Mittelalterliche hebräische Grabsteine in Nürnberg


Der (bereits nicht mehr so ganz) „neue“ jüdische Friedhof westlich des Westfriedhofs an der Schnieglinger Straße 155 im gleichnamigen Stadtteil Schnieglingen gelegen hat eine Gesamtfläche von rund 3 ha (1916 und in der Literatur bis heute als aktueller Wert zitiert: 4 ha), wovon derzeit etwas über 1,4 ha mit Gräbern belegt und weitere 0,5 ha an freien Grabflächen vorhanden sind.

In der stattlichen Tahara befinden sich vier mittelalterliche Grabsteine, die im Jahre 1367 vom damals zerstörten jüdischen Friedhof der Stadt geraubt und als Treppenstufen des etwa 80 Meter hohen Südturms der Nürnberger Lorenz-Kirche missbraucht wurden.

St. Lawrence church Nuremberg / St. Lorenz Nürnberg

Die Kirche ist dem in das dritte christliche Jahrhundert datierten Schutzheiligen „Laurentuius“ geweiht, der zusammen mit Sebald auch christlicher „Schutzpatron“ der Stadt Nürnberg ist. Wohl weil er der Legende nach als Märtyrer starb und auf einem Gitterrost verbrannt wurde („Laurentius mit dem Roste“), gilt er frommen Christen u.a. als Schutzheiliger der Köche, wird aber auch von Gläubigen angebetet, die Hautprobleme haben. Während eine Kirche in Rom behauptet, den Rost auf den Laurentius gebraten worden sein soll, zu besitzen, soll sich der Kopf des Heiligen eigenartigerweise in Mönchengladbach befinden. Anderswo gibt es sein Blut und andere mutmaßliche Körperteile als verehrte Reliquien. Da der Leichnam des Lorenz eigentlich verbrannt/geröstet worden sein soll, ist dies in der Tat höchst wunderlich, war aber als “story line” damals ausreichend, um die Massen der wundergierigen Bevölkerung zu begeistern, europaweit und darüber hinaus, schließlich wurde selbst noch der Saint Lawrence River nach jenem Heiligen benannt.

Inside the Tahara hall at the Jewish cemetery in Nuremberg, Schniegglinger Str. 155

1969/70 wurden die Grabsteine aus dem Turm entfernt  und – wie eine Tafel in der Tahara besagt – der heutigen Israelitischen Kultusgemeinde „im Zeichen der religiösen Verständigung“ überlassen. Drei der Stufengrabsteine wurden jeweils oberhalb von Widmungstafeln angebracht, der vierte Stein fand sich in einem seitlichem Nebenraum unter einem alten Tisch liegend, wofür kein plausibler Grund erkennbar war.

Tahara Hall at new Jewish cemetery of Nuremberg, Schnieglingen

Der mittelalterliche Judenkirchhof der Reichsstadt Nürnberg soll sich bei der Judengasse nahe des Lauferturms befunden haben, wahrscheinlich auf dem Gelände der auf beiden Seiten der zwischen der Judengasse und dem Martin-Treu-Gasse und entlang der vielsagenden Wunderburggasse gelegenen Innenhöfe, die bis heute im Grunde Parkanlagen geblieben sind.

Da die Grabsteine als Treppenstufen zugeschnitten wurden, ist entsprechend auch einiger Text der hebräischen Inschrift zerstört worden. Abgesehen von der Schändung des Friedhofs, der Zer-Störung der Totenruhe durch die Kleriker beweist dies zusätzlich auch eine schändliche kulturhistorische Barbarei, die an Primitivität und Pietätlosigkeit kaum zu überbieten ist. Es wäre auch ein arger Zufall, wenn nur vier Grabsteine vom Nürnberger Judenkirchhof benutzt worden wären und gerade sie “gefunden” wurden. Aber an einer Stätte zahlreicher anderer Wunder, wäre auch das eher nachrangig.

Es ist zwar nicht das Verdienst der unmenschlichen Gotteslästerer, jedoch wurden auf diese Weise Teile der Inschriften erhalten – was andernfalls jedoch komplett möglich gewesen wäre. Sie geben die Möglichkeit wesentliche Angaben der Grabsteininschriften zu lesen, ggf. auch sinngemäß zu ergänzen und so einige Daten zu retten und sodann auch anderen Informationen zuzuordnen.

Under the Hebrew “tomb – stair” is a plate which reads: “These tomb stones from the first Jewish cemetery in Nuremberg were ‘carried away’ (abgetragen) in 1349 and about 1352 were inserted as stpes of the stair of the south tower of the church St. Lawrence.”

Der erste der vier als Treppenstufen entweihte Grabstein wurde (Eli)schewa (=Eli/sabeth), der Tochter des R. Schlomo (Salomon) gewidmet, die vor 699 Jahren im Monat Tamus des Jahres 73, bzw. 5073 starb, was etwa dem Juli des Jahres 1313 nach dem römischen Kalender entspricht. Der gewiss notierte Todestag ist durch die mutwillige Beschädigung der Kirchenbauer leider nicht erhalten geblieben.

Der zweite Grabstein wurde möglicherweise einem Abraham Sohn des R. Israel gewidmet, der an einem Schabbes am 6. des Monats Schwat starb. Da der sechste des Monats etwa 27 mal in einem Jahrhundert auf einen Schabbes fällt, ist eine Jahreszahl nicht mehr zu bestimmen.

The plate under the memorial stones in Hebrew and German quotes the first half of a verse from the small book of the Biblical prophet Habakuk (2.11):  – כי אבן מקיר תזעק – for the stone will shout it out from the wall …

Auch der dritte Grabsteinrest der in der Tahara an der Seitenwand angebracht wurde, ist bereits sieben Jahrhunderte alt und gehörte zum Grab von R. Jechiel dem Sohn von R. Jitzchak, der an einem Donnerstag (Tag 5) des Monats Ijar im Jahr 70 (5070) starb, wofür der 1., 8., 15., 22. und 29. des Monats in Frage kämen. Der vor dem erhaltenen Monatsnamen winzige Überrest der Tagesziffer lässt am wahrscheinlichsten auf den 22. schließen. Der 22. Ijar 5070 entspräche im römischen Kalender Donnerstag, den 23. April 1310.

It has been unclear why the medieval tomb stone actually was lying under the table at the unclean floor (which of course does not harm the 700 year old stone), but of course it allowed to take actual measurements from the size of the “stairs”, what in contrary makes it possible to figure out the number of stairs in the 80 meter high towers of the church. 

Der vierte, abseits gelagerte Stein schließlich ist in Bezug auf die Restinschrift am schlechtesten erhalten. Eine Reihe der noch vorhandenen Buchstaben sind teilweise oder fast vollständig abgeblättert, weshalb eine Lesung sich bereits im Bereich des bloßen Rätselratens bewegt. Sicher ist nur, dass es sich um das Grabmal einer Frau (מרת) handelte, der für die Steintreppe der Nürnberger Lorenzkirche zerstört werden musste. Ihre Identität ist leider nicht mehr ermittelbar.

* * *

At the Tahara house in Nuremberg’s „new“ Jewish cemetery, established in 1910 are four medieval Hebrew grave markers, which in 1367 were robbed and abused by the Christian leaders of the St. Lawrence church as steps of a spiral stair which winded around a newel or central pole in the southern, some 90 yards high tower. The four remnants in spring 1970 were given “back” to the current Jewish community. It is not known, however, whether the four memorial stones coincidentally were the only ones, which 600 years earlier were ab-used as stairs in the tower(s) of the church. To suppose it actually would be way unlikely, but since the church is dedicated to a miracle effecting Christian saint, you’ll never know …

Since the head stones were cut as stairs, the inscriptions of the memorials are not preserved entirely. However, in some cases it still is possible to derive some information on it. One marker belonged to Elisabeth the daughter of Rabbi Shlomo. She died in the month of Tamuz in the year 5073, which corresponds with July 1313 in the Roman calendar. The second memorial stones likely is that of Rabbi Abraham son of Rabbi Israel, who died in the month of Shwat. Unfortunately the numbers of the year were cut off by the villains. The third stone belonged to Rabbi Yekhiel son of Rabbi Yitzchak who died most likely on Thursday 22nd of Iyar, which according to Roman calendar is 23rd of April in 1310. The fourth head stone is not exhibited in the Tahara hall, but lies at the floor of a side room. The inscription only in smaller parts is legible, so the only what is safe to say is that it was dedicated to a women.

Mystery: As mysterious as the medieval Hebrew tomb stone in the small side room of the Tahara under the table is, was also the reddish car top in the larger side room which rested on a loveseat sofa. Maybe the combination car-sofa and table-tomb stones have any casual relation.

Although one may say that, used as stairs in the tower of the church, the medieval Jewish tomb stones at least “survived”, it is more likely that without the desecration  it of course was much more likely that the stones would exist today undamaged. What attitude of mind actually requires the defilement of deliberately stolen and damaged tomb stones of other people as foundation.

figure at the face of the Nuremberg church, probably refering to the bell ringers who went up the spiral steps every day

Many thanks to Arno Hamburger and Astrid Schurig from the Jewish community of Nuremberg and to the honorable Mr. Peter Verbata.

בטהרה של בית הקברות היהודי בנירנברג יש 4 עבריים קברו אבנים מימי הבינייםאשר בשנת 1367 נגנבו מבית הקברות

המצבות נחתכו ושימש כמו מדרגות של המגדל הכנסייה סנט לורנס

שש מאות שנה לאחר בשנת 1970 הקהילה הנוצרית נתנה מצבות לקהילה היהודית של נירנברג

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