Augsburger Dunkel


So ziemlich jeder hat schon etwas vom berühmten „Bayerischen Reinheitsgebot“ (Bavarian Brewing Act oder Purity Law) von 1516 gehört, der in Ingolstadt beschlossenen Regelung der erlaubten Bierzutaten, nämlich wie es dort heißt „zu kainem pier merer stueck dann allain gersten, hopfen unn wasser gepraucht solle werden“. Unzählige Male zitieren Werbeanzeigen, Reise- oder Speiseführer, aber auch politische oder wissenschaftliche Publikation die geläufige Formel vom „ältesten Lebensmittelgesetzt der Welt“. Den ältesten Beleg dafür, den ich bislang gefunden habe, datiert auf das Jahr 1967 zurück (Bernd Ücker: Bayern, der widerspenstige Freistaat, S.31), wo der bayerische Bier-Mythos noch als „historischer Witz“ bezeichnet wird: „Die Bayern, ausgerechnet die Bayern haben den Weinbau nach Osten hin ausgebreitet …“ Das Bierbrauen hätten die Bayern dann erst von den Preußen gelernt, was so nun aber auch wieder nicht stimmt.

Tatsache ist aber, dass Bayern mit Bier zunächst wenig anfangen konnten und nur wenig davon brauten, womit wir hier natürlich Alt-Bayern meinen und von den später einverleibten Gebieten der Franken und Schwaben gesondert betrachten … Franken und Schwaben nämlich hatten sehr wohl eine alte Tradition des Bierbrauens, beide bereichert von Böhmen, deren Hopfen zuerst importiert und dann im 18. und 19. Jahrhundert von jüdischen Hopfenhändlern und Bauern heimisch gemacht wurde. Dass der Handel mit böhmischen Hopfen schon weit früher eine jüdische Domäne war geht aus Bestimmungen im England des frühen 15. Jahrhunderts hervor, die zeitweilig die Einfuhr von Hopfen beschränkten oder gar verboten. Dieser kam durch jüdische Händler über die Niederlande aus Böhmen. In der Folge mussten auch die Briten einige Jahrhunderte helles Dünnbier trinken, bzw. Weinanbaugebiete in Frankreich erobern. Erst um 1660 kam in London, wo sich seit 1656 wieder sephardische Juden aus Holland niederlassen durften, das später weltberühmte Darkbeer auf, zu welchem bereits auch Hefe als Bestandteil erwähnt wird, die im Reinheitsgebot von 1516 fehlt. 1828 und 1830 folgten Alehouse und Beerhouse Acts, welche Herstellung und Ausschank von Bier unter strikte Regeln stellten. Das kräftige Dunkelbier kam beim Volk gut an und da sich mit dem Massenprodukt viel Geld verdienen ließ, zielten die Regulierungen auch darauf ab, die Juden aus „ihrem“ Geschäft zu drängen. Das klappte dann auch und so ist es dann eine weitere Ironie der Geschichte, dass sich beispielsweise die Rothschilds dem Weinbau zuwandten.

Fürst Wallerstein Dunkles Landsknecht Bier

Aus Augsburg stammt die tatsächlich älteste nachweisbare Erwähnung von Bestimmungen für die Herstellung und den Ausschank von Bier, worauf in der Stadtrechtsurkunde vom 21. Juni 1156 angespielt wird. Demnach soll bestraft werden, wer schlechtes Bier macht oder ungerechtes Maß ausschenkt. Ähnliche Regelungen sind zwohundert Jahre später (1363) auch in der Augsburger „Filiale“ München (die vom Herzog zeitweilig auch an die Vorstände der Augsburger Juden verpfändet war) nachweisbar. 1447 wird dort dann auch bereits Gerste, Hopfen und Wasser als alleinig erlaubte Bestandteile fortgeschrieben. Der Ingolstädter Beschluss von 1516 hatte, anders als man vermuten möchte, keine nennenswerte Auswirkung. Der bayerische Adel bevorzugte weiterhin Wein und christliche Mönche brauten weiterhin mit allerlei Kräutern und Gewürzen, darunter auch Wermut oder halluzinogene Pflanzen wie das Bilsenkraut. Letzteres wurde 1551 dann nochmal ausdrücklich verboten, zugleich aber auch die Beifügung von Lorbeer, Rosmarin, Wacholder, Korinthen und dergleichen mehr ausdrücklich erlaubt. Gleichzeitig erschwerten die Bayern auch den (überwiegend jüdischen) Hopfenhandel nach Augsburg und (österreichisch) Schwaben, weshalb dieser über Franken und das Ries abgewickelt wurde. Um das trotzdem vorhandene bayerische Dünnbier geschmacklich abermals etwas aufzupeppen, wurde den Brauern auch Salz und Kümmel als weitere Zutaten erlaubt.

Hasenbräu Augsburg

Als im Zuge der napoleonischen Kriege Bayern zum Königreich aufstieg und Schwaben und Franken (von denen Teile tatsächlich zeitweilig preußisch waren und so interpretiert „Preußen“ den Bayern das Bierbrauen beibringen mussten, wie s im obigen Zitat heißt) Provinzen davon wurden, ging man daran, eine gemeinsame Identität zu erfinden. Das Bier der Franken und der Schwaben wurde sodann zum Bier der Bayern und Bayern zum Land des Bieres. Um 1860 herum besann man sich dann auch wieder der mittelalterlichen Biergesetze, um eine nicht vorhandene Kontinuität vorzugaukeln. Natürlich entschied man sich sodann für „1516“, obwohl es in Schwaben und Franken ältere Bestimmungen gab, auf die man sich berufen hätte können. Da Ingolstadt aber gerade eine Garnisonsstadt war, verband sich damit auch die Möglichkeit das Bier mit dem Soldatentum zu verbinden, wovon im Ingolstädter Armeemuseum einige entsprechende Bierkrüge zeugen. Bald war so auch vom „Deutschen Reinheitsgebot“ die Rede. Wie im mittelalterlichen England begann man nun auch im deutschen Kaiserreich damit, die Juden, die noch immer über drei Viertel des Hopfenanbaus kontrollierten und zahlreiche Brauereien betrieben aus der nun völkisch umgedeuteten „Bierseligkeit“ zu verdrängen. Das letzte überregional bekannte Beispiel für den Kampf gegen das „Judenbier“ war Joseph Schülein (1854-1938), der 1933 gezwungen wurde seinen Münchner „Löwenbrau“ zu verkaufen.

Ausgburger Regiment Bierkrug 1908 1910Augsburger Regimentsbierkrug 1908 / 1910 im Armeemuseum Ingolstadt

Nach dem „Vorläufigen Biergesetz“ von 1993 darf für untergäriges Bier Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser verwendet werden, für obergäriges Bier ist zusätzlich auch die Verwendung von „anderem Malz“ (wobei Malz definiert wird als „alles künstlich zum Keimen gebrachte Getreide“) und Rohr-, Rüben-, Invertzucker, etc. zulässig. Das kann zu Unterschieden in den mit „Bayerischem Reinheitsgebot“ oder „Deutschen Reinheitsgebot“ führen.

Heute ist helles Dünnbier üblich geworden wie pastellfarbene Dirndl von Lidl und Co. und gehören zum „bayerischen Lebensgefühl“ scheinbar dazu. Dass aber auch in Augsburg vor rund hundert Jahren die Verhältnisse diesbezüglich noch ganz andere waren, ergibt sich aus einer Beschreibung von Walter Brecht (1900-1986), dem jüngeren Bruder von Eugen Bertold Friedrich, besser bekannt als Bert Brecht (1898-1956), der davon erzählt, dass er (wohl um 1910) mit seinem Bruder abends immer Bier für seinen Vater holte:

Als Gefäß für das Bier diente entweder ein offenes Bierglas oder ein mit dem Brecht-Wappen versehener irdener Krug, der einen kräftigen, hellen Zinndeckel trug. Ein sogenannter Maßkrug, der einen Liter Bier fasste und von den Handwerkern, vor allem von Maurern, bevorzugt wurde, war verpönt, obwohl man wusste, dass das Bier daraus getrunken, besonders gut schmeckte.

Bier in Flaschen gab es nicht, wie es auch ausschließlich dunkles Bier war, das man bei uns trank.  Das Bierglas fasste einen halben Liter … er kostete 5 Pfennig. Man schätzte eine stabile Schaumkrone und trank das Bier nicht so kalt wie heute … Das Augsburger Bier hatte einen vorzüglichen Ruf. Die Kenner fanden es dem Münchner Bier überlegen. Bekannte Brauereien waren „Zur Goldenen Gans“, der „Hasenbräu“, „Riegele“, die Brauerei „Stötter“ in der Jakobervorstadt und viele andere.“

(Walter Brecht, Unser Leben in Augsburg, damals, S. 67)

 

 

Erwähnenswert wäre übrigens auch noch die Deutung des Augsburger Stadtwappens, der bekannten Zirbelnuss, die keine Nuss darstellt, sondern einen Zapfen. Zur Verwirrung mancher hat dabei aber beigetragen, dass der Zapfen in den ältesten Illustrationen in grüner Farbe dargestellt wurde, was zugleich auch das Grün in den Augsburger Stadtfarben ausmacht. Da andererseits nun aber die Zapfen bekanntlich nicht grün, sondern bräunlich sind, kamen schon bei den humanistischen Gelehrten des 15. und 16. Jahrhunderts spekulative Deutungen auf, etwa über eine ominöse Weintraube („Beere“) namens Augster (woran man erkennen kann, welchem Getränk sie selbst zuneigten) oder ein nicht minder mysteriöses „grünes Feuer“ (hergeleitet von der „Stadtpyr“ wobei man „pyr“ als griechisches Wort für Feuer wertete). Es würde bereits an der auch im Mittelalter wirkenden Gravitation scheitern eine Weinrebe auf mit dem sich nach oben verjüngenden Teil an der Spitze zu halten, weshalb es abwegig ist, zu vermuten, dass dieses Kunststück das Wappen der Stadt sein sollte, auch gibt es weder grünes Feuer noch grüne Zapfen. Was es jedoch gibt, und im Kontext dieses Textes kann man es ja auch mal diesbezüglich erwähnen ist Hopfen und eine gewisse Ähnlichkeit hat die grüne Hopfendolde schon mit dem Emblem der Reichsstadt. Der lateinische Name des Hopfen ist übrigens “humulus”, wovon sich in vielen europäischen Sprache die jeweiligen Beziehcnungen ableiten, z.B. humle (dänisch, schwedisch), “humal” (estnisch), komló (ungarisch), humala (finnisch), usw. vielleicht ja auch der auch in jüdischen Friedhöfen nachweisbare Familienname Hummel – falls es nicht gewichtigere Argumente dafür gab, den Namen vom Insekt abzuleiten. Den Stadtpyr kann man nun vielleicht auch besser als Stadt-Bier zum Anstoß nehmen🙂

HopfendoldenHopfendolden

One Response to Augsburger Dunkel

  1. gunnerjoshua says:

    Interesting story, however English beer usually is better than German and Bavarian beer. Only Franconian beer is of somewhat equal quality. Swabian beer has been customised for ordinary taste.

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