Nun Eden darum: Im Garten der Worte


 

Zu den bekanntesten Geschichten der hebräischen Bibel gehört jene um das erste Menschenpaar, die Schlange und die Frucht des Baumes im Garten Eden und entsprechend dürfte es kaum Geschichten geben, die öfter kommentiert wurden, als diese. Die als erzählerisches Bindeglied zwischen der Erschaffung der Welt und der Entstehung der menschlichen Geschichte angesiedelte Episode wird dabei in mehr oder minder belehrender Weise „sexuell“ gedeutet und je nach Belieben im Sinne des herrschenden Zeitgeist ausgelegt. Die kürzeste Deutung der Geschichte besteht wohl in der Vermutung, dass die Menschheit noch heute im Paradies leben würden, wenn Adam und sein Weib als Chinesen erschaffen worden wären. Dann nämlich hätte sie die Frucht ignoriert und stattdessen die Schlange gegessen.

Nun liegt es aber auf der Hand, dass der Autor der Erzählung wohl weder den Erkenntnissen der modernen Psychoanalyse, noch dem Feminismus vorweggreifen wollte oder an die katholischen Lehre von der „Erbsünde“ denken konnte. Vielmehr ist an den hebräischen und aramäischen Texten wie an der ägyptischen Prägung erkennbar, dass die Erzählstränge sich nicht zuletzt auch aus einer Verflechtung zahlreicher Wortspiele ergeben. Diese bilden offenbar Motive heraus und verflechten sich im Erzählstrang immer wieder neu und prägen so sowohl den Verlauf wie vermutlich auch die Erzählabsicht.

 

 

1. Die Schlange

Das für die Schlange im hebräischen Text verwendete Wort נחש (na‘chasch) leitet sich ab vom gleichlautenden Verb für „flüstern“, „murmeln“ oder „zischeln“. Dieses Murmeln wandte man auch auf das heimliche Sprechen von Zauberformeln oder sonstigen Geheimnissen an, wodurch der Begriff נחש sich auch erweiterte und zum Synonym für „Zauberei“ (im Sinne von Sprechzauber) stand. Andererseits stand der Begriff auch für das gelbliche bis rotbraune Kupfer, bzw. in manchen Kontexten auch für Messing „(„glänzend wie Gold“). Auch eine Augenkrankheit wird als נחש bezeichnet, bei der eine trübe, traubenhautartige Hülle den Augapfel überzieht und deshalb wohl entsprechende Assoziationen zur Schlangenhaut weckte. Das Sprechen der Schlange ist demnach wohl eher ein Zischeln. Die Schlange befolgte das zuvor erlassene Verbot nicht, berührte den „Baum der Beurteilung“ עץ הדעת (etz ha’da‘at) und bewies auf diese Weise, dass die Berührung des Baumes offenbar nicht tödlich enden musste. In ähnlicher Weise können wir etwa im Louvre davon ausgehen, dass wir Ärger bekommen, wenn wir die Absperrung überwinden und das Portrait der Mona Lisa berühren wollen. Eine Fliege dabei zu beobachten, dass sie sich sogar auf das Bild setzen kann, ohne einen Alarm auszulösen oder verhaftet zu werden,  sollte uns nicht ermutigen es ihr gleichzutun, zumal uns die Wärter nicht glauben werden, wenn wir die Verantwortung auf die Fliege abladen wollten.

Analog zum Zischeln (נחש) der Schlange (נחש) ist auch נחר (na‘char), welches Zischen, aber auch Schnauben bedeutet, Geräusche die durch den Ausstoß aus den Nasenlöchern erklärt werden. Entsprechend bedeutet נחר zunächst eigentlich auch „durchlöchern“, „durchbohren“ oder das „aufgespießte Tier“ und ist damit ein Synonym zu נקב (nakaw) „durchbohren“, „löchern“ aus welchem auch der Begriff  נקבה (nekewa) „weiblich“ abgeleitet ist. Die Basis für das Zischeln oder Schnauben der Schlange ist demnach begrifflich verwandt mit der Bezeichnung für Weiber und Weibchen bei Tieren. Im aramäischen Wortlaut heißt die Schlange חויא (chavja), was der Text so erklärt: „…וחויא היה חכים מכל חות …“ (Breschit 3.1) „Chavja“ freilich ist fast identisch mit dem Namen den Adam der Frau nach der Baum-Affäre gibt: „ויקרא האדם שם אשתו חוה כי היא היתה אם כל חי“ (und Adam nannte den Namen seiner Frau Chava, denn sie war die Mutter von allem Leben (kol-chai)“ (Breschit 3.20).

2. Im Schatten

Das vorher freilich noch namenlose Weibchen entsteht aus einer Rippe, die dem Adam im Schlaf entnommen wurde. Adam selbst dagegen soll nach dem Abbild Gottes geschaffen worden sein. Der verwendete Begriff  (tselem) bedeutet nun aber nicht Bild im Sinne eines Ölgemäldes, polizeilichen Phantombilds oder gar Photographie , sondern eher „Kontur“ oder „Umriss“ und leitet sich ab von צל  (tsell) ab, was „Schatten“ bedeutet. Im späteren Kontext wird צלם jedoch auch Götzenbilder bezeichnen. Rambam hingegen führt im ‘מורה נב`(1.1) aus, dass Tselem nicht die äußere Gestalt sei – das wäre תואר (to‘ar), sondern (ohne näherer Erläuterung) das Wesen, die Seele. Aber hier irrt sich Rambam offenbar, da ein Schatten nur ein Umriss ist, eine Reaktion eines ausreichend starken Lichts auf einen Körper und seine Umgebung, abhängig von bestimmten räumlichen Anordnungen. Der Schatten ist aber wie auch immer etwas Äußeres und kein Bestandteil des Körpers, auch wenn er (bei entsprechender Beleichung) scheinbar untrennbar mit ihm  „verbunden“ ist. Er ist keine innere Qualität des Wesen, nicht seine Seele, sondern nur ein optisches Phänomen. Der Mensch als Kreation „im Schatten“ bedarf des Lichts, so wie die Geschichte es auch in „Licht und Dunkelheit“ generell und zusätzlich in Sonne und Mond voraussetzt.

Die Substanz Adams ist textgemäß עפר מן-האדמה  (a‘far mi-ha‘adama), also „Sand“ oder „Staub aus der Erde“. Damit war sicher anderes gemeint als im Versprechen an Abraham, seine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub oder Sand der Erde כי עפר הארץ (ki a’far ha‘aretz). צל und  צלם findet seine Entsprechung in der Substanz, aus der nun Adams Weib geschaffen wurde, nämlich aus Adams Rippe צלע (tsela). Eine weitere findet sich in dem „Fell“ oder der „Tierhaut“, mit welchen Adam und sein Weib sodann bekleidet werden: צלא (tsela). Im hebräischen entspricht letzteres auch עור (or), zugleich eine Anspielung auf אור (or), das „Licht“. Das Verb צלה (tsela) hingegen bedeutet „braten“ und צלי (tsali) ist demgemäß „der Braten“, insbesondere der Spießbraten, was wiederum anspielt auf das „aufgespießte Tier“  (נחר). Die Verdoppelung von צל (tsell) ergibt hingegen צלצל (tsil‘tsell) „klirren“, „schwingen“, „rauschen“, usw. und steht zugleich auch für ein Schlaginstrument, das aus Metall der Zymbel und aus Holz einer Kastagnette entspricht. Im Jerusalemer Talmud (J. Suck. 55) wird eine Zymbel noch aus der Zeit Moses überliefert, die aus Kupfer (נחש) gefertigt war.

Der Name Chava (חוה) findet eine lautliche Entsprechung in חובה (chowa) und bedeutet „Schuld“, „Sünde“ oder „Verpflichtung“. Der Begriff stammt von חוב (chow) „schuldig sein“ erinnert aber auch an חוב (chow), „Versteck“, „verborgene Stelle“, so etwa an den Schoß eines Baumes, in welchem Vögel, von Ästen umgeben ihren Nistplatz einrichten. Synonym dazu wäre das verwandte חפה (chafa). Schließlich bedeutet חוב (chow) auch die Nähnaht, die durch die Nadel ausgehöhlt wird, was abermals auf den Vorgang des Durchlöcherns und Durchstechen anspielt, insbesondere auch weil חובה (chowa) als „Sünde“ auch חט (chet) „Sünde“ entspricht und חוט (chut) dem „Faden“ entspricht, den die Nähnaht חוב (chow) benötigt.

3. Die Erde

אדמה (a‘dama) und ארץ (aretz) werden beide als „Erde“ übersetzt, was nicht falsch ist. Jedoch handelt es sich nicht um Synonyme. Wie wir gesehen haben, wird עפר (eher: Sand als Staub) mit beiden in Verbindung gebracht, sozusagen als Einzelbestandteil der Erde. Da sowohl Ziegelsteine als auch Glas Produkte des Erdbodens sind, ist es nicht weiter überraschend, dass der selbe Ursprung nicht dasselbe Ergebnis haben muss.  Im Midrasch zum Buch „Genesis“ (breschit raba 14) heißt es, dass Adam als ausgewachsener Jüngling erschaffen wurde: „עופר עולם מלאתו נברא“. Der dafür benutzt Begriff lautet עופר (o’fer) der auf die Wurzel עפר (a‘far) „Sand“ zurückgeht. Die selbe Quelle definiert kurz darauf (breschit raba 15): „עפר זכר אדמה נקבה“, also den Sand als männlich, die Erde als weiblich.

אדמה (a‘dama) Erde und אדם (a’dam) Mensch gemeinsam ist die Verbindung zur roten, rötlichgelben Farbe אדום (a’dom). Bereits das pharaonische Ägypten – beide Begriffe sind griechisch – kennt die maßgebliche Unterscheidung eines roten und eines schwarzen Bodens: die fruchtbare Schwarzerde und die trockene Roterde. Das schwarze Schwemmland entlang des Nils und im Nildelta hieß *kmt* (kamat), namensgebend für das ganze bewohnte, bewohnbare Land, das wir – griechisch – als Ägypten bezeichnen (die Thora nennt es מצרים – mits’ra‘jim), wörtlich heißt dies „Schwarz“, wie die Farbe. Ebenso nannten die alten Ägypter auch ein spezielles Menstruationsleiden, das mit dickflüssigen, gelleeartigen dunkelbraunen bis schwarzen Blut einhergeht, vermutlich die sog. Schmierblutung, die je nach Ursache (Ovulation bis Endometritis) harmlos bis bedrohlich sein kann.

Als Gegensatz zum namensgebenden und identitätsstiftenden schwarzen Schwemmland kannten die Ägypter das trockene, karge, gelbrötliche Rotland *d^sr* (descher): die Wüste, das Nil-ferne Aus- oder Fremdland, dessen Entsprechung in der Thora die rote אדמה (a‘dama) ist. Ihr entstammt der Mensch als Sandkorn, nicht etwa dem satten fruchtbaren, schwarzen Boden, der für das eingetrocknete schwarze Blut der Menstruierenden steht.  In der ägyptischen Sprache ist dieses Rotland *d^sr* (descher) zugleich auch Glyphe für „heilig“ und „geweiht“ und bezeichnet einen roten Baum.

Pictures: Mosaics an Hausfassade am Ernst Reuter Platz, Augsburg

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