Juden im schwäbischen Babenhausen

October 8, 2014

 

Babenhausen Kreis Unterallgäu

 

Babenhausen, Kreis Unterallgäu

Das schwäbische Örtchen Babenhausen befindet sich c. 20 km nördlich von Memmingen. Nach Ulm sind es 40 und nach Augsburg schon 65 km. Mit letzterem verbindet Babenhausen die Familie der Fugger, die hier lange Zeit ihren Sitz hatten. Kaum bekannt ist, dass es sich in unmittelbarer Nähe zu Schloss, Marktplatz und Rathaus auch eine jüdische Ansiedlung gab, wovon der heute noch erhaltene Name „Judengasse“ zeugt. Über diese ist freilich vor Ort so wenig bekannt, dass allgemein gerätselt wird, wie es zur Namensgebung gekommen sein mag. Eine gängige Erklärung die unter den Einwohnern des 5000-Seelen Ortes kursiert, lautet dann auch so, dass es Juden zeitweilig erlaubt wurde, in den Ort zu kommen und dort Handel zu treiben, wobei sie „natürlich viele Privilegien gehabt” hätten. Wann das gewesen sein soll? „Sicher vor 1933“. Vor ein paar Jahren habe da mal “jemand” für den Heimatverein was drüber geschrieben. Da sich nichts anderes dazu im Internet findet, könnte das Dieter Spindler gewesen sein:

Warum gibt es in Babenhausen eine Judengasse, Versuch einer Erklärung“, in: Heimat-Magazin Krumbach, 1997/3, S. 10-12

Zwei Seiten also als Erklärungsversuch, der freilich nirgendwo zitiert wird und auch nicht zugänglich war, da die Bücherei im ehemaligen Mesnerhaus beim Fugger-Schloss auch Dienstags geschlossen hat.

Babenhausen Bebenhausen Unterschönegg

Don’t confuse Hessian Babenhausen with Swabian Babenhausen or nearby Bebenhausen

Abgesehen davon, dass es knapp 3 km nördlich von Babenhausen bereits ein Örtchen namens Bebenhausen (heute ein Teil von Kettershausen) gibt, existiert auch noch ein weiteres Babenhausen in Hessen, 15 km westlichen von Aschaffenburg, über dessen jüdische Vergangenheit ungleich mehr bekannt ist und weniger spekuliert werden muss. Dass in Aschaffenburg bereits im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts genannte Juden „von Babenhausen“ sich auf den benachbarten Ort beziehen und nicht auf den schwäbischen, ist zwar plausibel. Einen Zusammenhang mit dem Ort bei Memmingen schließt es nicht trotzdem nicht kategorisch aus, finden sich in selber Zeit ja auch Juden aus Orten die weiter als 300 km entfernt lagen, beispielswiese Juden aus Köln oder Zürich im mittelalterlichen Augsburg. Die jüdische Gemeinde im hessischen Babenhausen existierte noch bis in die 1930er Jahre hinein. Noch 1997 gab es einen Brandanschlag auf einen einzelnen in Babenhausen wohnenden Juden. Da es nun aber in beiden Orten eine Judengasse gab, ist es schwierig Referenzen auf „Juden in Babenhausen“ zu finden, die sich zweifelsfrei auf den schwäbischen Ort באבנהאוזן beziehen. Antworten findet man aber bekanntlich nur, wo man Fragen stellt. Als Kurzbesucher kann man auch kaum mehr als das tun, aber immerhin.

Judengasse Babenhausen Schloss

Blick von der Judengasse in Babenhausen zum Fugger-Schloss

Babenhausen Judengasse Fugger Schloss

Blick vom Fugger-Schloss Babenhausen in die Judengasse

Ausschließen können wir freilich, dass die Gasse am Fuße des mächtigen Fugger-Schlosses nach den Juden bei Aschaffenburg benannt wurde. Dass die Gasse tatsächlich so benannt wurde, weil hier nur zeitweilig Juden als Händler auftraten, ist abwegig und widerspricht jeder Erfahrung. Überall sonst, wo es einen solchen Straßennamen gibt, besagt „Judengasse“ auch nichts anderes als eben die feste und anhaltende Präsenz einer jüdischen Gemeinde – in der Gasse und mehr oder minder drum herum. In Augsburg hielt sich der mittelalterlich bezeugte Name Judengasse immerhin bis 1825, also fast vier Jahrhunderte nachdem die Juden die dortige Ansiedlung aufgaben, während es den „Judenberg“ namentlich immer noch gibt. Warum sollte das also ausgerechnet im schwäbischen Babenhausen anders sein, wo es doch auch in unmittelbarer Umgebung einige Orte mit jüdischen Siedlungen gab, wie etwa in Osterberg, Altenstadt, Illereichen, Hürben, Memmingen, Dietenheim, usw.

Babenhausen Wappen Rathaus

Babenhausen (Schwaben) Wappen mit modifizierten Stern

1337 hatte Babenhausen, dessen Wappen ein von drei Hämmern umgebener sechszackiger Judenstern ziert, von Kaiser Ludwig dem Bayern das Stadtrecht erhalten. Der Name könnte auf diese Zeit ebenso zurückgehen wie auf eine zeitweilige im 16. Jahrhundert als es auch längst vergessene jüdische Siedlungen in Orten wie Irmatshofen, Immelstetten, Neufnach gab. Schon die Ortsnamen sind nicht gerade allgemein geläufig, manche Ortschaften auch in anderen aufgegangen.

Babenhausen Schloss Marktplatz Judengasse

not alone the Jewish past is being neglected in Babenhausen

Babenhausen Hausfassade

Babenhausen Schloss Turm

Babenhausen Schloss Bücherei Mesnerhaus

Fuggerschloss Babenhausen

Interessanter Weise endet die Judengasse in Babenhausen abrupt an der selben Stellen wie der heute von Süden kommende Mühlbach, der nun unter der Stadtgasse umgeleitet, 70 m westlich davon die Hirtengasse fortsetzt. Das aber hat sicher etwas mit der Tiefgarage der Bank zu tun, was uns nicht zu kümmern braucht. Eine jüdische Gemeinde bedurfte auch am Fuße des Fugger-Schlosses einer Tauche oder Mikwe und der dafür erforderliche Wasserlauf war mit dem Mühlbach direkt vorhanden. Wir den Schilderungen der Anwohner zu entnehmen ist, wurden im Bereich der Judengasse in den letzten Jahren eine Reihe alter Gebäude abgerissen, weshalb es nicht einfacher geworden ist, anhand der aktuellen Bausubstanz über die Infrastruktur der früheren jüdischen Gemeinde zu urteilen, zumal wir auch nicht wissen, wann sie bestanden haben mag.

Judengasse Babenhausen

altes Gebäude in Babenhausens Judengasse, vorne die Einfahrt zur Tiefgarage der Bank

Babenhausen Polizeigarten Judengasse

Bemerkenswert ist heute noch der prächtige Hotelgasthof Sailer und am Aufstieg zum Schloss der kleine „ehemalige Polizeigarten“. Auf der Südseite der Judengasse befindet sich an der parallelen Straße das Geschäftshaus Stadtgasse 6 (Denkmalschutznummer D-7-78-115-20), das auf die Zeit um 1890 datiert wird. Im Dachgiebel des Hause befindet sich ein markantes Fenster in Form eines sechszackigen David- oder Judensterns, was auf der Rückseite der Judengasse wohl kaum zufälliger sein kann, als über die Straße die Stadtmühle am Mühlbach.

Babenhausen Stadtgasse Haus Yehuda

Babenhausen Judenstern Haus Stadtgasse

Babenhausen Figur Hausfasse Stadtgasse 6

 

Details der Fassade: David-Stern, David?

Babenhausen Schwaben Haus Daidstern


Augsburg Karlstraße

January 23, 2014

Blick von der Grottenau in die Karlstraße, die heute von der Oberstadt runter in die Jakobers Vorstadt führt. Im Mittelalter bis ins Jahr 1825 hieß der Weg “Judengasse”. Im Laufe des 19.Jahrhunderts bis zu den Nazis lebten auch hier und in der Umgebung (vorallem im Bereich um die Ludwigstraße) sehr viele Juden.

Augsburg Karlstraße Judengassengasseformer Judengasse (Jews alley) since 1825: Karl-Str.


Drei Sterne Häuser

August 23, 2013

Das jüngst fertig gestellte neue Buch zur Geschichte des alten jüdischen Friedhof von Pfersee, Kriegshaber und Steppach im Nordwesten von Augsburg hatten wir den Titel „Haus der drei Sterne“ (http://kokavim.wordpress.com/ ) gegeben, einmal wegen der drei genannten Gemeinden, zum anderen, weil die drei Sterne auch das Familien-Wappen der Ulmo war und das den Medinat Schwaben, und wegen noch ein paar (3 ..?) Gründen.

Bad Windsheim Haus der drei Sterne Judenviertelthree star book in front of three star house

Jüngst unterwegs im schönen Franken begegneten wir gleich an zwei Orten Häusern die drei Sterne im Wappen hatten keine Abzeichen von Hotels noch Restaurants, sondern historische Embleme – also ganz sicher nicht von Michelin und Co. ausgezeichnet wurden.

Bad Windsheim ErbsengasseHaus mit 3-Stern u Löwen- Wappen in Erbsengasse, Bad Windsheim

Die Sprüche oben im Fachwerk lauten: “Wenn es heut gut Dir geht, denke weise auch an “Morgen”, nicht erst wenn der Sturmwind tobt, musst für Schutz und Schirm du sorgen” und “Zwischen Welt und Einsamkeit, ist das rechte Leben, nicht zu nah und nicht zu weit will ich mich begeben“.

EIn weiteres Drei-Sterne Wappen fand sich bei der Judengasse in Weißenburg, auch gleich um die Ecke, gegenüber vom gemütlichen Gasthof “Zur Kanne” (Bachgasse) mit dem eigenem Haus-Museum und bemerkenswert guten selbstgebrauten Dunkelbier (Empfehlung!).

3 Sterne Wappen Weißenburg JudenviertelDrei Sterne – Wappen in Weißenburg 

Three star coat of arms at a house in Franconian city of Weisenburg next to the Judengasse. Note that the first two of the three star are seven-pointed, just the last is six-pointed. Before the Zionist movement Jews used many different types of stars. At the Jewish cemetery of Pfersee/Kriegshaber there also are Ulmo family coats with 3 eight-pointed stars. The bima of the first modern synagogue in Augsburg’s Wintergasse (1860s until 1917) also was decorated with a eight-pointed star….

Weißenburg Zur Kanne Brauerei Schneider 3 Sterne Haus JudenviertelBlick von der Judengasse zum Brauereihof “Zur Kanne” und zum drei Sterne-Wappen Haus

If you know other 3 star emblems adjunct in one way or another to Jews and Jewish history, let us know.


damals und heute – Augsburg – now and then

April 29, 2013

Augsburg beim Stadttheater 1913“Augsburg, Partie beim Stadttheater” (1913)

– Blick zur Grottenau und Karlstraße (früher Judengasse)

Augsburg Stadttheater Grottenau Karstraßeam heutigen Kennedy-Platz (2013) mit neuem “Patrizia” – Haus

Augsburg now and then, damals und heute

אוגסבורג – עבר והיום


Impressionen Judengasse Rothenburg ob der Tauber

May 17, 2012

Die alte Rothenburger Judengasse hat in größerem Umfang ihre mittelalterliche Bausubstanz erhalten und zählt damit zu den wenigen Orten in Deutschland, die diesbezüglich mehr als Rekonstruktionen, Erinnerungstafeln oder bloße Namenschilder vorzuweisen haben. Hat man das Glück ein paar autofreie Passagen oder Momente zu erhaschen, kann man sich einigermaßen ein Bild über einen Teil des jüdischen Viertels in der Stadt machen.

The Judengasse (Jewish lane) in Rothenburg ob der Tauber, one of Europe’s most beautiful cities, has some twenty houses from the time, when Jews lived there until half a millennium earlier. So if you are lucky to see at least parts of it without cars, you might imagine how life then was like.

Hebrew German inscription, Hebräisch-deutsche Inschrift in Judengasse Rothenburg marks הרובע היהודי, das “Jüdische Wohnviertel”, (quartier juif, еврейский квартал, barrio judío) the Jewish quarter- ca. 1371 to 1520, altough Jews lived in Rothenburg much earlier as well as in other streets.


Judengasse in Wallerstein

August 24, 2011

Wallerstein (ehem. Steinheim) im Ries als Geburtsort von Lipman Yom Tov Heller hatte auch eine Judengasse, die vor einiger Zeit freilich in “Felsengasse” umbenannt wurde, wahescheinlich weil es heute mehr Felsen als Juden am Ort gibt..?

Interessant ist es aber, alte historische Postkarten der Judengasse mit der heutigen Ansicht der Straße zu vergleichen. Nach rund 90 – 100 Jahren Abstand hat sich vieles verändert, manches aber auch gar nicht so sehr:

Judengasse (today Felsengasse) in Wallerstein (Ries) downhill and uphill views, now and then …

רחוב היהודים של ולרשטיין, בעבר והיום
 

(post card by courtesy of Mrs. Schludi and Mr. Steger of Wallerstein)

… some things had changed, some have not in the hometown of R. Yom Tov Lipman Heller …


Ghetto oder Eruw?

July 18, 2007

Synagoge Ner Tamid

Ghetto oder Eruw?

Ein weit verbreitetes Missverständnis über das Leben der Juden im mittelalterlichen Europa und insbesondere in Deutschland betrifft das sog. jüdische Ghetto, in welchem Juden abgeschlossen inmitten einer Stadtgemeinde lebten. Dies wird in der Regel so gedeutet, dass auf diese Weise sie als gerade eben noch geduldete Fremdlinge den größten Teil ihres Daseins eingepfercht in engen Gassen hausten, ihre Zeit mit dem Backen von staubtrockenen Matzen oder Schächten verbrachten und sehnsüchtig darauf warteten, bis ein edler Christ bei ihnen an die Türe klopfte um einen natürlich überteuerten Kredit aufzunehmen, den er zinsfrei nicht bekommen konnte. Dieses Grundmuster wird natürlich bei toleranten Gemütern durchaus moderater gesehen und so manche Eigenschaft, die den Juden negativ anhaften soll, wird gerne „mit dem Ghetto“ entschuldigt, auch bei liberalen Juden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die häufiger davon sprachen, den Staub des Ghettos abschütteln zu wollen. Wie so vieles was mit der Wahrnehmung von Juden zu tun hat, ist aber auch der Begriff des Ghettos letztlich ein aus einem Missverständnis selbstständig gewordenes Klischee, das nur wegen der neuzeitlichen Aufbereitung des Begriffs durch die Nazis (Warschauer Ghetto, etc.) seine Wucht nicht verloren hat.

Der geläufigen Ansicht nach stammt der Begriff Ghetto aus Venedig und bezeichnete um das Jahr 1520 dort zunächst die im Stadtteil Cannaregio gelegene Gießerei. Manchmal wird dies sogar so aufgefasst, dass das Wort „Gießerei“ hieße, doch das wäre eindeutig die fonderia. Das Wort getto (im venezianischen Dialekt ghetto, das „h“ verhindert eine Aussprache als dschetto) bedeutet werfen, weshalb nun vermutet wurde, dass bei der Gießerei Abfälle (als „wegwerfen oder „Strahl“ gedeutet) entstanden und man deshalb das Gebiet drum herum so benannt haben soll, was jedoch nicht so recht überzeugt. Einer anderen Ableitung nach soll der Begriff jedoch von „borghetto“ stammen, was „kleines Dorf“ oder „Städtchen“ heißen sollte. Die Aussprache sei demnach durch, aus deutschen Gebieten zugewanderte, Juden entstanden, die das „g“ nicht als „dsch“ sprachen. Gelegentlich wurde gar versucht, den Begriff vom aramäischen גטא (gito) abzuleiten, was wie das hebräisch Äquivalent גט (get) eine Ehescheidungsurkunde bezeichnet. Der nachbiblische Begriff ist erst im späten zweiten Jahrhundert nach christlichem Kalender belegt, bezeichnet aber nirgends ein aus welchen Gründen auch immer abgetrenntes Wohngebiet, sondern ausschließlich die schriftlich verbriefte und damit rechtskräftige Scheidung durch das Rabbinatsgericht.  Denkbar wäre jedoch die Herkunft des ansonsten unklaren Begriffs aus dem aramäischen גיתא (geto), das ursprünglich eine Schafherde bezeichnet, dann im übertragenen Sinne eine „Menge“ und schließlich die Schafhürde. Vom Bedeutungshintergrund käme eine Hürde, Pferch oder Koppel funktional einem Ghetto recht nahe, da darin Schafe oder Pferde, etc. mittels Zäunen, Flechtwerk, etc. gesammelt werden. In einem Ghetto waren nun Juden in einem Gebiet konzentriert und als Wohnviertel der Juden in Venedig ist das Ghetto dann auch allgemein und sicher überliefert.

Mehr oder minder abgeschlossene Wohngebiete sind jedoch keine Erfindung der Venezianer.  Ummauerte oder sonst wie abtrennte Lebensbereiche mit Wohnräumen um Kirchen herum etwa bildeten Klöster. In ähnlicher Weise bemühten sich auch Juden um möglichst geschlossene Wohngebiete. Auf diese Weise entstanden mancherorts kleine Enklaven, „Judenviertel“, oft entlang einer Judengasse oder auf einer Seite daran anschließend, mitunter auch an einer Stadtmauer entlang (wie etwa im mittelalterlichen Nördlingen). Diese Gebiete waren entweder ummauert und hatten sodann auch eigene Zugangstore (Beispiel Prag) oder wurden zeitweilig mit Schnüren oder Ketten abgetrennt, um eine Durchfahrt zu verhindern (wie etwa in Augsburg). Der älteste Beleg für eine solche Einrichtung stammt aus Speyer aus dem Jahre 1084. Die Einrichtung abgeschlossener oder zumindest zusammenhängender und abschließbaren Siedlungsgebiete im Mittelalter stellte keineswegs eine herabwürdigende Ausgrenzung der Juden dar, sondern eine von ihnen selbst so gewünschte Einrichtung, die erforderlich war, um die diesbezüglichen Bestimmungen von Tora und Talmud für Schabbat und Festtage einhalten zu können. In der islamischen Welt, insbesondere in Marokko wäre ab dem 14. Jahrhundert die Entsprechung für eine möglichst geschlossene jüdische Siedlung ملاح (melach), was an der gleich geschriebene arabische Wort für „Salz“, das jedoch als „milch“ gesprochen wird erinnern soll. Hier stammt der Name aus der Stadt Fes und man vermutete nun, dass es nahe der Stadt ein Salzlager gegen haben könnte, um den Begriff zu erklären. Aber auch das scheint ein eher müßiger Versuch zu sein. Es soll uns hier genügen, festzustellen, dass es auch in der islamischen Welt ein Gegenstück zum Ghetto gab – freilich in der Regel ohne negative Konnotation in der Moderne – so wie das osteuropäische שטעטל (schtetel) , das Schtedtel.

Das jüdische Religionsgesetz kennt drei Arten eines Eruw. Zum einem wäre dies עירוב תבשילין (eruw tawschilin), der sich auf die Zubereitung von Speisen an Festtagen für einen direkt darauf folgenden Schabbat bezieht, zum anderen עירוב תחומין (eruw techomin), was sich darauf bezieht, dass man an Orten außerhalb der Grenze des eigenen Wohnorts zuvor zubereitete Speisen deponiert, um und sich weiter als das sonst geltende Limit von 2000 Ellen (ca. 1 Kilometer) laufen zu können, d.h. auf diese Weise die „Grenzen“ zu mischen. Schließlich wäre da ערוב חצרות (eruv chatzerot), die “Mischung der Höfe”. Mit letzterem ist kurz gefasst gemeint, dass man mehrere Höfe, bzw. Häuser mittels einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Absperrung als ein einziges Gebiet zusammen fasst. Der Sinn besteht darin, dass innerhalb des Hofes das Verbot an Schabbes etwas zu tragen nicht gilt. Um in diesem Sinne also am Festtag beispielsweise einen Topf mit Speisen von einem Haus in ein anderes zu tragen, bedarf es der Schaffung eines Eruws, d.h. eines geschlossenen Wohngebiets. Die Erfüllung des Gebots erleichtert die Erfüllung der Schabbesgebote in jüdischen Gemeinden. Einen Eruw zu schaffen, war deshalb immer ein Anliegen jüdischer Gemeinden und nichts was ihnen von außen aufgezwungen werden musste.

In einer von Mauern umschlossenen Stadt, wie im oben zitierten Beispiel des mittelalterlichen Nördlingen, wo das jüdische Viertel sich an der Stadtmauer entlang befand, bedurfte es lediglich einiger weniger Vorrichtungen, um ein geschlossenes Gebiet zu schaffen, nämlich ein kleines Tor am Ausgang der Judengasse. In Augsburg befand sich das mittelalterliche Viertel der Juden entlang der Mauer der Königsburg südlich der Bischofsstadt (heute mit der Straßenbezeichnung Obstmarkt), konzentrierte sich aber in der darauf folgenden Judengasse (heute Karlstraße). Sämtliche Häuser zwischen Obstmarkt und Judengasse weisen große, geräumige Innenhöfe auf, die in der Zeit als das jüdische Viertel bestand durchgängig, d.h. miteinander verbunden waren. Dies erlaubte ein jüdisches Alltags und Festagsleben wie in einer kleinen Stadt, ungestört von der Außenwelt. Man kann also behaupten, dass die Bauanlage als solche als Eruw geplant und ausgeführt wurde. Zusätzlich dazu wurde, wie mehreren Zeugnissen zu entnehmen ist, die Judengasse zum Schabbes und an Festtagen abgesperrt.

Schwieriger verhielt es sich in Dörfern, die mangels Stadtmauer auf keine baulichen Voraussetzungen anknüpfen konnten, zumal wie in den mittelalterlichen Städten die Siedlungsgebieten nicht einheitlich waren. So kam es immer wieder mal vor, dass innerhalb eines von Juden stark dominierten Viertels auch einzelne Christen wohnten, während ab und zu auch Juden außerhalb des Eruws wohnten, weil sie es so wollten oder keine andere Möglichkeit bestand. Die (räumlich) naheliegenden Beispiele der Gemeinden von Kriegshaber, Steppach und Pfersee zeigen aber, dass die Siedlungen entsprechend angelegt wurden, um einen Eruw zu ermöglichen. In Pfersee wurde durch die nördlichen Abschnitte der Leitershofener Straße und der Brunnenbach ein geschlossenes Wohngebiet für die jüdische Gemeinde, das wieder über großräumige gemeinsame Innenhöfe verfügte, während sich außerhalb der dadurch entstandenen „Insel“ kleine landwirtschaftliche Nutzflächen befanden. In Steppach und Kriegshaber hingegen lag die jüdische Ansiedlung direkt zu beiden Seiten der Hauptstraße (die in Kriegshaber auch so hieß, heute: Ulmer Straße, in Steppach war dies die Alte Reichsstraße, die etwas südlich der Ulmer Landstraße verläuft). Die Häuser zu beiden Seiten der Straße verfügten wieder über Hinterhöfe, die miteinander verbunden waren. Auf diese Weise hätte man nun aber zwei getrennte Eruwim auf beiden Seiten der Hauptstraße geschaffen. Da man die Verkehrsstraße, die zugleich auch Handelsstraße zwischen Ulm und dem nahegelegenen Augsburg war, führte dies natürlich zu Konflikten. Die Ironie der Geschichte besteht hier jedoch darin, dass eigentlich nur Konflikte aktenkundig wurden, da die funktionierende Normalität keinen Anlass für Rechtsstreitereien und somit auch keine Urkunden „auslöste“. Aus dem Jahr 1721 ist ein solcher Streit aus Kriegshaber bekannt (anders formuliert: nur ein einziger diesbezüglich in über dreihundert Jahren!).  Damals waren die Schnüre zur Absperrung des Eruv noch auf Straßenniveau, d.h. so niedrig, dass ein auswärtiger christlicher Pfarrer, der zur Segnung eines sterbenden Christen in das jüdische Gebiet musste, gezwungen war, mit seinen Utensilien unter die Absperrung beugen musste. Es fand sich aber auch für Kriegshaber die Lösung, die auch heute noch in über 120 jüdischen Gemeinden außerhalb Israels entsprechend praktiziert wird. Um den Eruv zu schaffen, wurde nun keine Straßensperre mehr geschaffen, sondern auf hohen Masten wurden um das beabsichtigte Gebiet herum Seile oder auch Draht gespannt. Den Zweck der Kennzeichnung erfüllte auch das und weitere Probleme mit Christen gab es damit auch keine mehr. Lange vor elektrischen Leitungen besaßen jüdische Gemeinden an ihren Außengrenzen deshalb aber bereits recht hohe Absperrungen, die aus der Distanz nicht wesentlich anders aussahen als spätere Stromleitungen pder Telegraphenmasten (mit denen sie auf manchen älteren Photographien auch gerne mal verwechselt werden!) und deshalb auch niemanden stören.

Fast, denn mancherorts in den USA sind in den letzten Jahren Kontroversen über die Institution des Eruw entstanden, da zugegeben wenige Nichtjuden sich von der Idee eines Eruws in „ihrem“ Wohngebiet gestört fühlen. Das Vorhandensein eines Eruws verstoße nämlich gegen die Trennung von Staat und Religion im öffentlichen Raum.

Doch logisch ist das nicht, entsteht ein Raum doch erst durch eine Abgrenzung, oder nicht?

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Eruv.jpg&filetimestamp=20060312223359

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