“Von Spiel zu Spiel denken …”

March 23, 2016

Wir müssen von Spiel zu Spiel denken“ lautet eine oft gehörte Phrase von Fußballern, wenn sie betonen wollen, dass sie angesichts der schwierigen Aufgaben in den bevorstehenden Wochen besonders konzentriert zu Werke gehen müssen oder wenigstens wollen, klappt ja trotz Vorsatz nicht immer. Jedenfalls: man macht keine großen Pläne, sondern geht Schritt für Schritt vor und arbeitet die Aufgaben, die vor einem liegen, bestmöglich ab …

Ob es daran liegt, dass wie in diesem Jahr, das jüdische Purim und das christliche Oster-Fest sich begegnen, was wegen des hebräischen Schaltmonats „Adar 2“ nur alle paar Jahre vorkommt, jedenfalls erinnert die Synchronizität daran, dass es im Judentum und Christentum ein paar (äußerliche) Ähnlichkeiten gibt. Da wäre etwa das Purim-Spiel, in welchem – meist Kinder – die Geschichte von Ester und Mordechai am Königshof im persischen Schuschan nachspielen, öfter mal improvisiert, fast immer eher komisch. Sicher nicht ganz damit zu vergleichen, aber gleichfalls bereits mittelalterlich überliefert, sind die christlichen Passionsspiele, in welcher, in der Regel eher ernst als komisch, die Leidensgeschichte des Jesus nachgestellt werden soll. Welche der beiden Traditionen die ältere ist, ist nicht sicher zu belegen, ist aber aus heutiger Sicht letztlich auch egal, da die zeitgenösische Art und Weise Purim zu feiern, längst mit der christlichen Tradition des Karnevals verschmolzen ist, wenigstens optisch, d.h. was die Art der Kostümierung der Kinder anbetrifft. Neben zahlreichen Indianern und Cowboys finden sich in der Regel die aktuellsten Filmfiguren, Superman, Batman, Shrek, Minions, Star Wars, Harry Potter, Simpsons, oder was eben gerade “in” ist und für den ungeübten Betrachter die grundlegende Erzählung des Geschehens am persischen Hof mitunter etwas erschwert. Selbst im „ultra-orthodoxen“ Bne-Brak können Kinder auch rote Weihnachtsmützen tragen, die jemand wahrscheinlich als Weihnachtsmarkt-Souvenir aus Deutschland mitgebracht hat und dergleichen mehr. Christlicherseits kamen bislang aber wohl selbst liberale Reformer noch nicht auf die Idee Fasching und Passionsspiel zu vermengen, was am wahrscheinlichsten damit zu tun hat, dass das eine vom anderen kalendarisch strikt getrennt wird.

Eine weitere strukturelle Gemeinsamkeit zwischen Purim und Ostern besteht im Umstand, dass es in beiden Festen den seltsamen Brauch gibt, dass man symbolisch den Teil eines Menschen isst, und zwar in Form eines Backwerks. Bei den Christen ist dies bekanntlich die Hostie (lat. eigentlich Opfertier), im (europäischen) Judentum sind das die Haman-Ohren, die in Anspielung auf die jiddische Aussprache „ha’mon“ meist mit Mohn gefüllt sind, zudem mit reichlich Zucker bestreut  und deshalb letztlich kaum etwas mit den kargen „Obladen“ zu tun haben, die Christen bei der spartanischen Eucharistie zu sich nehmen. Zu der gibt es freilich aber auch noch den Wein und den gibt es beim Purimfest eben auch, reichlich, ja überreichlich. Immer wieder kolportiert wird das (freilich nur angebliche) „Gebot“, das man sich als Jude an Purim so sehr betrinken soll, dass man Haman (den Schurken) und Mordechai (den Helden) miteinander verwechselt – Haman und Mordechai wie gesagt, und nicht, wie man aufgrund der Anzüglichkeiten meinen könnte Jesus und Haman, obwohl beide öffentlich von den jeweiligen Herrschern hingerichtet worden sein sollen. Freilich hatte der eine zwölf, bzw. elf Anhänger (Schüler/Jünger), der andere hingegen zehn Söhne, die mit ihm aufgehängt wurden. Da verwechselt man doch eher noch Persien mit Pfersee …

Andererseits sitzen in der klassischen Abendmalszene christlicher Maler eben nur ein Dutzend „Jünger“ mit am Tisch des Jesus, während ein chassidischer Rebbe an seinem Purim-Tisch schon mal hundert oder noch mehr Leute empfangen kann. Kein Wunder eigentlich, dass es im Judentum zu Purim fast ein Tanz-Gebot gibt, während Christen an Karfreitag ein Tanzverbot haben, das selbst in mutmaßlich “weltanschaulich neutralen” Staaten wie Deutschland übrigens auch sogar ein gesetzliches Verbot ist. Heute ist das kein wesentliches Problem (mehr), aber man kann sich denken, wie das in früheren Zeiten war, wenn Feiertage und Bräuche aufeinanderstießen …

purim abendmahl hostie wein hamantascheeigentlich nicht zu verwechseln: Hostie oder Haman-Ohr zum Wein

Man sieht es handelt sich eher um strukturelle Ähnlichkeiten als um tatsächliche Übereinstimmungen, von denen es zugegeben aber dann doch noch einige weitere gibt, etwa die Szene des Tanzes der Salome, der „das halbe Königreich“ angeboten wurde, wie zuvor bereits der Ester im Buch der Ester … aber nicht alle Verwechslungen beruhen auf Alkohol, weiß man ja. Da Purim und Ostern sich in den meisten Jahren kalendarisch eben nicht begegnen, ist das alles auch nicht weder verwunderlich noch tragisch. Wir denken einfach von Spiel zu Spiel.

An Purim lohnt es sich allerdings auch daran zu denken, dass sich in der Geschichte der Ester, mehr noch in ihrer Person auch bereits die messianische Hoffnung der Rettung des bedrohten Volkes Israel verkörpert. Da Ester („nur“ ?) eine Frau ist, ist das für viele Leute ein eher ungewöhnlicher Gedanke, aber das besagt dann ja nur etwas über die eigenen Gewohnheiten. Wer mehr dazu wissen will, kann es nachlesen im 12, Kapitel des Buches

666 die Zahl des Menschen, das Mysterium der Apokalypse im Spiegel jüdischer Geschichte

von Yehuda Shenef

ISBN: 978-3739238159

304 Seiten, 18 Euro

Yehuda Shenef 666 die Zahl des Menschen


שירי פורים

February 19, 2013

 

Königin Esther

Augsburg Purim


Schuschan – Purim

March 9, 2012

(wikipedia)

Am Tag nach dem Fest der Purim gibt es ein weiteres, am 15. Adar, das Schuschan-Purim genannt wird und sich auf die Stadt Schuschan bezieht, die von Kyros eroberte elamitische Burg und Hauptstadt des Perser-Reiches zur Zeit der Ester-Geschichte. Genau genommen müsste man es in Schuschan feiern, heute als Schusch شوش bekannt, welches nur noch eine kleine unbedeutende Distrikthauptstadt in der Provinz Chusestan im Südwesten des Iran mit etwa 70.000 Einwohnern . Die Stadt hatte bereits zur Zeit von Alexander aus Mazedonien ihre frühere Bedeutung eingebüßt, hatte später noch eine paar gute Jahre als warmer Wintersitz diverser Herrscher. Im Jahr 638 wurde die dann überwiegend christlich-jüdische Stadt von den Muslimen und im Jahr 1218 von den Mongolen nochmals komplett zerstört. Die sehr alte Stadt ist reich an archäologischen Funden und ihr heutiges Wahrzeichen sind die Burg und der Daniel-Turm, der dem vermuteten Grab des biblischen Profeten des Menetekel gewidmet ist.

Die Frage war, wie man Schuschan-Purim außerhalb von Schuschan feiern sollte? So kamen die Weisen auf die Idee, es auf das Land Israel zu beziehen. Da nun aber zur Zeit als sie darüber nachdachten, die Städte allesamt ruiniert waren, versetzte man die Argumentation zusätzlich noch zeitlich in die Tage der Eroberung des Landes durch Joschua (Jesus) zurück. Alle Städte in Israel die zur seiner (Joschua/Jesus) Zeit eine Stadtmauer hatten, gelten demnach als qualifiziert dafür, das Fest der Purim einen Tag später zu feiern als sonst. Heute wird dies jedoch nur noch auf Jerusalem und eben Schuschan selbst bezogen, wobei letzteres nicht in Frage kommt, wobei jedoch auch in Akko, Jaffa und Tiberia zumindest die Megilla gelesen wird, ohne Brachot wie sich versteht. Auch in Jerusalem bezieht es sich auf die Stadt in ihren modernen Grenzen und nicht auf die ummauerte Altstadt, deren Bau aus weit späterer Zeit stammt.

Accoring to tradition the day after Purim is celebrated as Shushan-Purim, named after the former capital of the Persian kingdom in the time of Queen Ester, which today is a small province town of some 70.000 in the southwestern part of Iran. In Israel Jerusalem and other ancient cities walled in at the time when Joshua (Jesus) conquered the country replace Shushan for that purpose.


Purim: Die Geschichte der Königin Ester

March 5, 2012

Königin Amesteris = Ester ..?

Teil 2

Es gibt keine plausiblen Anhaltspunkte, die Geschichte des Buches Ester als ahistorisches Märchen anzusehen, zumal die wesentlichsten Protagonisten und der Schauplatz des Geschehens sich in eine konkreten historischen Namen fügen, sobald man dazu in der Lage, die kulturellen Beschränkungen der eigenen Bildungen zu überwinden. Weder Juden noch Perser dachten in erster Linie griechisch. Die jeweiligen Protagonisten konnten auch nicht ahnen, dass Generationen nach ihnen Erzählungen über sie latinisiert und von dort noch mal in ganz anderen, noch nicht entstandenen Sprachen weiter erzählt werden sollten. Achaschwerosch ist nicht schwieriger auszusprechen als „Alois Schickelgruber“ für einen Perser. Wenn man aber die Namen der Protagonisten einer Geschichte nur noch in ihren zu verschiedenen Zwecken gräzisierten Varianten zugrundelegt, ist es selbstverschuldet, wenn weitere Zusammenhänge unbesehen bleiben.

Wie dem auch sei, wird König Achaschwerosch (אחשורוש) heute dann doch meist Xerxes Ξέρξης (520-465 ante) genannte König assoziiert – der griechische schreibende jüdisch-römische Historiker Josef ben Matitjahu (bekannter unter dem römischen Alias „Flavius Josefus“) vermutete im elften Buch seiner „Jüdischen Altertümern“ hingegen dessen Sohn Artaxerxes (bzw. Kyros II.), der von 465-421 persischer König war. Josefs Bericht ist jedoch, hingegen sonstigen Ausschmückungen biblischer Berichte in diesem Fall eine bloße Nacherzählung des biblischen Buches und bietet keine weiteren Einzelheiten. Ahasverus altpersischer Name lautete eigentlich Achschajaroscha bzw. achaschjarosch und bedeutet übersetzt in etwa „Herrscher der Kämpfer“, „Gebieter der Helden“, etc. Als seine Mutter gilt Atossa, Tochter des Kurosch (Kyros).
Sein Vater war König Darios (= Darjovachosch, auch Dareios oder Darius geschrieben, 549-486), zugleich auch ägyptischer Pharao, der als Offizier von Kyros Sohn Kambisos (Kambiaso, Kambyses, etc.) nach dessen Tod die Macht ergriff und sich durch die Ehe mit der Kyros-Tochter Atossa „legitimierte“. Im Jahr 515, dem sechsten Jahr der Herrschaft des Darios ergingen gemäß dem Bericht des Buches Esra der Erlass und die Anweisungen zum Bau des zerstörten Jerusalemer Tempels. Damit einher ging auch eine finanzielle Unterstützung seitens des persischen Hofes. Dies war nicht selbstlos, sondern diente dazu, dem Großreich im Süden Ruhe zu verschaffen, um den Persern einen weiteren Vormarsch in den Norden bis nach Griechenland zu ermöglichen. Allem Anschein nach übernahmen Juden als Verbündete der Perser sodann auch entsprechende Dienste um die persischen Besatzer in Ägypten zu entlasten. Bekannt sind jüdische Soldaten im persischen Dienst in Ägypten (etwa Elephantine, wo Juden sich sogar einen eigenen „Tempel“ bauen konnten. Dieser wurde von ägyptischen Aufständischen zerstört, jedoch erst im Jahre 411, hernach aber auch wieder aufgebaut).
Im Jahre 490 verlor Darius mit seinen Truppen die berühmte Schlacht von Marathon. Die darauffolgenden Kampagnen hielten ihn drei Jahre an verschiedenen Fronten und ruinierten seine Gesundheit. Schließlich starb er, der auch Pharao war, krankheitsbedingt während der folgenden Revolte der Ägypter im Jahr 486 und wurde in Ägypten einbalsamiert. Sein Leichnam wurde aber auf langer Reise trotzdem nach Südpersien gebracht und in einer Felsengrabhöhle, ca. 10 km abseits der Stadt Persepolis bestattet. 1923 wurde das Grab durch den berühmten Archäologen und Sprachwissenschaftler Ernst Herzfeld (1879-1948) entdeckt und anhand der Inschriften sicher identifiziert.
Auch die Herrschaft seines Sohnes Achaschwerosch (Xerxes) war geprägt von Auseinandersetzungen in den eroberten und besetzten Gebieten. Als sein Vater nach langwierigen Kampagnen 65jährig und entkräftet stirbt und er auf Betreiben seiner Mutter Atossa zum Nachfolger gekrönt wird, ist Achaschwerosch bereits 34 Jahre alt. Wie sein Amtstitel „Herrscher der Kämpfer“ schon sagt, war er – anders als seine Vorfahren, selbst kein Soldat und nimmt auch nicht als solcher oder als Heerführer an Schlachten teil. Stattdessen lässt er sich auf aussichtsreichen Positionen nieder und beobachtet die von seinen Strategen oder Halbbrüdern geführten Schlachten umgeben von fürstlich bewirteten Zelten, beim Festschmaus. Er selbst ist kein „Held“ oder „Kämpfer“, sondern ein Zivilist, der sich eher gesellschaftlichen Dingen widmet. Ende September 480, als bei der Insel Salamis nahe Athen die größte Seeschlacht der Antike stattfand und die Perser über 200 Schiffe verloren haben sollen, befahl Achasch den Rückzug, obwohl die persische Überlegenheit nachwievor bestand. Doch durch weitere ungünstige Manöver geriet seine Flotte im Jahr darauf bei der Schlacht bei Plataia in Bedrängnis und wurde von den Griechen unter Pausanias fast vollständig zerstört. Die Niederlage markierte das Ende persischer Versuche Griechenland zu unterwerfen. Achasch weilte jedoch bereits wieder in Schuschan, als die Schlacht verloren ging und schenkte dem Faktum, die Eroberungen seiner Vorgänger verspielt zu haben, keine zu große Aufmerksamkeit. Als im Jahr darauf die Babylonier erneut einen Aufstand wagten, ordnete Achasch an, den Turm von Babel und die gleichfalls prominente Marduk-Statue in Babel zu zerstören. Diese war dem Stadtgott Babels gewidmet. Der von Achasch vertretene Glaube war relativ intolerant gegenüber anderen, bereits vorhandenen Kulten, was zur Häufung von Aufständen beitrug. Unter dem Einfluss seiner Eltern, insbesondere der Mutter Atossa war Achasch Anhänger des neuen Kultes des Zarathustra (Zoroaster), dessen Datierung und Werk bis heute in der Forschung reichlich umstritten geblieben ist. Manche Autoren datieren ihn in die Zeit des biblischen Abrahams, andere in die König David, letztere schließlich in die Zeit zwischen Kyros und Darius.

ancient-mail by King Ahashverosh (www.hoomanb.com)

Überlieferungen gemäß (Ibn Ibri = Bar Hebraeus, 13th c Syrian bishop, etc.) war Zarathustra ein Schüler des in der jüdischen Bibel vertretenen Propheten Daniel (pers. Daniyal), dessen Grabmal sich in Schuschan befindet, zumindest jenes der sechs behaupteten, welches allgemein am meisten Akzeptanz (in der islamischen) Welt findet. Dort ist es Bestandteil einer monumentalen Anlange mit einem markanten Spitzturm, bereits um 1160 erstmals erwähnt im hebräischen Reisebericht des jüdischen Entdeckungsreisenden Binjamin von Tudela, woher auch Jehuda Ha-Levi und Abraham ben Esra stammten. Unumstritten ist jedoch, dass Zarathustras Lehre, die später freilich erheblich erweitert wurde, bekannt aus den „Gatha“, obschon eher dualistisch ausgeprägt, doch monotheistische Züge aufweist.
Der Name Zarathustra ist awestisch, wird hebräisch זרתוסטרה notiert und lautet Neupersisch زرتشت sartuscht, während er im altgriechischen als Ζωροάστηρ zoroáster umschrieben wurde, wovon sich die gleichfalls geläufige Form Sarastro (siehe Mozart u.a.) ableitet. Die Namensdeutung wird allgemein als „Besitzer des goldenen Kamels“ umschrieben, was aber nur eine Möglichkeit darstellt. Im Wortsinn lässt sich der Name sarad’uschtro mit dem Adjektiv زرد (sarad) für „golden“ oder „gelb“ und شتر (schtar) wiedergeben, also als „gelbes Kamel“. Ebenso gut möglich und zumindest im Kontakt der Ester-Geschichte relevanter wäre jedoch statt „Kamel“ das ähnliche ستاره (stara) , welches „Stern“ bedeutet und Zarathustra demgemäß als „Goldstern“ erscheinen lässt. Als Gemahlin des Achasch trägt Hadassa den Namen „Ester“, also Stern. Noch deutlicher als griechisch αστέρ oder lateinisch astrum leiten sich englisch „star“ aber auch deutsch „Stern“ davon ab. Man kann ahnen, dass Hadassa den Namen Ester nicht grundlos trug und dass die Namenswahl mit der Vorliebe ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter in Zusammenhang stand. Sie wählte sich diesen Namen, um Anklang zu finden, da im Buch davon die Rede ist, dass sie ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volk verschwieg. Andernfalls hätte man gewiss gefragt: „Ha-das-sa? Das klingt jetzt aber nicht Persisch, wo kommst denn her?“ und das wäre es dann gewesen mit dem „Verschweigen“.
Im Talmud (Joma 29a) wird der Name Ester klar von Stern abgeleitet und mit dem „Morgenstern“ verglichen. Der Stern bezieht sich natürlich auch auf die Bilam-Weissagung vom „Stern aus Jakob“, der bekannten messianischen Ankündigung, auf die sich viele messianische Figuren War Ester der erste „Star“? Ein Meschiach (wörtlich „gesalbt; gräzi- aber nicht präzisiert: Messias) war sie ja zweifellos. So ausgiebig wie sie im „Harem“ des Königs gesalbt wurde, könnte jede Ölsardine neidisch werden.
Ihre Namenswahl ist ohne Zweifel im Kontext mit Zarathustra zu sehen, dessen Lehren, zeitgenössisch am Hofe in Schuschan hoch im Kurs standen. Nach Ansicht einiger Gelehrter war Zarathustra sogar ein Sohn oder Stiefsohn des Kyros. Atossa jedenfalls war wohl seine Halbschwester und Achaschwerosch demnach der Enkel des Zarathustras. Wenn Hadassa in diesem Kontext am Hof dieser Familie den Namen Ester annimmt, dürfen wir eine gewisse damit in Verbindung stehenden Absicht voraussetzen. Dies wirft die Frage auf, ob Hadassa sich tatsächlich einem aus jüdischer Sicht, fremden Kult (awuda sara) anschloss oder dies zumindest vorgab.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Faravahar.png&filetimestamp=20100527032958
Als Besonderheit des Buches Ester wurde immer schon herausgestellt, dass es als einziges Buch der jüdischen Bibel den Namen Gottes nicht erwähnt. Es ist genau genommen auch kein anderer Gott (das deutsche „Gott“ und englisch Wort „God“ stammen vom persischen خدا chod = Gott) erwähnt. Lediglich die Äußerung Mardechais, dass eine Hilfe anders woher, wörtlich: „von anderer Stelle“, kommen könnte, wurde traditionell so aufgefasst, dass מקום (makom, bzw. مكان = ma‘kon) für einen oder den jüdischen Gott stünde. Vielleicht wollte Mardechai aber auch sagen, dass wenn der Gott Esters nicht helfe, dann vielleicht der Mardechais. Diese müssen aber in der Auffassung aller nicht unterschiedlich gewesen sein, denn sollte der wahrscheinlich in Schuschan bestattete Daniel tatsächlich der Lehrer von Zarathustra gewesen sein, können wir dessen Lehre sehr wohl als jüdische Sekte oder ersten Ableger des Judentums noch vor dem Christentum auffassen. Als wesentlicher Unterschied und besonderes Merkmal der „zarathustrischen Reform“ gilt, dass der religiöse Kult der ohne Tieropfer auskommt, was aber im Exil zur Zeit des zerstörten Heiligtums in Jerusalem einer bloßen Notwendigkeit gehorcht.
In der Überlieferung des Xerxes etwa in den Herodot zugeschriebenen Texten war der persische König und ägyptische Pharao mit Amestris verheiratet, der Tochter des Otana, der dabei half, Achaschwerosch alias Xerxes an die Macht zu bringen.

Bei Herodot ist dazu eine Geschichte beschrieben: Demnach war Achasch auch in Liebesdingen vielseitig interessiert. Nachdem er zunächst seiner Schwägerin, der Frau seines Bruders „Masistes“ nachstellte, ging er über auf deren Tochter, seine Nichte Artaynte. Diese lässt sich nicht einfach so auf ein Verhältnis ein, sondern fordert von Xerxes den von Amestris gewebten Königsmantel, zumindest als Pfand oder als Anspruch auf die Herrschaft, d.h. sie möchte Königin werden anstelle von Amestris. Amestris jedoch durchschaut das Komplott und fordert bei einem Festessen mit dem König ihrem Gemahl die Auslieferung der Rivalin. Achaschwerosch entspricht der Bitte und Amestris lässt die Nebenbuhlerin zerstückeln. Ihr Vater Masistes – Bruder des Königs – begehrte dagegen auf, scheiterte aber mit seinem Aufstand und wurde zusammen mit seinen Söhnen hingerichtet. Der beschriebene Vorfall enthält offensichtlich eine Reihe von Anspielungen oder Übereinstimmungen zur bekannten Ester-Geschichte – aber auch Gegensätze. Bei Herodot wäre die Frau des Königs selbst mit einer Nebenbuhlerin konfrontiert, die mit dem Königsmantel nach der Herrschaft strebt, während im biblischen Buch der König Ester einen freien Wunsch bietet und sei es die Hälfte seines Reiches. Der Umsturzversuch geht bei Herodot nach der Zerstückelung der Rivalin durch Amestris vom Vater des Mädchens aus, der zugleich Bruder des Königs und demnach Schwager der Königin ist. Wie Haman wird er mit seinen Söhnen gehängt. Herodot spielt darauf noch in einem weiteren Zusammenhang an (Historien 7.114), im Kontext mit dem von ihm behaupteten „persischen Brauch“ der Lebendbeerdigung (ζώοντας κατορύσσειν), dass er Kenntnis davon habe, dass jene Amestris, als sie alt geworden war, dem unterirdischen Gott zum Ausgleich zweimal sieben Kinder von berühmten Persern geopfert habe. Eine ziemlich finstere Schilderung – zumal seit dem mittelalterlichen Europa die Formulierung eines unterirdischen Gottes eindeutig satanischen Charakter hat. Trotzdem findet sich dies – freilich deutlich anders konnotiert – auch in der biblischen Parallele der Ester-Geschichte. Dort kommen ebenfalls zweimal „persische Kinder“ ums Leben. Beim ersten Mal sind dies die zehn mit ihrem Vater Haman aufgehängten Söhne, beim zweiten Mal wohl beim eigentlichen Purim-Geschehen, als der Schilderung des Buches gemäß, neben dreihundert in Schuschan selbst, weitere entweder fünfundsiebzigtausend oder fünfundsiebzig Anführer der jüdischen Feinde getötet wurden – abhängig davon wie man in diesem Fall geneigt ist zu übersetzen.
Wie dem auch immer sei, ist es nicht zu schwer vom bei Herodot genannten Namen Ἄμηστρ (am-ester) auf den biblisch genannten Namen Ester zu schließen – wenngleich der christliche Gelehrte Robert Dick Wilson (1856-1930) sie mit Vaschti gleichsetzt. Schwieriger ist es schon von Amestris Vater Otana auf den biblischen Mardechai oder ihren genannten leiblichen Vater Awichail zu schließen.
Bardija, griechisch Σμέρδις (smerdis) genannt, war ein Sohn des persischen Königs Kurusch und zugleich der jüngere Bruder von Cambises, der Kurusch (Kiros) auf den Thron folgte. Bardija jedoch wurde möglicherweise ermordet und zu den Mitverschwörern gehörte auch Otana, der bei Herodot als Vater der Amestris genannt wird. Bardija und Smerdis klingen als „bardichai“ oder „merdi“ jedoch beide an den biblischen Namen Mordechai an. Wie in den Erzählstrukturen ähnelt sich manches auch im Klang der Namen, ohne identisch zu sein. Weder die hebräische noch die griechische Überlieferung ist die authentische. Die jüdische stand der persischen „Kultur“ jedoch nicht nur sprachlich, räumlich und kulturell näher. Die griechische Perspektive war notgedrungen eine feindliche.


Die Geschichte der Purim: Esther, Fest oder Los gelöst ..?

March 1, 2012

 http://en.wikipedia.org/wiki/File:Tomb_of_Ester_and_Mordechai_interior.jpg

Teil 1

Das Purim-Fest wird heute vielerorts als eine Art Karneval gefeiert. In früheren Zeiten, als es noch jüdische Landgemeinden gab, wurde mancherorts, so es sich zeitlich einrichten ließ, auch tatsächlich Fassnacht und Purim gemeinsam gefeiert. Logischerweise verkleideten sich damals aber auch Christen noch nicht als arabische Scheichs, Cowboys, Indianer, Außerirdische oder Bären. Jüdische Kinder tun das unter den „modernen“ Einflüssen der Karneval-Industrie durchaus. Die etwas älteren, geben sich aktuell mitunter der nicht weniger falschen Annahme hin, die Ester-Geschichte sei eine Art Blaupause für die aktuelle Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm – und wenn nicht dies, dann doch wenigstens ein Beleg für die Feindschaft zwischen Israel und den Persern. Man liest und hört auch derartiges inzwischen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Unter den Völkern der Antike verband Israel und das jüdische Volk kein anderes traditionell so sehr mit Freundschaft, wie eben das persische. Der Bösewicht „Haman“ in der Geschichte steht keineswegs stellvertretend für die Iraner oder Perser, allenfalls für ein zeitweiliges, womöglich finsteres Regime, wie es überall mal vorkommen kann.

Abgesehen davon bleiben dann allenfalls noch Hamantaschen oder Haman-Ohren, als dreieckige zusammengefaltetes, meist recht süßes Mohngebäck. Auch dies entspringt einer eher jüngeren Tradition, trotzdem manche natürlich weit ältere vermuten oder behaupten, die zumindest doch ins 17. oder 15. oder noch mehr ins 13. Jahrhundert zurückreichen soll. Das basiert aber entweder auf geneigtem Wunschdenken oder schlimmer auf sprachlichen Missverständnissen, wenn etwa Wendungen wie לאכל את המן die auf das Essen des „Man“ aus der Tora, das „man“ freilich dann eher als himmlisches „Manna“ kennt Bezug nehmen, falsch versteht. Wie auch immer, zumindest seit etwa um 1850 lässt sich aber auch die „הומענטאַש“ zweifelsfrei belegen. Dass es geschmacklich (מוֹן-טאש) mehr an Wiener Caféhaus erinnert als an den biblischen Schauplatz der Ester-Geschichte im südlichen Persien im heutigen Iran, stört die meisten auch nicht. Schließlich soll man sich ja auch so sehr betrinken – mit koscherem Wein freilich – dass man, bis Mordechai und Hamen verwechselt, was schon passieren kann, wenn man den Lärm berücksichtigt, der gemacht werden soll, wenn bei der Lesung der Rolle der Name des Bösewichts genannt wird. Über all diesem können einige Schichten Puderzucker mehr nun auch nicht mehr schaden.

Haman-Ohren: http://he.wikipedia.org/wiki/%D7%A7%D7%95%D7%91%D7%A5:Homemade_hamantaschen.jpg

Die Geschichte des Buches Ester (Esther) spielt sich ab am persischen Königshof vor rund 2500 Jahren, zu einer Zeit, als das Großreich Teile Griechenlands, die heutige Türkei, Ägypten und Äthiopien umfasste und im Osten bis nach Indien und Afghanistan reichte.

Der persische König Achaschverosch (Ahasveros, Ahasver, etc.) veranstaltet in der Hauptstadt seines Reiches Schuschan (Susa) ein halbjähriges Fest um die Pracht seines Reiches und seiner Königsfamilie zu zeigen, also eine Art EXPO, vermutlich mit Vertretern aus allen „127 Provinzen“. Im Anschluss daran spendiert er noch mal eine 7 Tage umfassende Abschlussfeier für die Prominenten, wie man heute sagen würde. Wahrscheinlich, um der ganzen Veranstaltung noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, soll Vaschti, die Königin für die vielleicht bereits betrunkenen Herrschaften tanzen. Sie weigert sich.  Im talmudischen Kommentaren wird gesagt, dass sie ihn schützen wollte, da sie fürchtete, dass man ihn wegen ihrer Schönheit umbringen könnte. Diese Deutung korrespondiert natürlich mit der Geschichte Abrahams und Saras im alten Ägypten. Wie auch immer, Vaschti tanzt nicht und das wird als Affront aufgefasst. Nach all dem Aufwand stünde der König nun als „Warmduscher“ da und würde zum Gespött. Der offenbar recht geschickte Ratgeber Menucham aber macht aus der Not im Handumdrehen eine Tugend und schlägt vor, die Königin abzusetzen und ihren Stelle neu auszuschreiben. Schönheiten aus allen Teilen des Reiches, die mit ihrer Teilnahme gewiss zur Aufwertung des geschmähten Herrscheransehens beitragen, geraten in die vielleicht erste überlieferte „Casting-Show“, an deren Ende Ester als neue Königen ausgewählt wird.  

Ester heißt eigentlich Hadassa und ist die Adoptivtochter des jüdischen Hofbeamten Mardechai (Mordechai), der einen Komplott gegen den Herrscher gemeldet hatte, aber sodann vergessen wurde. Jedoch gerät er sodann in das Visier von Haman, dem Kanzler der Königs, der es nicht hinnehmen will, dass Mardechai sich nicht, wie allgemein vorgeschrieben, vor ihm stattlich verneigt. Auch das ist natürlich ein Affront gegen die Hofetikette. Haman, der offenbar keinen klugen Ratgeber an seiner Seite hat, schießt mit seiner Reaktion deutlich über das Ziel hinaus und erreicht, Mardechais Weigerung als allgemeine Haltung der Juden zu definieren und sie deshalb im gesamten Reich zu einem per Los ermittelten Datum zu töten. Mordechai hingegen instrumentalisiert nun seine Adoptivtochter, die ja immerhin Gattin des Herrschers und damit Königin ist. In einer schlaflosen Nacht liest König Achaschverosch nun von den Verdiensten jenes Mardechais der ihn einst vor einem Komplott bewahrte. Er will diesen nunmehr dafür ehren und niemand anderes als Haman ist gezwungen dies vorzunehmen. Bei einem weiteren Festmahl bei der Königin wird Haman nun entlarvt und dabei erwischt, wie er Ester nachstellen will. Nun wird anstelle von Mardechai dann aber Haman gehängt. Das zuvor ausgeloste Datum kann jedoch nicht zurückgenommen werden, da auch das wahrscheinlich die Autorität des Königs untergraben könnte. Jedoch dürfen die Juden sich bewaffnen und an jenem Tag die Angreifer zurückschlagen. Die Errettung wird als Purim-Fest gefeiert. Bis heute. Irgendwie.

Ganz allgemein geht man heute davon aus, dass es sich bei der Geschichte lediglich um eine Art Legende handelt, zwar mit interessanten Einzelheiten und sprachlichen Eigenheiten, aber so doch ohne festen historischen Boden. Man vermutete Bezüge zu mythologischen Geschichten, populären Erzählungen, die Märchen-ähnlich variiert wurden, um einen vielleicht historischen wahren Kern herum, der verloren ging. Andererseits sind eine Reihe der Namen im Buch zweifelsfrei altpersisch und eine Reihe von Sitten und Gebräuchen stimmen mit anderweitig überlieferten Gepflogenheiten überein. Trotzdem blieben alle Versuche einer klaren Zuordnung bislang vergeblich.

Ein wesentlicher Gesichtsbuch des Ester-Buches ist schließlich auch der Umstand, dass sich die Überlieferer damit ein weniger schwer taten. In den berühmten Kumran-Funden beispielsweise finden sich mehr oder minder vollständige Exemplare oder Fragmente aus allen Büchern der jüdischen Bibel – abgesehen von der Ester-Rolle. Das kann natürlich ein bloßer Zufall sein. Christentum und Islam bedienten sich in ihren Schriften – Evangelium und Kuran – bereitwillig beim hebräischen Schrifttum, das sie als wahre Fundgrube zur Ausstattung und Fundamentierung ihrer eigenen Lehren in großen Umfang benutzten. Die große Ausnahme ist aber auch hier das Buch Ester. Lediglich an je einer Stelle gibt es klare Bezüge, etwa das Angebot des halben Königreichs an Ester oder später an die schöne Salome im Evangelium oder im Kuran die Erwähnung eines Haman in Ägypten, der dort freilich als Bösewicht in den Kindermord verwickelt ist, dem Moses entgeht. Aber Ester ist nicht Salome und “Johann der Täufer” wohl nicht “Haman der Böse”. Auch ist Schuschan nicht Augsburg, Purim nicht Pessach, Ester nicht Josef und Angela Mekel nicht Cinderella.