse gelegenen Innenhöfe, die bis heute im Grunde Parkanlagen geblieben sind.

Da die Grabsteine als Treppenstufen zugeschnitten wurden, ist entsprechend auch einiger Text der hebräischen Inschrift zerstört worden. Abgesehen von der Schändung des Friedhofs, der Zer-Störung der Totenruhe durch die Kleriker beweist dies zusätzlich auch eine schändliche kulturhistorische Barbarei, die an Primitivität und Pietätlosigkeit kaum zu überbieten ist. Es wäre auch ein arger Zufall, wenn nur vier Grabsteine vom Nürnberger Judenkirchhof benutzt worden wären und gerade sie “gefunden” wurden. Aber an einer Stätte zahlreicher anderer Wunder, wäre auch das eher nachrangig.

Es ist zwar nicht das Verdienst der unmenschlichen Gotteslästerer, jedoch wurden auf diese Weise Teile der Inschriften erhalten – was andernfalls jedoch komplett möglich gewesen wäre. Sie geben die Möglichkeit wesentliche Angaben der Grabsteininschriften zu lesen, ggf. auch sinngemäß zu ergänzen und so einige Daten zu retten und sodann auch anderen Informationen zuzuordnen.

Under the Hebrew “tomb – stair” is a plate which reads: “These tomb stones from the first Jewish cemetery in Nuremberg were ‘carried away’ (abgetragen) in 1349 and about 1352 were inserted as stpes of the stair of the south tower of the church St. Lawrence.”

Der erste der vier als Treppenstufen entweihte Grabstein wurde (Eli)schewa (=Eli/sabeth), der Tochter des R. Schlomo (Salomon) gewidmet, die vor 699 Jahren im Monat Tamus des Jahres 73, bzw. 5073 starb, was etwa dem Juli des Jahres 1313 nach dem römischen Kalender entspricht. Der gewiss notierte Todestag ist durch die mutwillige Beschädigung der Kirchenbauer leider nicht erhalten geblieben.

Der zweite Grabstein wurde möglicherweise einem Abraham Sohn des R. Israel gewidmet, der an einem Schabbes am 6. des Monats Schwat starb. Da der sechste des Monats etwa 27 mal in einem Jahrhundert auf einen Schabbes fällt, ist eine Jahreszahl nicht mehr zu bestimmen.

The plate under the memorial stones in Hebrew and German quotes the first half of a verse from the small book of the Biblical prophet Habakuk (2.11):  – כי אבן מקיר תזעק – for the stone will shout it out from the wall …

Auch der dritte Grabsteinrest der in der Tahara an der Seitenwand angebracht wurde, ist bereits sieben Jahrhunderte alt und gehörte zum Grab von R. Jechiel dem Sohn von R. Jitzchak, der an einem Donnerstag (Tag 5) des Monats Ijar im Jahr 70 (5070) starb, wofür der 1., 8., 15., 22. und 29. des Monats in Frage kämen. Der vor dem erhaltenen Monatsnamen winzige Überrest der Tagesziffer lässt am wahrscheinlichsten auf den 22. schließen. Der 22. Ijar 5070 entspräche im römischen Kalender Donnerstag, den 23. April 1310.

It has been unclear why the medieval tomb stone actually was lying under the table at the unclean floor (which of course does not harm the 700 year old stone), but of course it allowed to take actual measurements from the size of the “stairs”, what in contrary makes it possible to figure out the number of stairs in the 80 meter high towers of the church. 

Der vierte, abseits gelagerte Stein schließlich ist in Bezug auf die Restinschrift am schlechtesten erhalten. Eine Reihe der noch vorhandenen Buchstaben sind teilweise oder fast vollständig abgeblättert, weshalb eine Lesung sich bereits im Bereich des bloßen Rätselratens bewegt. Sicher ist nur, dass es sich um das Grabmal einer Frau (מרת) handelte, der für die Steintreppe der Nürnberger Lorenzkirche zerstört werden musste. Ihre Identität ist leider nicht mehr ermittelbar.

* * *

At the Tahara house in Nuremberg’s „new“ Jewish cemetery, established in 1910 are four medieval Hebrew grave markers, which in 1367 were robbed and abused by the Christian leaders of the St. Lawrence church as steps of a spiral stair which winded around a newel or central pole in the southern, some 90 yards high tower. The four remnants in spring 1970 were given “back” to the current Jewish community. It is not known, however, whether the four memorial stones coincidentally were the only ones, which 600 years earlier were ab-used as stairs in the tower(s) of the church. To suppose it actually would be way unlikely, but since the church is dedicated to a miracle effecting Christian saint, you’ll never know …

Since the head stones were cut as stairs, the inscriptions of the memorials are not preserved entirely. However, in some cases it still is possible to derive some information on it. One marker belonged to Elisabeth the daughter of Rabbi Shlomo. She died in the month of Tamuz in the year 5073, which corresponds with July 1313 in the Roman calendar. The second memorial stones likely is that of Rabbi Abraham son of Rabbi Israel, who died in the month of Shwat. Unfortunately the numbers of the year were cut off by the villains. The third stone belonged to Rabbi Yekhiel son of Rabbi Yitzchak who died most likely on Thursday 22nd of Iyar, which according to Roman calendar is 23rd of April in 1310. The fourth head stone is not exhibited in the Tahara hall, but lies at the floor of a side room. The inscription only in smaller parts is legible, so the only what is safe to say is that it was dedicated to a women.

Mystery: As mysterious as the medieval Hebrew tomb stone in the small side room of the Tahara under the table is, was also the reddish car top in the larger side room which rested on a loveseat sofa. Maybe the combination car-sofa and table-tomb stones have any casual relation.

Although one may say that, used as stairs in the tower of the church, the medieval Jewish tomb stones at least “survived”, it is more likely that without the desecration  it of course was much more likely that the stones would exist today undamaged. What attitude of mind actually requires the defilement of deliberately stolen and damaged tomb stones of other people as foundation.

figure at the face of the Nuremberg church, probably refering to the bell ringers who went up the spiral steps every day

Many thanks to Arno Hamburger and Astrid Schurig from the Jewish community of Nuremberg and to the honorable Mr. Peter Verbata.

בטהרה של בית הקברות היהודי בנירנברג יש 4 עבריים קברו אבנים מימי הבינייםאשר בשנת 1367 נגנבו מבית הקברות

המצבות נחתכו ושימש כמו מדרגות של המגדל הכנסייה סנט לורנס

שש מאות שנה לאחר בשנת 1970 הקהילה הנוצרית נתנה מצבות לקהילה היהודית של נירנברג


Die Judensau im fränkischen Spalt

July 20, 2012

Innenhof Stiftsgasse 10 in Spalt, Franken – Judensau mit Tafel und brauner Tonne (links), Waschbecken (rechts)

Im kleinen fränkischen Städtchen Spalt, zwischen Ansbach, Nürnberg und Treuchtlingen gelegen befindet sich im Hinterhof eines Hauses in der Stiftsgasse 10 die Darstellung einer  sog. „Judensau“.

Eine daneben angebrachte Glastafel sorgt für die nötige Transparenz und erläutert die offenbar 20. Station einer Erinnerung an „1200 Jahre Spalt“ (= 810-2010):

 

“Sogenannte „Judensau“

Wohl aus dem 15. Jahrhundert stammend.

Darstellung eines Juden mit einem Schwein – einem für sie unreinen Tiers.

Ursprünglich an einem ehemaligen Stiftsgebäude angebracht.

Absicht: Die Juden als sogenannte „Gottesmörder“ zu verhöhnen.

Eindeutig ein dunkler Fleck in der Spalter Geschichte.

Stadt Spalt – Heimatverein Spalter Land e.V.“

Eine Datierung dazu gibt es nicht, aber man kann für dieses „Genre“ wohl das späte 14. und frühe 15. Jahrhundert vermuten. Um welches „Stiftsgebäude“ es sich handelte (der frühere Straßenname Herrenstr.  deutet vielleicht auf sog. Chorherren) und wer es dort warum angebracht hat und wie die Darstellung nun in den Hinterhof kam, bleibt zunächst unklar, aber ein Spalt ist begrifflich auch eine Lücke und Lücken gibt es häufiger auch in der Überlieferung.

Zumindest aber erzählt ein Video auf youtube, das in zwei Jahren immerhin schon 81 mal aufgerufen wurde, wie es beinahe hätte sein können:

Na, wenn es so gewesen wäre, gäbe es das Thema nicht …

 

Es ist nicht die erste „Judensau“-Darstellung, die uns begegnet, aber doch regt jede Variante immer auch zum Nachdenken über Sinn und Zweck an. Das Exemplar im fränkischen Ort Spalt zeigt ein Schwein unter dem ein Mensch mit angewinkelten Beinen liegt, fast in der Art wie man es von Automechanikern kennt. Am Kopf befindet sich der eher typisierende als typische Judenhut. Da ahnen wir nun, dass der Judenhutträger doch kein Automachaniker ist und keine Zündkerzen auswechselt, sondern mit den Händen an die Zitzen des Schweins greift und vielleicht auch daran saugt. Man erkennt auch noch angedeutete Überreste weiterer Figuren an den Seiten und von oben. Aber das lässt sich alles nicht mehr sicher bestimmen, da die Skulptur doch bereits etwas verwittert ist… Als Idee hingegen ist es aus zahlreichen anderen Darstellungen durchaus geläufig. Und es ist klar, was gemeint ist. Oder?

Bleibt in Spalt also der Jude, der unterm Schwein liegt und offenbar von den Zitzen der Sau saugt. Die Begleittafel sagt uns, dass die Absicht der Darstellung darin bestünde, die Juden als „Gottesmörder“ zu verhöhnen, doch das erscheint noch weniger logisch als das Bild. Zum einem lässt sich so ein „Gott“ nicht mal eben ermorden wie ein Schwein, zum anderen gibt es nach jüdischem Verständnis, welches kein Eigengewächs ist, sondern der Tradition gemäß eben auf die Tora zurückgeht, nur den EINEN und der kann nicht getötet werden, noch weniger als wie eine Ameise unsere Sonne zum Erlöschen bringt. Wie auch immer hat auch der christliche Vorwurf des „Gottesmordes“ wohl sicher nichts mit dem Abbild der Judensau zu tun, außer der Verfasser der Tafel wollte sagen, dass der Jude hier einen Gott in Schweinegestalt eventuell durch Bisse tötet. Das gäbe dem ganzen zwar einen hand- oder gar bissfesten Bedeutungshintergrund, wäre dann aber wie schon gesagt, doch eher … unklar. Jedenfalls ist sicher abwegig anzudeuten, dass die Juden einen Schweinegott getötet hätten.

Das Schwein ist gemäß den Vorgaben der Tora, wie allgemein bekannt zu sein scheint, in keiner Weise zum Verzehr geeignet. Das trifft natürlich so auch auf Katzen, Hunde, Hasen oder Pferde zu und selbst Löwen und Bären, die sich gerne auf jüdischen Wappen finden. Sie sind nicht koscher und dürfen nicht gegessen werden und … übrigens auch nicht getrunken. Ist das Pferd nicht koscher, so auch nicht die Milch von Pferden. Klare Logik, außer bei Bienen, deren Honig man essen darf.

Nun wirft aber die gerade die Darstellung der Spalter Judensau die Frage auf, was der Jude an der Zitze der Sau wohl zu saugen oder zu fingern hat. Vom bio-logischen Standpunkt müsste es sich um Milch handeln. So ein Käse, mag man meinen. Und in der Tat – Überraschung, Überraschung – nirgendwo, auch nicht in deutschen Landen, wo schon viele Schwein gehabt haben, findet man sie nicht – die Schweinemilch, den Schweinekäse.  Nichts. Da kennt man eher noch das „Mäusemelken“ im … nun ja, im deutschen Volksmund, sprichwörtlich, versteht sich. Aber zum Thema „Judensau“ sollte das doch mal zu denken geben, warum fromme Christen Juden unterstellten, sich ihre Milch vom Schwein zu holen, wo Christen selbst und bis heute Schweinemilch und Schweinekäse völlig unbekannt ist.

source:

http://fa.wikipedia.org/wiki/%D8%AE%D9%88%DA%A9_%D8%A7%D9%87%D9%84%DB%8C

Schweine sind aber ohne Zweifel Säugetiere und Sauen geben Milch. Schweine sind keineswegs kleiner als Schafe oder Ziegen und geben nicht weniger Milch, eher mehr. Warum es trotzdem aber keine Schweinemilch und Produkte daraus im Bioladen oder Supermarkt zu kaufen gibt?

Darüber gibt es verschiedene Vermutungen, die aber alle nicht so recht überzeugen, weil man alles in selber Weise auch in Bezug auf Kühe, Schafe oder Ziegen sagen könnte, etwa das doch die Ferkel die Milch bräuchten, … gerade so, als ob man darauf bei Kühen Rücksicht nehmen würde. Schweinemilch habe einen eigenartigen, fast strengen Geschmack, aber auch einen geringeren Gehalt an Fett und Kasein. Das mag stimmen, bei Menschen, … Ziegen und Kühen ist der Fettanteil etwa bei 4 % und wird von den gewöhnlichen Milchtieren nur von Schafen mit 5-6 % übertroffen. Pferdemilch, die es als, wenn auch seltenes, Produkt immerhin gibt, bringt es nur auf 1.5-2 % Fett. Diese Werte erreicht nun aber auch die Milch vom Schwein.

Bei der großen Menge von Schweinen und ihrem geradezu typischen Verbreitungsgrad überrascht das dann doch. Gesagt wird auch, dass Schweine keine Euter haben (Pferde auch nicht) und sie würden nicht so viel Milch „auf einmal“ produzieren, weshalb man öfter täglich kleine Mengen melken müsste. Richtig überzeugend sind diese Erklärungen nicht, denn irgendein cleverer Mensch hätte längst schon eine effektive Schweinemelkmaschine entwickelt, um die Produktion von Schweinemilch zu beschleunigen und zu vervielfachen, gäbe es denn auch nur den Ansatz einer Nachfrage nach Saumilch oder Schweins-Gouda. Interessanterweise finden sich im Internet dann eher noch Beispiele für Versuche aus Menschenmilch Käse herzustellen, Ekel hin, Ekel her. Dann meinen manche aber auch noch , dass kleine Ferkel zu sehr den Babies von Menschen ähnelten … und dass man deshalb keinen Käse aus ihrer Milch herstellte. Trotzdem nun aber finden wir immer wieder die Darstellung von Juden, die von den Zitzen der Sau trinken wollen.

In the court of a house in small Middle Franconian town of Spalt (the German word means “gap”, but more likely derives from spelt, the corn.  The town also has a famous beer tradition) there is another stone depiction of the meadieval German motif of the “Judensau” (Jews Sow), which was attached on the wall of a church, probably. The stone to some degree has weathered, but it is easy to make out the sow and a man with typical Jewish hat lying under the animal and obviously sucking from the teats of the sow.

Next to the depiction is an information board which says that the aim of the “Judensau” was to mock the Jews as “deicider”, what of course only would make sense if the sow was a god and the Jew bites it to death or something.

However, another puzzling question is why Jews were depicted as sucking from the teats of sow – and what actually … milk as we may assume – … however not even Christians at any time have developed products of sow or pigs milk and thus there is also no pig cheese. There are a number of rather clumsy explanations (to complicated, to little fat content, and so on) why there is none, but of course we may expect that whenever there would have been the least demand for hog milk or cheese, etc., they would have invented machinery, proceedings to make it … big. Sure.

Jews sow of Middle Franconian townlet of Spalt

ואבקש מהם איש גדר־גדר ועמד בפרץ לפני בעד הארץ לבלתי שחתה ולא מצאתי

22.30 יחזקאל


Rabbi Josel von Rosheim und das Europa unserer Zeit

June 21, 2012

In Speyer wird im Alten Stadtsaal seit Anfang des Monats eine Ausstellung gezeigt, die den „Josel von Rosheim“ genannten jüdischen Gelehrten (R. Josef ben Gerschon) aus dem Elsass thematisiert, der wegen seiner Auftritte auf Reichstagen (so 1530 in Augsburg) auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung Berücksichtigung fand, wenngleich natürlich nur in Fußnoten. 

Der Titel der Ausstellung, die auch anderorts gezeigt werden soll lautet (etwas eigenartig):

“Josel von Rosheim (1478 bis 1554) zwischen dem Einzigartigen und Universellen. 

Ein engagierter Jude im Europa seiner Zeit und im Europa unserer Zeit”

Josel Rosheim Ausstellung

http://www.personengeschichte.de/fileadmin/user_upload/pdfs/Josel-von-Rosheim.pdf

Im Text der Broschüre heißt es:


Josel ben Gerschon von Rosheim (1478-1554) ist eine herausragende jüdische Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts. Er unterhielt enge Verbindungen zu Kaiser Karl V., die er nutzte, um die Rechtsstellung und Sicherheit der Juden im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ in einer Zeit des Umbruchs zu schützen. Die Reformation, die seit 1517 das Reich religiös spaltete, führte zu tiefgreifenden Veränderungen, die sich zum Teil in gewalttätigen Übergriffen äußerten. In dieser Zeit wurden jüdische Gemeinden des Reiches häufig in die Position eines Sündenbocks gedrängt.

Als SCHTADTLAN (Fürsprecher) erreichte Josel von Rosheim reichsweit anerkannte Position sowohl bei den jüdischen Gemeinden des Reiches als auch bei den christlichen Landesregierungen, durch die er längerfristig eine stabilere Rechtsstellung jüdischer Gemeinden unter christlichen Herren durchsetzen konnte. Mit persönlichem Engagement verhinderte Josel vielfach religiös und wirtschaftlich motivierte Austreibungsversuche lokaler Obrigkeiten.

Die Sonderausstellung „Josel von Rosheim (1478-1554) zwischen Einzigartigem und Universellen“ widmet sich Leben und Wirken dieses besonderen Menschen, der auch am damals in Speyer ansässigen Reichskammergericht für die Belange der jüdischen Gemeinde wirkte.

Es werden Rahmeninformationen zu den wichtigsten politischen Ereignissen des konfessionellen Zeitalters gegeben sowie die Person des Josels und sein Wirken vorgestellt. Sein politischer und geistiger Nachlass wird in die Umstände der Zeit eingebunden. In einem Ausblick werden Parallelen zu heute aufgeworfen, die zu eienr weiteren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen anregen.

Die Ausstellung wurde von einem Team aus französischen und deutschen Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Freddy Raphael (Straßburg) und Dr. Werner Transier (Historisches Museum der Pfalz) erarbeitet. In Frankreich wurde sie bereits in Rosheim gezeigt und ist ab Mai 2012 in Straßburg zu sehen; erste Station war vor kurzem Erfurt gewesen.

Der letzte Teil des Titels verdeutlicht bereits, dass die Veranstaltung eher zeitgenössischen Interessen dient, dem „Europa unserer Zeit“. Jenes Europa also, welches in politischen Gremien darüber beraten will, künftig „Produkte“ jüdischer „Siedler“ (in dieser Kombination erscheint das sonst ganz zu recht völlig harmlose, ja positiv besetzte Wort als ein Art Synonym zu Extremist, wenn nicht schlimmer …) zu boykottieren, oder wenigstens zu kennzeichnen, womöglich mit einem gelben Ring oder einen Stern? Was hat dies Josel von Rosheim zu tun? Biographisch nichts, und dann doch wieder. Wenn man sich Josel am Reichstag in Augsburg vorstellt, „zur Zeit der Reformation“ wie Christen das übertiteln, als Fürsprecher für die Juden und jüdischen Gemeinden, dann könnte man ihn sich auch vorstellen als Besucher im Europarlament, bei der EU-Ratskommission und er verteidigt die Standpunkte und Haltungen der „Siedler“, die zunächst mal nichts anderes tun, als friedlich im historischen jüdischen Stammland zu leben.“

Burggrafenturm AugsburgBurggrafenturm (1507) in Augsburg

Da Rabbi Joselman als „Fürsprecher“ der Juden und jüdischen Gemeinden im „Reich“ und auf Reichstagen „auftrat“ ist er auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung erfasst, jedoch selbstverständlich eher als Randfigur einer Epoche, die dort ansonsten als jene der „Reformation“ um Martin Luther verstanden wird. Mit dem Juden-Hass Luthers musste sich auch Rabbi Josef befassen. Seine Hass-Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gewissermaßen den besonderen deutschen Judenhass begründete. Darin forderte er u.a. auf, Synagogen zu verbrennen, ihren Wohnbesitz und Broterwerb zu rauben, ihre Literatur zu vernichten, jüdischen Unterricht zu verbieten und die Juden zur Sklavenarbeit zu zwingen. In der Summe ist das schon recht nahe an dem dran, was man ab der „Kristallnacht“ mit dem Hitler-Regime verbindet – und natürlich haben sich „die Nazis“ auch auf den „Reformator“ berufen. Luther wie auch seine Anhänger versuchten explizit mit antijüdischer Manipulation zu „punkten“, sprich das einfache „deutsche Volk“ auf seine Seite zu ziehen. Die tatsächliche „Fremdherrschaft“ der Römer und ihrer Kirche wurde um eine fiktive Herrschaft der Juden erweitert, die gleichermaßen Ausbeuter gewesen sein sollen. 1525 konnte er die Führer des Bauernaufstands (מרד האיכרים) im Elsass (אלזס) dazu bewegen, den Aufrufen christlicher Hass-Prediger zu widerstehen und nicht die Juden als Adresse ihres berechtigten Zorns ins Visier zu nehmen. Er trat auf als Anwalt gegen Bücherverbrennungen, bei Anschuldigungen von Ritualmorden und ähnlichem … gefährlichen Unfug. Seinen persönlichen Mut stellte er 1520 auch durch eine Reise nach Spanien, von wo „die Juden“ ja erst wenige Jahrzehnte „vollständig“ vertrieben worden waren (sein sollten), um bei Karl vorzusprechen, der bald darauf in Aachen zum Kaiser gekrönt wurde. Rabbi Josef erreichte für die Juden ein Abkommen mit dem Kaiser, das 1530 in Augsburg erneuert wurde. Dort erreichte er auch, dass der getaufte Spätkaräer Antonius Margaritha, dessen „Der gantzer jüdischer Glaub“ das rabbinische Judentum in Verruf bringen wollte, gebannt wurde. In Augsburg musste Rabbi Josef sich und „die Juden“ auch vor dem abwegigen Vorwurf verteidigen, dass sie, „die Juden“ den Abfall der Luther-Anhänger vom „rechten christlichen Glauben“ bewirkt hätten. Das gelang zwar, doch zugleich ergibt sich daraus, dass die beiden rivalisierenden Gruppen (sagen wir: römische und deutsche Christen) durchaus bereit waren, „die Juden“ für ihre Zwecke bereitwillig zu opfern und als Feindbild den Konkurrenten unterzuschieben.  

Rabbi Josel Rosheim

Heute, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler ist das alles natürlich etwas anders und zeitgenössische Gelehrte sind sichtbar bemüht, auch jüdische Randfiguren ihrer Geschichte einzubinden oder wie immer man dies nennen will. Anyway, Josel von Rosheim und das zeitgenössische talmudische Judentum das er ausgesprochen mutig vertrat, von dem man außer Schlagworten weder was wissen, noch lernen will, sind kaum das wesentliche Interesse der Ausstellung, Vor- und Darstellung, sondern wie bereits der Schluss des Titels eingibt, das „Europa unserer Zeit“.

Warum? Die Wort Martin Walser aus dessen Kontext gerissen (Anmerkung: Und warum sollte es ihm besser gehen als Rabbi Josef ..?) kann man vermuten, es geht um „die Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken“. Welche sind das nun aber im „Europa unserer Zeit“.

Zwar werden europäische Politiker nicht müde, zu wiederholen, dass sie es als wichtiges Anliegen sehen, Antisemitismus zu bekämpfen und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dem auch wirklich so ist. Würde also jemand sich einen Anstecker an die Jacke hängen, auf welchem „Antisemit“ steht, würden Europäer – und in ganz besonderer Verantwortung natürlich gerade auch Deutsche – dem Betreffenden einen weiteren Button mit der Aufschrift „Verboten!“ dazu heften. Freilich nur, wenn der erste Aufruf auf Deutsch und nicht auf Arabisch, Persisch oder Türkisch notiert wurde. Auch sog. „Holocaust-Leugnung“ ist nur in deutscher Sprache strafbar. Der Kampf gegen „Antisemitismus“ geht nun aber immer häufiger einher mit einer Agitation gegen Israel. Beispielsweise versuchen politische Interessensgruppen derzeit einen Boykott von Waren jüdischer „Siedler“ zu bewerkstelligen. Demnach sollen Waren oder Früchte, die von Juden stammen die als „Siedler“ im biblischen Stammland Judäa (jehuda) wohnen speziell gekennzeichnet – oder am besten ganz boykottiert werden. Bislang werden sie wie andere Waren auch als israelische eingeführt. Nun also sollen sie gekennzeichnet werden. Vielleicht wie in der Zeit von Josel von Rosheim mit einem gelben Ring ..?

Das selbe alte Lied also? Kann sein. Wie schade, ja, jammerschade, dass Abraham Goldfarbs jiddisch-sprachige Operette „Rabbi Joselman“ (aus dem Jahr 1892)  nicht überlebt hat, sonst könnten wir die neuen Strophen wenigstens nach einer alten Melodie mitsingen. So aber gilt es im „Europa unserer Zeit“ immer aufzupassen, ob die vorne gezeigte „Judenfreundschaft“ nicht zwangsläufig eine hinterrücks verborgene Agitation gegen den „Judenstaat“ maskiert.

Sprach Joselvon Rosheim 1530 am Reichstag von Augsburg für die Interessen der Juden, deren Synagogen und Häuser und Broterwerb in Abrede gestellt werden sollten, so müsste er heute das Europa-Parlament oder die “edlen” EU-Kommisare aufsuchen, um sie davon abzuhalten, Dekrete gegen die Juden in Judeäa und Samaria zu beschließen, die deren friedliches Auskommen und Leben gefährden.

Die Frage aber ist, ob man im “Europa unserer Zeit” überhaupt lernfähig ist, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler. Oder ist es nicht doch so wie der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt es sagte: “Auschwitz würden die Deutschen als Fehler ganz gewiss nicht wiederholen, andere Fehler durchaus.”

Wiesel Haus AugsburgWiesel-Haus im Augsburger Dom-Viertel


Über den Wucher jüdischer und christlicher Geldverleiher

June 20, 2012

 

März 2017: Ausführlicher beschrieben im Buch:

Yehuda Shenef

Humor, Wucher, Weltverschwörung: Die geläufigsten Vorurteile gegenüber Juden und was es mit diesen auf sich hat 

ISBN: 978-374-3181-205

Taschenbuch: 260 Seiten

13 Euro

 

 

Eines der gängigsten Stereotype über mittelalterliche Juden ist jenes über Geldverleiher, das anders als in  früheren Zeiten von modernen Autoren durchaus mit einer gewissen Nachsicht beurteilt wird.

Vorausgesetzt wird dabei aber wie auch immer die Annahme, dass zwei gesellschaftliche Faktoren sich mehr oder minder passgenau ergänzten: Christen war es demnach verboten, gegen Zins Geld zu verleihen, während Juden außer dem Geldverleih keine anderen Berufe ausüben durften. Daraus folgt, dass grob geschätzt die meisten Juden als Geldverleiher tätig waren. Da dieses Gewerbe vor allem in der damaligen Zeit nun aber auch sehr risikoreich war, waren sie gezwungen teilweise sehr hohe Zinsen zu verlangen, was sodann auch den schlechten Ruf des Wuchers begründete. Mangels anderer Möglichkeiten waren die Juden zum einen also genötigt, mittels Geldverleih ihr Brot zu erwerben und zum anderen dabei „Wucherzinsen“ zu fordern. Da sie sich in einer solchen, eher ausweglosen Situation befanden, ist ihr Wucher, der früher den Hass auf sie begründete, heute aber doch mit Nachsicht und Verständnis zu beurteilen. So zumindest lautet das noch immer gängige Klischee, welches auch in seiner scheinbar verständnisvollen Umdeutung das Musterbeispiel eines Vorurteils und des zeitgenössischen Umgangs damit ist. Da auch die positiv gedachte Rechtfertigung – gewollt oder nicht – den Sachverhalt als solchen scheinbar „objektiv“ bestätigt, steht das „Urteil“ noch fester und wird entsprechend noch weniger auf seine reale Bewandtnis hinterfragt.

Für eine kritische Erörterung stehen folgende Sachfragen zur Diskussion:

1. Waren alle Juden Geldverleiher?

2. Tätigten die Juden andere Geschäfte als Christen?

3. Verlangten jüdische Geldverleiher verhältnismäßig hohe Zinsen?

4. War es Christen verboten mit Gewinn Geld zu verleihen?

Kurz gefasst kann man all diese Fragen mit Nein beantworten.

* * *

 

1. Wie typisch waren jüdische Geldverleiher?

Ohne Zweifel gab es im Mittelalter jüdische Geldverleiher und wenigstens prozentual wohl mehr als christliche, jedoch findet man effektiv nur wenige Juden, die diesem Gewerbe tatsächlich nachgingen. Im mittelalterlichen Augsburg, neben Köln und Nürnberg das wichtigste Handelszentrum im Reich, wo Juden eine bedeutende Stellung innehatten, treten kaum fünf Prozent der jüdischen Steuerzahler als Geldverleiher in Erscheinung. Von diesen wiederum betätigt sich Mehrzahl als Pfandleiher mit eher geringen Beträgen. Andererseits gab es dann aber doch einige wenige Juden, die aus der Gemeinde herausragten und Bischöfen, Fürsten und auch Königen mitunter stattliche Summen leihen konnten. Bei dreißig bis vierzig jüdischen Steuerzahlern in der Stadt waren dies im Laufe der Zeit meist nur einer oder zwei, seltener mal drei. 1314 etwa liehen die Gemeindevorstände Jüdlin und Lämlin dem damaligen Wittelsbacher Herzog Ludwig und späteren Kaiser Ludwig IV. zu jener Zeit recht üppige 3600 Pfund Pfennige Augsburger Währung, damit er sich als Kandidat der Luxemburger für das Amt des römisch-deutschen Königs bewerben konnte, wofür sie von ihm seine Residenz München als Pfand erhielten, theoretisch. Obwohl dies zweifellos schon ein sehr bedeutendes Unternehmen war, ist es, wie auch immer kaum vergleichbar, mit den weit umfangreicheren Geldgeschäften christlicher Geldleiher wie der Medici oder Fugger, um nur zwei allgemein bekannte christliche Finanz-Dynastien zu nennen, deren Geschäfte auch die ansehnlichsten jüdischen um ein Zigfaches überstiegen. Ebenso gut könnte man die Geschäftsabschlüsse eines städtischen Pfandhauses mit denen internationaler Großbanken vergleichen wollen. Erst im 19. Jahrhundert gelang es jüdischen Bankiers wie den Rothschilds, Oppenheim oder Warburg, wenigstens zeitweilig in vergleichbare Höhen vorzustoßen. Christliche Familien wie die Medici oder Fugger betrieben Geldgeschäfte im größten Stil. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür sind auch die zweifellos christlichen Augsburger Geldhändler Welser, die zunächst im Silberbergbau reich wurden und bald mit Barchent, Gewürzen, Baumwolle und Menschen handelten und gemeinsam mit ihren Nürnberger Verwandten und den Augsburger Fuggern 1536 versuchten, das Gebiet des heutigen Peru zu erobern, wobei ihnen jedoch die Spanier zuvor kamen. Von 1519 bis 1550 kontrollierten die Augsburger Welsern bereits die spanische Überseeprovinz im südamerikanischen Venezuela. Gegen  eine „Gebühr“ von 20.000 Gulden an den Kaiser durften die Augsburger Patrizier tausende afrikanische „Negersklaven“ über den Ozean verschiffen, um Gold, Edelhölzer, Perlen und seltene Pflanzen zu sammeln. Das Unternehmen kam mit dem gewaltsamen Tod von Bartholomäus Welser (1512-1546), dessen Vater der Hofagent von Kaiser Karl V. wie auch des französischen Königs Franz I. war,  zum Erliegen. Der Sohn nun führte als Hauptmann eine Expedition auf der Suche nach dem legendären Goldland „El Dorado“ ins Landesinnere, wo er dann von einem Rivalen ermordet wurde.

Die Mehrzahl der Juden hatte mit dem Geldhandel nichts oder nur am Rande zu tun. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass die damaligen Großstädte des Reiches aus heutiger Sicht keine solchen waren. Die bevölkerungsreichste Stadt im spätmittelalterlichen Europa war Paris mit 100.000 Einwohnern, was heute Gütersloh oder Salzgitter entsprechen würde, gefolgt von London und Mailand mit etwa 80.000 Einwohnern, vergleichbar mit dem heutigen Castrop-Rauxel, das noch um das Jahr 1700 noch ein Dorf von 300 Einwohnern war. Während im mittelalterlichen Florenz oder in Prag 50.000 Menschen lebten, hatte die mit Abstand bevölkerungsreichste deutsche Stadt Köln nur etwa 40.000 Einwohner, so wie heute Buxtehude oder Mettmann. Es folgten die „Metropolen“ Augsburg, Nürnberg, Straßburg, Lübeck und Ulm mit jeweils etwa 20-30.000 Einwohnern, so wie seinerzeit Brüssel, oder heute Sprockhövel im Ennepe-Ruhr-Kreis, einer Wiege des Ruhr-Bergbaus, während Städte wie Frankfurt am Main, Wien, Regensburg, Braunschweig, Bremen, Magdeburg, München, Erfurt, Hamburg oder Trier nur auf etwas mehr als 10-15.000 Einwohner kamen und heute von Orten wie Schrobenhausen, Schwetzingen oder Zülprich im Kreis Euskirchen übertroffen würden. Die weitaus meisten Städte waren jedoch recht kleine Ansiedlungen mit kaum mehr als 2 oder 3.000 Einwohnern. Der Bedarf an Investitionen dort war entsprechend bescheiden und richtete sich eher nach den Bedürfnissen regionaler Fürsten und deren Bündnisstrategien. Andererseits war auch der Finanzmarkt in den genannten „Großstädten“ recht überschaubar. Heute gängige Motive zur Aufnahme von privaten Krediten, wie die Anschaffung eines neuen Autos oder einer Wohnungseinrichtung, eine exklusive Urlaubsreise und dergleichen existierten nicht, auch wurden keine Altenheime, öffentlichen Schwimmbäder, Schulen, Sportplätze oder Jugendzentren gebaut, allenfalls Kirchen. Wer Geld brauchte, benötigte es meist um einen zeitlich begrenzten Engpass zu überbrücken. Abgesehen von einigen Fürsten oder Klerikern wäre kaum jemand in die Verlegenheit gekommen, über seinen Verhältnissen zu leben. Wer arm war, bettelte um Almosen, nicht um Darlehen.

Die Zahl der Juden bewegte sich meist in der Größenordnung von 1 – 3 % der Gesamtbevölkerung, selten darüber. Eine Stadt mit 10.000 Einwohnern hatte rechnerisch also etwa 150 Juden, die mit Frauen, Kindern, Alten und Bediensteten, wie Mägde, Stallknechte, Hauslehrer, usw. auf etwa 10 Familien, sprich Haushalte oder Steuerzahler kamen. Anders als oft vermutet, verfügten die Juden einer Gemeinde durchaus über eine ganze Reihe von Berufen, angefangen von koscheren Metzgern und Bäckern, über Gerber (für Gebetsriemen, Torarollen, etc.), Weber (Gebetschal, etc.), Richter, Rabbiner, Schul- und Hauslehrer, Wäscherinnen, Schreiber, Steinmetze, Vorbeter, Schmiede, Händler, Bader, Beschneider, Ärzte, etc. ,aber auch Helfer in der Synagoge und Gemeinde wie Garköche, Schulklopfer (die vor Schabbat oder Festtagen an die Türen klopften, um zum Gottesdienst zu rufen), Totengräber oder weitere Hilfslehrer, falls es vor Ort neben der Betstube vielleicht auch eine Jeschiwa (Schul) gab. Belegt sind an manchen Orten ferner auch jüdische Bierbrauer, Papierhersteller, Apotheker, Fischer, Flößer, Gastwirte und dergleichen mehr. Da mit dem Aufkommen der Zünfte in den Städten, Juden von diesen vom öffentlichen Markt ausgegrenzt werden sollten, ergibt sich von selbst, dass sie bis dato in vielen Handwerkberufen tätig waren. Das waren sie natürlich auch weiterhin, erhielten in der Regel aber kaum noch Aufträge aus den Städten, sondern eher aus dem Umland, das den städtischen Zunftordnungen nicht unterworfen war. Im 15. Jahrhundert führte dies auch zur verstärkten Abwanderung reichsstädtischer Juden in auswärtige, oft benachbarte Dörfer. Man kann sich also leicht ausmalen, dass bei der Fülle von unabdingbaren Aufgaben zur Aufrechterhaltung einer jüdischen Gemeinschaft die meisten ihrer Angehörigen in den verschiedenen Gewerben tätig sein mussten. Nur wenige waren deshalb dazu in der Lage, neben ihren Berufen kleine Pfandgeschäfte zu betreiben, in welchen man recht kurzfristig gegen ein abgegebenes Pfand kleine Beträge verlieh. Dazu bedurfte es auch einen gewissen administrativen Aufwand, zudem auch nicht jeder im Stande war. Verträge mussten aufgesetzt und unter der Teilnahme von Zeugen, in der Regel sowohl Juden als auch Christen, unterschrieben werden. Pfandgeschäfte unterlagen der städtischen Aufsicht, die dafür mehr oder minder feste Regelungen kannten und diese von Beamten kontrollieren ließ. Meist wurde das Pfand nach ein paar Tagen gegen eine kleine Gebühr auch wieder ausgelöst. Es ergibt sich von selbst, dass ein nennenswerter, bedeutender Geldhändler die große Ausnahme sein musste und sehr sicher im Bereich eines Bischofs oder Vogtes, etc. angesiedelt war, für deren Finanzbedarf sich der Geldleiher in der Regel erst selbst von anderen Geld leihen musste. So wie es nicht zwei Bischöfe an einem Ort gab, gab es dann auch selten mehr als einen oder zwei bedeutende Geldhändler. Obwohl es unter den vermögenden Geldverleihern kaum innerjüdische Konkurrenz gab, waren sie verständlicher Weise doch sehr auf ihren guten Ruf bedacht. Insbesondere unter den weniger vermögenden Verleihern und Pfandnehmern bestand für den Kapitalsuchenden dann doch eine gewisse Auswahlmöglichkeit. Wer mit dem Angebot des einen Pfandleihers nicht zufrieden war, konnte zum nächsten gehen.

Auch wenn die Wahrnehmung geprägt ist durch das verbreitete Klischee des „Wuchers“, welches ursprünglich nur das deutsche Wort für das vom lateinischen census (= Abschätzung) abgeleitete Zins war (vergleiche die Redensart: „Ein Pfund mit dem man wuchern kann“ – gemeint ist das „Pfund“ als Währung) und den Eindruck erweckt, als wären Beschwerden oder gar Empörung über jüdische Geldverleiher üblich gewesen oder gar Standard, war dies keineswegs der Fall. Die weitaus meisten der Geschäfte waren ganz offensichtlich zur allseitigen Zufriedenheit verlaufen, weshalb sich nur wenige gegenseitige Beanstandungen in den Urkunden finden. Im Gegensatz dazu sind vergleichsweise wenige Urkunden über Rechtstreitigkeiten erhalten geblieben, demgemäß sich ein städtisches Gericht nur alle Monate oder Jahre mal mit einem Fall beschäftigen musste, in welchem ein säumiger Schuldner nicht zahlen konnte oder wegen zu hoher Rückforderungen einen Vergleich anstrebte, usw. Ihre Bedeutung wird wohl vor allem deshalb überschätzt, weil es für die übergroße Anzahl der reibungslos verlaufenden Geschäfte kaum entsprechende Aufzeichnungen gibt.

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2. Tätigten Juden andere Geschäfte als Christen?

Das hochmittelalterliche Geld- und Bankwesen basierte auf dem antiken römischen und übernahm von diesem eine Anzahl verschiedener Institutionen. An oberster Stelle stand der Landesherr und mit ihm der Inhaber des „Münz-Regals“, also dem offiziellem Recht (= regal) Münzen zu prägen und in Umlauf zu bringen. Da dies eine ernsthafte Angelegenheit war (und auch heute noch lukrativ ist), wurde das Delikt der Münzfälschung in aller Regel mit dem Tode bestraft. Im antiken Rom entsprach der Argentarius, (abgeleitet von argentum = Geld, Silber, da die am meisten verbreitete Münze, der Denar aus Silber geprägt wurde), der in seinem Geschäftshaus das Geld seiner Klienten aufbewahrte und Auktionen von Erbgütern oder nicht ausgelöster Pfänder organisierte fast einen Bankier im modernen Sinne. Darüber hinaus wurden bei ihm Münzen auf ihre Echtheit geprüft und fremde Währungen getauscht. Für den Argentarius arbeitete in der Regel ein Coactor (wörtlich: „Antreiber“), bzw. Abkassierer, der bei Auktionen oder Außenständen, das Geld des Käufers oder Schuldners abkassierte und dabei in der Regel dessen Haus aufsuchte, etwas vergleichbar mit einem Gerichtsvollzieher oder Inkassodienst. Als Angestellter verlieh er in der Regel kein eigenes Geld, bekam für seine Tätigkeit aber eine Provision, bzw. Gewinnbeteiligung. Da diese im Misserfolg ausbleiben konnte, wurde den Abkassierern eine gewisse Nachhaltigkeit und Penetranz, mancherorts auch rüdere Methoden nachgesagt. Im Rang unter ihm stand der „Nummeralius“, dessen Name sich vom lateinischen nummulus, dem Klein- oder Wechselgeld ableitet. Im Mittelalter hießen sie „campsores“ oder nach ihrem Wechseltisch (banco) „banchieri“. Ihre Aufgabe bestand darin, meist in den Diensten eines Fürsten oder Argentarius Münzen auf ihre Echtheit, Metall, Gewicht, Prägungszeichen, usw. zu prüfen, alte Münzen gegen neue und fremde Währungen einzutauschen. Im Volksmund bürgerte sich für sie ab dem 13. Jahrhundert auch der Begriff des „Lamparter“ ein, was sich auf die Lombardei im Nordwesten Italiens bezog. Bei den Römern übernahmen oft freigelassene Sklaven diesen Job, da sie in der Regel fremde Währungen kannten, lesen und einschätzen konnten. Wurden ihnen falsche Münzen angedreht, hatten sie für den Schaden aufzukommen. Ein Fall zurzeit als Kaiser Galba noch Statthalter war, berichtet davon, dass er verfügte, einem Prüfer, der sich als Münzfälscher erwiesen haben soll, die Hände abzuhacken. Gemäß dem Evangelion nach Matthäus kommt es bei den Wechselstuben vor dem jüdischen Heiligtum in Jerusalem, an deren Stelle sich heute die muslimische Al Aqsa-Moschee (‏المسجد الأقصى‎) befindet, zur Auseinandersetzung zwischen dem Protagonisten Jesus und den dort tätigen Geldwechslern (κολλυβιστῶν), wobei er deren Tische (τραπέζας) umstieß, die in der lateinischen Übersetzung der „Vulgata“ als „mensas nummulariorum“ bezeichnet werden. Aus den Reihen der Prüfer konnte man an Orten mit Münzprägung in verantwortungsvolle Positionen und zum Aufstieg in bedeutende Ämter gelangen. Schließlich gab es noch sog. Fänatoren (faenator), die darauf spezialisiert waren, Kredite zu vermitteln und im kleineren Rahmen auch selbst zu gewähren. In der Regel waren es kurzfristige Pfandgeschäfte, bei denen Geld gegen hohe Zinsen verliehen wurde. Wurden größere Summen benötigt, traten sie als Vermittler zwischen Geldnehmer und -geber auf. Der Name leitet sich ab vom lateinischen Wort fenus für Gewinn, Zugewinn, Zuwachs, Vorteil. Wie bereits erwähnt war das ursprüngliche deutsche Wort dafür Wucher, weshalb „Wucherer“ zunächst ganz wertfrei nichts anderes war als die Übersetzung des gängigen lateinischen Begriffs ins Deutsche. Heute spricht man heute von Provision oder einer Courtage, etc.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Albrecht_D%C3%BCrer_080.jpg&filetimestamp=20071116215136

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3. Verlangten jüdische Geldverleiher verhältnismäßig hohe Zinsen?

In der Diskussion um jüdischen „Wucher“ (= Zins) wurde immer wieder betont, dass teilweise exorbitant hohe Zinsen („Wucher“) erhoben wurden, ja rechtfertigend gesagt, erhoben werden mussten, weil das Ausfallrisiko der jüdischen Geldgeber, von denen ja auch immer wieder mal welche von ihren säumigen Kunden erschlagen oder angezündet worden seien, eben recht „hoch“ war. Obwohl Wucher an für sich nur der deutsche Begriff für das lateinische Zins ist, gibt es in der deutschen Sprache heute Zinswucher und Wucherzins, wobei keines von beiden Zinseszins bedeutet (den müsste man wohl Wucherswucher übersetzen). Berechnungen zeigen, dass jüdischen Geldleiher oft 50% an Wucher, bzw. Zins verlangen durften. Manchmal auch mehr, weshalb auch 60, 70 oder mitunter 85 % oder vereinzelt noch weit mehr nachweisbar ist.

Als ein Beispiel dafür nehmen wir städtische Bestimmungen aus Ingolstadt, wo im frühen 14. Jahrhundert den örtlichen jüdischen Geldverleihern seitens der Stadträte gestattet wurde, auf ein Pfund Pfennige pro Woche 2 Pfennige Wucher (also Zins) zu nehmen, von auswärtigen Schuldnern gar drei Pfennige pro Woche. Ein Pfund Pfennige oder kurz Pfund entsprach einem Gulden (fl.) oder in anderen Gebieten auch der Mark und unterteilte sich bei zahlreichen regionalen Abweichungen in 20 Schilling oder 240 Pfennige (anderswo in entsprechend viele Heller). Zwei von 240 Pfennigen entsprechen dem 120. Teil in einer Woche (0.8 %). Auf ein ganzes Jahr berechnet würde dies einem jährlichen Zinssatz von über 40 % für einheimische Ingolstädter Kreditnehmer  (bzw. 65 % bei Auswärtigen) entsprechen. Im Augsburger Stadtbuch, dem Stadtrecht von 1276 heißt es, dass kein Jude von einem halben Pfund Pfennige mehr Nutzen nehmen soll, als zur Woche zwei Pfennige und von Sechzig einen. Da ein halbes Pfund Pfennige 120 Pfennig entsprach, betrug der erlaubte Nutzen (= Zins, bzw. Wucher) 2, also ein Sechzigstel. Das entspricht einem wöchentlichen Zinssatz von 1,7 %, oder aufs Jahr berechnet 86 %.

Es dürfte jedem klar sein, dass heutzutage ein Bankkredit viel billiger zu haben ist, zumal man im Internet auch noch diverse Anbieter vergleichen und je nachdem schon Angebote um 5 bis 8 % an Jahreszins finden kann. Das ist immer auch abhängig von der Darlehenssumme, der Risikobewertung des Kunden und auch von der Laufzeit des Vertrags. Der effektive Jahreszins fällt in der Regel nochmal etwas höher aus, oft kommen aber noch weitere Kosten wie eine eventuell aufgeschwatzte Unfall- und/oder Kreditversicherungen und Gebühren hinzu. Doch selbst wenn man ein Darlehen über 25.000 Euro in fünf Jahren mit rund 30.000 abbezahlt hat, betragen die Mehrkosten von 5.000 Euro sodann etwa 20 % der aufgenommenen Kreditsumme. Kann man den Kredit bereits in einem Jahr zurückbezahlen, was monatliche Raten von etwa 2.100 Euro zur Folge hätte, beläuft sich die Gesamtsumme nur auf etwa 500 bis 1000 Euro, was real 2 – 4 % entsprechen würde. Hier fragt man sich aber, wozu man 25.000 Euro Kredit bräuchte, wenn man 2.000 im Monat als Rückzahlung entbehren kann. Wohl für eine Anschaffung oder Investition, die man in dieser Höhe nicht auf einmal bezahlen kann. Verlängert man die Rückzahlung unserer 25.000 Euro auf zehn Jahre (120 Monate), beträgt die monatliche Rate etwa 275-300 Euro, während sich die gesamte Summe der Rückzahlung nun aber auf etwa 36.000 Euro beläuft. Jene 11.000 Euro zusätzlich zur entliehenen Summe ergeben real 44 %. Dies liegt nun bereits oberhalb des Limits, das jüdischen Geldverleihern vor siebenhundert Jahren in Ingolstadt erlaubt worden war, obwohl es sich hierbei eher um günstige Angebote seitens entsprechender Vergleichsportale im Internet handelt.

Wie dem auch sei, ist der Bankkredit – schon mangels etablierter Banken im heutigen Sinne – trotzdem nicht der passende Vergleich zu einem mittelalterlichen Geldgeschäft. Bei diesen handelte es sich sehr selten um lang- sondern meist nur um sehr kurzfristige Ausleihen, auf der Basis schneller Termingeschäfte und fremden Risikokapitals, nicht selten zur Finanzierung von Festlichkeiten, wie einer Hochzeit, Reisekapital für ein auswärtiges Geschäft oder zur Ausstattung eines Soldaten, der zur Ehre der Familie oder des Ortes in das Heer eines Fürsten oder Königs berufen wurde, dabei aber seine Ausrüstung (Pferde, Knappen, Waffen, Rüstung, Proviant, etc.) etc. selbst bezahlen musste. Sollte die Heirat glücken, das Geschäft gelingen oder der Kriegszug Beute bringen, war es ein Leichtes, den genommenen Kredit nebst dem vertraglich geregelten Wucher wie vereinbart zurückzubezahlen.

In aller Regel wurde also nur kurzfristig geliehen und wer sich nun als Ingolstädter also 240 Pfennige für ein, zwei Wochen lieh (nicht selten mit einem Pfand als Sicherheit), gab dann fristgerecht eben 242 oder 244 zurück, usw. Der Leiher unternahm zwischenzeitlich auch Geschäfte und machte meist über den Ankauf und Verkauf von Waren einen Profit, den er ohne das Risikokapital nicht hätte tätigen können. Der passende Vergleich wäre heute also ganz sicher nicht der Bankkredit, sondern (noch immer) die Pfandleihe.

Aktuelle Internetseiten deutscher Pfandhäuser geben detailliert Aufschluss über die von ihnen erhobenen Gebühren. An Kosten für den Pfandkredit entstehen in der Regel 1 % der Auszahlsumme pro Monat, sowie 2 % Unkostenvergütung pro Monat, macht zusammen also 3 % pro Monat auf den für das abgegebene Pfand ausgeliehenen Betrag. Rechnet man dies aufs Jahr, ergeben sich auch da 36 % Jahreszins, bzw. „Jahreswucher“. Da es sich hier auch wieder um ein eher günstiges Beispiel handelt und einige Anbieter weit höhere Gebühren (das Wort Zins wird – wie bei Banken – allgemein gerne vermieden) verlangen, gibt das Stadtamt Bremen bei Pfandleihen „auf das Jahr umgerechnet“ eine Größenordnung von 25 – 100 % an. Anhand dieser ganz aktuellen Pfandleihe-Beispiele aus Deutschland, stellt man fest, dass die mittelalterlichen jüdischen Pfandleiher, wie etwa jene aus Ingolstadt, auch heute noch eher am unterem Ende der Preisskala liegen würden, obwohl die rechtliche Absicherung für die heutigen, öfter auch städtischen Geldleiher eine ungleich bessere wäre und niemand droht sie zu erschlagen oder gar mitsamt ihren Kindern, Häusern und Kirchen anzuzünden.

Zusätzlich zum ursprünglichen Pfandgeschäft kann man heute bei Zahlungsschwierigkeiten aber auch noch Teilbeträge zurückzahlen und die Restsumme als neue Pfandleihe berechnen, womit man wieder etwas Zeit gewinnt. Jedoch verschleppen sich die Kosten, die damit natürlich insgesamt noch weiter steigen. Erfolgt in sechs Monaten keine Zahlung wird das Pfand versteigert. Das war – bei abweichenden Regelungen in den Stadtbüchern einzelner Städte – auch im Mittelalter und schon in der Antike wenig anders.

Wer nun also die Idee verfechten will, dass die von jüdischen Pfand- und Geldleihern verlangten Zinsen zumindest nach heutigen Maßstäben tatsächlich “Wucher” (im Sinne von übertrieben hohen oder gar sittenwidrigen Zinsen) wären, liegt völlig falsch und sollte sich auch über die heute gängigen nichtjüdischen Gebühren zeitgenössischer, mitunter auch städtischer Pfandleihen und über Wesen, Vor- und Nachteile des Pfandgeschäfts im allgemeinen informieren und dann weiterreden, falls es dann noch Bedarf dazu gibt.

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4. War es Christen verboten mit Gewinn Geld zu verleihen?

Wie oft zu lesen ist, wurde Christen das Wuchern, also das Zinsnehmen verboten. Genannt wird dabei das ausdrückliche Verbot durch Papst Innozenz III. aus dem Jahre 1215, der für seine ausufernde Vetternwirtschaft bekannt war, seinen Verwandten gegen üppige Geldzahlungen politische Ämter verschaffte und zudem die Plünderung von Konstantinopel zu verantworten hatte, was zum endgültigen Bruch mit der griechischen Kirche führte. Abgesehen von seinem eigenen eher fragwürdigen Geschäftsgebaren, muss man sich das formelle Zinsverbrot des Papstes nicht als finale Problemlösung vorstellen, das per Dekret eine ungewünschte Wirklichkeit einfach aus der Welt schafft, sondern als bloßen Rückgriff auf die hebräische Bibel, heißt es doch dort beispielsweise im 3. Buch Moses 25.36 bereits: „Nimm keinen Zins (נשך) von deinem Bruder…“, wobei man den Begriff נשך auch als „Bissen“ übersetzen könnte. Sinngemäß gemeint ist jedoch, dass man keinen Vorteil daraus ziehen oder irgendwelche Vergünstigungen erstreben soll, wenn man seinem Bruder Geld leiht, was sich nicht nur auf die leiblichen Brüder bezog. Im Wortsinn gemeint war, sich nicht zum Essen einladen zu lassen, weil man einen Kredit vergab, da dieser „Bissen“ demgemäß ein Zugewinn wäre. So wenig aber, wie es heute gelingt, mittels bloßer Verbote Steuerhinterziehung, Prostitution, Mord, Kindesmissbrauch, Falschparken, Versicherungsbetrug oder Produktpiraterie ein für allemal aus der Welt zu schaffen, so wenig effektiv war nun ein formeller Appell des Papstes bezüglich des Erhebens von Wucher (= Zins). Seine Aussagen waren zudem lediglich für den Klerus verbindlich, nicht jedoch für die Bürgerschaft der Reichsstädte, Fürsten oder Könige. Es handelte sich demnach um kein Verbot in Form eines Reichsgesetzes, etwa im Sinne einer 1530 in Augsburg beschlossenen Constitutio Criminalis Carolina, sondern vielmehr um eine Art Gedankenanstoß, wie wir es etwa aus den Sonntagsreden deutscher Bundespräsidenten kennen („Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“ oder „Der Islam gehört zu Deutschland“, etc.). Entsprechend unerhört blieb auch das Zinsverbot, welches es de facto auch nicht gab.

Für Christen war es demnach selbstverständlich möglich und üblich, Geld zu verleihen und dafür Zinsen zu nehmen. Christlicher Wucher (Zins) war dann legal, wenn es vertraglich so vereinbart wurde. Üblicher Weise wurde dabei, ähnlich heutiger Bonitätsprüfungen, vom Geldgeber zunächst das Ausfallsrisiko bewertet und so die Gefahr einer unpünktlichen Rückzahlung oder eines Kapitelverlustes bestand, was de facto über jeden Kredit gesagt werden kann, eine Risikogebühr erhoben. Um dieses Risiko zu mildern war christlicher Wucher durchaus erlaubt. Eine Variante bestand im sog. census, wovon sich, wie bereits erwähnt das heute in der deutschen Sprache übliche Zins ableitet. Gemeint war damit ursprünglich ein „Rentenkauf“ oder ein sog. „Leibgeding“, wobei dem Geldgeber das Nießbrauchrecht etwa für ein Haus eingeräumt oder aber ein Hausbesitzer von der jährlichen Steuer befreit wurde. Diese Befreiung war in der Regel zeitlich begrenzt und wurde in einem amtlichen Brief vertraglich festgelegt. In den mittelalterlichen Augsburger Steuerbüchern ist beispielsweise für das Jahr 1384 in mittelhochdeutscher Sprache vermerkt, dass Ber, der Sohn von Wolf aus Rothenburg „sizzend mit einem gedinge und haund prieff“, was besagt, dass er, wohl für eine entliehene Summe an Geld anstelle von Zins mit einem Geding (altdeutsch für Vertrag, was sich ableitet von Ding = Gericht) sitzt, d.h. wohnt und darüber Unterlagen (einen „Brief“) besitzt (haund = habend), weshalb er der Besteuerung entgeht. Das Beispiel, nur eines von vielen, zeigt, dass es unter Christen und Juden gleichermaßen flexible Geschäftsabschlüsse gab und auch ein jüdischer Geldleiher imstande war, zinslose Darlehen zu vergeben, wenn er ebenso wie ein Christ einen anderen geldwerten Vorteil, in diesem Fall eine Steuerbefreiung, in Anspruch nehmen konnte.

Im Übrigen wäre noch anzumerken, dass ein päpstliches Zinsverbot nicht nur den Geldgeber betraf, sondern selbstverständlich auch den Schuldner. Auch wer gegen Zins Geld nahm, hätte gegen das Gebot verstoßen. Wer sich dem Verbot formell unterwerfen wollte, setzte folglich die Freiwilligkeit des Kreditnehmers voraus. Ähnlich wie heute noch beim „zinsfreien“ Kredit im Islam üblich, bekam der Kreditnehmer dabei nicht den vollen Betrag ausbezahlt, da eine „freiwillige Gebühr“ einbehalten wurde. Nach dem alten römischen Grundsatz „ex nudo pacto non oritur actio“ wurde die Freiwilligkeit des Geldnehmers stillschweigend vorausgesetzt und auf ein Klagerecht verzichtet. Einmal unterschrieben und zwar vor der Auszahlung wie sich versteht, ergab sich für den  Schuldner nun mitunter ein ganz anderes Problem. Er konnte wesentlich weniger Geld ausbezahlt bekommen als mündlich vereinbart wurde. Bereits Plutarch (46-120 n.a.Z.) beklagte diese üble Praxis, da oft weit weniger ausbezahlt wurde, als zuvor verabredet. Im schlimmsten Fall bekam der Schuldner dann zwar ein zinsfreies Darlehen, aber überhaupt nichts ausbezahlt. Da er den Vertrag unterschrieben und sich zur Rückzahlung verpflichtet hatte, bestand für ihn nun ein sehr ernsthaftes und langwieriges Problem. Da solche Fälle keineswegs selten waren, erschließt sich im Umkehrschluss dann doch, warum sehr viele klamme Christen sich Geld bei ihren jüdischen Nachbarn leihen wollten. Nicht deshalb weil sie dort das Geld gegen übertrieben hohe Zinsen ausleihen durften, während ihre christlichen Genossen es ihnen zinsfrei angeboten hätten, sondern weil sie bei den jüdischen Geldverleihern, die sich unehrliche Geschäfte nicht leisten konnten, in aller Regel vor ausreichend vielen Zeugen und brieflich beglaubigt, auch bekamen was sie vereinbart hatten, während sie von Ihresgleichen oft genug massiv oder komplett betrogen wurden. Daran änderten auch schwere Strafen gegen Betrüger nichts, denen Hände abgehackt, die geblendet oder aus der Stadt gebannt werden konnten. Da nun aber auch selbst Kleriker immer wieder das Zinsverbot des Papstes umgingen und sogar Messkelche und dergleichen jüdischen Pfandhändlern anboten, wurde Juden auf Druck des Bischofs vom Rat der Reichsstadt Augsburg ausdrücklich verboten, Pfänder aus Kirchen anzunehmen.

Dafür, dass Juden eine dominante Rolle im Geldgeschäft eingenommen haben sollen, ist es abschließend gesagt, doch eher ungewöhnlich, dass sie anders als beispielsweise im Viehhandel, wo grundlegende Begriffe wie Pferd, Farren, Färse, etc. aus dem Hebräischen ins Deutsche gelangten, sie im Finanzwesen keine Spuren hinterlassen haben sollen. Stattdessen stammen fast alle wesentlichen modernen Bankbegriffe aus dem Lateinischen und Italienischen, angefangen von der Bank selbst, über die Bilanz (von bilancia = Waage), Konto, Brutto, Netto, Diskont, Skonto, Giro, den Lombardsatz, usw. bis zum Zins. Das hebräische Gegenstück zum Zins, der biblische „Bissen“ (neschech) hat sich eigenartigerweise nicht durchsetzen können.

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Als Fazit bleibt festzustellen, dass es im Mittelalter anders als gemeinhin behauptet, zwar auf der jüdischen Bibel beruhende kirchliche Verhaltensregeln, jedoch kein effektives gesetzliches Zinsverbot gab und entsprechend von Christen wie von Juden munter um ihre Pfunde gewuchert wurde. Da es heute weitgehend vergessen ist, muss immer wieder betont werden, dass „“Wucher“ in der damaligen Zeit der gewöhnliche deutsche Begriff für den vom lateinischen census abgeleiteten Zins war. Es ist sicher einige Überlegungen wert, warum das lateinische Wort heute eher neutral, das einheimische deutsche aber eindeutig negativ konnotiert wird. Dies zu verstehen erklärt bereits eine Reihe von Faktoren.

Es gab in mittelalterlichen Geld- und Pfandgeschäften keine starren Regeln, jedoch vertragliche Vereinbarungen. Diese wurden meistens eingehalten und selten gebrochen. Wie heute auch gab es Betrüger, Geldfälscher, Diebe und Lügner. Sie hatten jedoch auch damals keine bestimmte Haut- oder Haarfarbe, Vornamen, Religion oder Herkunft. Es gibt andererseits auch keinen plausiblen Grund anzunehmen, warum es unter den wenigen jüdischen Geldhändlern nicht auch den einen oder anderen tückischen gegeben haben soll. Betrüger hatten in damals recht kleinen Städten jedoch sicher nur recht kurzfristigen Vorteil, da es weder Anonymität noch dauerhafte Verstecke gab. Auch war ein Umzug in eine andere Stadt war nicht ohne weiteres möglich, während Landleben in abseits gelegenen, meist von einer Kirche beherrschten Dörfern für Juden eher riskant war. Hier konnte allenfalls ein einzelner, kaum aber eine Familie Unterschlupf finden.

Wie nun aber konnte eine allgemeine Praxis, Geld gegen Zugewinn zu verleihen, zu einem antijüdischen Klischee werden?

Jüdische Geldhändler waren ausreichend darauf bedacht ihre besten Kunden, und das waren Patrizier, Kaufleute aber auch Stadtherren, Vogte, Fürsten und Könige zuvorkommend und besser zu behandeln, als übrige Klienten, was sich in niedrigeren Zinsen und längeren Leihfristen ausdrückte. Auch konnte auf Pfänder verzichtet werden und bei Bedarf weitere Geldgeber in fremden Städten vermittelt werden. Handelte es sich um einen mächtigen Herrscher, tat man gut daran, auf kurzfristigen Profit zu verzichten und die Option Fürsprecher zu haben. Diese sicherlich kluge und wohl auch (selbst)verständliche Haltung brachte den jüdischen Kreditgebern den Neid von Predigern und Kirchenführern ein, die ohnehin schon damit zu kämpfen hatten, dass die Macht in den Städten immer mehr aus ihren Händen glitt. Während anderswo sog. Hexen und Ketzer verfolgt wurden, verhalte zur selben Zeit in Reichsstädten wie Augsburg jeder kirchliche Einwand gegen die Errichtung teurer Prachtbrunnen, die heidnische Götzen wie Neptun (1537), Merkur oder Herkules und mit ihnen zahlreiche weitere „dämonische“ Wesen darstellten und zu zentralen Anziehungspunkten des öffentlichen Lebens der Stadt erhoben. Auch die Zeiten als Bischöfe zugleich auch Stadtherren waren, lagen in den meisten Gegenden weiter zurück. Die Bürger hatten sich nicht nur emanzipiert, sondern in vielen Fällen das Regiment übernommen. Fanatische Prediger und Frömmler taten sich ihrerseits schwer, sich im gesellschaftlichen Leben zurechtzufinden, zumal immer wieder verkündete Heilserwartungen und Endzeitvisionen effektlos und sowohl Kriege, Missernten und auch Seuchen, zeitlich oder lokal begrenzt blieben. Das Leben ging weiter und die Patrizier in den Städten lebten ein zunehmend luxuriöseres Leben, dass sie vom frömmelnden, ängstlichen Wunderglauben der einfachen Bevölkerung immer weiter distanzierte. Wer nun aber als „Underdog“ etwas bewegen wollte, konnte nicht Geld und Besitz als Merkmal seines Erfolges und seiner Glaubwürdigkeit anführen, sondern musste möglichst spartanisch auftreten und die Errungenschaften anderer anprangern. Das ist heute kaum anders, jedoch eehr als Sozialneid definiert. Da es sich bei den Stadtherren in der Regel nichts desto trotz aber auch um Christen und Kirchgänger, wenn nicht gar um Kirchenstifter handelte, musste der schädliche Einfluss auf sie aus einer anderen Quelle stammen. Auf der Basis christlicher Texte wie den Evangelien, wo Jesus bereits zu den Juden sagt: υμεις εκ του πατρος του διαβολου εστε – ihr seid von eurem Vater dem Teufel, bot es sich an Juden als Feindbilder zu stilisieren. Letztlich handelt der Neid auf Juden sich um eine Art Schneewittchen-Komplex. Zwar herrschten die Christen in ganz Europa und sollten damit eigentlich zufrieden sein, doch wie die finstere Königen im Märchen, konnten viele es nicht ertragen, dass eine Reihe von Juden, darunter auch Geldhändler und Pfandleiher offenbar einen besseren Ruf in der Allgemeinheit hatten und folglich beliebter waren. Vor krankhaften Neid geplagt stellten die christlichen Hassprediger deshalb den Juden mit jeder denkbaren Lüge nach und trachteten danach sie zu vertreiben und gar zu ermorden, ohne dass der “sprechende Spiegel” seine Meinung je änderte.

 

März 2017: Ausführlicher beschrieben im Buch:

Yehuda Shenef

Humor, Wucher, Weltverschwörung: Die geläufigsten Vorurteile gegenüber Juden und was es mit diesen auf sich hat 

ISBN: 978-374-3181-205

Taschenbuch: 260 Seiten

13 Euro

 


Die alten jüdischen Friedhöfe von Ulm

June 6, 2012

In Ulm gab es zwei mittelalterliche und zwei neuzeitliche jüdische Friedhöfe. Der erste, mindestens seit dem späten 13. Jahrhundert bestehende befand sich im Bereich des späteren Neuen Tors, das wegen der Nähe zum Friedhof auch „Judentor“ oder „Judenturm“ genannt wurde. Ab 1315 ist außerhalb des Tors ein zweiter jüdischer Friedhof bekannt, der wohl bis zur Ausweisung der Juden aus Ulm im Jahre 1499 benutzt wurde.

Der Ulmer Stadtmaler Philipp Renlin notierte das Gelände in seinem 1597 fertig gestellten Stadtplan, der als ältester der Stadt Ulm gilt (http://www.ulm.de/sixcms/media.php/29/4_1_M1.pdf). Im Laufe der Zeit wurden bei Bauarbeiten immer wieder Grabsteine und Knochenfunde gemacht.

Im März 1987 wurden beim Bau des „Fernmeldeamts“ auf dem Gelände des jüngeren Judenkirchhofs 22 weitere Skelette gefunden, die zunächst in den Keller des Ulmer Museums gebracht und dann im jüdischen Teil des Friedhofs an der Stuttgarter Straße erneut beigesetzt wurden, dort allerdings anonym. Die Grabsteine der mittelalterlichen jüdischen Friedhöfe wurden wie andernorts von der christlichen Einwohnerschaft als Baumaterial missbraucht.

In der Ulmer Rabengasse 7 befindet sich an der Fassade ein kleiner hebräischer Grabstein, der auf Grund seiner Datierung zum zweiten der beiden mittelalterlichen Grabplätze gehören dürfte.

ציון

הלו לרא

מ חנה בת ר

תו ש’נ כ’ב

טבת ק’ד

תנצבה

Bezeichnet ist Chana, Tochter des namentlich abgekürzten Rabbi “Tu”. Die Vermutung, dass die Abkürzung für Tobias stehen könnte, ist nicht plausible, da der Name hebräisch  טוביה geschrieben wird, also mit einem anderen Buchstaben beginnt. Da andere bekannte Möglichkeiten ausscheiden, könnte es für Tuwal stehen, in der Tora erwähnt als Sohn des Lamech und Enkel des Kajin, nachdem er auch Tuwal-Kajin hieß und der als Stammvater aller Schmiede und Erzwerker galt. Ein  ר תובל wäre zwar gewiss ungewöhnlich, aber zumindest noch möglich, da andere mit תו beginnenden Namen für das 14. Jahrhundert nicht in Frage kommen. Das Kürzel  ש’נ ist sicher kein Bestandteil des Namens, sondern steht für שנפטר dem sogleich das Datum des 22. Tewet 104 folgt, was im christlichen Kalender Freitag, den 9. Januar 1344 entspricht.

Im Eingangsbereich des Ulmer Münsters befindet sich nun der wuchtige Grabstein der Mina aus dem Jahr 1288, also noch vom ersten mittelalterlichen Friedhof:

האבן  הזאת

שמתי  מצבה

לראש מרת מינה

בת ר יצחק הלוי

הנפטרת ביום  ו

כ’ו באלול מ’ח

לפרט לאלף השש

מנוחתה בגן עדן

אמן  א  א סלה

Diesen Sein setzte ich als Erinnerung zum Haupt der Frau Mina Tochter des Rabbi Jitzchak Ha-Levi, die verstarb am Tag 6, dem 26. Elul 48 nach der Zählung für das sechste Jahrtausend. Sie ruhe im Garten Eden. Amen, amen, amen, sela.“

Der 26. Elul im Jahr 5048 entspricht dem 26. August 1288 im christlichen Datum, jedoch war es ein Donnerstag (Tag 5) und kein Freitag (Tag 6), wie am Grabstein notiert. Wahrscheinlich starb Mina in der Abenddämmerung nach der im jüdischen Kalender die Tageszählung beginnt.

* * *

Weitere Grabsteine befanden sich in der Bauhütte des Ulmer Münsters.

ציון

הלו לראש

מרת מרים בת

ר שלמה שנפטרת

ביום ד כ’ה באייר

ס’ה לפרט לאלף

ששי …. מנו

בגן עדן עם ש

אמן אמן אמן סלה

Dieses Denkmal zum Haupt der Frau Mirjam Tochter des Rabbi Schlomo, die gestorben ist am Tag 4, 25. Ijar (im Jahr) 65 nach der Zählung für das sechste Jahrtausend. Sie ru(he) im Garten Eden … Amen amen amen sela“ (= Mittwoch, 19. Mai 1305)

 

* * *

הנפטר פה

קבר לאיש תם

… ברית לרב  …

גבר הוא שמעון

בר מנחם ז’ל נקב

בר ביום …

כ’ה סיון רנ’א

… חסד …

Der hier begrabene Verstorbene ist der bescheidene Mann … des Bundes … ein Held … es ist Schimon bar Menachem seligen Angedenkens begraben … am Tag … 25. Sivan 251 …“

Die nicht vollständig erhaltene Inschrift ist Schimon dem Sohn des Menachem gewidmet, der am 25. Sivan 5251 verstarb ( = Freitag, 3. Juni 1491). Es ist der letzte bekannte Grabstein aus den mittelalterlichen jüdischen Friedhöfen in Ulm. Acht Jahre später wurde die bereits stark geschrumpfte Gemeinde aufgelöst und die verbliebenen Juden der Stadt verwiesen.

 

Es folgt das eigentümlich gestaltete Fragment zur Erinnerung an Frau Brundlin, dessen Jahreszahl leider nicht erhalten blieb. Brundlin war die Gattin des Rabbi Jakob und starb am Schabbat, dem 20. Ijar. Da das Datum etwa dreimal pro Jahrzehnt auf einen Samstag fällt, blieben entsprechend viele Möglichkeiten zur Spekulation offen.

פה נקברה מרת ברונדלין

בת ר יעקב שנפטרת ביום

שבת עשרים באייר

Die Inschrift wurde mit einer Reihe anderer hebräischer Inschriften erhaltener mittelalterlicher Grabsteine bereits im Jahr 1849 durch den seit 1834 in Kappel bei Bad Buchau tätigen Chasan und jüdischen Lehrer Leopold Nathan Hofheimer (1810-1865) veröffentlicht.

Weitere von ihm genannte Inschriften:

 

ציון הלו לראש

ר משה בר גרשון

אשר נקבר כ’ב סיון יום ג

קל’ט לפרט תנצבה אמן סלה

Dieses Denkmal ist zum Haupt des Rabbi Mosche bar Gerschon der starb am 22. Sivan am Tag 3 (= Dienstag) (im Jahr)  139 …“ Das Datum entspricht dem 7. Juni 1379.

הישיש הנאמן הזקן

ר יוסף בר מנחם הנאסף

למנוחה יום מנוחה

ה’ כסליו שנת קכ’ו לפרט

Diese Inschrift erinnert an den „Ältesten und Greisen Rabbi Josef ben Rabbi Menachem der zur Ruhe gesammelt wurde am 5. Kislev des Jahres 126 nach der Zählung“ (= Donnerstag, 20. November 1365)

האבן הזאת שמתי לראש

ר קלונימוס בר שלומיאל

הנקבר תשרי יום א ק’מ’ד לפרט

תנצבה אמן אמן אמן סלה

 

Diesen Stein setzte ich zum Haupt von Rabbi Kalonimos ben Rabbi Schlumiel, der begraben wurde (im Monat) Tischri Tag 1 (des Jahres) 144 nach der Zählung …“

Das Datum Tischri 5144 stimmt mit dem Oktober 1383 überein. Es ist anzunehmen, dass in der Überlieferung der Tag des Monats verloren ging. „Tag 1“ bedeutet von der Formulierung den Wochentag nicht das Datum – das wäre im Fall des Tischri das Neujahrsfest und im Jahre 1383 wäre es zudem noch ein Schabbat gewesen – sondern den Wochentag. Da es zusätzlich zu Neumonden und dem wöchentlichen Schabbes im Monat Tischri mit dem Neujahrsfest, dem Versöhnungstag (Jom Kipur) und Suckot (Laubhüttenfest) keinen Mangel an Feiertagen (an denen keine Beerdigungen stattfinden dürfen) gibt, kommt als Datum fast nur der 23. Tischri in Betracht. Das wäre Sonntag, 20. September 1383.

Etwas eigenartig ist jedoch der überlieferte Name des „Schlumi‘el“ (שלומיאל), meist שלמיאל geschrieben und jiddisch deshalb “Schlemil” gesprochen. שלעמיל ist dabei zum Synonym für einen Menschen geworden, der scheinbar vom Unglück verfolgt wird, ein Pechvogel. Die oftmalige Verwechslung mit einem „Schlimasel“ erklärt ein geläufiger israelischer Witz:

מה ההבדל בין שלומיאל ושלימזל

… השלומיאל הוא המלצר שצלחת המרק הרותח נפלה מידו, והשלימזל הוא זה שהמרק נשפך עליו

Der Schlemil ist demnach einer, der als Kellner einen Teller mit heißer Suppe fallen lässt, ein Schlimassel hingegen wäre demnach der, welcher es abbekommt.

Wie dem auch sei, ist Schlumi’el ein, wenn auch wenig geläufiger Name, der erst ab dem 19. Jahrhundert (Heine, etc.) seine „witzige“ Note bekommt. In der Überlieferung gilt Schlumiel ben Zur-Schadai als ursprünglicher Name von Simri ben Salwa, der von Pinchas erschlagen wurde (siehe 4. Moses 25.14 במדבר). Als Oberhaupt des Stammes Schimon hatte er sich mit einer Moabiterin eingelassen.

Leopold Nathan Hofheimer, der Sohn des Hoffaktor David Zwi Hirsch Hofheimer (1780-1832) und Hendle Hirschfeld (1780-1855), einer Nichte des Arztes und Sexualforschers Magnus Mordechai Hirschfeld (1868-1835), der als Wegbereiter der Homosexuellen-Bewegung gilt, hat noch einen weiteren hebräischen Grabstein aus dem Ulmer Mittelalter überliefert.

 (ןה)לרא)ש ר אליקום בר יהודה הכו)

שנפטר י’ד באלול יום ב קי’ח לפרט

תנצבה עם צדיקים בגן עדן

“ … (zum Hau)pt von Rabbi Eljakum ben Rabbi Jehuda Ha-Ko(hen), der verstarb am 14. Elul, Tag 2 (Montag) (im Jahr) 118 nach der Zählung … seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens mit den Gerechten im Garten Eden.“

Das Datum des 14. Elul 5118 entspricht dem 19. August 1358.

* * *

Augsburg und viele andere Städte in Deutschland und Europa sind mit Ulm vor allem durch die weitverbreitete in der Mitte des 15. Jahrhunderts zunächst von Augsburg nach Ulm gewanderte, nach 1500 überall verstreute Familie der Ulmo-Günzburg verbunden, von denen einige wenige Generationen später nach Pfersee vor die Tore der alten Heimatstadt Augsburg zurückkehrten. Ihre Nachkommen leben heute in aller Welt.

The Jewish history of Ulm is closely related to the Augsburg one. Not only because in earliest time there were a number of inter marriages between Ulmer and Augsburg Jews as well as scholars from Ulm who became rabbis in Augsburg and the other way around, but also because a considerable number of Jews who had to leave Augsburg about 1440 moved to Ulm. After the following expulsion from Ulm some sixty years later they settled in the area between the two cities of their origin. A number of them adopted the name Ulmo, which usually is referred to the City of Ulm, but also has another religious meaning in Hebrew. The Ulmo – Ginzburg family, which is widespread in whole Europe and the world today, also re-settled in Pfersee about one mile away from the Imperial City of Augsburg.

In Ulm there were two medieval Jewish cemeteries (Judenkirchhof) next to the former “Neues Tor” (New Gate, which does no longer exist), which therefore also was called the “Jews Gate” or “Jews Tower”. After the expulsion from Ulm, the tomb stones – as in many other cities – were mis-used by the local Christian inhabitants as building material, for instance for the later famous Ulmer Minster, for the city fortification or as decorations at houses, etc. Time and again construction works bring further fragments from our Jewish past into light as well as bones and skulls as it happened in 1987 when skeletons of 22 Jews buried at the medieval 14th to 15th century cemetery were “dis-covered” and later buried at the Jewish section of the new municipal cemetery.

Ulmo grave marker from Pfersee (1695) at Pfersee/Kriegshaber cemetery in Augsburg

 


Judenhut

May 31, 2012

Since the weather in Germany becomes more warm and pleasant meanwhile it is possible to wear the Judenhut (Jews hat) again …

 (c) יהודה שנף

 


Die alte Mikwe in Erfurt

May 24, 2012

Die Existenz einer Mikwe gilt in Erfurt etwa ab der Mitte des 13. Jahrhundert als gesichert. Da es nicht schwer zu erraten ist, dass man sie in der Nähe des jüdischen Viertels und notwendigerweise auch nahe an einem Fluss oder Bach bauen musste, fand man 2007 bauliche Überreste direkt hinter der berühmten Krämerbrücke. Bemerkenswert daran ist allerdings, dass es sich dabei weniger um einen Zufallsfund handelte, sondern um einen langjährigen Wunsch, der in Erfüllung ging. Irgendwie. Diese Reste der Ausgrabung sind heute überbaut mit einem Schutzbunker und werden präsentiert als Teil des Netzwerkes „Jüdisches Leben Erfurt“. Besonders hingewiesen wird auf die Möglichkeit, die Besichtigung der „Mikwe“ zusammen mit der „Alten Synagoge“ zu buchen.

Die Informationstafel vor dem Neubau erläutert, dass das „jüdische Ritualbad“ aus dem 13. Jahrhundert stammt und erstmals  1248 erwähnt wurde. Weiter heißt es: „Im Mittelalter war die Umgebung der Mikwe dicht bebaut, hier wohnten Juden und Christen Tür an Tür. Eine heute überbaute Gasse war der kürzeste Weg von der Mikwe zur Alten Synagoge, dem ersten Gotteshaus der jüdischen Gemeinde. Diese Gemeinde wurde 1349 in einem Pogrom ausgelöscht. Juden, die sich ab 1354 in Erfurt ansiedelten, nutzten die Mikwe weiter, während die Alte Synagoge bereits in ein Lagerhaus umgebaut worden war. Der Stadtrat verwies 1453  alle Juden aus Erfurt. Spätestens dann endete die jüdische Nutzung der Mikwe. Das Wasserbecken wurde verfüllt, die Mikwe als Keller genutzt.“

Dass frühere Quellen den Standort der mittelalterlichen Mikwe an anderer Stelle angeben, ficht die heutigen Spezialisten nicht an. Grabungen dort ergaben keinen brauchbaren Fund, sondern nur einen großen Keller aus dem 19. Jahrhundert, der alle möglichen Spuren von Vorgängerbauten getilgt haben soll. Die Möglichkeit aber, dass auch jüdische Tauchbäder wie die Mehrzahl an baulicher Infrastruktur mittelalterlicher Städte nach sechs oder sieben Jahrhunderten (aus allen denkbaren Gründen) womöglich einfach nicht mehr vorhanden sind, hat man offenbar ausgeschlossen. Durchaus kreativ, ging man nun davon aus, dass es in den alten Erfurter Freizinsregistern zu „irrtümlichen Grundstückzuordnung“ gekommen sei. Die Register gaben zwar Straßen an, „die einzelnen Häuser jedoch nicht immer eindeutig“, so die Rechtfertigung. Wie diese Behauptung nun aber für den jetzt bezeichneten Standort sprechen soll, bleibt ein Geheimnis (siehe: „Der unerwartete Mikwe-Fund am Breitstrom“, in: Stadt und Geschichte, Erfurt 2008, Sonderheft  9, S. 9 f.).

Der Fund wurde als Keller freigelegt, die Relikte des vermuteten früheren Bades mussten erst rekonstruiert, bzw. interpretiert werden. Das „Wasserbecken“ (ohne Zu- oder Ablauf) hat grob geschätzt etwa eine Fläche von einen auf eineinhalb Meter, was den Anschein erweckt, als sei das בור טבילה sozusagen umgekippt und auf der falschen Seite gelandet. Da wir davon ausgehen können, dass der früher als Lagerraum verwendete Keller gewiss trocken war, ergibt sich andererseits auch wieder, dass das heute, etwa einen halben Meter hoch stehende Wasser, wohl aus Gründen der Dramatisierung zugelassen wurde, wobei sodann Anhaltspunkte für חורים fehlen.

Über dem freigelegten Gelände erstreckte sich nach dem 15. Jahrhundert ein wohl christlicher Friedhof, wo die Ausgräber etwa 80 Leichen-Funde machten. Auf der Webseite der „Alten Synagoge Erfurt“ wird im Kontext mit der ausgestellten Mikwe sogar ein fachgerecht freigelegtes Skelett präsentiert. Die weiteren Überreste der katalogisierten Toten wurden den Angaben gemäß, auf dem städtischen Friedhof vergraben, da, wie es einigermaßen makaber heißt „ihre wissenschaftliche Auswertung kaum brauchbare Ergebnisse erwarten ließe“ (dto.).

http://www.alte-synagoge.erfurt.de

Passend zum Friedhof ist eine eher untypisches Detail des präsentierten Bades: ein in der Seitenwand verbauter Quaderstein mit einem umgedrehten Ecksteinkopf. Der lockige Kopf trägt eine Mütze und erinnert damit deutlich an antike römische Sarkophage. Man spricht hierbei von einem sog. „Akroterion“ (ἀκρωτήριον), also einen oft zugespitzten Eckstein welcher an der Kante des Sarkophags angebracht oder dort speziell herausgearbeitet wurde. Im Erfurter Keller ist offenbar ein taurischer Kopf zu sehen, bei römischen und griechischen Grabmalen schon recht typisch mit gelockten Haaren und phrygischen Mützen dargestellt.

Die Köpfe an den Ecken der oft recht wuchtigen Steinplatten wurden im antiken griechisch-römischen Bestattungskult als Grabwächter aufgefasst. Ihre apotropäische Symbolik sollte  „böse Geister“ davon abhalten, die Totenruhe der Verstorbenen zu stören oder sich gar der Leichname zu bemächtigen, was im Fall von Erfurt dann offensichtlich nur zeitlich begrenzt klappte.

Taurische Akroterion Maske an einem Sarkophag im Vatikan

Kopie des Kopfes an der Außenseite des Schutzbunkers

In Erfurt wurde die als Steinplastik allen Ernstes als „König David aus dem Alten Testament“ gedeutet, was abermals den Stellenwert Erfurts unterstreiche und in Bezug auf seine neu gefundene Mikwe deren „besondere Stellung unter den Mikwen Mitteleuropas heraushebt“, denn „erstmals wurde an einem jüdischen Ritualbau figürlicher Schmuck nachgewiesen“.

Keine naheliegender Gedanke, aber die Erklärung  ist ebenso einfach wie bestechend: „Die Krone mit Lilienaufsatz ermöglicht eine Interpretation der Plastik als König David. Kunsthistorisch lässt sie sich in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datieren.“

(http://www.erfurt.de/ef/de/erleben/kunst/aktuelles/2010/print_35565.shtml)

Fehlt nur noch eine Erklärung dafür, warum mittelalterliche Juden sich eine David-Figur in Stein gemeißelt haben sollten, obwohl das Judentum wie auch der Islam Skulpturen als Götzenbilder streng verbieten. Als sie sich über das Verbot erst mal hinweggesetzt hatten, überkam sie dann doch eine Art schlechtes Gewissen, weshalb sie den Kopf dann mit der Kinnspitze nach oben, also verkehrt herum eingesetzt hätten? Eine bizarre Vorstellung.

Akroterion an Steinsarkophag im Römischen Museum Augsburg

Ob es sich bei dem ausgestellten Fund wirklich um eine ehemalige Mikwe handelt ist angesichts des Eckkopfstein wenig plausibel, da es im Judentum ein striktes Verbot für die Herstellung und Verwendung einer Skulptur  (פסל) gibt. Da ansonsten an den Begebenheiten und baulicher Substanz mangelt, ist die Präsentation als solche einigermaßen fragwürdig. Selbst wenn tatsächlich Überreste einer mittelalterlichen Mikwe vorhanden, aber dann doch wieder mehrfach überbaut und verändert worden wären, hätte es keine praktischen Nutzen, da keine funktionalen Aspekte vorhanden sind.  Schon ein Bruchteil des dafür ausgegebenen Geldes hätte wohl ausgereicht um der heutigen jüdischen Gemeinde am Juri-Gagarin-Ring eine koschere Mikwe zu besorgen, damit Im Wortsinn “Jüdisches Leben in Erfurt” gedeihen könnte. Es wurde lediglich ein ehemaliger unterirdischer Lagerraum unter Wasser gesetzt und überbaut, wofür zudem auch noch in mehreren Dutzend Fällen die Totenruhe Erfurter Ahnen gestört, zerstört wurde. Angesichts des Sarkophags im Mikwen-Museum könnte man dann fast von Sarkasmus sprechen, wäre es nicht eher eine Farce.

Zweifellos am originellsten ist dabei der Wegweiser zur “Mikwe” im benachbarten Biergarten.

Since last fall Erfurt has another landmark of her Jewish history project, the mikveh discovered in 2007 next to the Krämerbrücke (bridge), which was overbuilt by an protective building similar to Regensburg Marktplatz

In 2007 the news from Erfurt was that the medieval mikveh was rediscovered next to the famous Krämerbrücke at river Gera. After lots of excavation, documentation and construction since last fall there is another piece of Erfurt’s Jewish tourist program. Today the remnants of the basement cellar which once was used as storage room is regarded as Jewish immersion bath first mentioned in Erfurt about the year 1248. Medieval deed mention the bath at another place, at Kreuzstr. 4, what actually does not bother the experts since medieval writers had not the same degree of accuracy as they are today. Diggings there also had no convenient result and just unveiled a 19th century basement.

On the site of the finding for half a millennium there a Christian cemetery and so some eighty skeletons needed to be examined and removed from their burial place. Since their remains were regarded of less important academic value the collected bones were buried at the municipal cemetery.

Although the site is promoted as medieval mikveh, it of course is none. Today however the “mikveh” is overbuilt by a kind of protective shelter, similar to the one, which is similar to the arrangements of Neupfarrplatz in Regensburg. You only can visit the basement when joining a guided group.

Sarcophagus at Vatican, Museo Grogoriano profano (drawing by G. Eichler), note the acroterion mask on the top of the depiction.  Source: http://av.zrc-sazu.si/pdf/50/AV_50_Kastelic.pdf

In the sidewall of the „mikvah“ there is a head shaped corner stone sculpture until late Roman times known as “acroterion” on the top of sarcophagi. Many head shaped cornerstones – as the Erfurt one – quite typical have Phrygian bonnets and curled hair. In ancient Roman and Greek belief system the acroterion was supposed to protect the tomb from violation of graves or even from stealing the corps. Obviously the period of warranty in 2007 already was expired.

The experts from the local monument protection authority however have interpreted the cornerstone as “King David from the Old Testament” and say it underlines the importance of Erfurts Jewish past. For the first time there is an evidence for figural decoration at a Jewish “ritual construction”, what of course would highlight the mikvah of Erfurt among the other mikvot in Central Europe.


Die “Alte Synagoge” von Erfurt

May 21, 2012

Als große Attraktion und Kernpunkt der Bewerbung Erfurts um eine Auszeichnung als „Weltkultur-Erbe“ der UNESCO präsentiert die Stadt seit einigen Jahren die sog. „Alte Synagoge“ als“ älteste erhaltene Synagoge Europas“, in welchem heute ein jüdisches Museum untergebracht ist. Dort sind die Exponate des sog. „Erfurter Judenschatz“ ausgestellt, die 1998 unweit in der Michalistr. 43 unterhalb einer Kellermauer gefunden wurde, sowie Faksimile mittelalterlicher hebräischer Bücher aus Erfurt, deren Originale sich in der Berliner Staatbibliothek befinden. Im Hof des Museums befinden sich unter Glas drei mittelalterliche Grabsteinfragmente. Mit inbegriffen sind zahlreiche touristische Angebote, etwa eine (sachlich und altersgerechte?) Führung für Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren mit dem vielsagenden Titel „Taharah – von kalten Füßen, nackten Frauen und Geistern“ (http://alte-synagoge.erfurt.de/jle/de/altesynagoge/service/).

Nach allgemeiner Auffassung soll das im Laufe von Jahrhunderten in mehreren Bauphasen immer wieder veränderte Gebäude auf eine auf das Jahr 1094 datierte Synagoge zurückgehen, wovon ein sieben Meter langes und bis zu ca. zwei Meter hohes Mauerstück noch erhalten sein soll. Zu den historischen Begebenheiten nimmt Adolph Jaraczewsky (1829-1911), von 1862 bis 1879 Rabbiner in Erfurt, in seiner 1868 veröffentlichten „Geschichte der Juden in Erfurt“ ausführlicher Bezug. Am 21. März 1349 kam es im Erfurt zum sog. „Judensturm“. Da es andernorts schon zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war, rechneten die Erfurter Juden mit einem Angriff und sollen sich massiv bewaffnet haben: „“Diesen Überfall fürchteten sie in der Zeit, da sie im Gotteshause versammelt waren … und dachten an Gegenwehr. Denn man fand in der Synagoge treffliche Rüstungen an Armbrüsten, Spießen und Pfeilen, so dass man nicht wenig überrascht war, in dem Gotteshaus auch ein Zeughaus zu entdecken.“ (Jaraczewsky, S. 26). In einem an selber Stelle zitierten christlichen Bericht des Petersklosters heißt es: „In Erfurt fiel die Bürgerschaft wie ein ergrimmter Tiger über seinen Raub her.  Hundert fielen in ihre Dolche, oder wurden unter ihrem Streithammer zerschmettert. Die Entkommenen retteten sich in ihre Häuser, verriegelten Tür und Fenster, besetzten alle Eingänge und machten sich zur Gegenwehr bereit. Die Wut stieg mit dem Widerstand. Man warf Feuerbrände, und hoch loderte die Flamme über den Opfern der Unschuld. Mehr als 5000, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier, auf eine, die Menschheit empörende Weise den Tod.“

In Wilhelm Horns äußerst interessanten „Charakterisierung der Stadt Erfurt – ein medizinisch-statistischer Beitrag“ aus dem Jahr 1843 (S. 228) liest sich das dort freilich auf 1346 (!) datierte Geschehen kurz gefasst so: „Einige Junker trachteten nicht nur, die Juden zu erschlagen, sondern wollten auch bei einem solchen Tumult das Stadt-Regiment an sich ziehen. Sie vereinigten sich heimlich mit einigen übelgesinnten Ratsherren und irregeleiteten Gewerken. Als dies der Rat erfuhr, schickte er seine Diener den Juden zur Hilfe; allein der Auflauf war schon zu groß, als dass der Rat hätte gehört werden können. Gegentausend Juden wurden erschlagen, die übrigen aber, welche sich verloren glaubten, liefen in einige Häuser zusammen, zündeten sie an, und verbrannten sich mit Allem, was sie bei sich hatten. Es sollen damals 6000, nach Anderen sogar 9000 Juden in Erfurt gewesen sein, welche alle umkamen. Man fand in der Judenschule Rüstungen, Armbrüste, Spieße und Pfeile, deren Zweck man nicht einsah. Der Kurfürst Gerlach war über dieses Benehmen der Bürgerschaft höchlich erzürnt, die Stadt gab als Ursache der Verfolgung den Verdacht der Brunnenvergiftung an; da dieses jedoch keineswegs erwiesen war, und der wahre Grund vielmehr deutlich hervorleuchtete, so wurde die Stadt verurteilt, jährlich 100 Mark Silbers als Strafe zu geben; – eine Strafe die aber nicht lange gezahlt wurde.“

Jaraczewsky zweiter Nachfolger im Amt des Erfurter Rabbiners Theodor Kroner formulierte in seiner Festschrift zur Einweihung der neuen Erfurter Synagoge am 4. September 1884, sich weitgehend auf die Peterschronik stützend: „Mit Dolch und Streithammer tötete man dieselben, stürmte ihre Häuser und als sie sich in den selben zur Wehr setzten, zündete man die Häuser an. In Wirklichkeit wohl nur 100, der Sage nach 5000, nach Anderen 6000 oder gar 9000 Juden, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier auf eine die Menschheit empörende Art ihr Grab.

Die genannten möglichst hohen Zahlen tausender getöteter Juden in Erfurt sind sicher eine maßlose Übertreibung seitens der christlichen Chronisten (oder Wunschdenken), da die gesamte Einwohnerschaft Erfurts zur Mitte des 14. Jahrhunderts kaum über 10.000 Einwohner hinausgekommen sein wird. Vielleicht werden deshalb allgemein wohl auch die gleichwohl genannte Zahl der “hundert” zitiert. Doch bereits bei der Rückkehr der Juden im Jahr 1350/51 sind 33 Hausbesitzer verzeichnet. Jaraczewsky schätzt die Anzahl der Hausbesitzer auf ein Drittel und deshalb die Anzahl der Juden auf etwas über 500, was sicher eher konservative Werte sein dürften. Die Erfurter Juden waren vor dem „Sturm“ wohl in benachbarte Städte geflüchtet, etwa nach Arnstadt 15 km südlich von Erfurt, oder ins 20 km westlich gelegene Gotha oder ins gleichweit entfernte östliche Weimar.

Wie anderer zurückgelassener Besitz wurde die Synagoge in Abwesenheit beschlagnahmt und gelangte so in „Privatbesitz“. Dazu passt nun offenbar der durch dendro-chronologische Verfahren ermittelte Befund, der erhaltene Holzbalkenreste auf das Jahr 1351 datiert, welche nun aus der Zeit des Umbaus stammen sollen. Daraus folgte dann jedoch, dass die neuen Besitzer sich rasch um einen Umbau bemühten. Sollten tatsächlich Brände gelegt worden sein, müssten in einer eng bebauten mittelalterlichen Altstadt erhebliche Schäden angerichtet worden sein. Kaum vorstellbar, dass ggf. beschädigte oder gar ausgebrannte Häuser hernach einfach so „in Privatbesitz“ übergegangen sein konnten. Den nach Erfurt zurückkehrenden Juden soll 1357 auf städtische Kosten der Bau einer neuen Synagoge bewilligt worden sein, welche später in der handschriftlichen Chronik von Samuel Fritz abgebildet wurde. Die Überreste dieser neuen mittelalterlichen Synagoge wurden nach dem großen Brand von 1736 abgetragen.

Ob es sich wirklich um eine ganz neue Synagoge handelte oder ob der durch Feuer oder anderweitig Zerstörungen beeinträchtigte alte Bau erneuert wurde, ist etwas unklar. Einer Variante der Geschichte gemäß, wurde tatsächlich keine neue Synagoge gebaut, sondern bisherige wieder von den zurückgekehrten Juden genutzt. Demnach kamen im Jahr 1357 Abraham von Fulda, Cassel von Arnstadt, Adelkind von Dornburg mit Rabbi Feudlin und anderen nach Erfurt zurück und „mieteten vom Rat die Judenschule welche dieser in den Sturmjahren an sich gebracht hatte und die jetzt wüst lag, um etliche Mark.“ (Jaraczewsky, S. 33). Demnach wurde die Synagoge beim sog. „Judensturm“ wohl stärker beschädigt und lag noch acht Jahre später „wüst“. Dies widerspricht natürlich einer zwischenzeitlichen „privaten“ Nutzung und hinterfragt ein wenig auch die Datierung von Holzstücken auf den Winter 1350/51. Berichten gemäß wurde die „neue“ Synagoge 1479 zur Kirche geweiht, rund zwanzig Jahre nachdem 1458 die mittelalterliche Geschichte der Juden in Erfurt mit der Ausweisung endet. Das ehemalige Synagogengebäude soll 1736 beim Stadtbrand völlig ausgebrannt sein.

Es ist nun fraglich, ob jener Bau, der als „Alte Synagoge“ rekonstruiert oder gar nur konstruiert wurde tatsächlich auf eine mittelalterliche Synagoge zurückgeht.

Die „Entdeckung“ der Synagoge vor etwa zwanzig Jahren wurde als „Wunder“ aufgefasst, da man angeblich nicht ahnen konnte, um was für einen Bau es sich handelte.  Die Unklarheit darüber ist jedoch eigenartig da schon im Jahre 1862 der Erfurter Lokalhistoriker Bernhard Hartung im selben Gebäude „die alte Synagoge der ehemals berühmten Erfurter Judengemeinde“ vermutete und dies nicht geheim hielt. Ausführlicher noch setzte sich der Erfurter Jaraczewsky in seinem 1868 publizierten Buch zur Geschichte der Juden in Erfurt damit auseinander, wobei er verständlicher Weise bereits geläufige Auffassungen aufgriff:

Ihre Hauptsynagoge (denn eine zweite lag auf ihrem Friedhof), welche noch jetzt in ihren Umfassungsmauern vorhanden ist, scheint mit ihrer Fronte nicht an der Straße gelegen zu haben und bildet gegenwärtig das Hintergebäude eines öffentlichen Lokals (eines sog. Kaffeehauses) Hausnummer 2545. Es ist ein mächtiges, beinahe viereckiges, drei Stock hohes Gebäude, in dessen oberen Geschoss, an der Ost- und Westseite, sich größere Fenster im ältesten Spitzbogenstil, und neben diesen Fenstern am westlichen Giebel noch zwei runde Fenster befinden. Leider haben die mannigfachen Bauten, welche im Laufe von Jahrhunderten im Innern des Gebäudes vorgenommen wurden, dasselbe so verändert, dass sich nicht mehr erkennen lässt, welche Einteilung es damals gehabt haben mag, als es gottesdienstlichen Zwecken diente.“

Auch die modernen Interpreten des Baus kommen nicht umhin, einzugestehen: „Der Grundriss (der Synagoge) in Erfurt weicht jedoch in ungewöhnlicher Weise von den übrigen (zeitgenössischen) Synagogen ab“ und „Der Grund für diese Abweichung … ist bisher unklar“ (Alte Synagoge und Mikwe zu Erfurt, S. 38/39). Trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren deutet kaum etwas auf eine frühere Synagoge hin.

Der Grundriss des heutigen Baus hat eine Fläche von ca. 18 auf 12 m. Die Orientierung der Längsseite ist einigermaßen südöstlich, ist dabei jedoch anders als erforderlich und zu erwarten nicht nach Jerusalem ausgerichtet, sondern nach Laibach, Brindisi in Süditalien, Ost-Libyen, schließlich Sudan und Kampala in Uganda. Auch wenn neuzeitliche Reformgemeinden es in der Regel bei einer vereinfachten Ost-Ausrichtung belassen, die der Talmud in Vermeidung einer vorstellbaren Sonnenanbetung untersagt, nahmen antike und mittelalterliche Juden die genaue Ausrichtung nach Jerusalem in aller Regel doch sehr genau. Dies gilt umso mehr, wenn Gelegenheit dazu bestand, einen Neubau vorzunehmen. Wie auch immer, wäre beim Erfurter Bau der Aron Kodesch an der schmalen etwa 12 m langen Südost-Mauer zu erwarten gewesen, jedoch deutet heute nichts auf eine entsprechende Nische hin. Die Hauptfassaden verlaufen entlang der ca. 18 m langen Seiten mit eigenartigen Fensteranordnungen auf mehreren Etagen, die zum einem erst  wieder freigelegt, ein möglichst hohes Alter anzeigen, andererseits aber kaum besagen können, dass die mittelalterliche Synagoge bereits entsprechend eingeteilt war und über vier (unterschiedlich belegte) Fenster-Etagen verfügt haben soll.

Die überlieferte Abbildung der alten Synagoge in Erfurt, die wahrscheinlich irrtümlich einem Neubau zugeschrieben wird, zeigt keine wesentlichen Übereinstimmungen mit dem heutigen Museumsbau. Auch das für das äußere Erscheinungsbild der freigelegten Südwest-Fassade charakteristische asymmetrische hölzerne Giebeldreieck der Synagoge ist keineswegs einmalig in Erfurt, sondern findet sich in Varianten im Bereich der Erfurter Altstadt, beispielsweise an der Barfüßer Kirche oder weit weniger hochragend an einem Haus in der Marstallstraße / Lange Brücke.

Die auf einer alten Karte zu sehende zugespitzte Form findet sich wieder auf der restaurierten Fassade der Synagoge:

Zusammengefasst deutet trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren nichts darauf hin, dass es sich bei der beworbenen „Alten Synagoge“ in Erfurt tatsächlich um den auf den Fundamenten einer mittelalterlichen Synagoge errichteten Nachfolgebau oder gar um die älteste erhaltene Synagoge, ob nun der Stadt, Deutschlands oder Europas handelt.

Dass es bis ins 15. Jahrhundert eine bedeutende mittelalterliche jüdische Gemeinde gab, steht außer Zweifel ebenso wie die Notwendigkeit diese im Kontext der Fakten zur Stadtgeschichte angemessen zu würdigen. Ohne Zweifel wäre es durchaus wünschenswert, könnte man möglichst viele originale Zeugnisse mittelalterlichen Judentums entdecken und bewahren.

Im Abstand von 660 Jahren ist es fragwürdig, ein ohne Zweifel mehrfach erheblich umgebautes Gebäude, das nur phasenweise originale Bausubstanz, dafür aber jede Menge Spuren seiner weiteren Geschichte enthält, „pars pro toto“ umzudeuten, als gelte es im Sinne von Aristoteles ein „Ergon“ zu finden, um auf „auf gut Glück“ an eine Ortsgeschichte zu erinnern, die nun aber am gezeigten Schauplatz in dieser Form sehr wahrscheinlich nie bestanden hat.

Auch wenn die Intention anhand der eigenen Stadtgeschichte mehr als nur Allgemeinplätze  des Judentums (das 1350 ein anderes ist als heute) zu vermitteln (wozu eine Edition „Erfurter“ hebräischer Schriften durchaus geeigneter wäre)„positiv“ zu werten ist, ist dies im Grunde doch bloße Science Fiction. Daran ändert weder die (mehrfach) ausgezeichnete Präsentation (etwa eine Auszeichnung für das einheitliche Design der Bücher und Prospekte zu den jüdischen Orten der Stadt oder ein „European Tourism Award“ der British Guild of Travel Writers, …), noch eine Bewerbung als „Weltkulturerbe“.

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Although the British Guild of Travel Writers in 2011 has awarded the Old Synagogue of Erfurt with its “European Tourism Award” it most likely rather refers to a successful tourism concept than to historical facts. The building is regarded and promoted as “oldest synagogue of Europe”, but of course was not used as synagogue during the last 663 years and is no synagogue today. Furthermore there hardly is anything what may indicate that it was an ancient synagogue at all. The orientation of an ancient synagogue in medieval times was toward Jerusalem. Only in more recent times, mistaken by a North African “Mizrakh”, a mere eastern orientation was regarded as sufficient, altough it made no sense in Central or Northern Europe. The building in Erfurt however only to some degree orientates towards south-eastern direction, but clearly not towards Jerusalem, but only towards Laibach, south Italian Brindisi or finally towards East Libya, Sudan and finally Kampala, capital of Uganda. Although the building unquestionable is pretty old it also was converted, rebuilt and reconstructed time and again, so that already in 1868 Mr. Adolph Jaraczewsky, rabbi of Erfurt from 1862 until 1879, said in his “History of the Jews in Erfurt”: “unfortunately the manifold constructions at the interior of the building in the course of centuries have varied so much so that it is not possible to see which sections it may had in the times it was used for (religious) services. Also the new promoters of the building as synagogue admit that the outline (of the building) in Erfurt differs exceptionally from all other known (contemporary) synagogue buildings and that the reason for this until now is still “unclear”. According to the law of parsimony one rather simple reason to answer the question maybe was that it never was a synagogue.

Local tradition examined more closely shows a number of contradictions. The popular version has it that in spring 1349 a mob attacked the Jews in Erfurt and killed all or at least most of them. With that the old synagogue ceased to be the center of Erfurt’s Jewry. When a couple of years later they returned to Erfurt the municipality financed a new synagogue for the Jews, while the old one passed into “private” ownership, whatever this could have meant in mid-fourteenth century. However, the newly built second synagogue was depicted in a handwritten chronicle and was used by the Jewish community of Erfurt until their expulsion from the city in 1458. Some twenty years later, the building was converted into a church. After the conflagration of 1736 the remnants of the church were pulled down, so that there is no leftover from the second synagogue.

Another version says that the Jews resisted the attackers so that they set the Jewish houses on fire. However in 1357 a number of Jewish leaders returned to Erfurt from neighboring towns like Arnstadt and rehired their former property within the city, thus also the old synagogue which laid waste for some years. The synagogue in this version was refurbished.

Since there is no reasonable indication for a synagogue in this building, it is entirely possible that the old synagogue of Erfurt damaged in 1349 and afterwards was used until 1458 and converted into a church in 1479 was a quite different building than the one which today is promoted as “oldest synagogue” of Europe. Since the building however wasn’t used as a synagogue for 660 years anyway it would not matter anyway, but if the intention is to provide some pieces of genuine history it of course is appropriate to go better without science fiction or wishful thinking.        

בארפורט יש בית הכנסת העתיק ביותר באירופה. זה מה שהם אומרים

אבל יש רק הוכחה קטנה והרבה וחשיבה חיובית

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A Erfurt, nella capitale est-tedesca della Turingia, si trova la più antica sinagoga europea. Questo è ciò che si dice. Anche se vi è solo una prova molto poco, hanno un sacco di pensiero positivo e concetti di marketing buoni. Forse sufficienti per guadagnare Patrimonio dell’umanità premio di UNESCO …


Die Erfurter Judensau

May 18, 2012

Zu den herausragenden authentischen Zeugnissen über die mittelalterliche jüdische Gemeinde im thüringischen Erfurt gehört die offenbar nur wenig beachtete „Judensau“ im Erfurter Dom.

Sogenannte „Judensäue“ sind eine hauptsächlich deutsche Eigenart (Beitrag zum Exemplar in Regensburg: https://jhva.wordpress.com/2011/09/06/die-judensau-in-regensburg ) . Sie stellen meist am sog. Judenhut zu erkennende Juden dar, die auf einem weiblich Schwein sitzen oder von unten an dessen Zitzen schlecken und dergleichen. Allgemein wird vermutet, dass die Darstellung von Juden mit Schweinen eine Art Schande für Juden sei, da das Schwein gemäß den Bestimmungen der Tora „besonders unrein“ sei. Zwar ist es zutreffend, dass Schweinefleisch nach den Geboten vom Sinai nicht für den Verzehr geeignet und im Judentum verboten sind, jedoch trifft dies in der genau selben Weise auch auf Delfine, Pferde, Adler, Löwen, Hunde, Elefanten, Insekten, Katzen oder Pandabären zu, die ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Es gibt nichts, was ein Schwein „unreiner“ machen könnte als ein Krokodil, einen Wellensittich oder Kamele. Es gibt hier keinen Superlativ und nicht koscher ist nicht koscher.

Die Fixierung auf das Schwein ist nichts was im Judentum besondere Relevanz hätte, sondern ist vielmehr der eigenartigen Ambivalenz des Schweins im Christentum zu sehen. Während Jesus im Evangelium noch Dämonen in Schweine zaubert und diese sodann in einen Abgrund stürzen lässt, ist auch dem frommsten Christen das Essen von Schweinen selbstverständlich erlaubt. Sehr ausgeprägt ist dies gerade in Deutschland, wo ungezählte kulinarische „Spezialitäten“ zubereitet werden, wie Bratwürste, Schinken, Schnitzel, Schweinshaxen, Saumagen, und vieles andere mehr, was in vielen Regionen geradezu identitätsstiftend zur „echten Tradition“ dazu gehören soll. Offenbar recht leckere „Schweinereien“ sind demgemäß gerade in Deutschland fast sprichwörtlich in aller Munde. Auch, weil andererseits das wohl ganz gerne genossene Schwein auch wieder ein Schimpfwort ist: du Schwein, du Sau, du Dreckschwein, du Ferkel, usw. wecken in christlich-deutschen Ohren Assoziationen, die es so kaum in anderen Sprachen gibt. Im Gegensatz dazu wäre es eher eigenartig ein hebräisches חזיר als Schimpfwort zu gebrauchen, zumal die Wortwurzel „zurückkehren“ (חזר) bedeutet, was wenigstens linguistisch das Schwein zu einem „Rückkehrer“ macht. Andererseits ist im Deutschen das Schwein Ausdruck in ungezählten Wortkombinationen, die sich auch in der stets wandelnden Jugendsprache halten, wie beispielsweise „saugeil“, „saubillig“, „schweineteuer“, „sauertopf“, oder „saublöd“ … die je nach Kontext mal eher positiv, mal eher gegenteilig verstanden werden. Einen solchen Stellenwert hat „das Schwein“ nur in der deutschen Sprache.

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Die „Judensau von Erfurt“ befindet sich am Chorgestühl im Marien-Dom (beatae mariae virginis). Anders als die meisten Judensäue ist die Erfurter keine Steinskulptur. Es handelt sich vielmehr um ein geschnitztes Flachrelief aus Eichenholz, das etwa aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammen soll. Dargestellt ist ein Jude, der auf einer Sau reitet, wobei sein Fuß in einem Steigbügel steckt. Wie anderswo, sind auch hier die Proportionen der insgesamt äußerst aufwendigen und detailreichen Darstellungen völlig unrealistisch, da der Jude kaum größer ist als das Schwein, das in Natura kaum mehr als 80 cm Schulterhöhe erreicht. Das Schwein ist durch die Zitzen eindeutig als weibliches Tier, als Sau erkenntlich. Dem jüdischen „Schweinsteiger“ oder „-reiter“ gegenübergestellt ist nun ein Ritter, der mit einem Pferd auf den Juden zureitet und in einer Hand eine Lanze hält, wie man sie von Rittern kennt, während er in der anderen Hand ein Schild hält, auf welchem ein Fisch abgebildet ist. Im Schweinereiter trägt der Pferdereiter keine Kopfbedeckung, auch keinen für einen Ritter sodann typischen Helm. Beide Reiter sind von einem Weinstock umgeben, wobei der Jude sich mit einer Hand an einem gebogenen Strang festhält, an welchem einige Reben und Blätter hängen. Vielleicht wird dieser dem  Pferdereiter entgegen schnalzen, so der Jude loslässt.

Über den beiden Reitern befinden sich eingekreist zwei musizierende geflügelte Personen („Engel“). Der eine spielt eine Art Geige, der andere offenbar eine Art Harfe. Unterhalb der Reiter befinden sich zwei tierische Figuren: offensichtlich jagt der Hund unter dem Pferd den Hasen unterhalb des Schweines. Letzteres ist eine im mittelalterlichen Judentum durchaus geläufige Darstellung aus zahlreichen illustrierten Pessach-Erzählungen, wobei der verfolgte Hase die Juden darstellt. Insbesondere in der späteren Augsburger Druck-Variante ist das „“Jag den Has‘“-Motiv von besonderer Bedeutung.  Die Tatsache aber, dass Hasen genauso wenig koscher sind wie Schweine und gleichfalls nicht gegessen werden dürfen hat jüdische Maler nicht davon abgehalten Hasen als ein Symbol für das Judentum darzustellen, so wie bereits in der Antike Löwen immer wieder das jüdische Volk darstellen.

Es wird angenommen, dass die Darstellung in einem Zusammenhang stehen könnte mit dem „Pogrom“ an den Erfurter Juden im Jahre 1349, bei dem die jüdische Bevölkerung getötet und vertrieben worden sein soll. Die Darstellung ist von handwerklich herausragender Qualität und man möchte kaum glauben, dass sie bereits über sechseinhalb Jahrhunderte alt sein soll. Jedoch ist es ungleich schwieriger dieses eigenartige Detail im Rahmen einer Serie zahlreicher weiterer bildlicher Motive angemessen zu deuten. So kontrastiert die Disproportionalität der Figuren eigenwillig mit der sehr genauen Darstellung ihrer Details. Während also das Pferd und das Schwein, auf dem die beiden Reiter sitzen, in ganz grotesker Weise etwa gleich groß sind, hatte der Künstler andererseits dann doch Faltenwürfe der Gewänder, Gesichtszüge, Ausstülpungen von Weinblättern, usw. recht genau herausgearbeitet.

Schnitzerei am Chorgestühl im Erfurter Dom: die Darstellung der Judensau befindet sich zwischen den roten Markierungen unten

Die Szene stellt einen mit einer Lanze bewaffneten Reiter auf einem Pferd dar, der einen Mann mit Judenhut, der auf einem Schwein sitzt angreift. Der nach damaligen Maßstäben bestens ausgebildete Elitesoldat attackiert demnach einen unbewaffneten Zivilisten, was nun sicher keine Großtat ist. Eigenartig ist demnach die Geisteshaltung der Christen, die eine solche, recht feige Schandtat ganz offensichtlich heroisieren will. Andererseits mildert die Tatsache, dass der bewaffnete Angreifer auf einem Pferdchen sitzt, das gerade mal so groß ist wie ein weibliches Schwein, die Szenerie gewiss ins Lächerliche, woran auch die musizierenden Engel über ihnen nichts mehr ändern können. Man ahnt fast, dass sie leicht variiert ein Kinderlied anstimmen mochten: „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf Galopp! Über Stock und über Schweine …“

Erfurt “Braugold” Maibock at Biergarten next to the Cathedral (Domplatz), worth a try other than the normal beer

Among the outstanding authentic testimonies about a medieval Jewish community in Erfurt, is the so called “Judensau” (Jews sow) depiction at the choir stalls of Erfurt Cathedral, which however apparently gets only very little attention in the capital of Thuringia which otherwise for a number of years in noticeable extents tries to rediscover its mediaeval Jewish past.