Vom Judenhut im Augsburger Mittelalter

August 4, 2009

Augsburger Prophetenfenster Daniel, angebl. 11. o. 12. Jhd.

Augsburger Prophetenfenster Daniel, angebl. 11. o. 12. Jhd.

Auf päpstliche Anregung machten sich im Jahre 1215 einige europäische Herrscher daran, nichtchristliche Minderheiten an ihrer Kleidung zu kennzeichnen. Zuerst umgesetzt wurde dies in Frankreich mittels eines kleinen gelben Rades (rouelle). Es handelt sich hier jedoch nur um eine nachahmende Reaktion auf eine Gepflogenheit der muslimischen Welt, die sog. Dhimmis verpflichtete, Markierungen an ihren Gewändern zu tragen, die es gewöhnlichen Muslimen erlaubte sie als Angehörige einer benachteiligten, aber eben doch geduldeten Minderheit zu erkennen. Als solche galten Christen, dunkelhäutige Muslime und logischerweise auch Juden. Sie mussten auf ihren Gewändern gelbe Flecken tragen. Der französische König Philip le Bel gab auch das Vorbild dafür, dass der Verkauf und die Verpachtung der Abzeichen zu einem einträglichen Geschäft wurden, wo immer die Regelung zum Tragen (sic!) kam. Analog zum islamischen Vorbild mussten unter christlicher Herrschaft nun Juden, und Muslime diese Abzeichen tragen.  Jedoch war diese keineswegs überall so und auch gab es eine hohe Anzahl von Varianten und somit keine wirkliche Norm. 1361 etwa wurde eine rot-weiße Farbe des Rädchens in Frankreich festgelegt. In England trugen Juden mancherorts auf Wunsch der Herrscher zwei aufgenähte Lappen in der Form von Tafeln auf der Brust, welche die Gesetzestafeln vom Sinai darstellen sollten, in deutschen Landen wechselte sich der „Judenfleck“ mit dem Rädchen und dem sodann wieder typischen gelben Spitzhut ab – polnische Juden hingegen waren hier und da verpflichtet einen grünen Judenhut zu tragen, usw. Man kann sich vorstellen, dass ein jüdischer Händler ggf. mehrere Exemplare für unterschiedliche Herrschaftsgebiete und Ansprüche mit sich führte, analog zu heutigen Maut-Plaketten.

reverting to ancestral traits

reverting to ancestral traits

Die allgemeine Verpflichtung ein Abzeichen zu tragen, ergibt sich in Augsburg erst relativ spät, nämlich im September 1434. Vorgeschrieben wurde nun ein großer gelber Ring im Durchmesser von etwa dem Drittel einer Elle, also fast 20 cm, was sodann gewiss nicht zu übersehen war. Innerhalb des Rings war ein sog. Judenhut dargestellt. Die Redensart vom „Hut in den Ring werfen“, sinnbildlich für eigene Ansprüche anmelden, wird aber wohl kaum von da herrühren. Auch das englische Hattrick, ursprünglich aus dem Cricket stammend hat leider nichts damit zu tun, wenngleich der Hut eine ursprünglich auszeichnende Bedeutung hatte. Die diskriminierende, negative ist womöglich eine Übertreibung, wenn nicht gar Erfindung der Moderne.

 

Der Judenhut als solcher hatte zunächst keine diskriminierende Bewandtnis, sondern war unabhängig in Gebrauch als Kennzeichen einer führenden Instanz, wie etwa dem Rabbiner oder Vorsitzenden einer jüdischen Gemeinde, wie verschiedene Anordnungen aber auch zeitgenössische Abbildungen darlegen. Man könnte dies vergleichen mit der ebenfalls herausragenden Kopfbedeckung eines christlichen Bischofs – und entsprechend wurden in deutschen Texten des Mittelalters Rabbiner häufiger auch „Judenbischof“ genannt. Im Augsburger Stadtrecht findet sich keine andere Verpflichtung zum Tragen eines solchen Hutes, als für den Verkäufer der jüdischen Fleischbank, um diesen eben als Vertreter der Gemeinde herauszuheben. Trotz der eindeutigen Funktion des Hutes als Kennzeichen der amtlichen Befugnis existierte freilich nebenbei der symbolische Gebrauch bei Nichtjuden als Kennzeichen für Juden. Beispiele dafür sind Illustrationen, von denen es gerade auch in Augsburg sehr prominente Darstellungen gibt, etwa in der Hirnschen Kapelle oder ungleich bekannter noch die sog. Prophetenfenster des Augsburger Doms, welche vier Propheten der jüdischen Bibel: Moses, Jona, Daniel und Hosea neben David König Israels darstellen. Ungewöhnlicher weise werden die Fenster in das 12., von manchen meist lokalen Historikern gar in das 11. Jahrhundert datiert.

teaching the lore all the more

teaching the lore all the more

Aus der allgemeinen Verpflichtung zur Kennzeichnung eine Kopfbedeckung zu tragen – eine Sitte die der Augsburger Rabbiner Maharam strickt ablehnte – entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert der inzwischen weltweit übliche Brauch eine Kippa oder Jarmulke zu tragen, oder einen Hut, speziell im 19. Jhd. auch Zylinder (wohl weil weit origineller als Kegel ..?) oder moderner nun auch wieder Baseball Caps, die anders als manche vermuten keiner biblischen Vorschrift entsprechen und auch auch kein talmudisches Gebot erfüllen, aber vielleicht gerade deshalb in eigentümlicherweise beachtet – mancherorts fordert man nun sogar Nichtjuden dazu auf – womit sich der (historische) Kreis ja nun auch fast wieder schließt.

Die mittelalterliche Hut-Mode freilich ist seitdem unbeachtet geblieben, was ein klein wenig schade ist.

now headcoverings are compulsory for all

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Rediscovering the Jewish hat in Augsburg

August 3, 2009

Judenhut

Judenhut

The so called Jewish Hat or ~ Cap (in French chapeau juif or coiffe juive) initially was no major matter. It’s use was to indicate a rabbi or any chairperson of a Jewish community, as well explained in various regulations and contemporary illustrations. It is comparable with the equally outstanding hat of a Christian bishop – and thus rabbis in German texts of the Middle Ages have been often referred as “Jews Bishop”. In Augsburg’s mediaeval municipal law from 1276 there is no other obligation to wear a such hat but for the seller at the Jewish meat counter as a representative of the Jewish community relevant. Despite the precise function of the Jews hat as a token or attribute of official power there also was a second quite different more symbolic use by gentiles as an identifier sign for Jews. Examples are many standardizing illustrations defining Jews by the Jews hat or by an yellow badge or ring. In Augsburg there are some very prominent interpretations as for example a detail of a fresco at the Hirn Chapel of St. Anna and of course still more the  famous stained-glass windows depicting King David and four Hebrew prophets Moses, Jonah, Daniel and Hosea of the Augsburg cathedral window series.

a once officially approved protective helmet

a once officially approved protective helmet

The obligation to wear a badge in Augsburg was introduced as late as September 1434 – the jhva of course will mark the date.


Tipsiles the Jew as inventor of gunpowder in mediaeval Augsburg

July 9, 2009

This Shabbes marks the 650th death-day of Karaite Jew David-ben-Josef ha-Tiplisi (1279 – 1359)- aka “Tipsiles” or “Typsiles” – who at the request of the municipal leaders in the first quarter of the 14th century (another source states the year 1353, what is less likely ) legendarily invented in Augsburg  gun-powder and early cannon.

Of course there are quite a lot of different stories relating the invention to “Greek fire”, “the” Chinese, to Alchemists as Roger Bacons and the like, but the Augsburg legend obviously is the only one which directly affects the invention of the gun-powder on a weapon grade level, what isn’t the case with any others. Without  known reference to “Tipsiles” there also is a legendary Hebrew scripture ספר כיבוש (Book of Conquest and Siege) which reportedly has ilustrations and Hebrew descriptions of siege weapons in a large variety. However no known copy has survived.

15th century illustration (now at Vienna Hofmuseum)

15th century illustration (now at Vienna Hofmuseum)

 

As a Karaite Jew from “the Eastern World” David lived apart from the Jewish quarters of the mediaeval Imperial City of Augsburg and his practice to wear a green turban on his head made a great stir. The urban legend reports that Tipsiles (or Tibsiles who also is supposed to be the first maker of paper and the city’s pharmacist) was amply rewarded with a piece of ground in the northeastern part of the then expanding city suburb of “Jakobervorstadt” . The street name “Pulvergaesschen” (lit. powder alley) is said to go back to it. Maybe the reference of a David mentioned in a deed of 1323 (David received the sum of 120 Augsburg Pfennigs and another 76 the following year) confirms the presence of Tipsiles, but of course David would not be entirely sufficient to serve as a proof.

Illustration from the "Book of Fireworks", Augsburg 1529

Illustration from the "Book of Fireworks", Augsburg 1529

Another likely relic however might be a small figurine fixed at a wall in St. Anna Chapel (built in 1321), which depicts the head of a red bearded  man wearing a green or greenish blue turban. The small sculpture only in late 19th century was found at construction works under the flooring of the Chapel of the Hirn family which is the oldest part of the Church. Since there are no other known stories of people wearing greenish turban in mediaeval Augsburg, there probably unavoidable is a connection to the “Legend of Tipsiles the Jew who invented Gun-powder” (even if it was the other way around).

maybe it is Tipsiles maybe it's not

maybe it is Tipsiles maybe it's not