Woran man antisemitische Medienberichte erkennt und wie man damit umgeht

July 22, 2014

palestinian media victimPalestinian media victim, usual people smile in front of cameras

Woran man antisemitische Kriegsberichte erkennt und wie man damit umgeht

Dass Polemik und Propaganda Bestandteile von Krisen und Kriegen sind, war bereits in der Antike sattsam bekannt. In der heutigen Zeit, wo vielleicht zu viele meinen, Kurznachrichten und Schnappschüsse wären geeignete Mittel, um rasch über ein Geschehen in einem anderen Teil der Welt zu informieren, ist der technische Fortschritt längst der gezielten Manipulation erlegen. Wo Analysen ausbleiben und Rückfragen über Motive und Beteiligung der Vermittler verschwiegen werden,  ist die sekundenschnelle Übermittlung auch kein Vorteil, sondern nur voreilig. Ein Paradebeispiel dafür ist derzeit mal wieder „der Nahostkonflikt“, ausgetragen im x-ten militärischen Kampf zwischen der Armee Israels und der Paramilitärs der Hamas.

Wie in den vorhergehenden Konflikten ist auch jetzt die Situation etwas paradox: „Während die Palästinenser nur zivile Opfer melden, gibt Israel an, diese vermeiden zu wollen und während die Hamas ausnahmslos zivile Ziele in Israel beschießt, gibt es kaum zivile Opfer in Israel.“ Schon die simple, noch nicht hinterfragte Zusammenfassung beansprucht mehr Zeichen, als eine Twitter-Meldung erlaubt. Aber wozu nach Erklärungen suchen, wenn man stattdessen das Bild eines getöteten palästinensischen Kindes zeigen kann? Ein Bild sagt mehr als 140 Zeichen. Scheinbar.

Wie die (in aller Regel nicht pro-israelische) BBC zu Beginn des aktuellen Konflikts schon ermittelte, stammten eine Reihe der veröffentlichten Bilder, welche palästinensische Opfer israelischer Angriffe auf Gaza zeigen sollten, aus Syrien und dem Irak und teilweise waren sie auch bereits zwei Jahre alt. Das war jemanden nur zufällig aufgefallen, der die alten Bilder schon mal angeboten bekommen hatte. Dem gewöhnlichen Konsumenten westlicher Medien kommt es nicht in den Sinn, solche Berichte zu hinterfragen und selbstverständlich müsste man sich schon gezielt darauf spezialisieren, sich Text-, Bild- und Video-Archive zu diversen Themen und Krisengebieten anzulegen, was weder appetitlich, noch machbar und im Prinzip auch nicht erforderlich ist.

Prinzipiell kann man als normal denkender Mensch voraussetzen, dass wer Waffen einsetzt, immer darauf abzielt, Schaden anzurichten und dass dabei auch Menschen Schaden nehmen, es Verletzte und Tote geben kann und gibt. Die gibt es natürlich auch sonst, etwa bei Stürmen, Erdbeben oder verteilt im Straßenverkehr. Rein statistisch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man in Israel oder Gaza in einem Verkehrsunfall verwickelt wird und dabei verletzt oder getötet wird, um ein Vielfaches höher als die Möglichkeit Opfer eines Terroranschlags oder Raketenangriffs zu werden.

Wer etwas aufpasst, der kann schon bemerken, dass es zahlreiche zeitgenössische Konflikte gibt, mit Toten und Verletzten, beinahe täglich. Das meiste davon beachten unsere westlichen Medien überhaupt nicht, manches erst dann, wenn an einem einzelnen Tag eine sehr hohe Opferzahl erreicht wird oder wenn die Aufmerksamkeit bereits entsprechend ausgerichtet ist. Wenn dem so ist, dann kann auch das deutsche Fernsehen am Rande mitteilen, dass islamistische Terroristen der sog. Boko Haram in Nigeria einen Bombenanschlag auf Fußball-Fans machten, die wie auch hierzulande üblich, in großen Mengen vor Großbildschirmen gemeinsam Spiele ansehen. Bilder braucht das Fernsehen dafür nicht und so reicht es zu sagen, dass es „einige Dutzend Tote und hunderte Verletzte“ gab. Genauso verhält es sich auch mit Kämpfen der sog. „ISIS“ im Irak, Auseinandersetzungen in Libyen, im Libanon, Ägypten, … sonst wo.

Sogar in der Ukraine, wo seit Monaten tägliche Kämpfe stattfinden, erfahren wir meist nur verbal von offenbar periodisch anfallenden Toten. Mal sind es 3, dann “über ein Dutzend”, usw. Ihre Zahl fürs Jahr 2014 wird derzeit auf 3000 geschätzt – aus der Distanz versteht sich. Könnte ja auch so sein. Man weiß es nicht. Investigativer Journalismus findet hier nicht statt. Ab und an gibt es szenarische Aufnahmen. Man sieht ein beschädigtes Haus, ein ausgebranntes Auto und dergleichen, manchmal auch ein paar bedeckte Körper aus einiger Distanz. Auch bei der wohl abgeschossenen malaysischen Verkehrsmaschine MH 17 in der Ostukraine war dies nicht anders. Obwohl der Umgang mit den Leichen durchaus im Blickpunkt internationaler Kritik war, zeigten unsere Medien nur wenige abgedeckte Körper in weiter Entfernung. Im Prinzip reicht das ja auch. Anders wäre es ja nicht mit dem sonst üblichen Sinn für Pietät zu verbinden.

Im Gaza-Konflikt ist das nun ganz anders. Dort kann die Kamera gar nicht nah genug dran sein, wenn Blut fließt, arabisches. Wenn man andernorts aus Desinteresse oder Respekt auf Distanz bleibt,  gibt es hier den Zoom, die Fixierung. Warum sollte sich jeder fragen, dem das Thema interessant genug ist.

Auch wenn wir beiseitelassen, dass kaum jemand wirklich beurteilen kann, ob die jeweiligen Bilder nun wirklich aus Gaza stammen oder nicht doch aus Syrien oder aus einem der zahlreichen anderen Kriege in der Region, in welchen Muslime sich und andere verwickeln, bleibt doch die Frage: warum zeigt man uns das? (und anderes nicht)

Welchen “Zweck” erfüllt ein totes oder verletztes palästinensisches Kind in unseren Medien, die kein vergleichbar nahes Interesse bekunden, wenn es sich um tote holländische Kinder handelt, oder um schwarzafrikanische Terroropfer oder um Muslime die in Syrien und im Irak sterben, Tote von denen es dort in der Woche mehr gibt, als in Gaza im Jahr.

Die Antwort ist simpel: Es interessiert niemanden.

Nur die Palästinenser werden wahrgenommen, jedoch auch nur wegen Israel. Es hat mit dem sog. “Holocaust” zu tun, der gezielten Massentötung von Zivilisten durch die deutsche Militärmaschinerie. Zu belegen, dass „auch“ Israels Militär Zivilisten tötet ist der Balsam, den man zu gewinnen sucht.

Kein Wunder, dass die Hamas gerade hier ihre treuesten Verbündeten hat. Ohne den rettenden Beistand aus Europa (und neuerdings auch der USA) wäre die Hamas auch längst verschwunden. Auch jetzt, wo die Hamas, deren Führung in Qatar sitzt, wieder am Rande der Niederlage ist, intensivieren sich die Bemühungen des Westens sie zu retten.

Zu simpel? Mag sein.

Tatsache ist aber, dass Medien, die verlustreichere Kriege allenfalls als Kleinmeldungen erwähnen, nicht glaubwürdig werden, wenn sie, wie heute abend etwa CNN sogar einem palästinensischen Jugendlichen einen Interview mit Starmoderatorin Christiane Amanpour widmen, „nur“ weil er vor einem Monat wahrscheinlich von einigen durchgedrehten israelischen Soldaten verprügelt wurde. Wenn es wirklich so war, wäre das nicht zu rechtfertigen, keine Frage.

Aber mal im Ernst: welcher andere von der Polizei oder sonst wen verprügelte Jugendliche bekommt eine Sondersendung bei CNN, die weltweit ausgestrahlt wird? Warum werden andere, vergleichbare Fälle nicht so hoch gehangen?

Was sollen amerikanische Jugendliche drüber denken, die von wenig zimperlichen US Polizisten misshandelt werden, was häufiger vorkommt als man glauben will (ein paar spektakuläre Fälle: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_cases_of_police_brutality_in_the_United_States)? Bekommen sie eine solche Chance, ihre Erfahrungen der Welt mitzuteilen? Natürlich nicht. Würden sie eine solche Aufmerksamkeit ablehnen. Kaum.

Hat die Zuneigung von CNN & Co. für die Palästinenser damit zu tun, dass die Qatar Foundation ihr enger Partner ist – ..? Könnte sein, immerhin hat sich ja auch die FIFA einkaufen lassen um dort 2022 eine Fußball-WM im Sand zu veranstalten. Aktuell ist dort gerade schon die Handball-WM. Wer nimmt da noch zur Notiz, dass auch die Hamas-Führung in Qatar residiert???

Zufall? Man weiß es nicht. Unsere Journalisten interessiert das nicht so sehr.

Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright etwa sagte gestern auf CNN, dass Israel angesichts der zahlreichen zivilen Opfer unter den Palästinensern in Gaza seine „moralische Autorität“ verspiele. Als Albright Außenministerin war, störte es sie wenig, dass bei den Bombardement Serbiens 1999 einige Tausend Zivilisten getötet wurden. Eine genaue Zahl wurde nie ermittelt und interessierte auch niemanden. Für die  Kritiker schuf die NATO-Diplomatie damals den zynisch aufgefassten Begriff des Kolateralschadens. Das hat Albright inzwischen wohl vergessen, sicher auch weil ihr Argument auf sie selbst angewandt, ihre “moralische Autorität” in Nichts auflöste. Genaue Zahlen kennt man nur aus Gaza und sie werden mehrmals täglich aktualisiert. Anderswo ist das auch nach Jahren nicht möglich, hier schon. Hamas sei Dank.

Wie oft eigentlich haben US-Militärs in den letzten zehn  Jahren völlig friedliche Dörfer und Hochzeitsfeiern zerbombt mit ungezählten Toten und Verletzten? Warum schauten die Kritiker, die Israel im Fokus haben, bei all diesen Gelegenheiten weg?

Ist das Zufall? Nein.

Wer interessiert sich in Deutschland für die zivilen Opfer in Afghanistan? Zwar kann es auch bei deutschen Kommandos schon mal 90 tote Zivilisten geben, irrtümlich versteht sich, aber wer möchte da ins Detail gehen, Fotos aus der Nähe sehen, Interviews im Abendprogramm machen?

 

Antisemitismus basiert auf einem simplen Mechanismus: Israel oder einzelnen Juden werden negativ beurteilt nach Kriterien, die man sonst (und schon gar nicht auf sich selbst) nicht anwendet.

Das zu wissen und zu beachten reicht.


Israel im Spiegel des statistischen Weltfriedens

May 1, 2014

Berlin Alexanderplatz Fernsehturm Weltzeituhr“Weltzeituhr” am Alexanderplatz, Berlin

Die Wahrnehmung Israels und der Nahostkonflikte im weltweiten Vergleich

In einer repräsentativ eingestuften, von der EU beauftragten Umfrage meinten 65 % der befragten Deutschen im Jahr 2003, Israel sei die größte „Bedrohung für den Weltfrieden“. Aus einer vorgegebenen Liste konnten die Teilnehmer mehrere Länder als entsprechend „gefährlich“ einstufen. Weit hinter dem „Favoriten“ Israel rangierten Nordkorea, der Iran, Irak und Afghanistan, gefolgt von den USA und Russland. Nach Staaten der EU wurde nicht gefragt, auch nicht nach Deutschland, Lichtenstein, dem Vatikan oder der Schweiz.

Das Ergebnis der Umfrage wurde damals und seit dem sehr kontrovers diskutiert. Meist in der Weise, warum es in Deutschland eine doch so hohe Bereitschaft gebe, Israel einseitig „an den Pranger“ zu stellen, oder aber, ob die “in der gesamten EU verbreitete Kritik” an „Israels Politik“ trotz mancher Überzogenheit nicht doch ein gewisses Quantum „Wahrheit“ beinhalte.

Nicht hinterfragt wurde jedoch das Motiv dafür, Israel, dessen Militär sich bislang nicht außerhalb der eigenen Grenzgebiete betätigte, in einer Frage nach dem „Weltfrieden“ aufzulisten, so als wären wenigstens Ansätze dafür erkennbar, dass der Judenstaat etwa Argentinien, West Sahara, Hongkong, Tibet, Tasmanien oder doch wenigstens Mekka und Medina erobern wolle, von der Rückeroberung Altona, Worms und Kriegshaber mal ganz zu schweigen. Wenngleich also sachlich eher fragwürdig, mag schon die Auflistung wie auch die „Wahl“ der Befragten mit der übergroßen, nicht zu leugnenden Popularität Israels zu tun haben, sind Berichte zum sog. „Nahostkonflikt“ seit Jahrzehnten doch fester Bestandteil der Medienberichte weltweit, wie sonst nur Börse, Sport und Wetter, insbesondere auch gerade in Deutschland.

Als „Nahostkonflikt“ wird damit im Jargon der Medien – trotz zahlreicher andere, erheblich gewalttätigerer Konflikte und Kriege in der Region – begrifflich noch immer “der” Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern (bzw. ggf. Arabern) bestimmt. Wann immer also sonst nichts gesagt ist, meint der Begriff sodann auch fast immer und ausschließlich die „Ungleichung: Israel-Palästina“. Annähernd, aber dann doch nicht ganz so stereotyp handhabt dies der amerikanische Begriff „Middle East“, denn zumindest seit dem „9/11“ hat sich der Blick für die Region auch für die Korrespondenten etwas geschärft. Trotzdem hinkt die Analyse der Erkenntnis manchmal noch immer weit hinterher.

Baustellenwerbung in Berlin Schutt füllt BadewannenBaustellen-Plakat in Berlin

Seit 1935, also in fast achtzig Jahren, kamen nach Schätzungen der UNO in den Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden etwa 55.000 Menschen ums Leben. Das ist keine kleine Zahl und ergibt einen rechnerischen Durchschnitt von etwa 690 Toten pro Jahr, wovon ebenfalls statistisch etwa 2/3 Palästinenser und weniger als 1/3 Israelis sind. In Jahren mit Kriegen ist die Zahl wesentlich höher, in anderen liegt sie naturgemäß deutlich niedriger. Im Vergleich zum sonstigen Geschehen auf dem Planeten ist die Zahl der Toten im Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern jedoch erstaunlich gering.

Um dies zu verdeutlichen lohnt es sich bereits, den Blick im sog. „Nahen Osten“ etwas auf die zahlreichen zum Teil äußerst blutigen Gefechte zu erweitern. Einige wenige, noch wenigstens halbwegs geläufige Beispiele aus der Region genügen:

– Im Krieg zwischen dem Irak und dem Iran zwischen 1980 und 1988 starben „über eine Million“ Menschen (Guardian, 2010 und Berufung auf UN-Schätzungen). Die genaue Zahl der Toten zu ermitteln ist übrigens auch nicht im Interesse der Vereinten Nationen, die sich damit zufrieden gab, festzustellen, dass die Opferangaben auf Seiten der ehemaligen Kriegsgegner strittig sind und aus propagandistischen Zwecken wohl absehbar auch bleiben werden. Es wäre also auch möglich, dass eine Million und 55.000 Menschen ums Leben kamen. Wir werden es nie erfahren und keinen Menschenrechtler interessiert es, obwohl der Irak zur Zeit Saddam Husseins etwa 150.000 Palästinenser als Söldner im Krieg gegen den Iran anheuerte.

– Im Zeitraum von 2003 bis 2013 starben im Irak 127.000 Zivilisten und weitere 174.000 Kämpfer bei militärischen Auseinandersetzungen und Terroranschlägen. Offizielle Angaben der irakischen Regierung listen in der Zeit nach dem Sturz von Saddam Hussein bis zum 31.12.2011 die Zahl von 1126 Selbstmordanschlägen auf, bei denen 12.844 Zivilisten und 204 alliierte Soldaten (USA und westliche Verbündete) getötet wurden. 30.644 Zivilisten wurden schwer verletzt, darunter auffallend viele Kinder und Jugendliche, da diese seltener in Autos sitzen, sondern oft in Gruppen frei bewegten. Mit dem Abzug der amerikanischen Soldaten aus dem Irak ist die Anzahl der Anschläge und Todesopfer nicht gesunken, sondern disproportional zum kaum noch vorhandenen Medien-Interesse, deutlich gestiegen.

– Die Zahl der Toten im Libyen-Krieg, der zum Sturz der Regierung von Muamer Gaddafi führte, wurde Ende 2011 von verschiedenen Seiten in der Größenordnung von 20-25 Tausend angegeben, während des Krieges jedoch noch um einiges höher, wahrscheinlich aus Gründen der Kriegspropaganda. Inzwischen gilt seitens der UN die Zahl von 6.121 durch NATO-Angriffe getöteten Zivilisten als bestätigt. Da es „objektiv“ auch tatsächlich schwierig sein konnte, im Kriegsgeschehen einzelne Tote ihren Verursachern zuzuordnen, schließt dies eine tatsächlich noch höhere Zahl nicht aus. Ein ausgeprägtes Interesse besteht seitens der Weltpresse, den internationalen Organisationen oder Menschenrechtsaktivisten auch in diesem Fall nicht. So musste sich auch die NATO nicht für „über 6000“ ums Leben gekommene libysche Zivilisten rechtfertigen. Im sog. Gaza-Krieg im Dezember 2008 bis Mitte Januar 2009 kamen nach halbwegs übereinstimmenden Angaben des israelischen Militärs, der Hamas und internationalen Menschenrechtsgruppen etwa drei- bis neunhundert Zivilisten ums Leben, was für einen internationalen Aufschrei sorgte und auch in winterlichen deutschen Städten den Ruf „Kindermörder Israel“ erschallen ließ. Dass allein die durch „Einsätze“ der NATO verursachten Kollateral-Toten um ein vielfaches höher lagen, interessierte weltweit niemanden. Kritische Einzelstimmen vermerken jedoch in der Nachbetrachtung, dass wenn man im Libyen-Krieg auch Anschläge und Mordkommandos in einzelnen Städten und Dörfern – auf welcher Basis auch immer – mit berechnete, man zu weit höheren Opferzahlen käme. So resümierte im Herbst 2013 die englische „International Business Times“: „Libya: Civil War Casualties could reach 100.000“. Die oben genannte Zahl der ca. 55.000 Toten im achtzig-jährigen Konflikt zwischen Juden und Arabern, wäre in Libyen binnen acht Monate verdoppelt worden.

Die Zahl der Getöteten im syrischen “Bürgerkrieg” hat nach internationalen Schätzungen nach zwei Jahren Kampfdauer, die „psychologische“ Marke von 100.000 überschritten. Auch wenn die Berichte westlicher (US, Europa) Medien den Krieg mitunter tage- oder wochenlang „vergessen“ könne, scheint es doch weiterhin tägliche Gefechte mit Dutzenden oder hunderte Toten zu geben. Im März 2014 schätzten internationale Experten die Zahl der Getöteten im nunmehr dreijährigen „Bürgerkrieg“ auf 150.344 (Daily Star, 1 April, 2014). Keine Angaben liegen aus dem Libanon vor, der seit 2012 durch die mit Assad verbündete Hisbollah zur Konfliktpartei geworden ist. Auch über die Arbeit der deutschen UNIFIL-Soldaten, deren Aufgabe übrigens darin besteht, Waffenschmuggel über die Grenzen des Libanon zu verhindern, liegen keine offiziellen Nachrichten vor. Wahrscheinlich besteht im akuten Kriegsfall aber auch gar keine Notwendigkeit für Waffenschmuggel.

Gelegentliches Aufsehen kann nur der Einsatz von Giftgas gegen Zivilisten oder eine wenigstens dreistellige Zahl von getöteten Zivilisten erregen. Die Aufmerksamkeit ist aber immer nur kurzlebig und nicht ernst gemeint. Demonstrationen gibt es keine und auch Menschenrechtlicher, die sonst mutig die sog. Gaza-Blockade durchbrechen wollen, sind offenkundig anderweitig beschäftigt.

Man könnte natürlich auch unterhalb der “Kriegsebene” beleuchten wollen, wie viele Menschen bei Demonstrationen für oder gegen die sog. Muslim-Bruderschaft in Ägypten starben. Unsere Medien begnügen sich mit der Rechnungseinheit „mehrere Dutzend Tote und hunderte Verletzte“, was zugleich auch in etwa der Wahrnehmungsschwelle entsprechen dürfte, unterhalb der kein „Nachrichtenwert“ besteht. Und was tut sich in Algerien, im Jemen, in Jordanien, in Saudi Arabien, im Iran oder Irak? Interessiert das irgendwen?

Allenfalls sind einige wenige darüber empört, dass im öl- und einflussreichen Katar, dessen Scheichs in Europa, und gerade auch in Deutschland im großen Stil Banken und Versicherungen aufkauften, ausländische Billigarbeiter unter als skandalös beschriebenen Bedingungen ihr Leben verlieren, beim Bau von Fußball-Stadien für die FIFA-WM. Weit populärer ist es da vergleichsweise aber Israel „diskriminierende“ Kontrollen palästinensischer Arbeiter vorzuwerfen, die im Judenstaat oder in den „illegalen“ Siedlungen überdurchschnittlich gut bezahlte Arbeit finden, zumindest wenn man die Löhne vergleicht, die sie in “Palästina” selbst, im benachbarten Ausland oder in Katar bekämen.

Als Zwischen-Fazit lässt sich feststellen: Trotz der beträchtlichen Aufmerksamkeit auch in den sog. westlichen Medien (Europa, Amerika) ist zumindest gemessen an den realen Opferzahlen (Kriege, Terroranschläge, Militäreinsätze) der direkten Nachbarschaft „der“ Nahostkonflikt eher unbedeutend und ja,  fast harmlos. Kein Wunder, dass sich dies auch auf die allgemeinen Lebensumstände auswirkt, die keineswegs den Erwartungen Außenstehender entsprechen.

Synagoge AleppoSynagogue of Aleppo, Syria

So ist nun auch die statistische Gefahr Opfer einer Gewalttat zu werden – und dazu rechnen wir Kriege, Terroranschläge, Raubüberfälle, Schießereien, Drogen- und Bandenkriege und dergleichen – weder in Israel, noch in den Palästinenser-Gebieten sonderlich hoch, weder im regionalen, und schon gar nicht im weltweiten Vergleich:

Nach Angaben der OECD ist die weltweit höchste Sterblichkeitsrate mit 21 Toten pro 1.000 Einwohnern im Jahr derzeit im südafrikanischen Lesotho anzutreffen, gefolgt von Afghanistan und Swasiland mit 18 und dem Kongo mit „15.8“ Toten pro 1000 Menschen und Jahr. Das erste europäische Land folgt erst auf Platz 9 dieser Liste mit der höchsten Sterblichkeitsrate und passt sicher nicht in die von unseren Medien vermittelte Realität: Es ist das kleine eher als beschaulich und mondän empfundene Monaco mit der Quote von 15.2, die in diesem Fall jedoch hochgerechnet werden musste, da das Fürstentum an der Cote Azur nur 36.000 Einwohnern hat – nicht wenige davon gelten als recht wohlhabend.

*
Auf Platz 45 findet sich bereits Deutschland, mit einer Sterblichkeitsrate von 10.4, die etwa der von Rumänien entspricht. Niedriger ist sie in Italien (9.7) und Griechenland (9.6) , Länder, die wir gedanklich eher mit Urlaub verbinden, aber auch mit einem gewissen Maß an Korruption, oder wie im Fall von Italien mit der sog. „Mafia“ und ihren Mordkommandos. Ähnliche Werte kennt die Statistik für Bosnien (9.2) und Österreich (9.1). Den Weltdurchschnitt von 8.3 „Toten pro hunderttausend Einwohnern im Jahr“ erreichen punktgenau Madagaskar, Benin und Grönland und wir können uns selbst überlegen, welche Assoziationen dies für uns weckt oder warum in Deutschland zu leben tendenziell gefährlicher ist als dort. Die USA liegen mit 8.1 etwas darunter, kommen damit aber nur auf Platz 104 und sind allgemein sicherer als Deutschland, auch wenn „die“ Medien uns ein ganz und gar anderes Bild der Wirklichkeit vermitteln, wollen, warum auch immer.

*
Indien, Canada und China erreichen je 7.1 Platz 133. In der Türkei, in Irland und in Brasilien beträgt die jährliche Quote nur 6.2 und im Iran (Platz 172.) liegt sie bei 5.9. Wo nun aber ist sind eigentlich Israel und die Palästinenser abgeblieben? Sie sind nun schon in Sichtweite.

*
Der karibische Inselstaat Antigua and Barbuda, den meisten Menschen allenfalls für seine Tourismus-Werbung der „365 beaches“ bekannt, erreicht bei 85.000 Einwohner (wovon derzeit immerhin 285 Militärdienst leisten) eine jährliche Sterblichkeitsquote von 5.4. Mit nur 5.3 etwas besser ist die Quote die Israel (Platz 190.) erreicht. Die jährliche Sterblichkeitsrate in Israel ist damit nach OECD-Angaben nur halb so hoch wie in Deutschland. Aber fragen Sie mal Ihr Bauchgefühl danach, auch danach, welche Eindrücke von der Wirklichkeit Medienberichte vermitteln.

*
Wegen der geringeren Sterblichkeitsziffer können die Israelis nun aber neidisch auf folgende Staaten blicken: Südkorea etwa mit statistischen 5.0 (Platz 195), Singapore mit 4.5 (206.) oder eben auch auf die „Palestinian Territories“, wie sie in der OECD Statistik genannt werden. Sie erreichen – Kriege, Terror und Vergeltungsschläge hin oder her – einen Wert von 4.0 und sehr eindrucksvollen Platz 216 in der Weltstatistik, der nichts anderes besagt, als dass in 215 anderen Staaten Menschen ein höheres Risiko haben zu sterben (sei es durch Gewalt, Hunger, Krankheit, Katastrophen, oder woran auch immer).

*
Syrien ist in der Studie noch mit dem Wert von 3.1 angegeben, der sich in den letzten beiden Jahren vermutlich aber deutlich erhöht haben wird. Die derzeit niedrigsten Sterblichkeitsraten weltweit finden wir in den arabischen Golfstaaten, deren Luxusbauten alle Welt beeindrucken: Das oben schon genannte Katar mit seinen 2 Millionen Einwohnern (davon sind 80 % Ausländer!) erreicht 1.1 Tote pro 1000 und Jahr und damit den vorletzten Platz 235. Umgerechnet sind das 22 Tote im gesamten Jahr (Fußball-Stadien Arbeiter nicht einberechnet, noch nicht). Offenbar sind arabische Milliardäre dann doch glücklicher als jene die in Monaco leben und weit häufiger sterben. In den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt die Quote nur bei 0.9. Ein Todesfall kann da kaum noch eine natürliche Ursache haben.

Etwas abweichend von den Ergebnissen der OECD sind jene des CIA-Factbook, das jedes Jahr soweit möglich die entsprechenden Zahlen aktualisiert. Dort landet Südafrika mit 17.4 vor der Ukraine mit 15.8 (vor den aktuellen Auseinandersetzungen!). Mit 14.2 Toten pro 1000 bereits spürbar sicherer scheint Afghanistan zu sein, das eine etwa vergleichbare Sterblichkeitsrate hat wie Russland mit 13.9 oder wie Serbien mit 13.7. Auch in dieser Liste rangiert Deutschland mit dem Wert von 11.2 und Platz 36 relativ weit oben unter den Sterbenden, etwa gleichauf mit Uganda, den Tschechen und den Kongolesen (10.6). Laut Angaben der CIA kommen die USA hier mit 8.4 auf Platz 87, geringfügig über den Weltdurchschnitt von 8.0. Israel liegt hier 5.5 auf Platz 171, der Gaza-Streifen kommt auch hier mit 3.15 auf eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten der Welt. Nur in sechs Staatswesen oder Territorien ist sie niedriger, am niedrigsten mit dem 1.4 liegt auch nach CIA-Analyse Katar.

*
(http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_death_rate)

Hofbräuhaus Münchenbeim Hofbräuhaus in München

Nun, man mag einwenden, dass in dieser Art von Statistik, die den Anteil der Sterbefälle in der Gesamtbevölkerung misst, davon beeinflusst wird, dass eine hohe Anzahl von Geburten, die Quote der Sterblichkeit drückt. Dieser Einwand ist berechtigt, trotzdem misst diese Statistik dann aber doch den Einfluss den die Sterblichkeit auf die Entwicklung einer Gesellschaft oder eines Staatswesens hat.
Da bei „den Palästinensern“ ab und an propagandistisch gar von „Völkermord“ die Rede ist, kann dies mittels internationaler Bevölkerungsstatistiken und Studien klar widerlegt werden. Eine Bevölkerung die kontinuierlich stark anwächst, und zwar deutlich über dem weltweiten Durchschnitt wird nicht „ausgerottet“, sie wächst stark an.

*
Auch wenn man sich im internationalen Vergleich ansieht, wie es sich mit Personen verhält, die bei Gewaltakten umkommen, d.h. bei Kriegen, Terror, Kriminalität oder Selbstmord (Faktoren also, die gerade im Nahen Osten nicht immer so genau zu trennen sind), ergibt sich keine wesentlich andere Situation. Anders aber in der Todesursache, die ein beabsichtigtes (Fremd)Verschulden voraussetzt.

*
Die Angaben der UNODC („Homicide Statistics 2012“, United Nations Office on Drugs and Crime), beziehen auch politische Terroranschläge (wie etwa Selbstmordattentate im Irak oder Schießereien in Mexiko, etc.) mit ein, was methodisch richtig ist, da die Beispiele der Hisbollah im Libanon und der Taliban in Afghanistan belegen, dass politischer, religiös begründeter Terror durchaus mit internationalen Drogenhandel einhergehen kann, sich oft genug auf diese Weise sogar auch erst finanzieren lässt. Wenn im Folgenden also von „Mord“ oder einer „Mordrate“ die Rede ist, schließt sie jede ermittelte Gewalttat mit ein, den Giftmord ebenso wie Bandenkriminalität oder Terroranschläge und Kriegshandlungen!

Die weltweit höchste Gewaltrate hat demnach aktuell welcher Staat? Richtig, … Honduras. Die Quote der Todesopfer durch Gewalteinwirkung liegt in dem kleinen mittelamerikanischen Staat bei 96 pro Hunderttausend. Um das zu verstehen braucht man es nur statistisch umrechnen: Augsburg beispielsweise hat rund 270.000 Einwohner. Bei einer Quote wie in Honduras wären das 259 jährliche Mordopfer in Augsburg, rechnerisch also fünf Mordopfer jede Woche. Nach Angaben des Polizeiberichts 2012 entspräche dies aber in etwa der Zahl aller in der Kategorie zusammengefassten „Morde und alle übrigen vorsätzlichen Tötungen“ für ganz Bayern (2011: 335, 2012: 307). Nach Honduras am gefährlichsten ist ein weiteres mittelamerikanisches Land, nämlich El Salvador bei einer Quote von 69.1, gefolgt von der westafrikanischen Elfenbeinküste mit 56.9 (mit eingerechnet der Bürgerkrieg 2011). Auf Platz 4 folgt bei einer Quote von 45 Venezuela, das statistisch also nur halb so gefährlich ist wie Honduras, aber es de facto dann doch auf jährlich 13.000 Gewaltopfer bringt – die Hauptstadt Caracas hat mit 92 die höchste Gewaltquote aller Großstädte weltweit, wobei es hauptsächlich um Drogen geht, aber auch um politisch motivierte Anschläge. Durch Medienberichte bekannt geworden ist die hohe Kriminalitätsrate in Südafrika, das nach zahlreichen schwarzafrikanischen Staaten mit einem Wert von 31 Morden auf Platz 14. landet. Auf Platz 25 ist Mexiko erwähnenswert, mit der geschätzten jährlichen Zahl von etwa 25.000 Toten im Drogenkrieg, vor allem an der Grenze zu den USA. Die Quote beträgt 23.7.
Das Land mit der höchsten Mordrate in Europa ist Russland, das in der weltweiten Statistik mit der Rate von 10.2 und der totalen Zahl von 14.754 tödlichen Gewaltverbrechen jedoch erst auf Platz 71 rangiert. Das entspricht etwa der Kriminalität von Costa Rica, Liberia oder Gambia. Auf Platz 87 folgt trotz der Vielzahl der Terroranschlägen in den letzten Jahren Pakistan mit der Quote 7.8 und 13.860 Ermordeten. Platz 98 nimmt mit 5.2 die Ukraine ein. Auf dem 100. Platz folgt Kuba, das von vielen als Ferien- oder sozialistisches Paradies eingeschätzt wird. Die Mordquote von 5.0 ist jedoch statistisch ein klein wenig höher als bei großen ideologischen Feindbilde, den USA, die im gesamten auf den Wert von 4.9 kommen (Platz 102.).

*
Auf Platz 110 folgt in der Statistik „Palestine“ (definiert als Gaza-Streifen und Westbank, soweit diese unter palästinensischer Selbstverwaltung stehen, was für 98.7 % der Bevölkerung zutrifft – ab und an ermordete jüdische Siedler werden übrigens nicht mitgerechnet, obwohl ihr bisheriger Wohnort zuvor auch international und medial ausdrücklich thematisiert wurde). Die jährliche Todesquote beträgt 4.1 und beinhaltet die Opfer israelischer Militärangriffe. Offenbar nur geringfügig sicherer ist die Türkei auf Platz 121 und einer Mordquote von 3.3, somit gleichauf mit Taiwan und Lettland. Noch etwas harmloser ist derzeit der Iran auf Platz 125 und einer offiziellen Quote von 3.0 Gewaltopfern im Jahr. Auf Platz 129 folgt Liechtenstein und der Quote von 2.8, was einem Gewaltopfer pro Jahr entspricht. Auf 134 finden wir das kleine Luxemburg mit immerhin 12 Mordopfern pro Jahr und der daraus resultierenden Quote von 2.5.

*
Den 141. Rang nimmt Finnland mit 2.2 ein, weshalb man dort doch noch ein klein wenig gefährlicher lebt als in Israel (Platz 143), das den Wert von 2.0 erreicht und die Anzahl von 159 Ermordeten (Terror inklusive). Nur wenig sicherer geht es in Tschechien (Platz 151: 1.8), Belgien (Platz 152: 1.8) oder Canada (Platz 153: 1.7) zu. Auf Platz 168 folgt mit der Mordquote von 1.2 Groß Britannien, auf Platz 185 Italien mit der schon recht geringen Quote von 0.9 (Mafia inklusive) und auf Platz 191 folgt schließlich auch Deutschland mit der Quote von 0.8, die weltweit nur noch von 16 Staaten unterboten wird, darunter Österreich, Japan, Singapore und Monaco.
Da die sehr geringe Mordrate in Monaco, falls man bei statistischen „0.0“ überhaupt von einer solchen sprechen kann, einer der höchsten Sterberaten weltweit widersprochen wird, können wir nur hoffen, dass die Todesursachen jeweils korrekt ermittelt wurden. Zweifellos spielen deshalb vielleicht ja auch andere Faktoren eine Rolle, etwa die Zahl der vorgenommenen Obduktionen, die in Deutschland mit unter einem Prozent übrigens eine der niedrigsten unter allen Industriestaaten ist.

Fleinhausen Kirche Friedhof DinkelscherbenDorfkirche von Fleinhausen bei Dinkelscherben

Wie dem auch sei: Die Wahrscheinlichkeit in Israel als Opfer von Waffengewalt zu sterben ist so hoch wie in Liechtenstein, Finnland oder Luxemburg, während sie in Gaza dem Risiko auf Kuba oder in den USA entspricht.
Vielleicht sollte man dies mal durch- und überdenken, wenn man sich zum sog. “Nahostkonflikt” äußern möchte.


„Die erschießen auch Pferde, stimmt’s …?“

July 26, 2012

… –wie die sog. „Wettbewerbskultur“ die Nächstenliebe verdrängt

Almost everywhere we are facing contests, competitions at so called “casting shows”, knock out matches in sports, community biddings, opinion polls, ratings, raffles and many occasions more. Contests of all kind dominate the appearances of our society and affect our way to associate with others.

The neighbor, who we are supposed to love by the the Tora law of brotherly love, charity and altruism,  more and more is regarded as opponent, rival and … obstacle.  In order to justify an increasing misbehavior of jealousy and grudge, “marketing experts” without own ideas offer numerous contests, prizes and rewards and put the case for something they inflatingly call a “culture of contests”, which however only knows one winner: the organizer. Bet?

 

Beim nächsten Mal wird alles besser: Neues Spiel, neues Glück. Das Nächste ist die Zukunft, als Wiederholung aber zugleich auch die Vergangenheit. In beiden Fällen ist es nicht das, was wir gerade haben oder sind. Das Nächste ist der (noch) fehlende Vergleich, der noch unerledigte Rivale der uns wie in der Bibel des nachts im Kampf an der Hüfte packt und aus Jakob eben Israel macht und uns das Vorrücken auf nächste, die höhere Stufe ermöglicht, die ohne den Konkurrenten nicht zu erzielen ist. In der heutigen von elektronischen Medien und rascher „Echtzeit“- Übermittlung geprägten Wettbewerbskultur ist der Nächste kein rivalisierender Bruder oder geheimnisvoller Engel, sondern ein Konkurrent, ein Mitbewerber. Es ist auch kein Feind im klassischen Sinne, den es auf den (militärischen) „Feldern der Ehre“ zu bezwingen oder gar auszurotten gilt, sondern jemand, den man als Maßstab , zur Selbsteinschätzung braucht, unabhängig davon, wer diese Beurteilung letztlich nach welchen Kriterien auch immer vornimmt. Fehlt dieser Konkurrent, so gibt es auch keinen Wettbewerb und ergo keinen “Erfolg”, zumindest im Sport. Im sonstigen Berufs- und Alltagsleben kann dies noch ein wenig anders aussehen, doch sobald es eine wie auch immer geartete Form der Öffentlichkeit gibt, steht das Abschneiden im Vergleich im Blickpunkt und ist oft genug erst der Anlass der Begegnung.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ setzt bei Juden und Christen im biblischen Gebot voraus, dass man sich selbst liebt. Es setzt ferner voraus, dass man überhaupt weiß, wie man (sich selbst) liebt. Ob das gegenwärtig ohne  Broschüren, und Ratgeber und Seminare mit „Anleitung zur Selbstliebe“ von statten geht, kann bezweifelt werden. In der Bibel ist das Gebot mit der Aufforderung verbunden, sich nicht zu rächen, was die Möglichkeit, den Nächsten beim nächsten Mal zu bezwingen zugegeben etwas beschränkt. Im hebräischen Originaltext heißt „re’a“ nicht Nächster im Sinne einer Abfolge – der deutsche Begriff ist eine alte Form von Nachbar (die in der englischen Form „love thy neighbor as yourself“ noch erhalten ist) – sondern Freund oder Kamerad, wobei sich das griechisch-lateinische Wort von der Kammer (kamera) ableitet, also den Zimmergenossen impliziert. Der hebräische Begriff assoziiert hingegen eine gemeinsame Tätigkeit und Verantwortung, nämlich das Weiden oder Hüten und zwar von Schafen, basierend auf dem Begriff „re’e“ die Weide oder Wiese. Analog dazu kennt das Hebräische den Begriff des Hirten  „re’e“, der es in den Gedichten des Hirtenkönige (oder: Königs der Hirten)  David (dessen Name bereits wieder eine Variation des Themas darstellt) zu Weltruhm brachte: „Der Herr ist mein Hirte, ich fürchte nichts.“ Dies lässt sich auch übersetzten als „Der Herr ist mein Nächster…“ Der Nächste im biblischen Verständnis ist also ein Hirte, oder einer mit dem man (gemeinsam) Schafe hüten kann, vielleicht ein Hirtenkollege, möglicherweise ein Schaf. Jedenfalls liegt es auf der Hand, dass dies keinen Wettbewerb, sondern Gemeinschaftsarbeit voraussetzt. In der Frühgeschichte des jüdischen Volkes sind die Helden oft Hirten: Abraham, Isaak, Jakob, Moses, David, Rabbi Akiwa, um nur einige zu nennen, … sie alle waren Schafhirten. Wer das für archaisch und überholt ansieht, dem sei gesagt, dass in der offiziellen Biographie von Schimon Peres, dem gegenwärtigen israelischen Staatspräsidenten als ursprünglicher Beruf Schafhirte steht. Man ahnt, dass Nächstenliebe (ständiges) Schäfchenzählen  impliziert und deshalb Planung und Organisation erfordert. Das Nächste als das Kommende ist die Zukunft, die Vision, Voraussicht, die Prophetie. Der biblische Begriff für Prophet ist im hebräischen Original wörtlich ein „Bringer“ (nawi), vergleichbar mit dem griechisch-lateinischen „angelos“, meist übersetzt als „Bote“, aber ganz gewiss kein geflügeltes Wesen, sondern allenfalls ein ebensolches Wort. Das hebräische Wort für den Engel wiederum lautet „mal’ach“ und leitet sich von „mal’acha“ der Arbeit ab, was über die Vermittlung des Jiddischen auch im Deutschen als „Maloche“ allgemein bekannt ist. Während der hebräische Engel demnach ein Malocher ist, ist der hebräische Prophet ein echter „Bringer“, ein Vermittler, die Personifizierung des Nächsten, des Folgenden, des Kommenden, der Zukunft, so wie in der eingangs bereits erwähnten Begegnung Jakobs mit dem Engel, der ihn in die nächste Stufe vorrücken lässt.

Die Kommenden, die unsere Zukunft sein sollen sind die Kinder, die nächste Generation. Sie sollen es besser haben als wir, wie es oft heißt, und vielleicht werden sie das auch, wenn sie lernen, ohne uns auszukommen. Unsere Zukunft werden sie dadurch zwar nicht unbedingt, aber vielleicht haben sie eine eigene. Da sie heute aber dafür konkurrieren müssen, um es besser zu haben, ist das nicht sicher, denn wo die Bibel Vollkommenheit im gemeinschaftlichen Verantwortung des Schafehütens sieht, ist heute vorgesehen, den Besten, nicht und eben nicht den Nächstbesten, auszuwählen. Und als bestes Verfahren dazu, Personen, Ideen oder Konzeptionen auszuwählen, dient der Wettbewerb, die Debatte, die Konkurrenz, ganz gleich ob es sich um einen Ideenwettbewerb für ein Bauvorhaben handelt, um die Aussprache im Parlament, die eher Gegensätze als Gemeinsamkeiten betonen will (letzteres gilt eher als „langweilig“ oder vielleicht noch schlimmer als „verwechselbar“), der Instanzenweg vor Gericht oder aber auch der Schlagabtausch in zahllosen Talk-Shows. Immer wieder ist der Nächste der Konkurrent, den es zu bezwingen gilt.

Nachrichtensendungen fokussieren entsprechend ihre Themen und rücken möglichst polarisierende Ansichten (gerne auch von Personen die sonst nichts zu sagen haben und wenn möglich sogar „ausgewogen“ von mehreren extremen Standpunkten aus gesehen in den Blickpunkt, um „Stimmung“, Kontroversen aber auch Quote zu erzielen. Dies basiert auf der, trotzallem unbewiesenen Annahme, dass Kritisieren der Beweis für die Existenz eines eigenen Denkens darstellen könnte und man wirft deshalb – als weiteres Instrument des Wettbewerbs – bevorzugt dem Nächsten auch gerne eine „unkritische Haltung“ vor, bis man, beim nächsten Mal vielleicht selbst Gegenstand der Kritik wird, völlig unberechtigt, versteht sich. Da gilt es als Wettbewerber aufzupassen und auf dem Laufenden zu bleiben, um in der von den Massenmedien geprägten Themenwelt nicht zu verpassen, worüber man als nächstes Bescheid wissen sollte. War man letztens noch Nahostexperte und konnte per Ferndiagnose genau erklären, wie sich ein (ewiger?) Frieden erreichen ließe, so musste man schon wieder Vulkanologe und Experte für Luftsicherheit sein, dann ein ebensolcher für katholisches Kirchenrecht und tags darauf ein Insider für griechische Wirtschafts- und internationale Finanzpolitik. Jeweils ein oder zwei Wikipedia – Artikel und ein Kommentar aus den „Leitmedien“ gaukeln dieses Insiderwissen durchaus vor. Das erinnert immer öfter an die sprichwörtliche Sau die als nächstes durchs Dorf getrieben wird, insofern keine Schafe zur Hand sind. Was die oft bestenfalls von Halbwissen geprägten Debatten und ihre rasche Abfolge betrifft, bestimmt dies alles in viel stärkerem Maße „die Medien“, deren Vielfalt trotz aller Konkurrenz, freilich häufig massiv überschätzt wird. Tatsächlich haben wir es heute wie in vielen anderen Lebensbereichen, eher mit einem überregionalen Quasi-Monopol einiger weniger Meinungsmacher zu tun, mit Nachrichtenagenturen, deren Artikel (durchaus im doppelten Wortsinn) von 350 Tageszeitungen im ganzen Land als Fertigprodukt fast wortgleich abgedruckt werden. Ähnlich verhält es sich auch mit der bunten Vielfalt in Supermärkten und Kaufhäusern. Auch hier wurden die kleinen Tante Emma – Läden fast vollständig verdrängt zugunsten großer Supermarktketten, die in welchem Stadtteil und welcher Region auch immer das „Warenangebot“ völlig standardisiert haben. Hier ist das Nächste nur die Wiederholung.

Doch was hat Nachrichtenwert? Eine negative Seite, die wir, unkritisch wie wir sind, nicht selbst bemerkt haben sollen, oder die wir zumindest noch nicht als wichtigsten Aspekt einer Person oder Sache gesehen haben. Ein neues Medikament etwa, das Millionen Menschen hilft, verursacht bei vier Leuten Nebenwirkungen. Wie konnten wir das als Experten nun übersehen haben? Da müssen wir doch schnell mal nachlesen und uns pharmakologisches Expertenwissen anlesen. Als „Zuschauer“, so behaupten zumindest Medienexperten sehen wir es gerne, wenn das Bild eines Helden in das eines Schurken verkehrt wird und die Literatur steht assistierend mit Begriffen wie Fallhöhe zur Seite. Journalisten, die etwas enthüllen sind Apokalyptiker im Kleinen und als Verfechter der Wahrheit beliebt. Tatsächlich übernehmen viele zumeist vorformulierte Pressemitteilungen und plaudern nach der Pressekonferenz am Büfett mit konkurrierenden Kollegen, denen man vorgaukelt, wie sehr man sich freut, sie mal wieder zu sehen. Durch das Konkurrenz-Denken an den nächsten Termin oder Erfolg geht jedoch die Beständigkeit verloren, wie auch der Einzelne, das Singuläre, das Einzigartige an Wert verliert, da es nicht in Serie hergestellt oder ausgestrahlt wird. Der Nächste ist nicht mehr der Freund, sondern der nächste Rivale.

Der Wettbewerbsgedanke impliziert jedoch den Zwang zur Serie. Ein Nächstes setzt jedoch eine bereits vorhandene Einteilung voraus. Die nächste Folge einer TV-Serie z.B., die Fortsetzung eines (leider?) kommerziell erfolgreichen Films oder Computer-Spiels. Dies setzt voraus, dass der „Konsument“ neugierig darauf ist, zu erfahren, wie es mit der nächsten Folge weitergeht und damit solche Überlegungen nicht folgenlos bleiben, werden diese „Formate“ und Medien-Produkte minutiös geplant. Der Erfolg ist zwar nicht garantiert, andererseits jedoch auch kein Zufall. Serien, Filme und dergleichen werden an einem Testpublikum ausprobiert. Die Darsteller in TV-Serien werden auf anvisierten wesentlichen Zielgruppen zugeschnitten, damit die Waschmittel kaufende Hausfrau und der pubertäre Jüngling auf ihre jeweilige Art angesprochen werden können und ihnen für ihre Teilhabe an der inszenierten „Wirklichkeit“ die passenden Identifikationsfiguren zur Verfügung stehen. Medienimperien leben gewinnbringend von diesen Illusionen, die oft generationsdefinierend sind. Wessen Eltern in der Generation der späten 1960er und frühen 1970er Jahre junge Erwachsene waren, der kennt natürlich entsprechende Medien-Assoziationen wie das „Woodstock-Festival“, entsprechende Filme, Musiker und Lieder aus dieser Zeit. Sie haben ihre Generation geprägt, wie es heißt. Man kann im Rückblick sogar die Ironie nachlesen, dass es sich um eine „Generation“ handelte, die ihre “Individualität” entdeckte.

Verplant sind aber auch die Reaktionen der künftigen Kunden, wenn man im Frühjahr 2010 bestimmt, was im Sommer 2012 der nächste große Kinoerfolg sein wird. Misserfolge beruhen unter akademischer Analyse sodann lediglich auf defekter Planung und der Vernachlässigung einzelner Faktoren.  Erfolg ist also nicht immer planbar, oft genug aber doch und ein noch so albernes Konzept kann, so es an der Kasse erfolgreich ist, noch solange Nachfolger generieren, bis die Idee eben nichts mehr einbringt, sprich keine Gewinne mehr abwirft. Fehlender Gewinn jedoch erzeugt Kostendruck der ggf. an der eigenen wirtschaftlichen Existenz nagt wie das Schaf auf der Wiese. Das verhält sich auch nicht anders bei TV- oder Radio-Magazinen und Zeitschriften. Beispielsweise wenn man gezielt zu Wettbewerben aufruft, um an Ideen zu gelangen, für die man sonst eine Kreativabteilung bezahlt. Urheberrechte muss der Teilnehmer vorsichtshalber abtreten, so dass die Nichtgewinner keine weitere, nächste Chance haben, mit ihrer Leistung Erfolg zu finden. Das erinnert ein wenig an einen der wenigen eher kritischen Filme von Sydney Pollak über die Wettbewerbskultur. „They shoot horses, don’t they?“ lautet der Originaltitel wie in wörtlicher Übersetzung auch dieser Wettbewerbsbeitrag. Gezeigt wird darin ein Tanz-Marathon aus der Zeit der Wirtschaftkrise in den USA – der zur Zeit der Präsidentschaft von Herbert Hoover, nicht der heutigen. Aus unterschiedlichen Motiven nehmen es die Teilnehmer, sei es aus Eitelkeit, aus Hoffnungen auf eine Karriere oder auch nur wegen der sieben freien täglichen Mahlzeiten, auf sich rund um die Uhr zu tanzen mit nur jeweils zehn Minuten Pause nach zwei Stunden. Es dauert Tage und Wochen, bis sich das Feld der konkurrienten Teilnehmer mehr und mehr lichtet.  Als die Hauptprotagonistin (gespielt von Jane Fonda) vom Veranstalter erfährt, dass nur dem Siegerpaar von der damals beachtlichen Siegesprämie von 1500 Dollar alle Spesen berechnet werden, so dass von dieser nichts mehr übrigbleibt, erweist sich der Wettbewerb als schlussendlich Nullsummenspiel. Entkräftet und bar aller Hoffnung im weiteren Leben bittet sie ihren Partner sie zu erschießen, was dieser auch tut.

Diese Art von Medienkritik ist heute weitgehend überholt, wo sich frei nach Andy Warhol in Internetportalen wie YouTube jeder seinen eigenen Teil des öffentlichen Ruhms holen kann, abseits der jüngst geäußerten Expertenmeinung, dass dort täglich so viele Videos eingestellt werden, dass man alleine eine halbes Jahr am Stück bräuchte, um all zu sehen. Der Überblick ist unmöglich und das Angebot inflationär. Der Nächste ist dort der Vorgänger des Nachfolgers, der Nachfolger des Vorgängers, Übergänger und Bindeglied einer Kette, die (scheinbar ?) endlos ist: eine Nummer. Wie beim Finanzamt, wo man als „der Nächste bitte“ aufgerufen wird und seine Steuernummer parat haben sollte. Da die Exklusivität unter einer solchen, fast anarchisch wirkenden Gemeinsamkeit zahlreicher Internet-Hirten elitären Ansprüchen nicht genügen kann, ist es nur folgerichtig, dass auch hier Wettbewerbe inszeniert werden, die das Beste prämieren sollen. Und so werden dort allen Ernstes Teilnehmer aufgefordert, in möglichst einem Satz ausdrücken, was das besondere an ihrer Idee und mehr noch an ihrem Leben ist: „Bring deine Idee auf den Tisch und sag uns, was wir mit all unserer Erfahrung und Anstrengung nicht zu leisten im Stande sind. Etwas was nie zuvor gesehen wurde und das Denken aller beeinflussen kann.“  Man merkt, dass hochbezahlte Profis offenbar etwas verzweifelt sind, wenn sie junge idealistische Menschen für ein Trinkgeld und ein Schulterklopfen ausbeuten müssen, um an Ideen zu kommen, die sie selbst offenbar nicht haben, während ansonsten das Schlagwort des „paid content“ , des bezahlten Inhalts überall die Runde macht und sie in der Lage sind aus allem Anschein einer Information Geld zu machen.

Doch dies hindert auch die hohe Politik nicht daran, sich auf erschwingliche Weise des „Rohstoffs Hirn“ im Volk zu bedienen. Und so setzt in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftkrise auch das Wirtschaftministerium mit seiner „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft” darauf, billig an neue Ideen zu gelangen. Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Hans-Joachim Otto erklärt , dass mit dem Wettbewerb Personen gesucht würden, die aus kreativen oder kulturellen Ideen erfolgreiche Geschäfte machen wollten, um so „Wachstumspotentiale“ zu erzielen. Wörtlich: „Gute kreative oder kulturelle Ideen dürfen nicht in den Köpfen bleiben, sondern müssen auch in echte Geschäftsideen überführt werden.“ Offenbar sucht man nach Ideen und Einfällen, die den hochbezahlten Experten im Ministerium selbst nicht in den Sinn kommen. Die 32 Gewinner dürfen sich im Gegenzug aber, und das ist der Anreiz den das Ministerium bietet, ein ganzes Jahr lang mit dem vielsagenden Titel “Kultur- und Kreativpilot Deutschland” schmücken, der gewiss überall verschlossene Türen öffnen wird. Sie erhalten zudem ein individuelles „Coaching“ von Leuten die zwar ganz genau wissen wie man e(twa)s macht aber keine Einfälle haben, was sie (sonst) eigentlich machen sollen.

 

(c) – Yehuda Shenef, Margit Hummel, 2009 ursprünglich für einen Wettbewerb geschrieben, 2010 außer Konkurrenz erschienen im “EuroJournal” 😉