Stolpersteine in Augsburg


Die sog. “Stolpersteine” sind nun auch in Augsburg wieder zum Thema geworden.  Die einen wollen sie, um an Personen zu erinnern, die aus Augsburg entführt und meist anderswo umgebracht wurden, vor den Häusern wo sie lebten und wohnten. Auch weil ihnen in den meisten Fällen über den aufgezwungenen Tod auch ein Grabstein in der Heimat verwehrt geblieben ist.

Es gibt aber auch kategorische Gegner und die sind mitunter sehr einfallsreich in den Ausreden, um die “Stolpersteine” abzulehnen. Unter anderem zählt dazu die Sorge um das Andenken der Verstorbenen, das sinnbildlich “mit Füßen getreten” werde, freilich nur wenn man draufstampft, aber auch eine angebliche Omnipräsenz des “Themas” in der Öffentlichkeit. Tatsächlich ist es so, dass allein in der Augsburger  Innenstadt (besonders aber auch in Pfersee, Steppach oder Kriegshaber), zahlreiche der Stolpersteine denkbar wären.

Seitens des JHVA begrüßen wir die neuerliche Initiative zur Schaffung sog. Stolpersteine in Augsburg:

http://www.stolpersteine-augsburg.de

Nicht weil es in jedem Fall die beste aller Möglichkeiten wäre, um “der Vergangenheit” zu gedenken (das wäre es fast nie), auch nicht, weil wir der Meinung wären, das sog. “Gedenken” an ermorderte Juden zur “Kritik an der Politik des Staates Israel” berechtigen oder gar qualifizieren würde (mag manchem zwar jucken, aber: nein, weder noch), schließlich auch nicht, weil es sinnvoll wäre, eine weit über tausendjährige Geschichte von Juden in der Region auf ein paar Jahre drastischer Verfolgung und Ermordung zu reduzieren (auch das wäre Wunschdenken der übleren Sorte), sondern weil mit dem sonst überall praktizierten Komplettverschweigen rein nichts bewirkt wird und werden kann – wie man überall sieht, wenn man sehen will.

Es ist ja nun auch nicht so, dass es in Augsburg Stolpersteine nicht schon längst geben würde. Es gibt sie. Überall und in großer Zahl. Sie sind niemanden gewidmet, aber sie erinnern daran, dass die Vernachlässigung der nicht unmittelbar kommerziell verwertbaren Umgebung, allgemein verbreitet ist. Anders als jene Gedenktafeln, sind sie wirkliche Stolpersteine, ganz einfach weil Menschen drüber stolpern. Feine Damen mit teueren Schuhen, Rentner, Kinder, Radfahrer. Sie alle tun sich, wie man als Anwohner der Augsburger Innenstadt täglich beobachten kann, mitunter schwer mit den überall vorhandenen Augsburger Stolpersteinen:

Napoleon, so das bekannte Bonmot soll bei seinem Einmarsch in die Stadt im Herbst 1805 beim Anblick der maroden Augsburger Straßen gesagt haben, dass die Stadt eines Fürsten bedürfe, um der weiteren Vernachlässigung zu entgehen. Und das führte sodann auch zur Verschenkung der Augsburger an die Herzöge von Bayern, die nun sogleich Könige werden wollten … und wurden – und vermutlich deshalb warten Stadt und Straßenbau in Augsburg auch zwei Jahrhunderte später noch immer auf die entsprechenden fürstlichen Maßnahmen …

绊脚石

Stolpersteine Augsburg (3)Камни преткновения

Stolpersteine Augsburgשטולפרשטיין

Stolpersteine Augsburg (2)Stolpersteine in der Augsburger City, Februar 2014

Wie dem auch sei, ein paar Namen hier und da könnten die allgemeine Gleichgültigkeit durchbrechen und einen bewussten Umgang mit der eigenen Nachbarschaft, Stadt, Region, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sorgen.

Wir sind den Gedenksteinen an vielen Orten begegnet und haben nirgendwo eine negative Auswirkung registrieren können, ganz im Gegenteil befassten sich gerade durch diesen Anreiz sehr viele Leute mit der Häuser- und Straßengeschichte ihrer Nachbarschaft, während immer wieder Touristen zu beobachten waren, die deshalb einen anderen Fußweg auf ihrer Exkursionen nahmen.

Ganz ohne Zweifel sind die folgenden Beispiele auch optisch ansprechender als die auch auch zwei Jahren reger Bautätigkeit in der Augsburger Innenstadt überreichlich vorhandenen Stolpersteine:

Stolperstein Nördlingen Max Mayer Elsa Mayer Rosa BredigStolpersteine in Nördlingen

Henriette Arnold 1861 Berlin 1944 TheresienstadtStolperstein in Berlin

Stoplersteine Bamberg KohnStolpersteine in Bamberg

Stolpersteine Regensburg Ehrlich NussbaumStolpersteine in Regensburg

stolpersteine dinkelsbuehlvor der ehemaligen Synagoge in Dinkelsbühl

Der Initiator  der “Stolpersteine” Gunter Demnig wurde für seine damals schon bemerkenswerte Engagement bereits im Januar 2005 in seiner Geburtsstadt Berlin mit dem “German Jewish History Award” der Obermayer Foundation ausgezeichnet:

http://www.obermayer.us/award/awardees.htm

Obwohl der Vorsitzende der Stiftung Arthur Obermayer viele und enge Beziehungen nach Augsburg und zu seinen Institutionen hat (seine väterlichen Vorfahren stammen aus Kriegshaber und Pfersee), hat die von ihm ausgezeichnete Initiative in Augsburg bislang keinen Anklang finden können.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine (deutsch)

http://en.wikipedia.org/wiki/Stolperstein (englisch)

http://de.wikipedia.org/wiki/Gunter_Demnig

Nachahmende Variationen finden sich übrigens ebenfalls an vielen Orten. In Kaufbeuren z.B. können die Gedenksteine weit größer ausfallen als das eher bescheidene Pflastersteinformat, und in manchen Fällen muss man noch nicht mal tot sein, um auf diese Weise in die Erinnerung gerufen zu werden:

Stolperstein Kaufbeuren

Memoire nomade Namen und Steine Erfurt Domplatz am Dom-Platz von Erfurt reicht es sogar wenn man Angelika, Rock Hudson oder Freddy Mercury heißt

9 Responses to Stolpersteine in Augsburg

  1. Lieber Yehuda,

    Vor kurzem entdeckte ich auf dieser Webseite das Foto von der Namen und Steine Installation in Erfurt, Gedenksteine zur Erinnerung an Menschen die an den Folgen von Aids gestorben sind. In deinem mitunter humorvollen Artikel stellst du diese Steine in einen Zusammenhang mit den Stolpersteinen. Die erste Namen und Steine Installation des Künstlers Tom Fecht erfolgte am 2. Juni 1992 anlässlich der documenta IX in Kassel. Der erste Gedenkstein des Künstlers Gunter Demnig wurde am 16. Dezember 1992 in Köln verlegt aus Anlass des 50. Jahrestages der Deportation von Roma und Sinti. In den Folgejahren entwickelte er das Projekt “Stolpersteine”. Wir finden es fantastisch, dass diese Stolpersteine in der einmaligen messingüberzogenen Form inzwischen europaweit verlegt werden, um auf das Schicksal der von den Nazis ermordeten Menschen aufmerksam zu machen und gleichzeitig zu zeigen, das diese Menschen mitten unter uns gelebt haben. So können wir die Initiative, auch in Augsburg Stolpersteine zu verlegen, nur unterstützen! Welcher Künstler von wem beinflusst wurde, ist dabei völlig unwichtig. Wir würden uns freuen, wenn du den Text zu der Namen und Steine Installation anpassen könntest. Gleichzeitig würden wir das Foto gerne an das Profil der Namen und Steine Installation in Erfurt hinzufügen http://www.aidsmemorial.info/memorial/id=115/namen_und_steine_-_spur_iii.html und fragen um dein Einverständnis. Falls jemand anderes Fotograf ist, würden wir dessen Name gerne vermelden.

    Mit freundlichen Grüssen,
    Jörn Wolters
    Stichting NAMENproject Nederland
    Stiftung NAMENprojekt Niederlande

    • yehuda says:

      Schalom Jörn Wolters,

      vielen Dank für die sehr interessante Aufklärung, die wir hier auch öffentlich belassen. Das Foto können Sie mit Referenz natürlich verwenden. Alles Gute auch für Ihre wichtige Arbeit.

      y

  2. Stadelbacher says:

    Wer das öffentliche, private Erinnern ablehnt, will es reglementieren und kontrollieren oder womöglich gar nicht.

    Die Argumentation dafür ist doch sehr schlüssig. Wie soll man denn Geschichte im allgemeinen wahrnehmen, wenn einem schon die direkte Nachbarschaft anonym ist?

    Unser Nachwuchs lernt darüber meist gar nichts. Kein Wunder, dass sie sich mehr für fiktive Charakteren aus dem Fernsehen interessieren.

  3. Jochen says:

    Stolpersteine in Augsburg sind längst überfällig. Es gibt keinen sachlichen Grund gegen sie, dem man nicht mit Sorgfalt begegnen kann, außer man will par tout nicht an die Menschen erinnern. Solche Interessen und Leute gibt es ja, auch in München. Und wer weiß für welchen Preis.

  4. eva braun says:

    ich bin absolut Dagegen..! Stolpersteine…!

    Soviel ich weiß ist auch unsere Vizepräsidentin Frau Dr. Knobloch dagegen und wenn ich mich nicht täusche haben wir in München auch Keine.

    Per Zufall hatte ich in Bad Tölz welche entdeckt.

    Und ich musste mir einfach ein zwei Stunden die Zeit meiner Beobachtung mir selber geben.

    Ich war zu tiefst erschüttert und fast den Tränen nahe wie ich beobachten musste wie unsere Mitbürger mit Verachtung und gnadenloser Ignoranz darauf Spuckten, Jugendliche ihre Kaugummis darauf niederwarfen und nicht zuletzt gingen Spaziergänger mit Ihren Hunden die darauf Kackten und Urinierten ……….

    Stolpersteine…! ! !

    Niemals würde ich die Namen meiner zu Tode vergasten Familien auf so einen am Boden liegenden Stein lesen wollen.

    Erinnerungen sind an Häuserwänden in Augenhöhe angebracht aber nicht so niedrig am Boden.

    schrecklich

    • yehuda says:

      Ist nicht der Name “Eva Braun” selbst bereits eine Art “Stolperstein” – oder bringe ich da etwas durcheinander?

      Im übrigen hat Frau Knobloch natürlich das Recht für sich selbst zu sprechen und für das Andenken ihrer Angehörigen. Über andere Personen verfügen kann sie nicht und sollte sie auch nicht wollen.

  5. Saskia says:

    Ich mag die Stolpersteine sehr gerne, weil sie mich jedesmal zum Innehalten bewegen wenn ich durch Städte spaziere. Es interessiert mich sehr, die Namen zu lesen und vor allem auch zu sehen, wie unglaublich viele solcher Stolpersteine es mancherorts gibt, obwohl sie ja nur ein Bruchteil der Zahl der ermordeten Menschen veranschaulichen. Dennoch, ich empfinde sie als sehr bewegend und wichtig. So bekommen die Toten wieder Namen und Orte. Man steht davor und fühlt, dass genau dort dieser Mensch einst lebte und das ist für mich der Moment, an dem Geschichte lebendig wird.

    Zu Augsburg fällt mir – wie immer – nichts ein. Diese Stadt ist einfach gnadenlos peinlich.

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