Mark Twain: “Münchens beste Zeitung kommt aus Augsburg”

September 22, 2016

mark-twain-1871-wikipedia

Wenn man einen Münchner Bürger fragt, welches die beste Münchner Tageszeitung sei, wir er einem unweigerlich antworten, dass es nur eine einzige gute Münchner Tageszeitung gäbe, und dass sie in Augsburg erscheine. Das ist ungefähr so, als würde man sagen, die beste New Yorker Zeitung erscheine irgendwo draußen in New Jersey.“

(Mark Twain in München 1879, zitiert aus Michael Klein – Mark Twain in Bayern, Erzählungen, Reiseberichte, Briefe)

According to Mark Twain, who live some months in Munich, the best Munich paper was from Augsburg.


Das NS Dokumentationszentrum in München

April 13, 2016

NS Dokumentationszentrum Münchenהמרכז לתיעוד ההיסטוריה של הנאציזם במינכן

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. Dieser Merksatz ist ebenso simpel wie grundlegend. Ein recht gutes Beispiel dafür ist auch das im letzten Jahr nach langen Diskussionen und Planungen eröffnete Museum zur Münchner Nazi-Geschichte in der Brienner Straße 34 (früher 45). Der Neubau fußt auf der früheren Parteizentrale der Nationalsozialisten, dem von ihnen selbst sog. „Braunen Haus“.  Eine Perspektive die zwar vielen Zeitgenossen genügt, unseren Blick auf die Unwegsamkeit der Geschichte aber nicht verbaut.

Obelisk Karolinenplatz München NS Dokuzentrum

Wdimung Obelisk Karolinenplatz München

Die Brienner Straße in der Maxvorstadt, benannt nach der Schlacht bei Brienne le Château vom 1. Februar 1814 verläuft vorbei an Karolinenplatz und Königsplatz und ist noch heute von seinen klassizistischen Monumentalbauten beherrscht. Am augenfälligsten ist gewiss der aus vielen Richtungen schon von weitem sichtbare, weil fast dreißig Meter hohe dunkle Obelisk, den König Ludwig I. 1833 errichten ließ.  Zum Andenken an die „dreißigtausend Bayern die im russischen Krieg den Tod fanden“, denn wie es in einer der Inschriften heißt:  „Auch sie starben für des Vaterlandes Befreyung“. Offenbar davon inspiriert bauten die Nazi 1935 vor ihrer Parteizentrale zwei als „Ehrentempel“ titulierte Leichenhallen, in welchem sie die Überreste von 16 exhumierten „Helden“ beisetzten, die zwölf Jahre zuvor beim missglückten „Hitler-Putsch“ ums Leben kamen. Aus der Sicht der nun herrschenden Nazis starben auch jene Vorkämpfer für die „Befreiung des Vaterlandes“. 1833 – 1933. Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte.

Brienner Str München NS Dokumentationszentrum Torההיסטוריה היהודית הנשכחת של הבית לרחוב

Das „Braune Haus“ selbst hat mehrere davon. Dass aber ausgerechnet dieses Gebäude keine Eigenleistung der Nazi ist, die für doch für ihre „Bauwut“ bekannt waren, wissen wenige. Das herrschaftliche Palais wurde nämlich bereits 1828 errichtet, von dem aus Frankreich stammenden, stadtbekannten königlich-bayerischen Baurat Jean Baptist Métivier (1781-1853). Zwei Jahre zuvor hatte er die von ihm im Auftrag der Münchner Juden entworfene prächtige Synagoge in der Westenriederstraße fertiggestellt. Anstatt selbst darin zu wohnen überließ Métivier das Palais nun aber dem Tabakfabrikanten Carl Freiherr von Lotzbeck (1786-1873). Der hatte 1811 in Augsburg die insolvente Schüle’sche Kattunfabrik übernommen und 1819 bei der St. Anna-Kirche eine neues, noch größeres Werk errichtet, die „Lotzbeck’sche Toback Fabrik“, später „Lotzbeck & Compagnie“, die von seinem Schwiegersohn Ludwig Sander (1790-1877) geleitet wurde, dessen weitere Maschinenfabrik als Vorläufer der späteren MAN gilt. Heute befindet sich der Augsburger Stadtmarkt auf dem Gelände der früheren Tabakfabrik.

NS Dokumentationszentrum München und der Nationalsozialismus

1876 wurde das auch als Lotzbeck-Palais bekannt gewordene Gebäude an den englischen Textilfabrikanten Richard Barlow verkauft. 1911 erbte dessen Sohn Dr. phil. Willy E. Barlow (1869-1928) das Haus. Während des ersten Weltkriegs hatte er freilich Deutschland verlassen und nach 1919 das Haus gewerblich vermietet. Hauptmieter war nun Otto Neubauer, der im Erdgeschoss des Hauses die von seinem Vater Moritz gegründete Möbelfabrikation M. Neubauer betrieb (mit Werkstatt und Laden), das zuvor seinen Sitz in der Löwengrube 13 hatte, desweiteren die Bayerische Aluminium AG. Zu den privaten Mietern gehörte seit Mitte der 1920er auch Wilhelm Engelhardt, Stadtbauverwalter der Stadt München.

München Braunes Haus Info NS Dokumentationszentrumבירת התנועה של הנאצים

1928 starb Willy Barlow, der in Münchner Adressbüchern als „Rentner“ bezeichnet ist, in Ansbach. Seine Witwe kam zurück nach München, um das mittlerweile als „Barlow-Palais“ bezeichnete Haus zu veräußern. Die Stadt München war daran interessiert, es zu erwerben, um dort eine kommunale Musikschule einzurichten. Doch wegen knapper Haushaltmittel wollte sich die Stadt den prestigeträchtigen Erwerb nicht leisten. Die Tatsache, dass seit Ende 1929 bereits acht Mitglieder der NSDAP dem Münchner Stadtrat abgehörten, spielte für den weiteren Verlauf durchaus eine Rolle. Unter ihnen war auch der aus Braunschweig stammende Sohn eines Baptistenpredigers Karl Fiehler (1895-1969), der damals Obersekretär in der Münchner Stadtverwaltung war. Schon 1920 war er Mitglied der NSDAP geworden und am Putschversuch von 1923 beteiligt, wofür er zu einer 15monatigen Haftstrafe in Landsberg verurteilt wurde. 1933 bis 1945 war er Münchner Oberbürgermeister. Auf Fiehler geht wahrscheinlich sogar das Schlagwort von München als „Hauptstadt der Bewegung“ zurück. Dass die NSDAP-Stadträte mit dem Kauf des teuren Palais zu hatten, liegt auf der Hand, ist aber deshalb in den Details auch nicht weiter relevant, steht doch fest, dass Palais an die NSDAP verkauft wurde. Dass die kaum zehn Jahre alte Partei die Finanzierung des üppigen Kaufpreises von über achthunderttausend Goldmark stemmen konnte, soll an Krediten und Bürgschaften der Großindustriellen Thyssen und Flick gelegen haben. Das hätte damals schon zu denken geben sollen. Die bisherigen Mieter mussten nun, 1930, die Brienner Straße 45 umgehend räumen. Das Palais wurde umgebaut und 1931 von Hitler und seinen Schergen lauthals als „Braunes Haus“ propagiert. Den Vormieter der Nazis, Otto Neubauer, den Inhaber der bis dahin im Palais beherbergten Möbelfabrik ließ man später verhaften, weil er Jude war, und bereits im August 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausens ermorden. An ihn könnte vor dem Haus einer jener Stolpersteine erinnern, die anderswo überall zu sehen sind. In München nicht.

 Arisierung in München Wertheimer Optik Linder Neuhauserstr 53 Ettstr sog. “Arisierung” in München, Optik Wertheimer (NS Dokuzentrum)

München Brienner Str 45 im Adressbuch 1926 Barlow Neubauer MöbelfabrikAuszug aus dem Münchner Adressbuch von 1926

Weniger Jahre später laute der Eintrag für das selbe Haus:

München Brienner Str 45 im Adressbuch 1935 als Braunes HausFür den “Verein” hatte damals unterschrieben “Adolf Hitler, Kunstmaler”

Die jüdische Vorgeschichte des „Braunen Hauses“ ist heute vergessen und wird im heutigen Museum (wo das “Schicksal” der Juden in München durchaus thematisiert wird)  nicht weiter groß thematisiert, auch nicht, dass die meisten Privathäuser der Nachbarschaft ebenfalls jüdisches Eigentum waren, wie eben die beiden direkten Nachbarhäuser, von denen heute nur eines noch steht. Haus 43 gehörte bis zur „Enteignung“ durch die Nazi, dem aus Wittelshofen bei Ansbach stammenden Julius Freundlich (1853-1937), der mit seinem Bruder Moritz eine erfolgreiche Holzgroßhandlung betrieb, für die er als  königlicher Kommerzienrat ausgezeichnet wurde. Auf der anderen Seite war Haus 47, das dem königlichen Hofantiquar Jacques Rosenthal gehörte. Er selbst wohnte im dritten Stock seines Hauses, direkt über der Wohnung seines Sohnes Erwin, der Kunsthistoriker war. Im Parterre befand sich das Buch- und Kunstantiquariat der Rosenthals, während im ersten Stock der Reichsfinanzrat Dr. Klemens Busch wohnte. Ganz oben, im vierten Stock war das Atelier des Kunstmaler Ludwig Butz. Das Haus Brienner Straße 51 gehörte den Lämmles, die im Erdgeschoss ebenfalls ein Antiquitätengeschäft betrieben, Haus 48 auf der anderen Straßenseite gehörte bis Mitte der 1930er dem gleichfalls jüdischen Industriellen Franz Hesselberger (aus der fränkischen, auch in Augsburg präsenten Hopfen-Familie) und bot auch dem Kunsthändler Heilbronner Räumlichkeiten. Haus 52 war im Besitz der aus Augsburg zugezogenen Familie Wortsmann, die dort ein weiteres Möbelgeschäfts betrieben und einen zweiten Laden für das Damenmodegeschäft der Rothschilds ermöglichten. Die Liste ist erheblich erweiterbar, aber es dürfte klar geworden sein, dass die Münchner Nazihochburg bis dahin eine jüdische Domäne war, in der Kunst und Antiquitäten vorherrschten. Dass es Hitler, den “Kunstmaler” gerade hier hin zog, scheint kein Zufall, auch wenn sein Kunstverständnis und das seiner Genossen offenkundig ein anderes war.

Haus der Deutschen Kunst München Ausstellung 1937 homoerotische Skulptureneigenartige Nazi-Kunst (München, Haus der Deutschen Kunst, 1937)

Das „Braune Haus“ wurde 1945 zerstört, die beiden „Tempel“ zwei Jahre später von Amerikanern gesprengt, ob die jahrelang verehrten Nazigräber erneut exhumiert wurden oder heute noch bestehen, ist den Angaben vor Ort nicht zu entnehmen, lediglich, dass die Fundamente der „Tempel“ noch vorhanden sind. Bei der zeitgenössischen, „historischen“ Betrachtung, die heute insbesondere auf den Kontrast zwischen klassischer und nazistischer Inszenierung abzielt – im Eckhaus an der Arcisstraße, von Hitler als „Führerbau“ verwendet, gibt es mittlerweile übrigens die Ende der 1920er gewollte Kunstschule – spielt die jüdische Vergangenheit der noblen Nachbarschaft keine Rolle.

München NS Dokumentationszentrum Ehrentempel Sockel ÜberrestÜberrest eines der “Ehrentempel” – Fundamente beim NS Dokuzentrum

NS Dokumentationszentrum Treppebewusste Anspielung auf die Nazi-Ästhetik ..?

Nach langen Jahren strittiger Debatten darüber, wie und ob man mit dem „Erbe“ und der „Geschichte“ umgehen wollte, entstand das im Sommer 2015 eröffnete (eingeweihte?) neue „NS-Dokumentationszentrum“, mit der „Dauerausstellung: München und der Nationalsozialismus“ und wechselnden Sonderausstellungen, aktuell gerade „erfasst, verfolgt, vernichtet – Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“. Im Gebäude inbegriffen sind ein Lernforum, ein Auditorium mit Cafe und ein schmaler Buchladen, eine weitere Filiale der  „Literaturhandlung“ (die man von jüdischen Museen in München, Fürth, Augsburg, usw., oder früher noch von der Fürstenstraße her kennt). Instruktionen sind auch in Blindenschrift vorhanden (sogar mehrsprachig), es gibt Audioguides und mehrsprachige Türbeschriftungen, ab und an sogar auch auf Hebräisch (הו, כמה יפה).

NS Dokumentationszentrum München Fenster

Der Stil des Museum genügt selbstverständlich den Ansprüchen und Prämissen der modernen Museumspädagogik und setzt dabei auf karge, sachliche Distanz und Raumwirkung, verbunden mit Beleuchtungs- und Medieneffekten. Ob gewollt oder nicht, entspricht dies durchaus der Ästhetik der Nationalsozialisten, wie man in der Ausstellung anhand diverser Ausstellungsobjekte auch wiederum unschwer nachvollziehen kann, etwa in der Ausstellung „Deutscher Kunst“ in München im Jahre 1937. Offenbar sollen sie dann aber doch schon eher imposant und monströs wirken und nicht unbedingt kleingeistig und spießig, diese Nazis. Ob das den “historischen Kern” wirklich trifft und ob man damit nicht eher dem Propagandaeffekt aufsitzt und weiter tradiert, lässt sich fragen, aber nicht objektiv beantworten.

NS Dokumentationszentrum Luftkrieg AusstellungstafelDurchaus gelungen sind Darstellungen wie diese, die vor dem Hintergrund einer zerbombten deutschen Straßenszene (ob sie tatsächlich München zeigt, kann man nur erahnen) den Kontext zu vorhergehenden Freudennachrichten über deutsche Bombardements im Ausland einblendet, wodurch auch dem dümmsten Betrachter der Zusammenhang ersichtlich werden müsste.

American Soldier carry away Hauptstadt der Bewegung Munich MünchenOn the spot of the former “Brown House”, the headquarter of Hitler’s Munich based Nazi Party last year opened a museum which depicts (not only) the local Nazi history, but misses somehow to point out that the building proper as well as most of the other private houses in the Brienner Str. had a Jewish past, not far from the “American House” at Karolinenplatz, where now are restorations works underway as well.

America House Munich restoration workshistory always has a previous history


Deutschland 1936: Verbot jüdischer Künstlernamen

January 7, 2016

Verbot jüdischer Künstlernamen
„Die Behörden haben jüdischen Künstlern die Führung von Künstlernamen untersagt, sowohl in Ausübung ihres Berufes als auch im privaten Gebrauch. Da wir künftig sämtliche Künstler nur noch mit ihrem bürgerlichen Namen ankündigen dürfen, teilen wir unseren Mitgliedern diejenigen Münchener jüdischen Künstler mit, bei welchen diese Änderung erforderlich ist:
Kapellmeister Erich Eisner, früher Künstlername Erck
Marieluise Kohn, früher Knstlername Luiko
Ida Kraft, früher Künstlername Gordon
Oberspielleiter Hugo Magnus, früher Künstlername Magnus Groß
Bernhard Renkazischok, früher Künstlername Renka

Bayerische Israelitische Gemeindezeitung, 1. Januar 1936, S. 11

Neandertaler Augsburg Israel Carmel NaturkundemuseumNaturkundemuseum Augsburg: Abguß vom Schädel eines sog. “Neanderthalers” (Künstlername), gefunden bei Mt. Carmel in Israel: Klarname unbekannt

  • * * *

At the end of 1935 German government prohibited the use of of any artist names (Künstlername, such as stage, screen, showbiz, pen, etc.), pseudonym or nom de plume by Jews. The article of the Bavarian Jewry noted the names of Munich artists who would be effected by the new law.

  • * **

בסוף 1935 ממשלה הגרמנית אסר על השימוש בכל אחד משמות בדויים על ידי יהודים


Denkmal für Juden in Weilheim

October 1, 2015

Nach dreijähriger Planung wurde 2010 am städtischen Friedhof von Weilheim in Oberbayern ein zweiteiliges Denkmal aus rotem Sandstein errichtet, das an die Weilheimer Juden erinnern soll und das lokalpolitische Befürworter des Denkmals sich explizit einen Platz im Zentrum Weilheims wünschten. Geschaffen wurde es von dem aus Kaufbeuren stammenden und für seine einfachen geometrischen Formen bekannten Bildhauer Egon Stöckle (geb. 1936), der mit den beiden Teilen auch an den damaligen „Zivilisationsbruch“ erinnern wollte.

Jewish Memorial at Cemetery Weilheim Oberbayern Jüdisches Denkmal Friedhof

Die Inschrift des größeren Teils lautet „Die Stadt Weilheim gedenkt aller jüdischer Mitbürger die unter der NS-Herrschaft 1933-1945 gequält und verfolgt, vertrieben und beraubt wurden.“ (“The City of Weilheim remembers all Jewish fellow citizens who under the rule of Nazi 1933-1945 were pained, persecuted, expelled an bereaved.”)

Stadt Weilheim Denkmal jüdische Mitbürger 1933 - 1945

Auf dem schrägen, kleineren Monument sind acht Namen von Weilheimer Juden erwähnt:

Emil Buxbaum, Hedwig Buxbaum, Johanna Buxbaum, Ernst Buxbaum, Richard Grünwald, Johanna Schmidt, Bernhard Schmidt und Sabina Schmidt – sie wurden verschleppt und ermordet.“ (… they were kidnapped and murdered)

Juden Weilheim Denkmal Friedhof Buxbaum Schmidt Grünwald

Da weitere Angeben zu den namentlich genannten fehlen, ist es auf Anhieb nicht möglich, sich einen Reim darauf zu machen. Sucht man mit der Ortsangabe Weilheim im Register von Yad & Schem in Jerusalem, so stößt man lediglich auf Bernhard Schmidt, Johanna Schmidt und Sabina Schmidt. Über sie Zeugnis abgelegt hat Drora Jakobi (geb. Schmidt), ihre in Israel (Cholon, חולון) lebende Schwester, die 1955 auf Hebräisch und 1985 nochmals auf Deutsch Angaben  machte. Demnach hießen die Eltern, zu denen es in der Datenbank keine Einträge gibt und die sich auch nicht auf dem Weilheimer Denkmal finden, Abraham und Franziska (Fanny) Schmidt. 1955 in hebräischer Sprache trug Drora Jakobi nur zwei Geschwister ein. Bruder Bernhard war demnach am 17. Dezember 1930 in Weilheim geboren worden, von Beruf „Schüler“ (תלמיד) und endete dem Zeugnis gemäß 1943 im Krematorium von Auschwitz, bestenfalls 13 Jahre alt. Seine jüngere Schwester  Chana, mit dem Spitznamen „Heni“ (am Gedenkstein als Johanna erwähnt) war am 12. August 1933 geboren worden und war von Beruf „Schulkind“ (ילדה בבית ספר). Im März 1943 starb auch sie in Auschwitz, im Alter von 9 Jahren. Nur im zweiten, deutsch-sprachigen Zeugnis erwähnt ist  die älteste Tochter von Abraham und Fani Schmidt, die am 11. Oktober 1920 geborene Sabina, als deren Geburtsort jedoch nicht Weilheim, sondern „Polen“ genannt ist. Das deutet daraufhin, dass die Schmidts trotz des deutschen Namens ursprünglich aus Polen stammten. Die Identität zu ermitteln wird damit freilich auch nicht einfacher, da sich in der Datenbank von Yad & Shem in den denkbaren (deutsch, polnisch, englisch und jüdischen) Schreibvarianten immerhin 76 Einträge zu (wegen abweichender Geburtsdaten und Herkunftsorten überwiegend unterschiedlichen) „Abraham Schmidt“ finden, von denen die meisten aus Polen stammen. Man könnte allenfalls raten. Die Angabe, dass die Familie von Weilheim nach München gezogen war, hilft ebenfalls nicht weiter, da in den Münchner Adressbüchern jener Jahre wiederum kein Eintrage zu Abraham Schmidt sind. Aufschluss (ggf. auch über den Verbleib der Eltern) können wohl nur Melderegister in Weilheim geben. Im Adressbuch von 1936 ist Abraham Schmidt als “Arbeiter” unter der Adresse Herrenfeldstr. 9 eingetragen.

Jews Cemetery Memorial Weilheim Juden Denkmal Friedhof

זיכרון ליהודים שנרצחו בעיר העליונה-בוואריה של ויילהיים

למשפחות שמידט בוקסבאום גרוענוואלד

Gleichfalls unergiebig sind die Informationen zu den am Denkmal erwähnten Buxbaum, die sich im Koblenzer Gedenkbuch*) als Münchner finden lassen. Man kann vermuten, ob sie im familiären Zusammenhang mit der Augsburger Buxbaum stehen, die eine weithin bekannte Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen besaßen. Immerhin findet sich im “Weilheimer Tagblatt” bereits 1874, eine entsprechende Werbeanzeige von “E. Buxbaum“(daneben eine Anzeige des Bankiers E. Landauer). Auch könnten die jeweils mit E beginnenden Namen der Weilheimer Brüder darauf verweisen.

E. Buxbaum Augsburg Maschinen und E. Landauer Bankier Weilheimer Tagblatt Inserat 1874

Emil Buxbaum, der seit 1920 am Weilheimer Marienplatz (im Weilheimer Adressbuch von 1936 lautet seine Anschrift “Adolf Hitler Platz 6″) ein Bekleidungsgeschäft besaß

(Abbildung: http://www.primolo.de/archiv/Weilheim/hp_innen4.htm),

war demnach am 17. September 1887 geboren und starb 1943 im lettischen Riga, wohin er wie seine Familie verschleppt worden war, so auch seine Frau Hedwig (geb. am 7. Juni 1899). Ebenso ihr am 30. April 1925 geborenes Kind Johanna Buxbaum – sie kam 1943 in Riga ums Leben. Der 1897 geborene Ernst Buxbaum (wohl der Bruder von Emil) beging bereits 19. April 1940 Suizid. Nähere Angaben zu welchen Umständen auch immer gibt es nicht in den Gedenkbüchern, die offenbar auch Grundlage für die am Denkmal überhaupt genannten Namen sind, findet sich dort auch Richard Grunwald. Von ihm ist lediglich dort nur erwähnt, dass er am 25. November 1884 geboren wurde, in Auschwitz landete und 1955 als vermisst galt.

Im Adressbuch von 1936 findet sich aber auch Richard Grunwald und zwar als Sägewerkbesitzer (“Deinhaus-Werk” arisiert als “WeHoBa”) am Trithofweg 19, unter derselben Anschrift genannt sind noch Arnold und Bernd Grunwald, jeweils mit dem Zusatz Kaufmann. Es ist anzunehmen, dass sie verwandt waren, Frauen und Kinder hatten. Was aus ihnen wurde lässt sich schwer sagen, da Yad & Shem auch zu Arnold Grunwald 45 Treffer hätte, die meisten von ihnen aus Böhmen.

Wenn man bedenkt, dass wohl kaum jemand beim bloßen Lesen im Adressbuch einen Richard Grunwald oder Bernd Schmidt als Jude in Betracht ziehen würde und viele einen solche Vermutung oder Zusammenhang gewiss in Abrede stellen würden, stünden diese Namen nicht eben auf dem offiziellen Denkmal … und berücksichtigt man zudem, dass mit ihnen verwandte Personen, deren Existenz sich schon aus einem bloßen Blick ins damalige Adressbuch von Weilheim ergibt, … von amtlichen Melderegistern ganz zu schweigen … ist es klar, dass die bloß acht Namen am Denkmal derer man sich recht ungenau “erinnern” will, offensichtlich damit einhergehen, viele andere für immer zu vergessen. There is a Gschmackle as the Swabian saying goes.

urbs caelestis hevenly city himmlische stadt Weilheim Jerusalem

?עיר שמיימית – ירושלים או ויילהיים

Four members of the Buxbaum family are mentioned on the memorial at the municipal cemetery of Weilheim, three of the Schmidt siblings whose sister Drora (married Jacoby in Cholon, Israel) managed to survive and gave testimony in 1955 and 1985 on behalf of her murdered sisters and brother and Richard Gruenwald.

The memorial, which is hidden in the rear part of the cemetery next to large soldier memorial however hall has no dates or other information on the names. So it is left to your own effort to find out what was their relation, age or whatever.

Since the names of the parents of the Schmidt siblings are not mentioned as well as a number of relatives of the Buxbaums and other Weilheim Jews, it is rather unlikely that there were just eight of them who were murdered and adressed as “all Jewish fellow citizens” …

Richard Grunwald for instance, as a cursory look into the Weilheim adressbook from 1936 reveals was the owner of a saw or lumber mill and in his house lived also Arnold and Bernd Grunwald, who maybe were his sons or brothers, but or not mentioned as well.

What one can figure out with a closer look on Weilheim?

We may come back on that later.

If you have further knowledge on the Jews of Weilheim, please let us know.


Stolpersteine in Nördlingen

June 11, 2015

Während sie in Augsburg und München noch immer hartherzig und engstirnig verhindert werden, verblassen andernorts manche Stolpersteine bereits schon wieder ganz großzügig. Beispiele dafür fielen gestern im Rieser Nördlingen auf:

Nördlingen Stolpersteine Hamburg WIlli Selma Gerda ermordert in Piaski

erneut verblassende Erinnerung an Gerda, Selma und Willi Hamburger aus Nördlingen, 1942 “deportiert”, dann in Piaski ermordet – offenbar sind auch Stolpersteine nur begrenzt haltbar.

Stolperstein  Benno Schweisheimer Nördlingen 1898 Piaski 1942

noch weit besser erhaltene Exemplare für Benno Schweisheimer, bzw. Hermann und Rosa Heinemann

Nördlinger Stolpersteine Hermann Heinemann Rosa Kreisle Riga Cosel

 

 

 


Fußball oder Leben

February 15, 2015

 

In den vergangenen Jahren wirkten sich Terror und Kriegsszenarien immer wieder mal auch auf den allseits beliebten Fußball-Sport aus. Israelische Mannschaften wurden so als Teilnehmer an der UEFA-Champions-League des Öfteren schon dazu verdonnert, ihre Heimspiele im griechischen Teil Zyperns auszutragen, wenn es einige Monate zuvor zu Terror-Anschlägen in Israel kam. Die Begründung dafür waren stets Sicherheitsbedenken – und die kann man ja im Interesse der Beteiligten und vor allem auch der Fans nicht zu ernst nehmen (abgesehen davon, dass die Anhänger der israelischen Heim-Mannschaften ja weiterhin vor Ort wären). Dass sich Bombenanschläge in Madrid, London oder Paris nicht gleichermaßen Bedenken bezüglich britischer, französischer oder spansicher Austragungsorte auswirkte, erscheint zwar etwas fragwürdig, lässt sich aber vielleicht damit erklären, dass die Funktionäre der UEFA Terror-Anschläge in der EU für abwegig Sonderfälle, in Israel als „logische“ Voraussetzung begreifen.

Ein Spiel der belgischen Fußballnationalmannschaft in Israel, das auf den 8. September angesetzt war, wurde abgesagt, obwohl der israelische Konflikt mit der Hamas in Gaza und im Grenzgebiet bereits am 25. August mittels einer vereinbarten Waffenruhe beendet wurde. Und so wurde deshalb bereits im September 2014 sogar auch das für den 25. März 2015 vereinbarte Gastspiel des aktuellen Fußball-Weltmeisters Deutschland in Israel gleichfalls abgesagt. Trotz aller Enttäuschen – denn man hatte sich in Israel doch sehr darauf gefreut, sich mit dem Weltmeister messen zu dürfen – kann man all dies, wenn auch mit zunehmenden Stirnrunzeln noch verstehen. UEFA, DFB und Co. wollen kein Risiko eingehen, und wo ein reale Terror- oder gar Kriegsgefahr auf der Hand liegt, und sei sie auch klein, ist es vielleicht besser, sich das trefflich zu überlegen.

Wirklich? All die obigen Bedenken scheinen für Schachtar Donezk (das 2004 vom Augsburger Bernd Schuster trainiert wurde) nicht zu gelten, da der Club aus der aktuell von „russischen Rebellen besetzten“ ost-ukrainischen Stadt bislang ohne Widerstände seine Heimspiele in der Champions-League austragen durfte, obwohl es in der Region bereits seit einem Jahr kriegerische Auseinandersetzungen gab, zuletzt sogar mit Panzern. Auch das Schachtar-Stadion wurde bereits von Einschlägen getroffen. Stört das irgend wen? Offenbar nicht.

Nun wollte es Auslosung für die letzten 16 Teams des Wettbewerbs letzten Dezember, dass am kommenden Dienstag Schachtar den deutschen Rekordmeister FC Bayern München empfängt. Berücksichtigt man den Umstand, dass die „Neu-Russen“ in Donezk gerade „die Deutschen“ als Kriegstreiber verstehen, ist das eine durchaus pikante Paarung.

Inzwischen hat das Team aber seine russisch besetzte, zumindest aber hart umkämpfte Heimatstadt verlassen und ist einige hundert Kilometer westlich nach Lemberg (Lviv) umgesiedelt, wo nun auch das Spiel gegen den FC Bayern stattfinden soll. In der Ukraine ist das aber dennoch und zur für heute vereinbarten Waffenruhe meldeten Medien noch heute Morgen, dass sie noch nicht überall eingehalten wird. Wenn man bedenkt, dass auch schon ein ziviles Passagierflugzeug abgeschossen wurde, kann man sich über die Flexibilität von Sicherheitsbedenken nur wundern. Wie lange kann ein Team aus Donezk außerhalb von Donezk spielen und trotzdem als Team aus Donezk gelten?

 

* * *

If it is about Israel, UEFA for security reasons is very concerned and avoids to have official games in Israeli stadiums. Thus the Belgium team did not come to Israel early September 2014, although the Gaza-War ended already two weeks earlier with a ceasefire, brokered by the Egyptians (who time and again have deadly incidents in their football stadiums). Even the German football team, mainly consisting of players of Bayern Munich, which in summer won the FIFA world cup, therefore had to  cancel a friendly match in Israel which was scheduled for March 25, 2015.

Next Tuesday however Ukrainian team Shakhtar Donetsk hosts FC Bayern Munich in Lviv (Lemberg), some hundred kilometers west of its abandoned hometown, which for months is in the hands pro-Russian militia or rebels or however you like to put it. They also of course have control about the area where is the home stadium Donbas arena of Shakhtar.

However, a year long war in Ukraine is no reason to cancel football matches or to avoid a country as host of international matches.

 

שוב ושוב ישראל מסוכנת מכדי שיהיה כדורגל אופ”א
אבל אוקראינה היא לא
מלחמה עקובה מדם במשך יותר משנה – אין בעיה בכלל
ביום שלישי מועדון הכדורגל באיירן מינכן משחק נגד דונייצק בלבוב


Das Verschwinden der Juden

December 12, 2014

Artikel aus der „Bayerisch Israelitischen Gemeindezeitung“  X./23 vom 1. Dezember 1934

von Prof. Dr. Arthur Aaron Cohen (München)

Arthur Cohen München Artikel Volkszählung Juden Bayern 1933

„Bei der Volkszählung des Königs David – wohl der ältesten uns bekannten – sprach sein Feldherr Joab (Chronik I.21): „Der Herr tue zu seinem Volk, wie sie jetzt sind, das hundertfache!“ Die Bedeutung einer Volkszählung wird richtig erkannt. Auch heute bedarf es keines Lehrbuchs der Statistik, um einzusehen, wie viel von einer großen Volkszahl abhängt. Warten doch nicht nur Oberhäupter der Städte, sondern auch die gewöhnlichen Zeitungsleser mit Spannung auf die Ergebnisse der letzten Volkszählung, um mit Stolz verkünden zu können, dass ihre Stadt, sagen wir von der 11. auf die 10. Stelle gerückt ist. Es ist eine Prestigefrage! Besonders für die Juden kommt es viel auf die Zahl an, denn die andere statistische Größe, die neben der Personenzahl auf der ersten Seite der statistischen Jahrbücher prangt, die Bodenfläche, kommt seit beinahe 2000 Jahren für die Juden nicht mehr in Betracht. Aber auch nüchternen Bedürfnissen dient die Volkszählung. Denn die Beiträge der unteren Gemeinwesen zu den höheren können nicht gut anders bemessen werden, als nach der Bevölkerungszahl, und so richten sich z. B. die Beiträge der Landesverbände nach der Anzahl der Juden, die in dem Lande wohnen.

Seit der Reichsgründung hat in Deutschland alle fünf Jahre eine Volkszählung stattgefunden, zuletzt 1910, seit dem Kriege nur zwei: am 16. Juni 1925 und am 11. Juni 1933. In den letzten Wochen sind einige vorläufige Ergebnisse der Volkszählung von 1933 amtlich veröffentlicht worden, für das Reich in der vom Statistischen Reichsamt herausgegebenen Halbmonatsschrift „Wirtschaft und Statistik“ vom 1. Oktober 1934 …

… daraus ergibt sich, dass die Zahl der Juden in Bayern am 11. Juni 1933 41.939 betragen hat, und dass sie seit 1925 um 7724 gesunken ist, d.h. um 14.66 Prozent. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung ist von 0.66 Prozent auf 0.54 % zurückgegangen.

Alex Jakobowitz

Marimba-Spieler Alex Jacobowitz, Münchner Fußgängerzone April 2013

Juden Bayern Statistik 1933

numbers of Jews in Bavarian towns in 1933

Prof. Cohen führte weiter aus, dass fast 70 % der Juden in Bayern in den 22 größten Städten wohnten, eine Tendenz zur Verstädterung, die seit 1925 nochmals zugenommen habe, während nun jedoch die Gesamtzahl der Juden insgesamt, aber eben auch besonders in den Städten rückläufig sei. Fast die Hälfte der bayerischen Juden leben demnach bereits nur in den fünf Großstädten (über 100.000 Einwohner) München, Nürnberg, Augsburg, Ludwigshafen und Würzburg.

Interessant aus der Rückschau ist die Frage, wie der Professor vor Recht genau 80 Jahren, nach bald 2 Jahren Herrschaft der Nationalsozialisten Entwicklung und Ursache des Rückgangs auf der Basis von Daten aus dem Sommer 1933 einschätzte:

Neben der Überalterung, bzw. der höheren Sterbe- als Geburtenziffer, sieht er als zweite Ursache eine steigende Anzahl von Mischehen, deren Kinder für gewöhnlichen „dem Judentum verloren“ gingen.

„Auch die Austritte aus dem Judentum haben stark zur Abnahme der jüdischen Bevölkerung beigetragen.“ Genaue Zahlen seien darüber nicht bekannt, doch könnten die Zahlen „aber wohl bei einer besseren Organisation der Statistik in der Judenheit fortlaufend ermittelt werden“. Aus den teilweise erhaltenen Unterlagen der jüdischen Gemeinde in Augsburg ist zumindest für die Zeit der 1930er Jahre eine bis etwa 1939 ansteigende Anzahl von Personen nachvollziehbar, die ganz offensichtlich auch unter dem Druck der nationalsozialistischen Herrschaft den als „Austritt aus dem Judentum“ be- und verzeichneten Schritt vollzogen. Mit der sogenannten Kristallnacht im November 1938 ebbt dies freilich ab, wohl weil die Illusion, sich durch eine öffentlich proklamierte Abkehr vom Judentum Vorteile zu verschaffen, nicht mehr aufgehen konnte.

Ende 1934 fand Prof. Cohen noch etwas anders bemerkenswert:

Die interessanteste und ‚akuteste‘ Ursache der Abnahme der jüdischen Bevölkerung ist aber der Wanderverlust“ , d.h. die Auswanderung ins Ausland. Bei allen statistischen Schwierigkeiten, können man nun aber ohne jeden Zweifel sagen, dass in der Zeit von 1925 bis 1933 die Zahl der Auswanderungen die der Einwanderungen von Juden aus und nach Bayern deutlich überstiegen haben muss. Ganz sicher wird man sogar die Auswanderung als wesentlichsten Faktor für die (deutliche) Abnahme der Juden in Bayern – und in ganz Deutschland (wo es außerhalb Bayerns ähnlich starke Rückgänge gab) sehen müssen. Schließlich nimmt der Autor dann doch noch auf die aktuelle Entwicklung seiner Epoche Bezug:

Dabei erfasste die Volkszählung, weil sie nur wenige Monate nach dem Eintritt der neuen Verhältnisse erfolgte, den Wanderstrom nur unvollständig: sie riss ihn – um bildlich zu reden – entzwei, und zwar gerade an der Stelle, die für die Stärke des Wanderstroms nicht maßgebend sein kann. Es ist nämlich anzunehmen, dass die jüdische Bevölkerung seit dem 11. Juni 1933 nicht nur eine weitere Abminderung erfahren hat, sondern sogar relativ eine größere Abnahme als zwischen 1925 und 1933, und dass diese Abnahme gegenwärtig fortdauert, in einem Ausmaße, dass die statistische Tatsache zur historischen Tatsache wird, zu einem der vielen traurigen Kapitel in der jüdischen Geschichte.“

Jewish Memorial Munich Cemetery

Mit dieser Einschätzung lag Arthur Aaron Cohen bekanntlich mehr als richtig. Da die Entwicklung bald sehr tragische Ausmaße annahmen ist uns heute jedoch ein wenig der Blick darauf versperrt, die bis zur Eskalation des Nazi-Terrors bereits vorhandene, auf die von den Nazis unabhängige Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen und ihre auch für die heutige Zeit wieder relevante Faktoren in Augenschein zu nehmen.

Ein Bevölkerungsrückgang bei den bayrischen Juden von 15 % in 8 Jahren war doch recht erheblich, auch wenn er im ersten Halbjahr 1933 durch den Anhieb der Nazi-Herrschaft sozusagen zusätzlich an Fahrt gewann. Die damals attestierten Faktoren kennzeichnen auch 2014 den Zustand der jüdischen Gemeinden in Deutschland: deutlich mehr Sterbefälle als Geburten, mehr Auswanderer als Zuwanderer, Mischehen, Austritte, Verstädterung der Verbliebenen (inkl. „Aldi-Pudding-Berliner“).

Die in Deutschland seit 1990 vor allem durch Zuwanderer aus Russland und der Ukraine vergleichsweise stark angestiegene Zahl von Juden erreichte 2005 mit fast 110.000 ihren Höhepunkt und sinkt seitdem kontinuierlich. Ende 2013 lag die erfasste Zahl noch bei etwa 101.000 und nun ein Jahr später können wir davon ausgehen, dass die 1998 als „magisch“ aufgefasste „Grenze“ von 100.000 wieder unterschritten werden dürfte.

In nur acht Jahren ist die Zahl der Juden in Deutschland demnach wieder um fast zehntausend gesunken, d. h. um rund 10 %. Da die größtenteils aus osteuropäischen Zuwanderern bestehenden jüdischen Gemeinden sehr hohe Anteile an Rentnern haben, ist es absehbar, dass sich dieser Trend nicht mehr umkehren, sondern in nahe Zukunft beschleunigen wird. Die Zahl der Juden in Deutschland wird in den nächsten Jahren wieder deutlich sinken. Es ist nicht zu schwer, einzuschätzen, wann in etwa das Niveau vor dem „Zustrom“ aus der ehemaligen Sowjetunion wieder erreicht sein dürfte.

Die bayerischen Juden sind in derzeit in zwei Verbände organisiert, die bei in München ansässig sind. Freundlich aufgerundet repräsentiert der eine die etwa 9500 Münchner Juden, der andere 3000 weitere im Rest von Bayern, etwa die Hälfte davon in Augsburg.

Der Rückgang der Zahl der Juden in Bayern lag von 1925 bis 1933 bei 15 % in 8 Jahren, also bei fast 2 % pro Jahr. Der gegenwärtige Schwund seit 2005 liegt bei etwa 1,1 % p. a., wird sich aber angesichts von über einem Drittel Mitgliedern im Alter über 60 Jahre, in den nächsten Jahren erheblich steigern, zumal es faktisch keine nennenswerte jüdische Zuwanderung nach Deutschland, dafür aber viele Mischehen und ein deutliches Geburtenminus gibt. Die Zahl der 10.000 Juden in Bayern dürfte so auch bereits zum Jahresbeginn unterschritten werden.

80 Jahre nach der obigen Auswertung können wir nun vielleicht Zeuge eines stillen Verschwindens des Judentums in Deutschland werden, wobei dieses Mal die schrille Begleitmusik offenbar von Islamisten besorgt wird. Trotz der spürbaren Beunruhigung über eine sich entwickelnde womöglich historische Zäsur, die Arthur Aaron Cohen Ende 134 zum Ausdruck bringt, von Panik spürt man beim ihm nichts. Noch nicht. Er starb sieben Jahre nach der Volkszählung am 10. Juni 1940 in München im Alter von 76 Jahren.