Rückkehr des Wildwuchs am jüdischen Friedhof Kriegshaber

June 20, 2013

Seitdem wir im Frühjahr 2010 die anhaltende Pflege am jüdischen Friedhof an der Hooverstraße in Kriegshaber aufgeben mussten, hat sich in vielen Teilen des Geländes wieder der früher vorallem von 2005 bis 2007 angewachsene, teilweise dschungelartige Wildwuchs ausgebreitet. Davon betroffen sind viele der Jahrhunderte alten historischen Grabsteine, wie auch die an vielen Stellen ohnehin brüchige und einsturzgefährdete Mauer. Dass nun stattdessen der auch früher schon nicht vernachlässigte Rasen permanent mit dem Mähtraktor nachgeschnitten wird, als wollte man eine Art grünen “Zweitagebart” verhindern, ist dann bestenfalls nur Kosmetik. Von zwei Zentimeter hohen Grashalmen geht jedoch keine Gefahr aus, anders als von brüchigen Mauern und maroden Bäumen.

Kriegshaber Jewish cemetery northern wall jüdischer Friedhof Mauer 2009Blick aus dem ehemaligen Tahara – Haus zur 

im Dezember 2009 vom Wildwuchs befreiten Mauer

Kriegshaber Jüdischer Friedhof Hooverstr April 2010die selbe Mauer Ende April 2010, kurz vor der Neuvermietung

Im Vergleich dazu nun der ganz aktuelle Zustand dieses Abschnitts vorgestern (18. Juni 2013):

jüdischer Friedhof Kriegshaber Wildwuchs Mauer Juni 2013

Erstaunlich was in nur drei Jahren des Wegsehens an Wildwuchs entstehen kann.

Wie die Mauer werden auch alte Grabsteine komplett vernachlässigt und dem Wildwuchs zum Fraß vorgeworfen, obwohl in den letzten Jahren immer wieder die schweren Beschädigungen durch Efeu und Gestrüpp ausführlich dokumentiert und thematisiert wurden und der Wildwuchs wie an der Mauer bereits beseitigt worden war. Die nun aber seit Jahren wieder ausbleibende Pflege macht frühere Anstrengungen “natürlich” hinfällig.

Kriegshaber jüdischer Friedhof Dschungel 2013Friedhof oder Dschungel ..? Kriegshaber im Sommer 2013

Kriegshaber jüdischer Friedhof Dschungel 2013mannshoher Wildwuchs beschädigt Grabsteininschriften

Die Mühlen malen langsam wie sich auch 2013 nicht leugnen lässt und sichtlich will niemand das Kind mit dem “Bade” ausschütten. Die Zeit bleibt aber nicht stehen und der Wildwuchs wird nicht aufhören, so es keine Pflege gibt. Versäumnisse werden nicht geringer, wenn man sie ignoriert, sie werden mehr und erschewren nur künftige Lösungen. Bleibt zu hoffen, dass die jüngsten Ortstermine und Beratungen zur Zurkunft des Friedhofs die vorgesehnen Verbesserungen bewirken können. Angesichts der bei manchen durchaus weiterhin vorhandenen Gleichgültigkeit besteht zu Optimismus wenig Anlass, während andererseits aber äußerer Druck einmal mehr zum Handeln zwingt.  Erkennen wir darin die (vielleicht wiedermal letzte) Chance.

Kriegshaber cemetery meeting - kurz, mazo, baron, shenef, brandtMartin David Kurz, Alexander Mazo, Alexander Baron, Yehuda Shenef,  Dr. Henry Brandt

(photo: Margit, all others: yehuda)


Schwäbische Tracht um 1840

June 10, 2013

Yehuda Shenef Krumbach Schwaben

Traditional Jewish garment in Huerben/Krumbach, June 2013

(Augsburg and Bavarian, former Austrian Swabia, ca. mid 19th century)

Auch wenn eher in seltenen Fällen historische Vorlagen zugrunde liegen, erleben Trachten seit einigen Jahren eine Art Renaissance. Dirndl und Lederhose sind gewissermaßen bayerische Markenzeichen geworden und als solche verstanden, gleich ob es sich bei der einen Tracht überhaupt um eine bayrische handelt oder in China hergestellt wurde. Ähnlich wie beim Karneval, zu Weihnachten oder im Fußball-Stadion handelt es sich auch hier eher um eine Art von „Event-bezogener“ Ausstattung: der Pirat, der Araber,  der Weihnachtsmann, das Schweinsteiger-Trikot, die Dante-Perücke, sie vermitteln temporäre Identitäten, die man an- und ausziehen kann. Genauso verhält es sich mit Dirndl und Lederhosen zum Besuch am Oktoberfest oder bei jeder beliebigen Kirmes. Eher selten hat Tracht etwas mit Geschichte im engeren Sinne zu tun und so gut wie nie etwas mit Juden, die als schwäbische Nachbarn ja über ein Jahrtausend lang mit den Christen Tür an Tür mit den Christen lebten und nicht nur in Bezug auf Speisen, Musik, Baustilen, Literatur und vielem anderen den gleichen Moden unterworfen waren, sondern eben auch in Bezug auf die Kleidung. Natürlich unterließen es weder Juden noch Christen bei Bedarf spezifische Akzente zu setzen. Das gute Gewand des Christen diente natürlich dem Kirchgang, während der Jude seine beste Kleidung für den Besuch der Synagoge am Schabbes vorbehielt und entsprechend gestaltete sich die Ornamentik, wo sie nicht neutrale, natürliche Motive aufgriff, der eigenen Symbolik.

hebräisch Initialien schwäbisch tracht hemd

Yehuda Shenef Jewish Swabian garb Schwäbische Tracht

Jüdisch schwäbische Tracht, Juni 2013

 Mitte 19. Jahrhundert, bayrisch, vormals österreichisch Schwaben

PS: Um keine Verwirrung aufkommen zu lassen über “bayrische ” Lederhosen bei Juden: die ältesten Belege für den Gebrauch von Lederhosen als solchen, stammen aus Persien, dort dienten sie bereits vor über 2500 Jahren als Werkshosen für Land- und Bergwerksarbeiter. Gut möglich dass bereits Mordechai (Nehemia) aus der biblischen Ester-Geschichte Lederhosen trug, jedenfalls ist das rein gar nichts originär bayrisch.

Schwäbische Tracht Lederhose Yehuda Shenef

Jews wearing Lederhosen? Yes, of course.  The earliest documentation on leather trousers come from Persia. About 2500 years ago it was the working cloths of miners and rural worker. So you can imagine Mordechai in the biblical book of Esther wearing Lederhosen.

Margit Hummel Friedberg schwäbische Tracht Herren

 garbs were designed and taylored by master-tailoress

Entworfen und geschneidert von Margit Hummel of Friedberg/Bayern:

http://trachtenschneider.wordpress.com/

hats by courtesy of / Hüte mit freundlicher Unterstützung von

Mrs. Monika Höde, Trachtenberatungsstelle im Landauerhaus, Hürben/ Krumbach

http://www.bezirk-schwaben.de/trachten/

Pictures were shot yesterday 9th of June 2013 at “Schwabentag” in Krumbach, were we also joined the fashion parade as well as the folk dancing.


Der un-heimliche Verfall der Mauer am jüdischen Friedhof in Kriegshaber

May 30, 2013

Sie zählt zu den ältesten Bauwerken Kriegshabers, die 1825 von Ber Ulmo, dem damaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Pfersee finanzierten Mauer um den jüdischen Friedhof der Gemeinden Pfersee, Kriegshaber und Steppach. Zwar ist die Mauer in den bald zwei Jahrhunderten seitdem mehrfach ausgebessert und teilweise erneuert worden, doch ist die letzte substantielle Hilfe ganz offensichtlich schon eine ganze Weile her. Der aktuelle Zustand der Mauer ist deshalb im Wortsinn desolat.

Jüdischer Friedhof Kriegshaber Mauer Verfall

Wie man in Kriegshaber in der früheren jüdischen Hauptstraße sehen kann, sind finanzielle Mittel für die Renovierung und Umwidmung der ehemaligen Synagoge zu einem weiteren staatlichen Museum durchaus vorhanden. Wenn es aber darum geht, etwas für die Sicherheit und den Bestand des Friedhofs und damit für die Ehre der Verstorbenen zu tun, mit deren Leben das Museum werben will,  dann schaut man doch ganz un-verschämt weg und kennt keine Verantwortung, kein Morgen. Gerade so, als ob die Menschen in der Umgebung die klare, kalte Sprache der Vernachlässigung nicht ganz von selbst verstünden. Das tun sie und drücken den mangelnden Respekt mit Müllabwurf am Friedhof aus.

crumbilng wall Jewish cemetery Kriegshaber Augsburgeinsturzgefährdete Mauer am Schulweg

Und obwohl man nun unentwegt für den Erhalt und die Sanierung der Mauer eintritt und mit Verantwortlichen von Stadt, Bund und Ländern redet, ist es so, als ob man doch gegen eine Mauer redet: eine Mauer des Schweigens, eine Mauer in den Köpfen, eine Mauer an Vorurteilen.

Kriegshaber jüdischer Friedhof Mauer Loch

Due to decade long neglect the walls of Kriegshaber Jewish cemetery are crumbling and in parts already in danger of collapsing, while there are many smaller damages here and there. Indeed there are means to restore and convert the former synagogue of Kriegshaber into another stately museum, but if it comes to spend any money for the honor of the Jews who lived here, it is quite different. Actually the crumbling, almost collapsing parts of the wall also are a hazard for the children of the neighborhood and others who pass there on their way to school.

Kriegshaber Friedhofsmauer HooverstrReste des alten verotteten (NATO-) Stacheldrahts werden zwar “bewahrt”, eine Erneuerung hält man aber für “unschön”. Die herumhängenden, oft von “Grünzeug” überwucherten Reste sind jedoch zweifelsfrei gefährlicher als ein systematischer, erkennbarer Draht, auf den sich jeder einrichten könnte.


Was macht München so schön ..?

April 26, 2013

 „What makes Munich so beautiful ..?“ asks an ad of the liberal Munich based Süddeutsche Zeitung (“SZ”, South-German Paper), the largest subscription paper in Germany with more than one million readers daily. The included answer roughly is: “All those many green areas”.

And it is exactly like that as can be seen in the picture below taken at Jakobsplatz in Munich, next to the shop door of the Orag house, yesterday afternoon.

München Jakopsplatz Synagogeבית הכנסת של מינכן בכיכר יעקב

?למה העיר מינכן כל כך יפה?

יש הרבה כרי דשא הירוקים

München ist so schön … wegen seiner vielen Grünflächen (… und Augsburg dann wohl wegen seiner vielen Park-Plätze und (An)Baustellen …? wäre man geneigt zu kontern …), aber die muss man sich in diesem Fall eher in der Phantasie ausmalen, falls diese mit der Örtlichkeit nicht bereits überfordert oder zumindest beansprucht sein sollte.

Aber auch andernorts in München verhält es sich in Bezug auf Synagogen Plätze nicht unbedingt unkomplizierter:

Alte Synagoge München Künstlerhaus Oberpollinger Lenbachplatz

Auch am Lenbachplatz (benannt nach dem aus <name dropping:> Schrobenhausen stammenden Maler Franz von Lenbach (1836/1904)) sind besagte Grünflächen auf dem ersten Blick ebenfalls nicht zu erkennen. Zudem ist sogar die auf der Postkarte (neben dem heute als “Künstlerhaus” titulierten Gebäude) noch vorhandene große Münchner Synagoge verschwunden. Es scheint offensichtlich, dass es wohl Künstler vom Schlage eines Houdini oder Christo sein müssen, die hier verkehren …

Memorial Munich Synagogue 1938The memorial says that “here” was the synagogue, which was destroyed in 1938, but we may assume that actually it of course was way larger as the rather small base area of the monument. In fact the place of the synagogue proper was overbuilt by the large Karstadt Oberpollinger Kaufhaus.

However, obviously the memorial stone maybe still is too big, and to some extend it impedes current lightning protection system measures. Apparently time and again lightnings cause some trouble “here”, and that maybe is why there are no green areas (which make Munich soooo beautiful) left either :

Denkmal synagoge München  obstructed synagogue memorial at Oberpollinger Kaufhaus in Munich

Alles im grünen Bereich: “Blitzschutz” für ein Denkmal an eine vor 65 Jahren niedergebrannte Synagoge?

זכר זאת


Zurück zur Basis ..?

April 25, 2013

Elias Holl Platz Rathaus Augsburg Ausgrabung Zelle

Am Elias Holl Platz, mnachen besser bekannt als “Platz-an-der-Rückseite-vom-Rathaus” sind derzeit Ausgrabungen zu sehen. Bei ebensolchen im Jahre 1928 wurden an dieser Stelle einige Fragmente mittelalterlicher hebräischer Grabsteine gefunden, die im Buch zum mittelalterlichen Judenkirchhof beschrieben sind:

Augsburg Elias Holl Platz Ausgrabungen

At Elias Holl Platz which is at the “backsite of the 400 years monumental Augsburg townhall there are some diggings. When in 1928 the last time there were some a number of fragments of medieval Hebrew grave markers from the Jewish Cemetery (Judenkirchhof) were discovered right there. It may be assumed that still there is the reported number of “several hundred” so to say “in situ” …

Augsburger Judenkirchhof Buch Yehuda Shenef

Kokavim-Verlag, 2013, 176 Seiten

ISBN: 978-3-944092-01-0

Preis: 29.50 €

Yehuda Shenef: Der Augsburger Judenkirchhof – Zur Geschichte und zu den Überresten des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in der Reichsstadt Augsburg


Die Augsburger Juden der Nachkriegszeit

April 19, 2013

Augsburg Synagoge Westseite

Zukunft im Land der ‚Täter‘?“ – Jüdische Gegenwart zwischen ‚Wiedergutmachung‘ und ‚Wirtschaftswunder“ 1950-1969“ lautet die Mittwoch Abend im Jüdischen Kulturmuseum Schwaben-Augsburg eröffnete Ausstellung (Unter der Schirmherrschaft der nicht anwesenden Münchner Gemeindevorsitzenden Charlotte Knobloch), als zweiter Teil der Serie „Leben in Augsburg nach der Katastrophe“, die sich der Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde widmet.

Jüdisches Kulturmuseum Augsburg Schwaben Ausstellung Zukunft im Land der Täter April 2013

Dr. Schönhagen

Theo GandenheimerBürgermeister a.D. Theo Gandenheimer

Dr. Benigna Schönhagen (geb. 1952), Leiterin des Museums und mit der IKG Gastgeberin der Veranstaltung eröffnete die Veranstaltung und zitierte die oft genannten „gepackten Koffer“ und verwies auf Hella Goldfein, die sich in München als Familientherapeutin auch mit Traumatisierungserfahrungen beschäftigt und als Tochter der (in Augsburg bestatteten) Holocaustüberlebenden Meir und Ester Fischl hier aufwuchs. Der ehemalige Augsburger Bürgermeister und langjährige Stadtrat Theo Gandenheimer (geb. 1934) nannte das Ausstellungsthema einen „bislang völlig unbekannten Teil der Geschichte Augsburgs“ und sprach vom „bewundernswerten Mut der Juden sich nach alledem wieder bei uns niederzulassen“. Die 1952 in Dachau geborene Christine Kamm, seit 1990 für die „Grünen“ im Augsburger Stadtrat und seit 2003 im bayrischen Landtag, sagte, die Geschichte der Überlebenden des Holocausts sei „im kollektiven Gedächtnis verloren gegangen“. Die Mitbegründerin des „Vereins der Freunde und Förderer des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben e.V.“  erwähnte ihren Parteikollegen Jerzy Montag (wohl weil dieser neben einer katholischen Mutter einen jüdischen Vater hatte) , berief sich ebenfalls auf die Münchner Diplom-Psychologin und zitierte deren Aussage darüber, dass „die Gedanken der Kinder das Schweigen der Eltern ausfüllte“.

Dr. Andrea Sinn (geb. 1981) sprach als Kuratorin der Ausstellung. Schon als Mitarbeiterin am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigte sie sich mit Juden, die in der Nachkriegszeit (wieder) in Deutschland lebten. „Nach der Befreiung“, so sagte sie, sei es „für die meisten jüdischen Menschen unvorstellbar“ gewesen nach Deutschland zurückzukehren, weshalb viele „nach Palästina, bzw. Israel“ gingen. Zunächst hätten die Juden in Deutschland keinen Kontakt zu den „Nichtjuden“ gehabt, wohl habe es aber geschäftliche Kontakte gegeben. Zur Zeit des Wirtschaftswunders hätten so auch einige der Juden selbst wirtschaftliche Erfolge erzielen können. Ein Beispiel dafür nannte schließlich auch der Vorsitzende des Stiftungsrates des Museums Dr. Georg Haindl (geb. 1956) und Sohn des Papierfabrikanten Georg Karl Maria Haindl (1914-1970), der wikipedia gemäß dem auf die Kreuzfahrer zurückgehenden „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ (Ordo Equestris Sancti Sepulcri Hierosolymitani) angehörte. Haindl verwies auf Gustav Einstein, der im Besitz der Unterbaarer Schlossbrauerei war, von den Nazis enteignet wurde und in der Nachkriegszeit wieder zu seinem Besitz kam. Der heutige Besitzer der Brauerei habe für die Veranstaltung so auch einiges Bier gespendet, womit sodann auch bereits zum Büffet übergeleitet wurde …

christine kamm grüneChristine Kamm, Grüne Augsburg

Dr Andrea Sinn Kuratorin Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Andrea Sinn, Jewish Museum Augsburg

Dr Georg Haindl Stiftungsrat Jüdisches Kulturmuseum AugsburgDr. Georg Haindl (III.) Augsburg

* * *

Der Titel der Ausstellung, wurde bereits von den Festrednern in Frage gestellt – damit aber noch nicht in Abrede. Die in manchen Passagen weinerlich anmutenden Stimmen mancher Redner zeugen davon, dass trotz aller Beschwörung einer „Normalität“, sich diese (wenigstens in diesem Rahmen) nicht einstellen will und die Gemüter bis auf weiteres beunruhigt bleiben. Man wählt die Worte ganz behutsam, immer darauf bedacht, keinen Argwohn zu wecken. Obwohl auch gerade Museen mittels ihrer limitierten (nicht selten auch nur zufällig erhaltenen) Dokumente, Modelle und Schnappschüsse fraglos nicht die Alltagswirklichkeit (von in diesem Fall: zwei Jahrzehnten) darstellen können, stapeln sich doch vorsorgliche Entschuldigungen und werden auch bewusst angesprochen, etwa, dass die Ausstellung „keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben“ wolle. Etwas anderes zu erwarten, wäre ziemlich albern, weshalb die Beteuerung wie so oft unsicher wirkt, bewusstseinsgespalten und aufgesteckt.

Formulierungen wie „Tätervolk“, „Land der Täter“ „… der Opfer“, „.. der Taten“ und dergleichen sind seit Jahren, bald schon wieder Jahrzehnten gebräuchlich und kontrovers und noch nach jeder Diskussion sind sich die meisten Diskutanten in etwa darüber einig, dass man nicht pauschalisieren dürfe, solle, könne. Ans Banale grenzende Einsichten dieser Art vorauszusetzen erscheint dann aber offenbar zu anspruchsvoll und vielleicht hat man sich auch deshalb auf Begriffe wie „Erinnerungsarbeit“ verständigt. Dass Fachkreise ihr eigenes Vokabular (er)schaffen, um ihre Wirklichkeit zu beschreiben, ist eine nicht minder geläufige Beobachtung der Linguistik.

Ansonsten dominiert “sowieso” (wie die Schwaben sagen) ganz allgemein der psychologische Zugang zum Thema. Und wo man, bei Bedarf eine Straße einfach überqueren könnte, konstruiert man kunstvolle Wendeltreppen, die verschiedene Perspektiven auf die Straße bieten und ermöglich sie von oben “objektiv” zu betrachten. Wie gut also, dass sich gerade die „zweite Generation“ Therapien zugänglich machen lässt. Θεραπεία heißt eigentlich „Dienen“ und so sind Kunsttherapien und dergleichen gewiss auch (zweck)dienlich.

Von der „Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ sprach bereits das auch schon wieder vor über zwei Jahren erschiene Buch des 1974 geborenen Olivier Guez, das bei einem Preis von 64 Euro offensichtlich nicht zu viele Leser haben sollte, aber vielleicht in Augsburg doch welche fand und somit wohl auch Anregung geben konnte. „Rückkehr unerwünscht“ titelte aber bereits 1978 ein Buch von Joseph E. Drexel (1896-1976). Details.

Als „Unerwünschte“ wurden Juden in Augsburg nun nicht vorgestellt, stattdessen schilderte man einen Konflikt zwischen der recht kleinen Gruppe zurückgekehrter Augsburger Juden und Verschleppten aus Osteuropa. Diese hätten zwei Gemeinden gebildet und erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen zueinander und zur heutigen Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg gefunden. Selbstverständlich wurden auch die erwartbaren Schwierigkeiten mit den schätzungsweise insgesamt etwa 117 mal erwähnten „Nichtjuden“ nicht verschwiegen (aber auch nicht präzisiert, obwohl es da einiges sehr Aufschlussreiches zu berichten gäbe ..!).  Begriffstypisch entspricht dies Nichtrauchern oder Nichtschwimmern, quantitativ ist die auch in Augsburg fast unüberschaubare Gruppe weitgehend deckungsgleich mit der der „Nichtbuddhisten“. Auch hier ist die „Begrifflichkeit“ wieder mit Bedacht gewählt, denn das „Nicht-…“ soll hier nicht ausgrenzen, wie ein „Un-„ (Mensch, Tier, Vermögen, …). Unerwünscht wäre allenfalls “das Judentum” also (sog. “Orthodoxes” solches), eine Gefahr, die aber wohl nicht besteht. Was soll man denn auch einwenden wollen gegen “gebildete Leute” , die Mozart, deutsche Kultur und Sauerkraut mögen oder den FC Bayern München?

Unterbaar Schlossbrauerei Einstein Bier Emblem 1955

Der aus Buttenwiesen stammende Gustav Einstein (1882-1960) war von 1925-1933 im Besitz des Schlosses und der Brauerei in Unterbaar (heute mit Oberbaar zu Baar zusammengefasst, bei Thierhaupten, irgendwo zwischen Meitingen und Pöttmes, 30 km nordöstlich von Augsburg). Erworben hatte er es von den aus Freiburg stammenden Gebrüdern Himmelsbach, die mit Holzverarbeitung ein Vermögen machten, sich dann aber im Wortsinn verspekulierten und Pleite waren. Der “arisierte” Betrieb wurde von Hans Emsländer übernommen, der die Brauerei 1955 wieder an Einstein zurückgeben musste. Einstein starb im November 1960. Seine Erben verkauften Brauerei und Schloss 1963 … Der heutige Eigentüm von Trockau besitzt den Betrieb bereits in zweiter Generation:

www.schlossbrauerei-unterbaar.de

Der Blickwinkel der Ausstellung ist – die Redner hatten es längst verinnerlicht oder wenigstens erkannt – trotzdem einer aufdie Juden“ (und zwar weitgehend im Sinne bloßer Abkömmlinge einer “problematisierten” Abstammung), die nun letztendlich selbst zum Ausstellungsobjekt geworden sind. In gewisser Weise ist damit mein noch in den 1990ern gesagter Satz, dass man als Jude in Augsburgmit einem Bein in der Vitrine …“ stehe, fast Wirklichkeit (im Sinne der durch einen Museums-Besuch gemachte “Erfahrung”) geworden.

Tatsächlich wird es aber noch einen dritten (bis 1985) und einen vierten (bis zur Gegenwart) Teil der Ausstellungskonzeption geben.

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Die Ausstellung ist noch bis 15. September 2013 zu sehen. Dazu erschienen und im Museum für 14 Euro erhältlich ist ein deutsch-englischer “Katalog” (ISBN 978-3-9812246-3-4

(Photos: Margit Hummel)


Vor 5 Jahren: Müll-Sammlung am Jüdischen Friedhof Kriegshaber

April 9, 2013

Just beforehand: much has been improved at the cemetery, although some of the problems still exist. In 2007 however many parts of the cemetery were kind of jungle. So in the first step there was the need to remove bushes, lots of ivy, rotten trees and so on in order to lay open the grave marker – some 350 years old. Cutting down the jungle however just revealed the next problem: the cemetery since there was no more keeper for 2 years was misused as garbage damp by neighbors and passerby.  It took countless hours to remove at least mot of it, but we had a lot of supporters – in the neighborhood of the cemetery as well as from school classes, students or the youth group of the Jewish community from Augsburg. Last year some long overdue works took place to improve some of the old as fragile tomb stones, where now there finally some rotten trees and branches get chopped off.

So much has developed for the good, but there still is a lot to be done.