Carl von Obermayer

August 14, 2015

Carl von Obermayer 1811 - 1889

Portrait von Carl von Obermayer (1811 Kriegshaber – 1889 Wien). Enkel des Bankiers und Wechselhändlers Jakob Obermayer und Sohn des Bankiers und Eisenbahnpioniers Isidor Obermayer, der mit der Besorgung von Schienen und Lokomotiven aus England, maßgeblich zum Bau der ersten bayerischen Überlandbahn von Augsburg nach München beitrug und 1821 das stattliche Palais an der Max-Straße in Augsburg erwarb, das heute als Standesamt bekannt ist.

Obermayer Palais Augsburg Maximilianstr Standesamt

Auch Carl von Obermayer lebte dort und erbte es. Er war Kommandant der Augsburger Landwehr alter Ordnung (einer Art Mischung aus Miliz, Bürger- und Feuerwehr), Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg mit Amtssitz in seinem Wohnhaus, ein bedeutender Militärstratege mit zahlreichen Aufenthalten im Ausland und Berater der Preußischen Regierung und erster Vorsitzender der 1863 formell vom bayerischen König Ludwig II. anerkannten Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg.

Obermayer Palais Wien Jauresgasse Reisnerstr.

 Palais in Wien

Nach seinem Umzug nach Wien residierte er mit seiner zweiten Frau Rosalie in seinem Palais in der Jauresgasse/Ecke Reisnerstr., heute Sitz der Botschaft der “Islamischen Republik Iran”. Nach seinem Tod wurde Carl von Obermayer im von ihm selbst angelegten Familienensemble der Obermayer-Familie am jüdischen Friedhof von Kriegshaber/Pfersee beigesetzt.

Sein immer wieder nach Jahren mal restauriertes Grabmal wurde in den vergangen Zeiten des öfteren von Vandalen beschädigt. Um dem erneuten Verfall entgegenzuwirken, wollen wir hier auch einmal mehr an einen der großen Söhne Augsburgs erinnern.

Grabstein Carl von Obermayer Kriegshaber Augsburg Juli 2015

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Zum 200. Geburtstag von Carl von Obermayer

March 1, 2011

(Carl von Obermayer – painting by Chana Tausendfels, 2009)

Carl von Obermayer (1811 – 1889) entstammte einer alteingesessenen schwäbischen Familie, deren Wurzeln ins Augsburger Mittelalter zurückreichen und über lange Jahrhunderte im austro-schwäbsichen, dann bayerisch-schwäbischen Raum lebten und wirkten. Wie sein Vater und Großvater war er Vorsitzender der neuen jüdischen Gemeinde in Augsburg. Er war US Konsul in Bayern mit Amtssitz in Augsburg, ein Förderer von Theater, Kunst und Musik ebenso wie der Naturwissenschaft, stiftete eine Armenküche und einen Hilfsverein für die Resozialisierung von Strafgefangenen. Obermayer war Oberst und Kommandant der Augsburger Landwehr und Mitbegründer der freiwilligen Feuerwehr.

Am 1. März 1811, also heute vor genau zweihundert Jahren wurde Carl (דיד יעקב בן יצחק) Obermayer als Sohn von Isidor Obermayer (1783 – 1862) und der aus Karlsruhe stammenden Bankierstochter  Nanette Kusel (1794 – 1856). Am selben Tag wurde in seiner Heimatstadt Dresden auch der spätere Oberrabbiner Wolf David Landau geboren. Carl von Obermayer war eine schillernde Persönlichkeit, der an zahlreichen Höfen verkehrte und im 19. Jahrhundert zu einer der herausragenden Persönlichkeiten in Augsburg gehörte, heute aber in der Stadt weitgehend vergessen ist. Sein Großvater Jakob, ein Nachkomme der berühmten Pferseer Ulmo, der als Finanzier bereits im Frühjahr und Sommer 1799 in Augsburger wohnen durfte, konnte durch massive Geldzahlungen an die hochverschuldete und um seine Unabhängigkeit als Reichstadt bangende Augsburg, ab 1803 ein permanentes Bleiberecht aushandeln.  Zehn Jahre später, im Jahre 1813 wurde er Vorsitzender der ersten dauerhaften jüdischen Gemeinde nach dem Mittelalter, die sich in Räumen seines Wohnhauses am Obstmarkt versammelte. In diesem Haus wurde auch Carl geboren. Obwohl die Gemeinde damals bereits rund 100 Personen umfasste waren nur wenige jüdische Haushaltsvorstände in der Stadt verzeichnet: Jacob Obermayer, Isidor Obermayer, Arnold Seligmann, Goudchaux Weiler, Simon Weiler, Amson Heymann, Simon Wallersteiner, Simon Levi, Samson Binswanger, Wolf Regensburger und die Kinder von Jakob Obermayers Pferseer Verwandten und Partner Henle Efraim Ulman (Ulmo).

Im selben Jahr erwirbt Jakob für sich und seine Frau, für seinen Isidor und dessen Frau aus Karlsruhe wie auch für deren beiden Kinder Carl und Henriette das Bürgerrecht für die Barsumme von 550 Gulden, was eine sehr stattliche Summe darstellt. 1 Pfund frisches Schwarzbrot (467 g) beispielsweise kosteten in jener Zeit bei Augsburger Bäckern 3 Kreutzer, ein Kilogramm aufgerundet also 6 Kreutzer. Bis zum 31. Dezember 1875 galt in Bayern der Gulden zu 60 Kreutzer, der tags darauf zum Stichtag 1. Januar 1876 durch die Deutsche Mark zu Pfennigen ersetzt wurde. Für einen Gulden erhielt man also 10 Kilo frisches Brot und wie viel Jakob Obermayer damals für die Eintragung des Bürgerrechts zahlte, kann man ermessen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel man heute beim Bäcker für  5.500 kg oder 11.000 Pfund frisches Brot zahlen müsste, … Im selben Jahr wurde Jakob Obermayer auch Vorstand der faktischen jüdischen Gemeinde von etwa 100 Juden die sich zu den Gebetszeiten in seinem Wohnhaus trafen, wo eigens Räume für die Gebete, Lesungen und Studien eingerichtet wurde. 1821 erwarb Carls Vater das prächtige alte Wohnhaus dass sich entlang der Heilig-Grab-Gasse gegenüber dem alten Städtischen Kaufhaus erstreckte zur Maximilianstraße beim Herkules-Brunnen dem Schaezler-Palais gegenüber lag. Isidor wohnte dort bis zu seinem Tod im Jahre 1862. Carl von Obermayer wuchs in diesem Haus auf und verbrachte hier seine Jugend. Zu seiner in Kriegshaber gefeierten Bar Mitzwa im Februar 1924 –Parascha Truma – entsandte König Maximilian I. ein Gruß, der von einem Sekretär persönlich überbracht wurde. Im November 1833 heiratete Carl Emma Goldstein aus Wien – einer verzweigten Verwandten von Theodor Herzls Ehefrau Julie. Carl und Emma hatten drei Kinder, aber keine glückliche Ehe. Das aufwendige Wiener Scheidungsverfahren ist voll von Vorwürfen des Ehebruchs und Vernachlässigung durch Carl, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden. Nach seiner Rückkehr aus Wien fasste Carl, der wenig Neigung für Finanzgeschäfte hatte, sich aber umso mehr der Kunst, Musik und Wohltätigkeit widmete, mit Hilfe seines Vaters, der bereits der Landwehr angehörte, Fuß im gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt. Ab 1846 war Carl Obermayer Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Bayern mit Sitz in Augsburg. Persönlich ernannt dazu hatte ihn James Knox Polk (1795 – 1849), seit März 1845 elfter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Als Oberst der Landwehr alter Ordnung gilt Carl als ranghöchster jüdischer Offizier der bayerischen Militärgeschichte.  1853 übernahm er von seinem Vater das Amt des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Augsburg, das er bis 1867 innehatte. In seine Amtszeit fällt der Umzug in die Wintergasse wo Augsburgs erste Synagoge der Neuzeit in einem eigens erworbenen und für diese Zwecke umgebauten Wohnhaus eingerichtet wurde.  Sein Sohn Jakob Edwin, der wie zahlreiche andere Obermayer im Familien-Ensemble am Kriegshaber Friedhof begraben ist, verstarb 1856 früh im Alter von 21 Jahren als Student in München, im Jahr der ersten weltweiten Finanzkrise, unter dubiosen Umständen. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1862 kehrte er in das Haus als Erbe zurück – seine Schwester Henriette (1812 – 1885) hatte bereits 1830 Baron Simon Oppenheim, den Haupterben des Bankhauses damals jüdischen Bankhauses Sal. Oppenheim in Köln geheiratet. Eine Verbindung die auch Isidor Obermayer beim Bau der Eisenbahnlinie von München nach Augsburg sehr hilfreich war. 1869 wurde Carl Obermayer vom württembergischen König Karl I. mit dem Namenszusatz „von“ geadelt, was seitens Bayerns jedoch nicht anerkannt wurde. 1876 heiratete Carl von Obermayer die Sängerin Rosalie Ultsch (geb. 1838) mit der er eine Tochter hatte. Mit ihr zog er wieder nach Wien, wo er 1881 verstarb.

(Gräber des Obermayer’schen Familien Ensembles, im wieder verwilderten Zustand Ende Okt0ber 2010)

Begraben wurde Carl von Obermayer am jüdischen Friedhof Kriegshaber / Pfersee neben seiner ersten Frau Emma, die in 1865 Baden-Baden verstorben war. Links neben ihm wurde der österreichische Abgeordnete Ferdinand Wertheimer, der 1883 in Linz verstarb, bestattet. Das Grabmal Wertheimers ist „verschwunden“, das seiner Mutter Babette „Bela“ (geb. Obermayer) ist seit Jahren offen und ausgehöhlt – lediglich eine kleine Grabplatte und Reste einer hebräischen Widmungsinschrift konnten zwischen Erdreich und Müll 2007 geborgen werden. Vom Grab Isidor Obermayers war bis 2009 nur die kleine hebräisch-deutsche Erinnerungstafel übrig geblieben, die wahllos in einem Gebüsch lag. Vom Grabmal Jakob Obermayers, der Augsburg  einst mit stattlichen Summen vor der drohenden Pleite bewahren wollte, ist nur noch die Bodeneinfassung übrig, während die Grabplatte Carl von Obermayers seit nunmehr Jahrzehnten zerschlagen ist und in einzelnen Trümmern am Friedhof liegt, da alle Bemühungen Einzelner, es zu restaurieren gescheitert sind.

Zum 200. Geburtstag bemühte sich der JHVA bei verantwortlichen Stellen, um eine WIDMUNGSTAFEL am ehemaligen Wohnhaus der Obermayer, das mit Isidor und Carl von Obermayer sowie dem Nachfolger Salomon Rosenbusch das Heim drei aufeinanderfolgender Vorsitzender der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde im Augsburg des 19. Jahrhunderts war, doch erscheint die Angelegenheit wie schon in der Bewahrung der Grabstätten schwierig und vielleicht hoffnungslos.

Wie vor zweihundert Jahren sind auch heute wieder die Kassen leer, aber ein neuer rettender Obermayer ist nicht in Sicht.

Today marks the 200th birthday of Carl von Obermayer from Augsburg, who as his father Isidor and grandfather Jakob was head of the modern Jewish community in Augsburg’s 19th century. He also was a wellknown benefactor and Consul for the United States of America in Augsburg, personally appointed by President James Polk in 1846. However as  many grave markers of his family also his at the Jewish Cemetery of Kriegshaber is smashed as his memory is (almost) forgotten.


Carl von Obermayers Indianergeschenk an Augsburg

November 25, 2009

Am Anfang war im Eckzimmer des „Prinz Carl“ der wöchentliche Stammtisch einer kleinen Gruppe von Männern, die an Naturgeschichte interessiert waren. Daraus erwuchs im Dezember 1846 der Naturhistorische Verein Augsburg, dessen Gründung am 15. September 1847 von den zuständigen königlichen Stellen genehmigt wurde. Der Magistrat der Stadt stellte Ausstellungsräume im Metzgerhaus zur Verfügung, 1854 wurde ein ehemaliges evangelisches Waisenhaus bezogen, das heute als Maximilianmuseum existiert. Als im Juni 1856 seine Majestät König Maximilian anlässlich des anstehenden zehnjährigen Jubiläums die Ausstellung des Vereins besichtigte, war die Zahl der Mitglieder aus den ursprünglichen neun sprunghaft in die hunderte angestiegen. 1886 wurde der Verein umbenannt als Naturwissenschaftlicher Verein für Schwaben und Neuburg und 1904 das Stetten-Haus am Kesselmarkt bezogen. Dieses wurde 1944 mit den meisten Ausstellungsstücken bei britischen Bombenangriffen zerstört. 1991 wurde im umgebauten Nachfolgebau des ehemaligen Gebäudes der Augsburger Allgemeinen ein neues Naturkundemuseum errichtet.

Der ursprüngliche naturhistorische Verein veranstaltete monatliche Vorträge , knüpfte Kontakte zu anderen Vereinen und Gesellschaften und verstand es als seine Aufgabe seine naturkundliche Sammlung wie auch seine Bibliothek stetig auszubauen. Sie betrafen Flora und Fauna von Augsburg und Umgebung „Schwaben“), weiteten sich dann aber auch aus in ethnologische Interessensgebiete  „aus allen Herren Länder“. Zahlreiche erhaltene Jahresberichte geben auch minutiös Einblick darüber, welche Mitglieder oder Freunde die Sammlungen des Vereins durch Geschenke, Stiftungen, Ankäufe erweiterten. Im Jahresbericht für 1859 (vom April 1860) wird etwa erwähnt, dass Herr Baumeister, Chirurg aus Diedorf u.a. eine Wasserspitzmaus (sorex fodiens pall) und Herr Graf Fugger-Blumenthaleinen Flusskrebs mit abnormer Schere“ schenkte. Herr Baron von Rehling auf Hainhofen stiftete im selben Jahr „einen Goldfasan“ (Phasianus pictus), Herr E. von Stetten einen Wespenbussard (pernis apiforus) „und ein frischgelegtes Ei dieses Vogels“. Der Revierförster Steger von Monheim erweiterte die Sammlung um eine Rabenkrähe, während Dr. von Weidenbach  „mehrere Fledermäuse“ schenkte.

Im folgenden Jahresbericht ist zu lesen: „Von seiner Königl. Hoheit Prinz Luitpold von Bayern: einen von Hochdemselben am Schöllerangerberg bei Burgberg den 1. Mai 1861 erlegten Auerhahn, tetrao urogallus“. Im Bericht von 1862 ist die Spende des Kaufmann Frauendorfer verzeichnet: „1 monströses Hühnerei“, der königliche Regierungsrat Gerhauser stiftete der Sammlung hingegen „1 junge Hauskatze mit acht Füßen“, der Fabrikant Chur gab „1 Wachtelhund“ und der Kaufmann Euringer widmete der Kollektion „1 Libelle“ …

Im Sechzehnten „Bericht des Naturhistorischen Vereins in Augsburg, veröffentlicht 1863“ http://www.biodiversitylibrary.org/item/45315#5 finden sich Besprechungen von Vorträgen des Vereins aus dem Vorjahr 1862, etwa der am 11. März gehaltene des Sekretärs des Vereins Wilhelm Scheller, seines Zeichens königlicher Post-Cassierer. Sein Thema: Der Nutzen der Weichtiere als Nahrungsmittel, wie in Hinsicht anderer Verwendung. Professor May aus Dillingen referierte über die Raubwespen und Wanzen seines Ortes. Und der langjährige Vorsitzender des Vereins Dr. Gustav Körber gab in zwei Vorträgen Aufschluss über Tierische und Pflanzengifte, informierte in drei weiteren Vorträgen aber auch über Tier- und Menschenrassen („Thier- und Menschenracen“).

Wie in jedem Jahr listet der Bericht auch 1862 wieder prominente Schenkungen auf:

Das interessante Geschenk des hiesigen vormaligen nordamerikanischen Consuls Herrn I. Obermaier, bestehend in verschiedenen Gerätschaften und Waffen cultivirter Indianer am Niagara in Canada, von St. Antonio de Bexar in Texas und von den Lipans-Indianern in Texas hat Veranlassung gegeben, auch für die zwar noch kleine, auf solche Weise aber erfreulich sich mehrende ethnographische Sammlung zwei neue Pfeilerschränke am Vorplatz aufzustellen, um die Mehrzahl der Gegenstände in 4 Abteilungen – für Afrika, Asien, Amerika und Australien zu verwahren.“

Als Spender der indianischen Ausrüstung für Augsburgs ethnographische Sammlung ist Carl von Obermayer, wie aus weiteren Notizen hervorgeht. Die Nennung I. basiert wohl auf einer gedanklichen Verwechslung mit dem berühmten Bankier Isidor Obermayer. In der Mitgliederlister des Jahres 1862 ist eingetragen „Obermayer, Carl, königlicher Landwehr-Oberst“. In der später folgenden Auflistung der jeweiligen Spenden und Erwerbungen des Vereins ist so auch „C. Obermayer, Landwehrobriat“ aufgeführt, was die Identifizierung Carl von Obermayer eindeutig macht. Er war der Sohn von Isidor.

 Im Mitgliederverzeichnis von 1862 (aufgeführt sind 35 Ehrenmitglieder, 83 correspondierende Mitglieder, 378 ordentliche sowie 60 außerordentliche Mitglieder) finden sich auch ein gutes Dutzend Juden, beispielsweise etwa der Großhändler Rosenbusch (dessen Grab sich am Augsburger Friedhof Hochfeld befindet), der Banquier Joseph Wilmersdörffer, dessen Sohn Ernst (1865-1926) später Oberlandesgerichtsrat in Augsburg wurde, usw.. Aufgelistet sind freilich auch illustre Namen, wie etwa W. Freiherr von Schaezler, „königlicher Kämmerer und Gutsbesitzer“ oder Leopold Fürst von Fugger-Babenhausen, „Durchlaucht“. Die beigefügte Bemerkung nach dem Namen dient offenbar der jeweiligen Berufsbezeichnung. So findet sich auch der heute noch entsprechend in der Stadt bekannte Name „Schmedding, Gold- und Silberarbeiter“.

Erwähnt sind noch andere Mitglieder der Obermayer-Familie, so der als Rechts-Concipient (Rechtsanwalts-Anwärter) Jacob Obermayer. Es könnte sich um den am 11. Dezember 1831 geborenen Sohn von Heinrich und Therese Obermayer handeln, der wie zahlreiche andere Mitglieder der Familie auswanderte. Er verstarb 1885 in Sciota, Illionois, wo heute nur noch rund 60 Menschen leben. Sodann Max Obermayer, bezeichnet als Banquier. Wie zuvor Carl von Obermayer wird Max Obermayer von 1866-1873 Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg sein. Beide sind zumindest seit 1854 als Mitglieder des Naturhistorischen Vereins nachweisbar. Im Jahresbericht 1879 ist auch eine Schenkung von Max Obermayer, nunmehr als Consul aufgelistet. Er stiftet der ethnographischen Ausstellung einen japanischen Metallspiegel und ein Paar japanische Schuhe, ferner ein Teetuch und eine Serviette aus japanischem Pflanzenstoff. Da eine nähere Beschreibung der japanischen Mitbringsel (?) fehlt, ist es schwer sich vorzustellen, welchen Wert sie für die Augsburger Wissenschaft gehabt haben mochte. 

Detaillierter ist jedoch die Liste der Schenkungen die Max Onkel dem naturhistorischen Verein aus Nordamerika, aus Kanada und Texas mitbrachte:

Geschenke von C. Obermayer, Landwehrobriaten

1. eine bemalte Jagdtasche von Leder mit Lederfranzen

2. ein Löffel von Horn mit Zinn eigelegt

3. ein mit Glasperlen gesticktes Feuerzeug-Täschchen

4./5. Ein Paar Jagdtaschen mit Wildklauen und Stickereien aus Glasperlen

6. eine aus rothen und weißen Zwirn gewobene Tasche

7. ein zierliches mit Glasperlen gesticktes Täschchen

8. ein Paar Sporen

9. eine aus Rosshaar geflochtene Reitpeitsche

10. ein Zaum

11. ein Bogen mit Pfeilen und Köcher

12. ein Pferdegebiss

13. eine Lasso-Binde

14. eine Jagdtasche mit daran befestigtem Pulverhorn

 

Zum Abschluss der Liste wurde nochmals die Herkunft der Schenkungen aus drei Gebieten bestätigt:

1. die kultivierten Niagara – Indianer in Kanada, 2. Die St. Antonio Bexar in Texas und 3. Die Lipans-Indianer in Texas.

 

Faszination Wilder Westen

Man kann sich gut vorstellen, dass die Gaben des ehemaligen Konsuls Carl von Obermayer, die sicher zumindest eine Vitrine gefüllt hatten, Eindruck machten in der damaligen Sammlung des Naturhistorischen Vereins im heutigen Maximilian-Museum. Immerhin waren Buffalo Bill und Karl May, die beide das Wild West Bild in Deutschland prägten, 1862 noch Schüler mit ganz anderen Ideen. Carl von Obermayers ethnologische Geschenke eilten dem späteren Ruhm den Wildwest-Shows, Romane und schließlich Filme  erreichten erheblich voraus.

William F. Cody (1846-1917) besser bekannt als „Buffalo Bill“ nahm erst ab 1872 an Wild West Shows teil, ehe er ab 1883 seine eigene ins Leben rief, die ihn weltweit bekannt machen sollte und begleitet von echten Indianern und Büffeln zu zahlreichen Auftritten auch nach Europa und Deutschland (Karlsruhe, Braunschweig) führen sollte.

 

    William Cody 1865 im Alter von 19 ( www.bbhc.org )

 

Zunächst gastierte er in London auf Einladung des Königshauses. Seine Show sollte die Feierlichkeiten zum 50. Thronjubiläum von Queen Victoria bereichern, die mit einer ganzen Ansammlung anderer europäischer Herrscher persönlich erschien. Die adelige Prominenz war sozusagen der Ritterschlag für die Wild West – Darsteller und trug ganz erheblich zur weltweiten Aufmerksamkeit bei. Zweimal täglich gab es Vorstellungen vor jeweils ca. 20-30.000 Zuschauern. Wegen des Londoner Erfolgs gab es diese dann auch in Manchester, Birmingham, schließlich auch in Paris (wo zur Einleitung der Show die französische Hymne gespielt wurde und die französische Rolle im Wild Westen, etwa in Kanada betont wurde). Zur Werbung zählte auch, dass waghalsige Indianer den Eiffel-Turm erkletterten. Es gab Auftritte in weiteren Teilen Frankreichs und Spaniens. 1890 wurden die Teilnehmer der Show von Papst Leo XIII in Rom gesegnet, in Bologna wurden an acht Tagen in Folge zwei Shows ausverkauft.

In Deutschland wurde die Wildwest-Show um arabische Reiter erweitert. In Braunschweig starb ein Indianer der Show und wurde unter großer Anteilnahme am städtischen Friedhof beigesetzt. Karl May (1842-1912) dessen Geschichten und Romane zumindest in Deutschland die Vorstellung vom nordamerikanischen Wilden Westen mitprägten. Der zuvor wegen Hochstapelei mehrmals zu Gefängnisstrafen verurteilte schrieb jedoch erst ab 1879 und stand zweifellos unter dem Einfluss dieser Shows. Dann freilich verinnerlichte die Rolle seines fiktiven Old Shatterhand so sehr, dass er als dieser öffentlich auf eigenen Tourneen auftrat. Inspiriert davon wurden freilich auch sog. Völkerschaustellungen und Circus-Vorstellungen (bis 1932 traten im Sarasini Zirkus in Deutschland Indianer als Teil der Show auf).

 

Die im Jahresbericht des Naturhistorischen Vereins aufgeführten Indianerstämme aus Kanada und Texas sind natürlich noch ermittelbar und offen gesagt ist ihre Geschichte und Kultur nicht viel schlechter dokumentiert als die der schwäbischen Juden. Es ist folglich auch keine große Schwierigkeit, vergleichbare Stücke von Obermayers Indianersammlung etwa bei den Lipan Apaches   ( http://www.lipanapache.org/ ) ausfindig zu machen.

 

   As a member of the Naturhistorischer Verein  (Natural History Association), established in 1846, Carl von Obermayer (1811-1889) donated to the publicly accessible collection of the Association in 1862 a number of tools and equipment from three different Indian tribes form Canada and Texas, such as hunting or game bags elaborately decorated with glass beads , spurs, bow and arrow or the bit of a horse. Obermayer at least since 1854 was member of the Association. His connection to North America was that for many years he had been Consul of the United States of America in Augsburg. Two other Jews from Augsburg were Consuls of the United States of America and member of Augsburg’s Natural History Association: Carl’s relative Max Obermayer (1824-1886) from 1866-1873 was US Consul in Augsburg. As his uncle he was at least since 1854 member of the Association and he donated in 1879 some souvenirs from Japan to the Museum. The third is Gustav Oberndorfer (1843-1906). Obviously the membership wasn’t that bad for diplomats.

 The Indian American items Carl von Obermayer donated however were part of the growing ethnological collection of the Museum. In 1862 the donation of course was unique and somewhat matchless, since William Cody aka Buffalo Bill who toured Europe about 1887-1890 and the German writer Karl May in that time were only teenagers.  The whole inventory of the Museum, which obviously hosted a variety of curiosities in February 1944 was destroyed by British aerial bombs.


Militärische Ehre für Oberst Carl von Obermayer

December 15, 2008

Im Rahmen unserer Bemühungen zur Erhaltung und Restauration des Jüdischen Friedhofs in Kriegshaber erhielten wir am 24. November hohen militärischen Besuch: Brigadegeneral Johann Berger, stellvertretender Befehlshaber der Deutschen Bundeswehr im Wehrbereich Süd erwies Oberst Carl von Obermayer die Ehre seines Besuches und zeigte sich bestürzt über den jämmerlichen Zustand der stark beschädigten Grabplatte, wie auch des desolaten Zustandes des Friedhofs Kriegshaber im Allgemeinen.

 

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Carl von Obermayer (1811 – 1889) gilt als der ranghöchste jüdische Soldat der Bayerischen Armee und kommandierte von 1862 bis 1869 die Augsburger Landwehr. Wie bereits sein Vater Isidor und sein Großvater Jakob Obermayer ist er am jüdischen Friedhof im heutigen Augsburger Stadtteil Kriegshaber begraben. Wie sie war auch er Bankier. Im Jahre 1803 gehörten die Obermayer neben dem Haus Westheimer & Straßburger und den in Kriegshaber altansässigen Ullmann zu den drei jüdischen Häusern, die nach der Gewährung gewaltiger Kreditsummen an die hoch verschuldete und die um ihre Unabhängigkeit gegenüber Bayern kämpfende Freie Reichsstadt Augsburg, dort ein bleibendes Aufenthaltsrecht erhielten. Freilich gegen massive Widerstände in der Augsburger Bürgerschaft, insbesondere der Kaufleute und unter absurd anmutenden Auflagen.  Dazu gehörte beispielsweise, dass sich die drei Bankierfamilien verpflichten mussten, „unter keinem Vorwand … sich mit anderen kaufmännischen Geschäften zu befassen, als mit dem Wechselverkehr, dem Juwelenhandel und der Handlung im Großen, deswegen es ihnen nicht erlaubt ist, einen offenen Laden zu halten“. Anders als etwa im mittelalterlichen Augsburger Stadtrecht von 1276 und all seinen späteren Zusätzen wurde den Juden nun jeder andere als der Gelderwerb in der Stadt verboten. Die Ausübung ihrer Religion erlaubte der Magistrat hingegen, „wenn sie ihre Religionsübungen innerhalb ihrer Wohnungen etc. halten wollen“. Das erste Wohnhaus der Obermayer war am Obstmarkt wo im Mittelalter auch ein jüdische Wohnviertel bestand. Dort richteten die Obermayer später auch das erste inoffizielle Bethaus der Neuzeit ein, ehe in den 1860er Jahren ein Haus in der Wintergasse für diesen Zweck angekauft und umgebaut wurde.

Carl wurde 1811 als Sohn von Isidor Obermayer, einem Mitbegründer der 1834 auf Initiative König Ludwig I. ins Leben gerufenen Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank (heue Bayerische Hypo- und Vereinsbank), in Augsburg geboren. Ab 1846 war Carl Obermayer Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg. Von 1853 bis 1867 war er der Vorsitzender der langsam aber stetig wachsenden Jüdischen Gemeinde und somit auch erster Vorsitzender der 1861 formal gegründeten Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg. Seiner weiteren sozialen Verantwortung in Augsburg kam er als Mitbegründer einer Suppenküche für Bedürftige und eines Vereins zur Integration von Strafentlassen wie auch der Etablierung der ersten Freiwilligen Feuerwehr in Bayern. Da ihm im Gegenzug untersagt wurde, den 1869 vom württembergischen König Karl I. verliehenen Adelstitel „von“ auch in Bayern zu führen, verlegte Carl von Obermayer seinen Wohnort nach Wien, wo er am 13. Januar 1889 verstarb. Seine Beisetzung fand jedoch Jüdischen Friedhof Kriegshaber im Obermayer‘schen Familienensemble statt. Die meisten Gräber des Ensembles, dass wir erst im letzten Oktober mühsam und sorgfältig freigelegt hatten, sind heute freilich zerstört oder grob beschädigt. Vom Grabmal Jakob Obermayers ist nur noch der Grundstein erhalten, von Isidor Obermayers Grabmonument ist nur eine kleine, kaum noch lesbare Platte erhalten, während die Grabplatte von Oberst Obermayer mehrfach zerschlagen ist.

 

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(General Berger, Hr. u. Fr. Delles, Margit Hummel, Yehuda Schenef)

Wir hoffen sehr, dass es uns mit vereinten Anstrengungen gelingen wird, dass Andenken an diese herausragenden Persönlichkeiten der Augsburger Stadtgeschichte zu bewahren und die Grabmale der Obermayer zu restaurieren.

 

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Wir bedanken uns deshalb sehr herzlich bei Herrn General Berger für seinen Besuch und seine Bereitschaft, unsere Anliegen zu unterstützen. Unserer besonderer Dank gilt auch Herrn und Frau Delles, die den hohen militärischen Besuch im winterlichen Kriegshaber ermöglichten.

 

(Photos: (c) JHVA: Jakow Samoylovych, Yehuda Schenef)


Beim Obermayer-Palais in Augsburg

February 25, 2015

 

 

Wo in Augsburg ist eigentlich das Obermayer-Palais?

Wen auch immer man danach fragt, kaum jemand, nicht einer von tausend wird es einen sagen können, da kein Gebäude unter diesem Namen bekannt ist.

Freilich kennt eigentlich jeder in Augsburg und Umgebung das Standesamt in der Maximilian-Straße, der einstigen “Prachtstraße”, nächtlichen “Party-Meile”, wo sog. Autokorsos (meist türkische) Hochzeitspaare oder (meist deutsche) Fußball-Länderspiel-Siege feiern, Betrunkene des nachts Randale machen oder engstirnige Döner-Verbote diskutiert werden.

Das Haus in welchem sich das das Standesamt befindet, gleich beim Herkules-Brunnen, neben “Norma”, gegenüber vom Schaezler-Palais, unweit vom Hotel “Drei Mohren”, dem Fugger-Palais, zwischen Moritz-Kirche und St. Ulrich und was man sonst noch an prominenten Namen aufzählen könnte, gehörte nämlich ab 1821 dem jüdischen Bankier Isidor Obermayer (maßgeblich am Bau der der ersten bayerischen Überlandbahn von Augsburg nach München beteiligt, für die er aus England sowohl die Schienen als auch die Lokomotive besorgte, und ohne beides wäre das wohl auch nichts rechtes geworden, …) und nach seinem Tod im Jahre 1862 seinem Carl (von) Obermayer (beide waren übrigens gebürtige Kriegshaberer), der in genau diesem Haus Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika im Königreich Bayern war und zugleich auch erster Vorsitzender der neugegründeten Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Augsburg. Als er 1868 nach Wien ging, verkaufte er das Haus an Salomon Rosenbusch (aus Pfersee), der auch sein Nachfolger als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Augsburg wurde.

Das stattliche mittelalterliche Palais blieb noch bis 1938 im Besitz der jüdischen Familien Rosenbusch-Heymann, ehe es “arisiert” wurde.

An die immerhin 117-jährige jüdische Geschichte des Hauses das auch als Amtssitz US-amerikanischer Konsule und Amtssitz von drei Vorsitzenden der frühneuzeitlichen jüdischen Gemeinden in Augsburg diente, erinnert heute nicht, obwohl der JHVA vor einigen Jahren, im Vorfeld zum 200. Geburtstag von Carl von Obermayer (1811-1889) versuchten, die Stadt Augsburg (heutiger Eigentümer) zu einer Gedenktafel zu bewegen. Das war Ende 2010 und nochmals 2011. Das Ergebnis kann man sehen.

Wen interessiert hierzulande schon jüdische Stadtgeschichte, die nicht direkt mit dem “Holocaust” zu tun hat?

Obermayer Palais Augsburg Standesamt Herkulesbrunnen

Obermayer – Rosenbusch – Palais mit Herkules-Brunnen in Augsburgs berühmter Maximilian -Str.

One of the most prominent buildings in Augsburg famous Maximilian Street (where is St. Ulrich, the renowned “3 Mohren” Hotel, the Fugger – Palais, the not less famous Hercules – fountain (by Adriaen de Vries) and many more also is the former Palais which from 1821 to 1868 was owned by Jewish banker family Obermayer and afterwards until 1938 when the house was “aryanized” by the Jewish families Rosenbusch and Heymann. 

Today nothing reminds of the long Jewish history of the very prominent building, which since it hosts the municipal registry office  is known to all people of Augsburg and surroundings. 
So despite of its history nobody calls the “Standesamt” Obermayer – Palais, while the Schaezler-Palais opposite of it still bears the name Schaezler.

 

 


Augsburg Kriegshaber Obermayer Chanucka Zeichnung aus dem Jahr 1821

December 1, 2013

Chanucka beginnt immer am Abend des 25. Kislev und dauert acht Tage bis zum 2. Tewet. Das war immer schon so, auch im jüdischen Jahr 5582, auf das die abgebildete Zeichnung datiert ist. Nach christlichem Kalender entspricht dies dem Zeitraum vom 19. – 26. Dezember 1821.augsburg kriegshaber obermayer chanucka painting zeichnung 1821 בשנת תקפ’ב

כארל אוברמייר – אוגסבורג גריסהבר

Die Zeichnung zeigt einen kunstvoll umschlungenen acht-armigen Chanucka-Leuchter mit drei handschriftlichen hebräischen Segenssprüchen, die sich auf das Chanucka-Fest beziehen. Im Sockel des Leuchters befindet sich die Signatur und Datierung. Gleich zweimal ist die hebräische Jahreszahl des jüdischen Kalenders zu lesen:  תקפב= 582. Die in dieser Weise üblich abgekürzte Jahresangabe steht für das das jüdische Jahr 5582 und entspricht dem Zeitraum Spätsommer 1821 / 1822.

Die Signatur לחנוכה תקפב (zu, bzw. für Chanucka 582) bezieht sich eindeutig auf das am 19. Dezember 1821 beginnende jüdische Lichterfest. In der „Namenskartusche“ sind zwei Worte erwähnt, die sich als Ortsnamen identifizieren lassen: אגוסטא (agusta, ggf. auch ogusta gesprochen) könnte für Augsburg stehen, deren klassisch römischer Name „augusta“ lautete, während גריסבר (grisawer) Kriegshaber sein dürfte, das in hebräischen Urkunden und Grabsteinen sehr häufig mundartlich als גריסהבר(gris’hawer) notiert wurde.

Das Zusammentreffen von „agusta“ und „grisawer“ jedenfalls erhöht die wechselseitige Wahrscheinlichkeit ganz erheblich, weshalb wir ganz sicher davon ausgehen können, dass mit den Ortsangaben Kriegshaber und Augsburg gemeint sind. Die stützt letztlich auch die namentliche Signatur, die offenbar vom Zeichner selbst stammt. Als Ligatur recht eindeutig zu erkennen ist der deutsche Nameכארל  (karl), unter welchem als Abkürzung gekennzeichnet א’מ  steht, was uns auf Grabsteinen und in Dokumenten aus, bzw. zu Kriegshaber und Augsburg verschiedentlich als offenbar geläufige Abkürzung des wohlbekannten Familiennamens Obermayer geläufig ist.

Zusammengenommen ergibt die hebräische Signatur also als mutmaßlichen Urheber der Zeichnung Karl Obermayer im Dezember 1821. Es ist recht naheliegend, hierbei an Carl von Obermayer (1811-1889) zu denken, der seinen adeligen Namenszusatz „von“ erst Jahrzehnte später erhielt, dessen Eltern und Vorfahren aus Kriegshaber stammten. Das trotz des offensichtlichen Aufwands des Zeichners doch eher kindliche Niveau der Zeichnung und Schrift passt recht gut zum Umstand, dass der im März 1811 geborene Carl Obermayer Ende 1821 erst zehn Jahre alt war. Erst wenige Monate vorher hatte Karls Vater Isidor Obermayer in Augsburg beim Herkules-Brunnen (wo eine goldene Tafel die Stadt Augsburg als Frau dargestellte “Augusta” zeigt) das große Palais erworben, in welchem sich heute das Augsburger Standesamt befindet. Trotzdem besassen die Obermayers weiterhin Häuser in Kriegshaber. Da es in Augsburg keine Synagoge und noch lange keinen adäquaten Betraum gab, ist es denkbar, dass die Obermayer-Familie das Chanucka-Fest des Jahres 1821 tatsächlich in Kriegshaber verbrachte und in der Kriegshaber Synagoge feierte. Auch, dass die Zeichnung von Karl Obermayer, die sich in Privatbesitz in Jerusalem befindet, in Kriegshaber entstand, entweder im Wohnhaus der Obermayer, vielleicht aber auch in der jüdischen Schule, gegenüber der Synagoge die der St. Anna-Schüler aus Augsburg ebenfalls besucht hatte, da erst später jüdische Lehrer aus Pfersee und Kriegshaber nach Augsburg kamen, um die Kinder und Jugendlichen der Augsburger Geschäftsleute mit dem nötigsten an Wissen und Bildung zu versorgen. Es ist wahrscheinlich, dass der zehnjährige Carl Obermayer die Zeichnung nicht für sich selbst fertigte. Vielleicht war es eine Schenkung für eine(n) Verwandte(n) in Kriegshaber und deshalb erahlten geblieben.

* * *

A drawing from Carl Obermayer dated for the Jewish festival of Hanukkah in December 1821 when the later consul of the United States of America in then Bavarian Augsburg and head of the modern Jewish community of Augsburg still was a boy of ten, actually is a rare peace of rural Jewish artwork in the beginning 19th century.


Isidor Obermayer 1783 – 1862

April 5, 2012

Vor genau 150 Jahren, wohl am 4. April 1862 starb in Augsburg der Vorsitzende der noch inoffiziellen jüdischen Gemeinde, der Eisenbahnpionier, Händler, Investor und Bankier Isidor Obermayer.

Isidor (Jitzchak bar Jakow) wurde als Sohn von Jakob Obermayer (1755-1828) aus Kriegshaber und Ida Oppenheimer (1765-1845) aus Pfersee geboren und wohnte mit seinen Eltern ab 1804 in Augsburg im dort erworbenen Haus am Obstmarkt, Ecke Hafnerberg. Sein Vater war Geschäftspartner der angesehenen Kaula – Familie aus Hechingen und Stuttgart, die auch in Kriegshaber, dann in Augsburg (und München) präsent waren und gehörte zu jenen jüdischen Bankiers, die sich in jener Zeit für ihre Familien ein bleibendes Wohnrecht in Augsburg erkaufen konnten. Im Jahre 1821 erwarb Isidor, damals bereits erfolgreich als Wechselhändler tätig, das Anwesen Heilig-Grabgasse, Ecke Maximilianstraße, welches den heutigen Augsburger als Standesamt bestens bekannt ist. 1822 wurde er zur Augsburger Börse zugelassen. Isidor Obermayer gilt als einflussreicher Mitbegründer der modernen königlich bayerischen Staatsbank, sowie der 1834 initiierten und im Oktober 1835 eröffneten Bayerischen Hypotheken und Wechselbank, die 1998 mit der Bayerischen Vereinsbank zur „Bayerischen Hypo- und Vereinsbank“ fusionierte und heute noch die fünftgrößte deutsche Bank ist. Als Eisenbahnpionier war Isidor Obermayer maßgeblich verantwortlich für den Ausbau der ersten bayerischen Überlandstrecke zwischen Augsburg und München, wofür er seitens der ausführenden „München-Augsburger Eisenbahn-Gesellschaft“ damit beauftragt wurde aus dem englischen Pionierland höchstpersönlich Schienen und die ersten Lokomotiven zu besorgen. Diese wurden bis 1840 wie vorstellbar ist, recht mühsam und langwierig per Schiff und über Land nach Augsburg, bzw. zu den jeweiligen Streckenabschnitten verbracht. Das damalige erste Augsburger Bahnhofsgebäude beim Roten Tor wird heute als Straßenbahndepot benutzt, ist aber das älteste noch existierende ehemalige Bahnhofsgebäude der Welt. 1846 wurde im Westen der Altstadt das heutige Bahnhofsgebäude errichtet, das eines der ältesten im Betrieb befindlichen ist.

Trotz aller gesellschaftlichen und finanziellen Erfolge – wozu man auch die Verheiratung seiner Tochter Henriette mit dem Erben des mächtigen Kölner Bankhauses von Salomon Oppenheim rechnen kann – gelang es Isidor Obermayer nicht der jüdischen Gemeinde in Augsburg, die nach dem Tod seines Vaters Jakob im Jahre 1828 rapide anwuchs, substantiell zu unterstützen, obwohl es ihm weder an Räumlichkeiten noch an finanziellen Mitteln und auch nicht an Einfluss mangelte. Zeitgenössische Klagen konstatieren, dass die durchaus vermögende Judenschaft in Augsburg keine eigentliche solche sei, da obgleich sie Millionäre und weitere fast ebenso potente Mitglieder habe, noch nicht mal eine kleine Synagoge zustande brachte, wie man sie in jedem Bauerndorf finden könne. Jakob Obermayer wurde von Samson Binswanger, gegen dessen Ansiedlungsrecht in Augsburg er jahrelang und schließlich erfolglos kämpfte, überredet, nun, wo sie dann doch Nachbarn am Obstmarkt geworden waren, eine Betstube für die Juden in Augsburg einzurichten. Es blieb jedoch bei diesem als Übergangslösung gedachten Einrichtung, die nach dem Tod von Jakob Obermayer und Samson Binswanger aufgegeben wurde. Von 1830 an bis zum Tod von Isidor Obermayer fanden die Gottesdienste der Augsburger Juden im Hinterzimmer einer Garküche (heute würde man sagen „Schnellimbiss“) abgehalten (natürlich mit entsprechenden Gerüchen und Geräuschen). Es gab in Augsburg keinen Rabbiner, keine Lehrer für den Unterricht der Kinder und folglich auch keine eigentliche Schule. Der Unterricht wurde von Lehrern aus Pfersee und Kriegshaber erteilt, die eigens dafür nach Augsburg kommen mussten. Entsprechend verhielt es sich mit dem Tauchbad, mit Heiraten, Beerdigungen, usw. Binnen sechs Jahrzehnten hatten die federführenden Obermayer in Augsburg nicht mal Ansätze einer für jede funktionierende jüdische Gemeinde grundlegende Infrastruktur zuwege gebracht. Erst mit Isidors Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) sollten einige dieser Missstände verschwinden, aber auch neue hinzukommen.

Ehemaliges Gartenhaus von Isidor Obermayer am Schwibbogenplatz in Augsburg, heute ein Jugendzentrum

 

Isidor Obermayer starb am Spätabend des 3. April 1862 in seinem Haus in der Maximilianstraße. Sein Tod ist fast untrennbar mit der damaligen Bühnengröße Tenor Theodor Wachtel verbunden.

Der „Schwäbische Kurier (Augsburger neueste Nachrichten)“ berichtete davon, zitierte dabei aber

Aus dem ‚Bayerischen Kurier‘: Der bekannte Tenorist Wachtel, welcher in Augsburg gastierte, war bei dem dortigen Consul Obermayer zu eienr Abendgesellschaft eingeladen. Alles war in der heitersten Stimmung und noch um halb 12 Uhr begeisterte er die Gesellschaft durch das Terzett aus Tell. Er sang eben die letzten Zeilen von dem schönen Liede Arnolds, womit dieser den Tod seines Vaters beklagte: ‚Er fiel, er starb der heiligen Sache, zu seiner Seite stand ihm nicht der Sohn‘ – als Diener in das Zimmer stürzten und Herrn Consul Obermayer zuriefen, er möge schnell in das Zimmer seines Vaters kommen. Der Sohn eilte hinab und fand den geliebten Vater, Herrn Bankier Obermayer vom Schlage gerührt, tot.“

Carl von Obermayer, mittlerweile Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg (das Konsularbüro befand sich im Haus) hatte den damals bekannten Tenor Theodor Wachtel (1823-1893), der wegen einiger Auftritte im Theater in der Stadt weilte und während dessen bei den Obermayers wohnte zu einer Geselligkeit eingeladen. Ob tatsächlich gerade jene Worte gesungen wurden, als die Dienerschaft den Konsul aufschreckte, ist nicht zu bestimmen. Der wahre Kern dürfte freilich in der Ausführung bestehen, dass der Vater starb, ohne dass der Sohn ihm beistand. Isidor Obermayer war bereits seit sechs Jahren Witwer und galt allgemein als kränkelnd. Der Winter 1861/ 1862 war ihm nicht gut bekommen. Nach Angaben des aus Pfersee stammenden Militärarztes David Ullman (1824-1910), dessen Praxis sich am Judenberg befand und der Obermayer behandelte sollte dieser in seinem angeschlagenen Zustand jegliche Anstrengung und Aufregung vermeiden. Bei der Abendgesellschaft an der neben Sängern und Schauspielern „über zwei Dutzend“ Leute aus der feineren Gesellschaft Augsburgs teilnahmen, soll es jedoch hoch hergegangen sein.

Theo Wachtel

Theodor Wachtel (1823-1893) wurde als Sohn eines Kutschers in Hamburg geboren und führte zunächst den Betrieb seines Vaters nach dessen Tod weiter, bis eines Tages, wohl bei einer Fahrt, seine Tenor-Stimme entdeckt wurde. Eine klassische Ausbildung als Sänger erhielt er nicht, doch schätzten Kritiker über Jahrzehnte hinweg seine wohl erhebliche Stimmgewalt, monierten mitunter aber seine wohl eher dürftigen schauspielerischen Qualitäten. Manche verspotteten ihn gar als „jaulenden Kutscher“. Aufgrund seines für den zumindest damaligen „Geschmack“ galt Wachtel jedoch auch als Frauenschwarm und hatte entsprechend viele Verehrerinnen. U.a. sang er bei der Premiere von Wagners „Thannhäuser“ den „Walther“. Zur Zeit seines Besuches im Palais der Obermayer in Augsburg (Carl hatte er in Wien kennen gelernt), sang er an der Wiener Hofoper, wo er bis 1865 blieb. Er trat sicher mehrmals an allen größeren und wichtigen Bühnen im deutschsprachigen Raum auf und war modern interpretiert eine Art „Popstar“ mit eigenen Autogramm-Karten, die man damals freilich noch „Visitenkartenportraits“ nannte. Mehrere Tourneen und Gastspiele führten ihn auch ins Ausland, etwa zu Beginn der 1860er Jahre mehrmals für mehrere Monate nach England, gelegentlich nach Paris oder in den 1870ern auch zweimal in die USA.

In der Woche nach Isidor Obermayers Tod trat Theo Wachtel dann, wie vorgesehen, im Augsburger Stadttheater auf. Das Theater befand sich damals noch am Lauterlech, brannte aber im März 1874 ab. Theaterliebhaber und Förderer, zu denen auch die Obermayers gehörten, unterstützten aber bereits vorher die Pläne zum Neubau eines repräsentativen Theaters, das nun gebaut und 1876 eingeweiht werden konnte. Wachtel bot verschiedene Kostproben, insbesondere aber den „Postillon von Lonjumeau“, eine komische Oper in ein drei Akten von Adolph Adam, die sich in bestimmten Kreisen großer Beliebtheit erfreuten, vergleichbar heutiger „Musicals“. Ein Logenplatz kostete damals stattliche zwei Gulden, im zweiten Rang immer noch ein Gulden und einen halben. Die billigeren Plätze wurden aber offenbar stärker von der jüngsten Preiserhöhung betroffen, als eben jene.

In vielerlei Hinsicht interessant ist hierzu die Kritik der „Neuen Augsburger Zeitung“ vom 8. April 1862:

„Dienstag, 8. April. Zweites Gastspiel des Herrn Theodor Wachtel. Martha, Oper von Fiottow. Ein Unbekannter hat im Briefkasten eines hiesigen Lokalblatts demonstriert, dass die Besitzer der Logen ersten Ranges bei der gegenwärtigen Preiserhöhung eigentlich unverhältnismäßig billig weggekommen sind. Leider Gottes scheinen sie davon gar nicht mal profitieren zu wollen; denn für Herrn Wachtel gewiss eine seltene Erscheinung, gerade der erste Rang war nur schwach besetzt, wozu freilich einige in diesen Tagen neuerdings auftretende Todesfälle etwas beitragen mögen. Der Enthusiasmus für den trefflichen Sänger war aber deshalb nicht geringer, und weniger als dreimaliger Hervorruf nacheinander war gar nicht da. Herr Wachtel sang aber auch danach und besonders in den beiden Arien „Ach so fromm“ und „Mag der Himmel dir vergeben“, entwickelte der Gast seine ganze herrliche Stimmfülle glänzend. Das Ensemble der Oper war ungestört und die Träger der Hauptpartien, Fräulein Klettner, Fräulein Ultsch und Herr Feuerstake, sehr gut, obgleich es nur dem letzteren – der übrigens eine stete Neigung zum Karikieren hat – gelang nach dem Porterlied einen Applaus von dem Publikum zu erobern, das nur für die Töne eines Einzigen Ohren hatte, der eben Wachtel hieß.“

Der Kritik können wir die offenbar auch in Augsburg anzutreffende Bewunderung für Wachtel nachvollziehen. Die etwas makabere Begründung der leer gebliebenen Logen-Plätze mit Todesfällen bezieht sich zweifellos auf Isidor Obermayer. Dass die Abendgesellschaft des Konsuls Obermayer im Hause seines kranken Vaters, in der Etage über dessen Gemächern durch den mitternächtlichen Tod jäh abgebrochen wurde, war der feinen Gesellschaft in Augsburg nicht entgangen, befanden sich unter den Versammelten ja auch Bürgermeister Georg von Forndran und verschiedene andere Honoratioren. Zugegen war freilich auch das damals 24jährige in der Kritik als „gut“ gewürdigte Fräulein Rosalie Ultsch, die eine Liaison mit dem Konsul hatte und später seine Frau wurde. Isidor Obermayer hatte für die Beziehung seines Sohnes zur der aus Bad Kissingen und einfachen Verhältnissen stammenden Schauspielerin und Tänzerin, die er als mäßige Lola Montez – Kopie abtat keinerlei Sympathie. Immer wieder war es zwischen Carl und seinem Vater deswegen auch zu Streitereien gekommen.

Am 7. April veröffentlichte die Neue Augsburger Zeitung eine „Danksagung“ von Carl Obermayer und seinem Kölner Schwager Simon Oppenheim: „Wir fühlen uns gedrungen, für die vielen Beweise der Liebe und Anteilnahme, welche dem Andenken unsers teuren heimgegangenen Vaters und Schwiegervaters, besonders bei dem Begräbnis dargebracht wurden, unseren tiefgefühlten Dank auszusprechen und die Erinnerung daran, die nie erlöschen wird, soll uns aufrichten in unserm großen und gerechten Schmerz – Augsburg, 7. April 1862 – Carl Obermayer, Simon Oppenheim

In der Woche darauf meldete das selbe Blatt: „Herr Banquier Isidor Obermayer hat unter seinen frommen Vermächtnissen auch die „Anstalt für alte und kranke weibliche Dienstboten“ dahier mit einem Legate von 100 Gulden bedacht. Dem edlen Manne sei dafür der tiefsinnigste Dank gesagt – Augsburg, den 15. April 1862, das Comité der Versorgungsastalt alter und kranker weiblicher Dienstboten, Josef G. Dreer, Vorstand

Aus der öffentlichen Magistratssitzung wurde folgendes vermeldet: „Konsul Obermayer (Obermayr) zeigt an, dass sein verstorbener Vater Herr Isidor Obermayer ein Kapital von 500 Gulden legiert habe, aus dessen Zinsen jährlich eine israelitische und wenn eine solche nicht vorhanden ist, eine andere Familie unterstützt werden soll. Derselbe hat ferner dem Frauen-Verein für verehelichte Wöchnerinnen 200 Gulden und den Kinderbewahranstalten 200 Gulden vermacht, was dankbar akzeptiert wurde.“

Schließlich notierte die Neue Augsburger Zeitung auch das finanzielle Erbe, demnach hätte „der dieser Tage dahier Verstorbene Bankier Herr Isidor Obermayr ein Vermögen von mehreren Millionen hinterlassen“.

Grabplatte des Isidor Obermayer am jüdischen Friedhof Kriegshaber Pfersee. Das eigentliche Grabmonument im Obermayer Familienensemble wurde in der Nazizeit zerstört und nach dem Krieg in das Monument am Eingang des Friedhofs verbaut. Dank früherer Aufzeichnungen aus Pfersee ist jedoch der Begräbnisplatz bekannt.


Rabbiner von Augsburg: Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902)

May 22, 2011

Als ersten neuzeitlichen Rabbiner in Augsburg nennt die Fachliteratur für die 1860er Jahre meist schlicht „Dr. Hirschfeld“.  Diese Interpretation übersieht freilich, dass spätestens seit 1803 zumindest auch die Kriegshaber Distriktrabbiner Pinchas Skutsch (gest. 1819) und dessen Schwiegersohn Aharon b Josef Guggenheimer (1820-1856) in Augsburg präsent waren. Die gemütliche Droschkenfahrt von Kriegshaber dauerte etwa eine halbe Stunde. Trotzdem verbindet sich mit Rabbiner Hirschfeld untrennbar die Nutzung der Synagoge in der Wintergasse wie auch die Einweihung des jüdischen Friedhofs zwischen Haunstetter Straße und Altem Postweg im Stadtteil Hochfeld, den der Gemeindevorsitzende Carl Obermayer kurz vor seinem Amtsrücktritt 1867 für rund 1500 Gulden erwarb.

Jakob Heinrich Hirschfeld wurde am 20. Januar 1819 im slowakisch/ungarischen Sasvar /Sassin geboren. Er starb am 6. Oktober 1902 in Wien. Hirschfeld erwarb neben einer rabbinischen und musikalischen Ausbildung auch den akademischen Grad eines Dr. phil. und war zudem öfter als Journalist und Musiklehrer tätig. Mitte der 1850er Jahre finden wir ihn als Rabbiner von Szenitz (Österreich-Ungarn, heute Slowakei), wo er Pauline Ausch heiratete. In Szenitz wurde am 4. Januar 1858 auch der älteste Sohn Viktor geboren, von dem noch die Rede sein wird. Bald darauf jedoch zog die Familie nach Fünfkirchen (Pécs), wo Jakob Hirschfeld eine weitere Anstellung erhielt und auch das Oberrabbinat des Bezirks Baranya (deutsch: Branau, jedoch nicht zu verwechseln mit Braunau) leitete.

Ende 1863 kamen die Hirschfelds nach Augsburg, wo erst wenige Jahre vorher erst der Weg der Wintergasse gepflastert wurde und man nun bei Regen oder Schnee nicht mehr im Morast versinken musste. Dort gab es zwar bereits eine seit Jahrzehnten stets anwachsende jüdische Gemeinde mit inzwischen weit mehr Mitgliedern als in den ehemals österreichischen westlichen Randorten der früheren Reichsstadt. Trotzdem kurz zuvor auch die formelle Gründung als durch den König anerkannte „Israelitische Kultusgemeinde“ erfolgte, waren die nun großstädtischen, eher auf die Wiener Oper als in den Talmud schauenden Augsburger Juden weiter auf Lehrer und Rabbiner aus Kriegshaber, Pfersee und Steppach angewiesen. Das sollte sich nun ändern und so befand die Gemeindeführung um den bayerischen US-Konsul Carl von Obermayer (1811-1889), dass Augsburg nicht nur ein eigenständiges Synagogen- und Gemeindezentrum, sondern für sein von auswärtigen Morim abhängiges Lehrhaus auch einen eigenen Rabbiner benötigte. Dieser sollte jedoch nicht wie der 1856 ins mährische Aussee abgewanderte Guggenheimer gegen Händler opponieren, die am Schabbes etwa an der Augsburger Dult verkaufen wollten, andererseits aber auch nicht zu „reformerisch“ sein.

Im „Israelit“ dem Zentralorgan des damaligen „orthodoxen“ Judentums vom 10. Februar 1864 bewarben die Neu-Augsburger deshalb auch Dienste und Nebenverdienste:

Eltern, die ihre Töchter an trefflichen Lehranstalten eine höhere Ausbildung angedeihen zu lassen und Augsburg wegen seines gesunden Klimas vorzuziehen geneigt sein dürften, erbietet sich eine Dame von höherem Stande und höherer Bildung Mädchen nach zurückgelegtem 7. Lebensjahre in ihrem Hause unter annehmbaren Bedingungen aufzunehmen. Nebst häuslichen Komfort und der Beaufsichtigung und Leitung der in Arbeiten der Institutions-Aufgaben von Seiten der Dame wird auf wahre Herzens- und Geistesbildung hingestrebt werden. Der Religionsunterricht wird so wie die öffentlichen Religionsschulen des Distrikts unter Überwachung des Distriktrabbiners Dr. Hirschfeld stehen; auch kann gegen besondere Vergütung Klavier- und Singunterricht erteilt werden.

Reflektionen belieben sich zu wenden an Seine Hochwürden Herrn Distrikts-Rabbiner Dr. Hirschfeld in Augsburg

Die damals gebrauchte Anrede „Seine Hochwürden“ für einen schwäbischen Rabbiner ist ebenso anachrostisch wie die weitverbreitete Ansicht, Rabbiner Hirschfeld, dessen Namen und Rahmendaten meist noch nicht mal gekannt werden, sei im Sommer 1871 im Zuge der Rabbiner-Synode von Augsburg wegen einer „zu orthodoxen“ Haltung seitens der inzwischen reformerisch orientierten Gemeinde entlassen worden.  Zwar entwickelte sich die Gemeinde von Augsburg bald genau in diese Richtung, doch zu jener Zeit war das Gegenteil der Fall und Jakob Hirschfeld musste in Augsburg gehen, weil er inzwischen zu den Reformern übergelaufen war und als Augsburger Rabbiner an der Synode gegen den Willen der Gemeinde teilnehmen wollte. So kam es zu einer Reihe peinlicher  Umstände und Vorfälle, die die jüdischen Publikationen aller Strömungen bereitwillig ausschlachteten. Augsburg als Gastgeber der Rabbiner-Konferenz, die seitens der Stadtgemeinde sogar auch den Goldenen Saal zur Verfügung gestellt bekam, hatte folglich selbst keinen Rabbiner. Hirschfeld nahm zwar an der Versammlung teil, jedoch nicht als Vertreter der heimischen jüdischen Gemeinde. Er war deshalb ein willkommener Grund für die große Mehrheit der Augsburger Juden, an den Veranstaltungen der Synode nicht teilzunehmen. Im Gegenzug speisten die aus ganz Deutschland angereisten Rabbiner im Nobelhotel „Drei Mohren“ und eben nicht koscher im Zentrum der Augsburger Gemeinde in der ganz nahe gelegenen Wintergasse. Auch das wurde seitens der Presse freilich entsprechend verspottet. Mit dem Ende der Synode, deren Verlauf, Inhalt und Wirkung wir noch an anderer Stelle reflektieren werden, hat Hirschfeld offenbar auch Augsburg den Rücken gekehrt.

Die Familie zog von Augsburg nach München und 1876 finden wir Jakob Heinrich Hirschfeld wieder in Wien, nun als religiöser Hilfslehrer. Die Vertreter der jüdischen Orthodoxie hatten ihn und andere Teilnehmer der Augsburger Rabbiner-Konferenz vom Juli 1871in landesweiten Zeitungsaufrufen öffentliche gebannt und wahrscheinlich deshalb fand er auch keine weitere Anstellung als Rabbiner, sondern arbeitete als Journalist und erteilte mit seiner Frau Paula Klavierunterricht. Am 26. Januar 1897 starb Pauline gemäß der Todesanzeige um neun Uhr vormittags „nach kurzem Leiden“. Als Unterzeichner finden sich ihr Ehemann J.H. Hirschfeld mit zwei Söhnen zwei Töchtern, einen Schwiegersohn, einer Schwiegertochter und einer Enkelin. Sie sind der Nachwelt freilich weit besser in Erinnerung geblieben.

Weit berühmter sind Jakobs und Paulas Kinder, die freilich selten mit dem „Augsburger Rabbiner“ in Verbindung gebracht werden. Dies gilt insbesondere für seinen am 4. Januar 1858 in Szenitz bei Pressburg geborener Sohn Viktor, der nach seinem Studium ab 1877 mit dem Pseudonym Viktor Leon auftrat. Als Texter schrieb er unter anderem die Libretti für mehr als 70 Opern, darunter Welterfolge wie „Wiener Blut“ von Johann Strauß Jun. (Uraufführung 1899) oder „Die lustige Witwe“ von Franz Lehar (Uraufführung 1905). Er war mit Ottilie Popper verheiratet. 1907 heiratete seine Tochter Elisabeth den Schauspieler und Opernsänger Hubert Marischka (1882-1959), der u.a. durch Filme mit Hans Moser bekannt wurde. Bei der Geburt des Sohnes Franz im Jahre 1918 starb die Mutter. Franz Marischka wurde in Österreich ein bekannter Filmregisseur.

“Wiener Blut”

Viktor wurde bei einer Reihe von Arbeiten von Leon Feld unterstützt. Unter diesem Pseudonym verbarg sich sein am 14. Februar 1869 in Augsburg Bruder Leopold, der hauptsächlich aber als Übersetzer tätig war, u.a. für Werke von Charles Dickens. Leon Feld starb 1924 in Lorenz.

Ihre Schwester Clara Eugenie Hirschfeld (1869 – 1940) wurde als Pädagogin und Sozialreformerin bekannt und lebte in Pötzleinsdorf, wo sie als Mentorin viele Nachwuchsautoren wie Leonhardt Adelt, Felix Braun, Victor Fleischer und versammelte, die bei ihr erstmals den Mut fanden vor Kollegen etwas vorzutragen, usw. Adele Hirschfeld heiratete den 1870 in Augsburg geborenen Pianisten und Komponisten August Schmidt.


Zur Familiengeschichte jüdischer Viehbauern und Metzger in Kriegshaber

August 28, 2016

Obwohl Dokumente für die Siedlung von Juden in Kriegshaber erst aus der Zeit um 1560 erhalten sind, ist doch davon auszugehen, dass die jüdische Geschichte vor Ort weiter zurückreicht und wahrscheinlich mit der österreichischen Herrschaft in der Markgrafschaft Burgau beginnt. Dafür spricht zum einem die unmittelbare Nähe zu Augsburg, die auch für die damalige Zeit mit Pferden und Wagen keine Welt waren, zum anderen die günstige Verkehrslage auf dem Handelsweg von Augsburg nach Ulm, Frankfurt und Straßburg.

 

Einige der Kriegshaber Juden stammten aus Oberhausen, wo sie nach der Aussiedlung von Augsburg in den frühen 1450er Jahren ausgewichen waren. Unter der vorderösterreichischen Regierung der Habsburger verlagerten sich die Handelswege zunehmend von den Flößern der Wertach auf die Straße, wovon Kriegshaber gegenüber Oberhausen profitierte.

100 Jahre Kriegshaber in Augsburg Logo JHVA

Charakteristisch für die Geschichte Kriegshabers als jüdisches Straßendorf, das die Hauptstraße des Ortes prägte, ist die sehr hohe Anzahl von Viehbauern, Züchtern und Metzgern, mit der es sich von den jüdischen Nachbardörfern Pfersee (Finanzhandel, Chemie) und Steppach (Stoffe) wesentlich unterschied. Zeitweilig war weit mehr als die Hälfte der Kriegshaber mit Viehzucht, Handel oder Metzgerarbeiten beschäftigt. Die führte dazu, dass bald in jedem zweiten Haus ein Metzgerbetrieb war oder damit im Zusammenhang stehende Arbeiten verrichtet wurden. So ist es vielleicht naheliegend, dass 1830 David Skutsch, der Sohn des verstorbenen Kriegshaber Rabbiners und Schwager von dessen Nachfolger in der Ulmer Straße 216 als weltweit erster ein Patent auf die Herstellung von Duftkerzen nebst königlichem Privileg (Alleinvertriebsrecht) erhielt. Den grundlegenden Talg für den umworbenen „Kriegshaber Duft“ gab es vor Ort in Übermaß und billig wie kaum woanders.

Kriegshaber in Bildern - am Straßenrand der Weltgeschichte - 100 Jahre Eingemeindung Augsburg 1916 2016

Da die Metzgereien den Eigenbedarf der Ortschaft, die um 1790 etwa sechshundert Einwohner hatte (davon rund 400 Juden), deutlich überstieg, verwundert es auch nicht, dass die jüdischen Viehbauern vor allem auswärtige Kunden versorgten. Der Erfolg der Kriegshaber Juden war sprichwörtlich und überregional bekannt und stieß freilich nicht nur auf Beifall, sondern auch auf krankhaften Neid. Ein Beleg dafür ist die antijüdische Erzählung des unter dem fiktiven Namen „Veitel Itzig“ veröffentlichte Geschichte eines fränkischen Antisemiten, der Jahrzehnte vor den ominösen „Protokollen der Weisen von Zion“, die Emanzipationsbestrebungen der Juden in den 1830er Jahren als heimliche „Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft“ diffamierte. Der Verschwörer ist ein Metzger und als Ausgangspunkt ist Kriegshaber der Ort der Handlung.

 

Das jüdische Geschichte, wie bereits jeder Bibelleser an Hand zahlreicher Abstammungslisten und Erzählungen in der Bibel weiß, im wesentlichen immer auch vor allem Familiengeschichte ist, lässt sich auch an Hand der Geschichte Kriegshaber nachvollziehen. Anschaulich wird dadurch wie der angestammte Broterwerb sich in den Familienclans fortführte und durch zahlreiche Heiraten neue Impulse integriert wurden.

Kriegshaber jüdische Schule Eingang Ulmer Straße 2013 Umbau

Der bedeutendste Familienzweig unter den Kriegshaber Viehbauern waren ohne Zweifel die Mändle (Mendel), die direkt im Haus neben der Synagoge wohnten, und deren Oberhäupter es zu Hoffaktoren und Ausrüstern von Bischöfen, Herzögen, Königen und Kaisern brachten. Ein besonders herausragendes Beispiel war 1744 die Krönung von Kaiser Karl VI in Frankfurt am Main, für die die Unternehmung Abraham und Josef Mändle von München und Kriegshaber aus den gesamten Fuhrpark nebst Reiterei  besorgte und ausstatte. Eine historische Randnotiz deren logistische Leistung wir heute bestenfalls erahnen können.

 

Mit den Heiraten ging natürlich immer auch ein Wissenstransfer einher. Als im Frühjahr 1699 die Tochter des Vorsitzenden der Pferseer den Sohn des Prager Rabbiners heiratete, erkundigte sie sich bei ihr Kriegshaber Tante Riwke, der Frau des Kriegshaber Metzgerprüfers Meir Ulmo, nach heimischen Kochrezepten und erhielt in einem handschriftlichen Brief eine Sammlung schwäbisch-jüdischer Kochrezepte mit „Wertach-Forchelfisch“ (Forellen), „Erdpirn“ (Kartoffeln), „Leinel“ (Leinöl), gefüllte Mangoldblätter und „Kasbraut“ (Käsekuchen).

 

Wie die Mayer stammten auch die Mändles als Nebenlinien von den Ulmo ab und wurden selbst von den meist aus dem österreichisch-schwäbischen Umland zugezogenen Familien Dick, Einstein, Oberdorfer, Bach und Rothschild aufgefrischt, während  sich die Mayers in Kriegshaber weiter in die Zweige Mayer, Untermayer und Obermayer aufspalteten, die ebenfalls als metzger und Viehzüchter tätig waren, teilweise ein eigenen Betrieben, während andere auf der Basis von Fetten chemische Stoffe herstellten.

 

Besondere Bedeutung für die frühmoderne Geschichte Augsburgs erlangten dabei der Ulmo-Mayer-Nebenzweig Obermayer. Jakob Obermayer und seine Geschäftspartner Feitel Kaula, Westheimer und Efraim Ulmo statteten 1803 die bankrotte Reichsstadt mit einer halbe Million Gulden aus und retteten sie so zwei Jahre vor der drohenden und letztlich dann unausweichlichen Annexion durch das Herzogtum Bayern, die durch Napoleons Besuch 1805 besiegelt wurde. Obermayer durfte nun in Augsburg als Bürger wohnen und gilt damit als Begründer der modernen Augsburger Gemeinde, die Formel freilich erst von seinem Enkel ins Leben gerufen wurde.  Sein Sohn Isidor Obermayer (1795-1862), der 1821 das heute als Augsburger Standesamt bekannte Palais kaufte war Mitbegründer der Bayerischen Staatsbank, wie auch der Hypovereinsbank und besorgte als Eisenbahnpionier aus England auf eigenes Risiko Schienen und Lokomotiven für die erste bayerische Überlandbahn von Augsburg nach München. Sein ebenfalls noch in Kriegshaber geborener Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) hatte wenig für Geschäfte übrig, vertrat aber im väterlichen Haus als Konsul die Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg. Dem Augsburger Naturkundemuseum schenkte er bedeutende ethnologische Sammlungen die bei seinen Reisen im Wilden Westen Amerikas erworben hatte, lange vor Buffalo Bill und Karl May. Schließlich wurde er auch Vorsitzender der vom Bayerischen König offiziell anerkannten israelitischen Kultusgemeinde von Augsburg unter dessen Führung diese auch einen eigenen Friedhof und eine neue Synagoge (Wintergasse) bekam.

Bis in die 1930er Jahre blieben in Kriegshaber zuletzt noch die Gebrüder Einstein als Metzger und Viehzüchter präsent. Als Nebenlinie der Mändle hatten sie eine Reihe der früheren anderen betriebe aufgekauft, ererbt und übernommen. Freilich nahm mit der modernen Industrialisierung in großen Massenschlachthöfen den Kriegshaber Juden das zuvor auf Vertrauen und Qualität beruhende Geschäft ohnehin weitgehend aus der Hand. Schließlich wurde im bereits Mai 1933 in Deutschland durch die Nazi-Regierung auch noch das Schächten verboten. Die Einsteins stammten aus Buchau, wie auch die Familie des berühmten Albert Einsteins, dessen Vorfahren ebenfalls Metzger und Viehzüchter waren.

 

Ganz verschwunden ist die Erinnerung an die jüdischen Metzgerfamilien von Kriegshaber auch heute nicht, wenngleich die oft zu hörende Frage, ob der bekannte Kriegshaber Metzger Joachim Goldstein denn auch Jude sei. Doch der ehemalige Fußballprofi der Anfang der 1980er Jahre beim FC Augsburg und beim TSV 1860 München in der zweiten Fußballbundesliga spielte, hat freilich nur einen Familiennamen der in den Ohren mancher „jüdisch“ klingt.

 

Artikel von Yehuda Shenef, erschienen in “Kriegshaber in Bildern – Am Straßenrand der Weltgeschichte”, Wissner-Verlag, Augbsurg 2016, S. 63 und 65 (Abbildung oben)


1871: Kriegshaber Juden spenden für notleidende Juden im Heiligen Land Israel

December 3, 2015

 

Jerusalem 1870 Western Wall Kotel Westmauersource: upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5b/Jews_at_Western_Wall_by_Felix_Bonfils,_1870s.jpg

Waren es in früheren Zeiten vereinzelte Mäzene aus den Familien Ulmo oder Wertheimer, die mitunter mit durchaus stattlichen Summen die jüdischen Siedler und Gemeinden im Lande Israel unterstützten, so findet man in den 1860ern in jüdischen Zeitschriften immer wieder Listen von mittleren und kleineren Beiträgen die von einzelnen Gemeinden und ihren namentlich genannten Mitgliedern gespendet wurden.
Ein solches Beispiel findet sich in der Beilage zur Nummer 10 der Zeitschrift „Der Israelit – Zentralorgan für das orthodoxe Judentum“, vom Mittwoch, 8. März 1871 (5631) das von Dr. Marcus Lehmann in Mainz herausgegeben wurde. Neben vielen weiteren sind auch die Beiträge der jüdischen Gemeinde aus Kriegshaber genannt. Neben der durchaus respektablen Anzahl von 35 namentlich genannten und alphabetisch geordneten Spender, darunter eine ganze Reihe jüdischer Vereine aus Kriegshaber, sind auch die jeweiligen Summen aufschlussreich:

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Durch den Kultusvorstand in Kriegshaber: Karl Obermeyer (= Carl von Obermayer) und Joseph Fromm: Hermann Aufhauser 1fl. (= Gulden), Nathan Bacherach 30 kr. (= Kreuzer), Leopold Dick 1 fl., Elias Dick 1 fl., Bernhard Dick 1 fl., Abraham Elias Dick 18 kr., Frau Babett Dick 1 fl., Simon Einstein 48 kr., Joseph Eppstein 1 fl., Jakob Fischer 1 fl., Joseph Fromm 2 fl., Bernhard Feldmann 30 kr., Philipp Gumperz 48 kr., Heinrich Gumperz 1 fl., Elkan Gundelfinger 1 fl. 30 kr., Jakob Götz 1 fl. 48 kr., Samuel Gutmann 18 kr., David Koch 30 kr., Heinrich Levinger 1 fl. 10 kr., David Lämle 48 kr., Joel Mändle 30 kr., Henle Obermayer 36 kr., Karl Obermayer (Cousin des Carl von Obermayer) 1 fl. 30 kr., Moritz Obermayer 30 kr., Max Untermayer 30 kr., Moses Weil 1 fl. 10 kr., Simon Weil 1fl. 45 kr., Samuel Weil 30 kr., Seligmann Weisenböck 24 kr., Aaron Wassermann 1 fl., Moses Mayer 30 kr., Frau Henriette Guggenheimer 12 kr., S. Mayer 30 kr., 1 fl. 10 kr.“

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Danach genannt sind auf Hebräisch eine Zahl von Vereinen als Spender: חברא תלמוד-תורה (Talmud-Tora Verein) 1 fl. 30 kr., חברא גמילות-חסידים (Wohltätigkeitsverein) 1 fl. 30 kr., חברא קמחא-דפסחא (Mehl für Pessach Club) 1 fl. 30 kr., חברא דעץ (Holz-Verein, Heizmaterial für Bedürftige) 1fl. 30 kr., חברא בחורים (Jugend-Club) 5fl., der „Frauenverein“ mit 1 fl. 30 kr. und schließlich noch die „Cultus-Kasse“ mit weiteren 5 fl.

(für weitere Einzelheiten zur jüdischen Gemeinde Kriegshaber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siehe: Yehuda Shenef – Mord am Lech, 2013, Kokavim-Verlag, ISBN 978-3944092034).

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Insgesamt spendeten die Kriegshaber Juden im März 1871 (es gab mehrere solcher Spenden-Auflistungen pro Jahr, in der Regel im Vorfeld großer Feiertage), persönlich und/oder über Abgaben an Kriegshaber Vereine 46 Gulden und 57 Kreuzer für notleidende jüdische Gemeinden in Israel. Bemerkenswert ist, dass der Jugendclub mit 5 Gulden neben der Kultusgemeinde mit dem selben Betrag die größten Einzelspender sind. Die meisten Spender sind uns namentlich bekannt, weshalb sich auch manches zu den Personen anmerken ließ.

 

Beispielsweise zu Leopold Dick, dem Sohn von Abraham Moses Dick und seiner Frau Babette, geborene Neuburger. Leopold (Jehuda), kurz Leo spendete einen Gulden für die Armen in Israel. Das ist durchaus bemerkenswert wenn man berücksichtigt, dass Leo Dick damals erst 13 Jahre alt war und offenbar wenigstens etwas vom Ertrag seiner Bar Mitzwa (im Februar 1871) an die Notleidenden in Israel weiterreichte.

Nur vier Jahre später, am 20. August 1875 starb der (in Augsburg beschäftigte) Handlungslehrling bei einem Verkehrsunfall. Gerüchte darüber, dass ein schneller Reiter ihn mehr oder minder absichtlich erfasste, gab es ebenso wie eine Einstellung des Verfahrens durch die lokalen Ermittler, aus Mangeln an Beweisen, bzw. wie es damals formuliert wurde „aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen wird keine weitere Investigation vorgenommen“. Rechtsstaat eben.

Anzumerken wäre allerdings auch, dass es in der damaligen Zeit, einige Jahrzehnte vor dem Automobil eine überraschend hohe Anzahl an Verkehrstoten und Verletzten gab, die man sich allgemein wohl erst danach vorstellen kann oder will. Eilboten oder Kutscher waren jedoch oft schneller unterwegs, als wir es heutzutage im Stadtverkehr gewohnt sind. Da in der Regel nur Hauptstraßen in Städten gepflastert waren, hörte man sie auch nur dort bereits auf größerer Distanz, während man am Stadtrand von Kriegshaber gewissermaßen aufpassen musste, ob nicht jemand um die Kurve hetzt.

Leopold Juda Dick 1858-1875 Kriegshaber AugsburgLeo Juda Dick – 15. Feb. 1858 – 20. Aug. 1875

Ein Gulden hatte damals 60 Kreuzer. Den heutigen Geldwert (die sog. Kaufkraft”) kann man wegen der Unterschiedlichkeit der Lebens- und Einkommensverhältnisse schwer ermessen. Hilfreich ist aber vielleicht zu wissen, dass der Sold eines einfachen bayerischen Soldaten im Monat bei einem Gulden lag, soviel wie der durchschnittliche Wochenlohn eines Augsburger Webers oder Schneiders, während ein Schullehrer 50 Gulden im Monat und katholischer Bischof mit 8.000 Gulden im Jahr ausgestattet wurde und der Augsburger Bürgermeister (von 1866 bis 1900 war das Ludwig Fischer) 5000 Gulden im Jahr verdiente.

Kaufen konnte man 1870 in Bayern mit einem Gulden jeweils etwa rund 80 Kilo Kartoffeln, 10 Liter Milch oder Bier, 3 Pfund Rind- oder Schweinefleisch, eine Ente oder eine Forelle, 4 Liter Branntwein, 2 Pfund Würfelzucker oder 12 Orangen.

Die Preise in der der damaligen osmanischen Provinz Asch-Scham (‏الشام), von den Briten nach 1917 “Palestine” (Palestina) genannt, waren in Bezug auf die meisten Produkte kaum habl so hoch als in Bayern, was auch mit der sehr geringen, meist ländlichen Bevölkerung zu tun hatte.