Arno Hamburger


ברוך דין האמת

Arno Hamburger Arno Hamburger (frankenwiki)

Zum Tode des langjährigen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Nürnberg und einem engagierten und furchtlosen Kämpfer für Anstand (wer gibt sonst schon einen Staatsorden zurück aus Protest ?) gilt an diesem Morgen unser Beileid den Angehörigen und seinen zahlreichen Freunden in aller Welt.

* * *

Dass die meisten deutschen Juden in der Zeit des Nazi-Regimes ermordet, enteignet oder vertrieben wurden, ist weithin bekannt. Weniger, dass die Großzahl der Juden die nachher im dann geteilten, schließlich wieder vereinigten Deutschland lebten, nicht hier geboren wurden und in der Regel auch nicht von deutschen Eltern oder Großeltern abstammten. Die meisten Juden, die das Leben der Nachkriegsgemeinden prägten, wurden oft als Jugendliche von den Nazis verschleppt, meist aus Polen und Ungarn oder aus anderen osteuropäischen Ländern. Als Zwangsarbeiter schufteten sie unter brutaler Ausbeutung ihrer schwindenden Kräfte in der Rüstungsindustrie in einem irrsinnigen Netz von KZ-Außenlagern, das über ganz Deutschland gespannt war und beinahe jedes Kaff zu Mittätern machte.  

Arno Siegfried Hamburger, der am 26. September im Alter von 90 Jahren in seiner Geburtsstadt Nürnberg verstarb, war einer der wenigen deutschen, besser gesagt heimischen Juden, dem man seine heimatliche Verbundenheit auch anhörte. Damit unterschied er sich von der jüdischen Nachkriegsgemeinde. Zwar wurden die Zuwanderer im Lauf der Jahrzehnte heimischer in „seiner“ Geburtsstadt, doch viele der Nachkommenden emigrierten in die USA oder nach Israel, so auch Hamburgers Tochter Ursula, die in Tel Aviv für die deutsche Botschaft arbeitet. Ihm selbst, dem Nürnberger Metzgersohn aus der Schwabacher Straße gelang 1939 die Ausreise dorthin. Nachdem in der sog. „Kristallnacht“ auch sein Ausbildungsbetrieb ruiniert wurde, gab es dort für den damals 15jährigen Lehrling keine Arbeit mehr. Da die Repressalien der Nazis gegenüber den bereits stark benachteiligten Juden sich weiter zuspitzten, beschloss die Familie den Jungen „nach Palästina“ zu schicken, was so einfach aber auch nicht war. Zunächst musste er ein „Vorbereitungslager“ der Jewish Agency in Blankenese in Hamburg besuchen, das damals noch von den Nazis geduldet wurde, hatte es ja doch das Ziel Juden aus Deutschland rauszubringen. In dem Lager wurden monatlich etwa 80 Jugendliche aus verschiedenen Teilen Deutschlands auf ihre landwirtschaftliche Verwendung in „Eretz Jisrael“ geprüft. Damals im April 1939, während des Pessach-Festes war Arno Hamburger von seiner Familie in Nürnberg getrennt, trotzdem aber nur einer von 17 Jugendlichen aus Nürnberg. Da die verfügbaren Plätze begrenzt waren, konnte nur etwa jeder siebte Teilnehmer des Lehrgangs (heute könnte man von einer „Casting-Show“ sprechen) berücksichtigt werden und der 16jährige Arno Hamburger zählte zu den glücklichen Gewinnern. Die anderen 16 aus Nürnberg konnte man dann im „Schoa-Buch“ der Stadt Nürnberg finden, wie er später oft erzählte.

Nach der Kapitulation des Nazi-Regimes kehrte Hamburger, der zwischenzeitlich für die britische Armee gekämpft hatte, nach Nürnberg zurück und fand dort eine Anstellung als Übersetzer bei den sog. „Nürnberger Nachfolgeprozessen“. Arnos Vater Adolf Hamburger wurde Vorsitzender der neugegründeten jüdischen Gemeinde in Nürnberg. Als er 1966 aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder kandidierte, wurde sein Sohn Stellvertreter des neuen Vorsitzenden Paul Baruch (1896 – 1988), der in der Vorkriegszeit bereits Friedhofsverwalter in Nürnberg war. Im Jahr darauf setzte sich Hamburger dafür ein, dass die dreihundert Jahre zuvor von mittelalterlichen Friedhof der Reichsstadt geraubten Grabsteine der Nürnberger Juden, die im Südturm der Lorenzkirche als zugeschnittene Stufen einer steinernen Wendeltreppe missbraucht wurden, der jüdischen Gemeinde übergegeben wurden. Seit 1970 hängen die Steine im Tahara-Haus des neuen jüdischen Friedhofs.

1972 wurde Arno Hamburger selbst erster Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Seine größte Leistung war im September 1984 die Einweihung des neuen Gemeindezentrums mit Synagoge und Altenheim an der Johann-Priem-Straße. Mit der Zuwanderung sog. „Kontingentflüchtlinge“ aus der ehemaligen UdSSR nach 1990 stieg im Laufe der Jahre die Zahl der fast schon wieder aussterbenden Gemeinde von kaum 300 immer weiter auf zwischenzeitlich etwa 2000 an. Selbstverständlich war die schrumpfende Gemeinde auf den „Ansturm“ nicht vorbereitet und ist bei „hinten und vorne nicht“ ausreichender Infrastruktur bis heute überfordert. Bis zuletzt setzte sich Hamburger immer wieder für einen längst überfälligen Erweiterungsbau ein. Doch wenn nur die Hälfte derer, die nun schöne Reden auf ihn halten etwas dafür tun, käme er bald zustande.

Im Olympia-Jahr 1972 wurde Arno Hamburger auch als Mitglied der SPD-Fraktion erstmals in den Nürnberger Stadtrat gewählt, dem er bis zuletzt angehörte. Bei der letzten Stadtratswahl im Frühjahr 2008 erhielt der damals auch bereits 85jährige Hamburger immerhin 82.779 Erststimmen als Stadtrat der SPD. Nur sechs andere Kandidaten erhielten etwas mehr Zuspruch, davon lediglich der Oberbürgermeister deutlich mehr. Für die anstehende Neuwahl des Stadtrats im Frühjahr 2014 hatte der nunmehr 90jährige Hamburger im Juni dieses Jahres jedoch auf eine weitere Kandidatur verzichtet. Von 1976 bis 1992 war Hamburger auch Vorsitzender des Turn- und Sportvereins Nürnberg, der es in seiner Amtszeit immerhin in Handball-Bundesliga schaffte.

Allgemein gewürdigt wurde Arno S. Hamburger seit langem für sein unermüdliches Engagement das durch die Nazis in den Müll getretene Ansehen seiner Heimatstadt zu rehabilitieren, freilich ohne in die allgemein gewünschte Amnesie zu verfallen. Hamburger, der nie verlegen war, seine klaren Standpunkte deutlich zum Ausdruck zu bringen, stand Pate dafür, dass Nürnberg als selbsternannte „Stadt der Menschenrechte“ aber nicht in die Geschichtslosigkeit abhob. Bis zuletzt setzte er sich deshalb für ein Verbot der extremistischen NPD ein, deren Umfeld er weder über-, noch unterschätzte. Eine Position die auch deshalb umso glaubwürdiger geblieben ist, weil er anders als viele andere, die er selbst als „nützliche Idioten“ bezeichnete, seine Lebensgeschichte, wie auch die des „Holocausts“ nicht missbrauchen ließ, um Stimmung gegen den Staat Israel und seine Politik zu machen. Arno Hamburger stand stets aufrecht zum jüdischen Staat, auch in Zeiten, als die deutsche Öffentlichkeit dazu übergegangen war, sog. „Antizionisten“ mit „Lametta“ zu behängen.

Als ein halbes Jahr nach dem sog. „Gaza-Krieg“, der vor allem in Deutschland für massive Kritik gegen Israel sorgte, die frühere Rechtsanwältin und kommunistische Aktivistin Felicia Langer im Juli 2009 mit dem „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ ausgezeichnet werden sollte, drohte Arno Hamburger damit, das seinige, dass er zuvor für seine „Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden“ erhalten hatte, zurückzugeben. Langer, die Jahre zuvor bereits die umstrittenen Aussagen über „israelischen Staatsterror“ des früheren FDP-Politikers Möllemann verteidigt hatte, hatte dem Judenstaat nun selbst „Apartheid“ und „Völkermord“ vorgeworfen, weshalb es für Hamburger „ganz und gar unerträglich“ war, eine Auszeichnung bekommen zu haben, mit der man „so jemanden“ auch auszeichnen konnte. Einen solchen „Lügenpreis“ wollte er nicht behalten. Die Proteste halfen nichts. Angesichts der damals sehr verbreiteten „bloß anti-zionistischen, nicht antisemitischen“ Stimmung im Lande, fand die Anwältin genug Zuspruch. Doch anders als der nur um einen Monat jüngere Hamburger Publizist und Schriftsteller Ralph Giordano etwa hatte Hamburger nicht nur mit der Rückgabe gedroht, sondern gab die Auszeichnung tatsächlich zurück. Damit sorgte er dann sogar für weltweite Schlagzeilen, weshalb es auch nicht verwundert, dass man ihm auch heute, in der Nachricht seines Todes internationale Aufmerksamkeit widmet, und ihn auch israelische Medien als einen „unwavering supporter of Israel“ oder „חבר נאמן של מדינת ישראל“ (d.h. als „treuen Freund des Staates Israel“)  bewundert und betrauert, auch wegen der Tatsache, dass er als einziger, der zahlreichen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Juden in Deutschland und der Welt, den Mut hatte, seine Auszeichnung zurückzusenden. Er hatte nicht vergessen, dass er einst als einziger aus seiner Gruppe überlebt hatte. Möge sein Andenken und seine Aufrichtigkeit unvergessen bleiben und Nachfolger finden.

(Nachruf für das “Euro-Journal pro Management”)

One Response to Arno Hamburger

  1. Sansiro says:

    Eine sehr traurige Nachricht. Er war ein mitfühlender und aufrichtiger Mentsch.

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