Gab es in Deutschland jüdische Wehrmachtssoldaten?


So etwa einmal pro Quartal werden wir in der einen oder anderen Weise darauf angesprochen, dass wir hier in bestimmten Zusammenhängen (meist sind uns Anlässe Grabbesuche, Pflege, etc.) von “jüdischen Wermachtssoldaten” sprechen. In der Argumentation wird dabei der Begriff der “Wehrmacht” ausschließlich auf die Herrschaft der Nazis in Deutschland verengt und unterstellt, dass dies die jüdischen Opfer der nichtjüdischen Wehrmacht schmähen könnte. Zuletzt geschah dies in der Zuschrift von Herrn Hans D. Silbermann aus Münster.

Da es sich nun aber bereits um einen mehrmals zur Diskussion gestellten Sachverhalt handelt, erfüllt es das Kriterium einer “frequent asked question” und verdient demnach eine entsprechende kurze Stellungnahme:

* * *

SHALOM!

Gute Seite Seite!

Jedoch:

Bitte den Eintrag “Der neue jüdische Erfurter Friedhof an der Seelenbinderstraße” editieren. Das hier gezeigte Denkmal ist nicht für jüdische Wehrmachtssoldaten, sondern für jüdische Soldaten des ERSTEN Weltkrieges.

Die WEHRMACHT war die faschistische Armee des Naziregimes. In dieser dienten keine Juden -vielmehr wurden sie durch genau diese Wehrmacht nach Auschwitz getrieben.

Traurig, dass ich so etwas hier lesen muss. Haben die Deutschen aus ihrer Geschichte immer noch nichts gelernt?:(

Weiterführende Hinweise:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wehrmacht

Viele Grüße

Hans D. Silbermann

Kopiert von unserer “support”-Seite wo der Beitrag eingestellt wurde.

* * *

Vielen Dank für Ihren allgemeinen Zuspruch, jedoch ist Ihre Einschätzung  

Die WEHRMACHT war die faschistische Armee des Naziregimes. In dieser dienten keine Juden

(wenngleich, warum auch immer, sehr verbreitet), nicht die ganze Geschichte und deshalb irreführend.

Die Deutsche Wehrmacht bestand selbstverständlich schon LANGE VOR dem Hitler-Regime und wurde keineswegs von den Nazi erfunden, schon gar nicht begrifflich.

Den Begriff der “Wehrmacht”, an dem Sie offenbar Anstoß nehmen, können Sie bereits in der Verfassung des Deutschen Reiches (der sog. „Weimarer Verfassung“) vom August 1919 finden.

Wenn Sie sich aber schon auf die Nazi beziehen wollen, sollten Sie auch wissen, dass es für deren Herrschaft entscheidend war, dass ihr „Führer“ die staatsrechtliche Position des Reichspräsidenten einnehmen konnte. Der Grund dafür ist in Artikel 47 der Reichsverfassung zu finden. Dort heißt es nämlich:

„Der Reichspräsident hat den Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht des Reichs.“

 

Interessant für Sie könnte auch Artikel 140 der Reichsverfassung von 1919 sein:

Den Angehörigen der Wehrmacht ist die nötige freie Zeit zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten zu gewähren.“

Dass auch jüdische Wehrmachtssoldaten in der Zeit vor den Nazi davon Gebrauch machten, dass es jüdische Wehrmachts-Rabbiner gab, etc., das alles darf eigentlich schon bekannt sein.

Im Übrigen kommt der Begriff der Wehrmacht sogar schon bereits in der sog. „Paulskirchen“-Verfassung vom März 1849 vor (§ 19: „Die Bemannung der Kriegsflotte bildet einen Theil der deutschen Wehrmacht. Sie ist unabhängig von der Landmacht.“)

 

Ich stimme Ihnen zu, dass „die Deutschen“ (wie alle „Nicht-Deutschen übrigens!) aus ihrer Geschichte lernen sollten. Das Studium von Primärquellen kann dabei durchaus nützlich sein, da, wie wir ja am Beispiel sehen, auch vielleicht “gut gemeinte” Interpretationen offenbar Moden unterliegen und in die Irre führen.

Jüdischen Soldaten, von denen auch in deutschen Uniformen sehr viele sehr tapfer waren, die dafür Orden erhielten, aber auch ihr Leben und ihre Gesundheit opferten, posthum ihre Zugehörigkeit zur Deutschen Wehrmacht abzusprechen und sie als bloß “jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs zu bezeichnen, als hätte es damals eine “jüdische Armee” gegeben, die auf eigene Rechnung am Weltkrieg teillnahm, etc., erscheint mir als ein sehr eigenartiges Unterfangen. Man könnte fast meinen, dass dies ganz nach dem Geschmack der Nazi wäre, die 1935 Juden von der Wehrmacht tatsächlich ausschlossen und alle Spuren tilgen wollten. 

Welchen Sinn ergibt es aber, fast siebzig Jahre nach der Niederlage der Nazi-Bande deren diesbezügliche Interessen weiter zuverfolgen? 

 

Denkmal_juedischer_WehrmachtssoldatenFriedhof Augsburghttp://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Denkmal_juedischer_Wehrmachtssoldaten_Augsburg_Hochfeld.JPG

Quellen:

http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/verfassung/index.html

http://verfassungen.de/de/de06-66/verfassung48-i.htm

2 Responses to Gab es in Deutschland jüdische Wehrmachtssoldaten?

  1. Schwabe says:

    Mit dem Begriff der Wehrmacht würde ich vorsichtiger umgehen, als Sie es auf dieser Website tun. Ab 1871 lautete die ofizielle Bezeichnung der Landstreitkräte des Deutschen Kaiserreichs “Deutsches Heer”. Dieses ging im Zuge der Demobilisierung nach Ende des ersten Weltkriegs am 19. Januar 1919 in ein Übergangsheer, das sogenannte “Friedensheer” über. Ab dem 1. Januar 1921 lautete dessen offizielle Bezeichnung “Reichswehr”. Diese Bezeichnung wurde am 16. März 1935 von der Bezeichnung “Wehrmacht” abgelöst. Sicherlich wurde der Begriff der Wehrmacht schon weit früher gebraucht, dabei handelte es sich aber eher um eine umgangssprachliche und keineswegs um eine offizielle Formulierung. Wenn in der Reichsverfassung von 1919 der Begriff der Wehrmacht verwendet wurde, ist dies darauf zurückzuführen, dass diese Formulierung in dem Zeitraum gewählt wurde, in dem sich die deutschen Streitkräfte in einem Umwandlungsprozess befanden und keine eindeutige Bezeichnung vorlag. Eindeutig ist hingegen: Deutsche Soldaten jüdischen Glaubens, die im Zuge des 1. Weltkriegs starben, kämpften als Soldaten des Deutschen Heeres und nicht als Soldaten der Wehrmacht. Da es sich um ein sensibles Thema handelt, sollte man sich hier begrifflich an die offiziellen Begriffe halten.

    • yehuda says:

      Meinen Sie wirklich, dass die deutsche Verfassung damals die Bezeichnung “Wehrmacht” wählte, weil dies nur ein “umgangsssprachlicher” Begriff war? Da gab es ganz sicher andere Bezeichnungen … Was wäre Ihrer Ansicht nach denn “offizieller” als die in der Verfassung formulierte Bezeichnung? Wir verstehen durchaus,d ass es für manche Leute zur Sprachregelung gehört, das eine vom anderen vereinfachend abgrenzen zu wollen, selbst wenn die Wirklichkeit da nicht mitspielen will. Das aber aber wäre kein historischer, sondern allenfalls ein histerischer Standpunkt.

      Denken Sie beispielsweise mal daran, wieviele deutsche Juden in der Zeit von 1871 bis 1921 – das sind 50 Jahre (!) – die “Monatshefte für Politik und Wehrmacht” bezogen und was dort zum Begriff und Thema alles zu lesen steht!

      Es ergibt für mich keinen Sinn, den Nazi Begriffe zu überlassen, die über deren ohnehin recht schmalen geistigen Horizont hinausreichen. Sie haben verloren, baruch haSchem.

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