Der “Jüdische Jugendverein Augsburg”


Die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 2. Oktober 1928 über die Gründung eines Vereins für Augsburger Jugendliche:

David-Brunnen Synagoge Augsburg

 

Zur Eröffnung des Jüdischen Jugendvereins Augsburg

(von: Referendar Diplom-Volkswirt Dr. jur. Waitzfelder)

Wenn die jüdische Jugend Augsburgs in diesen Tagen nach mehrjähriger Arbeitspause wieder im jüdischen Jugendverein sich zusammenfindet, um ihr inneres jüdisches Leben und jüdisches Wissen zu reicher Entfaltung zu bringen, wird unter den vielen äußeren Antrieben zu diesem würdigen Tun der Geist unsere Vaterstadt ein nicht unvermögender sein. Ja in dieser vielleicht intensiver als viele anderen Anstachelungen zu jüdischer Arbeit in Augsburg infolge seiner Unmittelbarkeit sich auswirken, es wird dieser Geist der altehrwürdigen Renaissancestadt, die zugleich einer der modernsten Industriestädte ist, der Geist des Festhaltens am Alten, Bewährten, und des Dochnichtstehendbleibens in die von so vielen und vielartigen jüdischen Zeitstimmen verwirrte jugendliche Seele eindringen und dem Durcheinander ein Ende dadurch bereiten, dass er sich gleichsam in der einzelnen jugendlichen Seele verwirklicht als Hinweis auf die Vergangenheit und zugleich als Forderung, in die Gegenwart und die Zukunft die Blicke zu lenken.

Es ist heute der jüdischen Jugend nicht leicht gemacht, bei dieser Vielfalt von religiösen und politischen Richtungen sich zurechtzufinden. In dem Unterricht wird man wohlweislich sich jeglicher politischer oder gar tendenziöser Erörterung enthalten, ganz abgesehen davon, dass der in der Schule zu bewältigende Stoff eine Behandlung der Zeitprobleme nicht zulässt. Im Elternhause findet der Jugendliche auf Seiten der Erwachsenen zuweilen Gleichgültigkeit jüdischen Dingen gegenüber und wenn eine solche nicht vorherrscht, vielfach scharf entgegengesetzte Stellungnahme (die auch zu tragischem Familienkonflikt sich steigert) oder nicht selten friedliche Harmonie der Meinungen, eine oft nicht organisch herausgebildete häusliche Einigkeit.

So ist es sehr wünschenswert, eine Institution zu schaffen zum Zwecke der religiösen und politischen Orientierung der jüdischen Jugend, zum Zwecke der Klärung, Ordnung in den jugendlichen Gemütern. Und dass solcher Bestrebung im Jüdischen Jugendverein Augsburg der kräftige Antrieb und die Gewähr einwandfreier Zwecke entsprechender Arbeitswiese gegeben ist, dafür spricht eben gerade jener erwähnte wirkende Geist unserer Stadt, der unsere Blicke rückwärts und vorwärts zu lenken gebietet.

Indem aus dem Borne jüdischer Vergangenheit, sei es durch Vorträge, sei es durch Arbeitsgemeinschaften dem Jugendlichen so viele und so hohe Werte als nur möglich vermittelt werden, indem dieser also durch die Wucht der in sich aufgenommenen historischen Gegebenheiten in seinem Judesein gekräftigt, seelisch und geistig gefestigt wird, wird gleichzeitig die innere Reife, die Fähigkeit zur positiven Auseinandersetzung mit den jüdischen Zeitproblemen herangebildet. Und diesen ist ja auch in reichlichem Maße dadurch Rechnung getragen, dass das Programm des Jüdischen Jugendvereins Augsburg die Heranziehung der führenden Köpfe aus allen religiösen und politischen jüdischen Lagern vorsieht.

Wenn der Jüdische Jugendverein Augsburg nun mit der Entfaltung seiner Tätigkeit anhebt, so ist das eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde. Es bedarf keines Hinweises auf die Tendenz unserer Zeit der Verdrängung des Seelischen und somit des Religiösen, Jüdischen, und wenn eine Generation als dringlichste Aufgabe die Erhaltung einer Jahrtausend alten bewährten Tradition zu bewerkstelligen hat, so ist es die jüdische Generation unserer Tage. Sie darf an keiner Stelle vorübergehen, die der Pflege des Jüdischen, besonders durch die Jugend, dienen könnte, sie muss ihr ganzes Bestreben auf die jüdische Aufrüttelung, jüdische Ertüchtigung der Jugend richten. Denn diese ist es, die heranwächst und die, wenn die Zeit gekommen, an die Stelle derer treten wird, die nun sind, und wenn den Kommenden die Fähigkeit ermangeln würde, das Erbe anzutreten, was wäre der Lebenssinn und Lebenswert der Heutigen und der Nichtmehrseienden?

So sei der Jüdische Jugendverein Augsburg eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde! Jeder helfe auf seine Art, trage bei zu dem Ertüchtigungs- und Rüstungswerke! Nur derjenige ist einer so hehren Idee, wie der jüdischen, würdig, der für sie lebt, um sie weiterzugeben. Von Geschlecht zu Geschlecht.

 

Der Verfasser des Artikels Dr. jur. Dr. rer. pol. Jacques Waitzfelder (21. April 1904 Augsburg -21. April 1984 St. Petersburg, Florida) war der Sohn von Bernhard und Karoline Waitzfelder (geb. Levy). Jacques war Doktor der Rechte und der Ökonomie. Zum Zeitpunkt des Artikels über den „Jüdischen Jugendverein Augsburg“  verfasste er seine 1929 in Leipzig erschienene Arbeit über den Augsburger Textilfabrikanten Johann Heinrich Schüle. Er konnte 1938 in die Vereinigten Staaten von Amerika ausreisen, wo er seinen Namen in Whitfield anglisierte und zunächst in der Chemiefirma von Ernst Nathan (aus Pfersee) tätig war. Trotzdem schreib er noch im Jahre 1966 einen mehrseitigen Artikel über Schüle für den von Wolgang Zorn herausgegebenen 9. Band der „Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben“.  

Sein Appell, die Unterstützung des neugegründeten Jüdischen Jugendvereins Augsburg sei eine Angelegenheit der ganzen jüdischen Gemeinde und von essentieller Bedeutung für die heute Älteren, liest sich heute,  84 Jahre später, noch immer zutreffend, wenngleich die Wortwahl heute sicher etwas weniger schwülstig wäre. Ein weiterer Artikel aus dem Jahr 1931 erwähnt, dass die politische Auseinandersetzung bereits vom nahenden Unheil geprägt war, etwa in einem Programmpunkt „Was antworten wir den Nationalsozialisten?

 

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