Nun Eden darum: Im Garten der Worte

October 17, 2012

 

Zu den bekanntesten Geschichten der hebräischen Bibel gehört jene um das erste Menschenpaar, die Schlange und die Frucht des Baumes im Garten Eden und entsprechend dürfte es kaum Geschichten geben, die öfter kommentiert wurden, als diese. Die als erzählerisches Bindeglied zwischen der Erschaffung der Welt und der Entstehung der menschlichen Geschichte angesiedelte Episode wird dabei in mehr oder minder belehrender Weise „sexuell“ gedeutet und je nach Belieben im Sinne des herrschenden Zeitgeist ausgelegt. Die kürzeste Deutung der Geschichte besteht wohl in der Vermutung, dass die Menschheit noch heute im Paradies leben würden, wenn Adam und sein Weib als Chinesen erschaffen worden wären. Dann nämlich hätte sie die Frucht ignoriert und stattdessen die Schlange gegessen.

Nun liegt es aber auf der Hand, dass der Autor der Erzählung wohl weder den Erkenntnissen der modernen Psychoanalyse, noch dem Feminismus vorweggreifen wollte oder an die katholischen Lehre von der „Erbsünde“ denken konnte. Vielmehr ist an den hebräischen und aramäischen Texten wie an der ägyptischen Prägung erkennbar, dass die Erzählstränge sich nicht zuletzt auch aus einer Verflechtung zahlreicher Wortspiele ergeben. Diese bilden offenbar Motive heraus und verflechten sich im Erzählstrang immer wieder neu und prägen so sowohl den Verlauf wie vermutlich auch die Erzählabsicht.

 

 

1. Die Schlange

Das für die Schlange im hebräischen Text verwendete Wort נחש (na‘chasch) leitet sich ab vom gleichlautenden Verb für „flüstern“, „murmeln“ oder „zischeln“. Dieses Murmeln wandte man auch auf das heimliche Sprechen von Zauberformeln oder sonstigen Geheimnissen an, wodurch der Begriff נחש sich auch erweiterte und zum Synonym für „Zauberei“ (im Sinne von Sprechzauber) stand. Andererseits stand der Begriff auch für das gelbliche bis rotbraune Kupfer, bzw. in manchen Kontexten auch für Messing „(„glänzend wie Gold“). Auch eine Augenkrankheit wird als נחש bezeichnet, bei der eine trübe, traubenhautartige Hülle den Augapfel überzieht und deshalb wohl entsprechende Assoziationen zur Schlangenhaut weckte. Das Sprechen der Schlange ist demnach wohl eher ein Zischeln. Die Schlange befolgte das zuvor erlassene Verbot nicht, berührte den „Baum der Beurteilung“ עץ הדעת (etz ha’da‘at) und bewies auf diese Weise, dass die Berührung des Baumes offenbar nicht tödlich enden musste. In ähnlicher Weise können wir etwa im Louvre davon ausgehen, dass wir Ärger bekommen, wenn wir die Absperrung überwinden und das Portrait der Mona Lisa berühren wollen. Eine Fliege dabei zu beobachten, dass sie sich sogar auf das Bild setzen kann, ohne einen Alarm auszulösen oder verhaftet zu werden,  sollte uns nicht ermutigen es ihr gleichzutun, zumal uns die Wärter nicht glauben werden, wenn wir die Verantwortung auf die Fliege abladen wollten.

Analog zum Zischeln (נחש) der Schlange (נחש) ist auch נחר (na‘char), welches Zischen, aber auch Schnauben bedeutet, Geräusche die durch den Ausstoß aus den Nasenlöchern erklärt werden. Entsprechend bedeutet נחר zunächst eigentlich auch „durchlöchern“, „durchbohren“ oder das „aufgespießte Tier“ und ist damit ein Synonym zu נקב (nakaw) „durchbohren“, „löchern“ aus welchem auch der Begriff  נקבה (nekewa) „weiblich“ abgeleitet ist. Die Basis für das Zischeln oder Schnauben der Schlange ist demnach begrifflich verwandt mit der Bezeichnung für Weiber und Weibchen bei Tieren. Im aramäischen Wortlaut heißt die Schlange חויא (chavja), was der Text so erklärt: „…וחויא היה חכים מכל חות …“ (Breschit 3.1) „Chavja“ freilich ist fast identisch mit dem Namen den Adam der Frau nach der Baum-Affäre gibt: „ויקרא האדם שם אשתו חוה כי היא היתה אם כל חי“ (und Adam nannte den Namen seiner Frau Chava, denn sie war die Mutter von allem Leben (kol-chai)“ (Breschit 3.20).

2. Im Schatten

Das vorher freilich noch namenlose Weibchen entsteht aus einer Rippe, die dem Adam im Schlaf entnommen wurde. Adam selbst dagegen soll nach dem Abbild Gottes geschaffen worden sein. Der verwendete Begriff  (tselem) bedeutet nun aber nicht Bild im Sinne eines Ölgemäldes, polizeilichen Phantombilds oder gar Photographie , sondern eher „Kontur“ oder „Umriss“ und leitet sich ab von צל  (tsell) ab, was „Schatten“ bedeutet. Im späteren Kontext wird צלם jedoch auch Götzenbilder bezeichnen. Rambam hingegen führt im ‘מורה נב`(1.1) aus, dass Tselem nicht die äußere Gestalt sei – das wäre תואר (to‘ar), sondern (ohne näherer Erläuterung) das Wesen, die Seele. Aber hier irrt sich Rambam offenbar, da ein Schatten nur ein Umriss ist, eine Reaktion eines ausreichend starken Lichts auf einen Körper und seine Umgebung, abhängig von bestimmten räumlichen Anordnungen. Der Schatten ist aber wie auch immer etwas Äußeres und kein Bestandteil des Körpers, auch wenn er (bei entsprechender Beleichung) scheinbar untrennbar mit ihm  „verbunden“ ist. Er ist keine innere Qualität des Wesen, nicht seine Seele, sondern nur ein optisches Phänomen. Der Mensch als Kreation „im Schatten“ bedarf des Lichts, so wie die Geschichte es auch in „Licht und Dunkelheit“ generell und zusätzlich in Sonne und Mond voraussetzt.

Die Substanz Adams ist textgemäß עפר מן-האדמה  (a‘far mi-ha‘adama), also „Sand“ oder „Staub aus der Erde“. Damit war sicher anderes gemeint als im Versprechen an Abraham, seine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub oder Sand der Erde כי עפר הארץ (ki a’far ha‘aretz). צל und  צלם findet seine Entsprechung in der Substanz, aus der nun Adams Weib geschaffen wurde, nämlich aus Adams Rippe צלע (tsela). Eine weitere findet sich in dem „Fell“ oder der „Tierhaut“, mit welchen Adam und sein Weib sodann bekleidet werden: צלא (tsela). Im hebräischen entspricht letzteres auch עור (or), zugleich eine Anspielung auf אור (or), das „Licht“. Das Verb צלה (tsela) hingegen bedeutet „braten“ und צלי (tsali) ist demgemäß „der Braten“, insbesondere der Spießbraten, was wiederum anspielt auf das „aufgespießte Tier“  (נחר). Die Verdoppelung von צל (tsell) ergibt hingegen צלצל (tsil‘tsell) „klirren“, „schwingen“, „rauschen“, usw. und steht zugleich auch für ein Schlaginstrument, das aus Metall der Zymbel und aus Holz einer Kastagnette entspricht. Im Jerusalemer Talmud (J. Suck. 55) wird eine Zymbel noch aus der Zeit Moses überliefert, die aus Kupfer (נחש) gefertigt war.

Der Name Chava (חוה) findet eine lautliche Entsprechung in חובה (chowa) und bedeutet „Schuld“, „Sünde“ oder „Verpflichtung“. Der Begriff stammt von חוב (chow) „schuldig sein“ erinnert aber auch an חוב (chow), „Versteck“, „verborgene Stelle“, so etwa an den Schoß eines Baumes, in welchem Vögel, von Ästen umgeben ihren Nistplatz einrichten. Synonym dazu wäre das verwandte חפה (chafa). Schließlich bedeutet חוב (chow) auch die Nähnaht, die durch die Nadel ausgehöhlt wird, was abermals auf den Vorgang des Durchlöcherns und Durchstechen anspielt, insbesondere auch weil חובה (chowa) als „Sünde“ auch חט (chet) „Sünde“ entspricht und חוט (chut) dem „Faden“ entspricht, den die Nähnaht חוב (chow) benötigt.

3. Die Erde

אדמה (a‘dama) und ארץ (aretz) werden beide als „Erde“ übersetzt, was nicht falsch ist. Jedoch handelt es sich nicht um Synonyme. Wie wir gesehen haben, wird עפר (eher: Sand als Staub) mit beiden in Verbindung gebracht, sozusagen als Einzelbestandteil der Erde. Da sowohl Ziegelsteine als auch Glas Produkte des Erdbodens sind, ist es nicht weiter überraschend, dass der selbe Ursprung nicht dasselbe Ergebnis haben muss.  Im Midrasch zum Buch „Genesis“ (breschit raba 14) heißt es, dass Adam als ausgewachsener Jüngling erschaffen wurde: „עופר עולם מלאתו נברא“. Der dafür benutzt Begriff lautet עופר (o’fer) der auf die Wurzel עפר (a‘far) „Sand“ zurückgeht. Die selbe Quelle definiert kurz darauf (breschit raba 15): „עפר זכר אדמה נקבה“, also den Sand als männlich, die Erde als weiblich.

אדמה (a‘dama) Erde und אדם (a’dam) Mensch gemeinsam ist die Verbindung zur roten, rötlichgelben Farbe אדום (a’dom). Bereits das pharaonische Ägypten – beide Begriffe sind griechisch – kennt die maßgebliche Unterscheidung eines roten und eines schwarzen Bodens: die fruchtbare Schwarzerde und die trockene Roterde. Das schwarze Schwemmland entlang des Nils und im Nildelta hieß *kmt* (kamat), namensgebend für das ganze bewohnte, bewohnbare Land, das wir – griechisch – als Ägypten bezeichnen (die Thora nennt es מצרים – mits’ra‘jim), wörtlich heißt dies „Schwarz“, wie die Farbe. Ebenso nannten die alten Ägypter auch ein spezielles Menstruationsleiden, das mit dickflüssigen, gelleeartigen dunkelbraunen bis schwarzen Blut einhergeht, vermutlich die sog. Schmierblutung, die je nach Ursache (Ovulation bis Endometritis) harmlos bis bedrohlich sein kann.

Als Gegensatz zum namensgebenden und identitätsstiftenden schwarzen Schwemmland kannten die Ägypter das trockene, karge, gelbrötliche Rotland *d^sr* (descher): die Wüste, das Nil-ferne Aus- oder Fremdland, dessen Entsprechung in der Thora die rote אדמה (a‘dama) ist. Ihr entstammt der Mensch als Sandkorn, nicht etwa dem satten fruchtbaren, schwarzen Boden, der für das eingetrocknete schwarze Blut der Menstruierenden steht.  In der ägyptischen Sprache ist dieses Rotland *d^sr* (descher) zugleich auch Glyphe für „heilig“ und „geweiht“ und bezeichnet einen roten Baum.

Pictures: Mosaics an Hausfassade am Ernst Reuter Platz, Augsburg

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Kein Konflikt zwischen Judentum und Naturschutz

July 30, 2008

 

Im Zuge unserer Bemühungen zur Säuberung, Pflege und Restaurierung des Jüdischen Friedhofs zu Kriegshaber wurden seitens der Anwohner Bedenken laut, dass der Baumbestand des Friedhofs einem Kahlschlag zu Opfer fallen könnte. Bei einem gemeinsamen Treffen mit dem Beirat der Anwohner konnten wir diese Befürchtungen als unbegründet ausräumen. Die Zusammenkunft am 24. Juli 2008 im Gemeindezentrum von St- Thaddäus an der Madisonstraße hatte Pfarrer Groll organisiert, wofür wir ihm herzlich danken. Neben den Anwohnern und Vertretern des JHVA erschien auch Herr Engelhard vom städtischen Grünamt der Stadt Augsburg, wegen seiner fachkundigen Informationen für die Anwohner, und für die “Augsburger Allgemeine” Zeitung Frau Karen Eva Noetzel, die wir beide dazu eingeladen hatten.

In unserer geschichtlichen Dokumentation des Friedhofs ergab sich ein ganz klares Bild. Die Umgebung des Friedhofs war über Jahrhunderte hinweg ein freies, unbebautes kärglich fruchtbares Gelände ohne jeglichen Baumbestand. Noch bis in die 1930er Jahre gab es um den Friedhof herum sog. Halbtrockenrasen, der nur einmal jährlich eine Heuernte, die Mahd ermöglichte. Danben befand sich seit den 1800er Jahren ein militärisches Gelände mit einem Kugelfang für Schießübungen und dergleichen. Erst unter US-amerikanischer Besatzung entstanden um den Friedhof herum Wohncontainer für die Unterbringung von Soldaten und ihrer Familien. Sie bilden heute die Wohnanlagen der Nachbarschaft.

 

Es ist uns völlig verständlich, dass die Anwohner des jüdischen Friedhofs das Gelände auch von außen als eine Art „grüner Lunge“ in ihrer ansonsten immer dichter bebauten und verkehrs- aber wenig abwechslungsreichen Umgebung schätzen. Wir verstehen voll und ganz, dass sie sich darum sorgen, dass der Baumbestand am Friedhof gefährdet ist. Und in der Tat, er ist es.

 

Als historischer Verein ist der JHVA selbstverständlich der Dokumentation und Bewahrung des Erbes der jüdischen Kultur und dem Gedenken an die jüdischen Menschen, die hier Jahrhunderte lebten verpflichtet. Wir sind deshalb natürlich in erster Linie daran interessiert und der Aufgabe verpflichtet, jeden Grabstein, jedes Fragment, jeden Buchstaben zu retten und zu bewahren. Jedoch bedeutet dies nicht, dass wir dem Naturschutz in irgendeiner Weise ablehnend gegenüberstünden.

Das Gegenteil ist der Fall.

 

Einige grundsätzliche Standpunkte der jüdischen Religion, die in der heutigen Zeit der Verstädterung zugegeben immer weniger Beachtung finden, erläutern dies selbstredend.

 

Schon der Mensch selbst – hebräisch adam – findet sein sprachliches Gegenstück in adama, was wörtlich Erde bedeutet. Der Mensch und die Erde – adam ve-adama – bilden deshalb ein Paar im Angesicht Gottes.

  

 Die Lehren des Judentums beinhalten nicht nur das älteste Lebensmittel-, sondern auch das älteste Naturschutzrecht. Dies beginnt bereits im ersten Buch der Bibel mit dem Gan oder Garten Eden als Sinnbild des vollkommenen, mühelosen irdischen Lebens inmitten einer befreundeten Natur. Es ist kein Zufall, dass in dieser Geschichte der Thora Bäume als Quell des Lebens und der Erkenntnis aufgezeigt werden. In der Thora finden Juden das Verbot selbst im Kriegsfall Nutzbäume zu fällen. D.h. der Naturschutz wird höher bewertet als möglicherweise entscheidende Erfolge im Krieg. Allgemeiner bekannt ist auch das biblische Gebot des Schmitta-Jahres, sozusagen als Schabbat-Jahr für die Natur, die sich wie der Mensch am siebten Tag im siebten Jahr von ihrer Arbeit und Mühe erholen soll. Schließlich feiert man heute in Israel und zunehmend auch im Rest der Welt, das alte talmudische vom modernen Zionismus wieder aufgegriffene Neujahrsfest der Bäume – rosch ha-schana ha ilanot – mit der Anpflanzung neuer Bäume. Ganze Wälder sind auf diese Weise in den letzten Jahrzehnten in Israel neu entstanden, zum Nutzen von Menschen und Tieren.

 

Es wird deshalb auch nicht verwundern, dass im jüdischen Gebetbuch, dem Sidur gleich nach der Thoralesung die Thora selbst als Baum des Lebens bezeichnet wird: „HaThora … Etz chajim hi le-macha-sekim ba…”.“Die Thora ist ein Baum des Lebens für jene, die sich an sie klammern.“

 

Im Judentum bezeichnet man Friedhöfe häufig auf Hebräisch als Bet Chajim oder Bet Olam. Bet Chajim lässt sich je nach Auffassung als „Haus des Lebens“ oder schlicht als „Leben“ übersetzen. Das ist kein Euphemismus, um von den Toten abzulenken, da nach jüdischer Auffassung auf einem Friedhof eigentlich nichts von den Toten und dem Gedenken an sie ablenken soll. Der Begriff besteht wegen der Nähe und der Einbettung der Grabstätten in die Natur. Und die lebt und soll leben. Bet Olam wiederum wird mit „Haus der Welt“ oder schlicht „Welt“ übersetzt, wobei das zugrunde liegende Verb ala, ola wörtlich aufsteigen, wachsen, emporwachsen bedeutet. Schon sprachlich also ist die „Welt“ im Judentum deshalb „das Wachsende“, also begrifflich, das was wir lateinisch „Natur“ nennen. Über Juden die bestattet werden spricht man deshalb auch das biblische Wort „Erde zu Erde und Staub zu Staub“, bzw. „Staub warst und Staub wirst du wieder“. (…ve-afa taschuw)

 

Für uns Juden ist der Friedhof auch ein Vorgeschmack auf die künftige Welt – ha-olam haba – und damit auf den Garten Eden. Denkmalschutz und Naturschutz können also in der Perspektive des Judentums keine Gegensätze sein und stehen deshalb grundsätzlich in keinem Konflikt.

 

Ganz allgemein lässt sich sagen: Das talmudische (oder christlich gesprochen: das pharisäische) Judentum ist nicht ideologisch, sondern durchweg pragmatisch und auf das menschenmöglich Machbare Bezogen. Der universelle Grundsatz dabei ist immer die Annahme, dass Gottes Gebote Nutzen bringen und nicht schaden. Das bedeutet, dass alles, was uns in dieser Welt begegnet durch das Gebot Gottes lösbar wird, wenn wir es verstehen, seinen Gehalt zu erfassen und umzusetzen. Es gibt deshalb keine Patentrezepte, sondern nur praktische Erfahrungswerte. Im Talmud heißt es, man urteile nicht über einen Menschen, wenn man nicht in seiner Sachlage ist und nicht über ein Problem, dessen Details man nicht kennt.

 

Für die Lage am Friedhof bedeutet dies, dass wir auch aus religiösen Gründen den Naturschutz ungefragt ernst nehmen, da wir unsere Gräber als Bestandteil der Natur verstehen und von nichts anderem ausgehen können und wollen.

 

Das grundlegende Problem am fast 400 Jahre alten Kriegshaber Friedhof ist die Vernachlässigung des Geländes in den letzten 90 Jahren. Mit Auflösung der thoratreuen Kriegshaber jüdischen Gemeinde im Jahre 1911 kam der Sinn für die Verantwortung abhanden. Zwar gab es in der Folge Generationen von Friedhofswärtern, die nach dem Rechten sahen, aber sie gestalteten das Gelände mehr und mehr im Eigennutz und kümmerten sich wenig. In den letzten Jahren geschah nicht mal mehr das Nötigste.

 

In der Folge wuchsen Efeu und Bäume wild und brachten endloses Gestrüpp hervor. Der Efeu nun bedroht nicht nur die Grabsteine der hier bestatteten Menschen, sondern auch die Bäume. Er nimmt ihnen das notwenige Licht und tötet jeden Baum, den er umschlingt, früher oder später ab, und raubt im Wurzelreich die notwenigen Nährstoffe, usw. Der Baum wird also sozusagen stranguliert. Schon Plinius der Ältere hat vor rund 1900 Jahren die gleiche Erfahrung gemacht: „Lässt du Efeu einfach wachsen, wird dein Garten irgendwann nur noch aus Efeu bestehen.“ (historia naturalis)

 

Grundsätzlich gehen wir, was die Bewahrung und Restaurierung der Grabsteine anbetrifft davon aus, dass man jeden einzelnen Fall gesondert betrachten und lösen muss. Wenn ein groß gewachsener – gesunder – Baum einen noch halbwegs intakten Grabstein in seiner Substanz bedroht, ist es sinnvoll und machbar, den Stein zu versetzen. Dies ist prinzipiell möglich. Handelt es sich um nachwachsende Sämlinge, die zwar jetzt keine Gefahr darstellen, aber nach weiteren zehn Jahren Gleichgültigkeit zu einer werden, so handelt man besser jetzt. Bereits zerbrochene Steine werden aber auch nicht wieder heil wenn man einen unversehrten Baum beseitigen würde, usw. Es ist also klar, dass in jedem einzelnen Fall, die gar nicht so gegensätzlichen Interessen des Denkmal- wie des Naturschutzes optimal berücksichtigt werden müssen, um jeweils die beste Lösung zu finden.

 

Jedoch sind kranke Bäume, die umstürzen eine Gefahr für Menschen und den Grabsteinbestand. Erst im März ist ein groß gewachsener maroder Baum nach einem Sturm umgestürzt und hat zum Glück keine Grabsteine beschädigt. Zum noch größeren Glück ist er auch nicht nach außen, sondern ins Gelände gestürzt.

Aber stellen wir uns vor, was wäre, wenn ein schadhafter Baum nach außen fällt, und etwa ein Auto beschädigt. Dass dabei auch Passanten oder spielende Kinder getroffen werden könnten, wollen wir uns – Gott bewahre – nicht ausmalen. Da der Grad der Baumschädigung zunimmt und die Anzahl der Stürme offenbar auch, gibt es ein objektives Problem, eine potentielle, reale Gefahr. Diese betrifft in allererster Linie die Anwohner des Friedhofs – aber sie betrifft auch den rechtlichen Eigentümer des Friedhofs, der haftbar wäre für entsprechende Schäden, da dies Fragen der „Verkehrssicherheit“ betrifft.

 

Herr Engelhard stellte fest, dass die Bäume von ihrer Substanz nichts besonderes und nicht schützenswert seien. Prinzipiell könnten sie alle gefällt werden, was natürlich nicht wünschenswert wäre – und auch nicht beabsichtigt ist. Ausgenommen sind der Baumverordnung nach Bäume, deren Umfang in einer Meter Höhe mindestens 80 cm beträgt. In diesen Fällen müsse der Eigentümer des Friedhofs eine Fällung eigens beantragen. Hinzu kämen rechtliche Fragen hinsichtlich der Vögelnistplätze. Das geltende Recht schreibt hier vor, dass Bäume beispielsweise nicht in der Brutzeit gefällt werden dürfen. Herr Engelhard nahm aber sehr erfreut zur Kenntnis, dass es zwischen den Interessen keinen wirklichen Konflikt gibt und sich die Sachlage im Einzelfall, so und so lösen lässt und für tatsächlich zu fällende Bäume auf geeignetem Gelände auch sinnvolle Neueinpflanzungen möglich sind.

 

Auch die Bewohner waren sichtlich erleichtert, dass die Missverständnisse gänzlich ausgeräumt und geklärt werden konnten. Jedoch machten sie uns auf aktuelle Bebauungspläne aufmerksam, die ggf. darauf hinauslaufen könnten, dass an der Ostseite des Friedhofs im alten Kraftwerk der US-Siedlung ein neuer Eigentümer ein Restaurant errichten könnte. Eine „Gaststätte zum Friedhof“ halten wir vom JHVA nicht für geschmackvoll und nur wenige Meter vom Friedhofsgelände auch nicht für wünschenswert, da dies unsere Bemühungen für den Erhalt des Friedhofs in der Tat abträglich sein könnte. Auch die Anwohner wollen in ihrer Nachbarschaft keine Lärmbelästigung, die zwangsläufig entstünde und so stellten wir am Ende unseres gemeinsamen Treffens fest, dass wir unsere Kräfte bündeln können.