Die Juden von Steinhart bei Hainsfarth / Oettingen

October 12, 2010

Detail of the grave marker of Mina Schulheimer at the Steinhart Jewish Cemetery

Steinhart liegt etwa 3.5 km östlich von Hainsfarth, welches wiederum  einen knappen Kilometer von Oettingen entfernt ist. Die Distanz der einzelnen jüdischen Friedhöfe in Oettingen, Hainsfarth und Steinhart ist nicht wesentlich größer.

Heute gilt Steinhart als Ortsteil von Hainsfarth und hat etwa 200 Einwohner. Neben den Schafen am sehenswertesten ist die Ruine einer angeblich bereits in das 12. Jahrhundert zurückreichende Burg im Westen des Ortes. Die Herren der Burg sollen sich die „Späten von Steinhart“ genannt haben, wie die Webseite des Ortes verrät, freilich haben sich diese offenbar recht früh von Ort und Stelle (Richtung Lauingen) und schließlich ganz aus der Geschichte verabschiedet. Als die Burg dann auch von den nachfolgenden Grafen von Oettingen nicht mehr genutzt wurde, verfiel sie und ein Teil davon soll demnach als jüdischer Friedhof genutzt worden sein. Daran erinnert eigentlich nicht viel mehr außer einem steil ansteigenden Gelände, dessen Umgebung sodann im Umkehrschluss als Graben gedeutet wird. Freilich ist das Friedhofsgelände anders als der Boden der Burgruine keineswegs flach und eben sondern von einer tiefen Mulde gezeichnet, weshalb die höchsten Punkte des Friedhofs jeweils die äußeren Ränder sind und die gesamte Anlage eher an einen Krater erinnert.

Von einer „Kraterkultur“ spricht man sodann auch im nur 3 km südlicher gelegenen Mengesheim http://kraterkultur.homepage.t-online.de/ welches kulturelle Veranstaltungen in der „Kraterregion“ (der Name bezieht sich natürlich auf das Ries) aller Art bieten, etwa auch Konzerte in der restaurierten Nicht-Synagoge, aber weit bemerkenswerter sogar ein jährliches Rockfestival „der Krater bebt“ in Hainsfarth, das im Sommer bereits zum 22. Mal stattfand und mitunter recht schräge Bands wie Tito & Tarantula (allenfalls bekannt vielleicht aus Tarantinos „From Dusk til Dawn“ mit einem verführerischen Schlangentanz von Selma Hayek zu den Klängen von „After Dark“ der besagten Band).

Der Friedhof ist von einem relativ modernen Holzzaun umgeben, der wohl nach der letzten bekannten Angriff aus dem Jahre 1994 gefertigt wurde.  An diesem Zaun sind im Gelände ganze Reihen von Grabsteinen willkürlich aufgestellt, so als wollte man mit einen eine neue Mauer andeuten. Das erinnert an das Stonehenge – ähnliche Arrangement von Binswangen, wo die Überreste des von den örtlichen Nazi zerstörten Friedhofs nach gestalterischer Willkür ohne jeden Zusammenhang und in alle Himmelsrichtungen zeigend aufgestellt wurden.

Juden in Steinhart sind für die Mitte des 16. Jahrhunderts belegt. Teilweise lebten bis zu 150 Juden in dem kleinen Ort. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts schwand die Zahl der Juden in Steinhart rapide dahin, was binnen weniger Jahre zur Auflösung des Gemeinde im Jahre 1883 führte.

Eine gewisse Bekanntheit erlangte der in Steinhart geborene Rabbiner Josef ben Menachem Steinhart (יוסף בן מנחם שטיינהארט,1700-1770), der u.a. Rabbiner und Vorsitzender des Gerichts in Fürth und Mitkämpfer des Pferseer Rabbiners Etthausen war.  Wie dieser sammelte auch Steinhart seine Antwortschreiben in der typischen rabbinischen Literaturgattung der  שות (schu“t – abgekürzt von שאלות ותשובות, sche’elot u’tschuwot, „Fragen und Antworten“; was man heute überall im Internet „Q & A“ nennt, wird gerne auch christlich-latein als „Responsen“ bezeichnet), die 1773 drei Jahre nach seinem Tod in Fürth (damals noch als פיורדא fiurda geschrieben) unter dem Titel זכרון יוסף  veröffentlicht wurden, jedoch nur in einer einzigen Auflage. Diese ist aber zum Glück erhalten und auch öffentlich zugänglich (sehr hilfreich ist das Register) und zum Download erhältlich:

 http://www.hebrewbooks.org/560

Ebenfalls aus Steinhart stammt Jakob Obermeyer (1845-1938), nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Bankier Jakob Obermayer aus Kriegshaber und Augsburg (gest. 1825), wenngleich eine Verwandtschaft der hebräisch und manchmal auch deutsch gleich geschriebenen Familien in relativer nachbarschaft nicht ausgeschlossen ist.  Obermeyer lernte angesehenen traditionellen Rabbinern wie Jakob Ettlinger (1798-1871) und Jitzchak Dov Bamberger (1808-1878) und bereiste Anfang Zwanzig bereits Marokko, Algerien, Libyen, Ägypten, ganz Israel und Teile Syriens, ehe er 1869 in Bagdad für die erst wenige Jahre zuvor in Paris gegründete Alliance Israélite Universelle (AIU, bzw.  כל ישראל חברים) für drei Jahre als Lehrer tätig wurde. Von 1872 bis 1876 verbrachte er u.a. als Tutor in den Diensten persischer Prinzen. Dabei lernte er vor Ort zahlreiche Schauplätze antiker bis frühmittelalterlicher jüdischer Geschichte vom „babylonischen Exil „ bis hin zu den autonomen Zentren des talmudischen Babylon. 1884 erhielt er eine Anstellung als Lehrer für die persische und arabische Sprache und Literatur in Wien, eine Position die er bis 1915 beibehielt. Obermeyer veröffentlichte zahlreiche grundlegende Aufsätze und Bücher, insbesondere zur orientalischen Geschichte des Judentums: „Modernes Judentum im Morgen- und Abendland“ (1907) oderDie Landschaft Babylonien im Zeitalter des Talmuds und des Gaonats: Geographie und Geschichte nach talmudischen, arabischen und andern Quellen(1929). Gerade letzteres Werk hatte einen enormen Einfluss auf die folgende Talmudforschung, da sie anders als viele vorherigen „Trockenschwimmer“ nicht nur die Originalsprachen sondern auch die Schauplätze mit einbezog. Darüber hinaus übte Obermeyer auch einigen Einfluss auf arabische Historiker und Geographen aus.

Einen ganz anderen Einfluss übte jedoch Jakob Obermeyers Enkel Meir Max Bineth (מאיר מקס בינט)(1917-1954) aus, der bis 1935 in Kolk lebte. Er war ein israelischer Geheimdienstagent in Ägypten und erschütterte als ein als deutscher Geschäftsmann getarnter aktiver Terrorist die politische Szene nicht nur im Nahen Osten. Nach der Machtergreifung Nassers in Ägypten versuchten israelische Agenten mit Anschlägen auf US-Ziele in Ägypten das ägyptisch-amerikanische Verhältnis zu verschlechtern. Beim Platzieren einer solchen Bombe und in weiterer Folge wurden einige Agenten verhaftet – unter ihnen auch Meir Bineth, der Ende 1954 in ägyptischer Haft Selbstmord beging, als ein Todesurteil gegen ihn schon feststand. Im Zuge der damit verbundenen Lavon-Affäre, international so benannt nach dem damaligen israelischen Verteidigungsminister Pinchas Lavon, trat Premierminister Moshe Sharet zurück, während das politische Verhältnis Israels und der USA für eine Weile abkühlte. Erst 2005 rang sich Israel durch die damaligen Agenten offiziell zu ehren.

Infos zu Meir Max Bineth: http://www.meirmaxbineth.org  

Grabstein des Meir Obermeyer aus dem Jahre 1871

Etwa hundert Grabsteine sind am Friedhof noch in unterschiedlichem Zustand erhalten. Ihre Aufstellung hat offenkundig nichts mit den Gräbern zu tun, weshalb es nicht möglich ist, bestimmten Toten zu gedenken.

steil aufsteigendes Gelände des Friedhofs von außen

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1871: Kriegshaber Juden spenden für notleidende Juden im Heiligen Land Israel

December 3, 2015

 

Jerusalem 1870 Western Wall Kotel Westmauersource: upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5b/Jews_at_Western_Wall_by_Felix_Bonfils,_1870s.jpg

Waren es in früheren Zeiten vereinzelte Mäzene aus den Familien Ulmo oder Wertheimer, die mitunter mit durchaus stattlichen Summen die jüdischen Siedler und Gemeinden im Lande Israel unterstützten, so findet man in den 1860ern in jüdischen Zeitschriften immer wieder Listen von mittleren und kleineren Beiträgen die von einzelnen Gemeinden und ihren namentlich genannten Mitgliedern gespendet wurden.
Ein solches Beispiel findet sich in der Beilage zur Nummer 10 der Zeitschrift „Der Israelit – Zentralorgan für das orthodoxe Judentum“, vom Mittwoch, 8. März 1871 (5631) das von Dr. Marcus Lehmann in Mainz herausgegeben wurde. Neben vielen weiteren sind auch die Beiträge der jüdischen Gemeinde aus Kriegshaber genannt. Neben der durchaus respektablen Anzahl von 35 namentlich genannten und alphabetisch geordneten Spender, darunter eine ganze Reihe jüdischer Vereine aus Kriegshaber, sind auch die jeweiligen Summen aufschlussreich:

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Durch den Kultusvorstand in Kriegshaber: Karl Obermeyer (= Carl von Obermayer) und Joseph Fromm: Hermann Aufhauser 1fl. (= Gulden), Nathan Bacherach 30 kr. (= Kreuzer), Leopold Dick 1 fl., Elias Dick 1 fl., Bernhard Dick 1 fl., Abraham Elias Dick 18 kr., Frau Babett Dick 1 fl., Simon Einstein 48 kr., Joseph Eppstein 1 fl., Jakob Fischer 1 fl., Joseph Fromm 2 fl., Bernhard Feldmann 30 kr., Philipp Gumperz 48 kr., Heinrich Gumperz 1 fl., Elkan Gundelfinger 1 fl. 30 kr., Jakob Götz 1 fl. 48 kr., Samuel Gutmann 18 kr., David Koch 30 kr., Heinrich Levinger 1 fl. 10 kr., David Lämle 48 kr., Joel Mändle 30 kr., Henle Obermayer 36 kr., Karl Obermayer (Cousin des Carl von Obermayer) 1 fl. 30 kr., Moritz Obermayer 30 kr., Max Untermayer 30 kr., Moses Weil 1 fl. 10 kr., Simon Weil 1fl. 45 kr., Samuel Weil 30 kr., Seligmann Weisenböck 24 kr., Aaron Wassermann 1 fl., Moses Mayer 30 kr., Frau Henriette Guggenheimer 12 kr., S. Mayer 30 kr., 1 fl. 10 kr.“

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Danach genannt sind auf Hebräisch eine Zahl von Vereinen als Spender: חברא תלמוד-תורה (Talmud-Tora Verein) 1 fl. 30 kr., חברא גמילות-חסידים (Wohltätigkeitsverein) 1 fl. 30 kr., חברא קמחא-דפסחא (Mehl für Pessach Club) 1 fl. 30 kr., חברא דעץ (Holz-Verein, Heizmaterial für Bedürftige) 1fl. 30 kr., חברא בחורים (Jugend-Club) 5fl., der „Frauenverein“ mit 1 fl. 30 kr. und schließlich noch die „Cultus-Kasse“ mit weiteren 5 fl.

(für weitere Einzelheiten zur jüdischen Gemeinde Kriegshaber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siehe: Yehuda Shenef – Mord am Lech, 2013, Kokavim-Verlag, ISBN 978-3944092034).

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Insgesamt spendeten die Kriegshaber Juden im März 1871 (es gab mehrere solcher Spenden-Auflistungen pro Jahr, in der Regel im Vorfeld großer Feiertage), persönlich und/oder über Abgaben an Kriegshaber Vereine 46 Gulden und 57 Kreuzer für notleidende jüdische Gemeinden in Israel. Bemerkenswert ist, dass der Jugendclub mit 5 Gulden neben der Kultusgemeinde mit dem selben Betrag die größten Einzelspender sind. Die meisten Spender sind uns namentlich bekannt, weshalb sich auch manches zu den Personen anmerken ließ.

 

Beispielsweise zu Leopold Dick, dem Sohn von Abraham Moses Dick und seiner Frau Babette, geborene Neuburger. Leopold (Jehuda), kurz Leo spendete einen Gulden für die Armen in Israel. Das ist durchaus bemerkenswert wenn man berücksichtigt, dass Leo Dick damals erst 13 Jahre alt war und offenbar wenigstens etwas vom Ertrag seiner Bar Mitzwa (im Februar 1871) an die Notleidenden in Israel weiterreichte.

Nur vier Jahre später, am 20. August 1875 starb der (in Augsburg beschäftigte) Handlungslehrling bei einem Verkehrsunfall. Gerüchte darüber, dass ein schneller Reiter ihn mehr oder minder absichtlich erfasste, gab es ebenso wie eine Einstellung des Verfahrens durch die lokalen Ermittler, aus Mangeln an Beweisen, bzw. wie es damals formuliert wurde „aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen wird keine weitere Investigation vorgenommen“. Rechtsstaat eben.

Anzumerken wäre allerdings auch, dass es in der damaligen Zeit, einige Jahrzehnte vor dem Automobil eine überraschend hohe Anzahl an Verkehrstoten und Verletzten gab, die man sich allgemein wohl erst danach vorstellen kann oder will. Eilboten oder Kutscher waren jedoch oft schneller unterwegs, als wir es heutzutage im Stadtverkehr gewohnt sind. Da in der Regel nur Hauptstraßen in Städten gepflastert waren, hörte man sie auch nur dort bereits auf größerer Distanz, während man am Stadtrand von Kriegshaber gewissermaßen aufpassen musste, ob nicht jemand um die Kurve hetzt.

Leopold Juda Dick 1858-1875 Kriegshaber AugsburgLeo Juda Dick – 15. Feb. 1858 – 20. Aug. 1875

Ein Gulden hatte damals 60 Kreuzer. Den heutigen Geldwert (die sog. Kaufkraft”) kann man wegen der Unterschiedlichkeit der Lebens- und Einkommensverhältnisse schwer ermessen. Hilfreich ist aber vielleicht zu wissen, dass der Sold eines einfachen bayerischen Soldaten im Monat bei einem Gulden lag, soviel wie der durchschnittliche Wochenlohn eines Augsburger Webers oder Schneiders, während ein Schullehrer 50 Gulden im Monat und katholischer Bischof mit 8.000 Gulden im Jahr ausgestattet wurde und der Augsburger Bürgermeister (von 1866 bis 1900 war das Ludwig Fischer) 5000 Gulden im Jahr verdiente.

Kaufen konnte man 1870 in Bayern mit einem Gulden jeweils etwa rund 80 Kilo Kartoffeln, 10 Liter Milch oder Bier, 3 Pfund Rind- oder Schweinefleisch, eine Ente oder eine Forelle, 4 Liter Branntwein, 2 Pfund Würfelzucker oder 12 Orangen.

Die Preise in der der damaligen osmanischen Provinz Asch-Scham (‏الشام), von den Briten nach 1917 “Palestine” (Palestina) genannt, waren in Bezug auf die meisten Produkte kaum habl so hoch als in Bayern, was auch mit der sehr geringen, meist ländlichen Bevölkerung zu tun hatte.