Drei Sterne Häuser

August 23, 2013

Das jüngst fertig gestellte neue Buch zur Geschichte des alten jüdischen Friedhof von Pfersee, Kriegshaber und Steppach im Nordwesten von Augsburg hatten wir den Titel „Haus der drei Sterne“ (http://kokavim.wordpress.com/ ) gegeben, einmal wegen der drei genannten Gemeinden, zum anderen, weil die drei Sterne auch das Familien-Wappen der Ulmo war und das den Medinat Schwaben, und wegen noch ein paar (3 ..?) Gründen.

Bad Windsheim Haus der drei Sterne Judenviertelthree star book in front of three star house

Jüngst unterwegs im schönen Franken begegneten wir gleich an zwei Orten Häusern die drei Sterne im Wappen hatten keine Abzeichen von Hotels noch Restaurants, sondern historische Embleme – also ganz sicher nicht von Michelin und Co. ausgezeichnet wurden.

Bad Windsheim ErbsengasseHaus mit 3-Stern u Löwen- Wappen in Erbsengasse, Bad Windsheim

Die Sprüche oben im Fachwerk lauten: “Wenn es heut gut Dir geht, denke weise auch an “Morgen”, nicht erst wenn der Sturmwind tobt, musst für Schutz und Schirm du sorgen” und “Zwischen Welt und Einsamkeit, ist das rechte Leben, nicht zu nah und nicht zu weit will ich mich begeben“.

EIn weiteres Drei-Sterne Wappen fand sich bei der Judengasse in Weißenburg, auch gleich um die Ecke, gegenüber vom gemütlichen Gasthof “Zur Kanne” (Bachgasse) mit dem eigenem Haus-Museum und bemerkenswert guten selbstgebrauten Dunkelbier (Empfehlung!).

3 Sterne Wappen Weißenburg JudenviertelDrei Sterne – Wappen in Weißenburg 

Three star coat of arms at a house in Franconian city of Weisenburg next to the Judengasse. Note that the first two of the three star are seven-pointed, just the last is six-pointed. Before the Zionist movement Jews used many different types of stars. At the Jewish cemetery of Pfersee/Kriegshaber there also are Ulmo family coats with 3 eight-pointed stars. The bima of the first modern synagogue in Augsburg’s Wintergasse (1860s until 1917) also was decorated with a eight-pointed star….

Weißenburg Zur Kanne Brauerei Schneider 3 Sterne Haus JudenviertelBlick von der Judengasse zum Brauereihof “Zur Kanne” und zum drei Sterne-Wappen Haus

If you know other 3 star emblems adjunct in one way or another to Jews and Jewish history, let us know.

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Ghetto oder Eruw?

July 18, 2007

Synagoge Ner Tamid

Ghetto oder Eruw?

Ein weit verbreitetes Missverständnis über das Leben der Juden im mittelalterlichen Europa und insbesondere in Deutschland betrifft das sog. jüdische Ghetto, in welchem Juden abgeschlossen inmitten einer Stadtgemeinde lebten. Dies wird in der Regel so gedeutet, dass auf diese Weise sie als gerade eben noch geduldete Fremdlinge den größten Teil ihres Daseins eingepfercht in engen Gassen hausten, ihre Zeit mit dem Backen von staubtrockenen Matzen oder Schächten verbrachten und sehnsüchtig darauf warteten, bis ein edler Christ bei ihnen an die Türe klopfte um einen natürlich überteuerten Kredit aufzunehmen, den er zinsfrei nicht bekommen konnte. Dieses Grundmuster wird natürlich bei toleranten Gemütern durchaus moderater gesehen und so manche Eigenschaft, die den Juden negativ anhaften soll, wird gerne „mit dem Ghetto“ entschuldigt, auch bei liberalen Juden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die häufiger davon sprachen, den Staub des Ghettos abschütteln zu wollen. Wie so vieles was mit der Wahrnehmung von Juden zu tun hat, ist aber auch der Begriff des Ghettos letztlich ein aus einem Missverständnis selbstständig gewordenes Klischee, das nur wegen der neuzeitlichen Aufbereitung des Begriffs durch die Nazis (Warschauer Ghetto, etc.) seine Wucht nicht verloren hat.

Der geläufigen Ansicht nach stammt der Begriff Ghetto aus Venedig und bezeichnete um das Jahr 1520 dort zunächst die im Stadtteil Cannaregio gelegene Gießerei. Manchmal wird dies sogar so aufgefasst, dass das Wort „Gießerei“ hieße, doch das wäre eindeutig die fonderia. Das Wort getto (im venezianischen Dialekt ghetto, das „h“ verhindert eine Aussprache als dschetto) bedeutet werfen, weshalb nun vermutet wurde, dass bei der Gießerei Abfälle (als „wegwerfen oder „Strahl“ gedeutet) entstanden und man deshalb das Gebiet drum herum so benannt haben soll, was jedoch nicht so recht überzeugt. Einer anderen Ableitung nach soll der Begriff jedoch von „borghetto“ stammen, was „kleines Dorf“ oder „Städtchen“ heißen sollte. Die Aussprache sei demnach durch, aus deutschen Gebieten zugewanderte, Juden entstanden, die das „g“ nicht als „dsch“ sprachen. Gelegentlich wurde gar versucht, den Begriff vom aramäischen גטא (gito) abzuleiten, was wie das hebräisch Äquivalent גט (get) eine Ehescheidungsurkunde bezeichnet. Der nachbiblische Begriff ist erst im späten zweiten Jahrhundert nach christlichem Kalender belegt, bezeichnet aber nirgends ein aus welchen Gründen auch immer abgetrenntes Wohngebiet, sondern ausschließlich die schriftlich verbriefte und damit rechtskräftige Scheidung durch das Rabbinatsgericht.  Denkbar wäre jedoch die Herkunft des ansonsten unklaren Begriffs aus dem aramäischen גיתא (geto), das ursprünglich eine Schafherde bezeichnet, dann im übertragenen Sinne eine „Menge“ und schließlich die Schafhürde. Vom Bedeutungshintergrund käme eine Hürde, Pferch oder Koppel funktional einem Ghetto recht nahe, da darin Schafe oder Pferde, etc. mittels Zäunen, Flechtwerk, etc. gesammelt werden. In einem Ghetto waren nun Juden in einem Gebiet konzentriert und als Wohnviertel der Juden in Venedig ist das Ghetto dann auch allgemein und sicher überliefert.

Mehr oder minder abgeschlossene Wohngebiete sind jedoch keine Erfindung der Venezianer.  Ummauerte oder sonst wie abtrennte Lebensbereiche mit Wohnräumen um Kirchen herum etwa bildeten Klöster. In ähnlicher Weise bemühten sich auch Juden um möglichst geschlossene Wohngebiete. Auf diese Weise entstanden mancherorts kleine Enklaven, „Judenviertel“, oft entlang einer Judengasse oder auf einer Seite daran anschließend, mitunter auch an einer Stadtmauer entlang (wie etwa im mittelalterlichen Nördlingen). Diese Gebiete waren entweder ummauert und hatten sodann auch eigene Zugangstore (Beispiel Prag) oder wurden zeitweilig mit Schnüren oder Ketten abgetrennt, um eine Durchfahrt zu verhindern (wie etwa in Augsburg). Der älteste Beleg für eine solche Einrichtung stammt aus Speyer aus dem Jahre 1084. Die Einrichtung abgeschlossener oder zumindest zusammenhängender und abschließbaren Siedlungsgebiete im Mittelalter stellte keineswegs eine herabwürdigende Ausgrenzung der Juden dar, sondern eine von ihnen selbst so gewünschte Einrichtung, die erforderlich war, um die diesbezüglichen Bestimmungen von Tora und Talmud für Schabbat und Festtage einhalten zu können. In der islamischen Welt, insbesondere in Marokko wäre ab dem 14. Jahrhundert die Entsprechung für eine möglichst geschlossene jüdische Siedlung ملاح (melach), was an der gleich geschriebene arabische Wort für „Salz“, das jedoch als „milch“ gesprochen wird erinnern soll. Hier stammt der Name aus der Stadt Fes und man vermutete nun, dass es nahe der Stadt ein Salzlager gegen haben könnte, um den Begriff zu erklären. Aber auch das scheint ein eher müßiger Versuch zu sein. Es soll uns hier genügen, festzustellen, dass es auch in der islamischen Welt ein Gegenstück zum Ghetto gab – freilich in der Regel ohne negative Konnotation in der Moderne – so wie das osteuropäische שטעטל (schtetel) , das Schtedtel.

Das jüdische Religionsgesetz kennt drei Arten eines Eruw. Zum einem wäre dies עירוב תבשילין (eruw tawschilin), der sich auf die Zubereitung von Speisen an Festtagen für einen direkt darauf folgenden Schabbat bezieht, zum anderen עירוב תחומין (eruw techomin), was sich darauf bezieht, dass man an Orten außerhalb der Grenze des eigenen Wohnorts zuvor zubereitete Speisen deponiert, um und sich weiter als das sonst geltende Limit von 2000 Ellen (ca. 1 Kilometer) laufen zu können, d.h. auf diese Weise die „Grenzen“ zu mischen. Schließlich wäre da ערוב חצרות (eruv chatzerot), die “Mischung der Höfe”. Mit letzterem ist kurz gefasst gemeint, dass man mehrere Höfe, bzw. Häuser mittels einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Absperrung als ein einziges Gebiet zusammen fasst. Der Sinn besteht darin, dass innerhalb des Hofes das Verbot an Schabbes etwas zu tragen nicht gilt. Um in diesem Sinne also am Festtag beispielsweise einen Topf mit Speisen von einem Haus in ein anderes zu tragen, bedarf es der Schaffung eines Eruws, d.h. eines geschlossenen Wohngebiets. Die Erfüllung des Gebots erleichtert die Erfüllung der Schabbesgebote in jüdischen Gemeinden. Einen Eruw zu schaffen, war deshalb immer ein Anliegen jüdischer Gemeinden und nichts was ihnen von außen aufgezwungen werden musste.

In einer von Mauern umschlossenen Stadt, wie im oben zitierten Beispiel des mittelalterlichen Nördlingen, wo das jüdische Viertel sich an der Stadtmauer entlang befand, bedurfte es lediglich einiger weniger Vorrichtungen, um ein geschlossenes Gebiet zu schaffen, nämlich ein kleines Tor am Ausgang der Judengasse. In Augsburg befand sich das mittelalterliche Viertel der Juden entlang der Mauer der Königsburg südlich der Bischofsstadt (heute mit der Straßenbezeichnung Obstmarkt), konzentrierte sich aber in der darauf folgenden Judengasse (heute Karlstraße). Sämtliche Häuser zwischen Obstmarkt und Judengasse weisen große, geräumige Innenhöfe auf, die in der Zeit als das jüdische Viertel bestand durchgängig, d.h. miteinander verbunden waren. Dies erlaubte ein jüdisches Alltags und Festagsleben wie in einer kleinen Stadt, ungestört von der Außenwelt. Man kann also behaupten, dass die Bauanlage als solche als Eruw geplant und ausgeführt wurde. Zusätzlich dazu wurde, wie mehreren Zeugnissen zu entnehmen ist, die Judengasse zum Schabbes und an Festtagen abgesperrt.

Schwieriger verhielt es sich in Dörfern, die mangels Stadtmauer auf keine baulichen Voraussetzungen anknüpfen konnten, zumal wie in den mittelalterlichen Städten die Siedlungsgebieten nicht einheitlich waren. So kam es immer wieder mal vor, dass innerhalb eines von Juden stark dominierten Viertels auch einzelne Christen wohnten, während ab und zu auch Juden außerhalb des Eruws wohnten, weil sie es so wollten oder keine andere Möglichkeit bestand. Die (räumlich) naheliegenden Beispiele der Gemeinden von Kriegshaber, Steppach und Pfersee zeigen aber, dass die Siedlungen entsprechend angelegt wurden, um einen Eruw zu ermöglichen. In Pfersee wurde durch die nördlichen Abschnitte der Leitershofener Straße und der Brunnenbach ein geschlossenes Wohngebiet für die jüdische Gemeinde, das wieder über großräumige gemeinsame Innenhöfe verfügte, während sich außerhalb der dadurch entstandenen „Insel“ kleine landwirtschaftliche Nutzflächen befanden. In Steppach und Kriegshaber hingegen lag die jüdische Ansiedlung direkt zu beiden Seiten der Hauptstraße (die in Kriegshaber auch so hieß, heute: Ulmer Straße, in Steppach war dies die Alte Reichsstraße, die etwas südlich der Ulmer Landstraße verläuft). Die Häuser zu beiden Seiten der Straße verfügten wieder über Hinterhöfe, die miteinander verbunden waren. Auf diese Weise hätte man nun aber zwei getrennte Eruwim auf beiden Seiten der Hauptstraße geschaffen. Da man die Verkehrsstraße, die zugleich auch Handelsstraße zwischen Ulm und dem nahegelegenen Augsburg war, führte dies natürlich zu Konflikten. Die Ironie der Geschichte besteht hier jedoch darin, dass eigentlich nur Konflikte aktenkundig wurden, da die funktionierende Normalität keinen Anlass für Rechtsstreitereien und somit auch keine Urkunden „auslöste“. Aus dem Jahr 1721 ist ein solcher Streit aus Kriegshaber bekannt (anders formuliert: nur ein einziger diesbezüglich in über dreihundert Jahren!).  Damals waren die Schnüre zur Absperrung des Eruv noch auf Straßenniveau, d.h. so niedrig, dass ein auswärtiger christlicher Pfarrer, der zur Segnung eines sterbenden Christen in das jüdische Gebiet musste, gezwungen war, mit seinen Utensilien unter die Absperrung beugen musste. Es fand sich aber auch für Kriegshaber die Lösung, die auch heute noch in über 120 jüdischen Gemeinden außerhalb Israels entsprechend praktiziert wird. Um den Eruv zu schaffen, wurde nun keine Straßensperre mehr geschaffen, sondern auf hohen Masten wurden um das beabsichtigte Gebiet herum Seile oder auch Draht gespannt. Den Zweck der Kennzeichnung erfüllte auch das und weitere Probleme mit Christen gab es damit auch keine mehr. Lange vor elektrischen Leitungen besaßen jüdische Gemeinden an ihren Außengrenzen deshalb aber bereits recht hohe Absperrungen, die aus der Distanz nicht wesentlich anders aussahen als spätere Stromleitungen pder Telegraphenmasten (mit denen sie auf manchen älteren Photographien auch gerne mal verwechselt werden!) und deshalb auch niemanden stören.

Fast, denn mancherorts in den USA sind in den letzten Jahren Kontroversen über die Institution des Eruw entstanden, da zugegeben wenige Nichtjuden sich von der Idee eines Eruws in „ihrem“ Wohngebiet gestört fühlen. Das Vorhandensein eines Eruws verstoße nämlich gegen die Trennung von Staat und Religion im öffentlichen Raum.

Doch logisch ist das nicht, entsteht ein Raum doch erst durch eine Abgrenzung, oder nicht?

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Eruv.jpg&filetimestamp=20060312223359

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Die Geschichte der Juden in Augsburg

November 2, 2006

Jewish Seal of Augsburg year 1298

Jewish Seal of Augsburg year 1298

In wohl keinem anderen Land der Welt – mit Ausnahme Israels – finden sich so viele ”Reste” alter jüdischer Geschichte wie in Deutschland. Grabsteine, Synagogen, Tauchbäder, Plätze, Straßen, Häuser, Denk- und Mahnmale, Friedhöfe, Inschriften, „Stolpersteine“, Museen, usw.  zeugen von einem weit über tausendjährigen, wechselvollen, oft dramatischen Leben „in deutschen Landen“. Wenngleich die frühesten erhaltenen Dokumente die Existenz einer jüdischen Gemeinde schon in der alten Römerstadt Köln bereits für das Jahr 321 gesichert voraussetzen, umspannt die historisch greifbare Epoche jüdischen Lebens in Deutschland im wesentlichen den Zeitraum von den ersten Kreuzzügen bis zu Güterzügen der Nazis. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn die Quellenlage der allgemeinen Geschichtsschreibung im ersten Jahrtausend in Deutschland ist zwar reicher an der Vielzahl von Legenden und Zuschreibungen, aber keineswegs besser dokumentiert.

Wenngleich sehr viele Monumente den Stürmen der Jahrhunderte getrotzt haben, wurde doch auch sehr vieles, sicher das meiste, zerstört, sehr oft mutwillig und gar nicht selten unnachgiebig und viele Spuren und Erinnerungen, die vorsätzlich getilgt werden wollten, sind deshalb auch im gewissen Rahmen „unterirdisch“, weil mit bloßen Auge nicht zu sehen – aber, in Dokumenten und Überlieferungen erfassbar, trotzdem spürbar und präsent. Das verhält sich mit jüdischer Geschichte nicht anders als mit sonstiger.

Obwohl archäologische Befunde Juden bereits im antiken, dem nach Hadrian benannten Augsburg nahelegen und es Hinweise für eine dauerhafte jüdische Besiedlung seit dem frühen zehnten Jahrhundert gibt, gilt trotzdem erst das frühe 13. Jahrhundert als Ausgangspunkt akademischer Überlegungen. Diese um 1210 „erste“ nachweisbare jüdische Gemeinde in der wir einen Maharam vorfinden findet mit den Ausschreitungen vom November 1348 ihr jähes Ende, nur um aus den wenigen Überlebenden rund sieben Jahre später den Grundstock für eine „zweite“ Gemeinde zu bilden, die nach dem Abzug der Juden 1440 für 363 Jahre die letzte Gemeinde der Stadt war. So jedenfalls lautet die gängige Ansicht, die jedoch stapelweise an Belegen über die Anwesenheit von Juden in fast allen Jahren und Jahrzehnten außer Acht lässt, lassen muss.

Die jüdischen Gemeinden in Augsburg zeichneten sich durch einige Besonderheiten aus, die im zeitlichen Kontext auf einen durchaus bemerkenswerten Status in der Reichsstadt schließen lassen. Anders als vielerorts üblich, gab es in Augsburg etwa kein abgeschlossenes Ghetto, sondern verschiedene Viertel, besser gesagt Straßen, die teilweise auch von Christen bewohnt waren, während zugleich einzelne Juden auch außerhalb im ganzen Stadtgebiet wohnten. Darüber hinaus waren christliche Bedienstete – in vielen anderen Städten undenkbar – in jüdischen Haushalten durchaus keine Ausnahme. Das ging soweit, dass städtische Urkunden ausdrücklich betonten, dass jene Bediensteten anders als andere Christen, das jüdische Bad benutzen durften. Für andere Christen stand dies unter Strafe und wurde mit einem ansehnlichen Bußgeld belegt. Der sog. Rindtfleisch-Verfolgung im Jahre 1298, bei der legendär in ganz Süddeutschland 146 jüdische Gemeinden zerstört worden sein sollen, konnte die Augsburger Gemeinde entgehen, da der Anführer rechtzeitig aufgehängt wurde. Die Augsburger Juden, errichteten zum Dank an „ihren“ Kaiser in seiner Reichstadt Augsburg die nordwestliche Stadtmauer auf eigene Kosten, besiegelt von der Stadt und mit dem  „chotam kahal ogspurk”, dem Siegel der jüdischen Gemeinde.

Im mittelalterlichen Augsburg gab es zwei, drei verschiedene Judensiedlungen, die teilweise auch parallel bestanden. Die ältere, obere Siedlung mit dem Zentrum Judengasse (heute Karlstraße) grenzte direkt an den Königshof südlich der Domstadt und lag inmitten eines Gewerbegebietes mit Schmieden, Gerbern und Händlern (woran noch heutige Straßennamen erinnern (Schmiedberg, Obstmarkt, der damals freilich Forchenmarkt hieß, Kesselmarkt, Hafnerberg, Weißfärbergasse). Hier standen die Synagoge, das Gemeindehaus und das Tanzhaus der Judengemeinde. Auch nach 1355 siedelten die Juden dort wieder.

Das zweite, untere Judenviertel bestand unterhalb des Rathauses in einem maßgeblich von Kleingewerbetreibenden geprägten Viertel am östlichen Hang der städtischen Hochterasse zwischen Rathaus und Judenberg. Ein drittes, vermutlich vormaliges Viertel soll in der schon im 14. Jahrhundert abgerissenen Vorstadt Wagenhals beim Vogeltor im Südosten der Altstadt. Bestanden haben. Wie über die Vorstadt selbst sind dazu jedoch nur spärliche Hinweise über erhalten geblieben, weshalb es eher zweifelhaft ist. Sehr wahrscheinlich erklärt sich damit aber die Zuschreibung des nahe gelegenen Rabenbads als „Rabbinerbad“.

Gleichwohl in der Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit immer wieder einzelne, herausragende Juden in der Stadt lebten und in der Umgebung lebende Händler, usw. immer in der Stadt präsent blieben, verlagerte sich vieles in örtliche Randgemeinden, der Fagasch, Steppach, Kriegshaber und das heilige Pfersee. Letzteres wurde unter dem Einfluss der Ulmo gar Sitz des schwäbischen Judentums, beheimatete anstelle Augsburgs eine größere Anzahl berühmter chassidischer Gelehrter und Autoren (wie etwa R. Isak Etthausen oder R. Jehuda Löw Oppenheim) und Handelsfamilien und erlangte ob seiner als Pferseer Handschrift bezeichneten (fast) vollständigen Talmudausgabe aus dem Jahre 1340 Weltruhm. Die Verbindungen der Rabbiner und Gelehrten aus Pfersee und Kriegshaber waren sehr vielschichtig und so wundert es nicht, dass sie ihre Töchter und Söhne mit prominenten Rabbinern und deren Kindern in ganz Europa verheirateten. Ein berühmtes Beispiel dafür wäre etwa Rabbi Elieser, der als Sohn Rabbi Schimon Ulmo aus Ginzburg immerhin die Tochter des weltberühmten Krakauer Gelehrten Mosche Isserles, dem Verfasser der mapah zum schulchan aruch Josef Karos ehelichte. Beide wanderten bereits in dieser frühen Zeit nach Eretz Israel aus und zeigten sich – keineswegs als einzige als frühe chowewej zion, als Zionsliebhaber, wie man die religiös motivierten Vorzionisten nennt. Aus Israel hingegen kamen zahlreiche Gelehrte nach Pfersee, um die berühmte Talmudhandschrift zu studieren, unter ihnen 1754 auch Chida, der weit gereiste schaliach Rabbi Chaim Joseph David ben Isaac Zerachia Azulai (1724 – 1807).

In der Stadt an Lech und Wertach selbst hingegen dauerte es doch recht lange, bis eine dritte Gemeinde zustande kam, obwohl nach 1450 immer wieder einzelne Juden in der Stadt lebten, mal für Wochen, mal für Monate, dann waren es Dutzende, sogar Hunderte von Juden konnten jahrelang in Augsburg leben und unweit des Rathauses eine inoffizielle Betstube betreiben. Erst im Jahr 1803 jedoch, kurz bevor Augsburg im Zuge der Napoleonischen Kriege an Bayern gelangte, damit aufhörte eine „Freie Reichsstadt“ zu sein und ihre Festungseigenschaft verlor, wirkte letzteres sich auch in einem bestimmten Sinne für die Juden der Umgebung aus, die nun wieder eine Gemeinde in der Stadt bilden konnten, die formell aber erst um 1860 begründet wurde. Kurz drauf gründete sich die Synagogen-Gemeinde. Diese bestand sodann bis in die Nazi-Zeit. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde wieder fester Bestandteil der Augsburger Bevölkerung. Als Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte leisteten die Juden auch ihren Beitrag zum sozialen, politischen und geistigen Leben der Stadt. Ihr erstes Gemeindezentrum hatten sie in einem Wohnhaus am Obstmarkt, gegenüber der mittelalterlichen Judensiedlung, ehe es gegen Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt wurde in die Wintergasse, wo ein umgebautes Wohnhaus die Synagoge bildete, bis schließlich die Gemeindemitglieder zu zahlreich wurden und nach langer Planung und Bauzeit 1917 die auch heute wieder benutzte Synagoge in der Halderstraße eingeweiht werden konnte. Nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten zwangen Diskriminierung und wirtschaftlicher Druck immer mehr Gemeindemitglieder zu Emigration oder Flucht. Mehr als 1000 Juden aus Augsburg und Umgebung wurden aber von den Nazis und ihren Helfern ermordet. Doch schon rasch nach 1945 gründete sich mehrheitlich aus Zuwanderern aus Osteuropa eine neue, soz. die „vierte“ jüdische Gemeinde der Stadt. Sie musste zwei Gruppen vereinen, Überlebende der Augsburger oder anderen schwäbischen Gemeinden auf der einen, „hängengebliebene“ meist osteuropäische „Displaced Persons“, die in aus Polen oder Ungarn, etc. in schwäbische KZ-Lager zur Zwangsarbeit verschleppt wurden oder Flüchtlinge, die sich von den kommunistischen Befreiern im Osten nichts versprechen durften. Nach vielen Rivalitäten, deren Hauptprotagonisten in den letzten Jahren verstarben, dämmerte Einheitsgemeinde dahin. Sie bekam ein vielbeachtetes Museum auf die Füße gestellt, da man dachte, dass die restaurierte Synagoge sonst keine wohl keine Überlebenschance haben würde. Doch seit den neunziger Jahren wurde die Gemeinde durch sog. Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion erheblich so zahlreich verstärkt, dass sie bald ein faktisch russische Gemeinde wurde. Eher nebenbei gelang es nach langen Jahrzehnten auch wieder eigene Berufs-Rabbiner anzustellen, die jedoch in erster Linie nach außen wirkten und scheinbare „Normalität“ verkörperten, während sie in der Gemeinde eher Zankäpfel ernteten.

Die wechselvolle, aber spannende Geschichte der Juden in Augsburg und Umgebung ist ein kleiner aber nicht der kleinste Teil der Geschichte des jüdischen Volkes. Unsere Arbeit ist ihrem Gedächtnis und den Nachkommenden zum Vermächtnis gewidmet. Die kommenden Jahre werden Aufschluss darüber geben, in welche Richtung die jüdische Gemeinschaft in Augsburg sich entwickelt. Zwar ist die gegenwärtige Gemeinde mit etwa 1800 „Mitgliedern“ die zahlenmäßig größte, die es jemals in Augsburg gab (die Vorkriegsgemeinde hatte 1000-1200 Mitglieder, die größte mittelalterliche nicht mehr als 800), doch ist es zugleich auch die am wenigsten jüdische. Die Masse der aus Russland, der Ukraine, Belarus, etc. stammenden Zuwanderer hat von jüdischen Brauchtum nur eine Ahnung und kennen es lediglich aus der Perspektive eines eher eigenartigen säkularen, orthodoxen Christentums, das typisch war für die Sowjetunion. Man stellte sich im Winter einen Weihnachtsbaum in die Wohnung, weil es jeder so machte und einfach üblich, eben „sowjetisch“ war. Grundlagen wie den Talmud kennt man allenfalls als Begriffe antisemitischer Propaganda.  Dann schon lieber spekulative Pseudo-Mystik. Die kann man leicht auf Russisch lesen. Ein Reform-Rabbiner hat in einer solchen Gemeinde sicher weniger Konfliktpotentiale als der vorherige „orthodoxe“, der zumindest zeitweilig an das etablierte Brauchtum des Judentums erinnerte. Aber schon als Mohel war er de facto arbeitslos. Nicht anders ergeht es dem „Reformer“, der nichts Altes, als Ballast empfundenes über Bord werfen könnte, da das Schiff längst auf dem Trockenem sitzt und Teil der sog. Museumslandschaft geworden ist. Vieles spricht dafür, dass es sich nur um eine Art „Zwischenhoch“ handelt.  Es ist nicht schwer zu prognostizieren, dass die sehr stark überalterte Mehrheit der „Russen“ sich in den beiden Jahrzehnte sich deutlich verringern wird. Da viele der Zuwanderer in Mischehen leben oder aus solchen stammen, während wenige interessierte und engagierte jüdische Jugendliche wie zuvor schon abwandern werden, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Level vor der „Welle“ der Einwanderung wieder erreicht ist. Ebenso absehbar ist, dass es zu keiner “Renaissance” des Judentums kommen wird, da sich die Mehrheit der wenigen Interessierten jüdische Feste so feiert wie Karneval. Man spielt für ein paar Stunden den Piraten oder Indianer und isst, was dazu passt. Sonst hat das weiter keine Bedeutung. Folklore eben und wie es früher “war” kann man im Museum nachlesen oder in Vitrinen bestaunen. Und nein, das ist kein Pessimismus. 🙂

Unabhängig von diesen, für uns nicht beeinflussbaren Faktoren, wollen wir hier auf den Spuren der Stadtgeschichte – zu der Dank der Eingemeindungen auch inzwischen die Gemeinden der einst selbstständigen Vororte gehören – Anreize bieten, die Geschichte des Judentums in seiner reichen lokalen Entwicklung nachzuzeichnen – wissend, dass das Ganze immer mehr ergibt als die Summe seiner Teile – um einen kleinen Eindruck darüber zu vermitteln, wer diese Juden in Augsburgs Geschichte waren, wie sie gelebt haben und wie trotz aller Verfolgungen doch immer wieder den Mut schöpften, sich in der Stadt niederzulassen und zu ihrem Wohlstand und Fortschritt ihren Beitrag zu leisten.

 


[1]Hirsch – Lopez – Reiseführer durch das jüdische Deutschland, Kovar, München 1995, S.10

[2] Dies geht aus der (in einer Abschrift aus dem 10. Jahrhundert im Vatikan erhaltenen) Urkunde vom 11. Dezember 321 n. a. Z. hervor, in welcher der römische Kaiser Konstantin seine Statthalter in Köln auffordert, die Juden an den öffentlichen Arbeiten des Gemeinwesens zu beteiligen. Im Jahr 2001 war die Urkunde Auftakt der Ausstellung „Entdeckungsreise durch zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte“ im Jüdischen Museum in Berlin. Der lateinische Text aus dem sog. „Codex Theodosianus“ lautet: „Idem a. decurionibus agrippiniensibus. cunctis ordinibus generali lege concedimus iudaeos vocari ad curiam. verum ut aliquid ipsis ad solacium pristinae observationis relinquatur, binos vel ternos privilegio perpeti patimur nullis nominationibus occupari. dat. iii id. dec. crispo ii et constantino ii cc. conss.” (C. Th. 16.8.3)

[3] Der Übergang von lateinischer zu deutscher Beurkundung vollzog sich langwierig und schwankend zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert und diente vormals meist nur kirchlichen Zwecken.

[4]Zumindest lässt sich das für die Zeit ab dem 13. Jahrhundert sagen, die Geschichte davor liegt fast völlig im Dunklen. Andeutungen lassen jedoch den Schluss zu, dass es früher zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war.