1871: Kriegshaber Juden spenden für notleidende Juden im Heiligen Land Israel


 

Jerusalem 1870 Western Wall Kotel Westmauersource: upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5b/Jews_at_Western_Wall_by_Felix_Bonfils,_1870s.jpg

Waren es in früheren Zeiten vereinzelte Mäzene aus den Familien Ulmo oder Wertheimer, die mitunter mit durchaus stattlichen Summen die jüdischen Siedler und Gemeinden im Lande Israel unterstützten, so findet man in den 1860ern in jüdischen Zeitschriften immer wieder Listen von mittleren und kleineren Beiträgen die von einzelnen Gemeinden und ihren namentlich genannten Mitgliedern gespendet wurden.
Ein solches Beispiel findet sich in der Beilage zur Nummer 10 der Zeitschrift „Der Israelit – Zentralorgan für das orthodoxe Judentum“, vom Mittwoch, 8. März 1871 (5631) das von Dr. Marcus Lehmann in Mainz herausgegeben wurde. Neben vielen weiteren sind auch die Beiträge der jüdischen Gemeinde aus Kriegshaber genannt. Neben der durchaus respektablen Anzahl von 35 namentlich genannten und alphabetisch geordneten Spender, darunter eine ganze Reihe jüdischer Vereine aus Kriegshaber, sind auch die jeweiligen Summen aufschlussreich:

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Durch den Kultusvorstand in Kriegshaber: Karl Obermeyer (= Carl von Obermayer) und Joseph Fromm: Hermann Aufhauser 1fl. (= Gulden), Nathan Bacherach 30 kr. (= Kreuzer), Leopold Dick 1 fl., Elias Dick 1 fl., Bernhard Dick 1 fl., Abraham Elias Dick 18 kr., Frau Babett Dick 1 fl., Simon Einstein 48 kr., Joseph Eppstein 1 fl., Jakob Fischer 1 fl., Joseph Fromm 2 fl., Bernhard Feldmann 30 kr., Philipp Gumperz 48 kr., Heinrich Gumperz 1 fl., Elkan Gundelfinger 1 fl. 30 kr., Jakob Götz 1 fl. 48 kr., Samuel Gutmann 18 kr., David Koch 30 kr., Heinrich Levinger 1 fl. 10 kr., David Lämle 48 kr., Joel Mändle 30 kr., Henle Obermayer 36 kr., Karl Obermayer (Cousin des Carl von Obermayer) 1 fl. 30 kr., Moritz Obermayer 30 kr., Max Untermayer 30 kr., Moses Weil 1 fl. 10 kr., Simon Weil 1fl. 45 kr., Samuel Weil 30 kr., Seligmann Weisenböck 24 kr., Aaron Wassermann 1 fl., Moses Mayer 30 kr., Frau Henriette Guggenheimer 12 kr., S. Mayer 30 kr., 1 fl. 10 kr.“

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Danach genannt sind auf Hebräisch eine Zahl von Vereinen als Spender: חברא תלמוד-תורה (Talmud-Tora Verein) 1 fl. 30 kr., חברא גמילות-חסידים (Wohltätigkeitsverein) 1 fl. 30 kr., חברא קמחא-דפסחא (Mehl für Pessach Club) 1 fl. 30 kr., חברא דעץ (Holz-Verein, Heizmaterial für Bedürftige) 1fl. 30 kr., חברא בחורים (Jugend-Club) 5fl., der „Frauenverein“ mit 1 fl. 30 kr. und schließlich noch die „Cultus-Kasse“ mit weiteren 5 fl.

(für weitere Einzelheiten zur jüdischen Gemeinde Kriegshaber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siehe: Yehuda Shenef – Mord am Lech, 2013, Kokavim-Verlag, ISBN 978-3944092034).

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Insgesamt spendeten die Kriegshaber Juden im März 1871 (es gab mehrere solcher Spenden-Auflistungen pro Jahr, in der Regel im Vorfeld großer Feiertage), persönlich und/oder über Abgaben an Kriegshaber Vereine 46 Gulden und 57 Kreuzer für notleidende jüdische Gemeinden in Israel. Bemerkenswert ist, dass der Jugendclub mit 5 Gulden neben der Kultusgemeinde mit dem selben Betrag die größten Einzelspender sind. Die meisten Spender sind uns namentlich bekannt, weshalb sich auch manches zu den Personen anmerken ließ.

 

Beispielsweise zu Leopold Dick, dem Sohn von Abraham Moses Dick und seiner Frau Babette, geborene Neuburger. Leopold (Jehuda), kurz Leo spendete einen Gulden für die Armen in Israel. Das ist durchaus bemerkenswert wenn man berücksichtigt, dass Leo Dick damals erst 13 Jahre alt war und offenbar wenigstens etwas vom Ertrag seiner Bar Mitzwa (im Februar 1871) an die Notleidenden in Israel weiterreichte.

Nur vier Jahre später, am 20. August 1875 starb der (in Augsburg beschäftigte) Handlungslehrling bei einem Verkehrsunfall. Gerüchte darüber, dass ein schneller Reiter ihn mehr oder minder absichtlich erfasste, gab es ebenso wie eine Einstellung des Verfahrens durch die lokalen Ermittler, aus Mangeln an Beweisen, bzw. wie es damals formuliert wurde „aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen wird keine weitere Investigation vorgenommen“. Rechtsstaat eben.

Anzumerken wäre allerdings auch, dass es in der damaligen Zeit, einige Jahrzehnte vor dem Automobil eine überraschend hohe Anzahl an Verkehrstoten und Verletzten gab, die man sich allgemein wohl erst danach vorstellen kann oder will. Eilboten oder Kutscher waren jedoch oft schneller unterwegs, als wir es heutzutage im Stadtverkehr gewohnt sind. Da in der Regel nur Hauptstraßen in Städten gepflastert waren, hörte man sie auch nur dort bereits auf größerer Distanz, während man am Stadtrand von Kriegshaber gewissermaßen aufpassen musste, ob nicht jemand um die Kurve hetzt.

Leopold Juda Dick 1858-1875 Kriegshaber AugsburgLeo Juda Dick – 15. Feb. 1858 – 20. Aug. 1875

Ein Gulden hatte damals 60 Kreuzer. Den heutigen Geldwert (die sog. Kaufkraft”) kann man wegen der Unterschiedlichkeit der Lebens- und Einkommensverhältnisse schwer ermessen. Hilfreich ist aber vielleicht zu wissen, dass der Sold eines einfachen bayerischen Soldaten im Monat bei einem Gulden lag, soviel wie der durchschnittliche Wochenlohn eines Augsburger Webers oder Schneiders, während ein Schullehrer 50 Gulden im Monat und katholischer Bischof mit 8.000 Gulden im Jahr ausgestattet wurde und der Augsburger Bürgermeister (von 1866 bis 1900 war das Ludwig Fischer) 5000 Gulden im Jahr verdiente.

Kaufen konnte man 1870 in Bayern mit einem Gulden jeweils etwa rund 80 Kilo Kartoffeln, 10 Liter Milch oder Bier, 3 Pfund Rind- oder Schweinefleisch, eine Ente oder eine Forelle, 4 Liter Branntwein, 2 Pfund Würfelzucker oder 12 Orangen.

Die Preise in der der damaligen osmanischen Provinz Asch-Scham (‏الشام), von den Briten nach 1917 “Palestine” (Palestina) genannt, waren in Bezug auf die meisten Produkte kaum habl so hoch als in Bayern, was auch mit der sehr geringen, meist ländlichen Bevölkerung zu tun hatte.

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