360. Todestag von Judit Kitzingen

May 17, 2015

Vor recht genau 360 Jahren, am 20. Mai 1655 starb Judit Kitzingen in Steppach im Alter von 70 Jahren, wo sie als Witwe des berühmten, 12 Jahre zuvor verstorbenen Rabbiners Jakob Kitzingen lebte. Geboren wurde sie in Pfersee als Tochter des Pferseer einflussreichen Gemeindevorstands und Rabbinatsrichters Meir Ulmo.

Judith war die dritte Frau des bedeutend älteren aus Schrimm (שרים pol. Śrem) bei Posen stammenden Jakob Kitzingen (1566-1643), der zu den Anhängern des kabbalistischen Messias Schlomo Molcho (שלמה מולכו ,1500-1532) gehörte. Molcho war in Portugal als Kind zwangsgetaufter Juden geboren, jedoch zum Judentum zurückgekehrt, um binnen kurzer Zeit als Messias europaweit für erhebliches Aufsehen zu sorgen. Sein „Fall“ wurde 1530 auch am Reichstag von Augsburg behandelt, und zwei Jahre später 1532 nochmals am Reichstag in Regensburg. Mittlerweile war Molcho nach Italien gezogen, um dort öffentlich zu predigen, in der wenig realistischen Absicht, den Papst von seiner Mission zu überzeugen. Dieser ließ ihn verhaften und zum Tode verurteilen. Eine von Kaiser Karl V. vermittelte Begnadigung unter der Bedingung, sich erneut zum Christentum zu bekennen, lehnte Molcho mit der Bemerkung ab, dass nicht mal Jesus das getan habe. Er wurde in Mantua öffentlich verbrannt.

Über 60 Jahre später bestimmte Jakob Kitzingen in seiner 1597 gedruckten Schrift חג הפסח Schlomo Molcho als den einzig wahren Messias. Nachdem seine Parteinahme aber Proteste hervorrief, verließ er Polen und übersiedelte er 1610 nach Schwaben, wo er als Rabbiner in Steppach (Grab 42-03) lebte und mit Jutla 8 Kinder hatte, worunter sich weitere Rabbiner befanden. Auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinden Pfersee, Kriegshaber und Steppach (פגש) wurden neben Jakob und Judit (Jutla) auch zahlreiche ihrer Nachkommen bestattet. Auf Jakob Kitzingens Auslegung in seiner erwähnten Schrift geht übrigens auch der aschkenasische Brauch zurück, dass jüdische Hausväter am Abend zum Festmahl der Seder ihren “Kittel”, das künftige Totengewand, tragen. Dass sich dies mit einem Steppacher Rabbiner verbindet, ist durchaus bemerkenswert.

Judit Kitzingen 1655 Hebrew gravemarker Pfersee Kriegshaber Augsburg hebräischer Grabstein

                          Grabstein 40-13 (H 12) am Friedhof Pfersee/Kriegshaber der Judit Ulma Kitzingen,

Donaukalk 109 x 60 x 17 cm, Foto: CAHJP P160/115

 

פה טמונה ונוחה הנזכרת לברכה ידה היתה פתוח ללוחה וקבלה עניים בשביתה הצנועה הגבירה זיוף והדרה לבעלה היתה עטרת מ יוטלא בת מאיר אולמ’ אשת הה כהרר יעקב קיצינגן שטפך הלכה לעולמה ב ע שנה יו א כג אייר תטו לפק תנצבה

Hier ruht und ist begraben in gesegnetem Gedenken deren Hände stets offen waren und zu ihrer Tafel Arme in ihrem Haus empfing, die bescheidene Dame, die der Fälschung auswich und ihrem Gatte die Krone war, Jutle, Tochter des Meir Ulmo (Pfersee), Frau des verehrten Rabbi Herrn Jakob Kitzingen Steppach, die zu ihrer Welt ging mit 70 J., Tag 1, 23 Ijar 415 nach kurzer Zählung. Ihre Seele ist eingebunden im Bund des Lebens.

Das Todesdatum Tag 1, 23. Ijar 5415 entspricht im christlichen Kalender Sonntag 20. Mai 1655.

 

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360 years ago Judit (Jutle) Kitzingen died age 70 in Steppach. She was the 3rd wife of Rabbi Yakov Kitzingen from Poalnd who was one of the late followers of kabbalistic Messiah Shlomo Molcho who was burned 1532 in Italian town of Mantua. After publishing his pleading fpor Molcho which was printed in 1597 Kitzingen had to leave Poland and had moved to Swabia, where he married Judith the daughter of the rabbinical judge Meir Ulmo from Pfersee. The couple had 3 sons and 5 daughters.


Schwäbische Esther Rollen aus Pfersee und Kriegshaber

October 14, 2013

Mangold Blätter Kriegshaber Pferseefrische Mangold Blätter (chard leafs) vom Augsburger Stadtmarkt

SCHWÄBISCHE ESTER ROLLEN

= gefüllte Mangoldblätter nach alten jüdischem Rezept aus dem ehemaligen österreichischen Schwaben (Pfersee, Kriegshaber)

Das Rezept ist erhalten in einem Brief aus dem Herbst 1699 in welchem Jitle Ulmo, die Frau des Metzgermeisters und Prüfers Meir Ulmo aus Pfersee ihrer jüngeren Nichte, die interfamiliär nach Prag geheiratet hatte eine Anzahl von Rezepten für das bevorstehende Laubhüttenfest aufschrieb.

Ganz simpel zählt es die erforderlichen Zutaten auf, die ja ohnehin nach dem eigenem Gusto zur Anwendung kommen: erdbiren, schapkas, simsem, patim, pilpel und frischen knowel mischen, in bletter fon mangold einrollen und in der Pfanne mit dem obligatorischen Leinöl heraus backen oder braten.

Mit der „Erdpir“ oder „Erdbirn“ war damals noch die „Kartoffel“ gemeint. Schapkas ist Schafskäse, mit Simsem ist Sesam gemeint, der damals aus der Türkei importiert wurde und entsprechend teuer war. Patim sind die schon in der antiken jüdischen Küche fast überall enthaltenen Brotkrumen, die übrig bleiben und bei zahlreichen anderen Speisen beigemischt wurden, insbesondere bei Suppen, Saucen, etc. um Halt und Festigkeit zu geben. Knowel oder Knobel ist wie man sich denken kann, der Knob-Lauch und wie bei allen Speisen verwendete zumindest Frau Ulmo aus Pfersee zum Braten Leinöl, mit seinem feinen leicht nussigen Geschmack.

Hinweis: Traditionelle jüdische Rezepte erfordern eine Reihe von Voraussetzungen, die heute nicht immer zweifelsfrei gegeben oder ohne weiteres erfüllbar sind. Beispielsweise ist es in Deutschland derzeit nicht möglich und auch allgemein nur sehr schwierig, die ursprünglichen Voraussetzungen der Chalaw Jisrael-Bestimmungen für koschere Milch einzuhalten. Das biblische Gebot nicht das Zicklein in der Milch seiner Mutter zu kochen, ist in der Tora gleich dreimal erwähnt, woraus die talmudischen Weisen auf ein dreifaches Gebot schlossen, nämlich in Bezug auf die Grausamkeit gegenüber dem Tier diese nicht selbst auszuführen, einem Übertreter keine Bühne zu bieten und schließlich vom Bruch des Gebotes in keiner Weise zu profitieren.

Deshalb empfiehlt es sich Schafskäse und dergleichen durch Tofu und/oder sog. “Analogkäse” (meist  ebenfalls aus Sojabohnen) oder aus anderen, pflanzlichen Fetten, etc. zu ersetzen.  Sie sind geschmacklich in der Regel genauso gut, schmecken oft sogar besser. Der selbe Rat gilt natürlich auch all jenen, die an einer Milch-Allergie leiden, die in der Regel als sog. „Laktose-Intoleranz“ etikettiert wird.  Aber es sind nicht Sie die „intolerant“ sind, wenn ihr Körper sich versucht, sich gegen die völlig überflüssige Aufnahme fremder Brustmilch einer anderen Spezies zur Wehr zu setzen.

Kriegshaber Pfersee Jewish Esther Rolls Mangold filled chard rolls17th century Jewish food from Swabia: filled Esther Rolls cooked with linseed oil

SWABIAN ESTER ROLLS

An old Jewish recipe from former Austrian, today Bavarian Swabia as noticed by Jitel Ulmo wife of the master butcher from Pfersee Meir Ulmo in fall 1699 in order to instruct her younger niece who had married to Prague and needed some haimishe (homey) recipes for the imminent festival of booths (suckot).

The recipe quite simply adds the needed components, obviously because everything else depends on the taste and experience of the cook and the eater: potatoes, ewe’s cheese,  sesame,  breadcrumbs, pepper and fresh garlic, mixed altogether and filled in the leafs of the chard (mangold), fried in crude linseed oil.

The term erdpir or erdbirn literally means “earth berry” and was the then common name for potatoes – later under Prussian influence “kartoffel” as corrupted version of the Italian “Tartuffo” prevailed in whole Germany, although in Austria and some parts of Bavarian Swabia “Erdapfel” (earth apple, compare French “pomme de terre”) still is frequent in spoken language. Schapskas is sheep cheese. Sesame in late 17th century was very expensive and exported from Turkey. As for many other dishes crumbs of bread as a useful leftover of shabbes was used during the week and was added to other recipes especially to soups or sauces. For all known recipes Mrs. Ulmo used linseed oil (which has a fine nutty flavor) for frying anything in an open pan. 

NOTE: Traditional Jewish recipes take some requirements for granted which however today mostly cannot or only hardly can be matched. Usually there is no milk in Germany which meets the kashrut requirement of original chalav yisroel standards. The commandment not to cook the kid in the milk of the mother, which is mentioned 3 times in the Tora and thus it is regarded as a three-way commandment: not to perform and not to stage any kind of transgression and in no way to derive any benefit from being cruel to animals.

Therefore it is recommended to replace ewe’s cheese by tofu and/or so called cheese analogues (most frequently from soy beans as well) or from any other plant based substitutes. Of course the advice is given to people who suffer from increasing milk allergies (usually belittled as “lactose intolerance”, but is it you who is “intolerant” when your body tries to resist the needless absorption of another beings breast milk?)

HAVE A GOOD MEAL