1912: Goodbye Uganda, hello Yemen!


Vor ziemlich genau hundert Jahren tagte der Wiener Kongress der inzwischen längst vergessenen „Jüdischen Territorial Organisation“ (JTO), einem Splitter der zionistischen Bewegung, die als letzte an der Idee festhalten wollte, in Uganda oder sonst außer Israel einen modernen jüdischen Staat zu errichten. Im Jahr 1903 bot Joseph Chamberlain (1836-1914), Vater des späteren britischen Premiers Arthur Neville Chamberlain, und damaliger Kolonialsekretär Theodor Herzl ein 5000 Quadratmeilen (ca. 13.000 km²) umfassendes Gebiet am Mau Plateau, das heute an der Grenz zwischen Uganda und Kenia verläuft. Dorthin sollten rumänische und russische Juden, die durch Pogrome „echter Russen“ heimatlos gemacht wurden umgesiedelt werden. Zugleich sollte hier aber auch die von den Zionisten gewünschte nationale Heimstädte der Juden entstehen. Auf dem Basler Kongress 1903 warb Theodor Herzl entscheiden für den „Uganda-Plan“, weshalb eine Delegation beauftragt wurde, das Land zu erkunden. Die Prüfer vermeldeten jedoch unbehagliche Details, etwa zahlreiche Raubtiere wie Löwen, aber auch Mengen von Massai-Kriegern, die als geschickte Jäger durch die Gegend zogen. Der Plan wurde abgelehnt, was Herzl demoralisierte. Der britische Schriftsteller, Journalist und politischer Aktivist Israel Zangwill (1864-1926) warb vor hundert Jahren so ziemlich als letzter für den Uganda-Plan, der hernach in der Versenkung blieb. Löwen und Massai blieben unter sich und wer schon mit Massai-Jiddisch-Wörterbüchern anfing, konnte sich bereits wieder anderen Aufgaben zuwenden.

Dem Bericht der „Wiener jüdischen Volksstimme“ vom 27. Juni 1912 gemäß tagte der JTO-Kongress „eigentlich unter großer Teilnahmslosigkeit der jüdischen Öffentlichkeit“. Interesse bestehe allenfalls an dem erfolgreichen Schriftsteller Israel Zangwill, dem die antisemitische Presse als Stereotyp für sich entdeckt hatte:

„… oder wenn schon irgend ein Interesse sich kundgegeben wird, so wird es sicherlich Israel Zangwill gelten. Aber auch diesem nicht so sehr als Führer dieser Weltorganisation, sondern in erster Reihe als Träger eines weithin bekannten Namens.

Man wird vielleicht seine geradezu sprichwörtlich gewordene Hässlichkeit anstaunen oder die zum eisernen Inventar eines jeden Zangwill-Artikels gehörenden „scharfbebrillten, kurzsichtigen aber klugen Augen“ des Mannes sehen wollen, der sich weit über die Grenzen seines Volkes und seines Landes Anerkennung und Bewunderung zu erwerben gewusst hat.

Belesene werden den erfolgreichen und genialen Erzähler kennen lernen wollen und ich gehe nicht fehl, wenn ich erst an letzter Stelle diejenigen nenne, die in Zangwill den treuen Sohn seines Volkes sehen, welcher mit einem durch nichts zu vergleichenden Idealismus und mit Hintansetzung seiner sonstigen Interessen unentwegt für die Bedrückten und Elenden im Judentum eintritt und ihnen eine andere, eine bessere Zukunft schaffen will.

Der Kongress aber als solcher, die Partei die ihn abhält, ihre Tendenzen und ihre repräsentativen Persönlichkeiten sind nicht dazu in der Lage ein besonderes Interesse zu wecken … Gegründet wurde die territorialistische Partei unmittelbar nach dem berühmten Uganda-Kongress, dem letzten an dem Herzl noch teilnahm. Die Ursache zu dieser Gründung war die schroff ablehnende Haltung, die der Kongress gegen die Anregung Herzls mit England wegen der Besiedlung Ugandas durch die verschiedenen Ländern zum Auswandern gezwungenen Juden zu unterhandeln einnahm. Herzl wollte nicht auf Palästina als jüdisches Zukunftsland verzichten und betonte dies auch. Er sah ein, dass es unmöglich sei in absehbarer Zeit Palästina zu erhalten und betrachtete daher Uganda als vorläufiges und vorübergehendes Besiedlungsgebiet, als ein „Nachtasyl“ in dem die Juden weilen sollten, bis ihnen auch Palästina zugänglich sei.

Ussischkin aber und mit ihm die überwiegende Mehrheit des Kongresse bestanden auf die Ausschaltung jedes Nebenziels und wollten von Uganda oder einem anderen vorübergehenden Siedlungsgebiet nichts wissen. Herzl schied mit gebrochenem Herzen vom Kongress.

Zangwill aber und seine Anhänger griffen Herzls Vorschlag auf und Herzls Sinn, wenn auch gegen seinen Willen entstand die territorialistische Partei. Auch Zangwill dauerte das Warten auf Palästina zu lange. Die damalige Lage des Judentums verlangte dringend rasche Hilfe. Die Juden die aus Rumänien und Russland vor den Heldentaten der „echt russischen Leute“ flüchten mussten, konnten nicht mit der Hoffnung auf eine recht problematische bessere Zukunft in Palästina vertröstet werden.

Uganda schlug fehl. Das Land war zur Kolonisation ungeeignet. Zangwill und seine Getreuen konnte dies aber nicht abhalten, die Landkarte zur Hand zu nehmen und den Heimatlosen eine Heimat zu suchen. Mit einer pünktlichen Regelmäßigkeit finden seither die Jtotisten vor jedem Kongress ein Stückchen Erde das sie dann freudestrahlend der staunenden Mitwelt als zukünftiges Judenland präsentieren. Kommissionen, die sich mit der Erforschung des gerade vorgeschlagenen Landstrichs befassen sollten wurden beschlossen. Sie „forschten“ und das Resultat war mit derselben Pünktlichkeit ein negatives.“

Zangwill bezweifelte als einer der wenigen zionistischen Führer, dass es zum Ausgleich zwischen Juden und Arabern im Lande Israel kommen könne. Damals lebten nur etwa 250.000 Araber im relativ dünnbesiedelten Land. Die seit 1850 entstandenen neuzeitlichen jüdischen Siedlungen hatten jedoch auch für eine muslimische Zuwanderung aus den Gebieten der heutigen Staaten Ägypten, Syrien, Libanon und Jordanien gesorgt. Sie fanden bei jüdischen Gutsbesitzern  wie den Rothschilds Anstellungen als Hilfskräfte in der Landwirtschaft. Auf diese – eher ironische  – Weise schuf der moderne Zionismus nicht nur ein nationale Heimstädte für die Juden, sondern auch für hoffnungs- wie arbeitslose Muslime aus benachbarten Provinzen des zerbröckelnden osmanischen Reiches. Mit der Umbenennung des britischen Mandats nach 1918 erhielten sie sodann auch einen Sammelnamen, den sie jedoch erst ein halbes Jahrhundert später für sich in Anspruch nahmen: „Palestine“.

Etwa zur selben Zeit, als der Uganda-Plan endgültig zu den Akten gelegt wurde, dämmerte den zionistischen Vordenkern aus Europa auch, dass mit Grundstückkäufen allein kein Staat zu machen sei, wenn auf einen jüdischen Landbesitzer Dutzende billige arabische Arbeiter kämen. Auf diese Weise könnte man allenfalls einen arabischen Staat bilden, jedoch keinen jüdischen. Man dachte nach und bemerkte plötzlich, dass es vor allen an jüdischen Arbeitern fehlte, da sich die bisherige jüdische Ansiedlung größtenteils auf Städte konzentrierte. Zwar gab es dort inzwischen auch Arbeitslose und andere Problemfälle, jedoch waren nicht alle sozialistischen oder bürgerliche Zionisten bereit zur Feldarbeit. Man dachte nochmals nach und kam nun auf die Idee muslimische Araber gegen jüdische Araber aus dem Jemen als billige Arbeitskräfte zu ersetzen. Aus der Unzufriedenheit entlassener muslimischer Arbeiter entstand im Laufe der kommenden dreißig Jahre eine sder wesentlicheren Motive des noch immer andauernden Nahostkonflikts.

Aus der Perspektive des Sommers 1912 jedoch noch ein weiterer Bericht aus der „Wiener jüdischen Volksstimme“ vom 27. Juni 1912:

 

Von der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina

Immer mehr kommt in der jüdischen Siedlungsarbeit ein neues Prinzip zur Geltung. Während die Zionsfreunde einer früheren Epoche das Hauptgewicht auf den privatrechtliche, Erwerb des Bodens legten und der politische Zionismus die Idee der öffentlich-rechtlichen Sicherung verkündete, bricht sich jetzt die Erkenntnis, dass es auch einen dritten Faktor gibt, der von ebenso großer Bedeutung für die Zukunft der Kolonisation ist, nämlich: „Die jüdische Arbeit auf jüdischem Boden. Man ist heute wohl allgemein zur Ansicht gekommen, dass ein Plantagenbesitzer in Palästina, auf dem lediglich nichtjüdische Arbeiter beschäftigt werden, sich nicht wesentlich von einem jüdischen Gut in Galizien unterscheidet, auf dem nur polnische oder ruthenische Arbeiter zu finden sind.

Der jüdische Nationalfonds, der sich aus seinen Anfängen zu einer der mächtigsten jüdischen Weltinstitutionen emporgeschwungen hat, und der im letzten Jahr eine Jahreseinnahme von 700.000 Francs aufweisen konnte, hat die Wichtigkeit und weittragende Bedeutung dieses neuesten Prinzips klar erkannt und seine Tätigkeit danach ausgerichtet. Nicht nur, dass er auf seinen Gütern und in den Siedlungen der von  ihm geförderten Gesellschaften (Siedlungsgesellschaft „Erez Israel“), Palestine Land Development Company) in Hulda und Benschemen bei Jaffa, in Merchawja in der Ebene Jesreel, in Kinneret und Daganja am Tiboriassoo – eine große im stetigen Wachsen begriffene Zahl von jüdischen Arbeiten beschäftigt.

Er hat sich auch der Arbeiterfürsorge in den Kolonien zugewandt und kann auf diesem Gebiet bereits auf bedeutende Erfolge hinweisen. In den Kolonien Petach Tikwa und Chedera hat er mit einem Kostenaufwand von 40.000 Francs für die unverheirateten Arbeiter Heime gegründet, an deren weiteren Ausbau jetzt geschritten wird. Durch eine Spende des Herrn Ingenieur Salomon Halperin aus Kiew in der Höhe von 30.000 Francs wird er in die Lage versetzt, ein großes Heim in der Siedlungsgenossenschaft Merchawja, sowie Einzelhäuser für aschkenasische und jemenitische Arbeiterfamilien zu bauen. Der Bau von zwölf jemenitischen Häusern in Petach Tikwa und von drei Häusern für aschkenasische Arbeiter, gleichfalls in Petach Tikwa oder Chedera, soll demnächst in Angriff genommen werden.

Bekanntlich ist dem Jüdischen Nationalfonds auch der David und Fanny Wolffsohn – Fond angeglieder, aus dessen Mitteln mit einem Aufwand von 15.000 Francs bisher fünf Häuser in Petach Tikwa, fünf in Rechowot, vier in Rischon Le Zion und eins in Wadi el Chanin gebaut worden sind. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass auch der Verein „Efra“ in Berlin sich auf dem Gebiet des Arbeiterhäuserbaus rühmlich betätigt hat.

Diese ganze Tätigkeit reicht aber noch nicht entfernt hin, um dem großen Mangel an Arbeiterwohnungen abzuhelfen. Die Frage wird besonders dringend angesichts einer neuen Erscheinung, die sich in letzter Zeit immer stärker bemerkbar macht. Es ist dies die immer zunehmende Einwanderung der jemenitischen Juden.

 Die jüdische Presse hatte schon öfter Gelegenheit über diese unsere Stammesbrüder aus dem fernen südlichen Arabien zu berichten. Immer mehr bestätigt sich die sehr günstige Meinung, die man gleich von Anfang an in Palästina über sie gewonnen hat. Man ist sich darüber einig, dass wir es hier mit einem fleißigen und genügsamen Arbeiterelement zu tun haben, das im fernen Jemen die altjüdische Tugenden einer hohen Religiosität und strenger Sittlichkeit rein und unverfälscht bewahrt hat. Die geringen Ansprüche, die die Jemeniten an das Leben stellen, versetzen sie in die Lage, mit Erfolg den Konkurrenzkampf aufzunehmen. Es ist ganz klar, dass sie für die jüdische Siedlung nicht nur in nationaler Beziehung das beste Arbeitermaterial bilden; sie sind auch wirtschaftlich ein äußerst wertvolles Element, da man sich auf ihre Ehrlichkeit und ihren Fleiß unbedingt verlassen kann.

In erster Linie muss aber dafür gesorgt werden, dass die Jemeniten in den Kolonien Beschäftigung und Unterkommen finden, denn sobald sie in die großen Städte abwandern, wo es keine genügende Arbeit für sie gibt, so ist, wie es die Tatsachen leider schon gezeigt haben, zu befürchten, dass sie die Bettlerbevölkerung nur vermehren würden. Was nun die Arbeitsgelegenheit betrifft, so liegen die Verhältnisse sehr günstig. Für absehbare Zeit wird es viele tausende Jemeniten in den jüdischen Kolonien reichlich Arbeit geben. Anders verhält es sich mit der Wohnungsfrage. Die Kolonien sind begreiflicherweise nicht in der Lage, den Bau von Arbeiterhäusern in großem Umfange selbst in die Hand zu nehmen und da die Jemeniten vollständig mittellos ins Land kommen, ist von ihrer eigenen Initiative auch nichts zu erwarten. Hier können also wieder nur Kolonisationsgesellschaften eingreifen und in erster Reihe hat es sich der Jüdische Nationalfonds zur Aufgabe gestellt, das große Problem der Beschaffung von Wohnungen für die jemenitischen Einwanderer zu lösen. Während der letzte Anwesenheit seiner Direktoren Dr. Bodenheimer und Dr. Tschlenow in Palästina hat er gleich 23.000 Francs für den Bau von Jemenitenhäusern bewilligt. In den letzten Tagen sind weitere 30.000 Francs bewilligt worden und für das nächste Jahr ist die Gewährung von mindestens 50.000 Francs in Aussicht genommen. In diesem Jahr sollen noch 100 Häuser fertiggestellt werden und mindestens ebenso viele im nächsten Jahr gebaut werden.

Der jüdische Nationalfonds, der indes viele andere wichtige Aufgaben zu bewältigen hat, ist mit der diesen Bewilligungen bis an die äußerste Grenze gegangen. Es lässt sich aber nicht verkennen, dass eine gründliche Lösung der Frage weit höhere Ansprüche stellt. Sollte es gelingen, in wenigen Jahren die Ansiedlung von einigen tausend jemenitischen Familien durchzuführen, so wäre damit eine Tat für die jüdische Zukunft in Palästina geleistet, deren segensreiche Folgen nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Man könnte ruhig behaupten, dass damit eine neue Epoche in der jüdischen Siedlungsarbeit eingeleitet wäre.

Der Bau eines Einzelhauses nebst Ankauf eines kleinen Garten erfordert einen Kostenaufwand von ungefähr 1.000 Francs. Jeder wohlhabende Jude sollte eine Spende darin setzen, durch eine Spende von 1.000 Francs dem Nationalfonds die Möglichkeit zu geben, eine Jemenitenfamilie anzusiedeln. Das Bewusstsein, durch diese Spende der jüdischen Volksarbeit in Palästina die schaffende Kraft einer jüdischen Familie zugeführt zu haben, dürfte den Spender eine erhebende Genugtuung bilden.

 

Almost exactly a hundred years ago the last Zionist group gave up Uganda as a proposed interim solution for a national home of the Jews as proposed by the British government official Joseph Chamberlain to Theo Herzl in 1903. In the same time Zionist leaders saw reason that it was way better to promote a national Jewish home when settling Jewish Arabs from Yemen instead of Muslim Arabs from other parts of the crumbling Ottoman Empire.

 

 

 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: