Augsburger Rabbiner: Reuven Unger


הרב ראובן אונגר באוגסבורג

Im November 1997, vor nunmehr annähernd 15 Jahren trat der  1937 in Jerusalem geborene Reuven Unger als erster festabgestellter Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Augsburg  seit der Niederlage des Nazi-Regimes sein Amt an. Seine erste öffentlichkeitswirksame Handlung war im Rahmen einer Veranstaltung zur sog. „Reichskristallnacht“:

Augsburger Allgemeine, Montag 10. November  1997:

Über Nacht gab es keine jüdische Kultur

Gedenkfeier in Synagoge zur Pogromnacht von 1938

Vor dem Eingang weht der blaue Davidstern mit schwarzem Trauerflor, im Vorhof brennen zwei Kerzen, sechs weitere zündet Rabbiner Reuven Unger in der Synagoge an. Die Kinder Israels trauern über die Nacht, die vor 59 Jahren die jüdische Kultur in Deutschland ausgelöscht hat.

 

„In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 klirrten die Fensterscheiben von jüdischen Geschäften, Wohnungen und Bethäusern, und Sie können den schrillen Ton noch immer hören“, eröffnete Dr. Iradj Neman, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, gestern Abend die Gedenkfeier. Zerstört worden sei damals mehr, als sichtbar war. Neman: Jüdische Nachbarn, Kollegen, Freunde. Über Nacht gab es keine jüdische Kultur mehr.“

Über 400 Synagogen hatten fanatische Einsatzgruppen und Sonderkommandos in der „Reichskristallnacht“ verwüstet und in Brand gesteckt. Die Heiligen Schriften, nach Nemans Worten Fundament jeder Religion, wurden entweiht und vernichtet. 94 Menschen wurden in dieser Nacht ermordet, zahlreiche weitere gequält oder vergewaltigt, 30.000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. „Kein anderes Volk hat die Erfahrung von Erniedrigung und Gewalttätigkeit in solcher Tiefe erlebt“, äußerte Neman Verständnis für traumatische Erinnerungen, die lieber verdrängt würden.

Mit der Vergegenwärtigung der Dunkelheit verband der Gemeindepräsident die Hoffnung auf die Helligkeit des Morgens. „An jedem neuen Morgen sind wir aufgefordert, eine Zukunft mitzugestalten, die geprägt ist von Toleranz und Mitmenschlichkeit“, sagt er.

Rabbiner Unger rief mit Psalm 83 zu Gott, die Feinde Israels abzuwehren „wie Feuer, das den Wald versengt“. Zuvor führte er beredte Klage: „Deine Gegner verheeren dein Haus, wider dein Volk ersinnen sie listige Pläne“. Sie sprechen: Kommt tilgen wir sie aus.“

http://www.augsburger-allgemeine.de/

Erst drei Tage später musste der Redaktion aufgefallen sein, dass sie im Zuge der Gedenkfeier an das Geschehen von 1938 irgendwie vergessen hatte, den bereits genannten Rabbiner als solchen ihrer Leserschaft überhaupt mal vorzustellen:

 

Augsburger Allgemeine, 13. November 1997

Zur Person: Rabbiner Reuven Unger

„Streng ist er nur gegen sich selbst“

Sieht so ein orthodoxer Rabbiner aus? Schläfenlocken und Kaftan fehlen, allenfalls mit einem mächtigen schlohweißen Bart kann der fast 61jährige Reuven Unger dienen. In der Augsburger Israelitischen Kultusgemeinde ist er der erste Rabbiner nach 59 Jahren. Sein Vorgänger verließ drei Tage nach der schrecklichen „Kristallnach“ das Land: unter den erlittenen Misshandlungen im Konzentrationslager Dachau waren ihm die Augen aufgegangen, dass jüdisches Leben ausgelöscht werden sollte.

 Jetzt wird die Augsburger Gemeinde wieder zu normalen Verhältnissen zurückkehren. Gemeindepräsident Iradj Neman sieht seinen Traum in Erfüllung gegangen. Anderen Juden dagegen ist der neue „Rebbe“ nicht geheuer. Sie fürchten Gängelung und Engstirningkeit.

 Doch in Rabbi Ungers Reden ist nichts kompromißloses: „Ich lasse einen jeden leben, wie er lebt, und mische mich nicht ein in seine privaten Angelegenheiten.“ Lediglich für sich selbst nimmt er ein konsequentes jüdisches Leben nach den 613 Geboten und Verboten der Thora in Anspruch: „Ich möchte nicht gezwungen sein, gegen mein Gewissen zu handeln“, lautet die Maxime, die sich in einem kurzen Dienstjahr bei der Berliner Richtungsgemeinde Adass Jisroel geschärft hat.

Schochet und Mohel

 Reuven Unger weiß, dass inzwischen russische Zuwanderer die Mehrheit der etwa 1000 Mitglieder der Kultusgemeinde bilden. Er versteht, dass sie wenig religiöse Kenntnisse mitbringen. „Die Leute waren 70 Jahre unter dem atheistischen Kommunismus, und an manchen Orten war es gefährlich, sich als Jude auszugeben“. Seine Aufgabe sei es, in sie „in bisschen Judentum hineinzubringen“. Dass er selbst kein Russisch spricht, mache nichts aus. Erforderlichenfalls gibt es Dolmetscher – oder das Jiddische.

Bei Rabbi Unger liegt diese Sprache in der Familie. Bereits 1888 ist sie von Galizien nach Palästina übersiedelt. Reuven Unger wurde in Jerusalem geboren. Er wurde zum Rabbiner ausgebildet und gleichzeitig in der hohen Kunst des Schächtens als Schochet und des Beschneidens als Mohel. Im Laufe des Berufslebens in Israel kamen Erfahrungen in der Religionsverwaltung dazu. Im Jahre 1985 rief man ihn nach Frankfurt als Schochet und damals einzigen Mohel in ganz Deutschland.

Was in Augsburg auf ihn zukommen wird, kann Unger noch nicht absehen. Sein Religionsunterricht wird gerade organisiert. Auch um die Eltern wird er sich kümmern, außerdem predigen, trauen, beerdigen und, wenn es wieder mal so ist, einen Buben beschneiden. Gegen das christliche Umfeld will er sich nicht abschotten. Und für Auskünfte steht Reuven Unger „gern zur Verfügung“.

http://www.augsburger-allgemeine.de/

* * *

Die folgenden Jahre waren trotz aller guter Vorsätze von starken Spannungen geprägt, die mitunter sogar in gewalttätige Auseinandersetzungen, Anzeigen und Gegenklagen, etc. ausarteten die bundesweit als „Augsburger Verhältnisse“ und abschreckendes Beispiel für eine völlig misslungene Integration galten. Bei aus dem Ruder laufenden Konflikten stellt sich eine “Schuld”-Frage in der Regel nicht, eher wieviele der Beteiligten bereits die Volljährigkeit erreicht haben und in der Regel ist es so wenig nachzuvollziehen wie interessant, wer wen zuerst beleidigt oder issverstanden haben soll, da Streithähne in der Regel ohnehin dazu tendieren, die eigene Partei milde zu berurteilen und die gegnerische unnachgiebig. Das ist nich neu. Das ist nicht originell. Im Kern ging es wie so oft um Kompetenzen, wobei die Art der Auseiandersetzung von sehr unterschiedlichen kulturellen wie religiösen Voraussetzungen gepägt wurden.

In früheren Zeiten war dies nicht anders und zumindest das neuzeitliche Augsburg galt imemr schon als “heißes Pflaster” für Rabbiner und Kontroversen, seitdem sie auf Lehrer aus Pfersee und Kriegshaber verzichten wollten und konnten. Der erste Rabbiner der Neuzeit war Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902), war noch in Ungande der Gemeinde gefallen und frsitlos entlassen worden. Als 1871 die jüdischen Reformrabbiner Deutschland zu einer “Synode” in Augsburg tagten stellte ihnen die Stadt Augsburg großzügig den Goldenen Saal zur Verfügung. Die jüdische Gemeinde vor Ort, die damals ihre Synagoge und Sitz in der Wintergasse hatte, wollte von der Veranstaltung nichts wissen, während Hirschfeld sich dafür erwärmen konnte und anlündigte, als Augsburger Rabbiner daran teilzunehmen. Darauf beschloss Salomon Rosenbusch als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde  mit dem Vorstand, Hirschlfeld eben kurzerhand zu entlassen. Nun konnte er zwar an der “Synode” teilnehmen, jedoch nicht als Vertreter der Gemeinde von Augsburg, in deren Stadt die Tagung stattfand. An gegenseitigen Spott fehlte es in keiner Weise. Hirschfelds Nachfolger Heinrich Gross, wie er aus Ungarn stammend, gelang es hingegen einen harmonischen Ausgleich zwischen Reformen und Tranditionalisten hinzubekommen. Sein Nachfolger Richard Grünfeld hingegen verstärkte als ausgesprochener Liberaler die früheren Gegensätze. In seiner Amtszeit wurde zwar die neue Synagoge an der Halderstraße eingeweiht, jedoch erfuhr die Synagoge in Kriegshaber zugleich wachsenden Zulauf der sog. Orthodoxen, die keinen Gefallen hatte an opernhaften Gesangseinlagen und vergleichbaren Inszenierungen. Die Amtszeit Walter Jacobs, auch er war ein Reformrabbiner, bis 1938 konnte keine Akzente mehr setzen, zu sehr war bereits der Alltag überschattet von den aufkommenden Nazi-Horden, die immer größer wurden und normale Bürger mit Hass und Neid infizierten. Die Geschichte ist bekannt.

Nahm man früher an Reuven Unger Anstoss, hielt ihn für zu “streng” hielten und meinte, er würde die Juden von der restlichen Stadtgemeinde zu sehr abgrenzen, so sehnen sich heute – ironischerweise – nicht wenige wieder ganz umgekehrt nach einem “echten” Rabbiner wie ihn zurück, der zumindest die Grundregeln der Halacha ernst nimmt und nicht nach Belieben auslegt und sich insgesamt eher an Nichtjuden ausrichtet, wie manche seinem seit 2004 in Augsburg tätigen, bald 85jährigen Nachfolger Dr. h.c. Henry Brandt unterstellen, der zudem noch Rabbiner der kontroversen Reformgemeinde von Bielefeld ist und vielleicht auch deshalb nicht genug Zeit hat.

One Response to Augsburger Rabbiner: Reuven Unger

  1. Mirjam Ch. says:

    Hoffen wir sehr, dass für Augsburg wir bekommen wieder solch ein gute Rabbiner für ein gute Zukunft für uns und unseren Kinder!!

    Shabat Shalom!!

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