Henry Landman

January 6, 2015

Zum Tod von Henry Landman (Heinz Landmann), einem der letzten Überlebenden der jüdischen Vorkriegsgemeinde in Augsburg, der 1920 in Augsburg geboren wurde, 1938 emigrierte und 1945 als US-Soldat in seine Heimatstadt zurückkam, erschien in der “Augsburger Allgemeinen” ein Nachruf von Gernot Römer:

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Im-Herzen-blieb-er-Schwabe-id32517767.html

Augsburg Königsplatz LEW Judenstern

Judenstern (magen david) über dem LEW Gebäude am Königsplatz (Ecke Halder- und Schaezlerstr.) Augsburg

ברוך דיין האמת

 

 


Sofia Sonntag aus Litzmannstadt / Lodz ..?

April 3, 2009

Eine weiteres Dokument zu Sofia Sonntag war so eigentümlich und absurd, dass es einer eigenen Betrachtung verdient. Es handelt sich um die Sterbeurkunde, ausgestellt am 16. August 1961.

Es heißt dort:

Die Jüdin Sofia Sonntag

wohnhaft in  KZ . Lager in Türkheim

ist am        7. Mai 1961    um    6   Uhr

in      Wiedergeltingen     verstorben.

Ihr Geburtsdatum war dem Schreiber März (der diesesmal Standesbeamter ist) unbekannt. Jedoch sagt er, dass sie aus Litzmannstadt, Polen stammt und nicht verheiratet war.

Zudem schreibt er: “Alter standesamtlicher Vermerk 30 Jahre.”

Auf welches Standesamt er sich bezieht? Wohl auf sein eigenes, da er das Geburtsdatum nicht kennt.

Wir wissen nun etwas mehr als zuvor, können uns aber nicht unbedingt auf seine Angaben verlassen. Zum einem hat er sich wohl damit vertan, als er das Todesdatum nun auf das Jahr 1961 datiert. Zum anderen ist die Angabe “wohnnaft im KZ Lager in Türkheim” etwas makaber, außer man betont den Begriff wohnhaft explizit auf der letzten Silbe. Wie auch immer ist aber wohl klar, dass es 1961 auch in Türkheim kein KZ Lager mehr gab.

Es gibt eine ganze Reihe von Holocaust-Opfern mit dem Familiennamen Sonntag die Lodz oder Litzmannstadt zugeortnet werden. Viele sind allerdings auch nur gelistet als Bewohner des Ghettos und in varierenden Schreibweisen als Sonntag, Sontag oder sehr häufig auch Zontag. Natürlich kann auch ihr Vorname anders geschrieben sein als Sophia, Zofia, Zofja …

Auch die Angabe, dass sie in Lodz geboren wurde, muss nicht notwendigerweise stimmen.

 

A concentration camp tuerkheim in 1961 ..?

A concentration camp tuerkheim in 1961 ..?

 

Another document regarding Sofia Sonntag was so peculiar and absurd that it deserves a separate consideration. It is the death certificate, issued on 16 August 1961.

It says:

The Jewess Sofia Sonntag

residing in KZ Camp in Tuerkheim

Died on 7th  of May 1961 at 6 clock in Wiedergeltingen.

Her date of birth was unknown the writer Maerz (this time he is  Registrar). However, he says she was born at Litzmannstadt (Lodz), Poland and was not married.

Moreover, he writes: “registrar note Age 30 years.”

But to which registrar’s office he refers to? Obviously to his own one because he does not know her date of birth.

We now know a little more than before, but we can not necessarily rely on the information provided by the documents of Mr. Maerz. On the one hand, he made the mistake to date her  death date to 1961. On the other hand, the words “residing in concentration camp in Tuerkheim” are somewhat macabre, except you emphasize the notion explicitly on the last syllable of the German word for residing wohnhaft and you read it as “Haft”, meaning “imprisonment”, “arrest” or “jail”. However, it is quite clear that even in 1961 Tuerkheim existed no longer a KZ concentration camp.

 

There are a number of Holocaust victims with the surname Sonntag (German for “Sunday”) associated with Lodz or Litzmannstadt. Many, however, are only listed as inmates of the Lodz Ghetto and in different spellings as Sonntag (with double n), Sontag (with single n), or very often Zontag (the Polish spelling with z). Her given name may be spelled as Sophia, Zofia, Zofja, … as well.

 

The indication that she was born in Lodz, has not necessarily to be correct.

 


Synagoge Kriegshaber

July 18, 2007

Synagoge Kriegshaber UmgebungSynagoge Kriegshaber front

Alte “Judenhäuser” KriegshaberKriegshaber Thora Vorhang 1723 Synagoge Kriegshaber Rückseite

 

Die jüdische Gemeinde im (bis 1805)(vorder)österreichischen Kriegshaber bestand hauptsächlich entlang der Hauptstraße (heute Ulmerstraße), zwischen dem (von Juden erbauten) „Zollhaus“ und dem „Spectrum“ (ehemalige Turnhalle).

Wie die Gemeinde geht auch ihr erstes Bethaus wenigstens auf die Zeit um 1540 zurück, ist aber wohl älter. Im nordöstlich benachbarten Oberhausen bestand c. von 1420 bis 1560 eine kleine jüdische Gemeinschaft an der Zollernstraße unweit des alten Oberhausener Schlosses (heute: Josefinum-Klinik). Auch bei Christen war Kriegshaber zunächst eine Oberhauser Filialgemeinde. Die heutige Kirche gegenüber der Synagoge wurde erst sehr spät, um 1870 gebaut, nachdem am selben Platz ein geplanter Neubau einer liberalen Synagoge mit orientalischen Fassaden mangels Interesse nicht zustande kam.

Der stattdessen weiter benutzte Bau basiert auf den bereits 1550 genutzten Wohnhaus, wurde aber mehrmals baulich verändert. An die für die Mikwe hinter der Synagoge benötigten Wasserquelle erinnert heute noch der christliche “Brückenheilige” Nepomuk, während der Bach inzwischen verschwunden ist. Der heutige “Synagogen”-Bau geht auf das Jahr  1669 zurück und wurde 1729 und 1840 renoviert. Von 1862 bis 1912 hatte das Gebäude bunte, rot-blaue Fenster. Die letzte Restaurierung war 1913. Anders als die Nachbargemeinden in Pfersee, Steppach und Schlipsheim die alle die 1870er Jahre nicht überstanden, blieb die Kriegshaber Gemeinde bestehen, freilich auch nur bis 1941. Die Synagoge wurde von lokalen Nazi geschändet und entweiht, aber nicht zerstört.

1945 nutzen jüdisch-amerikanishe Soldaten zusammen mit einer Anzahl meist aus Osteuropa verschleppter sog. „KZniks“ das halbwegs intakte – wie bereits 400 Jahre früher – als simplen Betraum, für den es nur einen Tisch, einen Schrank und eine Handvoll Stühle bedurfte. Bis 1951 gab es freilich nur sporadische Gottesdienste. Im selben Jahr endete man auch damit, am jüdischen Friedhof von Kriegshaber / Pfersee zu begraben.

Hernach wurde das Gebäude verkauft und aufgeteilt. Unterhalb des Betraums befand sich eine Wohnung (die zuletzt von einem Kroaten bewohnt war, der dem Verfasser bekannt ist). In den letzten Jahren stand das Gebäude leer und litt stark durch Witterung. Eine Reihe von Nutzungs-Ideen scheiterten an mangelnden finanziellen Mitteln. Der jüdischen Gemeinde in Augsburg, die mit etwa 1800 Mitgliedern ihren historischen Höchststand erreicht hat, käme eine zweite Synagoge durchaus gelegen, da viele der russisch-sprachigen, überwiegend älteren Aussiedler in den Stadtteilen Pfersee, Kriegshaber und Oberhausen wohnen.

Finanziellen Support dafür wird es aber nicht geben, denn so viel „Normalität“ braucht es dann doch wieder nicht. Das Gebäude wird also entweder baufällig einkrachen (10 %-Wahrscheinlichkeit, möglich, aber zu schlechte Publizität), weiterhin behelfsmäßig ausgebessert und neu gestrichen (20 %-Wahrscheinlichkeit, weil billig und „fachmännisch“ begründbar), an einen privaten Investor veräußert, der das Haus komplett umbaut (wie in Harburg), sich aber der historischen Bausubstanz bewusst ist und die strengen Auflagen des Denkmalschutz einhält und übererfüllt (20 %-Wahrscheinlichkeit, weil kostet nicht viel, sondern bringt sogar Geld (doch dann: wohin damit??) und beseitigt das alle Jahre wieder mal aufkommende leidige Thema), offizielle Umwidmung mit richtig viel Geld aber ohne rechtes Konzept und Bedarf zum „Dokumentationszentrum für das schwäbische Landjudentum“, „Begegnungsstätte Kriegshaber“, wo man Weihnachtslieder mit Klezmer, Döner und Räucherstäbchen vermischen kann, für 5 Millionen Euro, damit dort später eine wissenschaftliche Hilfskraft zwei Mal im Monat erklärt, was den Zerstörungen entgangen ist und was es bedeutet haben könnte. Wahrscheinlichkeit 45 %, da „die große Lösung“ der aufstrebenden Boomtown-Region Augsburg am ehesten nahesteht. Die restlichen 5 % bleiben übrig für nicht erwartbare, aber auch nicht kategorisch auszuschließende Überraschungen, wie etwa Ankauf durch die Lauder-Stiftung, die in Kriegshaber eine Charedim-Kolonie ansiedelt oder Chabad, die Kriegshaber für sich entdecken, … vielleicht wartet man aber auch bis das Gebäude zur Moschee konvertieren werden kann. Wir werden es sehen, oder auch nicht.

Eine jüdische Gemeinde, die es von 1540 bis 1940 hier gab und seitdem nicht mehr, wird es aber nicht mehr geben. Wetten?