Bild: „Talmudist macht sich einen Pharisäer“

August 3, 2017

Pharisäer heißen im Christentum die Rechtsgelehrten rabbinischer Talmudschulen und ihre Schüler (die Talmidim). In den Evangelien werden sie als Kontrahenten des Jesus karikiert, mit denen er zur Zeit der römischen Militärbesatzung in eigenartiger Weise darüber herumstreitet, ob man am Schabbes Kranke heilen (!) darf (ja sicher) oder ob man Becher außen und innen sauber halten soll.

Im Christentum ist der latinisierte „Phariseus“ zum Synonym für Heuchelei geworden, was als Pauschalisierung durchaus antisemitisch ist. Der griechisch-lateinische Begriff Pharisäer nun basiert auf dem hebräischen Ausdruck פרושי (pruschi), was auf das Verb פרש (parasch) zurückgeht und (sich) zurückziehen, absondern, usw. heißt. Im Lateinischen wäre das in etwa „privat“, von privare = abgetrennt, eigen, etc.

Kurz und gut: Ein Pharisäer ist im Wortsinn ein Privatmann.

Wegen der christlichen Nebenbedeutung des Heuchlers haben es Pharisäer auch auf die Speisekarte von Cafés geschafft. Dort ist ein Pharisäer nun ein Kaffee mit Rum und Schlagsahne. Traditionell serviert in einer stilgerechten Tasse trinkt man den Pharisäer durch die Sahne.

Da der Rum in der Tasse versteckt und mit Sahne bedeckt gut getarnt ist, ergab sich der Legende nach ausreichend Grund, um den versteckten Alkoholkonsum als Pharisäertum zu betiteln. Angeblich soll dies „im 19. Jahrhundert“ auf einen nordfriesischen Inselpfarrer zurückgehen, wie man bei Wikipedia nachlesen kann. Dort steht auch, dass sich 1981 ein deutsches Amtsgericht mit dem Pharisäer befasst habe. Ein Pharisäer ist demnach erst dann „echt“, wenn er 4 cl „Flensburger Rum“ enthält, wie der Baedeker Reiseführer „Deutsche Nordseeküste“ zu berichten weiß: „Rum wurde traditionell von den Antillen an die Nordseeküste importiert, doch war er durch den Handelsweg sehr teuer und wurde daher mit preiswerterem einheimischen Schnaps gemischt und als »Flensburger Rum« bekannt.

Wurde der Rum der Legende nach versteckt und war der Genuss des versteckten Alkohols Anlass von Heuchelei zu sprechen, so wurde nun vor Gericht ein ordentliches Mindestmaß an Heuchelei, … respektive Schnaps verbindlich festgelegt.

Wie man sieht, hat sich wie vieles in der christlichen Welt auch hier einiges mehrfach ins Gegenteil gekehrt und so verschroben verschoben, dass man als Außenstehender etwas Mühe hat, die eigentliche Sache im Blick zu bewahren. Die Sahnehaube als Tarnung ist so gesehen durchaus charakteristisch.

Was soll man als Talmudist nun damit anfangen? Eine kürzlich als Schnäppchen erworbenes Tassen mit der Aufschrift Pharisäer und dazugehörigem Untersetzer bot Gelegenheit und Anreiz, als Privatmann ml einen Pharisäer auszuprobieren:

Kaffee zu bereiten ist das einfachste: stark, pur, heiß, simpel (neither Shnick nor Shnack)

Da es hierzulande mit חלב ישראל schlecht bestellt ist und ich (wegen meiner chronischen Treife-Intoleranz) ohnehin seit langem כושר פרווה – bzw. „vegan“ esse und trinke, besorgte ich eine Dose Soy Whip Soya Spray Cream von Soyatoo, zu Deutsch Sprühsahne aus Soja, die zugleich glutenfree ist und laut Beschreibung (warum auch immer) auch keinen Knoblauch oder Senf enthält, noch nicht mal Erdnüsse!

Was nun „Flensburger Rum“ betrifft, so fühle ich mich dieser offenbaren Panscherei aus Rum und billigerem Schnaps nicht verpflichtet und nahm stattdessen Gin (nicht: الجن ), weil ich letztens von Jubiläumsgästen aus den USA eine Flasche Gordon’s London Dry geschenkt bekam (warum auch immer) und davon mehr als die vom Flensburger Amtsgericht verordnete Menge vorrätig war (… ähm und noch ist!). Der Alkoholgehalt ist mit 37.5 % auch ordentlich hoch.

Kurz und gut: das Rezept war mit Kaffee, Sojasahne-Spray und 6cl Dry Gin einfach zu realisieren. Sozusagen eine koscher-vegane Pharisäer-Variante. Das Ergebnis ist auf dem Photo zu sehen. Mehr freilich nicht, was aber in der Natur der Sache liegt.

Und? „Smegt gut“, wie die Mutter meiner Tochter zu sagen pflegt.

Fehlt nur noch ein Jesus für Innen-Rum-Außen-Rum-Diskussionen.

אבל; אני מעדיף פלפל במקום קרם

  •  * * *

Pharisee as Christian Gospel relate is known as a synonym for hypocrits. As generalization of Rabbinic and Talmudic Judaism it is mere antisemtism. It Northern Germany however a “Fairy-Sayer” was introduced as a cup of coffee whit whipped cream topping in order to conceal the rum in it. Since Christians in their self-assesment are free of hypocrisy they called the speciality coffee a Pharisee. Why? Because it was hypocrisy to camouflage the alcohol with cream topping. In 1981 however a German district court ruled that a “real” Pharisee at least must contain the amount of 4 cl of rum. Traditionally “Flensburg Rum”, a blended rum.

Since I had acquired a Pharisee cup at a flea market the other day I now had to try it out: A Talmud Jew does his own, kosher parve Pharisee drink with soy cream and Dry Gin instead of Rum.


Wie Antisemiten 2016 ((( Juden ))) öffentlich “kennzeichnen”

June 21, 2016

Seit einiger Zeit kursieren Gerüchte über Antisemiten (Nazis, Islamisten), die Namen von Juden in sog. “social networks” als jüdische kennzeichnen und zwar mit (((…))) drei Klammern vor und nach dem Namen des betreffenden, z.B. (((Jesus))).

brackets Jews Klammern Juden

http://www.br.de/puls/themen/welt/nazis-und-trump-anhaenger-trollen-juden-mit-drei-klammern-um-juedische-namen-100.html

http://www.bbc.com/news/technology-36459990


Proposal for EU label of Israeli settlement products

December 24, 2015

The EU (not all member states will follow) has deciced to label products from Jewish settlements in order not to mix them with Jewish … mmhm … Israeli products. There is a year long debate on whether this is a new method of anti-Semitism, consumer protection (which is not necessary even when products in PR China are made by slave laborer) and a number of other very important cracker barrel issues…

Many people around the world have in their mind yellow stars or Nazi activists brushing the Star of David on display windows of Jewish shops in 1930s when it comes to consider what it actually means to label Jews. Thus so far it is unknown what the label would be like.

Here comes a (somewhat topical) proposal:

produced in Israeli settlement EU label 2015produced in Jewish settlements

Die EU hat beschlossen, Produkte die aus jüdischen Siedlungen stammen künftig eigens zu kennzeichnen, weil die dem Verbraucherschutz dienen soll. Niemand soll “irrtümlich” Produkte kaufen “müssen”, die nicht in Israel selbst, sondern in den “Siedlungen” hergestellt wurden. Obwohl darüber seit langem diskutiert wurde, steht die Entscheidung (die nicht verbindlich ist für die einzelnen Mitgliedstaaten der EU – und einige haben sich auch schon klar dagegen ausgesprochen) nun fest, nicht jedoch, wie ein solches Label denn nun praktisch aussehen soll. Da vielen EU-Kritikern beim Thema Kennzeichnung von Juden nicht zuletzt die gelben Sterne der Nazis oder auf Schaufenster gepinselte Judensterne der 1930er in den Sinn kommen, ist man nach drei Jahren Debatte überaschend zögerlich, was nichts damit zu tun hat, dass der EU sonst völlig egal ist, wenn Waren für ihren Import und Export ggf. auch von Sklavenarbeitern hergestellt werden, Hauptsache billig. Gerade jene, die sich vehement für eine solche Ettikettierung einsetzetzten, beißen auf den Lippen, wenn es um konkrete Vorschläge geht. Das aktuelle Datum bietet diverse anReize …

product of Jewish settlement label - crossed unwantend: misleading Jewish labeling since that was actually Roman handiwork

 


Augsburg gegen Antisemitismus

August 11, 2014

At his visit at the local synagogue Augsburg mayor Dr. Kurt Gribl condemned recently noted local manifestations of Antisemitism as spillover effect of the so-called “Gaza-War” and promissed to fight them back. If required he also considered to ban demonstrations when it is foreseeable that the demonstrations will have Antisemitic and violent intentions, as it is practise in cases of domestic extrem rightwingers. Mayor Gribl also assured the Jews of Augsburg his solidarity and that of all the other religious communities in Augsburg, also by the heads of the Muslim community in Augsburg.

Mayor Gribls visit has a special value since he chose the 8th of August which is a legal holiday in Augsburg (not in neighboring communities, Bavaria, Germany, Europa or elsewhere in the world), the “Friedensfest” (Festival of Peace).

Kurt Gribl Henry Brandt Friedenfest Synagoge Augsburg

Gegen Antisemitismus Augsburg DIG


1933: “Verfolgung des Zionismus in Deutschland”

June 18, 2013

Am Freitag, dem 16. Juni 1933 – also vor achtzig Jahren – stand in der Ausgabe 24  des Wochenmagazins „Der Jüdische Arbeiter, Organ der zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion – Hitachduth in Österreich“ folgende Kurzmeldung auf der Titelseite:

Nazi-Deutschland mordet und verfolgt: 300 Juden getötet, 3000 schwer misshandelt

Der katholische Schriftsteller M. Wilrams***, der in halbamtlicher Funktion als Mitglied des amerikanischen Komitees für die „Untersuchung der Rechte der Minderheiten in Deutschland“ Deutschland bereist hat, berichtet, er habe festgestellt, dass während der „nationalen Revolution“ nicht weniger als 300 Juden getötet und mindestens 3000 schwer verletzt wurden.“

Weitere Schlagzeilen auf der Titelseite tendieren in dieselbe Richtung: „Verfolgung des Zionismus in Deutschland“: „In den letzten Tagen hat die Regierung die Barbestände des Keren Hajessod und des Keren Hajemet beschlagnahmt. In der Redaktion der Berliner „Jüdischen Rundschau“ hat die politische Polizei eine Hausdurchsuchung vorgenommen und alle Exemplare der letzten Nummer beschlagnahmt.

Eine weitere Schlagzeile meldet kurz die „Auflösung jüdischer Studentenvereine“ oder dieses: „An der Breslauer Universitätsklinik hat die deutsche Studentenschaft ein Verbot gegen jeden Verkehr mit jüdischen Hochschülern erlassen“, schließlich: „Im Auftrag der Regierung von Sachsen ist ein Nazi zum Regierungskommissär der jüdischen Schule in Leipzig ernannt worden.  

Entwicklungen dieser Art ließen wollen binnen Tagen und Wochen nach der „Machtübernahme“ durch die Nazis keine wesentliche Zweifel daran, in welcher Richtung sich das Geschehen weiter entwickeln würde. Entsprechend titelte dann auch der Leitartikel „Macht geht vor Recht“ und befasste sich mit den internationalen Implikationen: „Der Traum ist ausgeträumt“ heißt es da desillusioniert: „Die ach so kurze Epoche, da wir hoffen durften, dass als Reaktion auf das vierjährige Völkerschlachten nunmehr eine Vermenschlichung der Völkerbeziehungen eintreten werde, ist beendet, und diese Hoffnung als trügerische Sinngebung des sinnlosen Krieges erwiesen. Was wir heute schaudernd miterleben, ist die Restauration im weitesten Sinne des Wortes, ja mehr noch: die Gewalt gewinnt unumschränktere Macht, als sie sie jemals gehabt hat.“

Die Juden Deutschlands sind Opfer eines Systems geworden, dessen nähere Charakterisierung unter den gegebenen Umständen unmöglich ist, sie sind außerhalb der Rechtsordnung gestellt, ihr Hab und Gut, ihre wohlerworbenen Rechte finden keinen Schutz seitens des deutschen Staates. Unsägliches Leid hat diese Rechtlosigkeit über jüdische Männer, Frauen und Kinder gebracht  – barbarischen Hohn der Machthaber ist die Begleitmusik dazu. Ein Appell an die rechtsstaatlichen Instanzen ist unmöglich …“  

Das deutsche Judentum, der geistig und politisch führende Teil der Weltjudenheit, ist an den Bettelstab gebracht, brot- und heimatlos in den Hauptstädten Europas irrend…“  

Kriegerdenkmal St. Ulrich Augsburg Das inzwischen “verschwundene” Kriegerdenkmal von St. Ulrich in Augsburg (2008)

*** gemeint ist der Tiroler katholische Theologe und Autor Anton Müller (1870-1939), der als „Bruder Willram“ bekannt wurde . Er war zweifelsfrei sowohl Rassist als auch Antisemit und galt als reaktionär und chauvinistisch, war aber andererseits auch kein „Nazi“ im parteipolitischen Sinne, obwohl er deren Blut-Ideologie teilte. Hitler & Co. waren ihm aber nicht katholisch genug. Wenngleich auch weitgehend vergessen, ist es zur Beurteilung der situation in den ersten Wochen und Monate der Nazi-Herrschaft durchaus denkwürdig, dass ein Antisemit zum einem als halbamtlicher Beobachter für eine amerikanische Kommission im Frühjahr 1933 Deutschland bereiste und beurteilte und zum anderen, dass ein “sozialitisch” – zionistisches Magazin ihn zitiert. Interessant ist freilich aber auch der von den Nazis geführte Kamf gegen den Zionismus, der schon in diesen frühen Phase klar erkennbar wird. Relevant ist dies achtzig Jahre später auch für usnere Zeit, wo einige wirre Köpfe meinen, sie könnten “antizionistisch” ohne Antisemit zu sein. Das immer noch gültige Beispiel der Nazis und ihrer von Beginn an ausgeübten Verbrechen spricht eine andere Sprache udnsollte uns dazu ermuntern Antisemiten auch klar als solche zu benennen.

Zionist postcard Bavaria 1912Bavarian / Austrian Zionist postcard about 1912

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Eighty years ago the Austrian Jewish paper “Der Juedische Arbeiter (the Jewish worker)” quotes a report by the Austrian RC autor Brother Willram (Anton Müller) who traveled on behalf of a semi-governmental US organization Germany in early 1933 in order to find out how the treatment of minorities was like. His report says that in the course of the so called “national revolution” – today in Germany frequently belittled as “Machtergreifung” (takeover) – at least 300 Jews were killed and more than 3000 seriously wounded. Other news from the same issue of the paper depict the savage persecution of Zionism by the Nazi even in the early stage of their rule.

However today pretends to be Anti-Zionist “only” but “for sure” not Anti-Semitic needs to know what already eighty years ago the example of German Nazism has told the world: So callecd Anti-Zionism actually is Antisemitism,  don’t let yourself be fooled.


Was genau ist Antisemitismus?

June 12, 2012

Einige an uns häufiger gestellte Fragen lauten, wie wir Antisemitismus beurteilen oder ob wir jede “Kritik an Israel”  antisemitisch einstufen und dergleichen. Der JHVA ist weder eine politische noch eine religiöse Organisation, hat aber in Bezug auf Israel einen erwartbar klaren Standpunkt.

Eher “philosophisch” oder pragmatisch ist demnach aber der Umgang mit den genannten oder verwandten Fragestellungen.

Arabische Karrikatur mit Premierminister Benjamin Netanjahu als Schwein und Israel als Verantwortlichen für die Schweinegrippe (انفلونزا الخنازير)

Was genau ist Antisemitismus?

Kurzerklärung:

Ein anderes Wort für Judenhass, Hass gegen und auf Juden und alles was „besonders“ jüdisch erscheint oder sein soll.

Begriff:

Antisemitismus ist eine Worthülse, die bewusst in die Irre führen wollte und diesen Zweck noch immer erfüllt. Doch dazu müsste man erst klären, was „Semitismus“ sein mag, gegen das manche nun unbedingt „anti“ sein wollen.

Herkunft:

Europäische Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, die zeittypisch auch nicht judenfreundlich waren, ersannen zur Bezeichnung einiger verwandter nahöstlicher Sprachen den Begriff der „semitischen“ Sprachen. Dies leiteten sie grundlos ab von „Sem“ (hebräisch eigentlich: Schem), dem Sohn des Noah aus der Bibel, der berühmt wurde für seine „Arche“. Dieser „Sem“ hat natürlich keine eigene Sprache erfunden. Zweck der Einteilung war, „semitische“ Sprachen abzugrenzen, etwa von „germanischen“, „romanischen“ oder „slawischen“, wobei die Einteilung ebenso willkürlich ist wie die Benennung. Obwohl es zwischen Altgriechisch und Hebräisch viele Gemeinsamkeiten gibt, wurden beide Sprachen von den Gelehrten in unterschiedliche „Familien“ klassifiziert und somit voneinander getrennt. Andererseits findet kaum ein Deutscher nennenswerte Ähnlichkeiten zum „urgermanischen“ Isländisch, in dem die Edda geschrieben wurde. „Einræðisherrann lét þjóðina dýrka sig etwa würde heißen „der Diktator ließ sich vom Volk bejubeln“.

Zu den „semitischen“ Sprachen gehören auch Maltesisch, Arabisch oder das äthiopische Amharisch, nicht aber das dem Deutschen mitunter sehr ähnliche „germanische“ Jiddisch, dem deshalb von einigen Gelehrten der Status einer eigenständigen Sprache zwingend abgesprochen werden musste. Wer die überwiegend jiddisch oder deutsch sprechenden Juden Mittel- und Osteuropas ablehnte, hätte sich demnach dann auch eher als „Anti-Germane“ bezeichnen müssen. 😉

Absicht:

Dieser scheinbar „wissenschaftliche“ Ansatz, der sich um 1780 zuerst bei August Schlözer (1735-1808) findet, erlaubte es, Juden abseits der Religion zu „etikettieren“. Bald fand die Vokabel so  auch Einzug bei Biologen und Philosophen, die über spezifische körperliche Merkmale „der Semiten“ fabulierten. Schon bei Georg Hegel (1770-1831), einem glühenden Judenhasser wurde daraus um 1800 ein „jüdischer Geist“, der zwar, noch religiös angehaucht „Dämonisches“ und „Hass“ repräsentierte, aber auch bereits eine Art „tierisches Dasein“ bewirkte, das sich nicht „mit der schöneren Form der Menschheit“ vertrug, nämlich mit den „Nichtjuden“. Der Rest ist Geschichte.

Auf Hegel berief sich auch der christlich getaufte Karl Marx (1818-1883), der seinerseits mittelalterliche Geld-Klischees beisteuerte: „Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden“. Der zuvor religiös legitime Hass auf „die Juden“ wich damit jedoch zusehends einer davon unabhängigen Form. Von religiösen Judenhassern trennt sie nur die von diesen eingeräumte Möglichkeit des Übertritts zum Christentum.

Anwendung:

Bereits 1865 definierte das Preußische Staatslexikon das Stichwort „antisemitisch“ als „gegen das typisch Jüdische gerichtet“, jedoch ohne anzugeben, was das nun andererseits sein sollte. Knapp zwanzig Jahre später fanden sich Vereine der „Antisemitismus-Liga“ (Marr), deren Mitglieder sich damals in der Regel mit beträchtlichem Stolz „Antisemiten“ nannten, antisemitische Parteien gründeten und als ein-Themen-Parteien sogar noch eine Reihe von Abgeordneten im Deutschen Reichstag hatten. Alle bekannten Slogans die später von den Nazis verwendet wurden wie “Die Juden sind unser Unglück” waren in diesen Kreisen gängig wurden Jahrzehnte vor Hitler & Co. lautstark propagiert.

Entwertung des Begriffs:

Nach Auschwitz ist dieser Stolz verflogen. Komplett. Kein Judenhasser möchte sich noch als „Antisemit“ bekennen oder als solcher identifiziert werden, auch nicht wenn es Beifall aus arabischen Ländern geben mag, da dies vom öffentlichen Renommee her etwa dem eines Kinderschänders ähnelt. Zumindest ist dies in christlichen Ländern so. In islamischen Ländern gehören antisemitische Stereotypen auf dem Niveau der Nazi-Postille „Stürmer“ durchaus zum alltäglichen Beiwerk. Da dies weltweit aber nicht wirklich gut ankommt, beschränkt sich dies mitunter auf Darstellungen in der Landessprache, etwa auf Arabisch oder Persisch.

Umdeutung:

Da der Antisemitismus offenkundig in einer Sinnkrise steckt, haben heutige Judenhasser es zugegeben schwerer als ihre Vorgänger. Da weder religiöse noch rassistische Stereotype gegenüber Juden in säkularen, offenen und pluralistischen Gesellschaften besonderen Anklang finden können, müssen Judenhasser anders argumentieren. Eine Variante ist es, die „Macht“ der  „Heuschrecken“, der „Spekulanten“, der „Banken“ und „Großkonzerne“ zu verschreien und darauf zu spekulieren, dass die landläufigen stereotypen Finanzklischees der „reichen, gierigen“ Juden von selbst ausreichen, um die entsprechende Assoziation zu wecken. Das klappt aber auch in Zeiten der Banken-Proteste nicht immer und muss deshalb meist bei bloßen Andeutung bleiben: ein paar Familien die die Welt unter sich aufteilen, etc. worüber man ja nicht offen reden dürfe usw.

Erfolgsrezept:  

Viel einfacher und müheloser ist es jedoch „Kritik an Israel zu üben“. Da kein anderes Land und seine Konflikte in der Weltöffentlichkeit über Jahre und Jahrzehnte hinweg weit überproportional thematisiert werden, ist diese Kritik zwar überall Gang und gäbe, wird aber trotzdem von vielen als „Tabubruch“ empfunden. Das muss ja „erlaubt“ sein, ohne dass man als Antisemit „verunglimpft“ wird. Erlaubt ist es, aber auch Kritiker unterliegen der Kritik.

Realität:

„Der“ Nahostkonflikt ist nicht der einzige, was in den letzten Jahren auch der Blindeste verstanden haben dürfte. Kriege zwischen Iran und Irak, um Kuwait, in Afghanistan, nochmal im Irak, blutiger Terror dort zwischen Schiiten und Sunniten, Umstürze in Tunesien und Ägypten, Krieg mit NATO-Beteiligung in Libyen, Massaker in Syrien, und was noch alles lassen selbst die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Hamas und Israel harmlos erscheinen. Die Zahl der Getöteten in Syrien in den seit einem Jahr anhaltenden „Unruhen“ wird von der UN (Stand Mai 2012) auf „etwa zehntausend“ geschätzt, während in diesen Tagen immer neue Massaker mit täglich 50, 80 oder 100 Toten gemeldet werden. Internationale Menschenrechtsorganisationen gehen von wenigstens der doppelten Menge (20.000 + x) aus. Im libyschen Bürgerkrieg sind 2011 nach Angaben der neuen Regierung mehr als 30.000 Menschen getötet und weitere 20.000 schwer verletzt worden. Etwa dieselbe Anzahl von Opfern hatte der türkisch-kurdische Konflikt allein in der Zeit von 1984-1994. Im Krieg zwischen Irak und Iran (1980-1988) gab es über eine Million Tote. Der russische Afghanistan-Krieg kostete fast zwei Millionen Menschen das Leben. Fast ebenso viele Menschen starben in den Kriegen im Sudan, incl. des Genozids arabischer an schwarzen Muslimen in Darfur. In Ruanda wurden 1994 in wenigen Wochen fast 900.000 Menschen getötet.

Die Zahl aller Getöteten in Auseinandersetzungen zwischen Israel und allen seinen arabischen Kriegsgegnern, auf allen Seiten, inklusive Terror- und Vergeltungsschlägen, Kämpfen zwischen Hamas und Fatah, Hinrichtungen, etc. beläuft sich in 60 Jahren seit 1950 auf rund 50.000. Im selben Zeitraum starben bei bewaffneten, politisch motivierten Konflikten weltweit etwa 85 Millionen Menschen. Der Anteil der Getöteten in den israelisch-arabischen Kriegen beträgt demnach 0, 05 % der weltweiten Kriegs- und Terroropfer, während der Anteil der israelischen und palästinensischen Bevölkerung mit zusammen etwa 13 Millionen von 7 Milliarden Menschen derzeit annähernd 0,2 % entspricht. Rein statistisch müsste demnach also die Anzahl der Todesopfer dieses vielbeachteten Konflikts eigentlich viermal so hoch sein.

Wen interessiert’s?  

Es ist angesichts der tatsächlichen Opferzahlen also keineswegs zwingend angebracht, „den“  Nahostkonflikt in den Mittelpunkt des eigenen Interesses zu stellen, außer man ist zufällig tatsächlich Palästinenser oder Israeli. Andernfalls ist es eben nicht naheliegend, sondern erklärt sich aus der psychischen Situation und Sozialisation des Einzelnen.

Methode:

Warum ist es ihnen so wichtig, zum einem „Kritik an Israel“ zu üben, zum anderen aber, Wert darauf zu legen, nicht als Antisemit zu gelten? Nur Antisemiten haben das Bedürfnis sich gegenseitig vom oft noch nicht mal erhobenen Vorwurf des Antisemitismus frei zu sprechen.

Allgemein gilt: Jeder „Kritiker“ macht sich selbst zum Gegenstand der Kritik. Wer an einer offenen Auseinandersetzung interessiert ist, setzt das voraus und weiß, dass er ebenso hinterfragt werden wird und muss wie der Gegenstand seiner Kritik. Wer aber kritisieren will, ohne selbst kritisiert werden zu dürfen, ist nur ein verbaler Heckenschütze, der feige eben mal aus dem Versteck auf die Menge schießen will, um sich hernach zu räuspern oder die Brille zurechtzurücken, wenn dafür nicht spontaner Applaus aufbrandet. War ja nicht so gemeint. Nein, nein …

Wer selbst nicht hinterfragt werden will, soll schweigen. Man kann sich auch über was anderes aufregen und dafür breite Zustimmung erhalten, etwa übers Wetter, über Fußball-Ergebnisse, über den Lärm, das Fernsehprogramm, oder die eigene Regierung.  

Kritik an Israel

Schon die oft gebrauchte Formulierung „Kritik an Israel“ ist kolossal pauschal. Denn so formuliert klingt es danach, als ob schon die Existenz Israels als Problem aufgefasst wird. Wer so argumentiert ist wohl ein Antisemit. Weil es oft so auch gar nicht gemeint ist, zumindest nicht bewusst, spricht man wohl auch vom “Kritik üben“. Und “Übung macht den Meister“. Irgendwann mal, oder auch nicht.

Nun denn: Selbstverständlich kann man Kritik an der Politik der israelischen Regierung üben. Offen gesagt werden Antisemiten faktisch aber wohl jede israelische Regierung gleichfalls kritisieren. Daran ändert auch nichts, dass manche posthum Jitzchak Rabin glorifizieren. Als Rabin im Dezember 1992 die Zahl von 415 Hamas-Aktivisten in den Südlibanon („Niemandsland“) abschieben ließ, wurde dies in Europa von einigen „Kritikern“ mit den Deportationszügen des Dritten Reichs verglichen und Rabin mit Hitler. Da jede israelische Regierung die Sicherheit des eigenen Staates zu schützen hat, wird jede Regierung seitens der „Kritiker“ gescholten werden. Damit erledigt sich auch die inzwischen manchmal nachgereichte Formel, man lehne nicht Israel als Staat ab und habe auch nichts gegen die Bevölkerung sondern kritisiere “nur” die Regierung, also die “nur” die (überwiegende) Mehrheit der Bevölkerung.

Von “Anti-Zionismus” zu reden bringt Antisemiten auch nichts. Da es die Eigenstaatlichkeit des jüdischen Volkes ablehnt, ist es auch nicht harmloser als ein antisemitisches Ressentiment gegenüber einer einzelnen Person oder kleinen Gruppe. Es ist demnach eher eine Steigerung des gewöhnlichen Hasses auf Juden.

Cui bono?

In der Regel werden sich „Kritiker“  nicht für israelische Wirtschafts-, Gesundheits-, Arbeitsmarkt- oder Sportpolitik und dergleichen interessieren, außer etwas verbindet die Thematik mit „den Palästinensern“. Welchen seiner zahlreichen Kritiker interessiert es, dass Israel mit einer Quote von 16 % einen der niedrigsten Mehrwertsteuersätze im internationalen Vergleich (Deutschland 19 %) hat oder eine aktuelle Arbeitslosenquote von 6.4 % und dergleichen? Der “kritische” Blick auf Israel ist in der Regel ein palästinensischer. Bei Palästinensern macht das Sinn. Bei Deutschen ist das gelinde gesagt eiganartig. Wer aber in einem Konflikt Israels mit dessen Feinden offen die Partei von Israels Gegnern ergreift, ist kein Freund Israels, sondern eben das Gegenteil davon. Und da gibt es eben eine alte und lange Tradition, ob man das wahrhaben will oder nicht. Ist eben so.

Antisemiten sind Judenhasser und sie erkennt man so nun auch daran, dass sie sich meist tatsächlich anhören wie die erklärten Feinde Israels. Sie vertreten deren Standpunkte und Interessen. Häufig benutzen sie deren Propaganda und Vokabular und dämonisieren das demokratische Israel und unterstellen ihm beispielsweise Methoden und Ziele des deutschen Nazi-Regimes. Israel-Kritiker neigen also sehr deutlich dazu Israel aus der Sicht seiner Tod-Feinde zu sehen und argumentieren entsprechend.

Und trotzdem, sie gaukeln – mehr sich als anderen – vor, neutrale Mittler zu sein oder gar im Interesse Israel, seiner Bevölkerung und zukünftigen Existenz – deren „Berechtigung“ im Gegensatz zur eigenen stets betont wird – zu sprechen, was natürlich nur in seltenen Ausnahmefällen der Fall ist.

Wer einseitig die Standpunkte des eigenen Gegners übernimmt, was niemand von einem “Freund” annimmt, weil dafür ja Feinde da sind, kann nicht erwarten ernst genommen zu werden.

Gibt es eine berechtigte Kritik?

Kritik ist immer legitim, aber längst nicht immer nützlich, vor allem aber niemals zweckfrei. Jede Kritiker hat – ob bewusst oder nicht – seine eigenen Motive und Interessen, seine Ideale und Kriterien. Das trifft auch auf die eigenen heimischen Medien zu. Wer ohne Sprach- und Ortskenntnis Ferndiagnosen erstellt, muss zwar kein Antisemit sein, aber auch nicht ernst genommen werden.

Im internationalen Vergleich gibt es jedoch wenig objektive Gründe, die israelische Politik gegenüber „den Palästinensern“ zu kritisieren. Israel ist ein souveräner Mitgliedstaat der Vereinten Nationen und hat fast alle 1967 besetzten Gebiete wieder geräumt. Fast alle Palästinenser leben unter der Herrschaft ihrer – freilich rivalisierenden – Autonomieregierungen in Ramalla und Gaza. Davon können Tibeter und andere nur träumen, den Support von „China-Kritikern“ bekommen sie sicher nicht. Notleidende in Katastrophen- oder Hungergebieten wie auf Haiti bekommen seitens internationaler Organisationen (UN, UNRA, EU, etc.) nur einen Bruchteil der Unterstützung die palästinensische „Flüchtlinge“ (die eigentlich seit Jahrzehnten in soliden Häusern wohnen) . Einen Zaun gibt es auch an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, wie jeder weiß, der schon mal in San Diego war. Und wer Nachrichten hört, weiß, dass es dort – wegen Drogenbanden – anders als zwischen Israelis und Palästinensern Todesfälle gibt, oft mehrmals täglich. Der israelische Sicherheitszaun hingegen senkte die Zahl von Terroranschlägen in Israel faktisch auf null und erfüllt seinen Zweck. Über den genauen Verlauf kann man diskutieren, ebenso über die eine oder andere Siedlung – freilich sachlich und Ortskenntnis vorausgesetzt.

Zweifellos ist nicht jeder Einsatzbefehl israelischer Politiker und Militärs der Weisheit letzter Schluss und im Nachhinein ist man oft ein wenig klüger, aber Israels Politik hat israelischen Interessen zu dienen, nicht anderen. Israel ist mit seiner Politik gut gefahren trotz aller Anfeindungen tatsächlicher Feinde und selbsternannter Kritiker.

Ist nun jede Kritik an Israel antisemitisch?

Man tut niemanden großes Unrecht an, wenn man im Zweifelsfall die Frage bis zur weiteren Klärung mit einem

möglichen Ja

beantwortet. Wer aber das zuletzt vergleichsweise bescheidene Abschneiden des 50-fachen israelischen Basketballmeisters und 5-fachen Europapokalsiegers Makkabi Tel Aviv bemäkeln will, kann dies gerne tun und sagen, warum er vom Adriatic Cup nichts hält.

you can’t average out Anti-Semitism

Is all Criticism of Israel Anti-Semitic?

Yes, in most cases. Anti-Semitism addresses Jews only. Criticism of Israel addresses Jews only. So called Anti-Zionism is not more harmless than usual anti-semitism which addresses a person or a small group, but the Jewish people in general. Anti-Zionism is no belittlement, it is a maximization of Anti-Semitism.

So the critic himself has the obligation to provide and to explain his motifs and background first.


Die Ausnahme bestätigt die Regel

December 29, 2010

One of the most surprising questions among commentators of international political affairs is the one whether it is “possible“ to criticize Israel. The answer is much simpler as the question: of course it is and in fact there is hardly any country in the world what got more of criticism from international institutions as well as from the media worldwide  in the course  of the last decades. The negative attention Israel gets around the globe is disproportional by far, while other conflicts and crisis’s in the world with far more victims are underrepresented in the news as well as in UN bodies. Since many of the statements are biased against Israel the next question is: are all critics of Israel anti-Semites? Well, actually, what if ..? Would your coffee taste different?

To understand Anti-Semitism is easy if you realize that it only needs to follow few basic rules: the first is, not to like Jews, the second is to come up with special criteria which may be ridiculous or awkward if applied in other contexts. The third rule is too similar to the first one, to mention it, but implies that regarding Anti-Semitism only Jews are biased. As all governments in the world also the one Israel deserves and needs criticism as national and international feedback, but in order to be productive complaints and objections need to be rational, fair and coherent, applying the same universally valid principles, without recourse to traditional anti-Semitism with a new livery as so called anti-Zionism more than often does.

 

Um den Hass auf Juden zu verstehen genügen im Prinzip wenige Grundregeln. Er richtet sich gegen Juden, er schafft immer neue, oft lächerliche Sonderregeln, die so nur zur negativen Beurteilung von Juden gelten und ansonsten nicht zum Einsatz kommen. Dieser rote Faden schlängelt sich durch die Jahrhunderte und verdichtet in immer neuen Varianten tradierter Klischees zu scheinbar neuen Einsichten. Alte Argumentationsmuster, die sich zur Bekämpfung des „Ewig Jüdischen“ als untauglich erwiesen haben, werden dabei bereitwillig als Fehler eingestanden und durch „zeitgemäße“, „moderne“, sprich „wissenschaftliche“ ersetzt. Die Distanzierung von den alten Beweismitteln schafft dabei eine vorgeblich erfrischende, von Ballast befreite Pseudo-Objektivität und neuen Elan, ist methodisch aber nur eine Wiederholung oder christliche gesprochen: alter Wein in neuen Schläuchen

Das bekannteste Beispiel dafür ist der Begriff des Antisemitismus – den Antisemiten heute in aller Regel bereits als Last empfinden und als „Totschlagargument“ oder „Keule“ in Abrede stellen, wissend, dass er viel zu populär und einschlägig negativ besetzt ist, um sich gegen ihn noch behaupten zu können. Er basiert jedoch selbst schon auf der willkürlichen linguistischen Einteilung der Sprachen in sog. Familien, etwa slawische, germanische, semitische, usw. Unter letzterem versteht man beispielsweise  Arabisch, Hebräisch, Phönizisch, Aramäisch, aber auch das äthiopische Amharisch. Diese allgemein anerkannte Definition ist jedoch recht spekulativ und leugnet die immense Verwandtschaft und gegenseitige Beeinflussung etwa der hebräischen (=semitisch) und griechischen (= indogermanisch) Sprachen. Nicht nur sind die frühen Buchstabenschriften beider Sprachen nahezu identisch (wo dies nicht geleugnet werden kann, spricht die objektive Wissenschaft dann freilich vorsichtshalber nicht von Hebräisch, sondern von „Phönizisch“) , auch die Namen der Buchstaben stimmen weitgehend überein (Alef = Alpha; Bet = Beta, Gimmel = Gamma, Dalet = Delta, …). Natürlich gibt es eine recht hohe Menge an  gemeinsamen Vokabular, doch es ist vom Standpunkt der Sprachwissenschaft im 19. Jhd. plausibler eine enge Verwandtschaft zwischen Griechisch und Indisch zu (er)finden, während die Sprachen der beiden Mittelmeeranrainer gänzlich unterschiedlich zu bleiben.

Folgerichtig ist auch schon der vorgeblich „neutrale“ Begriff des „Semitischen“ bereits willkürlich, und ein Beleg die bereitwillige Anwendung der „antijüdischen Sonderregel“, basiert er doch auf der legendären biblischen Randfigur des „Sem“ (Schem), einem Sohn Noachs. Im Gegenzug leitet sich die Definition der germanischen Sprachen nach dem eher fiktiven Sammelnamen der Germanen benannt werden (was die Römer erfanden; wobei Plutarch sie etwa noch mit den keltischen Kimbern verwechselte …) und nicht etwa nach der gleichfalls biblischen Randfigur des Aschkenas, im Mittelalter immerhin noch einigermaßen gängigen Bezeichnung für “Deutsche”, insbesondere bei Juden, die selbst aber übrigens „Taitsch“ redeten, etwas heute objektiv als „Jiddisch“ bezeichnet wird…

Bereits im preußischen Staatslexikon von 1865 ist das Adjektiv „antisemitisch“ eingeengt auf „gegen das typisch Jüdische gerichtet“.  In den 1870er Jahren machte der deutsche Journalist Wilhelm Marr den „linguistischen“ Begriff populär und wandte ihn in verschiedenen Schriften immer wieder und gegen „die Juden“ und keineswegs gegen die Sprecher (anderer) „semitischer“ Sprachen. Das muss man anmerken, da manch vermeindlich “kluger Kopf” sich an seinen Fingern abzählt, Araber können gar keine Antisemiten sein, da sie selbst Semiten wären … Richtig, Al Capone konnte keine Mafioso sein, da er ja selbst Italiener war. Jetzt ist auch das geklärt.

Nachdem Juden nach der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts längst keine einheitlichen Positionen mehr vertraten (falls sie das vorher jemals taten), suchten Gegner der ohnehin nur sehr zögerlich von statten gehenden  „Emanzipation“ nach neuen Kriterien, um die tradierte Abneigung aufrechtzuerhalten. Wie viele andere lehnte Marr deshalb auch die religiös motivierte Ablehnung der Juden als nicht zeitgenössisch ab. Was auch wollte man den Juden im Zeitalter der Industrialisierung und rasanten Verstädterung auch vorwerfen, etwa dass sie sich beschneiden ließen anstatt an eine jungfräuliche Geburt zu glauben? Juden lebten in keinem wie auch immer definierten Ghetto mehr, sondern waren Fabrikarbeiter, Lehrer, Bauern, Soldaten, Journalisten, Kaufleute, Arbeitslose, Geschäftsinhaber, Kriegsinvaliden, Opernbesucher oder Sportler wie Christen auch. Insbesondere in Deutschland hatten sich zahlreiche Juden, insofern sie nicht gleich zum Christentum konvertierten als „Liberale“ weitgehend angepasst. Hatte Heinrich Heine die Konversion zum Christentum, scherzhaft oder nicht, noch als „entre billet zur europäischen Kultur“ bezeichnet, so waren nach ihm der Grad der Anpassung an christliche Gebräuche geradezu der Maßstab für ein reformiertes oder liberales Judentum, meist protestantischer Ausprägung. Zum Ausdruck kam dies insbesondere durch Kirchenorgeln und Chöre in der Synagoge, aber auch durch Rabbiner, die nicht nur die Gewänder christlicher Geistlicher nachahmten, sondern wie diese auch entsprechende deutsche Predigten in den Blickpunkt der Gottesdienste stellten. Wo also zahlreiche Juden sich bereitwillig den christlichen Gepflogenheiten anpassten, manchmal auch anbiederten, mussten auch ihre Gegner Schritt halten und sich neue Strategien ausdenken, um Assimilationen und Konversionen als nichtig und unwirksam zu definieren.

Folglich mussten bestimmte, unveränderliche Eigenschaften der Juden, die auf den tradierten Klischees des christlichen Mittelalters und des in Bezug auf Juden wenig bis gar nicht aufgeklärten Humanismus basierten, neu arrangiert werden. Der religiös-kulturell motivierte Hass auf Juden wich so zunehmend einem „modernen“, mit der „Abstammung“ der Juden begründeten „Antisemitismus“. Ob der Jude nun ein Kaufhaus besaß oder Tagelöhner bei einem Bauern oder in einer Fabrik war, als Opernsängerin oder Reserveoffizier, als Kommunist, Fußballer, Bierbrauer oder Talmudschüler „in Erscheinung trat“, traditioneller, „liberaler“ oder getaufter Jude war, spielte von nun an keine Rolle mehr, da er allein durch seine Abstammung über Eigenheiten verfügte, die er weder durch Orts- noch Berufs- oder Religionswechsel einbüßen konnte, stammten sie aus der biologistischen Sicht der politischen Naturalisten doch ggf. von anderen Affen ab als sie selbst.

Ein Karl Marx, dessen ursprünglich jüdische Eltern noch vor seiner Geburt zum Christentum übertraten, “konnte” so natürlich „Jude“ bleiben, während sein Kollege Engels, ähnlich wie Lenin oder Stalin natürlich nicht in selber Weise als „Christ“ betrachtet wurde, sondern nur als Kommunist. Ebenso sieht man auch in Hitler heute keinen Christen, obwohl er von christlichen Eltern abstammend, getauft und christlich erzogen wurde und niemals aus der katholischen Kirche austrat und sich das Programm der NSDAP ausdrücklich auf das “positive” Christentum beruft. Stattdessen versuchen Verschwörungstheoretiker Hitler einen etwaigen jüdischen Vorfahren anzudichten, vielleicht, weil damit „alles“ erklärt werden könnte?  Auch ein Pol Pot wird nicht als buddhistischer Mönch gesehen, der er war und wie viele Apologeten versuchten uns in den letzten Jahren zu erklären, dass Osama Bin Laden, kein richtiger Muslim ist ..?  Dies verdeutlicht einmal mehr die Besonderheit des Hasses auf Juden, die Regel nämlich, dass für die (negative) Beurteilung der Juden immer Sonderregeln ersonnen werden, die ansonsten – wohl ganz zu Recht – nicht zur Anwendung kommen.

Dieser Mechanismus prägte bereits das mittelalterliche Feindbild und betrifft die „judentypische“ Eigenschaft der Gier und des Wuchers. Das Klischee, das auch angeblich wohlmeinende Autoren immer wieder bemühen, argumentiert mit dem kirchlichen Zinsverbot einerseits und dem Ausschluss von Juden aus ehrbaren Berufen des Handwerks andererseits. In der Summe ließ dies Juden sodann gar keine andere Wahl, als unter hohen Risiken Kredite gegen hohe Zinsen zu verleihen. Mit dieser „verständnisvollen“ Rechtfertigung wird jedoch nur das Klischee zementiert und neuerlich auf ein scheinbar stabiles Fundament gestellt. Einer unvoreingenommenen Prüfung hält dies freilich nicht stand. Zum einem ist aus mittelalterlichen Dokumenten nicht zu entnehmen, dass Juden keine Handwerker waren und sein konnten. Sie gerbten Leder, buken Brot, brauten Bier, waren Lehrer, Schreiber, Köche, Schmiede, Soldaten, Mathematiker, Metzger, usw. In Augsburg beispielsweise bauten die Juden um das Jahr 1300 sogar einen 400 m langen Abschnitt der sieben Meter hohen Stadtmauer. Wie alle anderen Verbote seit Menschheitsgedenken, wurde wenig überraschend auch das Zinsverbot der Kirchen immer wieder gebrochen und wo es seitens der Kirche und weltlichen Herrscher ausdrücklich so gewollt war, sogar institutionell umgangen.  Man vereinbarte sodann eben keine Zinsen sondern Wechsel mit entsprechenden Gebühren. Ähnlich praktiziert es heute noch der Islam. Man nimmt einen Kredit über 1.000 Euro auf, bekommt aber nur 900 Euro ausbezahlt und zahlt den Rest in Raten zurück – … und welch Wunder: man zahlt keine Zinsen.  In mittelalterlichen Steuerlisten sind kaum mehr als 5 % der genannten jüdischen Steuerzahler im sog.  „Geldhandel“ tätig, wobei die meisten wiederum nur kleine kurzfristige Pfandgeschäfte mit Nachbarn aushandelten. Zur Stigmatisierung der Juden reichte das freilich aus – bis heute, gelten „Geschäftstüchtigkeit“ und eine bestimmte Form von „Gerissenheit“ doch immer noch als „typisch jüdisch“. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Bettler oder Fabrikanten handelt, da der scheinbare Erkenntnisgewinn durch das vorangestellte Attribut „jüdisch“ erzielt wird und ein „jüdischer Fabrikant“ ebenso wie ein „jüdischer Bettler“ im Rahmen der Sonderbeurteilung, ganz eigene Assoziationen weckt, die andernfalls nicht zwangsläufig vorhanden sind.

Der Hass auf Juden geht sogar so weit zu erdichten, dass es ihn immer und überall gab. Auch das ist natürlich Unsinn.  Es gibt keinen weltweiten Hass auf Juden und keinen der bei allen Völkern existiert, selbst die abermals entschuldigend gedachte Nachkriegsmetapher eines „Antisemitismus ohne Juden“, den Wohlmeinende anführen, um zu erklären, dass Juden nicht am Antisemitismus Schuld seien, untermauert das Vorurteil, dass es zu beseitigen sucht. Tatsächlich wirkt auch hier wieder der Mechanismus der bedingten Sonderregel. Wollte man wirklich einen Antisemitismus ohne Juden lokalisieren, so müsste man diesen am besten in Gegenden finden, in denen es keine Juden gab, etwa unter den Massai, in Japan, in China, Indien oder bei den Eskimos – aber dort wird man ihn vergeblich suchen. Zugleich wird mit der postulierten Verfolgung der Juden zu allen Zeiten natürlich auch die wirkliche Geschichte des jüdischen Volkes geleugnet, aus Unkenntnis oder aus Berechnung sei dahingestellt. Dies hängt natürlich auch mit dem christlichen Wunschbild zusammen, dass auf die Ablehnung des Jesus durch die Juden eine „ewige Strafe“ erfolgte, die Juden in aller Welt zu armseligen Untertanen degradieren sollte. Im mittelalterlichen Spanien, aber auch im Deutschen Reich besaßen Juden jedoch weitgehende Autonomie, wie sie sonst nur den Kirchen zugebilligt wurde.  Als sog. „Kammerknechte“ unterstanden Juden nur bei Kapitalverbrechen der direkten Gerichtsbarkeit des Kaisers und seiner Vögte, was zur Folge hatte, dass sie die meisten anderen Rechtsstreitigkeiten autonom regeln konnten, während Auseinandersetzungen mit Christen im Beisein des kaiserlichen Vogtes im Gericht der Synagoge verhandelt wurden. Das soll nicht heißen, dass Juden in Mittelalter nicht Verfolgungen und Ausschreitungen ausgesetzt waren, doch verglichen mit der Stellung der meisten Christen, die das Pech hatten weder den Patriziern noch dem Klerus anzugehören, besaßen sie doch eine herausgehobene und relativ sichere Rechtsposition.  Dass es vor Mohamed aber jüdische Könige wie Dhu Nawaz in Saudi Arabien gab, oder das zum Judentum konvertierte Königreich der Chasaren im Kaukasus gab, ganz zu schweigen von zahlreichen autonomen jüdischen Fürstentümern in Babylonien, die fast acht hundert Jahre existierten, muss man für wie vieles andere für die These des „ewig verfolgten Opfers“ … opfern. Und auch dann, wenn eine historische Person, wie der persische König zur Zeit von Ester sich gegenüber den Juden ausgesprochen positiv verhielt, verfremdete eine judenfeindliche Überlieferung auch diesen zum Zerrbild und so mutierte um 1600 mit dem „Volksbuch vom Ewigen Juden“ König Ahasver selbstredend zum zeitlos umherirrenden jüdischen Ungeist, zum „Wandering Jew“, der mal als verräterischer Judas oder auch noch im von Wes Craven präsentierten Gruselfilm als „Dracula 2000“ in Erscheinung tritt.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das Stilmittel der negativen Umdeutung auch vor dem millionenfachen Massenmord der Nazis nicht Halt machte. Der rassische Antisemitismus hatte nach Auschwitz natürlich ausgedient, zum einem wegen der Scham über den Gigantismus des Verbrechens an den europäischen Juden, zum anderen weil auf wissenschaftlicher Basis nicht belegt werden konnte, dass sich das Blut eines Christen der zum Judentum konvertierte, tatsächlich verwandelte. Die Scham (oder war es bloßes Schweigen?) hielt einige Jahre an, bis diverse Prozesse gegen Nazi-Verbrecher und „Entschädigungszahlungen“ auf jeweils eigene Weisen die „jüdische Frage“ erneut ins Bewusstsein brachten. Schnell waren nun wieder Stimmen zu hören, die den Juden unterstellten, die „üblichen Geschäfte“ zu machen, ja sogar noch vom Tod enteigneter und ermordeter Verwandter profitieren zu wollen. Revisionisten versuchen seitdem die Zahl der Holocaust-Opfer systematisch herunter zurechnen, andere die Verbrechen der Nazis mit angeblichen des israelischen Militärs zu relativieren. Und so erfährt die altbekannte Methode auch in den jüngsten Jahren neue Facetten. Die neue Gewandung nennt sich deshalb auch „Anti-Zionismus“ und so wie Marr einst bestritt, dass sein rassischer Antisemitismus religiöse Muster beinhalte, so wehren sich heutige „Israel-Kritiker“ gegen den Vorwurf „antisemitische Klischees“ zu bedienen.

Zionismus als solcher bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das Recht der Juden auf einen eigenen Staat. Die Eigenstaatlichkeit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker sind an sich nichts, was sonst einer weiteren Diskussion bedürfte. Anders verhält es sich natürlich,  wenn es sich dabei um Juden handelt. Dann nämlich wird folgerichtig natürlich wieder eine „Sonderregel“ ersonnen, die im Zionismus bloßen „Rassismus“ sieht (so urteilte die UN 1975), den es zu bekämpfen und zu beseitigen gilt und so wird dem Judenstaat als „Jude unter den Staaten“ als einzigem Land der Welt mühelos das Existenzrecht abgesprochen.

Klassischer Antisemitismus ist das natürlich nicht, denn man billigt den (überlebenden?) Juden durchaus zu, in einem gemeinsamen arabisch-jüdischen Staat als tolerierte Minderheit zu existieren. Möglicherweise als sog Dhimmis unter dem Schutz der Scharia, was ja auch im spanischen Mittelalter gut geklappt haben soll, zumindest behaupten das auffällig viele Bücher seit der „Ölkrise“ in den frühen 1970er Jahren. Während linke und rechte Extremisten Israel einen „Holocaust an den Palästinensern“ vorwerfen, sehen auch die Wohlmeinenden die Anhänger der Hamas als „Opfer der Opfer“ und versuchen stattdessen die „Hardliner“ unter den Israelis auf „Friedenskurs“ zu bringen. Diese Friedensdefinition verlangt freilich, dass Israel einseitige Nachteile in Kauf nehmen soll, um zu erreichen, was Israels Gegner weder mit militärischen noch terroristischen Mitteln durchsetzen konnten. Leute denen es völlig egal ist, ob im Sudan arabische Muslime pro Tag tausend schwarze Muslime aus rassistischen Gründen töten, schreien empört auf, wenn Israel einen Terroristen der Hamas tötet und ziehen Vergleiche zu den Verbrechen der Nationalsozialisten. Das tun auch manche Araber gerne, die sich freilich nicht ganz einig sind, ob sie Hitler für die Ermordung von Millionen jüdischer Zivilisten danken oder den Davidstern mit dem Hakenkreuz gleichsetzen sollen. Nach dem Leitfaden der antijüdischen Sonderregel setzt man vielleicht auch besser vorsichtshalber auf beide Varianten. Das ist nicht weiter schlimm, schließlich hatten die Nazis ja auch den Juden zeitgleich vorgeworfen, Drahtzieher des Kommunismus wie des Kapitalismus zu sein.

Wegen der Nazis gilt Antisemitismus aber noch immer vor allem als eine Besonderheit der extremen politischen Rechten, gerade auch weil liberale oder linke Parteien und Gruppen dies gerne zum Instrument im Kampf gegen Rechte benutzen. Auf Antisemitismus beruhender Populismus kann sich aber bei Bedarf überall finden, wo es zweckdienlich erscheint, man denke an die FDP mit Möllemann. Linke und christliche Pazifisten finden nichts dabei, gegen „Israels Verbrechen“ zu demonstrieren und dabei Seite an Seite mit Vertretern der Hamas und Fatah in Deutschland zu marschieren.  Sie finden auch leicht den einen oder anderen Israeli oder Juden als Kronzeugen für ihre Position. Aber verglichen mit der paramilitärischen und logistischen Kooperation der linksextremen RAF mit arabischen Terrorgruppen etwa beim Olympia – Massaker an israelischen Sportlern 1972 in München, ist dies harmlose, weil folgenlose Folklore, die eher der Wahrung eigener Traditionen dient und erkennbar ohne Einfluss auf die äußere Realität bleibt.

Aber auch dies ist kein Makel einer einzelnen politischen Richtung. Als deutsche katholische Bischöfe vor einem Jahr in den „Nahen Osten“ reisten, kamen sie mit dem merkwürdigen Vergleich zurück, der Gaza-Streifen gleiche dem Warschauer Ghetto. In diesem kämpften im Frühjahr 1943 „totgeweihte“ Juden noch nicht mal mehr um ihre Freiheit, sondern um die Art ihres Todes. 30 % der städtischen Bevölkerung wurden auf 2 % der Fläche zusammengedrängt und systematisch ausgehungert und dezimiert. Im Gaza-Streifen jedoch feuerte die Hamas einen scheinbar unbegrenzten Vorrat an Raketen und Mörsern auf jüdische Wohngebiete in Israel ab. Es ist klar, dass die Gleichsetzung des einem mit dem anderen einer gewissen Übung bedarf – allgemein „Kritik üben“ genannt. Und in der Tat, gibt es auch hier offenbar ein Argumentationsmuster: Vergleiche zur Nazizeit sind nur dann gängig und gebilligt, wenn sie zu Ungunsten der Juden ausfallen. Der Augsburger Bischof Mixa etwa bemerkte vor einem Jahr bei einer Rede zum „politischen Aschermittwoch“ die Zahl der „sechs Millionen Opfer des Holocausts“ sei „durch die Zahl der Abtreibungen inzwischen längst übertroffen“ worden.

Leugnung und Relativierung des Holocausts findet bei Revisionisten über die „unfassbare“ Zahl der auf- oder abgerundeten „sechs Millionen“ ermordeter Juden im Nazi-Reich statt. Ein umstrittener englischer Bischof tat dies auf eben diese Weise und wollte allenfalls zwei- oder dreihunderttausend ermordeter Juden „einräumen“. Sein Augsburger Kollege tut dies ausdrücklich nicht. Er anerkennt das Verbrechen, aber er merkt, dass die Zahl der Abtreibungen die der Holocaust-Opfer „bereits“ übertrifft. Das kann stimmen oder nicht, aber was sollte diese Verknüpfung nun eigentlich besagen?

 Die Zahl von sechs Millionen Toten ist vielfach übertroffen worden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich ca. eine Million Menschen Suizid begehen. Wenn das stimmt, wären das über sechzig Millionen Selbstmörder seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Können wir daraus einen relevanten Vergleich zur Zahl der Holocaust-Opfer konstruieren oder zur Zahl der Abtreibungen? Oder wie wäre es mit der Zahl der Verkehrstoten, die alleine in den Mitgliedsstaaten der EU jährlich bei rund 50.000 liegen soll? Welchen sachlichen Zusammenhang gibt es also zwischen Holocaust und Abtreibung? Vermutlich keinen, außer man wollte sagen, dass jene die vor der Barbarei des Hitler-Regimes abgetrieben wurden, dem Holocaust entgingen. Vielleicht wollte der Bischof ausdrücken, dass er die Anzahl der Abtreibungen für skandalös hält und mit der Feststellung, dass sie bereits höher als die Zahl der Holocaust-Opfer sei, vergleichsweise zu wenig Beachtung findet. Auch das mag sein.  

Die Frage wäre dann freilich, warum er die Abtreibungen nun ausgerechnet den jüdischen Nazi-Opfern entgegen hält? Die Zahl der sechs Millionen bezieht sich ausschließlich auf sie. Aber kamen nicht auch zahlreiche weitere Menschen in den KZs oder bei Erschießungen, usw. um und nicht nur Juden? Warum sind nur die jüdischen Nazi-Opfer der Maßstab? Das leuchtet nicht ein. Ist ihm, dem deutschen Bischof die Zahl nichtjüdischer Nazi-Opfer etwa unbekannt?

Als die Bischöfe im Gaza-Streifen waren, kam ihnen nicht in den Sinn festzustellen, warum denn wegen ein paarhundert getöteter Palästinenser international so viel Aufhebens gemacht werde. Im Vergleich zu den Millionen Opfern des Holocausts sei dies schließlich fast gar nichts. Zugegeben ein solcher Vergleich wäre nicht geschmackvoller und auch nicht angemessener und fast jeder würde sich zu recht fragen, was die Palästinenser mit Auschwitz zu tun hätten? So aber fragen wir uns, was Abtreibungen damit zu tun haben und warum Vergleiche dieser Art scheinbar immer zu Ungunsten der Juden ausgehen „müssen“? Würde sonst niemand die etwaige „Pointe“ verstehen? Nicht minder unverständlich ist freilich der Umstand, dass dem englischen Bischof, der den Holocaust relativierte, ein deutscher Haftbefehl drohte, während der iranische Parlamentspräsident, der ihn komplett bestreitet, auf der Münchner „Sicherheitskonferenz“ seine Ansichten dazu frei äußern konnte, ohne belangt zu werden, womit wir schon wieder eine weitere Sonderregel aufgespürt hätten. 

Ein Detail der Regel ist so auch, dass die bloße (Schatten-)Existenz eines gewiss noch immer vorhandenen rechtsextremen Antisemitismus in der Gesellschaft eine Art Deckmantel für einen ansonsten nicht minder virulenten allgemeinen ist. Da gibt es Einzelne und Gruppen, die heute einen jüdischen Friedhof, morgen eine Synagoge oder ein Museum besuchen, dann zum Klezmer-Konzert gehen, um in der Woche darauf gegen den „Israelischen Völkermord an den Palästinensern“ zu demonstrieren. Der Besuch im jüdischen Museum oder der Kauf einer Klezmer-CD ist Beweis genug, dass man kein Antisemit ist und schon ist man in der glücklichen Position „unter Freunden“ Kritik üben zu dürfen. Dass man mit dem Kauf eines Döners in selber Weise zugleich aber auch die Hamas ebenso emotional „kritisieren“ könnte, kommt nicht in den Sinn, zu Recht, weil der türkische Döner-Schneider mit dieser sehr wahrscheinlich auch gar nichts zu tun hat. 

Die übergroße Mehrheit der Juden in Deutschland stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und kennt „das Judentum“ fast nur aus einer merkwürdig anmutenden säkularen, christlich-kommunistischen Perspektive. Sie stellen zum Jahresende einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer und bestreiten vehement, dass dies etwas mit dem Christentum zu tun haben könnte und behaupten stattdessen, es sei schlicht ein „alter russischer Brauch“, den früher „alle“ befolgt hätten. Abseits davon ist „jüdisches Leben“ in Deutschland im wesentlichen auf museale Aspekte reduziert. Es gibt klassische Konzerte in ehemaligen Synagogen, ansonsten unbenutzte „Ritualgegenstände“ in Vitrinen und natürlich traurige Gedenkfeiern mit Kranzniederlegungen und dergleichen. Thora, Talmud und die eineinhalb Jahrtausende lange Geschichte des Judentums hingegen sind im Bereich von fast „mystisch“ anmutenden Geheimwissenschaften und werden wenn überhaupt auf dem Niveau von einführenden Taschenbüchern oberflächlich abgehandelt. Dementsprechend verfallen auch die Grabsteine „ewiger Ruhestätten“ auf jüdischen Friedhöfe, insofern sie in der Nazi-Zeit nicht schon zerschlagen und entwendet wurden. Analog zum christlichen Brauch reserviert man das inzwischen offenbar als ermüdend empfundene Gedenken an die Verstorbenen, das auf dem Gebot Vater und Mutter zu ehren basiert, für einige wenige „herausragende“ Personen, etwa, Bankiers oder  Rabbiner. Warum sollte man auch einem Bettler oder einem Kind gedenken? Genealogische Beziehungen, die insbesondere für Nachkommen deutscher Juden in aller Welt durchaus von Interesse sind, werden hingegen mit erstaunlicher Eifersucht unter meist akademischen Verschluss gehalten und bruchstückhaft in teureren oder der Allgemeinheit schwer zugänglichen Publikationen vermarktet. Dabei basieren sehr viele dieser Informationen auf Registern, die Nazi-Ideologen in den 1930er Jahren den jüdischen Gemeinden geraubt hatten. In den Reichssippenämtern, die alle Standesämter ersetzen sollten, wollte man so Aufschluss darüber erhalten, wer eventuell doch jüdische Großeltern haben mochte oder wer im Umkehrschluss mit dem „Ariernachweis“ studieren oder Beamter werde durfte. Wer dies für ein Randthema des Nationalsozialismus hält, hat diesen nicht wirklich verstanden. Noch im Frühjahr 1945 nämlich, als das Nazi-Reich schon zu großen Teil verwüstet und besetzt war, fotografierten die damit beauftragten Experten im thüringischen Schloss Rathsfeld noch eifrig tagein, tagaus ein Standesregister nach dem anderen. Später wurden diese Filme teilweise an Bundesländer und Institutionen gewinnbringend verkauft und da die meisten Originale vernichtet wurden sind sie heute oft Grundlage einer staatlich gesponserten akademischen Forschung. Da viele Mitarbeiter der Reichssippenämter in der Nachkriegszeit auch schnell wieder zu gewöhnlichen Standesbeamten oder Professoren wurden, gibt es in vielen Fällen auch eine in der Regel wenig reflektierte Kontinuität. Gäbe es nicht das Problem, dass die meisten der heutigen Experten kein Hebräisch können, müsste man annehmen, dass die Nachkommen derer, die einst das Judentum ausrotten wollten, in die Rolle der Bewahrer geschlüpft sind.

Hannah Arendt hatte völlig zurecht darauf hingewiesen, dass Antisemitismus per se internationalistisch und im Prinzip antinational sei. Dies haben zuletzt auch die Auseinandersetzungen um die sog. „Hilfsflotte“ für Gaza untermauert. Bekannte schwedische Krimiautoren wie Henning Mankell reiten sich da zusammen mit Hamas-Führern, Pax Christi Aktivisten, Abgeordneten der deutschen Linkspartei und bewaffneten Aktivisten der islamistischen türkischen IHH, während die Nachrichtenagentur Reuters zugestehen musste, Bilder manipuliert zu haben, um die Kämpfer des vermeintlichen türkischen Hilfsschiffs „Mavi Marmara“ unbewaffnet erscheinen zu lassen. Der Druck der Medien und der Politik in Europa war ebenso rasch wie einhellig und einseitig. Selbst der deutsche Entwicklungshilfeminister schien in das Fahrwasser seines früheren Parteikollegen Möllemann zu geraten und drohte Israel finster und zweideutig, dass es nun gar „fünf vor zwölf“ sei, weil er anders als von ihm verstanden, nicht zu Propagandazwecke in den von der Hamas beherrschten Gaza-Streifen reisen durfte.

Doch bereits im Mai unterzeichnete die neue US-Regierung in New York eine Resolution zum Atomwaffensperrvertrag, die namentlich die (inoffizielle) Atombewaffnung Israels in Frage stellt, jedoch den Iran unerwähnt lässt, obwohl es diesbezüglich eine Reihe von Deklarationen des UN Sicherheitsrates und anderer internationaler Gremien gibt.  Andernfalls hätten der Iran und zahlreiche arabische Staaten die Konferenz boykottieren wollen. Der Preis den Obama für die Teilnahme bereit war zu zahlen, war die gemeinschaftliche Verurteilung Israels. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, der sich fast ausschließlich nur mit Israel und seiner Verurteilung befasst und vielleicht sogar zu diesem Zweck gegründet wurde. Tatsächlich kann dies aber auch daran liegen, dass auf dem restlichen Globus die Menschenrechte tatsächlich geachtet werden und es keine Probleme gibt, die es lohnen würde international zu thematisieren. Die von Obama verkündete „Annäherung an die islamische Welt“ zeigt Wirkung. Dies geht soweit, dass die US Regierung künftig Begriffe wie „Islamismus“ vermeiden will, um die Muslime der Welt nicht „pauschal“ zu beleidigen, während im Gegenzug suggeriert wird, dass Anti-Zionismus nicht antisemitisch sei, sondern … ähm, nun ja, sich ja vielleicht nur ganz zufällig gegen Juden richte. Kann ja mal passieren, oder? Während der Judenstaat also zunehmend als “Sicherheitsrisiko” empfunden wird – zwei Drittel in Deutschland nannten in einer Umfrage  Israel “die größte Bedrohung des Weltfriedens” – zünden muslimische Einwanderer in Deutschland Synagogen an oder bewerfen jüdische Tänzer, wie letztens bei einem Stadtteilfest in Hannover mit Steinen und rufen „Juden raus!“, ohne dass sich die deutsche Öffentlichkeit ob solcher “Bagatellen” groß dafür interessiert.  Die ist damit beschäftigt auf der Straße zu tanzen und Fußballer national zu instrumentalisieren, während Umfragen in Israel während der Fußball-WM ergaben, dass das deutsche Team bei den Israelis am meisten Sympathien hatte, dicht gefolgt von den Holländern.

Zugegeben, das Judentum in Deutschland, das in der Nachkriegszeit personell und institutionell sozusagen ausgeblutet war, kann man als „faktisch tot“ betrachten, daran ändern auch erst spät in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgezogene Museen und restaurierte ehemalige Synagogen wenig. Diese dienen auch nicht den zugewanderten Juden, sondern dem guten Gewissen der akademischen “Elite”, die dort bei entsprechender Neigung in der ehemaligen Synagoge ein vorweihnachtliches Adventssingen genießen kann. Die Reste an Akten und Relikten werden gehütet, als wären es heilige Grale. Die akademische Inbesitznahme der jüdischen Überreste, gerne „Spuren“ genannt, scheint unter dem Gebot des von Christen beanspruchten Gebots „liebe deine Feinde“ damit sozusagen fast um „Endsieg“ ausgebaut worden zu sein, während die akut wachsende Bedrohung jüdischer Gemeinden wegen der Angst „ausländerfeindlich“ zu erscheinen, ignoriert wird.

Wo es nun aber kein Judentum mehr gibt, ist es auch nicht verwunderlich, dass Antisemitismus sich heute fast ausschließlich nur noch über den „Umweg Israel“ definieren kann. Und so bleibt es nicht aus, dass wann immer es im „Nahen Osten“ zu militärischen Konflikten kommt – und das kann im Prinzip von heute auf morgen so sein  – mit Anschlägen auf Synagogen, Friedhöfe und andere jüdische Einrichtungen zu rechnen ist – nur dass die ermittelten Täter in aller Regel keine deutschen Neonazis, sondern meist Muslime sind. Andererseits gibt es auch einige wenige Linke, die ganz entschieden für Israel sind und auch so auftreten, doch sie nennt man innerhalb der „Szene“ warum auch immer „Antideutsche“. Auch das sind Besonderheiten, die für ein halb museales, halb „russisches“ Judentum in Deutschland wenig Gutes versprechen.

(Mai und Juni 2010, erschienen im „Euro Journal  pro management“  4 / 2010 (Dezember)

Method of Antisemitism, how it works: The Exception proves the Rule