Die Rabbiner im schwäbischen Hainsfarth


Ein Film von Sibylle Tiedemann, gemäß Wikipedia bereits im Jahr 2001 im Auftrag des bayrischen Rundfunks entstanden (der sich aber weder in der Mediathek von BR TV oder BR Alpha, noch auf youtube oder auf DVD finden lässt), trägt den Titel „Hainsfarth hatte einen Rabbiner“. Kurzbeschreibungen gemäß beschäftigt sich der 45-minütige Dokumentarfilm jedoch in erster Linie mit damals bereits sehr betagten (christlichen) Zeitzeugen und ihren Erinnerungen an die um 1940 ausgelöschte jüdische Gemeinde von Hainsfarth. Der Titel spielt auf einen neuzeitlichen, nur zeitweilig in Hainsfarth tätigen Hilfsrabbiner an. Die Absicht bestand wohl darin, für den auch in modernen jüdischen Quellen kaum beachteten Ort, eine gewisse Aufmerksamkeit zu wecken.

Hainsfarth Synagoge Leuchter Stern Kreuzceiling at former Synagogue of Hainsfarth with Jewish Star symbol as well as with a marked cross

Die zeitgenössische (christliche) Forschung scheint sich aber völlig einig darüber, dass die Hainsfarther Juden keinen eigenen Rabbiner hatten. Auf Seite 1 seines umfassenden Buches über das neuzeitliche Hainsfarth im 19. und 20. Jahrhundert  (Wissner-Verlag 2002) sagt dies Prof. Herbert Immenkötter knapp und deutlich „Aber einen Rabbiner hat Hainsfarth nie gehabt“. In der Fußnote beruft er sich dabei auf einen entsprechenden Beitrag von Hermann Kucher zu den „Rieser Kulturtagen 1998“ (Nördlingen 2000). Schließlich heißt es dann auch in der 2005 erschienen Ortschronik „1200 Jahre Hainsfarth“ auf Seite 172 klipp und klar: „Die jüdische Gemeinde von Hainsfarth hatte zu keiner Zeit einen eigenen Rabbiner.“

Für die Feststellung, dass Hainsfarth zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte Rabbiner besessen habe, bedurfte es demnach auch keiner Argumente oder Erläuterungen, sondern es reichte die bloße Behauptung, die in gegenseitigen Referenzen allenfalls noch im Satzbau umgestaltet wurde. 

In unserem eigenem Beitrag zu Hainsfarth auf diesem Webblog vom 5. Oktober 2010 hieß es – auch weil Hainsfarth nur eine von vier Friedhofstationen an diesem Tag war und Zeit für eine Nachprüfung der Quellen von vor Ort aufgefundenen Behauptungen fehlte – jedoch etwas vorsichtiger: (Hainsfarth) „… hatte in der Neuzeit keinen Rabbiner napoleonischer Facon“. Diese Vorsicht war, wie man sich bereits denken konnte, ganz angebracht. 

dead-end Hainsfarth Sackgassedead end Hainsfarth

In seinem Beitrag zur 1996 erschienen Broschüre „Die ehemalige Synagoge Hainsfarth“ zitierte der ehemalige Schuldirektor und Heimatforscher Albert Schlagbauer (1913-2001) jedoch in seinem Artikel zu „100 Jahre israelitische Schule in Hainsfarth“, eine Mitteilung aus dem Jahr 1672: „Joseph Esel zu Heinsfurt Sohn, oettingisch-oettingisch schutzverwandten Juden, hat den Judenschuelmeyster Abraham wegen eines am Schechten nit geratenen Bocks vor der Schül injuriert.“

Schlagbauer ist zwar bewusst, dass der erstmals 1667 erwähnte  Abraham „Meister der Synagoge“ genannt wurde, geht aber davon aus, dass es keinen Rabbiner in Hainsfarth gab. Also auch nicht vor 1800. Woher seine Auffassung stammt, bleibt unklar, jedoch ist ihm bekannt, dass Schulmeister Abraham auch als Schächter, Vorsänger und Talmudlehrer der Hainsfarther Gemeinde tätig war. All dies wären jedoch auch Aufgaben eines Rabbiners gewesen, während andererseits im 17. Jahrhundert ganz sicher auch in Hainsfarth keine Schule bestand, die den Anforderungen der bayrischen Reformen von 1813 um eineinhalb Jahrhunderte vorweggegriffen hätte.

Synagoge Hainsfarth Scheune

Bereits in mittelalterlichen Quellen wird der Begriff „Rabbiner“ einem lateinischen „magister“ entsprechend aufgefasst und deutsch als “Meister” übersetzt. Ein Augsburger Beispiel wäre Schulmeister Koppelman, der zweifelsfrei in Nürnberg und Augsburg als Rabbiner bekannt war, letzteres im Sinne eines Vorsitzenden des Rabbinatsgerichts, das vor Ort wenigstens aus drei rabbinischen Richtern bestehen musste. In der Regel sind jene awot-bet-din, die Mittelalter als Rabbiner oder Meister, Schulmeister, Hochmeister und dergleichen genannt werden, auch als Oberhäupter der jüdischen Gemeinden aufgefasst (und oft auch missverstanden worden).

Hainsfarth jüdische Schule Türold door of the former Jewish school house at Hainsfarth next to the former synagogue

Neben dem für die Zeit um 1670 genannten Schulmeister und Schächter Abraham lassen sich, in hebräischen Quellen noch um 1764 Rabbi Jakob Ettingen und 1783 Rabbi Hirsch ben R. Schimon als für Hainsfarth genannte Rabbiner u.a. als Subskribenten finden, weshalb man davon ausgehen kann, dass es wohl über hundert Jahre lang Rabbiner in Hainsfarth gab.

Der in den 1780ern genannte Rabbi Hirsch könnte aber vielleicht der letzte in dieser Kette gewesen sein, da ab Ende August 1795 der in Oettingen sitzende Rabbiner Pinchas Jakob Katzenellenbogen auch für Hainsfarth zuständig wird. Aber noch über dreißig Jahre später bemängelt der Magistrat von Oettingen, in Bezug auf die ab 1813 vorgeschriebenen deutschen Predigten, dessen unzureichende Deutschkenntnisse und dass dieser nur hebräische Ansprachen halte (1826). Gut nur, dass der Rebbe nicht erfahren musste, dass heutige “Experten” behaupten, dass Hebräisch eine bereits in der Antike ausgestorbene Sprache war … wie unlängst beim Vortrag eines Pfarrers bei der DIG in Augsburg zu hören war. 

Hainsfarth Schaf Hahn sheep chickensheep and rooster at backside of Hainsfarth synagogue

Rabbiner im Sinne der angestrebten Reform mussten freilich auch erst mal erfunden werden. Sie waren dann imstande den eigentümlichen griechisch-lateinischen Gelehrten-Mischmasch nachzuahmen und statt Tfilin von Phylakterium zu sprechen, das sefer dwarim „Deuteronomium“ zu nennen und sich wie christliche Pfaffen zu kleiden. Immerhin sind diese aber der heutigen Forschung als “Rabbiner” im beruflichen Sinne ausreichend verständlich. Und tatsächlich scheint Hainsfarth keine Berufsrabbiner dieser (staatlichen) Facon gehabt zu haben. Wahrscheinlich kein wirklicher Makel. 

Rabbiner im Sinne der authentischen jüdischen Überlieferung gab es, ohne Zweifel.

Hainsfarth synagoge Rest alte Treppe Rückseitederelict leftover of a stair at the rear of synagogue and Jewish school house Hainsfarth

Although contemporary historians and local experts on rural Jewish community (among them the retired Augsburg Professors Immenkoetter and Kiesling, the later had a talk in Hainsfarth last week) maintain that the Jewish community in Hainsfarth at no time had an own rabbi in the course of their century long history, at least three true rabbis in the time from 1667 to 1783 are actually known. One Abraham is already mentioned in the second half of the 17th Christian century as “schulmeister” (school master), what in previous times, when there were no ordinary schools in rural villages was of course the rabbi. Two others were mentioned in Hebrew sources and of course it likely is possible to find further names. So far the academic experts had no need to explain their surprisingly unique and unrivaled stance, which however appears as incorrect and does not even bear a simple once-over.

Hainsfarth synagogue windows

2 Responses to Die Rabbiner im schwäbischen Hainsfarth

  1. Sibylle Tiedemann says:

    Lieber Yehuda,

    Vielen Dank für die ausführliche Recherche und Aufklärung zum Thema Rabbiner in Hainsfarth!!! Ich lese immer sehr gerne Ihren Newsletter und Ihre bewundernswerten Forschungen! Der Film ist leider beim BR im Archiv ( es hilft manchmal, wenn man einfach beim BR anruft und den Film anfordert, daß er nochmals gesendet wird! ) untergegangen und da ich selbst nicht die Rechte habe, kann ich ihn nur ab und an privat im kleinen Kreis vorführen. Hierzu das Programm aktuell im Anhang zu Ausstellung und Film im Museum zur Geschichte der Juden und Christen in Laupheim, wo ich den Film mal wieder hervorhole. Der Titel: “Hainsfarth hatte einen Rabbi” ist ein Originalzitat der Protagonisten des Filmes aus Ihrer Erinnerung heraus und trifft wohl auf einen zeitweilig dort tätigen Hilfsrabbiner zu. Wenn Sie den Film haben möchten, dann schicke ich Ihnen gerne eine selbstgebrannte DVD zu oder noch besser kommen Sie doch am 20. Juni ins Lämmle-Kino nach Laupheim?

    Herzliche Grüße von Sibylle Tiedemann

    Pressemitteilung 15/2013

    Laupheimer Museum zeigt Sonderausstellung „Briefe aus Chicago. Bilder aus dem Exil“

    Im Laupheimer Museum zur Geschichte von Christen und Juden wird am Dienstag, den 7. Mai die Sonderausstellung „Briefe aus Chicago. Bilder aus dem Exil“ eröffnet. Die Präsentation beruht auf Recherchen der Berliner Filmemacherin Sibylle Tiedemann. Sie porträtiert das Leben des jüdischen Ulmer Ehepaars Frank: Lore und Gustav Frank mussten 1939 in die USA emigrieren.

    Die Ausstellung erinnert an das schwäbische Judentum, das bis in die 1930er Jahre von Heimatverbundenheit und Lebensnähe geprägt war. Viele Familien im württembergischen und bayerischen Schwaben waren seit Jahrhunderten in der Region ansässig und untereinander verbunden. So hatten die Franks ihre Wurzeln in Ichenhausen und Verwandte in Laupheim, den beiden großen landjüdischen Gemeinden. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten mussten sie ihre Heimat 1939 verlassen, während ein Großteil der Familie ermordet wurde. Gustav Frank (1912-2004) war zudem ein begnadeter Fotograf: von seiner Kindheit in Süddeutschland über Bilder vom zerstörten Europa bis zum Chicago der Moderne bieten seine Fotos einen tiefsinnigen Spiegel des 20. Jahrhunderts. Aus seinem Nachlass hat Sibylle Tiedemann über 6.000 Fotos erfasst. Die Ausstellung zeichnet das Leben der Franks nach und präsentiert gut 80 Schwarzweiß-Fotografien von 1925 bis in die 1970er Jahre.

    Zugleicht drehte Tiedemann 2009 den gleichnamigen Dokumentarfilm zur Ausstellung „Briefe aus Chicago. Bilder aus dem Exil“. Sie zeigt ihn persönlich im Laemmle-Kino des Laupheimer Museums am 12. Mai (15.30 Uhr), 23. Mai (19.00 Uhr) und 2. Juni (15.30 Uhr). Ihre erste öffentliche Führung durch die Ausstellung findet am 12. Mai, dem Internationalen Museumstag, um 14.00 Uhr statt.

    Die Eröffnung der Ausstellung am 7. Mai beginnt um 18.00 Uhr. Anmeldungen werden angenommen unter 07392-968000 oder museum@laupheim.de.

    Briefe aus Chicago. Bilder aus dem Exil Sonderausstellung vom 9. Mai bis zum 28. Juli 2013

    Öffnungszeiten: Samstag, Sonntag und Feiertage 13-17 Uhr Gruppen nach Vereinbarung

    Filmvorführungen im Laemmle – Kino:

    „Briefe aus Chicago. Bilder aus dem Exil” (D 2008) Dokumentarfilm zur Sonderausstellung von Sibylle Tiedemann. German Jewish History Award 2011

    So. 12. Mai 2013 15:30 Uhr Do. 23. Mai 2013 19:00 Uhr So. 02. Juni 2013 15:30 Uhr

    “Hainsfarth hatte einen Rabbi”(D 2001) von Sibylle Tiedemann. Prix Europa Iris 2001 Dokumentarfilm über Jüdische Spuren im Nördlinger Ries

    Do. 20. Juni 2013 19:00 Uhr

    „Kinderland ist abgebrannt” (D 1997) mit Anneliese Dorzback und Sibylle Tiedemann. Deutscher Filmpreis 1998 Zwölf Frauen erinnern sich an ihre jüdische Kindheit im Ulm der 1930er Jahre, darunter die heute 91jährige Ann Dorzback. Sie wird bei der Filmvorführung dabei sein. Kartenreservierung unter 0 73 92-96 80 00.

    So. 21. Juli 2013 15:00 Uhr

    • yehuda says:

      Es wäre sehr schön, wenn es für den 20. Juni mit einem Besuch in Leipheim klappen sollte und danke einstweilen für Ihre Zeilen und das Angebot. Sollte etwas dazwsichen kommen – was möglich ist, werde ich mich mit Ihnen per mail in Verbindung setzen.

      Besten Dank und Grüße

      y

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