Über die Anfänge des Marionetten Theaters in Augsburg


Seit 1948 gibt es in Augsburg im ehemaligen Geist-Spital die von Walter und Rose Oemichen gegründete „Augsburger Puppenkiste“ (www.augsburger-puppenkiste.com), die durch das Fernsehen seit Jahrzehnten weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt geworden ist. Das aus Magdeburg und Berlin stammende Paar hatte sich bereits in den 1930er Jahren in Augsburg niedergelassen.

Weit weniger bekannt ist das rund hundert Jahre vorher in Augsburg schon mal eine Marionetten-Bühne bestand, das Theater von Joseph Burkhardt, der zunächst von Pfersee aus operierte. Wie so oft, wenn etwas Neues ins Land zieht, wurden auch die „Ergötzlichkeiten“ des Josef Burkhardt erst mal in Frage gestellt. Empört und keineswegs freundlich gesinnt:

Joseph Burkhardt Jugend gefährdend Marionetten Theater  Augsburg Pfersee 1839

„Ob dem, seit vierzehn Tagen in Pfersee sich aufhaltenden Marionettenspieler nicht bald höchsten Ortes seine sittenlosen, der Jugend verderblichen Spiele eingestellt werden? (Billig sollte man dergleichen herumziehende Ergötzlichkeiten, welche der Moralität Hohn sprechen, statt befördern, durchaus Asyl versagen.)“

Die Anschuldigung war (typisch) knapp und anonym, ließ aber an Deutlichkeit nichts mangeln. Im damaligen Augsburg, war dies aber auch in Bezug auf antisemitische Schmähungen, etwa wie die eines „Ahasveros“ oder „Feitel Itzig Stern“, eine durchaus überregional bedeutsame Erfolgsmasche: Ist der Schmutz erst mal geworfen, sind die Flecken garantiert.

Da der Vorwurf der Jugendgefährdung auch damals schon nicht harmlos war, sah sich der Marionettenspieler gezwungen postwendend zu antworten, wobei wie so oft auch hier, die Rechtfertigung mehr Raum beansprucht, als die anonyme Dreckschleuder.

Augsburger Tagblatt“ vom Samstag, 16. November 1839 äußert sich Burkhardt zum öffentlich erhobenen Vorwurf, sein Spiel sei „sittenlos“ und verderbe die Jugend:

„Pfersee, den 14. Nov. 1839 – Herr Redakteur! Hiermit ersuche ich Sie, gegen das in Ihrem Blatte No. 312, vom Mittwoch, den 13., Nummer 4 der Briefkasten-Revue, gerügte Marionetten-Spiel aus dieser meiner nachstehenden Verteidigung einen kurzen Aufsatz zu liefern, und zwar aus folgenden Gründen: 1. Wenn meine bisher öffentlich vorgetragenen Spiele für die Jugend als nachteilig wirkend befunden worden wären, so würde mir sie eine höhere Stelle, anstatt der erst kürzlich aufs Neue erteilten Erlaubnis, schon längst eingestellt haben. 2. Würde ich nicht vom hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum, sowie von allen Polizei-Behörden besonders, und zwar von allen Seiten, und allen Orten die schönsten und besten Zeugnisse aufweisen können, wie wirklich der Fall ist und wovon sich jedermann hinlänglich überzeugen kann. 3. Der hochwürdige Herr Pfarrer in Pfersee, welcher wie allenthalben bekannt ist, stets ein wachsames Auge für polizeiliche Ordnung und sittliches Betragen der Jugend hat, und die diesige Polizeibehörde, von deren letzterer ich mich eines öfteren Besuchs in Begleitung ihrer Jugend zu erfreuen hatte, würden mir mein Spiel gleich im Anfange verboten haben, wenn nur im Geringsten darin etwas Unschönes vorgekommen wäre. Es scheint also, dass der Einsender der bösartig gestellten Frage, entweder aus Neid oder Bosheit, oder aus den schlimmen Folgen seiner vielleicht schon verdorbenen Kinder oder Dienstboten, die diese Gelegenheit benutzten, um vielleicht während oder nach der Zeit des Spiels ihren Unfug auf ganz anderen Plätzen zu verüben, und dies zum Vorwande nahmen. In diesem Falle hatte derjenige Familienvater, oder was sonst er sei, sich besser überzeugen sollen, bevor er seine einfältige und boshafte Frage zum Nachteil eines rechtschaffenen Mannes veröffentlichte. – Der Unterzeichnete empfiehlt daher fortan sein von höchster Stelle genehmigtes, ganz schön und vorzüglich unterhaltendes Marionettenspiel, und bittet aller Orten um geneigten Zuspruch. Der gegenwärtig in Pfersee sich aufhaltende Marionettenspieler.“

* * *

Am 5. Oktober 1839 bot Joseph Burkhardt zum ersten Mal sein bald beanstandetes Spiel an: „Prinz Oedipus, Feldherr der Locrenser, ein Schaupiel in 3 Teilen oder 9 Aufzügen“. Schauplatz war „in der Jakober Vorstadt im Holei’schen Hof zu ebener Erde“ und der Eintrittspreis betrug zwischen einem und vier Kreutzer. Heute ist der Hof in die Fuggerei integriert, zu der er damals noch nicht gehörte, jedoch lassen Einträge in alten Adressbüchern mit den Litera – Angaben G17 und G18 keine Zweifel aufkommen.

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Vierzehn Tag später änderte sich das Programm und zur Aufführung kam „Hanswurst, der glücklicher Luftschiffer – ein Lustspiel in 2 Teilen oder 6 Aufzügen“, gefolgt von „Würgemund der großmütige Seeräuber, ein Lustspiel in 3 Akten“. Die Preise waren dieselben geblieben. Eins der beiden Stücke, wenn nicht beide, hatten wohl den Unmut des anonymen Denunzianten provoziert. Burkhardts Marionetten-Theater reagiert  mit: „Doktor Faust’s Leben und Ende“, ein “Zauberspiel” in 2 Teilen oder sechs Aufzügen.

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Anhand der Titel kann darüber spekulieren, was als „unsittlich“ beanstandet wurde, wenn es nicht, was für damalige kirchliche Zensoren denkbar wäre, das Marionettenspiel als solches das verpönte Element war. Dass aber die Denunziation wirkungslos blieb – oder der öffentliche Einspruch dagegen erfolgreich war, ist daraus ersichtlich, dass es mit den wechselnden Programmen weiter geht und so findet am 8. Dezember schon wieder die nächste Premiere statt: „Hamlet, Prinz von Dänemark, ein Schauspiel in 2 Teilen oder 6 Aufzügen“ und hernach „Die geprellten Liebhaber, ein Lustspiel in drei Akten“. Am 29. Dezember 1839 gibt es eine weitere Premierenprogramm: „Die Teufelsburg oder: Emilien-Geist, ein Zauberspiel in 3 Teilen oder 9 Aufzügen“.
Dass Josef Burkhardt aber bereits im Sommer spielte war dem Kritiker wohl entgangen. So kam am 29. Juli 1839 bereits „Der bairische Hiesel, oder Die Wilddiebe in Schwaben“ zur Aufführung, als „Lustspiel in 3 Teilen oder 9 Aufzügen“ und hernach „Don Juan oder: Das steinerne Gastmahl“, woraus wir ersehen können, dass schon das Augsburger Marionetten-Theater des Joseph Burkhardt sich keineswegs nur an Kinder oder die Jugend, sondern wohl auch an Erwachsene richtete. Mit dem 1771 im Alter von 35 Jahren aus dem benachbarten Kissing stammenden Mathias Klostermayer, volkstümlich als Bayrischer Hiasl (Hiesel) bekannt, hatte die Bühne sogar auch populären, vergleichsweise fast noch „aktuellen Stoff“ im Programm, während die Aufführung des Hamlet sicher zu den älteren Shakespeare-Darbietungen in der Lech-Stadt gehören dürfte.

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Dem Kritiker, der Burkhardt Anfang November 1839 in Pfersee verortete, war offenbar auch entgangen, dass dieser zwei Jahre zuvor in Augsburg am Brunnenlech lebte, dort in seiner Werkstatt Figuren herstellte und diese – dem Fass die Krone aufsetzend – damals schon die Jugend gefährdete in dem er Marionetten samt Kulisse zum Kauf anbot. Schlimmer noch, war Burkhardt der Ansicht, dass es sich dabei um hübsche Weihnachtsgeschenke handeln könnte, aber mit der Idee zu Weihnachten Spielzeug zu verschenken, war er vielleicht dann doch etwas zu früh auf den Markt gekommen. Proteste dagegen sind freilich auch nicht überliefert.

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Eine Annonce vom 9. Dezember 1837:
Verkauf – In dem Hause Lit. C. No. 6 über eine Stiege in der Maximilianstraße ist ein gut beschaffenes großes Marionetten-Theater mit 20 Puppen, und Figuren und vollständiger Einrichtung um billigen Preis zu verkaufen. Dasselbe wäre besonders für Knaben von 8 bis 10 Jahren zu einem Christgeschenk geeignet.“

* * *

Offenbar erfolglos bedurfte es am 17. Dezember 1837 eines zweiten Inserates:

Joseph Burkhardt Marionetten Augsburg Spielzeug 1837

Neben den Marionetten bietet Burkhardt für die „Weihnachtszeit“ ersichtlich noch anderes Spielzeug an: „Schatten-Spiele. Dockenküchen, Kramläden, Dockenzimmer, Vogelscheiben, Wägelchen aller Gattungen – sehr gut und dauerhaft gearbeitet zu sehr billigen Preisen.“

Damals lautete die Anschrift „Litera A 350, am Brunnenlech neben der Schwalmühle“.

Offenbar war Joseph Burkhardt aus Pfersee von der Spielzeugherstellung zum Spielen übergegangen und von dort zur Darbietung humoristischer und theatralischer Stücke. Vielleicht weil sich zu Weihnachten 1837 kein Käufer fand, der seine Knaben damit einem moralischen Risiko aussetzen wollte. Man kann nur raten. Erst im Sommer 1839, knapp 18 Monate später finden wir ihn mit der Darbietung des „Hiesel“, offenbar zumindest ein Anfangserfolg, da er später mit den genannten anderen Stücken auftrat.

Marionetten-Theater Joseph Burkhardt Augsburg Pfersee 1839

Zuletzt findet man ihn zu Beginn des Jahres 1846, noch immer in der Jakober Vorstadt im Holeis’schen Hof. Selbst die Preise sind dieselben geblieben, nur das Kinder auf dem letzten Platz nur die Hälfte zahlen.

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Am Neujahrtag sind im Marionettentheater gleich zwei Stücke zu sehen: Joseph in Ägypten, eine liebliche Darstellung in 2 Teilen oder 6 Aufzügen“ und darauf folgend: „Cyrus, König von Persien“, als Lustspiel in 5 Akten. Zehn Tage später folgt wohl als Variation früherer Stücke „Prinzessin Tulykana, oder Hanswurst, der betrogene Bräutigam“, wie man sich denken kann: ein Lustspiel. Zuletzt schließlich am 8. Februar 1846 wieder der Prinz. Warum es Joseph Burkhardts letzte Vorstellung war? Vielleicht weil das Augsburger Stadttheater Stadt-Theater „zum Erstenmale“ das damals um die Mitte der 1840er Jahre entstandene, äußerst populäre zehnbändige antisemitische Episoden-Roman „Juif Errant“ des Franzosen Joseph-Marie Sue (1804-1857) zu einem Theaterstück komprimierte: „Der Ewige Jude – dramatisches Gemälde in 5 Abteilungen … für die deutsche Bühne bearbeitet von Carl Schmidt.“

Die Grundidee des vielleicht ersten Serien-Erfolgs ist recht simpel: Tatütata: Überall wo “der wandernde Jude” hinkommt, hat er “die Cholera” im Gepäck – ein damals durchaus recht ernstes Problem, das man freilich erst mit grundlegender Hygiene in den Griff bekam, bei Antisemiten aber zunächst den Geist angriff.

Joseph Burkhardt Marionetten Theater  Augsburg 1846 Der Ewige Jude

1859 findet sich Josefs Bruder Isak Burkhardt als „Privatier“ im Augsburger Adressbuch unter der Adresse C 216, was heute der Schmiedgasse 9 entspricht. Dort ist er auch 1872 noch verzeichnet, nun allerdings in der Pfladergasse C 316, noch immer als Privatier. Joseph Burkhadt hingegen hat sein Marionetten-Spiel wohl aufgegeben. Er wohnt wieder in Pfersee, dann in Kriegshaber, aber er kam nach Augsburg zurück. 1862 ist er nun als „Papiermaché-Fabrikant“ notiert, was halbwegs auf die frühere Fertigung von Scherenschnitten und dergleichen schließen lässt. Sein Geschäft befindet sich in der Schönefeldgasse D 96, am Hafnerberg, unweit des Hauses D 100 in welchem Salomon Binswanger eine Betstube eingerichtet hatte. 1866 ist zwei Häuser weiter gezogen ins Haus D 94 (Peutingerstraße), nun aufgeführt als „Maler und Stukaturarbeiter“. 1872 findet man ihn nochmals zwei Häuser weiter, nun unter der Anschrift D 92 am Karolinenplatz, schlicht als „Kaufmann“. Finally.

***

Just a centurry before the famous Puppenkiste in Augsburg there was Joseph Burkhardt from Pfersee in Augsburg as early as 1837 offered hand made toys as Christmas gift for Augsburgs children. A bit too early honestly.

One Response to Über die Anfänge des Marionetten Theaters in Augsburg

  1. Birgit Semmerle says:

    Sehr interessant. Das habe ich nicht gewusst.

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