Festakt zum 100. Jahrestag der Eingemeindung Kriegshabers nach Augsburg

April 4, 2016

Synagoge Kriegshaber Augsburg Judenstern magen david

Anlässlich des hundertsten Jahrestag der Eingemeindung Kriegshaber nach Augsburg am 1. April 1916 wurde am gestrigen Sonntag in Kriegshaber dem Jubiläum gedacht. Nach einem christlichen Gottesdienst in der gegenüberliegenden Kirche, gab es in der ehemaligen Synagoge, nunmehr ein Museum, unter Teilnahme zahlreiche Prominenz, wie etwa die Bundestagsabgeordneten Volker Ulrich und Ulrike Bahr, einen Festakt einer Rede von Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl, der in Kriegshaber geboren wurde und aufgewachsen war. Josef Strzegowski von der Israelischen Kultusgemeinde Augsburg Schwaben verlas Grußworte von Dr. Henry Brandt, der darauf hinwies, dass von der jüdischen Gemeinde in Kriegshaber nichts mehr übergeblieben ist und eine historische Straßenbahnfahrt die verlorene Vergangenheit nicht wieder zubringen könne. Der abwesende Rabbiner wünschte abschließen jedoch eine positive Zukunft und ein friedliches Zusammenleben aller in der Stadt. Frau Dr. Benigna Schönhagen vom Jüdischen Museum, zu deren Filiale die ehemalige Synagoge in Kriegshaber geworden ist, verlas Grüße von Frau Lise Fischer-Einstein aus Israel, die aus Kriegshaber stammte.

Streichquartett Synagoge Kriegshaber ProbeDvořák in Kriegshaber

Kriegshaber Synagogeנעלם ועד

Synagoge Kriegshaber innen stühleשינוי הכיוון

In den musikalische Pausen gab es Miniaturen von Antonin Dvorak, dargeboten vom Streichertrio des Leopold-Mozart-Zentrums. Als Kuriosum wurde in der ehemaligen Synagoge euphorisch ein Ortsschild präsentiert, das Augsburgs Stadtteil namentlich erwähnt, wenigstens im Untertitel, während der Oberbürgermeister mit Krügen beschenkt wurde, u.a. auch vom Bürgermeister Paulus Metz des benachbarten Stadtbergen. Metz hatte unter großem Gelächter des Publikums auch darauf hingewiesen, dass „die Lebensqualität sich sehr entwickelt hat, vor allem seitdem die Amis weg sind“. Da dies manchen missverständlich war, bekräftgte Metz “Ich lass das jetzt mal so stehen.”

Oberbürgermeister Kurt Gribl präsentiert Ortsschild Universitätsstadt Augsburg Stadtteil Kriegshaber“Universitätsstadt Augsburg – Stadtteil Kriegshaber”

Am Ende der fast eineinhalbstündigen Veranstaltung wurde die Festschrift „Kriegshaber in Bildern – Am Straßenrand der Weltgeschichte“ aus dem Wissner-Verlag vorgestellt, das der katholische Bistumshistoriker Dr. Thomas Groll gemeinsam herausgab mit unserem Mitglied Dr. Christian Kreikle, der auch zahlreiche kurze Artikel für das Buch verfasste.

Darin widmen sich drei Artikel dem sonst eher vernachlässigten jüdischen Anteil der Ortsgeschichte:

Dr. Benigna Schönhagen – Das jüdische Kriegshaber, S: 35-37
Yehuda Shenef – Zur Familiengeschichte jüdischer Viehbauern und Metzger in Kriegshaber, S. 63-65
Yehuda Shenef – Der jüdische Friedhof, S. 107-109

http://www.wissner.com/product_info.php?cPath=156&products_id=5001

118 S., 14.80 €
ISBN 978-3-95786-057-6

Michael Moratti Wissner Verlag Kriegshaber Buch PräsentationMichael Moratti (Wissner-Verlag) präsentiert das Kriegshaber-Buch

Kriegshaber Synagoge Toraschrein aron kodesh“reserviert” für wen ..?

Kriegshaber 100 Jahr Feier Büffet Synagoge Kriegshaberbufett, not kosher, … of course

Kriegshaber Synagoge Fenster AusblickAusblick / outlook

Augsburg Stadtteul Kriegshaber ortsschild Präsentation Hinterhof Synagogeachievement of the dayOB Kurt Gribl Eva WeberKriegshaber 100 Jahr Feier Synagogeמסיבה בבית הכנסת לשעבר

yehuda shenef at former Kriegshaber synagogue April 2016פעם בחיים

Dr. Christian Kreikle Yehuda Shenef Synagoge Kriegshaber AugsburgDr. Christian Kreikle, Yehuda Shenef


Die Ansiedlung jüdischer Landwirte in Deutschland

April 24, 2012

Die obige Überschrift erschien vor ziemlich genau 85 Jahren in der Ausgabe No. 4 der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung (BIG) vom 15. April 1927 auf S. 97 und mag schon damals bei vielen Lesern eine gewisse Verwunderung hervorgerufen haben. Es handelte sich jedoch um eine Absicht, die auf Beratungen und Beschlüssen der Vorstände des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten (RJF, in Augsburg von Herrn Oberdorfer vertreten) beruhte, und beabsichtige Land für jüdische Bauern in Deutschland zu erwerben. Dabei handelte es sich keineswegs um zionistische Bestrebungen, die es seit Jahrzehnten bereits gab und den Nachwuchs für den Auf- und Ausbau landwirtschaftlich geprägter Siedlungen in Israel ausbildete, sondern um ein durchaus deutsch-national verstandenes Projekt. Das daraus nichts wurde und werden konnte, ist in den nach 1927 folgenden Jahren einleuchtend.

Die im Artikel konstatierte „Berufsschichtung“ sieht heute, faktisch ohne verwandtschaftliche Beziehungen und einige Generationen später, 67 Jahre nach der Niederlage des Naziregimes und nach etwa zwei Jahrzehnten jüdischer Zuwanderung aus Osteuropa eigenartiger Weise etwas ähnlich aus. Zwar gibt es nicht sehr viele der meist „russischen“ Juden, die Kaufleute wären, jedoch ist der akademische Anteil beträchtlich, während sich praktisch keine Bauern, Viehhändler oder Hirten finden. Insofern überhaupt Jobs vorhanden sind, entspricht dies heute allerdings auch der Allgemeinbevölkerung, die amtlichen Angaben zu etwa drei Vierteln im Dienstleistungssektor tätig sind. Im Laufe des Jahrhunderts ist der Anteil der v Bevölkerung die in der Landwirtschaft beschäftigt war von 40 auf nunmehr etwa 2 % gesunken.

64 Jahre nach der Gründung des Staates Israel, der durchaus moderne Landwirtschaft betreibt und viele seiner Produkte auch in aller Welt verkauft, ist die Frage, ob die Ansiedlung jüdischer Landwirte in Deutschland eine Perspektive hätte, sicher eigenartig.

Oder …?

Die deutschen Juden gehören zum überwiegenden Teile dem Kaufmannsstand und den sog. akademischen Berufen an. Landwirte und Handwerker sind viel seltener. Dem entspricht auch die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Stadt und Land. Diese einseitige Berufsschichtung ist gewiss erklärlich aus der Bedrückung der Juden im Mittelalter, derzufolge ihnen gerade der Bodenerwerb und der Zugang zum Handwerk versperrt war. Aber es muss von neuem festgestellt werden, dass diese einseitige Berufsschichtung keinesfalls – wie manche bei oberflächlicher Beobachtung meinen – günstig ist, sondern im Gegenteil sehr bedenklich. Nicht etwa, weil diese anormale Verteilung auf die Berufe besonders geistiger Tätigkeit als ein Erbteil aus dem Mittelalter anzusehen ist, sondern weil sie für die Zukunft der deutschen Juden in gesundheitlicher und politischer Beziehung gefährlich ist. Es sei hier nur an den großen Verbrauch von Nervenkraft, an die Kinderlosigkeit in vielen städtischen Ehen gedacht. Es sei angedeutet, dass im Interesse der Verwurzelung eingesessener Juden eine Verteilung der Berufe und damit der Arbeit am deutschen Volkswirtschaftskörper zu wünschen wäre, die einigermaßen der Verteilung der sesshaften Gesamtbevölkerung entspräche.

Dazu kommt, dass die allgemeine Notlage ganz besonders die kaufmännischen Angestellten oder die in wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen tätigen Menschen heimgesucht hat, ja, dass gerade die Juden, die zum größten Teil dem städtischen Mittelstand angehören, besonders leiden, seit diese für die deutsche Kultur so wichtige Mittelschicht mit Untergang bedroht ist.

Sollten nicht große Teile der Judenschaft dem Proletariat verfallen, so muss nach neuen Wegen zur Erhaltung ihres Lebensstandards gesucht werden. Ein solcher Weg ist die Rückkehr zur Landwirtschaft.

Man komme nicht mit dem Einwand aus der antisemitischen Giftküche, dass die Juden dafür nicht geeignet wären. Die Vergangenheit und Gegenwart beweisen in vielen Beispielen, dass dies nicht wahr ist. Wie sehr ist es gerade von diesem Standpunkt zu bedauern, dass die zahlreichen stattlichen Güter jüdischer Landwirte in Schwaben, Franken und in der Rheinpfalz welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, an Zahl und Größe immer mehr zurückgegangen sind.

Es soll jetzt nicht darauf eingegangen werden, die Vorzüge des Landlebens zu schildern, die Gründe anzugeben, warum gerade heute wieder für die deutschen Juden ein geradezu historischer Moment gekommen ist – den man erfassen oder versäumen kann – der Bebauung eigener Scholle sich zuzuwenden.

Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass diese Sachlage auf der diesjährigen Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischen Gemeinden in Fürth ein besonders betonter Gegenstand in der Ansprache des Präsidenten des Rates, Herrn Obergerichtsrat Dr. A. Neumeyer, und der folgenden Aussprache unter den verantwortlichen Führern der bayerischen Juden gewesen ist. Die Anregung, diese Siedlung jüdischer Landwirte von neuem und energischer wie schon mehrmals in den letzten Jahrzehnten zu organisieren, ging vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten aus.

Diese bedeutende Organisation, die schon Großes in der Verteidigung der jüdischen Ehre geleistet hat, hat die Absicht, die Ansiedlung in großen Stile durchzuführen. Sie leitet ihre Berechtigung dazu von der Tatsache her, dass ihre Mitglieder (über 40.000) ausnahmslos mit der Waffe in der Hand in vorderster Front für die Verteidigung des deutschen Bodens gekämpft haben.

Warum aber kann man nicht jeden einzelnen diesen Schritt zur Scholle überlassen? Weil den meisten und gerade den bereits in der Landwirtschaft ausgebildeten Juden die Mittel zum Erwerb eines Eigenbetriebs fehlen und weil der einzelne viel weniger sachliche und persönliche Schwierigkeiten überwinden kann als eine Gemeinschaft. Zur Ausführung dieser Idee will der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten eine jüdische Siedlungsgesellschaft gründen, zu der alle sachliche Vorbereitung bereits getroffen ist. Im Januar haben bereits in Augsburg, München, Nürnberg, Regensburg, Würzburg Versammlungen über diese Angelegenheit stattgefunden, die ihre besondere Note durch die glänzenden Ausführungen des Redners, Herrn Gutsbesitzer A. Sandelwoski, empfangen konnten.

Es verdient Anerkennung, dass der Landesverband Bayerischer Israelitischer Gemeinden die Bestrebungen des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten in moralischer und tatkräftiger Weise zu fördern einstimmig beschlossen hat.

85 years ago the Bavarian Jewish Community journal reported from the intention of the board of Jewish communities in Bavaria and the Reichsbund of German-Jewish front-line soldiers (RjF) to encourage and promote Jewish agriculture based development in order to rectify an “undesirable development” among Jews in Germany, who mostly were occupied in trade or acedemic professions. Since the political conditions and circumstances soon had changed dramatically the intention of course had no chance to get implemented. During the last century German society also has changed regarding employment. In 1912 some forty percent in Germany were occupied in farming and agronomy, while today only less than 2 percent are employed in this field.

Will Jewish farmers be an option for the often proclaimed bright future in Germany?