NS in Augsburg: 2. Kraft durch Freude (KdF)


Unter der Adresse „Schaezlerstraße 17 Rückgebäude“ befand sich in der Nazizeit in Augsburg der Sitz der örtlichen Dependance der „Kraft durch Freude“. Was nach der holprigen Übersetzung einer Zen-Weisheit klingt war die „KdF“ im gesamten Nazireich eine ebenso weit verbreitete wie populäre, alle Lebensbereiche durchdringende Institution. Als Unterorganisation der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) wurde „Kraft durch Freude“ im November 1933 gegründet, um die Freizeitgestaltung der deutschen Bevölkerung zu orchestrieren. Vorbild der KdF war die italo-faschistische „Opera Nationale Dopolavoro“ (in etwa: Nationales Freizeitwerk), das der DAF-Führer Robert Ley 1929 in Italien kennengelernt hatte.

Augsburg Schaezlerstr Kraft durch Freude KdF„Kraft durch Freude“ ist vor allem für die Organisation von Urlausreisen (etwa nach Norwegen oder Italien) bekannt geworden, organisierte aber auch Städtetouren oder Wanderungen im Umland und war der staatliche Reiseveranstalter des NS-Regimes. Obwohl die Nazi die Zahl der Urlaubstage erhöhten (von durchschnittlich 8-10 Tagen pro Jahr auf zwei oder drei Wochen) waren insbesondere die Fernreisen nicht für jedermann erschwinglich. Deshalb bot KdF eine ganze Palette ganz unterschiedlicher Freizeitaktivitäten vor Ort und in der näheren Umgebung. Analog zu heutigen „Volkshochschulen“ umfassten die Angebote wie „Leibesübungen“ (Sport, Gymnastik), Schachtuniere, Liederabende, Nähkurse, Vortragsreihen (zu Kunst, Kultur, Geschichte, Wissenschaft), Briefmarkensammeln, Gesellschaftstänze, Kochen, Töpfern, medizinische Beratung („Paracelsus“), klassische Konzerte, Filmvorführungen, Schwimmen und Bootsfahrten, und vieles andere mehr, was man auch heute als Freizeitaktivität definieren würde – mit dem Unterschied eben, dass die Aktivitäten staatliche organisiert und gelenkt waren. Wer damals nicht damit in Berührung kam, war wahrscheinlich entweder Häftling oder gehörte dem Apparat an und war nicht drauf angewiesen.

Wie der Historiker Götz Aly es ausdrückt, sollten „Kraft durch Freude“-Aktivitäten wie Theaterbesuche, Urlaube und Rundfahrten zu niedrigen Preisen den Nazi-Staat als eine „Wohlfühldiktatur“ erlebbar machen. Dies ist auch die Quelle der “es war ja nicht alles schlecht” – Empfindung vieler Zeitgenossen. Freude zu empfinden und dadurch “wieder” stark und gesund zu werden ist ein Leitsatz, der auch in unserer Zeit zahlreiche Nachahmer und institutionelle Taktgeber findet.

Augsburg Kraft durch Freude Woche 1941 PoststempelSonderstempel anlässlich der “Kraft durch Freude Woche” in Augsburg

KdF Kraft durch Freude LogoKraft durch Freude Logo

– Strength through Joy, קָה-דֶה-אֶף ,כוח באמצעות שמחה

Besondere Bekanntheit hatte – wenigstens propagandistisch – der sog. KdF-Wagen. Das Automobil war der Vorläufer des später weltberühmten VW-Käfer, der von dem österreichisch-ungarischen Juden Josef Ganz (1908 Budapest – 1967 Melbourne, Australien) bereits 1931 als „Maikäfer“ konzipiert worden war und schon im Jahr darauf in kleiner Stückzahl von der Gutbrod Standard Fahrzeug GmbH in Ludwigsburg gebaut wurde und als „Volkswagen“ beworben. Das Unternehmen zog später nach Plochingen. Die Nazis „arisierten“ den Käfer von Josef Ganz und vermarkteten ihn als Wagen für KdF-Sparer. Erst 1938 wurde mit der Produktion in der eigens dafür gebauten „Stadt des KdF-Wagens“ in der Nähe von Fallersleben (seit 1972 ein Teil des daraus entstandenen Wolfsburg) begonnen, jedoch kam es wegen des Krieges nicht zur versprochenen Serienproduktion, da nun Fahrzeuge für das Militär gefertigt wurden. Abertausende von Sparern gingen leer aus, durften dafür aber in den Krieg ziehen. Marktreif war der VW Käfer, der in den 1960ern noch zu einer Ikone der Hippies wurde, erst in der Nachkriegszeit.

KdF Wagen Käfer Sparkarte WerbungKdF-Wagen Sparkarten-Werbung

Josef Ganz Standard Volkswagen Annonce KdFOriginal Volkswagen von Julius Ganz 1931

Man sieht, die Unternehmungen der KdF waren breit gefächert und durchdrangen fast alle Bereiche der Arbeit und der (organisierten) Freizeit. Auch die Augsburger Dependance wird entsprechend strukturiert und aktiv gewesen sein.

Bekannt ist „Schwabenland“ die Zeitschrift der schwäbischen KdF, die sich der „Heimatkunde“ widmete, wobei Autoren wie Artur Maximilian Miller oder Ludwig Wegele über Landschaft, Tiere, Pflanzen, Volks- und Brauchtum und dergleichen schreiben konnten.

„Die Zeitschrift Schwabenland richtete sich an eine breite Öffentlichkeit und versuchte die kulturellen Vorstellungen der Nationalsozialisten bis in den letzten Winkel Bayerisch-Schwabens zu tragen und damit den intellektuellen Nährboden für die wirtschaftlichen und politischen Vorstellungen der NSDAP zu legen.“ (www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/SchwabenlandZeitschrift)

Kraft durch Freude deutscher Wein deutsches LiedKdF-Liederheft

Sources:
Götz Aly: Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt am Main 2005. ISBN 3-10-000420-5.
Paul Schilperoord: Die wahre Geschichte des VW-Käfers. Wie die Nazis Josef Ganz die VW-Patente stahlen, Zürich 2011, ISBN 978-3-7193-1565-8.
Florian Harms: Nazi-Propaganda: Wellness unterm Hakenkreuz, Spiegel, 1999
de.wikipedia.org/wiki/KdF-Wagen

http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3865.verheimlichte-herkunft.html
http://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/SchwabenlandZeitschrift
commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1475756

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KdF – Kraft durch Freude – Strength through Joy – was the name of the German leisure time organization which made leisure activities such as travels, trips, gymnastic, dancing, theater, chess, cinema, swimming, etc. available to the masses. Best known is the KdF-car which actually was designed by Jewish carmaker Josef Ganz and already produced before Hitler in Ludwigsburg after the world war became famous as Volkswagen VW Beetle, allegedly designed by Ferdinand Porsche. The Augsburg section of the KdF had its headquarter in Schaezlerstr between main train station and city theater, opposite of the district court and next to the Department of puplic health, which we will portray in the next part.

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