In eigener Sache: museumsreif

July 15, 2016

Ausstellung Synagoge Augsburg Jüdisches Museum Nachkriegsgemeinde

Sich selbst als Teil einer Museumsausstellung wiederzufinden ist keine Standarderfahrung. Juden in Deutschland kann dies aber durchaus passieren, da „jüdisches Leben in Deutschland“ von manchen noch immer offenbar als so außergewöhnlich aufgefasst wird, um „museumsreifer“ Gegenstand einer Ausstellung zu werden, oder von vieren gar.

Am 2. Juni eröffnete das Jüdische Kulturmuseum im Foyer der Augsburger Synagoge, Halderstraße den von Marc Wrase realisierten vierten Teil der Ausstellung zur jüdischen Nachkriegsgemeinde in Augsburg: „Im Übergang. Jüdische Gegenwart 1990-2010“ mit einer etwas zerstreuten Münchnerin Charlotte Knobloch als Festrednerin.

Yehuda Shenef Jüdisches Kulturmuseum Augsburg SynagogeEndstation Vitrine ..?

Ist man anderswo auf diesem Planeten (wie fast alle Menschen) mehr oder minder fragmentarischer Bestandteil der Allgemeingesellschaft, so fokussiert (verengt) sich in Deutschland der Blick auf „Jüdisches“ (sobald dieses genannt oder bekannt wird) weiterhin durch Schablonen, die in den Biographien der Betrachter vorrätig sind und oft genug über Generationen vererbt sind. Wie bei anderen musealen Exponaten wissen viele Besucher mehr über die Ausstellungsstücke als diese selbst und die gemeine Muschel widerspricht den Expertisen ebenso wenig wie der rekonstruierte Saurier.

Charlotte Knobloch Synagoge Augsburg 2016Festrednerin Knobloch / Hausherr Alexander Mazo

Alexander Mazo Synagoge Augsburg

Sich dem von der Vitrine aus gegenüberzustellen ist eine ungewohnte und deshalb schon auch reizvolle Daseinsvariante, die sonst, wie etwa im Naturkundemuseum Neandertalern und ausgestopften Füchsen oder Eulen vorbehalten bleibt. Es ist also naheliegend, die Gelegenheit zu nutzen, auch (oder: weil) wenn man damit das Reich des Fossilen bereits betreten hat und als reale Erscheinung in gewissen Apsketen entbehrlich wird. Und das ist auch das Gute daran, kann man künftig bei dummen Fragen gleichfalls realer Zeitgenossen diese doch bequem auf Ausstellung und Katalog verweisen.

Im Laufe von nunmehr sechs Wochen seit der Eröffnung der Ausstellung wurde ich aber auch schon von mehreren (mir zuvor fremden) Personen angesprochen – außerhalb des Museums. Das ist etwas eigenartig, wie man sich denken kann. Aber schon vor Jahren sprach mich mal eine ältere Dame an, die an einer von mir geleitete Führung am Friedhof teilnahm und sich an mich erinnerte (anders als ich an sie), mit den Worten: „Sind Sie nicht der Jude vom Friedhof?“. Und zu Glück nahm sie mir meine Antwort: „Ja, genau, aber ich habe heute Ausgang“ nicht krumm, sondern fand sie recht humorig. Und so verhält es sich nun auch mit dem Musealen, was nur folgerichtig ist, wenn man bedenkt, dass vor einigen Jahrzehnten ein gewisser Herr Heydrich, in Prag, von wo meine Großmutter stammt, auch bereits eine Ausstellung über „jüdisches Leben“ plante.

Im Zentrum der Augsburger Ausstellung im Jahre 2016 steht freilich die aktuelle jüdische Gemeinde, die Großteils von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion besteht. Aus ihren Biographien sind Militärorden ebenso entnommen, wie Kinderspielzeug, Modellschiffe oder russische Pelzmützen.

Russische Uniform Orden Jüdisches Museum Augsburg Augsburg

Im Zentrum der Augsburger Ausstellung im Jahre 2016 steht freilich die aktuelle jüdische Gemeinde, die Großteils von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion besteht. Aus ihren Biographien sind Militärorden ebenso entnommen, wie Kinderspielzeug, Modellschiffe oder russische Pelzmützen.

 

Im Übergang. Jüdische Gegenwart 1990-2010

Teil 4 der Ausstellungsreihe des Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben

noch zu sehen bis 11. Dezember 2016

im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg Schwaben im Foyer der Synagoge Halderstraße 6/8


Der “Holocaust” aus der Perspektive der Teletubbies

April 17, 2015

Was haben die Teletubbies mit dem Holocaust zu tun?

 

Auch wenn die ersten die als Babies, mit der Sendung  aufgewachsen sind, bald die Abiturjahrgänge abbilden und die Ende der 1990er Jahre diskutierten Befürchtungen hinsichtlich des Einflusses einer solchen Sendung auf die Entwicklung von Kindern hätten, ggf. erste konkrete Anhaltspunkte geben, offenbar eine sehr absurde Frage, … zugegeben.

Andererseits: Geschichte gibt es längst schon nicht mehr nur als Sammlung (vergangener) Ereignisse, die mit einer Anzahl authentischer Materialien, sich im Laufe der Zeit auf ein paar wenige stereotype Aussagen und Abbildungen verengen. Ein scheinbar besonders geeigneter Weg, die Auseinandersetzung mit dem Alten durch Neues zu ermöglichen, ist deshalb auch die Interpretation und In-Fragestellung durch Methoden der Kunst und Kultur.

Auf dieser Ebene können, neben Filmen, Skulpturen und Malereien, sich also dann auch Holocaust und Teletubbies begegnen, obgleich die „Beschäftigung“ (oder sollte man nicht eher vom Hadern sprechen?) mit „dem finstersten Kapitel der deutschen Geschichte“ (zumindest) offensichtlich keine Berührungsflächen mit der dann doch eher einsilbigen Fernsehproduktion für Kleinstkinder hat. Deren pummelige Protagonisten tragen einfarbige Strampelanzüge in Grün, Gelb, Lila und Rot und heißen Tinky-Winky, Tipsy, La-La und Po. In mehreren hundert Folgen der britischen TV-Serie stammeln sie durch eine Fantasielandschaft und brabbeln vergnügte Kinderlaute bei ihren “Abenteuern”. Zwar gibt es in der Gartenlandschaft der Teletubbies auch Brücken, aber keine führt in ein Konzentrationslager. Aber man kann ja auch von außerhalb anknüpfen.

Lange Rede, kurzer Sinn.

Teletubby Laa-Laa - masks at the dance floor

eh-oh

https://www.youtube.com/watch?v=xlNMk4SD6gA

Die 1997 produzierte Hymne der Baby-Serie hieß „Teletubbies say Eh-Oh“, war immerhin 32 Wochen in der deutschen Hitliste und erreichte dort sogar Platz 1  – womit die Teletubbies übrigens genauso viele Nummer-Eins-Hits in Deutschland hatten wie Elvis Presley (was immer das nun besagen kann).

Das von offenbar verzichtbaren Konsonanten befreite „hello“ war auch die Grußformel der Teletubbies. Im Video ist nun auch die gelbe Figur Laa-Laa zu sehen, wie sie vor einem runden Tisch tanzt, offenbar einer Werkbank. Auf ihr liegen flache Gesichtsschablonen. Recht viele sind bereits zu Boden gefallen und so ergibt es sich, dass die rundlichen (tubby) Trolle eben auch drauf herum laufen.

Jüdisches Museum Berlin Memory Void Masken Installation Leute

 https://jhva.wordpress.com/2012/10/30/das-judische-museum-in-berlin/

Jüdisches Museum Berlin Memory Void Masken

 

Es ist nur eine kurze Sequenz und was sie bedeutet, ist nicht erklärt und tatsächlich verdiente das auch keine Beachtung, gäbe es zur geschilderten Szene nicht doch eine Entsprechung – und zwar an prominenter Stelle in einem gänzlich anderen Kontext, nämlich im „Jüdischen Museum“ von Berlin, dem auch international viel beachteten Bau von Daniel Liebeskind.

Dort gibt in einem hohen, aber engen und grauen, offenen Beton-Raum eine Installation des renommierten israelischen Künstler Menashe Kadishman (geb. 1932) die eben daraus besteht, dass der Boden mit solchen Gesichter-Schablonen oder Masken bedeckt ist. Das Werk nennt sich שכלת (schachelet), „Herbst“ – was auch vom Titel her zum Garten der Teletubbies passt – und ist eine jener „memory voids“ (: Erinnerungslücken) in der Konzeption des Museums, das sich abgesehen davon recht erfolglos vorgenommen hat, „zweitausend Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland“  zu verkörpern, außer man erweitert das Konzept der Erinnerungslücken auch darauf.

teletubbies eh oh holocaust dancing

Ob die Auseinandersetzung des Berliner Museums mit dem „Holocaust“ nun tatsächlich vom Promotion-Video des intellektuell eher bescheidenen Teletubbies SuperhitsEh-oh“ abgekupfert ist, mag man selbst überlegen. Es hat wohl auch damit zu tun, wie wahrscheinlich es ist, dass man einen Boden weiträumig mit flachen ausgestanzten Gesichtsmasken belegt und darauf herumläuft. Allzu häufig ist ein solches Szenarium wohl nicht anzutreffen.

Das Teletubby-Video stammt von 1997, aus dem selben Jahr stammt nach der Webseite http://www.kadishman.com/resume/ auch das Werk „Shakhelet“, was stimmen kann oder auch nicht, freilich wurde das Berliner Museum erst 2001 eröffnet und das Werk erst damit öffentlich.

Womöglich bestehen Begriffe wie „Museums-Pädagogik“ auch nicht umsonst. Wörtlich übersetzt wären dies Musen (Geister), die Kinder an der Nase herum führen. Da reicht dann auch ein Mann fürs Kadisch.

 Teletubby with mask stencil“Mary, mary, quite contrary …”

The mask at the floor installation at Jewish Museum in Berlin, called Shakhelet (autumn) maybe actually is an idea taken from the promotion video of British toddler TV program “Teletubbies” which was shot for the hit single “eh-oh” (for “hello”). The video is from 1997.

Berlin Jüdisches Museum Maske Jewish Museum Shachelet

The “Jewish Museum” in Berlin since 2001 presents the very same idea of distributing punched face like stencils on the floor in order to “remember” the “holocaust”as installation by the renowned Israeli artist Menashe Kadishman.

How come ..?

 


Wunder in Bethlehem: Vatikan stilisiert Jesus zum Palästinenser

May 26, 2014

Der gestrige Besuch des neuen Papstes Franz (= Franziskus, Francis) in Bethlehem, der Geburtsstadt von König David war potentiell darauf angelegt, ein großes weltweites Echo zu erlangen. Da an diesem Wochenende aber ausnahmsweise sehr viel anderes passierte, verpuffte der Effekt, weshalb allenfalls Spartensender kurze berichte brachten. Immerhin gewann Real Madrid zum zehnten Mal die Fußball-Champions-League, während in der Ägäis die Erde bebte, in 28 Staaten der EU Wahlen zum Europa-Parlament mit zum Teil erheblichen Veränderungen stattfanden, Obama einen unangekündigten Besuch in Afghanistan abstattete…

In Brüssel ballerte ein islamistischer Terrorist auf Besucher im Eingang des Jüdischen Museums und ermordete eine Französin und ein Paar aus Israel, weshalb internationale “Experten” spekulierten, ob die Täter ein “antisemitisches” Motiv (Hass auf Buddhisten wäre weniger wahrscheinlich) hatten. Kein Wunder also, dass bei so viel Publicity sich auch Edward Snowden (für viele der eigentlichere „spirituelle“ Führer der Welt, mit stets neuen Offenbarungen) wieder in die Schlagzeilen traute, mit der Spekulation, ob er nicht aus dem Exil bei Putin in die USA zurück wolle. Jetzt, nachdem Russland gerade wieder Icehockey-Weltmeister wurde und die Ukraine einen neuen Präsidenten gewählt hat und Deutschland einen einzelnen Neonazi der NPD ins Europa-Parlament wählte, ohne in Panik zu geraten (: nicht der Rede wert).

*
Obwohl nun angesichts dieser ungewohnt üppigen Nachrichtenlage der „Papst-Besuch in Bethlehem“ nur noch den Stellenwert eines eher nachrangigen Ereignisses erlangen konnte, lohnt es sich doch, auf ein paar Details zu achten. So hielt sein Reisetross „spontan“ an der Trennmauer zwischen Israel und den Autonomiegebieten, just an einer Stelle, an welcher das Werk mit dem einst von den Nazis eingerichteten sog. “Warschauer Ghetto” verglichen wird und ein quasi-offizielles Mädchen zuvor schon, wie auf Al Jazeera bei einer Probeschaltung zu sehen, Anweisungen bekam und mit einer einzelnen Fahne wartete.

Das Papamobil hielt dann “zufällig” auch genau an dieser Stelle und der Pontifex direkt neben dem Mädchen, das er, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit jedoch nicht begrüßte. Stattdessen legte Papst Franz seine Hand aber auf die Mauer -in der Weise wie man es sonst von Betern an der sog. „Klagemauer“ kennt. Das ist Sinn für Humor, fürwahr.

pope francis bethlehem warsaw wall palestinian propaganda bds Franz an Mauer in Bethlehem mit Signalkind / “like Warsaw Ghetto”, “BDS”

Danach gings nun weiter zum eigentlichen “Event”. Dem Gottesdienst am Marktplatz von Bethlehem: Ein überlebensgroßes Bühnenbild zeigte gut sichtbar eine klassische christliche Krippen-Szene und untermalte damit die christliche Auffassung von Bethlehem als Geburtsorts des Jesus. Das in der Krippe liegende Jesus-Kindlein war entgegen der üblichen Darstellung nicht in eine gewöhnliche Windel, sondern in ein sog. “Palästinenser-Tuch” gewickelt, das seit den 1970er Jahren vor allem durch den aus Ägypten stammenden Palästinenser-Führer Yassir Arafat zum weltweiten Symbol des palästinensischen „Kampfes“ gegen Israel geworden ist und sich bei atheistischen, antisemitischen und antiwestlichen Aktivisten bis vor einigen Jahren großer Beliebtheit erfreute. Bereits in Arafats letzten Lebensjahren hatte die Popularität jener Requisite aber etwas abgenommen, mehr noch in den Jahren nach seinem Tod. Zuletzt geriet das angeblich originale Tuch noch mal in den Blickpunkt, als es, gesponsert durch den arabischen “Wissenschafts”-Sender „Al Jazeera“ auf radioaktive Spuren hin untersucht wurde. Eine französische und eine russische Kommission fanden keine Spuren, während eine dritte aus der Schweiz “mögliche Reste” attestierte. Für Verschwörungstheoretiker ein “klarer Beweis”.

pope francis Bethlehem praying Jesus as palestinian babyGebet vor Mega-Bild: Päpste, Marie, Arafat, Jesus-Kind

Wie dem auch sei, Zweifel am Tod von Arafat wurden von niemanden erhoben, weshalb die bekannte „Kriegsflagge der Palästinenser“ vakant geworden war. Gestern nun feierte sie aber ein politisches Comeback. Der Segen des Vatikan wandelte das Kopftuch des einstigen Terror-Führers in die Windel des Jesus. Daraus folgt: Jesus der Palästinenser. Oder gar der Sohn Arafats?

papst franziskus bethlehem Jesus Palästinenser Tuch WindelPapst Franziskus in Bethlehem vor Jesus in Arafat-Windel

Ein Zufall? Nein. Der katholische Führer der Katholiken in Bethlehem, deren Zahl seit der palästinensischen Autonomie rapide schrumpft, lieferte gegen Ende des christlichen Gebetstreffs, an dem u.a. auch der gegenwärtige Fatah-Führer Abbas als Gastgeber teilnahm, die passenden Worte:

Viele junge Leute und Kinder, Freunde des Jesus-Kindes, hören heute dieselben Worte, die man einst zu Maria und Josef sagte: „Es gibt keinen Platz im Gasthaus“. Es gibt keinen Platz für sie in der Familienpolitik die ihr Schicksal entscheidet, nicht in den Gesetzgebungen. Sie nehmen auch nicht an den Friedensverhandlungen teil, die niemals ihren Weg zu uns finden. Ein Frieden der es nicht schafft die Mauern der Angst und des Misstrauens zu durchbrechen, die die Stadt umgeben. In den Fußstapfen des göttlichen Kindes haben unsere jungen Leute Vertreibung, Hunger, Kälte und so oft, die Zerstörung ihrer Häuser erlebt. Zusammen mit Dir, allerheiligster Vater bitten wir heute das Jesus-Kind, seine Grotte zu erweitern, um die vielen Kinder, die Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit wurden, zu empfangen und zu beherbergen. Und wie können wir vergessen für die vielen Gefangenen in überfüllten Gefängnissen zu beten?!Sie hungern nach einem Stück Brot, sie sehnen sich nach Gerechtigkeit und Frieden. Wir sind noch nicht fertig mit den heutigen Herodessen, die Frieden mehr als den Krieg fürchten und den Wohlstand der Familien scheuen, weil sie darauf vorbereitet sind, das Töten fortzusetzen.“

Da Jesus durch die Wandlung des Arafat-Kopftuchs zur Windel plakativ zum de facto Palästinenser stilisiert wird, ist es in dieser kruden Logik dann nur folgerichtig, dass die bösen Juden mit „Herodes“ gleichgesetzt werden, da die Israelis angeblich den Frieden mehr fürchteten, als den Krieg und gewappnet seien für weitere Morde.

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Der aus dem letzten Gaza-Krieg auch in Deutschland bekannt gewordene Slogan „Israel – Kindermörder!“ ist damit mittels „apostolischer Autorität“ mit der christlichen Legende vom „Kindermord zu Bethlehem“ verknüpft worden.

In der Erzählung des Evangeliums ordnet König Herodes an, alle Kleinkinder zu töten, in der Hoffnung, dass auf diese Weise auch das Jesus-Baby getötet werde – das er als bereits über 70-jähriger Vasall des römischen Kaisers, angeblich über alle Maßen fürchte.

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Herodes der Idumäer, der kein Jude war, wird so zum Sinnbild für den Judenstaat, während Jesus, der selbst nach der Auffassung der Evangelien (und andere Überlieferungen gibt es dazu ja offenbar auch gar nicht …) ausdrücklich Jude gewesen sein soll, nun aber zum Palästinenser wird. Wenn man sich wundert, ist es ein Wunder.

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Was das nun alles soll? Die Lage der Christen in den Gebieten der Palästinenser ist offenbar sehr verzweifelt. Die Aneignung antijüdischer Propaganda durch den Vatikan ist wohl ein bloßer Notwehrakt, der Juden und Christen kaum tangiert, da man wenig anderes gewohnt war, aber bei Muslimen punkten helfen soll: “Hehe, haaaaallo …wir sind auch gegen die Juden ,,! Hallo? Hört jemand zu ..?”

1948 waren noch 85 % der Einwohner der Kleinstadt Christen, heute schrumpft ihre Zahl kontinuierlich zu einer marginalen Minderheit. Eine Entwicklung an der massive Geldzahlungen aus westlichen Ländern wie auch die Einrichtung einer „Katholischen Universität“ nicht stoppen, sondern nur beschleunigen konnten.

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Während in Syrien zehntausende Muslime (und Christen) sich gegenseitig massakrieren (auch mit Giftgas), ist es eigenartig, den Blick einmal mehr davon weg und stattdessen auf Israel und die Palästinenser zu richten.

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass in Saudi Arabien Christen und andere Ungläubige die Orte Mekka und Medina als Städte noch nicht mal betreten dürfen, ist es sehr eigenartig, sich darüber zu beschweren, dass Israel, das die heiligste Stätte des Judentums, den Tempelberg unter muslimischer Verwaltung belässt, Grenzkontrollen zu den Autonomiegebieten der Palästinenser durchführt, weil es bekanntlich bereits zahlreiche palästinensische Selbstmordattentäter gab, worunter übrigens auch einige wenige “sich selbst aufopfernde” Christen waren .

Ob angesichts dessen aber, die wohl zugrundeliegende Absicht des neuen Papstes, den Platz Arafats in den Herzen der Palästinenser einzunehmen, gelingen kann, ist wenig wahrscheinlich. Wer anders als Papst und Kollegen selbst Kinder hat, weiß, wie gewiss vergleichsweise die Notwendigkeit ist, Windeln zu wechseln, eher früher als später.

In der realen Welt kein Grund zur Aufregung.

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Pope Francis causes miracles in Bethlehem: One single layingg on of hands and the Israeli border wall to Bethlehem becomes a surrogate for the Jewish wailing wall in Jerusalem.

A huge painting used as set for the papal RC mass shows devine baby Jesus swaddled in the Palestinian diaper previously known as head scarf of late terrorist leader and nobel peace prize winner Yassir Arafat. The so called keffiye, whichs origin is frpm the town of Kufa near Baghdad and previously was worn by Kurds in northern Iraq, but in 1960s was adopted as “Palestinian war flag” by Arafat – and from late 1970s became quite popular among atheist leftists in the west, especially in Europe and western Germany. After the death of Arafat however the “dish towel” went out of style as headwear and in the last winters even in Germany you hardly could see somebody wearing it – what some years earlier had been very frequent. But since now the cloth has been recycelt by highest Apostolic authority, there will be a new nappy style. While the painting portrayed Jesus in napkin as a Palestinian boy with Palestinian relatives behind him, the head of the RC Christians in Bethlehem talked about “new Herods” who do fear peace more than war and are prepared for further killings, etc. – what in Bethlehem of course is a Christian reference to the tale of the so called “Slaughter of Innoncents” (children) mentioned in the Christian Gospels.

So Jesus, according to the same source once born as a Jew now has become a Palestinian baby child and Herod, who actually was no Jew, but an Idumean Roman client king now changes into a symbol for the Jewish state of Israel.

Its the time of miracle and wonders. Or is it just that media imagery has become the main factor. Well, that sure works well with twitter and Co., but it is wrung out like teabags in a quick way. About the same speed as people who indeed have own children know that it becomes necessary to change the nappies, … soon.

Nothing to worry about in the real world.

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pictures: TV screenshots


Die Augsburger Juden der Nachkriegszeit

April 19, 2013

Augsburg Synagoge Westseite

Zukunft im Land der ‚Täter‘?“ – Jüdische Gegenwart zwischen ‚Wiedergutmachung‘ und ‚Wirtschaftswunder“ 1950-1969“ lautet die Mittwoch Abend im Jüdischen Kulturmuseum Schwaben-Augsburg eröffnete Ausstellung (Unter der Schirmherrschaft der nicht anwesenden Münchner Gemeindevorsitzenden Charlotte Knobloch), als zweiter Teil der Serie „Leben in Augsburg nach der Katastrophe“, die sich der Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde widmet.

Jüdisches Kulturmuseum Augsburg Schwaben Ausstellung Zukunft im Land der Täter April 2013

Dr. Schönhagen

Theo GandenheimerBürgermeister a.D. Theo Gandenheimer

Dr. Benigna Schönhagen (geb. 1952), Leiterin des Museums und mit der IKG Gastgeberin der Veranstaltung eröffnete die Veranstaltung und zitierte die oft genannten „gepackten Koffer“ und verwies auf Hella Goldfein, die sich in München als Familientherapeutin auch mit Traumatisierungserfahrungen beschäftigt und als Tochter der (in Augsburg bestatteten) Holocaustüberlebenden Meir und Ester Fischl hier aufwuchs. Der ehemalige Augsburger Bürgermeister und langjährige Stadtrat Theo Gandenheimer (geb. 1934) nannte das Ausstellungsthema einen „bislang völlig unbekannten Teil der Geschichte Augsburgs“ und sprach vom „bewundernswerten Mut der Juden sich nach alledem wieder bei uns niederzulassen“. Die 1952 in Dachau geborene Christine Kamm, seit 1990 für die „Grünen“ im Augsburger Stadtrat und seit 2003 im bayrischen Landtag, sagte, die Geschichte der Überlebenden des Holocausts sei „im kollektiven Gedächtnis verloren gegangen“. Die Mitbegründerin des „Vereins der Freunde und Förderer des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben e.V.“  erwähnte ihren Parteikollegen Jerzy Montag (wohl weil dieser neben einer katholischen Mutter einen jüdischen Vater hatte) , berief sich ebenfalls auf die Münchner Diplom-Psychologin und zitierte deren Aussage darüber, dass „die Gedanken der Kinder das Schweigen der Eltern ausfüllte“.

Dr. Andrea Sinn (geb. 1981) sprach als Kuratorin der Ausstellung. Schon als Mitarbeiterin am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigte sie sich mit Juden, die in der Nachkriegszeit (wieder) in Deutschland lebten. „Nach der Befreiung“, so sagte sie, sei es „für die meisten jüdischen Menschen unvorstellbar“ gewesen nach Deutschland zurückzukehren, weshalb viele „nach Palästina, bzw. Israel“ gingen. Zunächst hätten die Juden in Deutschland keinen Kontakt zu den „Nichtjuden“ gehabt, wohl habe es aber geschäftliche Kontakte gegeben. Zur Zeit des Wirtschaftswunders hätten so auch einige der Juden selbst wirtschaftliche Erfolge erzielen können. Ein Beispiel dafür nannte schließlich auch der Vorsitzende des Stiftungsrates des Museums Dr. Georg Haindl (geb. 1956) und Sohn des Papierfabrikanten Georg Karl Maria Haindl (1914-1970), der wikipedia gemäß dem auf die Kreuzfahrer zurückgehenden „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ (Ordo Equestris Sancti Sepulcri Hierosolymitani) angehörte. Haindl verwies auf Gustav Einstein, der im Besitz der Unterbaarer Schlossbrauerei war, von den Nazis enteignet wurde und in der Nachkriegszeit wieder zu seinem Besitz kam. Der heutige Besitzer der Brauerei habe für die Veranstaltung so auch einiges Bier gespendet, womit sodann auch bereits zum Büffet übergeleitet wurde …

christine kamm grüneChristine Kamm, Grüne Augsburg

Dr Andrea Sinn Kuratorin Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Andrea Sinn, Jewish Museum Augsburg

Dr Georg Haindl Stiftungsrat Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Georg Haindl (III.) Augsburg

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Der Titel der Ausstellung, wurde bereits von den Festrednern in Frage gestellt – damit aber noch nicht in Abrede. Die in manchen Passagen weinerlich anmutenden Stimmen mancher Redner zeugen davon, dass trotz aller Beschwörung einer „Normalität“, sich diese (wenigstens in diesem Rahmen) nicht einstellen will und die Gemüter bis auf weiteres beunruhigt bleiben. Man wählt die Worte ganz behutsam, immer darauf bedacht, keinen Argwohn zu wecken. Obwohl auch gerade Museen mittels ihrer limitierten (nicht selten auch nur zufällig erhaltenen) Dokumente, Modelle und Schnappschüsse fraglos nicht die Alltagswirklichkeit (von in diesem Fall: zwei Jahrzehnten) darstellen können, stapeln sich doch vorsorgliche Entschuldigungen und werden auch bewusst angesprochen, etwa, dass die Ausstellung „keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben“ wolle. Etwas anderes zu erwarten, wäre ziemlich albern, weshalb die Beteuerung wie so oft unsicher wirkt, bewusstseinsgespalten und aufgesteckt.

Formulierungen wie „Tätervolk“, „Land der Täter“ „… der Opfer“, „.. der Taten“ und dergleichen sind seit Jahren, bald schon wieder Jahrzehnten gebräuchlich und kontrovers und noch nach jeder Diskussion sind sich die meisten Diskutanten in etwa darüber einig, dass man nicht pauschalisieren dürfe, solle, könne. Ans Banale grenzende Einsichten dieser Art vorauszusetzen erscheint dann aber offenbar zu anspruchsvoll und vielleicht hat man sich auch deshalb auf Begriffe wie „Erinnerungsarbeit“ verständigt. Dass Fachkreise ihr eigenes Vokabular (er)schaffen, um ihre Wirklichkeit zu beschreiben, ist eine nicht minder geläufige Beobachtung der Linguistik.

Ansonsten dominiert “sowieso” (wie die Schwaben sagen) ganz allgemein der psychologische Zugang zum Thema. Und wo man, bei Bedarf eine Straße einfach überqueren könnte, konstruiert man kunstvolle Wendeltreppen, die verschiedene Perspektiven auf die Straße bieten und ermöglich sie von oben “objektiv” zu betrachten. Wie gut also, dass sich gerade die „zweite Generation“ Therapien zugänglich machen lässt. Θεραπεία heißt eigentlich „Dienen“ und so sind Kunsttherapien und dergleichen gewiss auch (zweck)dienlich.

Von der „Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ sprach bereits das auch schon wieder vor über zwei Jahren erschiene Buch des 1974 geborenen Olivier Guez, das bei einem Preis von 64 Euro offensichtlich nicht zu viele Leser haben sollte, aber vielleicht in Augsburg doch welche fand und somit wohl auch Anregung geben konnte. „Rückkehr unerwünscht“ titelte aber bereits 1978 ein Buch von Joseph E. Drexel (1896-1976). Details.

Als „Unerwünschte“ wurden Juden in Augsburg nun nicht vorgestellt, stattdessen schilderte man einen Konflikt zwischen der recht kleinen Gruppe zurückgekehrter Augsburger Juden und Verschleppten aus Osteuropa. Diese hätten zwei Gemeinden gebildet und erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen zueinander und zur heutigen Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg gefunden. Selbstverständlich wurden auch die erwartbaren Schwierigkeiten mit den schätzungsweise insgesamt etwa 117 mal erwähnten „Nichtjuden“ nicht verschwiegen (aber auch nicht präzisiert, obwohl es da einiges sehr Aufschlussreiches zu berichten gäbe ..!).  Begriffstypisch entspricht dies Nichtrauchern oder Nichtschwimmern, quantitativ ist die auch in Augsburg fast unüberschaubare Gruppe weitgehend deckungsgleich mit der der „Nichtbuddhisten“. Auch hier ist die „Begrifflichkeit“ wieder mit Bedacht gewählt, denn das „Nicht-…“ soll hier nicht ausgrenzen, wie ein „Un-„ (Mensch, Tier, Vermögen, …). Unerwünscht wäre allenfalls “das Judentum” also (sog. “Orthodoxes” solches), eine Gefahr, die aber wohl nicht besteht. Was soll man denn auch einwenden wollen gegen “gebildete Leute” , die Mozart, deutsche Kultur und Sauerkraut mögen oder den FC Bayern München?

Unterbaar Schlossbrauerei Einstein Bier Emblem 1955

Der aus Buttenwiesen stammende Gustav Einstein (1882-1960) war von 1925-1933 im Besitz des Schlosses und der Brauerei in Unterbaar (heute mit Oberbaar zu Baar zusammengefasst, bei Thierhaupten, irgendwo zwischen Meitingen und Pöttmes, 30 km nordöstlich von Augsburg). Erworben hatte er es von den aus Freiburg stammenden Gebrüdern Himmelsbach, die mit Holzverarbeitung ein Vermögen machten, sich dann aber im Wortsinn verspekulierten und Pleite waren. Der “arisierte” Betrieb wurde von Hans Emsländer übernommen, der die Brauerei 1955 wieder an Einstein zurückgeben musste. Einstein starb im November 1960. Seine Erben verkauften Brauerei und Schloss 1963 … Der heutige Eigentüm von Trockau besitzt den Betrieb bereits in zweiter Generation:

www.schlossbrauerei-unterbaar.de

Der Blickwinkel der Ausstellung ist – die Redner hatten es längst verinnerlicht oder wenigstens erkannt – trotzdem einer aufdie Juden“ (und zwar weitgehend im Sinne bloßer Abkömmlinge einer “problematisierten” Abstammung), die nun letztendlich selbst zum Ausstellungsobjekt geworden sind. In gewisser Weise ist damit mein noch in den 1990ern gesagter Satz, dass man als Jude in Augsburgmit einem Bein in der Vitrine …“ stehe, fast Wirklichkeit (im Sinne der durch einen Museums-Besuch gemachte “Erfahrung”) geworden.

Tatsächlich wird es aber noch einen dritten (bis 1985) und einen vierten (bis zur Gegenwart) Teil der Ausstellungskonzeption geben.

* * *

Die Ausstellung ist noch bis 15. September 2013 zu sehen. Dazu erschienen und im Museum für 14 Euro erhältlich ist ein deutsch-englischer “Katalog” (ISBN 978-3-9812246-3-4

(Photos: Margit Hummel)


Das Jüdische Museum in Berlin

October 30, 2012

Das jüdische Museum, eine Stiftung des öffentlichen Rechts des deutschen Staates, in Berlin wurde am 9. September 2001 eröffnet. Die Konzeption des Museums sah vor, abseits vom “dominierenden Holocaust” jüdische Geschichte in Deutschland in den zwei Jahrtausenden davor zu vermitteln. Wahrscheinlich wählte man deshalb auch einen 9.9. anstelle eines sonst üblichen 9.11. als markantes Datum zur Eröffnung, ohne zu ahnen, dass zwei Tage später ein neues, weit populäreres Datum entstehen würde. Bei der Eröffnung in Anwesenheit von Bundespräsident Rau und Kanzler Schröder betonte Werner Michael Blumenthal (geb. 1926, von 1977 bis 1979 Finanzminister der US-Regierung unter Präsident James Carter und seit 1997 Leiter des Berliner Museums) das Jüdische Museum sei „kein Museum für Juden, sondern für Deutsche“. Eine Aussage, für die er teilweise heftig kritisiert wurde, da eine solch „strikte Differenzierung“ zwischen Juden und Deutschen bei manchen doch unangenehme Gefühle oder auch Erinnerungen weckte. Andererseits ist der Anteil deutscher Staatsbürger unter den in Deutschland lebenden Juden sicher auch heute noch deutlich unter zehn Prozent. Zum zehnjährigen Jubiläum, im September 2011, wertete Blumenthal das Museum als „Erfolg“ und wies darauf hin, dass es bereits 7.5 Millionen zahlende Besucher hatte. Wer, so Blumenthal, hätte sich das träumen lassen?

Ganz so überraschend war der Zuspruch dann nun aber nicht, wurden im Vorfeld doch bereits inhaltliche Faktoren, die hätten stören können, ausgeklammert. Im Sommer 1994 war als Blumenthals Vorgänger der Kurator und Kunsthistoriker Amnon Barzel (אמנון ברזל, geb. 1935 in Tel Aviv) zum Leiter des im Bau befindlichen Museums bestimmt worden. Mit seiner Konzeption, die vorsah, dass ein jüdisches Museum in Deutschland die allgemeine Geschichte aus jüdischer Sicht darstellen sollte und nicht, wie sonst die jüdische Minderheit aus der Fremd-Perspektive der „Mehrheitsgesellschaft“, konnte Barzel jedoch keinen Anklang finden.

Wohl um das Gesicht zu wahren, verständigte man sich deshalb auf einen Nebenkonflikt über die prinzipielle Eigenständigkeit des Museums in finanzieller und verwaltungstechnischer Hinsicht. Barzel wurde 1997 entlassen und die Aufmerksamkeit verschob sich von der inhaltlichen Konzeption auf die allgemein als „eigenwillig“ aufgefasste Architektur des Baus. Dieser wurde bereits 1989 geplant und von 1992 bis 1999 durch Daniel Libeskind (geb. 1946) ausgeführt. Die Vorgabe der staatlichen Bauherren verlangte ein „Museum und Mahnmal zugleich“. Der in Lodz geborene Architekt, dessen Credo lautet, dass es bei Architektur vorallem auf das „Erlebnis“ ankomme, nannte seinen Entwurf für das Projekt entsprechend „Between the Lines“, zwischen den Zeilen. Die Kritik, dass die eigenwillige Form des Museums dessen Funktion beeinträchtige, wies der 2010 in Augsburg mit der „Buber-Rosenzweig-Medaille“ ausgezeichnete Architekt zurück. Ganz im Gegenteil sei der Bau absichtlich so konzipiert, dass ab und an kein Platz für Ausstellungen vorhanden sei. Die so entstehende Leere symbolisiere so ja auch den Holocaust, bzw. das durch „ihn“ vernichtete Leben. Auch der bis heute noch überall anzutreffenden Interpretation des Baus als „zerbrochenen David-Stern“ widersprach Libeskind früh und konstatierte, dass diese grundfalsche Ansicht von Leuten vertreten werde, die „die Offenheit und Zeichenlosigkeit meiner Architektur nicht ertragen“ könnten. Der Museumsbau in der Lindenstraße ist jedoch keineswegs von Offenheit geprägt. Seine Fassade ist deshalb auch nicht aus Glas, vielmehr verdeckt graues Zinkblech den ebenfalls grauen Betonbau. Mit “Offenheit” hat dies rein gar nichts nichts zu tun. Auch ist die blecherne „Außenhaut“ alles andere als „zeichenlos“, sondern wie Gestaltungselemente innerhalb und außerhalb des Gebäudes geprägt von Linien, die sich immer wieder, meist in spitzen Winkeln kreuzen, manchmal auch mehrfach.

Die Dominanz der Kreuze, darunter auch Fenster in Form rechtwinkliger Kreuze, hätte sicher gut zu einem modernen christlichen Museum gepasst, ist womöglich aber auch nur eine mehr oder minder geistreiche Reminiszenz an den Standort des Museums im Berliner Stadtteil Kreuzberg.

Manche der gekreuzten Linien werden nun aber – wie bereits der Grundriss des Neubaus –wieder als Bruchstücke eines „David-Sterns“ gedeutet, wohl aus einem Bedürfnis heraus, diesen Stern, der kein eigentliches „Symbol“ des Judentums, sondern des modernen politischen Zionismus ist, entsprechend wahrzunehmen. Seit über hundert Jahren repräsentiert der „Stern“ das jüdische Volk und den Zionismus und seit 1948 die Flagge des Staates Israel. Vor den zionistischen Kongressen ab 1896 ist er auch nur sehr selten auf jüdischen Grabsteinen zu finden, erst ab den 1920er Jahren wird er einigermaßen geläufig. Der Grundriss des Gebäudes in ungleichmäßigen Zickzack-Linien (ob nun beabsichtigt oder nicht) sollte eigentlich aber, zumindest in Berlin, an den zuweilen nicht minder „eigenwilligen“, im Zentrum sog. recht ähnlichen Verlauf der Berliner Mauer erinnern, die über Jahrzehnte die Stadt teilte. An vielen Stellen sind diese Demarkationslinien auch im Straßenbild nachgezeichnet. Aber was hätte das jüdische Museum in Berlin mit der Berliner Mauer zu tun? Folglich ist es für viele naheliegender, sich einen „Blitz“ vorzustellen, vielleicht weil ein jüdisches Museum in Berlin einem Blitzschlag gleichkommt. Wer weiß. Wie auch immer, gibt es den Zickzack-Bau im Museum-Shop zu kaufen, in Miniatur versteht sich, für 9.90 Euro im Maßstab von 1:300 (das sind ca. 50 auf 20 cm, bei 7 cm Höhe) als Bastell-Set mit vier Bögen, im „einfachsten Schwierigkeitsgrad“, also „kinderleicht“, d.h. ohne Blech und Beton, natürlich aber auch ohne Inhalt.

Jüdisches Museum Berlin: Hochspannung – Lebensgefahr

Im Original ist das Museum hingegen unterirdisch mit dem schmalen, außen abseits stehenden, unbekleideten hohen Betonbau verbunden, den man „Holocaust-Turm“ nennt (ohne zu erklären, was das nun wieder eigentlich sein soll). Der „Verzicht“ auf die Blech-Fassade soll hier „Hoffnungslosigkeit“ und Sinnlosigkeit“ vermitteln, was – gar keine Frage – zumindest von außen betrachtet auch grandios gelungen ist. Aber auch im Inneren gibt es kaum etwas zu sehen, da das spitze und hohe Betonkonstrukt unbeleuchtet und fast komplett dunkel ist. Nur ein kleines Fenster ganz oben lässt etwas Licht ein. Das merkt man, wenn man dort etwas verweilt und die Augen sich daran gewöhnen. Dem Besucher soll sich auf diese Weise (die von angeblich von „den“ Juden empfundene) „Ausweglosigkeit“ vermitteln (Stimmen vorbeihuschender Schüler-Gruppen, zitierten auch, dass man dort „den Holocaust fühlen“ kann, … man stelle sich vor! Also wenn das mal kein “Erlebnis” ist, …!), doch begegnet einem die Ausweglosigkeit eigentlich bereits beim Eintritt in das Museum durch den 1735 entstandenen Barockbau (ehem. Kollegienhaus) des Berliner Museums, der bereits 1993 von Libeskind umgebaut wurde. Zwar ist das Zickzack-Gebäude entlang seiner Mittelachse insgesamt etwa 360 Meter lang und verfügt über mitunter 20 m hohe, kahle Räume, doch bleibt trotzdem wohl zu wenig Platz übrig, zumindest für persönliche Dinge, da man nur Dinge mitnehmen darf, die in eine kleine weiße Plastiktasche passen. Diese (deutsche?) Einheitstüte erhält man an der verpflichtenden Garderobe, nachdem man die Sicherheitsschleusen mit Metalldetektorrahmen und das mit sog. Handsonden ausgestattete Museums-Personal passiert hat.

Checkpoint Mordechai” – kein Verdacht wenn man trotzdem lacht ..?

Gegenstände aller Art

Das ist auch wegen der Menge an Wachleuten (ob das früher Grenzkontrolleure waren?) nicht einfach, denn zunächst müssen Taschen, Rucksäcke auf das Band gelegt werden, danach muss man Jacke oder Mantel ausziehen (Schuhe nicht), die ebenfalls durchs Band laufen und von einem Wachmann am Bildschirm beobachtet werden. Man selbst wird nun durch ein kleines Tor gebeten, dessen Detektoren sofort bemerken und umgehend akustisch vermitteln, dass man Metallisches mit sich führt. Es piepst schrill und aufgeregt, so wie im Supermarkt oder in der Bücherei, wenn jemand etwas bei sich hat, was nicht gescannt wurde. Man fühlt sich ertappt wie ein Dieb. Aber nun ja, klar, es ist der eigene Schlüssel in der eigenen Hosentasche. Das vermutet wohl auch der dritte Wachmann, der mit seiner Handsonde an der Hosentasche entlang fährt und in bestimmtem Ton dazu auffordert, den Inhalt auszuleeren. Berühren will er den Schlüssel nicht, sondern fordert dazu auf, ihn in einen kleinen Plastikbehälter zu legen, der nun ebenfalls auf dem Laufband „geröntgt“ wird. Gewiss um sicherzustellen, dass sich im Schaft der einzelnen Schlüssel keine Boxhandschuhe oder Sprengstoffgürtel befinden. Damit hat es sich natürlich noch nicht, denn in der anderen Hosentasche befindet sich die Geldbörse, mit Münzen (vieleicht sind 1 und 2 Euro-Cent-Münzen ja auch deshalb zu 95 % aus Stahl) und einem weiteren Schlüssel, usw. Schließlich darf man seine siebenundsiebzig Sachen wieder haben und Jacke und Mantel wieder anziehen. Ein gewisses Verständnis hat man für die Prozedur, da es bekanntlich Organisationen und verrückte Individuen gibt, die durchaus dazu in der Lage sind, „jüdische“ Einrichtungen oder solche die sie dafür halten, mit Sprengstoff und anderen Waffen anzugreifen, auch wenn Anschläge auf Museen wohl nicht vorkommen. Auch am Flughafen nehmen wir derlei Kontrollen gewohnt und achselzuckend auf uns, da sie auch unserer eigenen Sicherheit dienen. Immerhin kann man ja danach ins Flugzeug, in der Überzeugung, dass alles geregelt ist. Nicht so im Zickzack-Museum, wo weitere Wärter an der schwarzen Treppe die zur Dauerausstellung hinab führt, in forschem Ton gar keinen Zweifel daran lassen, dass die persönlichen Dinge, die man bei sich trägt, und dazu gehören Taschen, aber auch Jacken und Mäntel, die eben erst durchgeleuchtet und ausgeforscht, analysiert und begutachtet wurden, nicht erlaubt sind, den Eigentümer in das eigentliche Museum zu begleiten. In der Tat wäre es auch praktisch, wenn man die mitgebrachten Taschen in einem Schließfach abstellen könnte. Das klappt landauf, landab in allen möglichen Museen, Bibliotheken und sonstigen vergleichbaren Einrichtungen, selbst in der Provinz, im jüdischen Museum in Berlin ist eine solche Lösung jedoch nicht vorgesehen. Die Vorstellung, dass aufwendig durchleuchtete Besucher ihre Taschen selbst in ein Schließfach stellen können, muss für jene, die sich das offensichtlich auf bloße Machtdemonstration ausgerichtete staatliche Sicherheitskonzept ausgedacht haben, eine Bedrohung sein.

Nun also der Hinweis auf „die Garderobe“. Dort erklärt jedoch ein Hinweisschild, dass für Jacken, Taschen und Mäntel, die man dem Personal abgibt, keine Haftung übernommen wird. Das heißt „zwischen den Zeilen“: Kommt etwas abhanden, ist es eben weg. Pech gehabt. Aber wie sollte man bei der bisherigen Behandlung durch den inzwischen vielleicht schon zehnten Inspekteur selbst auch auf die Idee kommen misstrauisch zu werden? Man kann ja auch wieder gehen, wenn es einem nicht gefällt und vielleicht bekäme man nach langen Diskussionen auch das Eintrittsgeld wieder zurück. Vielleicht auch nicht.

Aus journalistischer Neugier, aber auch aus zeitgenössischem historischen Interesse, lassen wir uns trotzdem darauf ein, unsere mitgebrachten Utensilien in den Fängen der Garderobenpolizei zu belassen und uns ohne Jacken und Mäntel im etwas kühlen Betonbau zu bewegen, bevormundet und fremdbestimmt. Dass sehen aber womöglich längst nicht alle Besucher als problematisch an. Man vermittelt ihnen ja auch den Eindruck, dass  das irgendwie dazu gehört, so wie das Ausziehen der Schuhe beim Betreten einer Moschee. Wie gesagt hatte aber der Direktor des Museums ausdrücklich betont, dass es sich nicht um ein Museum für Juden, sondern für Deutsche handelt. Mit den jährlichen Basisenergiekosten von über sechshunderttausend Euro pro Jahr spart das Museum offenbar aber nicht nur mit dem Einsatz von LED-Beleuchtung und „moderner Lüftungstechnik“. Nach dem pauschalen Terror-Verdacht ist ein leichter Kälteschauer bei äußerlich bevorstehendem Wintereinbruch ist sicher auch ein eingeplanter Effekt im Rahmen der „Erlebnis-Architektur“. Durch die schwarze Treppe gelangt man nun nach unten, nicht zu einer Gruft, wohl aber zu Ausstellungen, die in verschiedenen Räumen über andere Museen und Konzepte, etwa in Brüssel, Kapstadt oder Haifa informieren, ehe man nun wieder steil nach oben steigen kann zur Dauerausstellung. Man kann dafür zwar auch einen „Lift“ benutzen, aber nach dem äußerst unsympathischen Auftakt spricht nichts dafür, derlei Annehmlichkeiten zu beanspruchen, da man das Gerät womöglich nur in Unterwäsche benutzen darf.

Die Ausstellung sei aus der Sicht mancher Kritiker zu wissenschaftlich, aus der Sicht anderer nicht wissenschaftlich genug, kann man nachlesen. Das soll gegenübergestellt sicher suggerieren, dass „man“ es ja ohnehin nicht jedem recht machen kann und dass „die Wahrheit“ bestimmt irgendwo in der Mitte liegt, vielleicht aber ja auch zwischen den Zeilen, in einem spitzen Winkel, in einer versteckten Ecke oder in einem der zahllosen Kreuze. Viele – vor allem auch jüngere – Leute atmen hörbar erleichtert auf, wenn sie bemerken, dass „das Judentum“ nun einmal nicht auf „den Holocaust“ reduziert wird (als hätte „es“ damit jemals irgendetwas zu tun gehabt …), freilich zum Preis, dass zahlreiche andere, weit ältere Klischees bedient und wiederbelebt werden.

Die Proklamation von „Zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte“ ist genaugenommen jedoch nur ein Werbegag. Die Ausstellung beginnt so auch nicht um das Jahr 12 des christlichen Kalenders, sondern erst mit der Replik des Bruchstücks einer spätantiken Öllampe (in Augsburg hat man sich zum ortseigenen Vergleichsfund wenigstens noch die „Mühe“ gemacht, neben dem Fragment eine Rekonstruktion zu „wagen“, aber dafür fehlten in Berlin offenbar die finanziellen Mittel …), die in Trier gefunden wurde und etwas nebulös (weil hundert Jahre umfassend) auf das „4. Jahrhundert“ datiert wird. Die ersten 3 bis 4 Jahrhunderte sind mit der Replik der Terrakotta-Scherbe dann auch bereits abgedeckt. Das passiert ganz nebenbei und ist durchaus beachtlich, verhieß letztlich aber nichts Gutes für das inhaltliche Niveau der weiteren Ausstellung. Dort geht es dann auch weiter mit einem Kunststoffbaum mit Granatäpfeln , wobei einige seiner Früchte durch Smartphones ersetzt wurden, die auf ihrem Display eine Abbildung zeigen, origineller Weise die eines … genau: Granatapfels. Ob damit I-phone und Co. als Früchte der Erkenntnis dargestellt werden (die im Inneren vielleicht einen Etrog-Chipsatz verwenden?) oder ob es sich um ein Relikt einer früheren „Grünen Woche“ handelt, ist unklar, und ist auch von den umstehenden Führungskräften nicht zu erfahren. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass damit die Lücke bis zum nächsten Ausstellungsstück überspielt werden soll. Und schon fällt der Blick auf zwei weiße Gipsabdrücke der „Ecclesia“ und „Synagoge“ genannten Frauenfiguren. Wir erkennen sie wieder, da wir sie bereits in Bamberg gesehen haben, wo sie an der Fassade des Doms und nochmals im Original in der Kirche ausgestellt sind. Auch hier sind der Ecclesia die Arme abhanden gekommen, was sie nach modernem Verständnis als schwerbehindert ausweist. Das Original des Bamberger Figurenpaars wird gemeinhin in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert, weshalb wir nun also nach wenigen Metern bereits zwölfhundert der zweitausend Jahre deutsch-jüdischer Geschichte mittels Kopien von Bruchstücken absolviert haben. Die noch immer frischen Erinnerung an die groteske Behandlung durch das Sicherheitspersonal lassen vermuten, dass man die Besucher womöglich deshalb so sorgfältig „filzt“, weil man hofft, auf diese Weise die inhaltliche Leere schließen zu können.

Als nächsten Gimmick hatten sich die Planer eine etwa halbmetergroße (!) Knoblauchknolle ausgedacht, die sich in drei Teile aufklappen lässt. Auf diese Weise sollten die drei Städte Speyer, Worms und Mainz dargestellt werden, die sich in ihrer mittelalterlichen Schreibweise hebräisch als „שום“ abkürzen ließen. Die einzelnen Buchstaben des Kürzels sind etwa drei Meter hoch an einzelnen Wänden ausgestellt. Richtig, als Wort gelesen bedeutet „schum“ bekanntlich tatsächlich „Knoblauch“, sprichwörtlich heißt es aber auch „nichts“, „schum-dawar“ (שום-דבר) „rein gar nix“, „nicht der Rede wert“. Das sagt man, wenn man gefragt wird, ob einem etwas fehlt, ob man Lanzen, U-Boote, Schweizer Messer oder digitale Abbildungen von Etrog-Früchten bei sich trägt … oder etwas im Souvenir-Shop kaufen möchte: schum-dawar. Für die Zeit, in welcher bereits eine lokale jüdische Geschichte erwähnenswert wäre, sind nun weitere Kunststoff-Repliken von Fenstern und Grabsteinen ausgestellt, eine übergroße Schwarzweiß-Abbildung des Grabsteins des Maharam („Meir von Rothenburg“, gest. 1293) und nach wenigen weiteren Schritten vorbei an Urkunden des Jahres 1300 ist man tatsächlich bereits im Barock gelandet, genauer gesagt bei Glückel von Hameln (1646-1724) und ihren jüdisch-deutschen „Memoiren“ aus dem Jahre 1710, die mit „dem Barock“ an sich wenig zu tun haben. Danach ent-schleunigt sich das rasante Tempo der Ausstellung, die trotz einiger übergroßer Installationen 1700 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland auf wenige Meter reduziert. Andernfalls wäre man ja auch schon gleich bei den Nazis angelangt und stünde auch gleich wieder am Ausgang. So geht es nun aber weiter mit einem Fischpräparat des Marcus Bloch (1723-1799) und mit Moses Mendelssohn (1729-1786), der ab 1742 in Berlin wirkte und später am Friedhof in der Großen Hamburger Straße begraben wurde.

Je mehr sich die Geschichte nun der „Moderne“ zuwendet, um so kleiner werden die Abstände und vielfältiger die Ausstellungsstücke. Immer wieder gibt es Abbildungen und Gegenstände in Vitrinen, etwa Uhren, Tassen, Gemälde, aber auch kleine Exkursionen, mittels welcher „jüdische Ritualgegenstände“ wie Tora-Zeiger und Kerzenleuchter, Tora-Rollen oder Beschneidungsmesser erläutert werden oder mittels Schubfächern und Bildschirmen Hintergrundinformationen vermittelt werden sollen. Ein von Polstern umgebener Bildschirm mit dem  Doppelnamen „Das Ding / The Object“ beispielsweise erklärt, was nun eigentlich Hostien (sicher sehr wichtig um “das Judentum” zu verstehen) sind und erläutert sie falsch als „Opferlamm“, obwohl das lateinische Wort genaugenommen „Schlachtopfer“ bedeutet. Wie dem auch sei, passte auch das eher in ein christliches Museum. Immer wieder sieht man kleine Gruppen, meist Jugendliche, die um einen Führer herumstehen, der ihnen bereitwillig ein Objekt oder eine Abteilung erklärt, jedoch genügt es, etwas hinein zuhören, um zu verstehen, dass zumindest an Klischees nicht gegeizt wird. Letztlich spricht auch dagegen nichts, da es ja kein Museum für Juden sein soll und dem Vernehmen nach ohnehin „die Architektur“ und ihr „Erleben“ im Vordergrund stehen. Das gelingt und die (Wissens-) Lücken gehören zum Konzept.

Was sind denn nun eigentlich Hostien? – Kein Problem, im Jüdischen Museum wird es erklärt, durch “das Ding”.

Es wäre jedoch redlicher ohne Etikettenschwindel von einem Museum zu sprechen, dass die letzten dreihundert Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland darstellt und zwar eben doch aus der Perspektive der „Mehrheitsgesellschaft“. Mit auf bloße Stereotypen und einige Versatzstücke reduzierten „Judentum“ hat das Museum ansonsten auch nichts zu tun. Dafür sind die Lücken viel zu groß und daran ändern auch gerade die sog. „Voids“ nichts, die das Zerstörte „symbolisieren“ sollen und die man „Leeren der Geschichte“ nennen könnte. Etwa die sog. „Memory Void“ von Menasche Kadischman (מנשה קדישמן, geb. 1932) mit dem eigenartigen Namen „שלכת“ (in etwa die Entlaubung im Herbst) im Erdgeschoss. Im natürlich spitz zugeschnittenen hohen Betonraum, auf den man von oben durch kleine Fenster heruntersehen kann, liegen auf dem Boden angeblich zehntausend stereotype Masken mit runden Augen-Öffnungen und einem angedeuteten offenen Mund. Sie sollen an „die Opfer“ erinnern. Die Frage ist an welche? Das Holocaust-Thema wollte man ja vermeiden und eine Opferzahl von „zehntausend“ zu behaupten – könnte nach deutscher Gesetzeslage sogar strafbar sein.

Wie zu beobachten ist, laufen eine Reihe der Besucher auf den „Gesichtern“ umher, vielleicht, weil sie es von zuhause so gewohnt sind oder weil, wie man nachlesen kann, eine Absicht des Künstlers auch gerade darin bestand, metallische Klänge zu erzeugen, wenn man sich auf den Schichten von Masken auf und ab bewegt. Angeblich gäbe dies den „Menschen“ ihre Stimme zurück. Diese stellte „man“ sich dann als eine Art blechernes, metallenes „Kling-Klong“ vor. Aber wer würde nach einer Weile nicht ebenso „klingen“, wenn man in einem Betonschacht läge und andere permanent auf den eigenen stereotypen „Gesichtern“ herum trampeln? Und warum dies nun eigentlich? Damit darauf stehende oder kniende Besucher Schnappschüsse für ihre facebook – Seiten machen können. Eine bleibende Erinnerung? Vielleicht vermittelt ja auch dieses einmalige „Holocaust-Gefühl“.

Zu Besuch beim Holocaust …

Wäre man nicht so erzogen worden, wie käme man nach dem Besuch dieses Museums darauf, dass Judentum letztlich nicht auf sinnentleerten „Symbolen“, sondern auf der Praxis der Lehren von Talmud und Tora beruht? Könnte man mittels Nachbildungen diverser Scherben, etwas Tafelgeschirr und Hüten und fixiert auf Hexenverfolgungen und Biographien einzelner christlicher Milliardäre, Fürsten, Künstler und Mäzene nicht auch den Sinn und Zweck der christlichen Taufe missverstehen? Gewiss. So misst sich der Erfolg des Museums an den Besucherzahlen – wie erwähnt sind das aktuell etwa eine Dreiviertelmilllion pro Jahr – auch, weil Besucher zahlen und sich in der Mehrzahl sicher auch ganz gerne ehrfürchtig durchsuchen lassen. Das hat zweifellos auch bereits Event-Charakter, weil es ja auch einen gewissen Nervenkitzel hat. Schließlich kann jeder noch nicht inspizierte Besucher einen Sprengstoffgürtel um den Bauch gebunden haben. Da fühlt man sich bestimmt wie ein echter Jude, der gefährdet ist, zugleich aber auch wie ein Araber, der per se als Terrorist verdächtigt wird – oder umgekehrt? Jedenfalls hat es, wie man beobachten kann, gerade auch für Schülergruppen offensichtlich einen Reiz, absehbar unzutreffend, wie ein Terrorverdächtiger behandelt zu werden. Wo sonst bekommt man das für Zwo-fuffzig auch geboten? Der alberne Kiddusch-Becher aus Plastik im Museums-Shop kostet hingegen schon 3.50 € und welchem Schüler reicht da noch das Geld für einen kleinen Plüsch-Teddy mit Kippa?

Im Museums-Shop: Plastik-Becher für 3.50 € und Plüsch-Bären mit Kippa

War es das? Ja, und: nein. Den Museumsmachern ist irgendwie doch klar geworden, dass ihr staatliches Auftragswerk nicht alle Einwohner der Stadt und des Landes anspricht. Da insbesondere wohl gerade auch muslimische Besucher zu fehlen scheinen, wenigstens solche, die bei der Leibesvisitation traditionelle Kleidungsstücke abzulegen hätten, planen und realisieren sie auf der anderen Straßenseite einen Erweiterungsbau. Dieser soll ein “islamisch-jüdisches Forum” bieten und sich mit Fragen der Integration befassen. Was damit gemeint ist kann man aus jüdischer Perspektive eigentlich nur raten – vielleicht gibt es Seminare, die vermitteln wie man Israel hassen kann, ohne als Antisemit zu gelten? Zweifellos wird es aber einer „nichtjüdischen“ Mehrheitsmeinung entsprechen.


Eindrücke aus Irsee (Ostallgäu)

November 29, 2010

Der 750 m hoch gelegene Markt Irsee ist ein kleiner Ort im Ostallgäu unweit von Kaufbeuren und mit rund 1400 Einwohnern Bestandteil der Verwaltungsgemeinschaft Pforzen. Auf dem im späten 12. Jahrhundert von Markgraf Heinrich Ursin – Ronsberg bebauten Irseer Burgberg befindet sich die mehrfach umgebaute Klosteranlage, die bis 1803 den Habsburgern unterstand. Etwa ein halbes Jahrhundert später wurde im säkularisierten Kloster eine Irrenanstalt untergebracht, die in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen des sog. „Euthanasie“-Programms weitergeführt wurde. Zwar wurde die Mehrzahl der auf 2000 Menschen geschätzte Zahl der Ermordeten nicht im Haus getötet, wohl aber vom Fachpersonal und der Anstaltsleitung entsprechend „begutachtet“ und „aussortiert“.

Eine gewisse Anzahl von Personen ist freilich auch im Haus ermordet worden, etwa durch eine konsequente, konzeptionelle Unterernährung, die sog. „E-Kost“, aber auch durch gezielte, tödliche Giftspritzen. Ein inzwischen weiter bekannt gewordener Fall ist der des am 1. November 1929 in Augsburg geborenen Jungen Ernst Lossa der als Halbwaise am 9. August 1944, im Alter von 14 Jahren von den Anstaltsärzten kaltblütig ermordet wurde. Im Augsburger Stadteil Pfersee erinnert heute im Bereich der ehemaligen Sheridan-Kaserne die nach ihm benannte Ernst-Lossa-Str.

Weitere Infos zu Ernst Lossa: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Lossa

Eine rekonstruierte Biographie: http://www.robertdomes.com/nebel-im-august/making-of/

Auf der Rückseite des weißgetünchten, sichtlich aufwendig renovierten Klosters, heute ein Konferenzhotel, das auch der „Schwabenakademie“ als „Tagungs- und Bildungszentrum Kloster Irsee“ dient, erinnert eine Skulptur an diese mit dem „Euthanasie“ (griechisch für „guter Tod“) verharmloste Verbrechen. Eine ratlos wirkende, fast achselzuckende Figur auf einer Kugel, direkt neben den nicht markierten Gräbern einiger Ermordeter scheint zu fragen: „was soll man dazu noch sagen“.

Widmungstext: “Den stummen Opfern politischer Gewaltherrschaft zum Gedenken” (“in commemoration of the silent victims of political tyranny”)

Die recht große Klosterkirche beinhaltet eine unvermutet kunstvoll gestaltete und geschmückte Kanzel aus dem Jahr 1725 in Form eines Schiffes, welche zumindest thematisch an die Bima der אכרידה‎ Synagoge im jüdischen Viertel Balat in Istanbul erinnert, insofern man diese kennt, natürlich. Die Kirche passt sich dem weißgetünchten Barockeindruck des Tagungshotels an.

Etwas gruselig und bizarr wirken jedoch die Seitenaltäre für die beiden sog. „Katakomben-Heiligen“ Candidus und Faustus, deren Skelette Ende des 17. Jahrhunderts aus Rom beschafft wurden, um sie in der Kirche auszustellen.  Dazu wurden von dem als „vornehm“ beschriebenen Grabplatz S. Cyriacae eigens Leichname längst verstorbener Römer ausgegraben und ins Ostallgäu gebracht, wo es seit Jahrzehnten bereits keine Reliquien mehr gab. Wer die Ausgegrabenen nun eigentlich waren, ist völlig unbekant. Auf dem Grabstein des Faustus etwa war keine Jahreszahl genannt, jedoch soll neben der Abbildung eines Palmenzweigs gestanden haben „S. Fausti Mart“, nunmehr gedeutet als heiliger Märtyrer Faustus … Wie auch immer schreibt der Leichenbeschaffer, dass es „große Mühen erfordert“ einen solchen „Particular-Coerper“ zu bekommen, da man solche „Heiligen“ – man stelle sich vor – nur „ungern wegführen lasse“.

the two Roman corpses from Italy exhibited in a showcase each as martyrer and saint: Faustus and Canditus

Die Leichen der in Rom ausgebuddelten Unbekannten sind in der Kirche nun stehend und mit Glas, Silber und Gold bestickten Gewändern in Schaufenstern auf- und ausgestellte Figuren. Die so recht bizarr wirkenden Skelete sind mit Drähten verstärkt, um stabil in den Vitrinen zu stehen, die ihrerseits wiederum an den Wänden von Altären angebracht sind.  Der in Irsee verstorbene deutsche Komponist Meinrad Spieß (1683 – 1761), der bereits im Alter von 11 Jahren in die Abtei Irsee kam widmete den ausgestellten Leichen sogar eigene musikalische Werke.

Die im ehemaligen benediktinischen Reichsstift umgebrachten Kinder wie etwa Ernst Lossa bilden einen eigentümlichen Kontrast zu den in weiter Ferne ausgebuddelten römischen Toten, deren mit Schwertern gerüsteten Leichen in Schaukästen ausgestellt in der weißgetünchten Kirche als Heilige verehrt und angebetet werden.

 Vor diesem augenfälligen geschichtlichen Hintergrund war die Aufgabe, die Schilderung eines lebendigen Judentums und auch seines Umgangs mit Vergangenheit und mit Verstorbenen zu vermitteln, freilich nicht leichter, zumal im Rahmen einer Konferenz über die eher museale Beschäftigung mit dem Judentum („Kultur und Geschichte“) im bayerischen Schwaben, deren Fokus nach wie vor noch eher auf dem „Holocaust“ liegt.

Irsee in the Bavarian Swabian Allgäu region in the southwestern part of Bavaria is a small village of some 1400 inhabitants, some 50 km north of world famous Neuschwanstein castle (Fuessen / Schwangau). Irsee, part of Pforzen near Kaufbeuren, is dominated by the former monastery and its twin tower church. In 1850 the cloister was converted to an asylum for mental ill people, but in the time of the Nazi-rule some 2000 patients, among them also children were murdered here and in referred camps. In Augsburg – Pfersee a street has been named after Ernst Lossa (1929-1944) who was murdered in the house by lethal injection since the Doctors were convinced that the 14 year ol boy lead a “worthless life” (“unwertes Leben”). Today the former cloister hosts an elaborately restored conference hotel and training center ,is home to the Schwabenakademie and has a variety of conferences and festivals throughout the year. The abbey church has a worth seeing ship shaped pulpit, while both side aisles of the baroque church have display windows with real corpses excavated some 330 years ago at an old Roman cemetery. The skeletons of the two unknown Romans were regarded as martyrs and therefore decorated with clothes covered with silver and gold. In the rear of the cloister and church there is a park with a memorial for the murdered victims of the so called “mercy killing” (the Greek term “euthanasia” = lit. “good death”)  with a shrugging rather helpless appearing figure balancing on a ball.

At the “Festsaal” of the cloister there now was the 22nd “Conference on History and Culture of Jews in Bavarian Swabia”, we were invited to.  

(Pictures (c) by Yehuda Shenef)


“Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben”

November 12, 2010

Pressemitteilung Bezirk Schwaben vom 04.11.2010:

 

22. Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben

Zahlreiche Vereine, Organisationen und Institutionen in Schwaben, Bayern und der Bundesrepublik befassen sich mit jüdischer Geschichte und Kultur. Deren Selbstverständnis, Interessen, Ziele und Bedeutung für die Erinnerungskultur thematisiert die 22. Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben. Sie findet am Freitag, 26. November, und Samstag, 27. November, unter Federführung der Bezirksheimatpflege und der Schwabenakademie Irsee in Kloster Irsee (Landkreis Ostallgäu) statt.

 

 

Irsee. Yehuda Schenef und Margit Hummel betrachten dabei den Jüdisch Historischen Verein Augsburg, Dr. Benigna Schönhagen beschreibt das Selbstverständnis des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg. In einem Podiumsgespräch diskutiert Bezirksheimatpfleger und Tagungsleiter Dr. Peter Fassl mit Dr. Hanno Loewy (Hohenems) und Bernhard Purin (München) zum Thema „Jüdische Museen: Woher und wohin?“. Weitere Beiträge beleuchten die jüdische Abteilung im Stadtmuseum Memmingen sowie das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm. Am Freitag, 26. November, führt Jutta Fleckenstein in das Ausstellungskonzept „Zuwanderung von Juden aus Osteuropa“ ein, am Abend findet zum gleichen Thema eine Lesung mit Lena Gorelik statt. Sibylle Tiedemann stellt am Samstag, 27. November, das Filmprojekt „Briefe aus Chicago“ und die Ausstellung „Bilder aus dem Exil“ vor. Das Projekt war bereits in Deutschland, Polen, Tschechien und den USA erfolgreich, Sibylle Tiedemann erhält dafür im Januar 2011 den German Jewish History Award im Berliner Abgeordnetenhaus.

Seit 1989 bilden die Irseer Tagungen zur jüdischen Geschichte einen festen Bestandteil der Geschichtsforschung und Kulturarbeit in Schwaben. Dabei werden neue landes- und kulturgeschichtliche, denkmalpflegerische, literarische und kirchengeschichtliche Forschungen und Projekte vorgestellt und aktuelle Entwicklungen diskutiert. Die Tagungen verstehen sich als ein offenes Gesprächsforum, das sich über die Fachwissenschaften hinaus an alle Interessierten aus den Bereichen Bildung, Heimat- und Kulturpflege wendet.

Anmeldungen nimmt die Schwabenakademie Irsee unter Telefon (0 83 41) 9 06 – 6 61 oder -6 62 sowie unter E-Mail buero@schwabenakademie.de entgegen. Im Internet unter http://www.schwabenakademie.de gibt es weitere Informationen zur Tagung.

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The JHVA is invited to join the annual conference in Irsee on History and Culture of the Jews in Swabia, hosted by the District of Schwaben in Bavarian Swabia, 26th and 27th of November. Unfortunately most parts of the two day meeting on the question of the “self-conception” of Museums, Organisations or Associations who “deal” with Judaism with many talks will take place at Shabbes, so that we will be able to attend only few of them.