Die Berliner Matzen – Polizei


Wenn man das Jüdische Museum in Berlin besucht hat, hat man schon einen guten Eindruck davon, wie man zweitausend Jahr jüdischer Geschichte in „Deutschland“ auf dreihundert (Jahre) Klischees reduzieren kann. Man kann lernen, wie man auf den „Gesichtern“ von jüdischen Opfern herumspringt und sie dadurch zum „Klingen“ bringt (sich dann aber über sog. U-Bahn-Schläger echauffieren!?)  –und in der beton-charmanten Dunkelkammer kann man „den Holocaust“ fühlen. Auch hat es für viele wohl einen denkbaren “Reiz“, sich als Terrorverdächtiger durchleuchten zu lassen, noch bevor man die erste Menora-Kopie zu Gesicht bekommt, … doch was bleibt sonst außer den traurigen, weil zerbröckelnden Friedhöfen?

Wo trifft man das (angeblich, mit Hilfe des Axel Springer-Verlags propagierte so “pulsierende”) „jüdische Leben“ in Berlin? “Insider” verweisen da u.a. auf das „Beth Cafe“ in der Tucholsky-Straße. Das ist so benannt nach dem hebräischen Wort für Haus, nicht nach dem (etwa gleichklingenden deutschen) Schlafplatz. Der integrierte Laden nennt sich „כל-בו“ verspricht also etwa „alles drin“. Dann mal sehen, was sich verändert hat zu früher, als da noch nichts “pulsierte”.

Draußen stehen erst mal zwei Polizisten. Das war vor ‘nem Jahrzehnt auch schon so, nur dass sie damals noch grüne Uniform-Jacken trugen. Heute sind es eben blaue. Warum das so ist, wird mir auf Anfrage sogleich erklärt: Die Farbe der Uniform sei jetzt Ländersache. Klar, dürfte die Stadt entscheiden, wären sie ja vielleicht auch rosa. Vielleicht der nächster Zeit! Wie auch immer … kol bo, alles inbegriffen.

Kol Bo Bet Cafe Berlin 1998

Kol Bo Berlin 1998

Vor dem Laden gibt es eine Absperrung mit einem Schild, das sich auch vor Museen und vor Synagogen und Synagogen-Resten in Berlin findet. Drauf steht:

Es ist polizeilich untersagt, Fahrzeuge und andere Gegenstände aller Art auf der Fläche vor diesem Gebäude abzustellen. Bei Zuwiderhandlungen wird die Entfernung auf Kosten des Verursachers veranlasst. – Der Polizeipräsident in Berlin

Erleichtert stellen wir fest, dass wir anders als beim Museum unsere “Sachen” wenigstens behalten dürfen. Hinter der Glastür mit der Aufschrift כשר befindet sich nun die kleine, etwas enge Cafeteria, die aber ohne Gäste ist. Fast, denn am Nebentisch sitzen zwei alte Männer und quasseln auf Hebräisch, immerhinOffenbar sind es Rentner, denn sie vergleichen die Situation von solchen in Deutschland und Israel und überhaupt “die Lebensverhältnisse” in beiden Ländern, und ja … auch die Leute.

Als wir uns setzen, meint einer der Alten: „גם היהודים בגרמניה הם רק גרמנים“ und als bedürfte es dafür einer sofortigen Bestätigung  dafür, kommt auch der Kellner auf mich zu, forschen Schrittes und mit erhobenen Händen rudernd, um mir zu sagen, dass es hier keine Drehgenehmigung gebe, ja und das auch fotografieren verboten sei.

Was für eine Drehgenehmigung? Hää? Bitte waaas …? Wir waren ja gerade mal an den Tisch herangetreten, an welchen wir uns setzen wollten und hatten nur Taschen und Rucksäcke auf die Stühle gestellt, und ja, tatsächlich, die Videokamera stellte ich eben auf dem Tisch ab, um sogleich die Jacken und Mäntel auszuziehen, Platz zu nehmen und die Speisekarte zu sondieren. So wenigstens wäre der “Plan” gewesen. Aber so geht das nun mal nicht.

Der Kellner zeigte sehr bestimmt mit dem Finger: Auf dem Tisch fand sich der Hinweis, dass das Benutzen von Mobiltelefonen, Fotokameras (digital und analog), Videokameras und PCs, sowie Laptops nicht gestattet sei – aus Sicherheitsgründen – und das Ausnahmen nicht möglich seien. Da standen wir also wieder erst mal etwas verdutzt herum. Gehen? Bleiben? Lachen? Streiten? Lachen? Gehen? Bleiben?

Ich steckte die Videokamera in den Rucksack – aus Sicherheitsgründen – und murmelte, dass wir sowieso das, ähm … Drehbuch im Auto vergessen hätten, ich nur schriftliche Notizen machen würde … Der Kellner schien befriedigt und ging wieder weg. Nachdem wir Platz genommen hatten, kam eine Frau und fragte nach unseren Wünschen. Wir bestellten einen Milch-Kaffee und ein Bier. Letzteres war ein Fläschchen Makkabi. 0.33 Liter für 4.90 €, das ergibt einen Literpreis von 15 Euro. Dafür gäbe es in Israel eine saftige Watschen und zwar völlig zurecht! Bei der letzten Wiesen kostete die Maß maximal 9.50 Euro. Aber was nutzt es zu lamentieren? Es dient bestimmt der Sicherheit und passt sicher auch zum Klischee, dass israelisches Bier preiswert ist.

Aus irgendeinem Grund liefen nun (etwas laut) Schnulzen mit Titeln wie „Maria“ (mia san mia ..!?), „Don’t cry for me Argentina“ (tja, warum auch?!) und dann auch noch das nicht minder leidige „Age of Aquarius“. Das niedrig-przentige, dafür hochpreisige Bier und der Milch-Kaffee wurden serviert, dazu rätselhafter Weise aber eine Schale mit Matzen und roter, schwach gewürzter Ölsauce. Letztere machte uns im Gegensatz zu dem Matzot etwas neugierig. Die akademische Vermutung: wohl eine Art Sambal oder so?

Gehörte das nun zum Milch-Kaffee oder zum Bier? Zu den Matzen? Oder nicht eher zu Pessach? Schwer zu sagen. Eine Verwechslung mit anderen Gästen konnte es nicht sein, da keine da waren und die beiden Alten nun auch gingen. Wegen dem Gedudel? Möglich.

Illegales Foto: Oktoberfest in Berlin: Matzen zur Sicherheit

Harmony and understanding, sympathy and trust abounding …“ Eigenartig, aber in einem Regal des Cafes entdeckten wir nun ganze Stapel von Matzen-Packungen, die offenbar zur Identität der Einrichtung dazu gehört. In Rothenburg ob der Tauber gibt es einen Weihnachts-Laden, der ganzjährig geöffnet hat, vielleicht ist das hier als eine Art Entsprechung der Matzen-Laden. Hartes Brot, sie servieren es täglich …

Auf einer Karte konnte man über die Einrichtung selbst lesen, etwa dass das Cafe eine “gemeinnützige Einrichtung” sei und nicht auf Gewinnerzielung angelegt sei – klar, das erkennt man ja schon am Bierpreis – die sich als „integraler Bestandteil der Gemeinde” sehe:  „Es dient dazu, den Mitgliedern, den jüdischen Bürgern und Gästen der Stadt Berlin die Beachtung der religionsgesetzlich vorgeschriebenen Speisegesetze zu ermöglichen.“

Müsste also nur noch geklärt werden, welche Vorschrift besagt, dass man im November zum Bier oder zum Milch-Kaffee Spätherbst-Matzen essen sollte. Aber man muss nicht alles verstehen. Es wird schon der Sicherheit dienen und wenn es zudem noch gemeinnützig ist, kann es ja allen auch recht sein. Dafür sorgt schon die Matzen-Polizei vor der Türe

No more falsehoods and derisions, golden livin dreams dreams of visions, mystic matzah revelation, the mind’s truest liberation. Ma‘tze’os! Ma’ma‘tze’os!”

Auf dem Weg zum WC im hinteren Teil begegnet man noch einem gerahmten Elvis-Porträt und … ach, das ist eigentlich keiner Beschreibung wert.

Auf der Webseite des Establishments kann man Infos nachlesen und auch Photographien sehen:

http://www.adassjisroel.de/beth-cafe

* * *

In Berlin’s Tucholsky Str. at the kosher advertised “Beth Café” end of October you can get a little bottle Maccabee Beer from Israel for 5 Euro and surprisingly a small dish with matzah with an oily chilli sauce, if that was not for the café au lait. For security “reasons” you are not allowed to use your mobile phone or camera, so the question is what the two police men in front of the shop actually are good for? Our educated guess: it is the Matzah-police.

Interested? Here’s the job application training:

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Memorial to Henriette Aronhold 1861 Berlin – 1944 Theresiensadt

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