אזמר בשבחין

August 9, 2012

זמירות לשבת

 

אבישי כהן

אזמר בשבחין
למיעל גו פתחין
דבחקל תפוחין
דאינון קדישין

נזמן לה השתא
בפתורא חדתא
ובמנרתא טבתא
דנהרא על רישין

ימינא ושמאלא
וביניהו כלה
בקישוטין אזלא
ומאנין ולבושין

יחבק לה בעלה
וביסודא דילה
דעביד ניחא לה
יהא כתיש כתישין

אדמה את לי האדמה
את נפשי כובשת
במבט דממה
את לי האמונה הכוונה
לי את האהבה

צוחין אף עקתין
בטלין ושביתין
ברם אנפין חדתין
ורוחין עם נפשין

קריבו שושבינין
עבידו תיקונין
לאפשא זינין
ונונין עם רחשין

יהא רעוא קמיה
דתשרי על עמיה
דיתענג לשמיה
במתקין ודובשין

אסדר לדרומא
מנרתא דסתימא
ושולחן עם נהמא
בצפונא ארשין

אדמה את לי האדמה…

אהבה את לי האהבה
לרוחי נושקת
ושפתך חמה
את לי הנשמה הנחמה
לי את האדמה

האר”י הקדוש –  מילים

(2041)

 

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Mittelalterliche hebräische Grabsteine in Nürnberg

August 8, 2012

Der (bereits nicht mehr so ganz) „neue“ jüdische Friedhof westlich des Westfriedhofs an der Schnieglinger Straße 155 im gleichnamigen Stadtteil Schnieglingen gelegen hat eine Gesamtfläche von rund 3 ha (1916 und in der Literatur bis heute als aktueller Wert zitiert: 4 ha), wovon derzeit etwas über 1,4 ha mit Gräbern belegt und weitere 0,5 ha an freien Grabflächen vorhanden sind.

In der stattlichen Tahara befinden sich vier mittelalterliche Grabsteine, die im Jahre 1367 vom damals zerstörten jüdischen Friedhof der Stadt geraubt und als Treppenstufen des etwa 80 Meter hohen Südturms der Nürnberger Lorenz-Kirche missbraucht wurden.

St. Lawrence church Nuremberg / St. Lorenz Nürnberg

Die Kirche ist dem in das dritte christliche Jahrhundert datierten Schutzheiligen „Laurentuius“ geweiht, der zusammen mit Sebald auch christlicher „Schutzpatron“ der Stadt Nürnberg ist. Wohl weil er der Legende nach als Märtyrer starb und auf einem Gitterrost verbrannt wurde („Laurentius mit dem Roste“), gilt er frommen Christen u.a. als Schutzheiliger der Köche, wird aber auch von Gläubigen angebetet, die Hautprobleme haben. Während eine Kirche in Rom behauptet, den Rost auf den Laurentius gebraten worden sein soll, zu besitzen, soll sich der Kopf des Heiligen eigenartigerweise in Mönchengladbach befinden. Anderswo gibt es sein Blut und andere mutmaßliche Körperteile als verehrte Reliquien. Da der Leichnam des Lorenz eigentlich verbrannt/geröstet worden sein soll, ist dies in der Tat höchst wunderlich, war aber als “story line” damals ausreichend, um die Massen der wundergierigen Bevölkerung zu begeistern, europaweit und darüber hinaus, schließlich wurde selbst noch der Saint Lawrence River nach jenem Heiligen benannt.

Inside the Tahara hall at the Jewish cemetery in Nuremberg, Schniegglinger Str. 155

1969/70 wurden die Grabsteine aus dem Turm entfernt  und – wie eine Tafel in der Tahara besagt – der heutigen Israelitischen Kultusgemeinde „im Zeichen der religiösen Verständigung“ überlassen. Drei der Stufengrabsteine wurden jeweils oberhalb von Widmungstafeln angebracht, der vierte Stein fand sich in einem seitlichem Nebenraum unter einem alten Tisch liegend, wofür kein plausibler Grund erkennbar war.

Tahara Hall at new Jewish cemetery of Nuremberg, Schnieglingen

Der mittelalterliche Judenkirchhof der Reichsstadt Nürnberg soll sich bei der Judengasse nahe des Lauferturms befunden haben, wahrscheinlich auf dem Gelände der auf beiden Seiten der zwischen der Judengasse und dem Martin-Treu-Gasse und entlang der vielsagenden Wunderburggasse gelegenen Innenhöfe, die bis heute im Grunde Parkanlagen geblieben sind.

Da die Grabsteine als Treppenstufen zugeschnitten wurden, ist entsprechend auch einiger Text der hebräischen Inschrift zerstört worden. Abgesehen von der Schändung des Friedhofs, der Zer-Störung der Totenruhe durch die Kleriker beweist dies zusätzlich auch eine schändliche kulturhistorische Barbarei, die an Primitivität und Pietätlosigkeit kaum zu überbieten ist. Es wäre auch ein arger Zufall, wenn nur vier Grabsteine vom Nürnberger Judenkirchhof benutzt worden wären und gerade sie “gefunden” wurden. Aber an einer Stätte zahlreicher anderer Wunder, wäre auch das eher nachrangig.

Es ist zwar nicht das Verdienst der unmenschlichen Gotteslästerer, jedoch wurden auf diese Weise Teile der Inschriften erhalten – was andernfalls jedoch komplett möglich gewesen wäre. Sie geben die Möglichkeit wesentliche Angaben der Grabsteininschriften zu lesen, ggf. auch sinngemäß zu ergänzen und so einige Daten zu retten und sodann auch anderen Informationen zuzuordnen.

Under the Hebrew “tomb – stair” is a plate which reads: “These tomb stones from the first Jewish cemetery in Nuremberg were ‘carried away’ (abgetragen) in 1349 and about 1352 were inserted as stpes of the stair of the south tower of the church St. Lawrence.”

Der erste der vier als Treppenstufen entweihte Grabstein wurde (Eli)schewa (=Eli/sabeth), der Tochter des R. Schlomo (Salomon) gewidmet, die vor 699 Jahren im Monat Tamus des Jahres 73, bzw. 5073 starb, was etwa dem Juli des Jahres 1313 nach dem römischen Kalender entspricht. Der gewiss notierte Todestag ist durch die mutwillige Beschädigung der Kirchenbauer leider nicht erhalten geblieben.

Der zweite Grabstein wurde möglicherweise einem Abraham Sohn des R. Israel gewidmet, der an einem Schabbes am 6. des Monats Schwat starb. Da der sechste des Monats etwa 27 mal in einem Jahrhundert auf einen Schabbes fällt, ist eine Jahreszahl nicht mehr zu bestimmen.

The plate under the memorial stones in Hebrew and German quotes the first half of a verse from the small book of the Biblical prophet Habakuk (2.11):  – כי אבן מקיר תזעק – for the stone will shout it out from the wall …

Auch der dritte Grabsteinrest der in der Tahara an der Seitenwand angebracht wurde, ist bereits sieben Jahrhunderte alt und gehörte zum Grab von R. Jechiel dem Sohn von R. Jitzchak, der an einem Donnerstag (Tag 5) des Monats Ijar im Jahr 70 (5070) starb, wofür der 1., 8., 15., 22. und 29. des Monats in Frage kämen. Der vor dem erhaltenen Monatsnamen winzige Überrest der Tagesziffer lässt am wahrscheinlichsten auf den 22. schließen. Der 22. Ijar 5070 entspräche im römischen Kalender Donnerstag, den 23. April 1310.

It has been unclear why the medieval tomb stone actually was lying under the table at the unclean floor (which of course does not harm the 700 year old stone), but of course it allowed to take actual measurements from the size of the “stairs”, what in contrary makes it possible to figure out the number of stairs in the 80 meter high towers of the church. 

Der vierte, abseits gelagerte Stein schließlich ist in Bezug auf die Restinschrift am schlechtesten erhalten. Eine Reihe der noch vorhandenen Buchstaben sind teilweise oder fast vollständig abgeblättert, weshalb eine Lesung sich bereits im Bereich des bloßen Rätselratens bewegt. Sicher ist nur, dass es sich um das Grabmal einer Frau (מרת) handelte, der für die Steintreppe der Nürnberger Lorenzkirche zerstört werden musste. Ihre Identität ist leider nicht mehr ermittelbar.

* * *

At the Tahara house in Nuremberg’s „new“ Jewish cemetery, established in 1910 are four medieval Hebrew grave markers, which in 1367 were robbed and abused by the Christian leaders of the St. Lawrence church as steps of a spiral stair which winded around a newel or central pole in the southern, some 90 yards high tower. The four remnants in spring 1970 were given “back” to the current Jewish community. It is not known, however, whether the four memorial stones coincidentally were the only ones, which 600 years earlier were ab-used as stairs in the tower(s) of the church. To suppose it actually would be way unlikely, but since the church is dedicated to a miracle effecting Christian saint, you’ll never know …

Since the head stones were cut as stairs, the inscriptions of the memorials are not preserved entirely. However, in some cases it still is possible to derive some information on it. One marker belonged to Elisabeth the daughter of Rabbi Shlomo. She died in the month of Tamuz in the year 5073, which corresponds with July 1313 in the Roman calendar. The second memorial stones likely is that of Rabbi Abraham son of Rabbi Israel, who died in the month of Shwat. Unfortunately the numbers of the year were cut off by the villains. The third stone belonged to Rabbi Yekhiel son of Rabbi Yitzchak who died most likely on Thursday 22nd of Iyar, which according to Roman calendar is 23rd of April in 1310. The fourth head stone is not exhibited in the Tahara hall, but lies at the floor of a side room. The inscription only in smaller parts is legible, so the only what is safe to say is that it was dedicated to a women.

Mystery: As mysterious as the medieval Hebrew tomb stone in the small side room of the Tahara under the table is, was also the reddish car top in the larger side room which rested on a loveseat sofa. Maybe the combination car-sofa and table-tomb stones have any casual relation.

Although one may say that, used as stairs in the tower of the church, the medieval Jewish tomb stones at least “survived”, it is more likely that without the desecration  it of course was much more likely that the stones would exist today undamaged. What attitude of mind actually requires the defilement of deliberately stolen and damaged tomb stones of other people as foundation.

figure at the face of the Nuremberg church, probably refering to the bell ringers who went up the spiral steps every day

Many thanks to Arno Hamburger and Astrid Schurig from the Jewish community of Nuremberg and to the honorable Mr. Peter Verbata.

בטהרה של בית הקברות היהודי בנירנברג יש 4 עבריים קברו אבנים מימי הבינייםאשר בשנת 1367 נגנבו מבית הקברות

המצבות נחתכו ושימש כמו מדרגות של המגדל הכנסייה סנט לורנס

שש מאות שנה לאחר בשנת 1970 הקהילה הנוצרית נתנה מצבות לקהילה היהודית של נירנברג


Gedenkstein für Mietek Pemper

August 6, 2012

June 2011

Am jüdischen Friedhof Augsburg im Stadtteil Hochfeld (Haunstetter Str./Alter Postweg) wurde im letzten Juni Mieczysław (Elimelech) Pemper beigesetzt, wo 1963 bereits sein Vater Jakob (ben Gabriel) bestattet wurde. „Mietek“ Pemper wurde 1920 in Polen geboren und lebte seit 1958 in Augsburg, wo er mit seinem Vater und seinem Bruder nach dem Tod seiner Mutter Rivka in Polen übersiedelte. Anders als sein Bruder Stefan (geb. 1924) hatte Mietek keine eigenen Nachkommen.

פ נ

איש תם וישר

כל ימיו הלך בדרכי ה

ר יעקב פמפר

בן גבריאל אלתר

נפטר כט טבת תשפג

חבל על דאבדין

ולא משתכחין

תנצבה

Jakob Pemper

30. 8.1888 – 24. 1.1963

Die fast ausschließlich hebräisch gehaltene Inschrift des Grabsteins wurde von Mietek Pemper veranlasst, der seinem Vater Jakob ben Gabriel Alter nach der gebräuchlichen Formel attestiert, dass er ein bescheidener und geradliniger Mann war, der alle Tage auf dem Pfad Gottes ging. Auffallend ist dabei die vokallose hebräische Schreibweise des Familiennamens als פמפר, wo dieser ansonsten jüdisch als פעמפער transkribiert wird, was sodann aber auch der Schreibweise der weltbekannten Windel von Procter & Gamble entspricht.

June 2012

Im Juni nun wurde der Grabstein Mietek Pempers am jüdischen Friedhof Hochfeld in Augsburg aufgerichtet, der nun jedoch überwiegend in deutscher Sprache formuliert wurde, ansonsten aber dem Vorbild des Vaters etwas ähnelt.

פ נ

Mieczyslaw Pemper

ר אלימלך בן ר יעקב

24. 3.1920 Krakau

7. 6.2011 Augsburg

Wer ein Leben rettet,

rettet die ganze Welt

Ehrenbürger der Stadt Augsburg

תנצבה

Die hebräische Inschrift bezeichnet ihn als R. Elimelech Sohn des R. Jakow, wobei ר אלימלך natürlich an den bekannten jüdischen Klassiker erinnert, der davon handelt dass der fröhliche Rebbe zu musizieren anfängt und seine Pauken- und Zimbelspieler dazuruft:

As der Rebbe Elimelech is geworn sejer frelech, is geworn sejer frelech Elimelech, hat er oisgetan di fidl, hot er oisgetan di briln und geschikt nach di paiklers di zwe.

Und as di paikeldike paiklers haben paikeldik gepaikelt, haben paikeldik gepaikelt haben se …”

Das Stück gehört längst zum festen Repertoire “jidischer Liderler”, viel zu oft in einer Weise dargeboten, die Menschen die noch laufen können in der Regel sehr schnell vertreibt:

Zum Vergleich aber die entstaubte Hardcore-Variante der jidischen Metalband Gevolt (eine Art “Rammstein”):


Augsburger Rabbiner: Reuven Unger

August 3, 2012

הרב ראובן אונגר באוגסבורג

Im November 1997, vor nunmehr annähernd 15 Jahren trat der  1937 in Jerusalem geborene Reuven Unger als erster festabgestellter Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Augsburg  seit der Niederlage des Nazi-Regimes sein Amt an. Seine erste öffentlichkeitswirksame Handlung war im Rahmen einer Veranstaltung zur sog. „Reichskristallnacht“:

Augsburger Allgemeine, Montag 10. November  1997:

Über Nacht gab es keine jüdische Kultur

Gedenkfeier in Synagoge zur Pogromnacht von 1938

Vor dem Eingang weht der blaue Davidstern mit schwarzem Trauerflor, im Vorhof brennen zwei Kerzen, sechs weitere zündet Rabbiner Reuven Unger in der Synagoge an. Die Kinder Israels trauern über die Nacht, die vor 59 Jahren die jüdische Kultur in Deutschland ausgelöscht hat.

 

„In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 klirrten die Fensterscheiben von jüdischen Geschäften, Wohnungen und Bethäusern, und Sie können den schrillen Ton noch immer hören“, eröffnete Dr. Iradj Neman, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, gestern Abend die Gedenkfeier. Zerstört worden sei damals mehr, als sichtbar war. Neman: Jüdische Nachbarn, Kollegen, Freunde. Über Nacht gab es keine jüdische Kultur mehr.“

Über 400 Synagogen hatten fanatische Einsatzgruppen und Sonderkommandos in der „Reichskristallnacht“ verwüstet und in Brand gesteckt. Die Heiligen Schriften, nach Nemans Worten Fundament jeder Religion, wurden entweiht und vernichtet. 94 Menschen wurden in dieser Nacht ermordet, zahlreiche weitere gequält oder vergewaltigt, 30.000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. „Kein anderes Volk hat die Erfahrung von Erniedrigung und Gewalttätigkeit in solcher Tiefe erlebt“, äußerte Neman Verständnis für traumatische Erinnerungen, die lieber verdrängt würden.

Mit der Vergegenwärtigung der Dunkelheit verband der Gemeindepräsident die Hoffnung auf die Helligkeit des Morgens. „An jedem neuen Morgen sind wir aufgefordert, eine Zukunft mitzugestalten, die geprägt ist von Toleranz und Mitmenschlichkeit“, sagt er.

Rabbiner Unger rief mit Psalm 83 zu Gott, die Feinde Israels abzuwehren „wie Feuer, das den Wald versengt“. Zuvor führte er beredte Klage: „Deine Gegner verheeren dein Haus, wider dein Volk ersinnen sie listige Pläne“. Sie sprechen: Kommt tilgen wir sie aus.“

http://www.augsburger-allgemeine.de/

Erst drei Tage später musste der Redaktion aufgefallen sein, dass sie im Zuge der Gedenkfeier an das Geschehen von 1938 irgendwie vergessen hatte, den bereits genannten Rabbiner als solchen ihrer Leserschaft überhaupt mal vorzustellen:

 

Augsburger Allgemeine, 13. November 1997

Zur Person: Rabbiner Reuven Unger

„Streng ist er nur gegen sich selbst“

Sieht so ein orthodoxer Rabbiner aus? Schläfenlocken und Kaftan fehlen, allenfalls mit einem mächtigen schlohweißen Bart kann der fast 61jährige Reuven Unger dienen. In der Augsburger Israelitischen Kultusgemeinde ist er der erste Rabbiner nach 59 Jahren. Sein Vorgänger verließ drei Tage nach der schrecklichen „Kristallnach“ das Land: unter den erlittenen Misshandlungen im Konzentrationslager Dachau waren ihm die Augen aufgegangen, dass jüdisches Leben ausgelöscht werden sollte.

 Jetzt wird die Augsburger Gemeinde wieder zu normalen Verhältnissen zurückkehren. Gemeindepräsident Iradj Neman sieht seinen Traum in Erfüllung gegangen. Anderen Juden dagegen ist der neue „Rebbe“ nicht geheuer. Sie fürchten Gängelung und Engstirningkeit.

 Doch in Rabbi Ungers Reden ist nichts kompromißloses: „Ich lasse einen jeden leben, wie er lebt, und mische mich nicht ein in seine privaten Angelegenheiten.“ Lediglich für sich selbst nimmt er ein konsequentes jüdisches Leben nach den 613 Geboten und Verboten der Thora in Anspruch: „Ich möchte nicht gezwungen sein, gegen mein Gewissen zu handeln“, lautet die Maxime, die sich in einem kurzen Dienstjahr bei der Berliner Richtungsgemeinde Adass Jisroel geschärft hat.

Schochet und Mohel

 Reuven Unger weiß, dass inzwischen russische Zuwanderer die Mehrheit der etwa 1000 Mitglieder der Kultusgemeinde bilden. Er versteht, dass sie wenig religiöse Kenntnisse mitbringen. „Die Leute waren 70 Jahre unter dem atheistischen Kommunismus, und an manchen Orten war es gefährlich, sich als Jude auszugeben“. Seine Aufgabe sei es, in sie „in bisschen Judentum hineinzubringen“. Dass er selbst kein Russisch spricht, mache nichts aus. Erforderlichenfalls gibt es Dolmetscher – oder das Jiddische.

Bei Rabbi Unger liegt diese Sprache in der Familie. Bereits 1888 ist sie von Galizien nach Palästina übersiedelt. Reuven Unger wurde in Jerusalem geboren. Er wurde zum Rabbiner ausgebildet und gleichzeitig in der hohen Kunst des Schächtens als Schochet und des Beschneidens als Mohel. Im Laufe des Berufslebens in Israel kamen Erfahrungen in der Religionsverwaltung dazu. Im Jahre 1985 rief man ihn nach Frankfurt als Schochet und damals einzigen Mohel in ganz Deutschland.

Was in Augsburg auf ihn zukommen wird, kann Unger noch nicht absehen. Sein Religionsunterricht wird gerade organisiert. Auch um die Eltern wird er sich kümmern, außerdem predigen, trauen, beerdigen und, wenn es wieder mal so ist, einen Buben beschneiden. Gegen das christliche Umfeld will er sich nicht abschotten. Und für Auskünfte steht Reuven Unger „gern zur Verfügung“.

http://www.augsburger-allgemeine.de/

* * *

Die folgenden Jahre waren trotz aller guter Vorsätze von starken Spannungen geprägt, die mitunter sogar in gewalttätige Auseinandersetzungen, Anzeigen und Gegenklagen, etc. ausarteten die bundesweit als „Augsburger Verhältnisse“ und abschreckendes Beispiel für eine völlig misslungene Integration galten. Bei aus dem Ruder laufenden Konflikten stellt sich eine “Schuld”-Frage in der Regel nicht, eher wieviele der Beteiligten bereits die Volljährigkeit erreicht haben und in der Regel ist es so wenig nachzuvollziehen wie interessant, wer wen zuerst beleidigt oder issverstanden haben soll, da Streithähne in der Regel ohnehin dazu tendieren, die eigene Partei milde zu berurteilen und die gegnerische unnachgiebig. Das ist nich neu. Das ist nicht originell. Im Kern ging es wie so oft um Kompetenzen, wobei die Art der Auseiandersetzung von sehr unterschiedlichen kulturellen wie religiösen Voraussetzungen gepägt wurden.

In früheren Zeiten war dies nicht anders und zumindest das neuzeitliche Augsburg galt imemr schon als “heißes Pflaster” für Rabbiner und Kontroversen, seitdem sie auf Lehrer aus Pfersee und Kriegshaber verzichten wollten und konnten. Der erste Rabbiner der Neuzeit war Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902), war noch in Ungande der Gemeinde gefallen und frsitlos entlassen worden. Als 1871 die jüdischen Reformrabbiner Deutschland zu einer “Synode” in Augsburg tagten stellte ihnen die Stadt Augsburg großzügig den Goldenen Saal zur Verfügung. Die jüdische Gemeinde vor Ort, die damals ihre Synagoge und Sitz in der Wintergasse hatte, wollte von der Veranstaltung nichts wissen, während Hirschfeld sich dafür erwärmen konnte und anlündigte, als Augsburger Rabbiner daran teilzunehmen. Darauf beschloss Salomon Rosenbusch als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde  mit dem Vorstand, Hirschlfeld eben kurzerhand zu entlassen. Nun konnte er zwar an der “Synode” teilnehmen, jedoch nicht als Vertreter der Gemeinde von Augsburg, in deren Stadt die Tagung stattfand. An gegenseitigen Spott fehlte es in keiner Weise. Hirschfelds Nachfolger Heinrich Gross, wie er aus Ungarn stammend, gelang es hingegen einen harmonischen Ausgleich zwischen Reformen und Tranditionalisten hinzubekommen. Sein Nachfolger Richard Grünfeld hingegen verstärkte als ausgesprochener Liberaler die früheren Gegensätze. In seiner Amtszeit wurde zwar die neue Synagoge an der Halderstraße eingeweiht, jedoch erfuhr die Synagoge in Kriegshaber zugleich wachsenden Zulauf der sog. Orthodoxen, die keinen Gefallen hatte an opernhaften Gesangseinlagen und vergleichbaren Inszenierungen. Die Amtszeit Walter Jacobs, auch er war ein Reformrabbiner, bis 1938 konnte keine Akzente mehr setzen, zu sehr war bereits der Alltag überschattet von den aufkommenden Nazi-Horden, die immer größer wurden und normale Bürger mit Hass und Neid infizierten. Die Geschichte ist bekannt.

Nahm man früher an Reuven Unger Anstoss, hielt ihn für zu “streng” hielten und meinte, er würde die Juden von der restlichen Stadtgemeinde zu sehr abgrenzen, so sehnen sich heute – ironischerweise – nicht wenige wieder ganz umgekehrt nach einem “echten” Rabbiner wie ihn zurück, der zumindest die Grundregeln der Halacha ernst nimmt und nicht nach Belieben auslegt und sich insgesamt eher an Nichtjuden ausrichtet, wie manche seinem seit 2004 in Augsburg tätigen, bald 85jährigen Nachfolger Dr. h.c. Henry Brandt unterstellen, der zudem noch Rabbiner der kontroversen Reformgemeinde von Bielefeld ist und vielleicht auch deshalb nicht genug Zeit hat.


Jüdischer Friedhof Kriegshaber: Nicht die Zeit heilt Wunden, sondern Pflege

August 2, 2012

Babette Obermayer / Wertheimer (1794-1850) wurde in Kriegshaber gegenüber der ehemaligen Synagoge geboren. Sie war die Tochter des Kriegshaber und Augsburger Bankiers Jakob Obermayer (1755-1828) und der Ida Oppenheimer (1765-1845) aus Pfersee und die jüngere Schwester des Bankiers und Eisenbahn-Pioniers Isidor Obermayer (1783-1862), der in Augsburg das heutige Augsburger Standesamt an der Maximilianstraße/Heilig Grab Gasse als Wohnhaus der Familie erworben hatte.

Durch ihre Heirat mit dem aus Regensburg stammenden Siegfried (Isaak) Wertheimer (1777-1836) wurde sie zur innig geliebten Stiefmutter von Ferdinand Wertheimer (1817-1883), des späteren oberösterreichischen Landtagsabgeordneten, Agrarökonom, Gutsbesitzer, Eisenbahnbauer und Ehrenbürger von Braunau, Ried und Ranshofen. Da Ferdinand Wertheimer Ehrenbürger Braunaus war und Adolf Hitler in der Kapelle auf dem Gutshof der Wertheimer getauft wurde, lag die Vermutung nahe, dass die Schändung seine Grabes und das seiner Stiefmutter, die öfter für seine leibliche Mutter gehalten wurde, in diesem Zusammenhang veranlasst worden sein konnte. Das Grabmal – eine Gruft – der am 14. April 1850 in Wien verstorbenen und eine Woche später am jüdischen Friedhof von Kriegshaber / Pfersee beigesetzten Babette Wertheimer, war über Jahrzehnte offen und es kostete in den letzten Jahren stetige Mühe die unakzeptable Schande immer wieder aufs neue zu thematisieren.

Umso erfreuter und erleichterter waren wir nun, dass es nun endlich gelang, alle Verantwortlichen so weit zu bringen, die Verantwortung zu übernehmen, um die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen (unachtsame Besucher, darunter auch über die Mauer kletternde Kinder konnten ggf. in die offene Gruft hinein sinken, die mit allerlei Zivilisationsmüll übersät war …) vorzunehmen und das offene Grab endlich zu schließen. Unser ausdrücklicher Dank gilt hierbei dem neuen Friedhofsdezernent des Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Herrn Martin David Kurz, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Augsburg Schwaben Herrn Alexander Mazo und dem zuständigen Friedhofsbeauftragten Herrn Alexander Baron, und dem ausführenden Steinmetz Herbert Böllner.

Unser Dank gilt allen Genannten in gleicher Weise auch in Bezug auf die Beseitigung einer weiteren Schande, nämlich, das gleich in der Nähe befindliche Grabmal des Carl von Obermayer (1811-1889), des Sohnes des oben genannten Isidor Obermayer, dem ersten formellen Vorsitzenden der neuzeitlichen Augsburger jüdischen Gemeinde unter dessen Leitung ein Wohnhaus in der Wintergasse zur Synagoge umgebaut und der Grabplatz für den eigenen jüdischen Friedhof im Augsburger Stadtteil Hochfeld zwischen Altem Postweg und Haunstetter Straße erworben wurde. Er war zudem Oberst der Landwehr alter Ordnung in Augsburg und damit ranghöchster jüdischer Offizier in Bayern, darüber hinaus ein bedeutender Militärstratege, Mäzen, Opernliebhaber und schließlich auch lange Zeit Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Bayern. Unsere Bemühungen, ihn im Jahre 2011 anlässlich seines 20o. Geburtstag seitens der Stadt Augsburg würdigen zu lassen, waren trotz lokaler und internationaler Unterstützung leider vergeblich. Nun jedoch wurde nach langen Jahren vergeblicher Bemühungen, zu denen wir selbst auch den (moralischen) Beistand eines Bundeswehrgenerals erhielten, gelang es nun doch, seine seit Jahren zerschlagene endlich zu wiederherzustellen und eine weitere schändliche Wunde am Kriegshaber Friedhof zu heilen.

Nichtsdesto trotz wurden eine Menge noch bestehender, aber auch neuer Probleme ofenbar, die keine weiteren Jahre oder gar jahrzehnte sich hinschleppende Querelen ertragen können. Es zeigt sich nämlich im Bereich des alle kümmernden Denkmalschutzes im Sinne der Halacha, dass die Zeit keine Wunden heilt, sondern nur Taten und kontinuierliche Pflege. Es ist ein Mitzwa und ein Gebot des Anstands, alle Kräfte zu bündeln, um das Andenken and die Menschen aufrechtzuerhalten.

One moth earlier it looked liked this:

* * *

Decades and years after the willful destruction of the grave markers of Ferdinand Wertheimer and his alleged mother (actually she was his step mother) Babette Wertheimer as well as the memorial of Carl von Obermayer, it finally was possible to prevail on the owners and responsible people to recover the peace and honor of the deceased and to remove two major eyesores and stain on the reputation of the Cemetery, community and region, hardly any took notice for decades, although the buried during their lifetime were well known personalities of high international renown. The “open grave” (actually a small vault) of Babette Wertheimer (nee Obermayer), probably desecrated by the Nazi now was stabilized and covered. Also the grave marker of Carl von Obermayer who was Consul of the United States of America (appointed by US President James Knox Polk (1795 – 1849)himself, which was smashed for many years now was stabilized and the honor of the buried now was restored.

Many thanks to the stone masons for their tremendous work and to the bodies of the Jewish Community of Augsburg and the Assosiation of Jewish Communities in Bavaria as legal owner, resp. and customer of the long overdue works in order to protect the unique munuments.

Lets hope that the vigor may be maintained, since there are a number of open problems as well as newly created ones who need immediate and responsible action and no further delay or neglect for years or maybe decades. Once again it turned out that regarding monument protection times does not heal wounds of the past, but constantly taking care: to walk the talk.

 


Vor 10 Jahren: Augsburger Rabbiner entkommt Anschlag

August 1, 2012

Ende Juli vor zehn Jahren berichtete u.a. die Augsburger Allgemeine die ungewöhnliche Schlagzeile von einem heimtückischen Mordanschlag auf den aus Jerusalem stammenden damaligen orthodoxen Rabbiner Ruven Unger, der später nach Hannover ging, wo er ebenfalls nicht glücklich wurde und zuletzt in Bad Nauheim war.

 

Hier der damalige Bericht der netzeitung:

 

Augsburger Rabbiner entkommt Anschlag

Der Leiter der jüdischen Gemeinde in Augsburg ist offenbar knapp einem Attentat entgangen. Unbekannte hatten die Bremsen seines Auto manipuliert.

AUGSBURG. Auf den Augsburger Rabbiner Reuven Unger ist offenbar ein Anschlag verübt worden. Unbekannte hatten den Bremsschlauch seines Autos manipuliert, wie die «Augsburger Allgemeine» am Freitag berichtete.

 

Ehefrau zog Handbremse

Dem Bericht zufolge fühlt sich der Rabbiner von Angehörigen seiner eigenen Kultusgemeinde bedroht. Als Ungers Frau mit dem Auto aus dem Hof der Synagoge herausfahren wollte, bemerkte sie, dass die Bremse nicht funktionierte, und zog die Handbremse. Zu einem Unfall kam es nicht. Unger erstattete Anzeige gegen Unbekannt.

Der 65-jährige Rabbiner, der die rund 900 Mitglieder zählende israelitische Kultusgemeinde seit 1997 leitet, ist nach Informationen der Zeitung in seiner Gemeinde umstritten.

Gemeindestreit als mögliches Tatmotiv

Nachdem ihm Arbeitsverweigerung und Verletzung der Dienstpflichten vorgeworfen worden waren, wurde ihm im Februar dieses Jahres fristlos gekündigt. Unger erhielt nach einer Einigung mit der Gemeinde sein Amt zurück. Die Querelen gingen aber nach Angaben der Zeitung weiter. Die Augsburger Kripo ermittelt. (ddp)

http://www.netzeitung.de/kultur/153177.html