Wie die christliche Taufe ihre Wirkung verlor


Als vor etwa 170 Jahren die Bestrebungen zur rechtlichen Gleichstellung der Juden in den damals noch zerteilten deutschen Landen und Kleinstaaten ernsthafter erwogen wurde und die Rheinprovinz zugunsten der Gleichstellung der Juden votierte, stellte sich die „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ (A.A.Z.) , eine von 1807 bis 1882 im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus sehr beachtete Zeitung, mit zahlreichen Artikeln und Berichten ihrer Korrespondenten entschieden gegen eine Emanzipation der Juden. Immer wieder brachte sie spöttische, rassistische Beiträge, die Klischees über Juden und jüdische Gemeinden schaffen oder bestätigen sollten, sonst aber keinen eigentlichen Nachrichtenwert hatten. Mal waren es „Verhältnisse in Polen“, dann „Zustände in Frankfurt am Main“, allgemeine Erwägungen, die scheinbar auf alle Juden gleichermaßen zutrafen oder es kamen Hassprediger zu Wort, die Wirkung Taufe in Abrede, die zuvor als Missionsauftrag dem Christentum innewohnte und so nun dem reinen Rassismus die Tür öffnete. Da Häufigkeit und Tendenz sehr augenfällig waren und mitunter an den wenige Jahre zuvor in Augsburg erschienenen „Ahasverus“ erinnerte, nahmen in jener Zeit auch jüdische Wochenschriften wiederholt zu entsprechenden Beiträgen der Augsburger Allgemeinen Stellung. So beispielsweise „Der Orient“ vom 19. Dezember 1843 (Heft 51, S. 402 f.) . Die Anrede der Zeitung als „Augsburgerin“ gebrauchte zur selben Zeit übrigens auch Karl Marx, der wie Friedrich Engels und Heinrich Heine zeitweilig für das Blatt schrieb.

Hochwasser August 2005 Wertach Augsburg Oberhausen

„Vom Rhein – 1. Dez. – Wer kennt nicht jene politische Marketenderin, die mit ihrem geist- und saftlosen Zeitungskram herumschwärmt in allen Ecken und Enden, wo es was abzusetzen gibt, da jene Dienstmagd des sogenannten gemäßigten Fortschritts, jene politische Hebamme, die von den modernen Pharaonen dazu bestellt scheint, die Zeit, so oft sie ideen- und tatenschwanger einherschreitet, genau zu bewachen, und jedem neugeborenen männlichen Kinde, jeder großen, Humanität atmenden Idee, in dem Schlamm und in dem Wasser ihrer Zeitungsartikel den Garaus zu machen. Wie die Augsburgerin sich auf diese Mission versteht, werden wir bald sehen. Da Deutschland sich in neuerer Zeit die Augen zu reiben anfängt, so ist es ganz natürlich, dass es unter den Gegenständen der Außenwelt auch das Judentum wahrnimmt. Es ließe sich sehr leicht aus der Geschichte beweisen, dass jedes Volk, so oft es zu sehen, d.h. geistig zu sehen anfing, sich zugleich aufgefordert fühlte, die Juden aus der Schmach ihrer Knechtschaft zu reißen und ihnen das Licht des Rechts und der Freiheit zu gönnen; denn wer frei ist, und um sich herum dennoch den Druck mit ansehen kann, in dem ist die Freiheit noch nicht lebendig geworden, sie ging in sein Fleisch und Blut nicht über. Ein Teil der deutschen Nation will nun die große Idee der Emanzipation zur Wahrheit machen; – siehe da veröffentlicht die Augsburgerin Zeitungsartikel folge einer höheren Weisung, die Alles sanktioniert, was gegen die Judenfrage geschrieben werde; sei es noch so plump, noch so unwahr, noch so unlogisch.

Und so stieß zuerst von Mainz aus ein Anti-Emanzipations-Apostel in die Trompete (A. Z. Nr. 311) „Es ist Ihnen vor einiger Zeit gemeldet worden, dass die in den Rheinprovinzen von den Ständen zu Gunsten der Juden entschiedene Emanzipationsfrage auch bei uns die völlige Beseitigung der zwischen Christen und Juden durch die transitorische Legislatur des Kaiserreichs nach begründeten Rechtsungleichheiten angeregt habe.“ Die Augsburgerin erblasste, als ihr diese Nachricht zukam, und da ihre Korrespondenten den Tod und das Jüngste Gericht zu fürchten haben, weil sie dann von ihren  von ihren Unverschämtheiten und servilen Gesinnungen werden Rechenschaft ablegen müssen, so spricht der Mainzer Apostel in all seiner Liebe zu der Augsburgerin besänftigend, beruhigend weiter: „Dessen ungeachtet würde man irren, wenn man voraussetzte, dass der Unterschied zwischen Christ und Jude so ganz verlöscht sei, dass der Jude dem Christen als gleichberechtigt erschiene. Die Augsburgerin lächelte zwar ob dieser Beruhigung wieder selbstgefällig, allein was geht uns das Lächeln der Augsburgerin an? – Darum muss sich die Frankfurter Börse kümmern; wir sagen dass in den obigen Worten ein Unsinn liegt; da wir über die Zeitungsartikel der Augsburger Allgemeinen Zeitung (A. A. Z.) unbefangener als sie selbst urteilen können. Denn würde der Jude dem Christen als gleichberechtigt erscheinen, so hätten die Juden gewonnenes Spiel, und es gäbe keinen Kampf und keine Mainzer Apostelpredigten mehr! – Ferner heißt es: „Dies ist so wenig wahr, dass selbst die von dem Gouvernement einige Mal versuchte (wie vorsichtig!) Erhebung von getauften Juden zu höheren öffentlichen Ämtern, die entschiedenste Missbilligung im öffentlichen Urteile (sic !) erfahren hat.“ Also taugen die getauften Juden auch nichts! O Christentum wie tief bist du gesunken, wie sehr wirst du selbst von deinen Bekennern verraten! In den heiligen Schoß der alleinseligmachenden nimmt man den Juden auf, aber eines Amtes hält man ihn, wenn auch getauft, also Christ geworden, für unfähig. Und warum? Etwa deshalb weil er eine christliche Gesinnung angenommen hat? Hören wir, wie der Mainzer Apostel auf diese Frage antwortet: „indem man“, sagt er, „ in dem Übertritt höchstens den Gewinn der künftigen Generation für das Christentum erblickt, die Neuchristen aber sämtlich nach Gesinnung-, Denk- und Handlungsweise fortwährend für Juden hält, und hierin auch die Erfahrung für sich hat.“ Wir wissen wahrlich nicht, ob wir über dieses Geschwätz uns ärgern oder lachen sollen. Das ist ja eben der Krebsschaden unserer Zeit, dass man es wagen darf, das Kastensystem auch auf die Gesinnung auszudehnen. Es gibt nur eine Gesinnung, und die ist nicht jüdisch und nicht christlich, sie ist menschlich; eine Denkweise, die Beachtung verdient, und die ist die vernünftige; – eine Handlungsweise, und die ist weder christlich noch jüdisch – sondern edel und Gemeingut. – Da aber der Mainzer Apostel diese Dreieinigkeit nicht zu bekennen scheint – denn sonst könnte er nicht gegen die Emanzipation schreiben – so wollen wir nicht länger mit ihm rechten. Ich will die Schranke zwischen mir und ihm ziehen, und die ist nicht die „Nationalität“, wie er meint; sondern die Nationalität die mir gebietet, mit Verachtung auf Gesinnungen herabzusehen, die nur dann am wenigsten strafbar sein können, wenn sie erheuchelt wären. – Noch ist nicht aller Tage Abend. Wer weiß, ob sich nicht die Augsburgerin eines Tages gemütlich niederlegt, einen gemäßigt fortschreitenden, konservativen Schlaf schläft, von Franzossenfresserei und Judenverfolgung träumt, und wenn sie aufwacht – die Juden emanzipiert findet. Und sie wird ihre Kleider zerreißen und Asche auf ihr Haupt streuen, und wird Artikel aus Mainz drucken lassen, welche die Schranke zwischen Jud und Christ erörtern werden – Aber alles umsonst – die Zeit wird antworten:

Emanzipation ist ein Gedanke und dieser kennt keine Schranke.“

Anmerkung: Die heutige “Augsburger Allgemeine” existiert unter diesem Namen erst seit 1959 und war zuvor von 1945 als “Schwäbische Landeszeitung” erschienen)

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