Die alten jüdischen Friedhöfe von Ulm

June 6, 2012

In Ulm gab es zwei mittelalterliche und zwei neuzeitliche jüdische Friedhöfe. Der erste, mindestens seit dem späten 13. Jahrhundert bestehende befand sich im Bereich des späteren Neuen Tors, das wegen der Nähe zum Friedhof auch „Judentor“ oder „Judenturm“ genannt wurde. Ab 1315 ist außerhalb des Tors ein zweiter jüdischer Friedhof bekannt, der wohl bis zur Ausweisung der Juden aus Ulm im Jahre 1499 benutzt wurde.

Der Ulmer Stadtmaler Philipp Renlin notierte das Gelände in seinem 1597 fertig gestellten Stadtplan, der als ältester der Stadt Ulm gilt (http://www.ulm.de/sixcms/media.php/29/4_1_M1.pdf). Im Laufe der Zeit wurden bei Bauarbeiten immer wieder Grabsteine und Knochenfunde gemacht.

Im März 1987 wurden beim Bau des „Fernmeldeamts“ auf dem Gelände des jüngeren Judenkirchhofs 22 weitere Skelette gefunden, die zunächst in den Keller des Ulmer Museums gebracht und dann im jüdischen Teil des Friedhofs an der Stuttgarter Straße erneut beigesetzt wurden, dort allerdings anonym. Die Grabsteine der mittelalterlichen jüdischen Friedhöfe wurden wie andernorts von der christlichen Einwohnerschaft als Baumaterial missbraucht.

In der Ulmer Rabengasse 7 befindet sich an der Fassade ein kleiner hebräischer Grabstein, der auf Grund seiner Datierung zum zweiten der beiden mittelalterlichen Grabplätze gehören dürfte.

ציון

הלו לרא

מ חנה בת ר

תו ש’נ כ’ב

טבת ק’ד

תנצבה

Bezeichnet ist Chana, Tochter des namentlich abgekürzten Rabbi “Tu”. Die Vermutung, dass die Abkürzung für Tobias stehen könnte, ist nicht plausible, da der Name hebräisch  טוביה geschrieben wird, also mit einem anderen Buchstaben beginnt. Da andere bekannte Möglichkeiten ausscheiden, könnte es für Tuwal stehen, in der Tora erwähnt als Sohn des Lamech und Enkel des Kajin, nachdem er auch Tuwal-Kajin hieß und der als Stammvater aller Schmiede und Erzwerker galt. Ein  ר תובל wäre zwar gewiss ungewöhnlich, aber zumindest noch möglich, da andere mit תו beginnenden Namen für das 14. Jahrhundert nicht in Frage kommen. Das Kürzel  ש’נ ist sicher kein Bestandteil des Namens, sondern steht für שנפטר dem sogleich das Datum des 22. Tewet 104 folgt, was im christlichen Kalender Freitag, den 9. Januar 1344 entspricht.

Im Eingangsbereich des Ulmer Münsters befindet sich nun der wuchtige Grabstein der Mina aus dem Jahr 1288, also noch vom ersten mittelalterlichen Friedhof:

האבן  הזאת

שמתי  מצבה

לראש מרת מינה

בת ר יצחק הלוי

הנפטרת ביום  ו

כ’ו באלול מ’ח

לפרט לאלף השש

מנוחתה בגן עדן

אמן  א  א סלה

Diesen Sein setzte ich als Erinnerung zum Haupt der Frau Mina Tochter des Rabbi Jitzchak Ha-Levi, die verstarb am Tag 6, dem 26. Elul 48 nach der Zählung für das sechste Jahrtausend. Sie ruhe im Garten Eden. Amen, amen, amen, sela.“

Der 26. Elul im Jahr 5048 entspricht dem 26. August 1288 im christlichen Datum, jedoch war es ein Donnerstag (Tag 5) und kein Freitag (Tag 6), wie am Grabstein notiert. Wahrscheinlich starb Mina in der Abenddämmerung nach der im jüdischen Kalender die Tageszählung beginnt.

* * *

Weitere Grabsteine befanden sich in der Bauhütte des Ulmer Münsters.

ציון

הלו לראש

מרת מרים בת

ר שלמה שנפטרת

ביום ד כ’ה באייר

ס’ה לפרט לאלף

ששי …. מנו

בגן עדן עם ש

אמן אמן אמן סלה

Dieses Denkmal zum Haupt der Frau Mirjam Tochter des Rabbi Schlomo, die gestorben ist am Tag 4, 25. Ijar (im Jahr) 65 nach der Zählung für das sechste Jahrtausend. Sie ru(he) im Garten Eden … Amen amen amen sela“ (= Mittwoch, 19. Mai 1305)

 

* * *

הנפטר פה

קבר לאיש תם

… ברית לרב  …

גבר הוא שמעון

בר מנחם ז’ל נקב

בר ביום …

כ’ה סיון רנ’א

… חסד …

Der hier begrabene Verstorbene ist der bescheidene Mann … des Bundes … ein Held … es ist Schimon bar Menachem seligen Angedenkens begraben … am Tag … 25. Sivan 251 …“

Die nicht vollständig erhaltene Inschrift ist Schimon dem Sohn des Menachem gewidmet, der am 25. Sivan 5251 verstarb ( = Freitag, 3. Juni 1491). Es ist der letzte bekannte Grabstein aus den mittelalterlichen jüdischen Friedhöfen in Ulm. Acht Jahre später wurde die bereits stark geschrumpfte Gemeinde aufgelöst und die verbliebenen Juden der Stadt verwiesen.

 

Es folgt das eigentümlich gestaltete Fragment zur Erinnerung an Frau Brundlin, dessen Jahreszahl leider nicht erhalten blieb. Brundlin war die Gattin des Rabbi Jakob und starb am Schabbat, dem 20. Ijar. Da das Datum etwa dreimal pro Jahrzehnt auf einen Samstag fällt, blieben entsprechend viele Möglichkeiten zur Spekulation offen.

פה נקברה מרת ברונדלין

בת ר יעקב שנפטרת ביום

שבת עשרים באייר

Die Inschrift wurde mit einer Reihe anderer hebräischer Inschriften erhaltener mittelalterlicher Grabsteine bereits im Jahr 1849 durch den seit 1834 in Kappel bei Bad Buchau tätigen Chasan und jüdischen Lehrer Leopold Nathan Hofheimer (1810-1865) veröffentlicht.

Weitere von ihm genannte Inschriften:

 

ציון הלו לראש

ר משה בר גרשון

אשר נקבר כ’ב סיון יום ג

קל’ט לפרט תנצבה אמן סלה

Dieses Denkmal ist zum Haupt des Rabbi Mosche bar Gerschon der starb am 22. Sivan am Tag 3 (= Dienstag) (im Jahr)  139 …“ Das Datum entspricht dem 7. Juni 1379.

הישיש הנאמן הזקן

ר יוסף בר מנחם הנאסף

למנוחה יום מנוחה

ה’ כסליו שנת קכ’ו לפרט

Diese Inschrift erinnert an den „Ältesten und Greisen Rabbi Josef ben Rabbi Menachem der zur Ruhe gesammelt wurde am 5. Kislev des Jahres 126 nach der Zählung“ (= Donnerstag, 20. November 1365)

האבן הזאת שמתי לראש

ר קלונימוס בר שלומיאל

הנקבר תשרי יום א ק’מ’ד לפרט

תנצבה אמן אמן אמן סלה

 

Diesen Stein setzte ich zum Haupt von Rabbi Kalonimos ben Rabbi Schlumiel, der begraben wurde (im Monat) Tischri Tag 1 (des Jahres) 144 nach der Zählung …“

Das Datum Tischri 5144 stimmt mit dem Oktober 1383 überein. Es ist anzunehmen, dass in der Überlieferung der Tag des Monats verloren ging. „Tag 1“ bedeutet von der Formulierung den Wochentag nicht das Datum – das wäre im Fall des Tischri das Neujahrsfest und im Jahre 1383 wäre es zudem noch ein Schabbat gewesen – sondern den Wochentag. Da es zusätzlich zu Neumonden und dem wöchentlichen Schabbes im Monat Tischri mit dem Neujahrsfest, dem Versöhnungstag (Jom Kipur) und Suckot (Laubhüttenfest) keinen Mangel an Feiertagen (an denen keine Beerdigungen stattfinden dürfen) gibt, kommt als Datum fast nur der 23. Tischri in Betracht. Das wäre Sonntag, 20. September 1383.

Etwas eigenartig ist jedoch der überlieferte Name des „Schlumi‘el“ (שלומיאל), meist שלמיאל geschrieben und jiddisch deshalb “Schlemil” gesprochen. שלעמיל ist dabei zum Synonym für einen Menschen geworden, der scheinbar vom Unglück verfolgt wird, ein Pechvogel. Die oftmalige Verwechslung mit einem „Schlimasel“ erklärt ein geläufiger israelischer Witz:

מה ההבדל בין שלומיאל ושלימזל

… השלומיאל הוא המלצר שצלחת המרק הרותח נפלה מידו, והשלימזל הוא זה שהמרק נשפך עליו

Der Schlemil ist demnach einer, der als Kellner einen Teller mit heißer Suppe fallen lässt, ein Schlimassel hingegen wäre demnach der, welcher es abbekommt.

Wie dem auch sei, ist Schlumi’el ein, wenn auch wenig geläufiger Name, der erst ab dem 19. Jahrhundert (Heine, etc.) seine „witzige“ Note bekommt. In der Überlieferung gilt Schlumiel ben Zur-Schadai als ursprünglicher Name von Simri ben Salwa, der von Pinchas erschlagen wurde (siehe 4. Moses 25.14 במדבר). Als Oberhaupt des Stammes Schimon hatte er sich mit einer Moabiterin eingelassen.

Leopold Nathan Hofheimer, der Sohn des Hoffaktor David Zwi Hirsch Hofheimer (1780-1832) und Hendle Hirschfeld (1780-1855), einer Nichte des Arztes und Sexualforschers Magnus Mordechai Hirschfeld (1868-1835), der als Wegbereiter der Homosexuellen-Bewegung gilt, hat noch einen weiteren hebräischen Grabstein aus dem Ulmer Mittelalter überliefert.

 (ןה)לרא)ש ר אליקום בר יהודה הכו)

שנפטר י’ד באלול יום ב קי’ח לפרט

תנצבה עם צדיקים בגן עדן

“ … (zum Hau)pt von Rabbi Eljakum ben Rabbi Jehuda Ha-Ko(hen), der verstarb am 14. Elul, Tag 2 (Montag) (im Jahr) 118 nach der Zählung … seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens mit den Gerechten im Garten Eden.“

Das Datum des 14. Elul 5118 entspricht dem 19. August 1358.

* * *

Augsburg und viele andere Städte in Deutschland und Europa sind mit Ulm vor allem durch die weitverbreitete in der Mitte des 15. Jahrhunderts zunächst von Augsburg nach Ulm gewanderte, nach 1500 überall verstreute Familie der Ulmo-Günzburg verbunden, von denen einige wenige Generationen später nach Pfersee vor die Tore der alten Heimatstadt Augsburg zurückkehrten. Ihre Nachkommen leben heute in aller Welt.

The Jewish history of Ulm is closely related to the Augsburg one. Not only because in earliest time there were a number of inter marriages between Ulmer and Augsburg Jews as well as scholars from Ulm who became rabbis in Augsburg and the other way around, but also because a considerable number of Jews who had to leave Augsburg about 1440 moved to Ulm. After the following expulsion from Ulm some sixty years later they settled in the area between the two cities of their origin. A number of them adopted the name Ulmo, which usually is referred to the City of Ulm, but also has another religious meaning in Hebrew. The Ulmo – Ginzburg family, which is widespread in whole Europe and the world today, also re-settled in Pfersee about one mile away from the Imperial City of Augsburg.

In Ulm there were two medieval Jewish cemeteries (Judenkirchhof) next to the former “Neues Tor” (New Gate, which does no longer exist), which therefore also was called the “Jews Gate” or “Jews Tower”. After the expulsion from Ulm, the tomb stones – as in many other cities – were mis-used by the local Christian inhabitants as building material, for instance for the later famous Ulmer Minster, for the city fortification or as decorations at houses, etc. Time and again construction works bring further fragments from our Jewish past into light as well as bones and skulls as it happened in 1987 when skeletons of 22 Jews buried at the medieval 14th to 15th century cemetery were “dis-covered” and later buried at the Jewish section of the new municipal cemetery.

Ulmo grave marker from Pfersee (1695) at Pfersee/Kriegshaber cemetery in Augsburg

 


Hebräische Grabsteine im Rabbi Meir Garten von Rothenburg ob der Tauber

August 19, 2010

In dem dem Maharam Rabbi Meir bar Baruch gewidmeten Gärtchen beim Tanzhaus am Weißen Tor in Rothenburg sind in die Mauer neun hebräische Grabsteine (Repliken?) der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde von Rothenburg ob der Tauber eingelassen, die sich auf Gräber am früheren Judenkirchhof am Schrannenplatz beziehen, der heute von einem Parkplatz überbaut ist.

In the small garden at the former Jewish Dance House at the White Tower in the old city of Rothenburg ob der Tauber, dedicated to the Maharam Rabbi Meir bar Baruch, there are remnants (or replicas) of nine grave markers with Hebrew inscriptions belonging to the Jews of the medieval Imperial City of Rothenburg who were buried at the Judenkirchhof (Jewish cemetery) on Schrannenplatz, which now is overbuilt by a parking lot and bus station.  

Die ausgestellten Grabstein-Inschriften sind im üblichen bescheidenen und schlichten jüdischen Stil des Mittelalters und weisen die üblichen Segensformeln für die Ruhe oder das Einbinden im Garten Eden auf und stammen sämtlich aus dem Beginn des fünften Jahrtausends (5079 – 5160) , bzw. 14. Jhd. (1319 – 1384). Gut die Hälfte der Inschriften beziehen sich auf Männer, einige auf Jugendliche, eine auf eine alte Frau. Zwei der Bestatteten werden als Rabbi bezeichnet, die Mehrzahl der anderen als Söhne oder Töchter eines solchen.

The exposed head stones are in the typical modest and sober diction of medieval Judaism and have the usual blessings for the rest or the reception in the garden of Eden. All are from the beginning of the 6th Jewish millennium (14th century) and span from 5079 – 5144 (i.e. 1319 – 1384). Just the half of the mentioned deceased were men, some juveniles and one elderly woman. Two of the decedents are marked as rabbis, the majority of the others are sons or daughters of one. Only one person is named after her mother instead of the father, what is the common formula.

* * *

Hebrew head stone

פה נקבר

הנער יהודה בר

משה ד באדר

יום ב שנת פה

לפ’ תיצרר נפשו

בגן עדן א א א

סלה

Hier ist begraben der Junge Jehuda bar Mosche, 4 Adar, Tag 2 , Jahr 85 nach der Zählung, seine Seele sei eingebunden im Garten Eden, amen-amen-amen sela

Here is buried the boy Yehuda bar Moshe, 4th of Adar, day 2, year 85 acc. to the common counting, his soul may be bound up in the garden of Eden, amen-amen-amen sela

(The date of Adar 4 in 5085 correspondents with Monday 26th of February 1325)

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medieval Hebrew headstone inscription 1379

פה נקבר מ בילא

בת ר יצחק הלוי

ח תמוז יום ה קלט

לפ תנוח נפ בגן עד

א א א

סלה

Hier ist begraben F(rau) Bela Tochter R Jitzchak HaLevi, 8 Tamus, Tag 5, (Jahr) 139 n Z, ihre See(le) ruhe im Garten Ed(en), a(men)-a(men)-a(men) sela

Here is buried Miss Bela daughter of Rabbi Isaac HaLevi, 8 of Tamus, day 5, year 139, her soul may rest in the garden of Eden, amen amen amen sela

(The verbs in the inscription are masculine, while it is doubtless dedicated to a woman. Das Datum 8. Tamuz 5139 entspricht Donnerstag 1. Juli 1379)

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Hebräischer Grabstein pierre tombale en hébreu

פה

נקברה מר

בתשבע בת ר

אברהם ג בטבת

יום ג שנת פו לפ

תנוח נפשה בגן

עדן א א א

סלה

Hier ist begraben Fr(au) Batschewa Tochter von R Abraham, 3 Tewet, Tag 3, Jahr 86 nZ, ihre Seele ruhe im Garten Eden a-a-a- sela

Here is buried lady Batsheva daughter of Rabbi Abraham, 3 Tevet, day 3, year 86, her soul may rest in the garden of Eden, amen amen amen sela

( 3. Tevet 5086 = Tuesday 18 December 1325)

* * *

פה נקברה

מרת אסתר בת

אומנו שרה ו טבת יום

ג קמה לפר תנוחה

נפשה בגן עדן אמן

א א סלה

Hier ist begraben Frau Ester Tochter unserer Mutter Sara, 6 Tewet, Tag 3, (Jahr) 145 nZ, ihre Seele ruhe im Garten Eden, amen a(men) a(men) sela

Here is buried lady Ester daughter of our mother Sara, 6th of Tevet, day 3, (in the year) 145, her soul may rest in the garden of Eden, amen amen amen sela

(1384)

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האבן הזאת לראש ר

יוסף בר אלעזר הנקב

ו תמוז יום ב קמד לפ

תנוח נפשו בג עדן

א א א

סלה

Der Stein hier ist zum Haupt von R. Josef Sohn des Eleasar der begrab(en ist), 6 Tamus, Tag 2, (im Jahr) 144 nZ, seine Seele ruhe im Garten Eden, a a a sela

This stone here is (set up) at the head of rabbi Yosef son of Elazar, who is buried (here) on 6th of Tamus, day 2, in the year 144, may his soul rest in the garden of Eden, amen amen amen sela

(6 Tammuz 5144 = Monday, 5 July 1384)

* * *

פה נקברה הזקינ

מ אסתר בת ר

דוד כד שבט

יום ד צג לפ תוצ

נפשה בגן עדן

א א א סלה

Hier ist begraben die Alt(e) F(rau) Ester Tochter R David, 24 schwat, Tag 4, 93 n Z, gebu(nden) sei ihre Seele im Garten Eden, a a a sela

Here is buried the old Mrs. Ester daughter of Rabbi David, 24th of Shvat, day 4, (in the year) 93, may her soul be bound in the garden of Eden, amen amen amen sela

(The inscription omits the last letter of sakena. The date of 24 Shvat 5093 is Wednesday 18th of February 1333)

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עד הגל הזה

ועדה המצבה

לראש ר יהוא בן

ה ק ר יעקב הכהן

הנקבר ו בשבט

יום ה שנת עט לפ

תיצרר נפשו בגן

עדן  א א א  סלה

*der Pfahl bezeuge und der Grabsteine bezeuge* zum Haupt von R Jehu(d)a Sohn von R Yakow haKohen K, begraben 6 schwat, Tag 5, Jahr 79 nZ, seine Seele sei eingebunden im Garten Eden, a a a sela

*the pile certify and the headstone certify* at the head of Rabbi Yehuda son of Rabbi Yakov Kohen Kalonymos, buried 6th of Shvat, day 5, year 79, may his soul be bound up in the garden of Eden, amen amen amen sela

(The initial lines quote Sefer Breshit = Genesis 31.52. The date of 6 Shvat 5079 = Thursday 5th of January 1319)

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children of rabbi yehuda halevi rothenburg

פה נקבר הנעשלמה ב ר יהוד

הלוי ב א אלול

יום א קלט ל

תנוח נפשו

בג ע  א  א  א

ס

פה נקברההנערה מעטו

ב ר יהוד הלוי

יו ה יג כסליו

ואחות שונלע

כט תשרי ביום

ה קב לתנבע

א  א  א

ס

Hier ist begraben der Jun(ge) Schlomo Sohn des R Yehud(a) HaLevi, am 1 Elul, Tag 1, 139 n(Z), seine Seele ruhe im G(arten) E(den), a a a sHere rests the boy Shlomo son of Rabbi Yehuda HaLevi, 1fst of Elul, day 1 in the year 139, may his soul rest in the garden of Eden, amen amen amen sela Hier ruht das Mädchen Meto, Tochter R Jehuda HaLevi, Ta(g) 5, 13 Kislev, und ihre Schwester Schonle, 29 Tischri, am Tag 5, (Jahr) 102, amen amen amen selaHere rests the girl Meto, daughter of Rabbi Yehuda HaLevi, day 5, 13th of Kislev, and her sister Shonle, 29th of Tishri, on day 5, in the year 102

(The inscriptions mention 3 children of Rabbi Yehuda HaLevi: the daughters Meto and Shonle and the son Shlomo = Salomon, 5102 = 1341, 5139 = 1379)

* * *

Only few of the named personalities can be identified so far, some of them have relations to the medieval Jewry of Augsburg where a number of Jews from Rothenburg lived and married, among them Baruch from Rothenburg another rabbi of Augsburg.


Lesen hebräischer Grabsteine – wie geht das?

February 24, 2010

fragment Ichenhausen cemetery friedhofFragment: Ichenhausen

Oft werden wir bei Führungen auf Friedhöfen nach den noch (!) erhaltenen Inschriften gefragt. Dem Interesse für die hebräischen Grabsteine steht jedoch meist die Unkenntnis hebräischer Schrift und Sprachkenntnis entgegen. Die Hemmschwelle, zumindest etwas Hebräisch selbst zu lernen, ist in aller Regel erstaunlich hoch. Dabei ist es auch für Neulernende nicht zu schwer eine größere Zahl der Inschriften leicht zu lesen, da die meisten Grabsteine häufig wiederkehrende Formeln, Ausdrücke oder Abkürzungen gebrauchen. Wir wollen die Hemmung bei allen Interessierten etwas senken und mit dieser kurzen Übersicht mit einigen gängigen Wendungen und Abkürzungen mit der hebräischen Aussprache (diese ist der deutschen recht ähnlich, außer ch stark gesprochen wird wie im dt. Wort Bach und Vokale wie etwa o dumpf lauten wie in Koch und nicht wie in Bochum, etc.) und deutscher Übersetzung etwas reduzieren und einen Anreiz bieten, mehr zu fragen und zu wagen. Vielleicht bei der nächsten Führung ..?

Jüdischer Grabstein Hochfeld Friedhof Augsburg Jewish Cemetery 2007

Das übliche Grundgerüst einer Grabsteininschrift, um das herum bei Bedarf andere Aussagen über den Toten formuliert werden, wäre etwa dieses:

Hier ruht (abgekürzt als  פ”ט oder  פ”נ )

A. Sohn des B. aus D. gestorben am Wochentag (1-6 oder Schabbat), dem Tag-Monat-Jahr meist mit dem Zusatz  לפק = nach „kleiner Zählung“ (d.h. unter Weglassung des Jahrtausends, respektvoll üblich geworden, da das Zeichen für die Zahl 5, bzw. vorangestellt für 5.000 zugleich auch eine häufige Abkürzung für haschem (der-Name), also für Gott ist.

Und zum Abschluss die geläufige Formel  תנצב”ה :  „seine (ihre) Seele sei eingebunden im Bund des Lebens“, eine Segensformel gemäß dem ersten Buch Schmuel = 1. Samuel 25.29.

Fragment Jüdischer Friedhof Kriegshaber 2009 Jewish CemeteryFragment vom jüdischen Friedhof Kriegshaber/ Pfersee, 2009 noch erhalten

Daten, also Tages- und Jahreszahlen werden mit den 22 hebräischen Buchstaben ausgedrückt. Die ersten neun Buchstaben des Alefbet sind die Ziffern 1-9, die folgenden neun Buchstaben sind die Zehnerzahlen 10, 20, … bis 90. Die restlichen 4 Buchstaben stellen die Zahlen 100, 200, 300 und 400 dar. Nächsthöhere Zahlenwerte werden zusammengesetzt, d.h. 500 ergibt sich sodann aus den Zeichen 400+100. Eine weitere Besonderheit sind die Zahlen 15 und 16 die nicht als 10+5 oder 10+6 dargestellt werden, da auch dies wieder an Bestandteile des Gottesnamens erinnert, sondern als 9+6 und 9+7. Da dies nicht nur unpraktisch erscheint, sondern tatsächlich auch ist, verwendet man dieses Zahlensystem natürlich wie im Lateinischen (LXX, MMDCXII, etc.) nur für Inschriften, Seitenzahlen oder Datumsangaben und nicht für Mathematik, um den Lernenden nicht den letzten Nerv zu rauben.

Abkürzungen, häufige Begriffe
Vater aw אב
Richter am Bet Din aw bet din אב”ד
Richter am bet din der heiligen Gemeinde aw bet din kehila kedoscha אבדק”ק
Richter am bet din der Gemeinde aw bet din kehila(t) אבדק
der Herr, Lehrer und Rabbi adoni, mori e-rabi אדמו”ר
Das Heilige Land (Israel) eretz-ha-kodesch אה”ק
Bruder ach אח
Schwester achot אחות
Mann isch איש
Mutter em אם
Das Heilige Land (Israel) eretz-ha-kodesch ארצה”ק
Frau eschet אשת
 
Jüdisches Gemeindegericht bet din ב”ד
Mit Gottes Hilfe be-esrat ha‘schem ב”הבע”ה
Junggeselle bachor בחור
Sohn des frommen Rabbis ben ha-chasid rav בהח”ר
Sohn des Rabbiners ben ha rav בהר
In dieser Zeit Be‘sman ha-se בזה”ז
Sohn des verehrten Lehrers und Rabbiners, Rabbi … ben kevod mori ha-rav rabi בכמהר”ר
In der heiligen Stadt (Jerusalem) be-ir ha-kodesch בעה”ק
Ehemann baal בעל
Sohn (aramäisch) bar בר
Sohn / Tochter des Rabbiners ben rav ב”ר
Tochter bat בת
Jungfrau betula בתולה
 
Garten Eden gan eden ג”ע
 
Onkel dod דוד
Gerechter Richter und Lehrer dajan ve more tzedek דומ”צ
Gerechter Richter dajan tzedek ד”צ
 
Gott (der Name) ha-schem ה
Der Weise ha-gaon הג
 Ende des Laubhütten-Fest hoschana raba הו”ר
Der Fromme ha-chesid הח
der liebe, teuere  ha-jakar היקר
die liebe, teuere  ha-jekra היקרה
der Kohen ha-kohen הכהן
der Levi ha-levi הלוי
Die kommende Welt ha olam ha ba העוה”ב
Die gegenwärtige Welt ha olam ha-se העוה”ז
Der Rabbiner ha-rav הר’
Der Rabbiner, Rabbi ha rav rabi הר’ר
Der Schächter und Prüfer ha schochet u-vodek השו”ב
Seligen Angedenkens sichrona liwracha ז”ל
secher tzadik liwracha זצ”ל
der/die Alte saken, sekena   זקנה / זקן
 
 Halbfeiertag an dem gearbeitet werden darf (Pessach, Suckot) Chol ha-mo‘ed חוה”מ
Monat chodesch חדש
 
„guter Tag“, Feiertag erwähnt in der Thora jom tow יו”ט
Tag der Verständigung jom kipur יו”כ
Kind jeled ילד
 
 geehrter Herr Rabbiner kevod ha-raw rabi כהר”ר
 
Der gesalbte König melech ha-meshiach מה”מ
Ende des Schabbat motzi ha-schabat מוצה”ש
aus der Heiligen Gemeinde mi-kehilat kodesch מק”ק
Frau, Ehefrau marat מרת
 
nischmato began eden menuchato נבג”מ
geboren nolad, nolda נולד -ה
Begraben im Haus der Welt niftar lewet olamo נלב”ע
gestorben niftar (a) נפטר -ה
 
Gutes Zeichen siman tow ס”ט
Heilige BücherSchreiber für Bücher, Tfilin und Mesusot sefer (sifre) ha-kodeschsofer stam ספה”קסופר סת”מ
Bücher, Sfarim, tfilin, mesusot סת”מ
 
Frieden auf ihm / ihr Olav ha-schalom עה”ש
Nach der Heiligen Thora al torat ha’kodesch עטה”ק
Neben … al jad ע”י
Abend (Beginn) des Neujahrsfest erew rosch-ha-schana ערה”ש
Abend (Beginn) des Neumondfest erew rosch chodesch ער”ח
Abend (Beginn) des Schabbat erew schabat ער”ש
hier ist begraben po tamun פ”ט
hier liegt, ruht, ist begraben po nikbar, po nitman פ”נ
Frankfurt am Main frankfurt de-main פפד”מ
 
Heilige Gemeinde (Hebräisch / Aramäisch) kahal kadosch, kehila kedosha ק”ק
 
Vorsitzender des Bet Din rosch aw bet din ראב”ד
Neujahrsfest rosch ha schana רה”ש
Neumond rosch chodesch ר”ח
 
Schächter und Prüfer schochet u‘wodek שו”ב
Fragen und Antworten sche‘elot u‘tschuwot שו”ת
„dem sein sollen lange und gute Tage, amen“(Segensformel für Lebende) schlita = sche-jechije le-orech jamim tovim, amen שליט”א
Jahr schana שנה
„begraben im Haus der Welt“ sche niftar le-wet olamo שנלב”ע
 
Heilige Thora tora ha-kedoscha תוה”ק
„seine (ihre) Seele sei eingebunden im Bund des Lebens“ (Segensformel gemäß 1. Samuel 25.29) tehi nischmato (nafscho) tserura bi-tseror ha-chajim תנצב”ה
Talmud-Thora talmud-tora ת”ת
 
 
 
Tages- und Jahreszahlen  
1   א
2   ב
3   ג
4   ד
5   ה
6   ו
7   ז
8   ח
9   ט
10   י
11   יא
12   יב
13   יג
14   יד
15 (9+6)   טו
16 (9+7)   טז
17    יז
18   יח
19   יט
20   כ
21   כא
22   כב
 
30   ל
40   מ
50   נ
60   ס
70   ע
80   פ
90   צ
100   ק
 
154   קנד
 
200   ר
 
300   ש
 
400   ת
500 (400+100)   תק
 
591   תקצא
 
600   תר
 
700   תש
 
800   תת
 
900   תתק
 
924   תתקכד
 
5555   ה”תקנה
 
 
 Monate  
 
tischri תשרי
(mar)cheschvan חשון, מרחשון
Kis‘lev כסלו
tewet טבת
schwat שבט
Adar 1 אדר א
Adar 2 אדר ב
nisan ניסן
ijar אייר
sivan סיון
tamus תמוז
aw אב
elul אלול
 
 Häufige Vornamen  
 
Abraham awraham אברהם
David   דוד
Rebekka rivka רבקה
Daniel   דניאל
Moses mosche משה
Isaak jitz-chak יצחק
Josef   יוסף
Salomon schlomo שלמה
Ber, Bär ber בער
Se‘ev se‘ev זאב
Chaim   חיים
Leah le‘a לאה
Chana, Hanna, Anna chana חנה
Rachel   רחל
Simon schimon שמעון
Nathan natan נתן
Mordechai מרדכי

How to read Hebrew grave marker inscriptions ..?