“Von Spiel zu Spiel denken …”

March 23, 2016

Wir müssen von Spiel zu Spiel denken“ lautet eine oft gehörte Phrase von Fußballern, wenn sie betonen wollen, dass sie angesichts der schwierigen Aufgaben in den bevorstehenden Wochen besonders konzentriert zu Werke gehen müssen oder wenigstens wollen, klappt ja trotz Vorsatz nicht immer. Jedenfalls: man macht keine großen Pläne, sondern geht Schritt für Schritt vor und arbeitet die Aufgaben, die vor einem liegen, bestmöglich ab …

Ob es daran liegt, dass wie in diesem Jahr, das jüdische Purim und das christliche Oster-Fest sich begegnen, was wegen des hebräischen Schaltmonats „Adar 2“ nur alle paar Jahre vorkommt, jedenfalls erinnert die Synchronizität daran, dass es im Judentum und Christentum ein paar (äußerliche) Ähnlichkeiten gibt. Da wäre etwa das Purim-Spiel, in welchem – meist Kinder – die Geschichte von Ester und Mordechai am Königshof im persischen Schuschan nachspielen, öfter mal improvisiert, fast immer eher komisch. Sicher nicht ganz damit zu vergleichen, aber gleichfalls bereits mittelalterlich überliefert, sind die christlichen Passionsspiele, in welcher, in der Regel eher ernst als komisch, die Leidensgeschichte des Jesus nachgestellt werden soll. Welche der beiden Traditionen die ältere ist, ist nicht sicher zu belegen, ist aber aus heutiger Sicht letztlich auch egal, da die zeitgenösische Art und Weise Purim zu feiern, längst mit der christlichen Tradition des Karnevals verschmolzen ist, wenigstens optisch, d.h. was die Art der Kostümierung der Kinder anbetrifft. Neben zahlreichen Indianern und Cowboys finden sich in der Regel die aktuellsten Filmfiguren, Superman, Batman, Shrek, Minions, Star Wars, Harry Potter, Simpsons, oder was eben gerade “in” ist und für den ungeübten Betrachter die grundlegende Erzählung des Geschehens am persischen Hof mitunter etwas erschwert. Selbst im „ultra-orthodoxen“ Bne-Brak können Kinder auch rote Weihnachtsmützen tragen, die jemand wahrscheinlich als Weihnachtsmarkt-Souvenir aus Deutschland mitgebracht hat und dergleichen mehr. Christlicherseits kamen bislang aber wohl selbst liberale Reformer noch nicht auf die Idee Fasching und Passionsspiel zu vermengen, was am wahrscheinlichsten damit zu tun hat, dass das eine vom anderen kalendarisch strikt getrennt wird.

Eine weitere strukturelle Gemeinsamkeit zwischen Purim und Ostern besteht im Umstand, dass es in beiden Festen den seltsamen Brauch gibt, dass man symbolisch den Teil eines Menschen isst, und zwar in Form eines Backwerks. Bei den Christen ist dies bekanntlich die Hostie (lat. eigentlich Opfertier), im (europäischen) Judentum sind das die Haman-Ohren, die in Anspielung auf die jiddische Aussprache „ha’mon“ meist mit Mohn gefüllt sind, zudem mit reichlich Zucker bestreut  und deshalb letztlich kaum etwas mit den kargen „Obladen“ zu tun haben, die Christen bei der spartanischen Eucharistie zu sich nehmen. Zu der gibt es freilich aber auch noch den Wein und den gibt es beim Purimfest eben auch, reichlich, ja überreichlich. Immer wieder kolportiert wird das (freilich nur angebliche) „Gebot“, das man sich als Jude an Purim so sehr betrinken soll, dass man Haman (den Schurken) und Mordechai (den Helden) miteinander verwechselt – Haman und Mordechai wie gesagt, und nicht, wie man aufgrund der Anzüglichkeiten meinen könnte Jesus und Haman, obwohl beide öffentlich von den jeweiligen Herrschern hingerichtet worden sein sollen. Freilich hatte der eine zwölf, bzw. elf Anhänger (Schüler/Jünger), der andere hingegen zehn Söhne, die mit ihm aufgehängt wurden. Da verwechselt man doch eher noch Persien mit Pfersee …

Andererseits sitzen in der klassischen Abendmalszene christlicher Maler eben nur ein Dutzend „Jünger“ mit am Tisch des Jesus, während ein chassidischer Rebbe an seinem Purim-Tisch schon mal hundert oder noch mehr Leute empfangen kann. Kein Wunder eigentlich, dass es im Judentum zu Purim fast ein Tanz-Gebot gibt, während Christen an Karfreitag ein Tanzverbot haben, das selbst in mutmaßlich “weltanschaulich neutralen” Staaten wie Deutschland übrigens auch sogar ein gesetzliches Verbot ist. Heute ist das kein wesentliches Problem (mehr), aber man kann sich denken, wie das in früheren Zeiten war, wenn Feiertage und Bräuche aufeinanderstießen …

purim abendmahl hostie wein hamantascheeigentlich nicht zu verwechseln: Hostie oder Haman-Ohr zum Wein

Man sieht es handelt sich eher um strukturelle Ähnlichkeiten als um tatsächliche Übereinstimmungen, von denen es zugegeben aber dann doch noch einige weitere gibt, etwa die Szene des Tanzes der Salome, der „das halbe Königreich“ angeboten wurde, wie zuvor bereits der Ester im Buch der Ester … aber nicht alle Verwechslungen beruhen auf Alkohol, weiß man ja. Da Purim und Ostern sich in den meisten Jahren kalendarisch eben nicht begegnen, ist das alles auch nicht weder verwunderlich noch tragisch. Wir denken einfach von Spiel zu Spiel.

An Purim lohnt es sich allerdings auch daran zu denken, dass sich in der Geschichte der Ester, mehr noch in ihrer Person auch bereits die messianische Hoffnung der Rettung des bedrohten Volkes Israel verkörpert. Da Ester („nur“ ?) eine Frau ist, ist das für viele Leute ein eher ungewöhnlicher Gedanke, aber das besagt dann ja nur etwas über die eigenen Gewohnheiten. Wer mehr dazu wissen will, kann es nachlesen im 12, Kapitel des Buches

666 die Zahl des Menschen, das Mysterium der Apokalypse im Spiegel jüdischer Geschichte

von Yehuda Shenef

ISBN: 978-3739238159

304 Seiten, 18 Euro

Yehuda Shenef 666 die Zahl des Menschen


שירי פורים

March 8, 2012

Zum Fest der Purim gibt es natürlich jede Menge Lieder, mit denen sich endlos TV-Sendungen oder Parties für Kinder füllen lassen. Die Lektion die man bereits als Kind dabei lernen kann, ist wohl, dass kein Mächtiger oder Wichtiger in der Welt von Kindern späterer Generationen als dumm entlarvt und verlacht werden kann und wird. Darin steckt natürlich auch ein Fingerzeig für heutige Mächtige und Wichtige, Höflinge und Vasallen und wenn sie sich von Kinderfingern beeindrucken lassen, werden Achbubitschatscha und Co. auch ihr Verhalten ändern, alles Böse unterlassen und ebenfalls ein fröhliches Chag Ha-Putin, äh … Purim feiern. Gewiss.

Noch was? Man kann 180 Tage lang seine zusammengeklauten Vorzüge ausstellen und sich mit den 500 engsten Verbündeten und Freunden eine weitere Woche lang auf Kosten der Allgemeinheit den Bauch vollschlagen, Musik und Witze hören, lachen und schunkeln, usw. … doch wenn dann zum krönenden Abschluss  die Kirsche von der Sahnetorte fällt, bleibt eben das als letzter Zapfenstreich in Erinnerung. So ist das Publikum nun mal.

http://www.youtube.com/watch?v=iFZzVq1XTv4&feature=related

Yes, there are many Purim songs, enough for many TV programs or children parties. Every kid may learn from it that all mighty and very important people in the world may be mocked by children in future generations, since there stupidity and vanity will be unmasked. There of course also is a pointer for today’s VIPs and their courtiers, minions and toadies.   

Another message derives from Purim: You may boast of your stolen riches and exhibits from all over the world 180 days in a row and you may furthermore sumptuously regale and host your 500 best and most important friends, partners and allies another week. All impressions will fade away if the queen won’t dance or another little mischief spoils the party. All just will remember the failure and probably laugh at your frustration. That’s the way people are and – considering how stupid it is – they are right. So maybe it is better drawing lots. Lots of.

 Mausoleum of Ester and Mordechai (wikipedia.fa)


שמחה וריקודים בחודש אדר

March 2, 2012

Tanz und Freude im Monat Adar חג פורים das Fest der Purim

http://www.youtube.com/watch?v=EuYPQvdsO2c&feature=related

Note in the second part of the video the French hymn “La Marseillaise” as a purim song of obviously “Orthodox” Jews, either more and less surprising .. or not.

קומו ילדי המולדת יום התהילה הגיע ניצבת העריצות נגדנו

 


Die Geschichte der Purim: Esther, Fest oder Los gelöst ..?

March 1, 2012

 http://en.wikipedia.org/wiki/File:Tomb_of_Ester_and_Mordechai_interior.jpg

Teil 1

Das Purim-Fest wird heute vielerorts als eine Art Karneval gefeiert. In früheren Zeiten, als es noch jüdische Landgemeinden gab, wurde mancherorts, so es sich zeitlich einrichten ließ, auch tatsächlich Fassnacht und Purim gemeinsam gefeiert. Logischerweise verkleideten sich damals aber auch Christen noch nicht als arabische Scheichs, Cowboys, Indianer, Außerirdische oder Bären. Jüdische Kinder tun das unter den „modernen“ Einflüssen der Karneval-Industrie durchaus. Die etwas älteren, geben sich aktuell mitunter der nicht weniger falschen Annahme hin, die Ester-Geschichte sei eine Art Blaupause für die aktuelle Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm – und wenn nicht dies, dann doch wenigstens ein Beleg für die Feindschaft zwischen Israel und den Persern. Man liest und hört auch derartiges inzwischen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Unter den Völkern der Antike verband Israel und das jüdische Volk kein anderes traditionell so sehr mit Freundschaft, wie eben das persische. Der Bösewicht „Haman“ in der Geschichte steht keineswegs stellvertretend für die Iraner oder Perser, allenfalls für ein zeitweiliges, womöglich finsteres Regime, wie es überall mal vorkommen kann.

Abgesehen davon bleiben dann allenfalls noch Hamantaschen oder Haman-Ohren, als dreieckige zusammengefaltetes, meist recht süßes Mohngebäck. Auch dies entspringt einer eher jüngeren Tradition, trotzdem manche natürlich weit ältere vermuten oder behaupten, die zumindest doch ins 17. oder 15. oder noch mehr ins 13. Jahrhundert zurückreichen soll. Das basiert aber entweder auf geneigtem Wunschdenken oder schlimmer auf sprachlichen Missverständnissen, wenn etwa Wendungen wie לאכל את המן die auf das Essen des „Man“ aus der Tora, das „man“ freilich dann eher als himmlisches „Manna“ kennt Bezug nehmen, falsch versteht. Wie auch immer, zumindest seit etwa um 1850 lässt sich aber auch die „הומענטאַש“ zweifelsfrei belegen. Dass es geschmacklich (מוֹן-טאש) mehr an Wiener Caféhaus erinnert als an den biblischen Schauplatz der Ester-Geschichte im südlichen Persien im heutigen Iran, stört die meisten auch nicht. Schließlich soll man sich ja auch so sehr betrinken – mit koscherem Wein freilich – dass man, bis Mordechai und Hamen verwechselt, was schon passieren kann, wenn man den Lärm berücksichtigt, der gemacht werden soll, wenn bei der Lesung der Rolle der Name des Bösewichts genannt wird. Über all diesem können einige Schichten Puderzucker mehr nun auch nicht mehr schaden.

Haman-Ohren: http://he.wikipedia.org/wiki/%D7%A7%D7%95%D7%91%D7%A5:Homemade_hamantaschen.jpg

Die Geschichte des Buches Ester (Esther) spielt sich ab am persischen Königshof vor rund 2500 Jahren, zu einer Zeit, als das Großreich Teile Griechenlands, die heutige Türkei, Ägypten und Äthiopien umfasste und im Osten bis nach Indien und Afghanistan reichte.

Der persische König Achaschverosch (Ahasveros, Ahasver, etc.) veranstaltet in der Hauptstadt seines Reiches Schuschan (Susa) ein halbjähriges Fest um die Pracht seines Reiches und seiner Königsfamilie zu zeigen, also eine Art EXPO, vermutlich mit Vertretern aus allen „127 Provinzen“. Im Anschluss daran spendiert er noch mal eine 7 Tage umfassende Abschlussfeier für die Prominenten, wie man heute sagen würde. Wahrscheinlich, um der ganzen Veranstaltung noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, soll Vaschti, die Königin für die vielleicht bereits betrunkenen Herrschaften tanzen. Sie weigert sich.  Im talmudischen Kommentaren wird gesagt, dass sie ihn schützen wollte, da sie fürchtete, dass man ihn wegen ihrer Schönheit umbringen könnte. Diese Deutung korrespondiert natürlich mit der Geschichte Abrahams und Saras im alten Ägypten. Wie auch immer, Vaschti tanzt nicht und das wird als Affront aufgefasst. Nach all dem Aufwand stünde der König nun als „Warmduscher“ da und würde zum Gespött. Der offenbar recht geschickte Ratgeber Menucham aber macht aus der Not im Handumdrehen eine Tugend und schlägt vor, die Königin abzusetzen und ihren Stelle neu auszuschreiben. Schönheiten aus allen Teilen des Reiches, die mit ihrer Teilnahme gewiss zur Aufwertung des geschmähten Herrscheransehens beitragen, geraten in die vielleicht erste überlieferte „Casting-Show“, an deren Ende Ester als neue Königen ausgewählt wird.  

Ester heißt eigentlich Hadassa und ist die Adoptivtochter des jüdischen Hofbeamten Mardechai (Mordechai), der einen Komplott gegen den Herrscher gemeldet hatte, aber sodann vergessen wurde. Jedoch gerät er sodann in das Visier von Haman, dem Kanzler der Königs, der es nicht hinnehmen will, dass Mardechai sich nicht, wie allgemein vorgeschrieben, vor ihm stattlich verneigt. Auch das ist natürlich ein Affront gegen die Hofetikette. Haman, der offenbar keinen klugen Ratgeber an seiner Seite hat, schießt mit seiner Reaktion deutlich über das Ziel hinaus und erreicht, Mardechais Weigerung als allgemeine Haltung der Juden zu definieren und sie deshalb im gesamten Reich zu einem per Los ermittelten Datum zu töten. Mordechai hingegen instrumentalisiert nun seine Adoptivtochter, die ja immerhin Gattin des Herrschers und damit Königin ist. In einer schlaflosen Nacht liest König Achaschverosch nun von den Verdiensten jenes Mardechais der ihn einst vor einem Komplott bewahrte. Er will diesen nunmehr dafür ehren und niemand anderes als Haman ist gezwungen dies vorzunehmen. Bei einem weiteren Festmahl bei der Königin wird Haman nun entlarvt und dabei erwischt, wie er Ester nachstellen will. Nun wird anstelle von Mardechai dann aber Haman gehängt. Das zuvor ausgeloste Datum kann jedoch nicht zurückgenommen werden, da auch das wahrscheinlich die Autorität des Königs untergraben könnte. Jedoch dürfen die Juden sich bewaffnen und an jenem Tag die Angreifer zurückschlagen. Die Errettung wird als Purim-Fest gefeiert. Bis heute. Irgendwie.

Ganz allgemein geht man heute davon aus, dass es sich bei der Geschichte lediglich um eine Art Legende handelt, zwar mit interessanten Einzelheiten und sprachlichen Eigenheiten, aber so doch ohne festen historischen Boden. Man vermutete Bezüge zu mythologischen Geschichten, populären Erzählungen, die Märchen-ähnlich variiert wurden, um einen vielleicht historischen wahren Kern herum, der verloren ging. Andererseits sind eine Reihe der Namen im Buch zweifelsfrei altpersisch und eine Reihe von Sitten und Gebräuchen stimmen mit anderweitig überlieferten Gepflogenheiten überein. Trotzdem blieben alle Versuche einer klaren Zuordnung bislang vergeblich.

Ein wesentlicher Gesichtsbuch des Ester-Buches ist schließlich auch der Umstand, dass sich die Überlieferer damit ein weniger schwer taten. In den berühmten Kumran-Funden beispielsweise finden sich mehr oder minder vollständige Exemplare oder Fragmente aus allen Büchern der jüdischen Bibel – abgesehen von der Ester-Rolle. Das kann natürlich ein bloßer Zufall sein. Christentum und Islam bedienten sich in ihren Schriften – Evangelium und Kuran – bereitwillig beim hebräischen Schrifttum, das sie als wahre Fundgrube zur Ausstattung und Fundamentierung ihrer eigenen Lehren in großen Umfang benutzten. Die große Ausnahme ist aber auch hier das Buch Ester. Lediglich an je einer Stelle gibt es klare Bezüge, etwa das Angebot des halben Königreichs an Ester oder später an die schöne Salome im Evangelium oder im Kuran die Erwähnung eines Haman in Ägypten, der dort freilich als Bösewicht in den Kindermord verwickelt ist, dem Moses entgeht. Aber Ester ist nicht Salome und “Johann der Täufer” wohl nicht “Haman der Böse”. Auch ist Schuschan nicht Augsburg, Purim nicht Pessach, Ester nicht Josef und Angela Mekel nicht Cinderella.