Militärische Ehre für Oberst Carl von Obermayer

December 15, 2008

Im Rahmen unserer Bemühungen zur Erhaltung und Restauration des Jüdischen Friedhofs in Kriegshaber erhielten wir am 24. November hohen militärischen Besuch: Brigadegeneral Johann Berger, stellvertretender Befehlshaber der Deutschen Bundeswehr im Wehrbereich Süd erwies Oberst Carl von Obermayer die Ehre seines Besuches und zeigte sich bestürzt über den jämmerlichen Zustand der stark beschädigten Grabplatte, wie auch des desolaten Zustandes des Friedhofs Kriegshaber im Allgemeinen.

 

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Carl von Obermayer (1811 – 1889) gilt als der ranghöchste jüdische Soldat der Bayerischen Armee und kommandierte von 1862 bis 1869 die Augsburger Landwehr. Wie bereits sein Vater Isidor und sein Großvater Jakob Obermayer ist er am jüdischen Friedhof im heutigen Augsburger Stadtteil Kriegshaber begraben. Wie sie war auch er Bankier. Im Jahre 1803 gehörten die Obermayer neben dem Haus Westheimer & Straßburger und den in Kriegshaber altansässigen Ullmann zu den drei jüdischen Häusern, die nach der Gewährung gewaltiger Kreditsummen an die hoch verschuldete und die um ihre Unabhängigkeit gegenüber Bayern kämpfende Freie Reichsstadt Augsburg, dort ein bleibendes Aufenthaltsrecht erhielten. Freilich gegen massive Widerstände in der Augsburger Bürgerschaft, insbesondere der Kaufleute und unter absurd anmutenden Auflagen.  Dazu gehörte beispielsweise, dass sich die drei Bankierfamilien verpflichten mussten, „unter keinem Vorwand … sich mit anderen kaufmännischen Geschäften zu befassen, als mit dem Wechselverkehr, dem Juwelenhandel und der Handlung im Großen, deswegen es ihnen nicht erlaubt ist, einen offenen Laden zu halten“. Anders als etwa im mittelalterlichen Augsburger Stadtrecht von 1276 und all seinen späteren Zusätzen wurde den Juden nun jeder andere als der Gelderwerb in der Stadt verboten. Die Ausübung ihrer Religion erlaubte der Magistrat hingegen, „wenn sie ihre Religionsübungen innerhalb ihrer Wohnungen etc. halten wollen“. Das erste Wohnhaus der Obermayer war am Obstmarkt wo im Mittelalter auch ein jüdische Wohnviertel bestand. Dort richteten die Obermayer später auch das erste inoffizielle Bethaus der Neuzeit ein, ehe in den 1860er Jahren ein Haus in der Wintergasse für diesen Zweck angekauft und umgebaut wurde.

Carl wurde 1811 als Sohn von Isidor Obermayer, einem Mitbegründer der 1834 auf Initiative König Ludwig I. ins Leben gerufenen Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank (heue Bayerische Hypo- und Vereinsbank), in Augsburg geboren. Ab 1846 war Carl Obermayer Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg. Von 1853 bis 1867 war er der Vorsitzender der langsam aber stetig wachsenden Jüdischen Gemeinde und somit auch erster Vorsitzender der 1861 formal gegründeten Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg. Seiner weiteren sozialen Verantwortung in Augsburg kam er als Mitbegründer einer Suppenküche für Bedürftige und eines Vereins zur Integration von Strafentlassen wie auch der Etablierung der ersten Freiwilligen Feuerwehr in Bayern. Da ihm im Gegenzug untersagt wurde, den 1869 vom württembergischen König Karl I. verliehenen Adelstitel „von“ auch in Bayern zu führen, verlegte Carl von Obermayer seinen Wohnort nach Wien, wo er am 13. Januar 1889 verstarb. Seine Beisetzung fand jedoch Jüdischen Friedhof Kriegshaber im Obermayer‘schen Familienensemble statt. Die meisten Gräber des Ensembles, dass wir erst im letzten Oktober mühsam und sorgfältig freigelegt hatten, sind heute freilich zerstört oder grob beschädigt. Vom Grabmal Jakob Obermayers ist nur noch der Grundstein erhalten, von Isidor Obermayers Grabmonument ist nur eine kleine, kaum noch lesbare Platte erhalten, während die Grabplatte von Oberst Obermayer mehrfach zerschlagen ist.

 

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(General Berger, Hr. u. Fr. Delles, Margit Hummel, Yehuda Schenef)

Wir hoffen sehr, dass es uns mit vereinten Anstrengungen gelingen wird, dass Andenken an diese herausragenden Persönlichkeiten der Augsburger Stadtgeschichte zu bewahren und die Grabmale der Obermayer zu restaurieren.

 

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Wir bedanken uns deshalb sehr herzlich bei Herrn General Berger für seinen Besuch und seine Bereitschaft, unsere Anliegen zu unterstützen. Unserer besonderer Dank gilt auch Herrn und Frau Delles, die den hohen militärischen Besuch im winterlichen Kriegshaber ermöglichten.

 

(Photos: (c) JHVA: Jakow Samoylovych, Yehuda Schenef)


Die Rechte der Juden Augsburger Stadtbuch von 1276

August 20, 2008

Die Einzelbestimmungen des „Augsburger Judenrechts“

 

Unsere eigene Übersetzung (COPYRIGHT!) der Bestimmungen aus dem Stadtrecht will einerseits für heutige Leser verständlich sein, andererseits aber wo immer möglich auch den Eigencharakter des mittelhochdeutschen Textes bewahren.

 

 

§ 1 Welch Recht die Juden haben sollen, die hier zur Stadt wohnen

 

Hat ein Christ zu klagen gegen einen Juden, soll der Vogt auf ihrer Schule richten mit den Bürgern und den Juden. Und wenn sie mit ihren Fürsprachen gegeneinander stehen, so soll der Vogt einen Christen fragen und ihr Richtereinen Juden, und man soll die Urteile dann zusammen nehmen und nach der Mehrheit folgen. Und wenn dem Juden ein Eid erteilt wird[1], so soll er für den Eid vierzehn Tage Frist haben und er soll ihn dann tun vor dem Vogte auf der Schule nach jüdischem Recht.[2] Wird aber dem Christen ein Zeugnis erteilt gegen den Juden, das er nicht bezeugen will, wenn er selbst Dritter ist, sollte davon einer auch ein Jude sein.

 

§ 2 Wenn ein Jude einen Christen verklagt

Klagt ein Jude gegen einen Christen, welche Sache es auch ist, betrifft esdas Gericht des Vogtes oder des Burggrafen, so soll er den Eid des Christen nehmen. Will er aber bezeugen, soll er das tun zu dritt, mit demselben und mit zwei Christen.

 

§ 3 Bezüglich eines beschlossenes Pfands, das man Juden setzt

Wird einem Juden ein beschlossenes Pfand gesetzt ohne Bürgen, so soll er gehalten Jahr und Tag, ist es der Pfennige Wert. Ist es ihr nicht wert, so mag er den Burggrafen klagen, dass man ihm mehr Pfand geben soll[3] oder dass er es rechtskräftig verkaufen kann.

 

§ 4 Wenn ein Christ und ein Jude zu Kriege werden

Wird einem Juden ein Pfand gesetztund werden der Christ und der Jude miteinander zu Kriege[4], entweder weil das Pfand so viel stand oder so lange und hat der Jude das Pfand in seinem Gewahrsam, dann soll der Christ es auslösen, wofür der Jude es bereit ist zu geben.

 

§ 5 Wenn ein Jude auf ein Ross leiht

Leiht ein Jude seine Pfennige auf ein Ross, soll er es zum Fütterer stellen und soll Bürgschaft darauf nehmen. Geschieht dem Ross durch Verschulden des Juden ein Schaden, soll er den Schaden tragen. Geschieht aber dem Ross ohne Verschulden des Juden ein Schaden, sollen der Selpschol[5] oder seine Bürgen den Schaden tragen.

 

§ 6 Wenn ein Christ sein Gut, das ihm gestohlen wurde in der Gewalt eines Juden findet

Findet ein Christ sein Gut, das ihm gestohlen oder geraubt wurde,  in der Gewalt eines Juden, soll der Jude ihm dafür das Hauptgut erstatten. Dünkt der Christ aber der Lösung zu viel, soll ihm der Jude es beweisen nach jüdischem Recht. Es soll auch kein Jude ein beschlossenes Pfand entgelten, das um ein Drittel teuer ist.

 

§ 7 Es soll kein Jude leihen auf ein Messgewand noch auf einen Kelch noch auf den nächsten Tag, was mit Gewissheit zur Kirche gehört.

 

§ 8 Es soll kein Jude von einem halben Pfund Pfennige mehr Nutzen[6] nehmen, als zur Woche zwei Pfennige und von Sechzig einen.

 

§ 9 Fließt[7] einem Christen sein Pfand, und bekommt er das Pfand nicht wieder, so soll es der Jude dem Christen nach seinem Eid entgelten.

 

§ 10 Schlägt ein Christ einen Juden zu Tode oder ein Jude einen Christen oder verwundet einer den anderen, oder wenn ein Christ einen Juden oder ein Jude einen Christ zur Gewalt anstiftet oder die Juden untereinander, sei es mit Totschlag oder, dass einer den anderen verwundet, soll man dem Vogt büßen, wie es in seinem Recht geschrieben steht.

 

§ 11 Liegt ein Jude bei einer Christin und findet man beide bei der Freveltat,  so soll man beide verbrennen. Ist es aber, dass der Vogt inne wird, dass sie voneinander kommen, lädt ihn der Vogt vor Gericht deswegen, so soll er seine Gunst gewinnen nach seinen Gnaden, ob man ihm bringt, was Recht ist.  

 

§ 12 Begeht ein Jude einen Diebstahl an einem Juden oder Christen und wird er bei der Freveltat gefunden, so soll man sofort über ihn richten, was Recht ist. Kommt er aber davon und wird darum vor Gericht geladen, so soll man ihm bezeugen was Recht ist oder man soll sein Recht darum nehmen.

 

§ 13 Wenn ein Jude Fleisch schlachtet, es sei Rind, Schaf oder Kalb, das soll er selber töten. Und wenn er das nicht will, dann sollen die Juden eine besondere Bank haben und ein Jude soll darüber stehen und es verkaufen und kein Christ, und derselbe Jude soll einen Judenhut aufhaben.

 

§ 14 Es sollen die Juden auch gesondert baden und mit keinen Christen.

Diese ursprüngliche Regelung aus dem Stadtbuch von 1276 besagt schlicht, dass Juden getrennte Bäder benutzen sollten, was ganz und gar im Interesse der Juden lag und auf der Vorgabe des Wormser Privilegs basierte.

 

Bemerkenswert am Augsburger Stadtrecht ist nun eine ausführliche Ergänzung, die nur 14 Jahre später handschriftlich in das Stadtbuch aufgenommen wurde:

 

In Namen des Herren! Wir die Ratgeber der Stadt Augburg tun kund allen, die diesen Brief lesen, hören oder sehen, dass uns die Juden von der Stadt Augsburg lange angelegen sind mit der großen Bitte, dass wir ihnen erlauben ein Badehaus zu machen, in dem sie und ihre Kinder und ihr Gesinde innen baden wann es ihnen fügt, dass sie uns nicht Ungemach täten in unseren Bädern und keine Gemeinschaft dort mit uns hätten. Da sind wir übergesessen mit guter Betrachtung und sind überein gekommen mit dem großen Rat, mit dem kleinen Rat und mit der Gemeinde der Stadt überall, das wir in vereintem Mute und mit guten Willen erlaubt haben, das Haus des Haerpher und das Spital Badehaus, mit der Bescheidenheit, dass sie und ihre Kinder und ihr Gesinde, die ihr Brot essen, Juden und Christen, und auch Juden von fremden Landen und fremden Städten da baden mögen und sollen, wann (immer) es sich fügt. Und der Wirt der dann des Badhauses Pfleger ist, soll keinen Christen baden zu keiner Stunde, der nicht ihr Gesinde ist, weder Bürger, noch Gast noch ledigen Mann. Verstößt er dagegen, keinen Christen zu baden, er wäre Bürger, Gast, Wirt oder lediger Mann, und bringt man vor, dass es gegen das Recht ist, so schuldet er dem Vogt und der Stadt eine Strafgebühr[8] fünf Schillinge Augsburger Pfennige, so oft wie er es bricht und die Strafgebühr gehört dem Vogt und der Stadt.

Da dieser Brief gegeben war, waren von Christus Geburt zwölfhundert Jahre in dem neunzigsten Jahr am Sankt Nikolaus Abend.

 

Mit diesem nachgearbeiteten Passus endet das 18. Kapitel des Augsburger Stadtrechts von 1276 bezüglich der Bestimmungen für die Juden in der Stadt, die regeln sollten, welche Rechte sie daselbst haben sollten.

 

 

Wie war es darum nun bestellt? Was können wir daraus ableiten? Zunächst können wir feststellen, dass anders als in den Bestimmungen zwischen der (noch) Freien Reichstadt und den Juden aus dem Jahre 1803 – die wir an späterer Stelle ausführlich besprechen – ihr Aufenthalt in Augsburg an keine Bedingungen geknüpft wird. Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, Juden sei im Mittelalter nur das Geldgeschäft gestattet und möglich gewesen, finden wir im Stadtbuch von 1276 wie auch in den späteren Nachträgen überhaupt nichts, was die gewerbliche oder berufliche Tätigkeit der Juden in irgendeiner Weise darauf beschränken könnte oder auch nur wollte.

 

 

Demgegenüber finden wir neben den Bestimmungen zur jüdischen Fleischbank wiederholt einzelne Notizen auf Bäcker, Bademeister oder aber auch Apotheker oder Weinschenke in der Stadt. Auch in den Bestimmungen zu einzelnen Berufsgruppen finden sich keine Hinweise, dass die Ausübung eines bestimmten Handwerks Juden untersagt gewesen wäre.

 

 

Das Augsburger Judenrecht bestätigt in der Rechtstradition des Wormser Privilegs die Autonomie der jüdischen Rechtssprechung in der Stadt. Juden die im Streitfall mit einem Christen als Kläger oder Beklagte einen Eid zu schwören verpflichtet werden, tun dies nach jüdischem Gesetz, im paritätischen Gericht in der Judenschul, also der Synagoge in der Gegenwart der jüdischen Gemeinderichter, der städtischen Vertreter und des Vogtes. Für die Darlegung des Eides wurden dem Juden vierzehn Tage Zeit, Bedenkzeit, eingeräumt, was für die damaligen Rechtsverhältnisse bemerkenswert ist. Auch für Christen ist, als Kläger oder Beklagte, die Synagoge der Gerichtsort. Ein Umstand, der der Augsburger Geistlichkeit keineswegs gefiel, aber trotzdem 160 Jahre Bestand haben sollte. Kapitalverbrechen, wie Mord, Totschlag, Körperverletzung oder Anstiftung zur Gewalt kennen keine Unterschiede zwischen Christen oder Juden. Letzteren wurde, anders als Christen zugestanden, Tiere selbst zu schlachten, so sie nicht den Schochet[9] der jüdischen Fleischbank in Anspruch nehmen wollten. Nebenbei erfahren wir auch, dass es Juden gestattet war, christliche Bedienstete zu halten, die neben Lohn und Brot auch die hygienischen Einrichtungen der Juden benutzen durften.

 

 

Noch aus dem Jahre 1374 findet sich im Stadtbuch eine Ergänzung zum 27. Artikel, die die autonomen Rechte der Judengemeinde in Augsburg gesondert hervorhebt, bekräftigt und sogar noch in rechtlicher Hinsicht ausweitet.

 

 

Man soll auch wissen, dass die Juden die hier zur Stadt wohnen und hier herkommen, es seien Gäste oder andere Juden, das Recht haben, dass kein Vogt richten soll, was Juden einander tun, ohne den Totschlag und ohne Körperverletzung, wenn etwa ein Jude sich mit einem anderem überwerfe und ihm etwas täte, ohne Totschlag und ohne Körperverletzung. Es sei denn, dass der eine dann zu dem Vogt ginge und den anderen verklagte, nur dann soll der Vogt richten. Derselbe Jude ist dem Vogt so er klagt, schuldig eine Mark[10] Silbers.

Nunmehr unterstanden nur noch schwere Gewaltverbrechen unter den Juden der Gerichtsbarkeit des Vogtes. Alles andere wurde als innerjüdische Angelegenheit angesehen und der bloßen Zuständigkeit des Rabbinatsgerichtes unterworfen.

 

 

Die weit reichende Gerichtsautonomie der Juden in der Stadt stieß bei der christlichen Geistlichkeit aber keineswegs auf Gegenliebe, insofern sie auch das Erscheinen von Christen vor dem Rabbinatsgericht umfasste. Das war insofern verständlich, als das Christen, die als Kläger oder Beklagte anders behandelt wurden, wenn ihr Prozessgegner ein weiterer Christ oder aber eben ein Jude war. Für das christliche Empfinden der Geistlichen war es unerträglich, dass ein Christ, womöglich noch als Opfer eines Verbrechens durch einen Juden sich tatsächlich vor einem rabbinischen Gericht verantworten musste. Dieses war zwar paritätisch mit Juden und Christen besetzt, doch erklärt sich die Unzufriedenheit sicher nicht nur aus dem für Kleriker demütigenden Umstand, dass die Synagoge Gerichtsort war. Gewiss spielte dies aber schon psychologisch eine gewichtige Rolle und das festgelegte Arrangement des Stadtbuchs von 1276 schanzte den Juden damit einen erheblichen Vorteil zu, konnte doch kein Vergehen mit jüdischer Beteiligung unabhängig von jüdischen Richtern entschieden werden. Offenkundig waren die paritätischen Gerichte auch so angelegt, möglichst gangbare Kompromisse zu finden, die übergeordneten Interessen, wie insbesondere etwa die reichlichen jüdischen Steuerleistungen, nicht durch eigenwillige Präzedenzfälle zu gefährden. Rechtlich waren die Juden in der Stadt keineswegs benachteiligt, sondern wie etwa die christliche Geistlichkeit privilegiert.

 

 

Zwar waren die jüdischen Sonderrechte den Klerikern immer schon ein Dorn im Auge, doch erst der erstarkende religiöse Fanatismus des frühen 15. Jahrhunderts sollte dazu führen, die Sonderrechte der Juden rasch soweit einzuschränken, dass sie letztlich zu einer weitgehenden Entrechtung der Judengemeinde führten.

 

 

 (Yehuda Schenef 2004/08)

 

 

 

 

 

[1] Besagt, dass er vereidigt werden soll. Die bloße Zeugenvernehmung ist klar unterschieden von einem geschworenem Eid, dem insgesamt im Prozessrecht eine überragend hohe Bedeutung und allseitig eine faktische Beweiskraft zugemessen wird.

[2] Der Eid nach jüdischem Recht sah ein Schwören auf die heilige Thora vor.

[3] Über das Burggrafengericht kann er einen höheren Rückkaufwert anstreben.

[4] Statt „zu Kriege werden“ sagt man heute „in Streit geraten“

[5] Selbstschuldner, der selbst für seine Verbindlichkeiten ohne Bürgen einsteht

[6] Zins

[7] flüssig machen im Sinne von Annullierung eines Geschäfts

[8] Kaltnus oder Galtnus = Geltnis = Strafe

[9] Schächter

[10] Sozusagen als Bearbeitungsgebühr, deren Höhe sicher auch Juden davor abschrecken sollte, sich an die außerjüdische Gerichtsbarkeit zu wenden.



Der Status der Juden im Augsburger Stadtrecht von 1276

August 17, 2008

Anders als das Stadtrecht von 1156, das älteste in Deutschland, ist das „Stadtbuch“ von 1276 in deutscher Sprache verfasst. Es ist eine der ältesten mittelhochdeutschen Urkunden und eine wahre Fundgrube für alle, die Rechtsgeschichte oder die schöne Sprache studieren. Es mutet deshalb etwas seltsam an, dass das Dokument bis heute noch nicht vollständig ins Hochdeutsche übertragen wurde. Erst 1872 erschien eine Druckausgabe des handschriftlichen Textes, die jedoch nur Anmerkungen, aber keine Übersetzung bietet. Die städtische Verfassung war unter Rudolf von Habsburg entstanden und von einem vierköpfigen Gremium städtischer Räte ausgearbeitet, das auch Geistliche zu Rate zog. Sie verfügten mit kaiserlicher Zustimmung eine Vielzahl von Bereichen wie Zoll, Steuern, Anordnungen über die Nutzung von Gewässern, Wegen, Münz-, Prozess- und Strafrecht. Als Berater für das Judenrecht stand allem Anschein nach Rabbi Meir zur Seite, von 1246 bis 1250 selbst Rabbiner in Augsburg und in jener Zeit als Reichsrabbiner bevorzugter Adressat von Kaisern, Königen, Bischöfen und Stadtoberen im ganzen Reich war. Einige der Verfügungen lassen seinen Einfluss deutlich erkennen.

 

Ein Verständnis der Bestimmungen über den Rechtsstatus der Juden in Augsburg ist im zeitlichen Abstand von über siebenhundert Jahren nicht ohne weiteres möglich. Zudem ist es undenkbar, das „Judenrecht“ aus dem Kontext der vielgestaltigen Gerichtsbarkeit als singuläres Element herauszulösen, da dies unweigerlich zu den verschiedensten Missverständnissen und Fehlurteilen führen muss. Man kommt deshalb nicht umhin, einige grundlegende strukturelle Voraussetzungen der innerstädtischen Machtverhältnisse auszuführen. Obgleich die Reichstadt der kaiserlichen Hoheit unterstand, fungiert der Bischof als formeller Gesetzgeber, während der Gesetzeskodex andererseits tendenziell auch ein Instrumentarium darstellt, die Macht des Bischofs zu beschränken und die Bürgerschaft zu stärken.

 

Die Rechts- und Prozessfähigkeit

 

Allgemein gesprochen konnte jede Person als Streitpartei rechtsfähig sein, mit Ausnahme von Geächteten, Mönchen und Leibeigenen. Letztere galten als „Sachen“, für die sich ihr Eigentümer zu verantworten hatte. Prinzipiell galt das Recht also für alle „Bürger“, nicht zu verwechseln mit (bloßen) Einwohnern, denn als Bürger galt nur, wer auch Steuern entrichtete. Habenichtse schloss dies aus und Auswärtige betraf es nur, solange sie sich vor Ort befanden. Andernfalls mussten Prozesse gegen sie an ihrem heimischen Gerichtsort angestrebt werden.

 

Von der Rechtsfähigkeit unterschied sich freilich nochmals die Prozessfähigkeit, die Grundlage dafür war, als Prozesspartei vor einem Gericht aufzutreten. Letzteres setzte die Mündigkeit einer Person voraus, die nach unterschiedlichen Angaben im Stadtbuch im Alter von 13 bis 15 Jahren einsetzte. Dies betraf freilich nur männliche Personen. Knaben unter diesem Alter wurden von ihren Vätern vertreten. Frauen jedoch unterlagen zeitlebens einer sog. „Geschlechtervormundschaft“ und waren deshalb prinzipiell nicht prozessfähig.

 

Das Augsburger Stadtrecht stellte Frauen damit Knaben unter 13 Jahren oder „Toren“, also Schwachsinnigen gleich. Neben ihnen waren ganz allgemein auch die Dienstmänner als „Huber“ und „Grundholden“ weltlicher oder „Zinsleute“ geistlicher Herren von der Prozessfähigkeit ausgeschlossen. Für sie nahmen ihre Herren vor Gericht Stellung. Jüdische Hausbesitzer hingegen besaßen das Bürgerrecht.

 

Die komplexe Gerichtsbarkeit der Stadt unterteilt sich in mehrere Gerichtsorte und Instanzen, die sich je nach Begebenheit oder Sachverhalt einander bedingten oder aber einander ausschließen konnten. Sie spiegelten die geteilten Machtverhältnisse in der Stadt wieder, die zwischen geistlichen und weltlichen Herrschern, ihren jeweiligen Vertretern und den Stadträten zu keinem Zeitpunkt unumstrittenen war. So ist als scheinbarer Kompromiss das städtische Gericht bereits zweigeteilt, nämlich in das des bischöflichen Burggrafen und in jenes des königlichen Vogtes.

 

Neben diesen „weltlichen“ Gerichtsinstanzen gab es ein geistliches Gericht – das   „Capitel“ oder Chorgericht – mit dem Bischof selbst als Gerichtsherrn, der sich in der Regel freilich von seinem Offizial vertreten ließ. Das Capitel war fast ausschließlich für Kleriker oder religiöse (also innerkirchliche) Streitfragen und das Eherecht zuständig, daneben aber auch für Pfandgeschäfte und Wucher. Als Inhaber des Münzregals waren die Bischöfe schließlich auch allein berechtigt, den Handel mit Silber zu betreiben oder Münzen herauszugeben, einzuziehen und verhandelten alles, was damit in Berührung stand.

 

Der Begriff der Gleichberechtigung ist ein moderner und hat in der Welt des Mittelalters weder eine Entsprechung noch überhaupt eine Grundlage. Die heute selbstverständliche Auffassung alle Menschen seien vor dem Gericht gleich, wozu wir mehr als nur Ansätze in der Bibel finden, spielte in der mittelalterlichen Welt keine Rolle. Sie existierte gar nicht und hätte die damaligen Menschen zumindest sehr beunruhigt oder völlig überfordert. Im Gegensatz dazu legte man äußersten Wert auf Sonderrechte und Vorzüge, die man entweder als einzelne Person, als Familie oder Gruppe in Form von Freibriefen verliehen bekam. Solche Sonderrechte genossen verschiedene Parteien oder Personen, etwa Adelige, Händler oder Geistliche, die ja teilweise auch heute noch der geltenden Rechtsnorm entsprechen. Wie Klöster oder Kaufleute genossen auch Juden Sonderrechte.

 

 

Grundlagen des jüdischen Rechts

 

Auf das Jahr 1090 bereits geht das Rechtsstatut der Kammerknechtschaft Heinrich IV. zurück, welches zunächst die Rechte der jüdischen Gemeinde von Worms definierte und deshalb auch gelegentlich als Wormser Privileg bezeichnet wird. Die darin getroffenen Regelungen garantierten den Juden Schutz von Leben und Eigentum, Freiheit in der Ausübung ihrer Religion, das Recht des freien Handels und der Beschäftigung christlichen Hauspersonals, nebst der Autonomie in der innerjüdischen Rechtssprechung. Für Streitfälle zwischen Juden und Christen wurden hingegen Verfahrensregeln festgelegt. Im Jahre 1236 bestätigte Friedrich Barbarossa das Wormser Privileg und erklärte es für alle Juden und -gemeinden im Reich für rechtsgültig. Die Juden nannte er in diesem Rechtsdokument servi camerae nostri, wörtlich also „Diener unserer Kammern“.

 

 

Das wesentlichste Merkmal des Augsburger Judenrechts im Stadtbuch von 1276 ist zunächst die formelle Anerkennung der eigenen, unabhängigen Rechtssprechung der Juden in der Stadt nach dem Grundsatz des Wormser Privilegs und dessen Fortschreibung. Immer wieder betont das Augsburger Stadtrecht deshalb ganz beiläufig, dieses oder jenes sei nach dem jüdischen Recht zu entscheiden. Das Augsburger Bet Din verfügte also über eine weit reichende Souveränität in der Jurisprudenz, die sie befugte alle innerjüdischen Angelegenheiten, insofern sie nicht Kapitalverbrechen betrafen, völlig autonom zu entscheiden. Entsprechend erspart es sich das Stadtrecht auch, darauf in irgendeiner Weise inhaltlich Bezug zu nehmen und zitiert deshalb keinerlei Bestimmungen des umfangreichen rabbinischen Gesetzes. Ähnlich verhält es sich aber freilich mit den Rechtsstatuten des Burggrafen oder des Vogtes, die gleichfalls eine eigene Gerichtsbarkeit in der Stadt unterhielten. Auch deren Bestimmungen werden nicht zitiert, sondern wie die der Klöster fraglos als gegeben vorausgesetzt.

 

Neben diesen äußeren Faktoren waren für den Rechtsstatus der Juden selbstverständlich auch innerjüdische ausschlaggebend. Die verbindlichen Grundlagen des rabbinischen Rechts sind die Bestimmungen der Thora, also der Gesetze der ersten fünf Bücher der Bibel. Darin finden sich neben den allgemein bekannten zehn Geboten insgesamt 613 Gebote und Verbote.

 

Eines davon legt bereits dort die Grundlage für die späteren Rabbinatsgerichte: „Handle nach den Weisungen und den Rechtsentscheiden, die sie (die Richter) dir erteilen und weiche von ihren Bestimmungen nicht ab, weder nach links noch nach rechts.“[1]

 

Das rabbinische Bet Din setzte sich aus einem Rat zusammen, dem mehrere Dajanim angehörten. Da Urteile von Einzelrichtern zu keiner Zeit Rechtsgültigkeit besaßen, betrug die minimale Anzahl in kleineren Gemeinden drei Richter. Die ungerade Zahl war indes vorgeschrieben, um bei gegensätzlichen Auffassungen eine Mehrheitsentscheidung zu ermöglichen. Große Gemeinden orientierten sich an der entsprechenden Vorgabe des Talmuds und bestanden aus 23 Richtern, dem Kleinen Sanhedrin.

 

Richter konnte jedoch nur ein Rabbiner werden, der sich in seiner Ausbildung hinreichend spezialisiert hatte und der nach seiner Wahl durch die Gemeinde entsprechend den hohen Anforderungen durch die Smicha würdig im Amt bestätigt wurde.[2]

 

 

 

 

[1] Sefer Dwarim, 5. Buch Moses 17.11

[2] Die Anforderungen an einen Richter hat unter anderem Mosche Ben Maimon (Rambam, 1134 – 1205) ausführlich beschrieben: Jeder Richter soll weise und einfühlsam sein, erfahren und gelehrig im Gesetz. Darüber hinaus soll er über eine umfangreiche allgemeine Bildung in der Medizin, Astronomie und Mathematik verfügen und die Methoden der Zauberei und über die verschiedenen Formen des Götzendienstes unterrichtet sein, um entsprechend urteilen zu können. Als sieben grundlegenden Eigenschaften des Richters galten Weisheit, Genügsamkeit, Gottesfurcht, Verachtung von Reichtum, Wahrheitsliebe, Menschenliebe und schließlich ein guter Name. Spielen um Geld und Geldverleih gegen Zinsen disqualifizieren vom Richteramt. War er mit einer Streitpartei verwandt, darf er aus Gründen der Befangenheit nicht Recht sprechen. In seiner Urteilsfindung musste er alle Seiten gleichermaßen anhören und sich weder von der Armut noch vom Reichtum eines Menschen in seinem Urteil trüben lassen. Selbstverständlich durfte er deshalb auch keinerlei Vergünstigungen oder gar Bestechungen annehmen und auch keiner weiteren von anderen abhängigen Arbeit nachgehen. Er musste nicht nur Recht sprechen, sondern auch dafür Sorge tragen, dass es umgesetzt und allgemein erkenntlich wurde. Jeder Richter war verpflichtet zu prüfen, ob die anderen Richter fachlich qualifiziert sind. Kein Richter durfte mit einem anderen zusammenwirken, den er verachtete. Auch durfte er sich seiner richterlichen Verantwortung nicht dadurch entziehen, dass er sich grundlos dem Urteil anderer anschloss, um ein Verfahren zu verkürzen. Und dergleichen mehr…(siehe: Mischne Thora)



1298: Augsburgs Juden bauen einen Teil der Stadtmauer

July 30, 2008

Am 23. August des Jahres 1298 verpflichteten sich die Repräsentanten der Augsburger Judengemeinde im Namen aller Juden der Stadt einen Teil der Augsburger Stadtmauer aus eigenen Mitteln und aus eigener Arbeit zu errichten. Dies sollte binnen vier Jahren unter der Aufsicht und nach den Angaben der Stadtpfleger geschehen. In der Verpflichtung miteingeschlossen waren auch Juden, die zwischenzeitlich die Stadt verließen (und zuvor einen finanziellen Beitrag zu leisten hatten), als auch jene, die hinzuzogen. Falls der Bau nicht fachgerecht ausgeführt oder fristgerecht fertig gestellt wurde, waren die Stadtherren der Verpflichtung gemäß ermächtigt auf das Vermögen der Augsburger Juden zurückzugreifen. Der Urkunde angeheftet wurde das Augsburger Stadtsiegel und das Siegel der Jüdischen Gemeinde Augsburgs (chotam kahal ogspurk). Das Dokument wie das Siegel sind im Original erhalten und befinden sich im Augsburger Stadtarchiv am Stadtmarkt, wenige Fußminuten vom Baugelände.

Der zu bewältigende Bauabschnitt reichte der mittelhochdeutschen Urkunde gemäß

„ain mauer machen wellen vor unser chirchhof hindan fuer der stat maur zem heiligen chriuece untz an den graben, in vier iaren“

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  Klinkermauer im Seldplan von 1521

(c) Städtische Kunstsammlung Augsburg

 

Als „Kirchhof“ oder andernorts „Judenkirchhof“ wurde der Friedhof der jüdischen Gemeinde bezeichnet. Zwar ist das Dokument der älteste erhaltene schriftliche Beleg für seine Existenz, dennoch kann man voraussetzen, dass er  schon früher bestanden hat. Möglicherweise aber nur für kurze Zeit, da das Areal nördlich und westlich der alten Augsburger Bischofsstadt erst in jenen Jahren in das Augsburger Stadtgebiet integriert wurde. In diesem Zusammenhang ist auch der Bau der Stadtmauer zu sehen. Dieser reichte nun vom „Judenkirchhof“ bis zum Kloster von Heilig Kreuz. Das entspricht der in späteren Augsburger Stadtkarten, die es erst seit dem frühen 16. Jahrhundert gibt, der „Klenker-„ oder „Klinkermauer“. Die Strecke der Mauer misst je nachdem wie man den Text deutet, 350 bis etwa 490 m. Allem Anschein nach wurde der Bau zur Zufriedenheit aller bereits im Jahre 1301, also einem Jahr vor Ablauf der gesetzten Frist im neuen Nordwesten der Stadt vollendet.

 

 

 

 

 

In diesen Tagen wurden bei Bauarbeiten am „Klinkertorplatz“ und entlang der Straße „An der Blauen Kappe“ in den 1870er Jahren überbaute Reste der Klinkermauer freigelegt. Für unsere Dokumentation der jüdischen Geschichte Augsburgs ist dies natürlich ein einigermaßen günstiger Glücksfall, da es uns so möglich war, den genauen Verlauf der Mauer an diesem Abschnitt zu vermessen und nachzuvollziehen. Da die Reste die zum Vorschein kamen freilich nur die Spitze eines einst bis zu sieben Meter in die Tiefe reichenden Bauwerks waren, hätten wir uns gerne eine weiter reichende auch in archäologischer Hinsicht fundierte Grabung ersehnt. Freilich sind die heutigen Interessen andere und so wurde ein Teil der Mauer, offenbar für eine Rohrverlegung, durchbrochen und die Ausgrabung relativ schnell wieder zugeschüttet. Wir haben die Bauphase trotzdem sehr ausführlich aus allen Winkeln photographisch und filmisch dokumentiert und werden die daraus gewonnenen Erkenntnisse im Rahmen unserer Dokumentation veröffentlichen.


Die Geschichte der Juden in Augsburg

November 2, 2006

Jewish Seal of Augsburg year 1298

Jewish Seal of Augsburg year 1298

In wohl keinem anderen Land der Welt – mit Ausnahme Israels – finden sich so viele ”Reste” alter jüdischer Geschichte wie in Deutschland. Grabsteine, Synagogen, Tauchbäder, Plätze, Straßen, Häuser, Denk- und Mahnmale, Friedhöfe, Inschriften, „Stolpersteine“, Museen, usw.  zeugen von einem weit über tausendjährigen, wechselvollen, oft dramatischen Leben „in deutschen Landen“. Wenngleich die frühesten erhaltenen Dokumente die Existenz einer jüdischen Gemeinde schon in der alten Römerstadt Köln bereits für das Jahr 321 gesichert voraussetzen, umspannt die historisch greifbare Epoche jüdischen Lebens in Deutschland im wesentlichen den Zeitraum von den ersten Kreuzzügen bis zu Güterzügen der Nazis. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn die Quellenlage der allgemeinen Geschichtsschreibung im ersten Jahrtausend in Deutschland ist zwar reicher an der Vielzahl von Legenden und Zuschreibungen, aber keineswegs besser dokumentiert.

Wenngleich sehr viele Monumente den Stürmen der Jahrhunderte getrotzt haben, wurde doch auch sehr vieles, sicher das meiste, zerstört, sehr oft mutwillig und gar nicht selten unnachgiebig und viele Spuren und Erinnerungen, die vorsätzlich getilgt werden wollten, sind deshalb auch im gewissen Rahmen „unterirdisch“, weil mit bloßen Auge nicht zu sehen – aber, in Dokumenten und Überlieferungen erfassbar, trotzdem spürbar und präsent. Das verhält sich mit jüdischer Geschichte nicht anders als mit sonstiger.

Obwohl archäologische Befunde Juden bereits im antiken, dem nach Hadrian benannten Augsburg nahelegen und es Hinweise für eine dauerhafte jüdische Besiedlung seit dem frühen zehnten Jahrhundert gibt, gilt trotzdem erst das frühe 13. Jahrhundert als Ausgangspunkt akademischer Überlegungen. Diese um 1210 „erste“ nachweisbare jüdische Gemeinde in der wir einen Maharam vorfinden findet mit den Ausschreitungen vom November 1348 ihr jähes Ende, nur um aus den wenigen Überlebenden rund sieben Jahre später den Grundstock für eine „zweite“ Gemeinde zu bilden, die nach dem Abzug der Juden 1440 für 363 Jahre die letzte Gemeinde der Stadt war. So jedenfalls lautet die gängige Ansicht, die jedoch stapelweise an Belegen über die Anwesenheit von Juden in fast allen Jahren und Jahrzehnten außer Acht lässt, lassen muss.

Die jüdischen Gemeinden in Augsburg zeichneten sich durch einige Besonderheiten aus, die im zeitlichen Kontext auf einen durchaus bemerkenswerten Status in der Reichsstadt schließen lassen. Anders als vielerorts üblich, gab es in Augsburg etwa kein abgeschlossenes Ghetto, sondern verschiedene Viertel, besser gesagt Straßen, die teilweise auch von Christen bewohnt waren, während zugleich einzelne Juden auch außerhalb im ganzen Stadtgebiet wohnten. Darüber hinaus waren christliche Bedienstete – in vielen anderen Städten undenkbar – in jüdischen Haushalten durchaus keine Ausnahme. Das ging soweit, dass städtische Urkunden ausdrücklich betonten, dass jene Bediensteten anders als andere Christen, das jüdische Bad benutzen durften. Für andere Christen stand dies unter Strafe und wurde mit einem ansehnlichen Bußgeld belegt. Der sog. Rindtfleisch-Verfolgung im Jahre 1298, bei der legendär in ganz Süddeutschland 146 jüdische Gemeinden zerstört worden sein sollen, konnte die Augsburger Gemeinde entgehen, da der Anführer rechtzeitig aufgehängt wurde. Die Augsburger Juden, errichteten zum Dank an „ihren“ Kaiser in seiner Reichstadt Augsburg die nordwestliche Stadtmauer auf eigene Kosten, besiegelt von der Stadt und mit dem  „chotam kahal ogspurk”, dem Siegel der jüdischen Gemeinde.

Im mittelalterlichen Augsburg gab es zwei, drei verschiedene Judensiedlungen, die teilweise auch parallel bestanden. Die ältere, obere Siedlung mit dem Zentrum Judengasse (heute Karlstraße) grenzte direkt an den Königshof südlich der Domstadt und lag inmitten eines Gewerbegebietes mit Schmieden, Gerbern und Händlern (woran noch heutige Straßennamen erinnern (Schmiedberg, Obstmarkt, der damals freilich Forchenmarkt hieß, Kesselmarkt, Hafnerberg, Weißfärbergasse). Hier standen die Synagoge, das Gemeindehaus und das Tanzhaus der Judengemeinde. Auch nach 1355 siedelten die Juden dort wieder.

Das zweite, untere Judenviertel bestand unterhalb des Rathauses in einem maßgeblich von Kleingewerbetreibenden geprägten Viertel am östlichen Hang der städtischen Hochterasse zwischen Rathaus und Judenberg. Ein drittes, vermutlich vormaliges Viertel soll in der schon im 14. Jahrhundert abgerissenen Vorstadt Wagenhals beim Vogeltor im Südosten der Altstadt. Bestanden haben. Wie über die Vorstadt selbst sind dazu jedoch nur spärliche Hinweise über erhalten geblieben, weshalb es eher zweifelhaft ist. Sehr wahrscheinlich erklärt sich damit aber die Zuschreibung des nahe gelegenen Rabenbads als „Rabbinerbad“.

Gleichwohl in der Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit immer wieder einzelne, herausragende Juden in der Stadt lebten und in der Umgebung lebende Händler, usw. immer in der Stadt präsent blieben, verlagerte sich vieles in örtliche Randgemeinden, der Fagasch, Steppach, Kriegshaber und das heilige Pfersee. Letzteres wurde unter dem Einfluss der Ulmo gar Sitz des schwäbischen Judentums, beheimatete anstelle Augsburgs eine größere Anzahl berühmter chassidischer Gelehrter und Autoren (wie etwa R. Isak Etthausen oder R. Jehuda Löw Oppenheim) und Handelsfamilien und erlangte ob seiner als Pferseer Handschrift bezeichneten (fast) vollständigen Talmudausgabe aus dem Jahre 1340 Weltruhm. Die Verbindungen der Rabbiner und Gelehrten aus Pfersee und Kriegshaber waren sehr vielschichtig und so wundert es nicht, dass sie ihre Töchter und Söhne mit prominenten Rabbinern und deren Kindern in ganz Europa verheirateten. Ein berühmtes Beispiel dafür wäre etwa Rabbi Elieser, der als Sohn Rabbi Schimon Ulmo aus Ginzburg immerhin die Tochter des weltberühmten Krakauer Gelehrten Mosche Isserles, dem Verfasser der mapah zum schulchan aruch Josef Karos ehelichte. Beide wanderten bereits in dieser frühen Zeit nach Eretz Israel aus und zeigten sich – keineswegs als einzige als frühe chowewej zion, als Zionsliebhaber, wie man die religiös motivierten Vorzionisten nennt. Aus Israel hingegen kamen zahlreiche Gelehrte nach Pfersee, um die berühmte Talmudhandschrift zu studieren, unter ihnen 1754 auch Chida, der weit gereiste schaliach Rabbi Chaim Joseph David ben Isaac Zerachia Azulai (1724 – 1807).

In der Stadt an Lech und Wertach selbst hingegen dauerte es doch recht lange, bis eine dritte Gemeinde zustande kam, obwohl nach 1450 immer wieder einzelne Juden in der Stadt lebten, mal für Wochen, mal für Monate, dann waren es Dutzende, sogar Hunderte von Juden konnten jahrelang in Augsburg leben und unweit des Rathauses eine inoffizielle Betstube betreiben. Erst im Jahr 1803 jedoch, kurz bevor Augsburg im Zuge der Napoleonischen Kriege an Bayern gelangte, damit aufhörte eine „Freie Reichsstadt“ zu sein und ihre Festungseigenschaft verlor, wirkte letzteres sich auch in einem bestimmten Sinne für die Juden der Umgebung aus, die nun wieder eine Gemeinde in der Stadt bilden konnten, die formell aber erst um 1860 begründet wurde. Kurz drauf gründete sich die Synagogen-Gemeinde. Diese bestand sodann bis in die Nazi-Zeit. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde wieder fester Bestandteil der Augsburger Bevölkerung. Als Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte leisteten die Juden auch ihren Beitrag zum sozialen, politischen und geistigen Leben der Stadt. Ihr erstes Gemeindezentrum hatten sie in einem Wohnhaus am Obstmarkt, gegenüber der mittelalterlichen Judensiedlung, ehe es gegen Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt wurde in die Wintergasse, wo ein umgebautes Wohnhaus die Synagoge bildete, bis schließlich die Gemeindemitglieder zu zahlreich wurden und nach langer Planung und Bauzeit 1917 die auch heute wieder benutzte Synagoge in der Halderstraße eingeweiht werden konnte. Nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten zwangen Diskriminierung und wirtschaftlicher Druck immer mehr Gemeindemitglieder zu Emigration oder Flucht. Mehr als 1000 Juden aus Augsburg und Umgebung wurden aber von den Nazis und ihren Helfern ermordet. Doch schon rasch nach 1945 gründete sich mehrheitlich aus Zuwanderern aus Osteuropa eine neue, soz. die „vierte“ jüdische Gemeinde der Stadt. Sie musste zwei Gruppen vereinen, Überlebende der Augsburger oder anderen schwäbischen Gemeinden auf der einen, „hängengebliebene“ meist osteuropäische „Displaced Persons“, die in aus Polen oder Ungarn, etc. in schwäbische KZ-Lager zur Zwangsarbeit verschleppt wurden oder Flüchtlinge, die sich von den kommunistischen Befreiern im Osten nichts versprechen durften. Nach vielen Rivalitäten, deren Hauptprotagonisten in den letzten Jahren verstarben, dämmerte Einheitsgemeinde dahin. Sie bekam ein vielbeachtetes Museum auf die Füße gestellt, da man dachte, dass die restaurierte Synagoge sonst keine wohl keine Überlebenschance haben würde. Doch seit den neunziger Jahren wurde die Gemeinde durch sog. Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion erheblich so zahlreich verstärkt, dass sie bald ein faktisch russische Gemeinde wurde. Eher nebenbei gelang es nach langen Jahrzehnten auch wieder eigene Berufs-Rabbiner anzustellen, die jedoch in erster Linie nach außen wirkten und scheinbare „Normalität“ verkörperten, während sie in der Gemeinde eher Zankäpfel ernteten.

Die wechselvolle, aber spannende Geschichte der Juden in Augsburg und Umgebung ist ein kleiner aber nicht der kleinste Teil der Geschichte des jüdischen Volkes. Unsere Arbeit ist ihrem Gedächtnis und den Nachkommenden zum Vermächtnis gewidmet. Die kommenden Jahre werden Aufschluss darüber geben, in welche Richtung die jüdische Gemeinschaft in Augsburg sich entwickelt. Zwar ist die gegenwärtige Gemeinde mit etwa 1800 „Mitgliedern“ die zahlenmäßig größte, die es jemals in Augsburg gab (die Vorkriegsgemeinde hatte 1000-1200 Mitglieder, die größte mittelalterliche nicht mehr als 800), doch ist es zugleich auch die am wenigsten jüdische. Die Masse der aus Russland, der Ukraine, Belarus, etc. stammenden Zuwanderer hat von jüdischen Brauchtum nur eine Ahnung und kennen es lediglich aus der Perspektive eines eher eigenartigen säkularen, orthodoxen Christentums, das typisch war für die Sowjetunion. Man stellte sich im Winter einen Weihnachtsbaum in die Wohnung, weil es jeder so machte und einfach üblich, eben „sowjetisch“ war. Grundlagen wie den Talmud kennt man allenfalls als Begriffe antisemitischer Propaganda.  Dann schon lieber spekulative Pseudo-Mystik. Die kann man leicht auf Russisch lesen. Ein Reform-Rabbiner hat in einer solchen Gemeinde sicher weniger Konfliktpotentiale als der vorherige „orthodoxe“, der zumindest zeitweilig an das etablierte Brauchtum des Judentums erinnerte. Aber schon als Mohel war er de facto arbeitslos. Nicht anders ergeht es dem „Reformer“, der nichts Altes, als Ballast empfundenes über Bord werfen könnte, da das Schiff längst auf dem Trockenem sitzt und Teil der sog. Museumslandschaft geworden ist. Vieles spricht dafür, dass es sich nur um eine Art „Zwischenhoch“ handelt.  Es ist nicht schwer zu prognostizieren, dass die sehr stark überalterte Mehrheit der „Russen“ sich in den beiden Jahrzehnte sich deutlich verringern wird. Da viele der Zuwanderer in Mischehen leben oder aus solchen stammen, während wenige interessierte und engagierte jüdische Jugendliche wie zuvor schon abwandern werden, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Level vor der „Welle“ der Einwanderung wieder erreicht ist. Ebenso absehbar ist, dass es zu keiner “Renaissance” des Judentums kommen wird, da sich die Mehrheit der wenigen Interessierten jüdische Feste so feiert wie Karneval. Man spielt für ein paar Stunden den Piraten oder Indianer und isst, was dazu passt. Sonst hat das weiter keine Bedeutung. Folklore eben und wie es früher “war” kann man im Museum nachlesen oder in Vitrinen bestaunen. Und nein, das ist kein Pessimismus. 🙂

Unabhängig von diesen, für uns nicht beeinflussbaren Faktoren, wollen wir hier auf den Spuren der Stadtgeschichte – zu der Dank der Eingemeindungen auch inzwischen die Gemeinden der einst selbstständigen Vororte gehören – Anreize bieten, die Geschichte des Judentums in seiner reichen lokalen Entwicklung nachzuzeichnen – wissend, dass das Ganze immer mehr ergibt als die Summe seiner Teile – um einen kleinen Eindruck darüber zu vermitteln, wer diese Juden in Augsburgs Geschichte waren, wie sie gelebt haben und wie trotz aller Verfolgungen doch immer wieder den Mut schöpften, sich in der Stadt niederzulassen und zu ihrem Wohlstand und Fortschritt ihren Beitrag zu leisten.

 


[1]Hirsch – Lopez – Reiseführer durch das jüdische Deutschland, Kovar, München 1995, S.10

[2] Dies geht aus der (in einer Abschrift aus dem 10. Jahrhundert im Vatikan erhaltenen) Urkunde vom 11. Dezember 321 n. a. Z. hervor, in welcher der römische Kaiser Konstantin seine Statthalter in Köln auffordert, die Juden an den öffentlichen Arbeiten des Gemeinwesens zu beteiligen. Im Jahr 2001 war die Urkunde Auftakt der Ausstellung „Entdeckungsreise durch zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte“ im Jüdischen Museum in Berlin. Der lateinische Text aus dem sog. „Codex Theodosianus“ lautet: „Idem a. decurionibus agrippiniensibus. cunctis ordinibus generali lege concedimus iudaeos vocari ad curiam. verum ut aliquid ipsis ad solacium pristinae observationis relinquatur, binos vel ternos privilegio perpeti patimur nullis nominationibus occupari. dat. iii id. dec. crispo ii et constantino ii cc. conss.” (C. Th. 16.8.3)

[3] Der Übergang von lateinischer zu deutscher Beurkundung vollzog sich langwierig und schwankend zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert und diente vormals meist nur kirchlichen Zwecken.

[4]Zumindest lässt sich das für die Zeit ab dem 13. Jahrhundert sagen, die Geschichte davor liegt fast völlig im Dunklen. Andeutungen lassen jedoch den Schluss zu, dass es früher zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war.