Die Darstellung mittelalterlicher Juden im mittelfränkischen Hörlbach

July 23, 2012

Unweit des mittelfränkischen 140 Einwohner Dorfes Hörlach, etwa 4 km nordwestlich von Ellingen (Landkreis Weißenburg – Gunzenhausen) befindet sich die kleine Kirche St. Oswald, die erstmals um die Mitte des 13. Jahrhunderts urkundlich erwähnt ist und Fresken aus dieser Zeit besitzt.

  • Der legendäre St. Oswald (datiert auf die Jahre 604-642)wird als angelsächsischer König in Northumbrien überliefert, der im Kampf gegen die letzten nichtchristlichen Herrscher der Angelsachsen starb und deshalb als Heiliger verehrt wird. Obwohl der Leichnam des toten Königs im Laufe der Jahrhunderte weitläufig verteilt wurde, scheint Hörlach diesbezüglich wohl leer ausgegangen zu sein, oder aber die Lutheraner, die seit Jahrhunderten im Besitz der Kirche sind, legen darauf keinen Wert. Der Kopf des Königs jedenfalls landete der Überlieferung nach im Kloster auf der nordenglischen Insel Lindisfarne, dann in Durham, wo er im Sarg eines anderen Heiligen vor den Wikingern versteckt worden sein soll und dort noch 1826 vorgefunden wurde. Aber selbst auch im luxemburgischen Echternach, ebenso wie in Hildesheim und im Dom von Paderborn rühmt man sich, Teile (welche ..?) des Kopfes zu besitzen. Ein Arm von Oswald sagt man, kam nach Bamburgh, der andere nach Gloucester. Der Torso des Leichnams soll in Lindsey begraben worden sein, jedoch kamen um 900 auch wieder Teile davon gleichfalls nach Gloucester. Man muss das zugegeben auch nicht bis zum einzelnen Knochen oder was auch immer weiterverfolgen. Bei wikipedia kann man noch mehr drüber lesen. Genetische Untersuchungen, um die Zuverlässigkeit der verschiedenen Ansprüche zu überprüfen gibt es offenbar sowieso nicht. Wie dem auch sei, deutet die Methode der Verteilung des verehrten Heiligen bereits darauf hin, dass es wohl auch nicht weiter von Belang sein muss, wenn einige Figuren die auf den Fresken der Hörlacher Kirche gezeichnet wurden, nicht mehr vollständig erhalten sind.

Diese Wandmalereien, wurden vor gut hundert Jahren, im Jahre 1913 im älteren Altarraum der Kirche „entdeckt“. Die nur teilweise erhaltenen, um 1920 restaurierten Wandbilder zeigen Szenen aus den letzten Lebenstagen des Jesus von Nazareth. Mit ihm abgebildet finden sich in unterschiedlichen Szenen einige von Jesus Zeitgenossen, von denen manche anachronistisch mit mittelalterlichem Judenhut dargestellt sind. Zur mutmaßlichen Entstehungszeit der Abbildungen, die man grob auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhundert (oder 14. ..?) schätzen kann, war der Judenhut eigentlich Führern jüdischer Gemeinden vorbehalten. Judenhüte fanden jedoch in der christlichen Bild-Propaganda zur bloßen Kennzeichnung von Juden allgemein Verwendung. Eine für alle Juden geltende Verordnung, einen Judenhut zu tragen, gab es jedoch nicht. Sie wäre auch in etwa so eigenartig gewesen, wie jedem Christen vorzuschreiben, eine Bischofsmütze zu tragen.

על הקירות הפנימיים של הכנסייה קטן בכפר פרנקוניה הערלבאך ליד עלינגן וווייסענבורג יש כמה ציורי קיר מימי הביניים אשר גם להציג מספר היהודים בסימן לבוש שנקרא כובע היהודים

 

Da nun mehrere, vier bis fünf unterschiedliche Figuren mittels Judenhut als Juden gekennzeichnet wurden, ergeben sich Anhaltspunkte über die zur fraglichen Entstehungszeit verbreitete Mode in der Region. Der Grund warum es überhaupt in der mittelfränkischen Einöde dazu kam, eine Kirche mit den stilisierenden Darstellungen zu stiften, hat wohl damit zu tun, dass fromme Christen dem Heiligen wunderwirkende Kräfte attestierten. Sogar der Boden auf dem er in England starb wurde als Heilerde verstanden, weshalb der Überlieferung nach, rasch ein „mannshohes“ Loch ausgegraben wurde, da die Gläubigen die Erde mit sich nahmen, um damit eine Medizin für allerlei Blessuren zu haben. Da die kirchliche Tradition Oswald auch zuschreibt, Schutz vor und Hilfe bei der Pest zu bewirken, liegt darin vielleicht auch das Motiv der Kirche. Eher indirekt wären die dargestellten Juden dann vielleicht ein zeitgenössischer Hinweis auf die verbreitete Ansicht, dass man Juden verdächtigt habe, die Pest zu verursachen.

Etwa 8 km südlich befindet sich das Städtchen Weißenburg, wo zumindest seit 1288 die Anwesenheit einer  jüdischen Gemeinde bezeugt ist, die jedoch schon zehn Jahre später im Zuge der sog. Rintfleisch-Pogrome überfallen wurde. Es war die damals wohl nahegelegenste jüdische Gemeinde zur kleinen Kirche.

* * *

Next to the small village of Hoerlbach (some 140 inhabitants) near Ellingen in Middle Franconian district Weissenburg / Gunzenhausen (somewhat halfway between Nuremberg and Ingolstadt), there is a very small but pretty old church dedicated to the 7th century Northumbrian king Oswald, who posthumously was title a saint. While St. Oswald by pious Christians was considered as effecting miraculous, his corpse was divided in several parts in order to allow many cloisters to participate in that activity. So the torso of his dead body is preserved in a different place as his left or right arm or his head of which several churches even in Germany claim to posses at least parts of it, as for instance the Paderborn cathedral does. If there also are parts of the corpse of the saint in the small chapel in Hoerlbach is not known and maybe also of less importance, because the church since many centuries is Lutheran.

However, in 1913, at the walls next to the altar some frescoes were (re)discovered, which may be dated to 13th or 14th century. Depicted are several scenes of Jesus at the close of his life and some of the people around him are designated as Jews by the typical Judenhut (Jews hat), which at the time when the paintings were made, actually was to distinguish Jewish leaders from other Jews. In Christian propaganda however the Judenhut just was a token to identify Jews in general.

Many thanks to Ralf Rossmeisl who kindly called our attention to the chapel and also made it possible to visit it with us.

 

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Judenhut

May 31, 2012

Since the weather in Germany becomes more warm and pleasant meanwhile it is possible to wear the Judenhut (Jews hat) again …

 (c) יהודה שנף

 


Vom Judenhut im Augsburger Mittelalter

August 4, 2009

Augsburger Prophetenfenster Daniel, angebl. 11. o. 12. Jhd.

Augsburger Prophetenfenster Daniel, angebl. 11. o. 12. Jhd.

Auf päpstliche Anregung machten sich im Jahre 1215 einige europäische Herrscher daran, nichtchristliche Minderheiten an ihrer Kleidung zu kennzeichnen. Zuerst umgesetzt wurde dies in Frankreich mittels eines kleinen gelben Rades (rouelle). Es handelt sich hier jedoch nur um eine nachahmende Reaktion auf eine Gepflogenheit der muslimischen Welt, die sog. Dhimmis verpflichtete, Markierungen an ihren Gewändern zu tragen, die es gewöhnlichen Muslimen erlaubte sie als Angehörige einer benachteiligten, aber eben doch geduldeten Minderheit zu erkennen. Als solche galten Christen, dunkelhäutige Muslime und logischerweise auch Juden. Sie mussten auf ihren Gewändern gelbe Flecken tragen. Der französische König Philip le Bel gab auch das Vorbild dafür, dass der Verkauf und die Verpachtung der Abzeichen zu einem einträglichen Geschäft wurden, wo immer die Regelung zum Tragen (sic!) kam. Analog zum islamischen Vorbild mussten unter christlicher Herrschaft nun Juden, und Muslime diese Abzeichen tragen.  Jedoch war diese keineswegs überall so und auch gab es eine hohe Anzahl von Varianten und somit keine wirkliche Norm. 1361 etwa wurde eine rot-weiße Farbe des Rädchens in Frankreich festgelegt. In England trugen Juden mancherorts auf Wunsch der Herrscher zwei aufgenähte Lappen in der Form von Tafeln auf der Brust, welche die Gesetzestafeln vom Sinai darstellen sollten, in deutschen Landen wechselte sich der „Judenfleck“ mit dem Rädchen und dem sodann wieder typischen gelben Spitzhut ab – polnische Juden hingegen waren hier und da verpflichtet einen grünen Judenhut zu tragen, usw. Man kann sich vorstellen, dass ein jüdischer Händler ggf. mehrere Exemplare für unterschiedliche Herrschaftsgebiete und Ansprüche mit sich führte, analog zu heutigen Maut-Plaketten.

reverting to ancestral traits

reverting to ancestral traits

Die allgemeine Verpflichtung ein Abzeichen zu tragen, ergibt sich in Augsburg erst relativ spät, nämlich im September 1434. Vorgeschrieben wurde nun ein großer gelber Ring im Durchmesser von etwa dem Drittel einer Elle, also fast 20 cm, was sodann gewiss nicht zu übersehen war. Innerhalb des Rings war ein sog. Judenhut dargestellt. Die Redensart vom „Hut in den Ring werfen“, sinnbildlich für eigene Ansprüche anmelden, wird aber wohl kaum von da herrühren. Auch das englische Hattrick, ursprünglich aus dem Cricket stammend hat leider nichts damit zu tun, wenngleich der Hut eine ursprünglich auszeichnende Bedeutung hatte. Die diskriminierende, negative ist womöglich eine Übertreibung, wenn nicht gar Erfindung der Moderne.

 

Der Judenhut als solcher hatte zunächst keine diskriminierende Bewandtnis, sondern war unabhängig in Gebrauch als Kennzeichen einer führenden Instanz, wie etwa dem Rabbiner oder Vorsitzenden einer jüdischen Gemeinde, wie verschiedene Anordnungen aber auch zeitgenössische Abbildungen darlegen. Man könnte dies vergleichen mit der ebenfalls herausragenden Kopfbedeckung eines christlichen Bischofs – und entsprechend wurden in deutschen Texten des Mittelalters Rabbiner häufiger auch „Judenbischof“ genannt. Im Augsburger Stadtrecht findet sich keine andere Verpflichtung zum Tragen eines solchen Hutes, als für den Verkäufer der jüdischen Fleischbank, um diesen eben als Vertreter der Gemeinde herauszuheben. Trotz der eindeutigen Funktion des Hutes als Kennzeichen der amtlichen Befugnis existierte freilich nebenbei der symbolische Gebrauch bei Nichtjuden als Kennzeichen für Juden. Beispiele dafür sind Illustrationen, von denen es gerade auch in Augsburg sehr prominente Darstellungen gibt, etwa in der Hirnschen Kapelle oder ungleich bekannter noch die sog. Prophetenfenster des Augsburger Doms, welche vier Propheten der jüdischen Bibel: Moses, Jona, Daniel und Hosea neben David König Israels darstellen. Ungewöhnlicher weise werden die Fenster in das 12., von manchen meist lokalen Historikern gar in das 11. Jahrhundert datiert.

teaching the lore all the more

teaching the lore all the more

Aus der allgemeinen Verpflichtung zur Kennzeichnung eine Kopfbedeckung zu tragen – eine Sitte die der Augsburger Rabbiner Maharam strickt ablehnte – entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert der inzwischen weltweit übliche Brauch eine Kippa oder Jarmulke zu tragen, oder einen Hut, speziell im 19. Jhd. auch Zylinder (wohl weil weit origineller als Kegel ..?) oder moderner nun auch wieder Baseball Caps, die anders als manche vermuten keiner biblischen Vorschrift entsprechen und auch auch kein talmudisches Gebot erfüllen, aber vielleicht gerade deshalb in eigentümlicherweise beachtet – mancherorts fordert man nun sogar Nichtjuden dazu auf – womit sich der (historische) Kreis ja nun auch fast wieder schließt.

Die mittelalterliche Hut-Mode freilich ist seitdem unbeachtet geblieben, was ein klein wenig schade ist.

now headcoverings are compulsory for all

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