Luthers Judenhass heute oder: Warum die meisten Antisemiten glauben keine Antisemiten zu sein

July 31, 2017

Am gestrigen Abend hielt Professor Gerhardt Stapelfeldt auf Einladung der DIG Hochschulgruppe Augsburg im historischen Annahof einen Vortrag der sich mit Fragen zum Judenhass des Reformators Martin Luther befasste.

Der 1947 in Hamburg geborene Stapelfeldt hatte Architektur, Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaft und Psychologie studiert und promovierte 1978 über „Das Problem des Anfangs in der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx“. 1997 habilitierte er über die „Kritik der ökonomischen Rationalität“. Wenig verwunderlich war Stapelfeldts Interpretation des Hasses Luthers auf die Juden dann auch von wirtschaftlichen Kriterien bestimmt: Das Wirken Luthers zu Beginn des 16. Jahrhunderts war davon geprägt, dass Deutschland im Zuge der Entdeckung Amerikas geopolitisch ins Hintertreffen geriet und wirtschaftlich abgehängt wurde. Luthers Konsequenz daraus richtete das Christentum gegen den in die Irre führenden wirtschaftlichen Fortschritt, gegen weltliches, kapitalistisches Streben, gegen Zins und Wucher, ständiges Horten von Geld und Besitz. Für all dies standen nach Luthers Urteil insbesondere die Juden, deren Geschäftstüchtigkeit darauf beruhen sollte, durch Handel und Zwischenhandel zum eigenem Vorteil Waren zu verteuern und im Volk schimpfliche Bedürfnisse zu wecken. Gemäß Luther waren die Juden „das teuflische Volk schlechthin“, was er auch an ihrer Betonung der leiblichen Abstammung aufzeigen wollte. Diese entlarvte sie jedoch als „diesseitig“ und so standen sie im Gegensatz zu der von ihnen missachteten „Geistigkeit“ des einzig wahren christlichen Glaubens, der sich in idealer Weise von weltlichen Freuden und Besitz abwenden sollte. Der entstehende Handelskapitalismus sei mit Luthers Standpunkten nicht vereinbar gewesen.

Was nun aber den Antisemitismus als solchen betrifft, so erläuterte Professor Stapelfeldt seinen gut 30 Zuhörern, dieser sei „grundsätzlich irrational“ und nicht aus dem Judentum zu erklären („Das wäre dann wirklich antisemitisch“). Das sei schon daran zu erkennen, dass es Antisemitismus auch da gebe, wo es keine Juden gibt. Psychologisch gedeutet seien Antisemiten meist Sadomasochisten, die für die Selbstunterdrückung ihrer Leiden Juden unbewusst als Sündenböcke benutzten. So strebten sie dann auch gar nicht nach der Abschaffung der Unterdrückung, sondern nach deren Verallgemeinerung. Passend dazu sah Stapelfeldt dann aber Luthers Judenhass selbst nun auch im Kontext von dessen Abneigung gegenüber aufständischen Bauern oder den Türken.

Wie Luther hat sich auch der Dozent nicht wirklich, bzw. nur in der distanzierten Außenperspektive mit dem Judentum und seiner Geschichte in Deutschland befasst. So vertrat auch er die oft kolportierte und nichts desto trotz irrige Auffassung, mittelalterlichen Juden sei ausschließlich Geldhandel erlaubt gewesen. Dies lässt sich mit einem beliebigen Blick in vorhandene Steuerlisten wiederlegen, tradiert aber bis in unsere Tage ein liebgewonnenes Fehlurteil über „die Juden“. Doch wenn die Trugschlüsse gerade von jenen weiterverbreitet und bestätigt werden, die auftreten wollen, ihnen entgegenzuwirken, wähnt man Sisyphos am Werk.

An anderer Stelle beanstandete der Soziologieprofessor Luthers grundsätzliche Art zum Beweis der Richtigkeit eigener Standpunkte immer wieder die Bibel als Quelle anzuführen, etwas heute natürlich „nicht mehr üblich“ sei. Damit sollte wohl auch an die zeitliche Distanz von 500 Jahren angespielt sein und an veränderte Ansichten. Zugleich ignoriert der Professor damit jedoch die für jegliches Verständnis des Judentums entscheidende Tatsache, dass es die Berufung auf Gottes Wort wesentlich ausgeprägter und konsequenter als im Christentum befolgt. Am umfassenden Anspruch des Judentums jegliche Argumentation aus Tora und Talmud zu begründen hat sich auch bis heute nichts geändert. Doch so wie Antisemitismus angeblich keine Juden benötige – wenn dem so wäre, gäbe es ihn auch in Ländern wie China, Indien oder vielleicht auch im untergegangenen Atlantis – benötigen virtuelle Fragen nach dem rechten Umgang mit Juden noch nicht mal oberflächliche Grundlagenkenntnis. Es reichen Klischees und tradierte Fehlurteile. Die kann man zitieren und widerlegen und schon hat man das erbauliche Gefühl aufgeklärter als die eigenen Vorfahren zu sein. Immerhin: Zufriedenstellende empirische Untersuchungen des Antisemitismus, existieren nach Auffassung des Gelehrten ebenso wenig wie eine verlässliche Größenordnung dieses „konstituierenden Elements der Moderne“.

Nach dem Vortrag hatten die Besucher Gelegenheit dem Redner Fragen zu seinem Vortragsthema zu stellen, was sich aber erwartbar nicht ergab. Stattdessen betonte schon die erste Zuhörerin, dass sie gar nicht verstehen könne, was mit Antisemitismus eigentlich gemeint sei, sei er ihr, die viele jüdische Freunde habe, ja noch nie im Leben begegnet, weder in ihrer rumänischen Heimat noch hier in Deutschland. Das passt vielleicht zu der Feststellung des Professors wonach die meisten Antisemiten sich selbst nicht als solche erkennen. Ganze 26.000 Personen gäbe es in diesem Land, die frank und frei zu gäben Juden zu hassen. Diese „viel zu niedrige Zahl“ habe eine Studie ermittelt. Die Zusatzfrage lautete, ob es denn Antisemitismus sei, wenn man die Politiker des Staates Israel kritisiere – der Klassiker des man wird doch wohl noch sagen dürfen. Nein, das sei natürlich kein Antisemitismus. Gut, man hätte auch antworten können, dass die letzten sieben Jahre bis letzten Mai mit Manib Younab der Vorsitzende des Lutherischen Weltbundes ein Palästinenser war, der wie Luther die Juden zum Teufel wünscht, aber was außer ernüchternder Gewissheit über eine gewisse Kontinuität wäre dabei gewonnen?

Ein weiterer Fragesteller, sah darin Parallelen zu einer anderen, ganz aktuell veröffentlichten Studie, die ergeben haben soll, dass auch beim Themenfeld “Populismus” kaum jemand davon ausginge, selbst dafür anfällig zu sein. Vielleicht liegt es an der schon zitierten Einsicht, dass Antisemiten eben nicht danach streben Unterdrückung abzuschaffen, sondern sie zu verallgemeinern. Zur letzten Wortmeldung jedenfalls würde es gut passen. Ein älterer Herr wollte am Ende von zweieinhalb Stunden Beschäftigung mit Fragen um Luthers Judenhass herum nun wissen, dass wenn „der Antisemitismus im Wesentlichen unbewusst sei, warum er dann strafbar sein sollte.“

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Fotos: Jakob Samoylowitsch

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Gedenkstunden zum 9. November in Augsburger Synagoge

November 9, 2015

Gedenkstunde 9 November 1938 Synagoge Augsburg 2015source: Westnik / Anzeiger IKG Schwaben Augsburg: http://ikg-augsburg.com/gemeinde/anzeiger/der-anzeiger-november-2015/

Gedenkstunde zum 9. November 1938, der (nunmehr) sog. “Pogromnacht” in der Synagoge Augsburg

Hour of Commemoration for the “Kristallnacht” in the Synagogue of Augsburg, 77 years after 9th of November 1938.

Since many people meanwhile understand “Kristallnacht” as rather cynical, more people prefer to dub it “pogrom night (Nacht). The Russian word “pogrom” however actually means thunder-storm, tempest and the like, what on second thought is likewise belittling …

As in in most other towns also in Augsburg the actual attacks took place in the night and morning hours of 10th of November the birthday of German religion founder Lex … hm … Martin Luther.

 


Rabbi Josel von Rosheim und das Europa unserer Zeit

June 21, 2012

In Speyer wird im Alten Stadtsaal seit Anfang des Monats eine Ausstellung gezeigt, die den „Josel von Rosheim“ genannten jüdischen Gelehrten (R. Josef ben Gerschon) aus dem Elsass thematisiert, der wegen seiner Auftritte auf Reichstagen (so 1530 in Augsburg) auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung Berücksichtigung fand, wenngleich natürlich nur in Fußnoten. 

Der Titel der Ausstellung, die auch anderorts gezeigt werden soll lautet (etwas eigenartig):

“Josel von Rosheim (1478 bis 1554) zwischen dem Einzigartigen und Universellen. 

Ein engagierter Jude im Europa seiner Zeit und im Europa unserer Zeit”

Josel Rosheim Ausstellung

http://www.personengeschichte.de/fileadmin/user_upload/pdfs/Josel-von-Rosheim.pdf

Im Text der Broschüre heißt es:


Josel ben Gerschon von Rosheim (1478-1554) ist eine herausragende jüdische Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts. Er unterhielt enge Verbindungen zu Kaiser Karl V., die er nutzte, um die Rechtsstellung und Sicherheit der Juden im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ in einer Zeit des Umbruchs zu schützen. Die Reformation, die seit 1517 das Reich religiös spaltete, führte zu tiefgreifenden Veränderungen, die sich zum Teil in gewalttätigen Übergriffen äußerten. In dieser Zeit wurden jüdische Gemeinden des Reiches häufig in die Position eines Sündenbocks gedrängt.

Als SCHTADTLAN (Fürsprecher) erreichte Josel von Rosheim reichsweit anerkannte Position sowohl bei den jüdischen Gemeinden des Reiches als auch bei den christlichen Landesregierungen, durch die er längerfristig eine stabilere Rechtsstellung jüdischer Gemeinden unter christlichen Herren durchsetzen konnte. Mit persönlichem Engagement verhinderte Josel vielfach religiös und wirtschaftlich motivierte Austreibungsversuche lokaler Obrigkeiten.

Die Sonderausstellung „Josel von Rosheim (1478-1554) zwischen Einzigartigem und Universellen“ widmet sich Leben und Wirken dieses besonderen Menschen, der auch am damals in Speyer ansässigen Reichskammergericht für die Belange der jüdischen Gemeinde wirkte.

Es werden Rahmeninformationen zu den wichtigsten politischen Ereignissen des konfessionellen Zeitalters gegeben sowie die Person des Josels und sein Wirken vorgestellt. Sein politischer und geistiger Nachlass wird in die Umstände der Zeit eingebunden. In einem Ausblick werden Parallelen zu heute aufgeworfen, die zu eienr weiteren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen anregen.

Die Ausstellung wurde von einem Team aus französischen und deutschen Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Freddy Raphael (Straßburg) und Dr. Werner Transier (Historisches Museum der Pfalz) erarbeitet. In Frankreich wurde sie bereits in Rosheim gezeigt und ist ab Mai 2012 in Straßburg zu sehen; erste Station war vor kurzem Erfurt gewesen.

Der letzte Teil des Titels verdeutlicht bereits, dass die Veranstaltung eher zeitgenössischen Interessen dient, dem „Europa unserer Zeit“. Jenes Europa also, welches in politischen Gremien darüber beraten will, künftig „Produkte“ jüdischer „Siedler“ (in dieser Kombination erscheint das sonst ganz zu recht völlig harmlose, ja positiv besetzte Wort als ein Art Synonym zu Extremist, wenn nicht schlimmer …) zu boykottieren, oder wenigstens zu kennzeichnen, womöglich mit einem gelben Ring oder einen Stern? Was hat dies Josel von Rosheim zu tun? Biographisch nichts, und dann doch wieder. Wenn man sich Josel am Reichstag in Augsburg vorstellt, „zur Zeit der Reformation“ wie Christen das übertiteln, als Fürsprecher für die Juden und jüdischen Gemeinden, dann könnte man ihn sich auch vorstellen als Besucher im Europarlament, bei der EU-Ratskommission und er verteidigt die Standpunkte und Haltungen der „Siedler“, die zunächst mal nichts anderes tun, als friedlich im historischen jüdischen Stammland zu leben.“

Burggrafenturm AugsburgBurggrafenturm (1507) in Augsburg

Da Rabbi Joselman als „Fürsprecher“ der Juden und jüdischen Gemeinden im „Reich“ und auf Reichstagen „auftrat“ ist er auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung erfasst, jedoch selbstverständlich eher als Randfigur einer Epoche, die dort ansonsten als jene der „Reformation“ um Martin Luther verstanden wird. Mit dem Juden-Hass Luthers musste sich auch Rabbi Josef befassen. Seine Hass-Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gewissermaßen den besonderen deutschen Judenhass begründete. Darin forderte er u.a. auf, Synagogen zu verbrennen, ihren Wohnbesitz und Broterwerb zu rauben, ihre Literatur zu vernichten, jüdischen Unterricht zu verbieten und die Juden zur Sklavenarbeit zu zwingen. In der Summe ist das schon recht nahe an dem dran, was man ab der „Kristallnacht“ mit dem Hitler-Regime verbindet – und natürlich haben sich „die Nazis“ auch auf den „Reformator“ berufen. Luther wie auch seine Anhänger versuchten explizit mit antijüdischer Manipulation zu „punkten“, sprich das einfache „deutsche Volk“ auf seine Seite zu ziehen. Die tatsächliche „Fremdherrschaft“ der Römer und ihrer Kirche wurde um eine fiktive Herrschaft der Juden erweitert, die gleichermaßen Ausbeuter gewesen sein sollen. 1525 konnte er die Führer des Bauernaufstands (מרד האיכרים) im Elsass (אלזס) dazu bewegen, den Aufrufen christlicher Hass-Prediger zu widerstehen und nicht die Juden als Adresse ihres berechtigten Zorns ins Visier zu nehmen. Er trat auf als Anwalt gegen Bücherverbrennungen, bei Anschuldigungen von Ritualmorden und ähnlichem … gefährlichen Unfug. Seinen persönlichen Mut stellte er 1520 auch durch eine Reise nach Spanien, von wo „die Juden“ ja erst wenige Jahrzehnte „vollständig“ vertrieben worden waren (sein sollten), um bei Karl vorzusprechen, der bald darauf in Aachen zum Kaiser gekrönt wurde. Rabbi Josef erreichte für die Juden ein Abkommen mit dem Kaiser, das 1530 in Augsburg erneuert wurde. Dort erreichte er auch, dass der getaufte Spätkaräer Antonius Margaritha, dessen „Der gantzer jüdischer Glaub“ das rabbinische Judentum in Verruf bringen wollte, gebannt wurde. In Augsburg musste Rabbi Josef sich und „die Juden“ auch vor dem abwegigen Vorwurf verteidigen, dass sie, „die Juden“ den Abfall der Luther-Anhänger vom „rechten christlichen Glauben“ bewirkt hätten. Das gelang zwar, doch zugleich ergibt sich daraus, dass die beiden rivalisierenden Gruppen (sagen wir: römische und deutsche Christen) durchaus bereit waren, „die Juden“ für ihre Zwecke bereitwillig zu opfern und als Feindbild den Konkurrenten unterzuschieben.  

Rabbi Josel Rosheim

Heute, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler ist das alles natürlich etwas anders und zeitgenössische Gelehrte sind sichtbar bemüht, auch jüdische Randfiguren ihrer Geschichte einzubinden oder wie immer man dies nennen will. Anyway, Josel von Rosheim und das zeitgenössische talmudische Judentum das er ausgesprochen mutig vertrat, von dem man außer Schlagworten weder was wissen, noch lernen will, sind kaum das wesentliche Interesse der Ausstellung, Vor- und Darstellung, sondern wie bereits der Schluss des Titels eingibt, das „Europa unserer Zeit“.

Warum? Die Wort Martin Walser aus dessen Kontext gerissen (Anmerkung: Und warum sollte es ihm besser gehen als Rabbi Josef ..?) kann man vermuten, es geht um „die Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken“. Welche sind das nun aber im „Europa unserer Zeit“.

Zwar werden europäische Politiker nicht müde, zu wiederholen, dass sie es als wichtiges Anliegen sehen, Antisemitismus zu bekämpfen und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dem auch wirklich so ist. Würde also jemand sich einen Anstecker an die Jacke hängen, auf welchem „Antisemit“ steht, würden Europäer – und in ganz besonderer Verantwortung natürlich gerade auch Deutsche – dem Betreffenden einen weiteren Button mit der Aufschrift „Verboten!“ dazu heften. Freilich nur, wenn der erste Aufruf auf Deutsch und nicht auf Arabisch, Persisch oder Türkisch notiert wurde. Auch sog. „Holocaust-Leugnung“ ist nur in deutscher Sprache strafbar. Der Kampf gegen „Antisemitismus“ geht nun aber immer häufiger einher mit einer Agitation gegen Israel. Beispielsweise versuchen politische Interessensgruppen derzeit einen Boykott von Waren jüdischer „Siedler“ zu bewerkstelligen. Demnach sollen Waren oder Früchte, die von Juden stammen die als „Siedler“ im biblischen Stammland Judäa (jehuda) wohnen speziell gekennzeichnet – oder am besten ganz boykottiert werden. Bislang werden sie wie andere Waren auch als israelische eingeführt. Nun also sollen sie gekennzeichnet werden. Vielleicht wie in der Zeit von Josel von Rosheim mit einem gelben Ring ..?

Das selbe alte Lied also? Kann sein. Wie schade, ja, jammerschade, dass Abraham Goldfarbs jiddisch-sprachige Operette „Rabbi Joselman“ (aus dem Jahr 1892)  nicht überlebt hat, sonst könnten wir die neuen Strophen wenigstens nach einer alten Melodie mitsingen. So aber gilt es im „Europa unserer Zeit“ immer aufzupassen, ob die vorne gezeigte „Judenfreundschaft“ nicht zwangsläufig eine hinterrücks verborgene Agitation gegen den „Judenstaat“ maskiert.

Sprach Joselvon Rosheim 1530 am Reichstag von Augsburg für die Interessen der Juden, deren Synagogen und Häuser und Broterwerb in Abrede gestellt werden sollten, so müsste er heute das Europa-Parlament oder die “edlen” EU-Kommisare aufsuchen, um sie davon abzuhalten, Dekrete gegen die Juden in Judeäa und Samaria zu beschließen, die deren friedliches Auskommen und Leben gefährden.

Die Frage aber ist, ob man im “Europa unserer Zeit” überhaupt lernfähig ist, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler. Oder ist es nicht doch so wie der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt es sagte: “Auschwitz würden die Deutschen als Fehler ganz gewiss nicht wiederholen, andere Fehler durchaus.”

Wiesel Haus AugsburgWiesel-Haus im Augsburger Dom-Viertel


Von Martin Luther und seinen Lügen

July 27, 2010

Zugegeben, der Titel liest sich für manche wohl etwas ungewohnt, kehrt er doch eine Schrift aus dem Jahr 1543 namens „Von den Juden und ihren Lügen“ von Martin Luther (1483-1546) um. Luther war der Begründer der nach ihm benannten Kirche, der Lutherischen Kirche, deren “Weltbund” (Lutheran World Federation = LWF) seit kurzem von dem Palästinenser Munib Younan geleitet wird, der den Staat Israel mit der südafrikanischen “Apartheid” gleichsetzt und Israels Politik als „Sünde gegen Gott“ bezeichnet. Dass nun Younan in Stuttgart zum Vorsitzender der Lutheraner gewählt wurde, ist sicher kein Zufall, wenn man die Ansichten des Urdeutschen Martinus Luther zu “den Juden” besieht.

Kurz gefasst war Martin Luther ein fanatischer Judenhasser, der sie, „die Juden“ mit ihm, „dem Teufel“ gleichsetzte. Er unterstellte Juden pauschal Räuber und Betrüger zu sein. Dass er sich dabei nicht gegen ein, zwei Leute richtete, mit denen jeder mal schlechte Erfahrungen machen kann, oder vielleicht selbst nur einen schlechten Tag hatte oder zwei, geht aus seinen dann doch sehr zahlreichen Verleumdungen gegen Juden hervor, die er über Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder publizierte. Er diffamierte Juden tatsächlich wo er konnte, und zwar pauschal, wie gesagt. So schrieb er bereits 1526 „1400 Jahre sind die Juden unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen.“ Unter Berufung auf Luther hatten politische Antisemiten (die als sog. ein Thema – Partei jahrelang im Reichstag saßen) im späten 19. Jahrhundert daraus den Slogan „Die Juden sind unser Unglück“ verkürzt gebastelt, der auch zum Motto von Julius Streichers Verleumdungspostille „Stürmer“ wurde. Ihr Vorbild Luther nannte Juden unentwegt „Teufel“ und sagte, dass er sie „am liebsten eigenmächtig umbrächte.“

Luther Augsburg St. Gallus 21 Oktober 1518

Martin Luther Tafel bei St. Gallus in Augsburg: … einst selbst auf der Flucht

In seiner „Lügen“-Schrift forderte er schrill dazu auf, Synagogen und Schulen zu verbrennen, jüdische Häuser zu zerstören und die Juden „wie die Zigeuner“ in Ställen wohnen zu lassen. Ferner wollte er den Juden den Talmud und ihre Gebetbücher “wegnehmen”, ihren Rabbinern das Lehren verbieten, Juden generell freies Geleit untersagen, ihren jedes Bargeld und Schmuck nehmen, und sie schließlich zur Zwangsarbeit verdammen.

Wenn moderne Historiker darin das Nazi-Regime vorweg erkennen, ist das wohl keine sonderliche Gehirnleistung, erforderte aber bei den betroffenen Anhängern des Verleumders bis in die letzten Jahre einige Anstrengung und Überwindung. Wie will man auch damit umgehen, wenn der eigene Prediger der Rechtschaffenheit “plötzlich” als “Wegbereiter des Holocaust” porträtiert (und öffentlich diskutiert!) wird. Nichts das daran irgendetwas Neues wäre, man hatte sich doch früher ganz ausdrücklich dazu bekannt, mit Unmengen von Stolz und lautem Geschrei und nicht nur die wesentlichsten Nazi-Führer haben sich dabei auf Luther berufen, so auch Hitler, Goebbels und Streicher, sondern Lutheraner landauf, landab.

In einer weiteren Schrift stellte Luther 1544 fest, dass es nicht seine Absicht ist, Juden zu bekehren, sondern den „Deutschen Historien“ aufzuzeigen, „was ein Jude sey“ und dass die Warnung vor ihnen „vor dem Teufel selbst zu warnen“ ist: „nicht um die Juden zu bekehren, welches eben so nützlich ist als den Teuffel zu bekehren.“

Luther des Teufels Dudelsack von Erhard Schön 1536… und als “Dudelsack des Teufels” (1536) verspottet: Luther-Kopf

Viele Luther-Apologeten versuchen seine Äußerungen unvermeidlich schönzureden, hängt ihr sonstiges Weltbild doch nicht unwesentlich von ihm und seinen Lehren ab. Eine dieser Sinnestäuschung besteht in der Behauptung, dass der frühe Luther den Juden durchaus “wohlgesonnen” gewesen sei, dann aber enttäuscht darüber war, dass sie sich vom ihm nicht zum wahren Christentum bekehren ließen. Auch sei er, trotz seiner zahlreichen, pauschalisierten, Juden verteufelnden Ansichten “im Grunde kein Rassist” gewesen, da er sich in seinen Schriften ja sogar auf einen angeblichen konvertierten Juden berufen habe. Gemeint ist Antonius Margaritha, der ein Sohn des letzten mittelalterlichen Regensburger Rabbiners gewesen sein will und 1522 zum Christentum übergetreten war, um ein Enthüllungsbuch mit dem Titel „Der gantze jüdisch Glaub“ zu verfassen. Das Werk wurde 1530 in Augsburg gedruckt, jedoch gelangte der Autor dort auch in Haft, da der jüdische Gelehrte Rabbi Josel von Rosheim (den Luther sich übrigens weigerte zu treffen!) den Fälscher anzeigte und öffentlich nachwies, dass er zahlreiche erfundene und verfälschte Aussagen als jüdische in sein Werk setzte, um die Juden zu verleumden. Schon damals als Fälschung entlarvt, spricht nichts wirklich dafür, dass es sich tatsächlich um einen Juden handelte, der zum Christentum übertrat, vieles deutet aber darauf hin, dass er mit diversen Wendungen ansatzweise vertraut war, und wohl ein christlicher Diener der Regensburger Juden war oder wahrscheinlicher um einen Pfaffen aus der neidischen Nachbarschaft.

Wie dem auch sei, weil Luther diesen Autor zitierte, konnte er wohl kein Rassist und Antisemit sein. Ganz so als würde ein Antisemit “niemals” Verleumdungen über Juden zitieren, die von sog. “Kronzeugen” stammten? Ganz so als ob Antisemiten an sich rechtschaffene Leute wären, die nur lautere Methoden nutzten.

Es ist im Grunde sehr erbärmlich, solche Argumente zu benötigen.  Aber das liegt nur daran, dass man derzeit Hass auf Juden als Schande sehen muss. Aber der Nahe Osten bietet aktuell und in Zukunft offenbar den Ausweg aus dem Dilemma. Und so ist es unter der neuen palästinensischen Schirmherrschaft der Lutheraner auch kein Wunder, dass sich zumindest schon auf Arabisch und Englisch Antisemiten wieder auf Luther und seine Lügen über die Juden berufen. Wie die Lage einzuschätzen ist, ergibt sich daraus sicher eine neue eigene Dynamik unter den frommen Lutheranern und Israel als postuliertes Feindbild.

Yehuda Shenef 2009 Gelber Ring yellow ring AugsburgGelber Ring von Augsburg 1434