Kriegshaber Judenwalzer


Kriegshaber Judenwalzer

Der in Passau erschiene „Kourier an der Donau“ No. 130 vom Dienstag 3. Juni 1834 meldet unter der Rubrik „Vermischte Nachrichten“:

„- Am Pfingsttage, welcher vorzugsweise von den Einwohnern von Kassel zur Belustigung auf der Wilhelmshöhe seit Jahren gewidmet ist, verlangt e das Volk dort im Tanzsaale die Marseillaise von den Musikanten, die aber vom Militär waren, und sich standhaft weigerten, sie aufzuspielen. Man machte allerhand Musikstücke, allein alle waren sie ihnen wie den Israeliten von Kriegshaber der Judenwalzer; man wollte durchaus die Marseillaise hören. Erst nachdem die Gendarmerie erklärt hatte, dass sie mit dem Marseiller Marsch zugleich einen anderen Marsch aufführen wolle, haben die Musikliebhaber gelindere Seiten aufgezogen, und haben, um nicht mit den Gendarmen marschieren zu müssen, den Marseiller Marsch gehen lassen.“

Wie in unserer Zeit kann man sich ab und an darüber wundern, was Nachrichtenwert hat und wie es „dem Publikum“ erklärt wird. Die erste Seite der Tageszeitung befasste sich wenigstens noch mit „dem Volksaufstand“ in Portugal, der tatsächlich eher ein Krieg war. Die Geschichte Portugals im frühen 19. Jahrhundert zählt aber zugegeben nicht zu jenen Begebenheiten, die weltweit auf Grundkenntnisse und Interesse stoßen. Irgendwie hatte sich damals Maria von ihrem konservativen Bruder Miguel den portugiesischen Thron zurück. Wenn man, wie auch die Mehrzahl der heutigen Portugiesen davon keine Ahnung hat, nimmt einem das auch niemand krumm. Das Vokabular des Kommentars im Passauer Donaukurier jedenfalls erinnert dann aber doch mehr an eine Theaterkritik: „Das Drama der Usurpation und Empörung in diesem Lande scheint schnell zu Ende zu gehen, und die Hauptschauspieler werden, indem der Vorhang fällt, nicht unter dem Beifallklatschen, sondern unter dem Pfeifen der Zuschauer abtreten.“

In diesem Kontext passt es dann vielleicht auch, dass es dem Blatt ansprechend erschien, darüber zu berichten, dass eine Militärkapelle in Kassel – immerhin knapp 550 km nordwestlich von Passau entfernt – damit haderte, dem Wunsch des Publikums zur Belustigung mit der Aufführung der Marseillaise zu entsprechen. Bemerkenswert für uns ist natürlich der offenbar sprichwörtlich gebrauchte Ausdruck, dass jemanden etwas ist „wie den Israeliten von Kriegshaber der Judenwalzer“. Vom Kontext der Formulierung nach zu beurteilen, war es dann eher etwas ungern gehörtes. Neben der gewöhnlichen jüdischen Tanzmusik, die schließlich auch zu den weltberühmten Kompositionen der Familie Strauss führte, gab es auch deren antisemitische Verballhornung als „Juden-Walzer“. Weniger klar scheint heute, warum jener „Juden-Walzer“ denn nun ausgerechnet den Kriegshaber Juden nicht gefallen haben soll, und warum das in Passau und womöglich sogar auch in Kassel relevant gewesen sein soll, damals im Juni 1834.

Kriegshaber Straßenbahn depotold Kriegshaber trolley car station (with Augsburg Zirbelnuss)

A comment in the “Donau Kurier” daily from Bavarian town Passau (Danube) in June 1834 refers to a military orchestra in Kassel which refused to play the French Marseillaise March on a Christian holiday and uses the term that something is as (un)popular “as Juden-Walzer to the Jewry of Kriegshaber“. The nowadays unknown phrase refers to so called “Jews Waltz” played by anti-Semites in early 19th century in order to mock Jews as untalented, ignoring the fact that the famous Strauss family who made Wiener Waltz famous around the world actually was of Jewish origin. A fact even the Nazi tried to hide from the public as good as possible. Waltz was far to popular.

However the puzzling question is why the paper from Passau or maybe also the people in Kassel which is some 300 miles north were pondering over which kind of music Jews from Kriegshaber liked or not, so that the writer used it  as an understandable phrase.

2 Responses to Kriegshaber Judenwalzer

  1. Andrea says:

    Da müsste man jetzt aber auch wissen was der “”Judenwalzer” war.

    Ich würde mir das Machwerk gern anhören.

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