Talmud oder Turnen?


Vor genau hundert Jahren berichtete das Frankfurter Israelitische Familienblatt in Heft 27, vom 11. Juli 1913 über eine sich zuspitzende Kontroverse im zionistischen Lande Israel. Die Kontroverse bestand darin, ob Turnen oder “Sport” im weiteren Sinne sich mit den Maßgaben der überlieferten Talmudschule vereinbaren ließen. Der Einfluss der allgemeinen Sport-Bewegung hatte seit den 1890er Jahre (von Deutschland aus) um sich gegriffen und hatte gerade auch die jüdische Jugend in ihren Bann gezogen, die sich insbesondere, dem bei den Deutschnationalen noch als “englische Fußlümmelei” verschmähten Fußball widmeten.

Die große Mehrzahl der (traditionellen wie Reform-) Rabbiner konnte dem nichts oder nur wenig abgewinnen, weil sie in den Sportlern eine Hinwendung zu den bereits in der Antike verdammten “Javanim” (Griechen) konstatierten. Feierte das Judentum aber nicht den Sieg über das “Griechentum” mit dem Chanucka-Fest? Die Sportler nahmen die Kritik an, jedoch wohl anders als von den Rabbinern erwartet, denn nun wurden zahlreiche Sportvereine absichtlich nach den Makkabäern oder nach Bar Kochba benannt. Ihr Argument bestand dann auch darin, zu behaupten, dass die Makkabäer die griechische Fremdherschaft mit physischen Mitteln beseitigt hatten, nicht mit frommen Wünschen und bloßen Gebeten. Der andere Einwand bestand in der Vermutung, dass unter der Beschäftigung mit dem Sport die allgemeinen Sitten verdarben – Sportler zeigten mitunter der Öffentlichkeit ihre unverhüllten Knie oder gar noch mehr! Darüberhinaus unterstellten sie dem Sport zum Militär hin zu führen, somit zur Gewaltbereitschaft. Eine Gesellschaft die Sport zum Wettbewerb treibe, sei zwangsläufig eine, die zum Krieg rüste.  Schon im Folgejahr brach der später sogenannte Weltkrieg aus. Aber ob man diesen wirklich als Folge sportlichen Trainings in de geselslchaft darstellen kann? Im Frühjahr, Sommer 1913 erreichte die Diskussion jedoch auch die jüdischen Siedlungen und Gemeinden im noch osmanischen Palästina.

Jaffa. Die Jerusalemer Rabbiner haben einen Bann in der Form des Protests gegen die Maccabäer-Vereine Palästinas geschleudert. Diese Art des Verkehrs der Rabbiner mit der heranwachsenden Jugend ist wahrlich nicht angetan, auf unsere Jugend zu wirken. Der scharfe Protest hat natürlich von der Seite der genannten Vereine einen noch schärferen, der eine völlige Auflehnung der Jugend gegen die Rabbiner darstellt, herausgefordert.

Da versteht es Oberrabbiner Kuck von Jaffa besser, mit der ihm zur Erziehung anvertrauten Jugend umzugehen. Auf seinen ausdrücklichen Befehl müssen die Bachurim, die seine Jeschiwa besuchen, die Turnübungen des hiesigen Maccabäer-Vereins mitmachen.

Turnhalle Augsburg Oberhausen

Aufgang zur Turnhalle der Kapellenschule in Oberhausen (Augsburg) 

Rabbi Abraham Kohen Kuck (1865-1935), heute meist in der englischen Lautung „Kook“ geschrieben,  stammte aus Lettland und war n bereits 1904 nach Israel gekommen und wurde der erste Großrabbiner des Landes in der Neuzeit. Wie am Beispiel zu sehen ist, verstand er es die Anschauungen der jüdischen Tradition mit denen des modernen Zionismus zu versöhnen (aus dem Verbot des Sports wurde bei ihm die Pflicht zum Sporttreiben!), was ihm natürlich auch heftigste Kritik seitens säkularer Zionisten wie auch der antizionistischen Religiösen eintrug. Jedoch hatte bereits siebenhundert Jahre vorher der Rambam (der bekanntlich auch Arzt war) auf die positiven Aspekte körperlicher Betätigung hingewiesen und beim Studium vor andauerndem Herumsitzen gewarnt, da dies den Körper schwäche und zu schlechter Atmung führe … Raw Kook begründete die heute noch maßgebliche Merkas HaRaw – Jeschiwa in Israel und gilt als geistiger Vater der nationalreligiösen und der sog. „Siedler“-Bewegung ‏גוש אמונים‎. Heutige Konflikte zwischen Religion und Sport beziehen sich meist auf die Frage, ob Fußball-Spiele, etc. tatsächlich am Schabbat stattfinden müssen, was oft genug der Fall ist, aber religiös definierte Teams herausfordert.

Weltweit nehmen internationale Sportverbände jedoch nur auf wenige christliche Feiertage wie Weihnachten oder Karfreitag Rücksicht. 

Nach Sandy Koufax bleibt es aber wohl die Entscheidung des jeweiligen Sportlers, für sich zu festuzulegen, ob die Karreire wichtiger ist. Koufax hatte 1965 auf die Teilnahme im ersten ersten Spiel der Endspielserie zur US-Baseball-Meisterschaft teilzunehmen, weil dieses auf den Jom Kipur fiel. Natürlich ist die World Series bis heute das Höchste im Baseball und wäre im europäischen Fußball vergleichbar mit dem Champions League – Finale (seit ein paar Jahren ja auch von Mittwoch- auf Samstag-Abend verlegt). Auf der Teilnahme am wahrscheinlichen Höhepunkt der eigenen sportlichen Karriere zu verzichten, um stattdessen 25 h zu fasten, weder zu essen noch zu trinken, dafür unentwegt zu beten, um Vergebung der eigenen Sünden. Das beindruckt nicht umsonst noch heute, auch weil es nur wenige Entsprechungen zu seinem Verhalten gibt.

In anderer Weise verknüpft mit dem Thema sind die Sportler der israelischen Olympia-Mannschaft, die knapp sechzig Jahre später 1972 in München und bei den Gefechten zwischen den palästinensischen Terroristen und der überforderten deutschen Polizei in Fürstenfeldbruck ermordet wurden. 

 

100 years ago rabbis in the land of Israel tried to ban Maccabi gymnastic clubs, in order to protect their students against immoral influences. In contrary Zionist youth movements oppose the rabbis. Rabbi Kook from Jaffa however reconciled both sides and made gymnastics compulsory for the students of his yeshiva.

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