Der mittelalterliche Judenkirchhof in Erfurt


at former Judenkirchhof

Der lokalen Überlieferung gemäß verfügte die jüdische Gemeinde Erfurts beim ehemaligen Moritztor über einen eigenen Friedhof, der zeittypisch Judenkirchhof genannt wurde. Einem alten Plan zufolge befand sich innerhalb des ummauerten Geländes eine „Judenkirch“ (von Jaraczewsky 1868 als „Synagoge“ gedeutet), wobei es sich aber eher um eine Abkürzung für das übliche „Judenkirchhof“ gehandelt haben dürfte, während das Gebäude wahrscheinlicher eine Tahara war. Wann der Friedhof begründet wurde, ist unbekannt, jedoch ist das frühe 13. Jahrhundert zu vermuten. Das Areal des Friedhofs umfasste etwa 1.5 ha, welche für wenigstens 5000 Gräber ausreichen konnte.

Genutzt wurde der Friedhof bis zur Ausschaffung der Erfurter Juden im Jahre 1458. Wenn wir eine zweieinhalb Jahrhundert andauernde Nutzung annehmen, ergäbe dies einen jährlichen Schnitt von etwa zwanzig Begräbnissen, wobei am Erfurter Judenkirchhof auch Tote aus einer Reihe von benachbarten Orten bestattet wurden. Fraglich ist, ob der Friedhof zum Zeitpunkt, als die Gemeinde vertrieben wurde, noch über viele freie Grabflächen verfügt hatte. Heute befindet sich auf dem Gelände, das entlang Große Ackerhofgasse und Glockengasse verlief und seitlich von der Andreasstraße und der Moritzstraße begrenzt wird, der gegenwärtig zu einem Parkhaus (!) konvertierte spätmittelalterliche Kornspeicher und eine Reihe von Wohnanlagen. Zeitungsberichten gemäß wurden dort bei den Bauarbeiten, im Februar dieses Jahres weitere Grabsteine entdeckt, u.a. ein Fragment, welches Dulca, der Tochter des Rabbi Ascher gewidmet ist, die der Inschrift gemäß im Jahr 19 im sechsten Jahrtausend starb, was im christlichen Kalender dem Jahr 1259/60 entspricht. Mit anderen Funden befindet sich der Stein nun im Depot des Anger-Museums.

Der Stein ist Dulca der Tochter von R. Ascher und datiert ohne genaues Datum auf das Jahr 19 zum sechsten Jahrtausend, was demnach dem Jahr 1259 entspricht. Damit gilt der Stein als ältester erhaltener in Erfurt.

 

Drei weitere Grabsteine werden im Eingangshof des Museums „Alte Synagoge“ an einer Betonwand ausgestellt, darunter ein Fragment, welches einem Mädchen namens Juta gewidmet ist

ציון

הלו הוקם

לראש מרת

יוטא הבחורה בת

Dieses Denkmal wurde errichtet zum Haupt von Frau Juta dem Fräulein, Tochter des …“ Leider erfahren wir nicht, wessen Tochter sie war, auch ist das Datum nicht erhalten, jedoch ist ihr Gedenkstein mit einem Rad geschmückt, das als Erfurter Stadtwappen gedeutet wird, welches erstmals um 1286 bezeugt ist.

Links davon ist ein größerer Stein der das Begräbnis eines Sohnes oder einer Tochter von Rabbi Josef notiert (in der Mitte des Steins leider beschädigt) und dieses auf den 15. Nisan des Jahres 94 datiert, was dem ersten Tag des Pessach entspricht und nach christlichem Kalender Dienstag, 22. März 1334.

Abschriften von hebräischen Grabsteinen wurden von den beiden Erfurter Rabbinern Jaraczewsky und Kroner übermittelt. Einer wurde, wie Jaraczewsky in seiner Geschichte der Juden von Erfurt berichtet im September 1863 im Flussbett der wilden Gera “unter dem Kartäusergerinne” aufgefunden. Der Stein (No. 36 bei Kroner) soll im Erfurter Anger-Museum ausgestellt sein, war dort aber nicht aufzufinden. Mehrere befragte Angestellte des Museums waren nicht dazu in der Lage, irgendeine Auskunft zu geben oder Ansprechpartner für Rückfragen zu nennen. Von hebräischen Grabsteinen oder einem Lapidarium in ihrem Haus hatten sie angeblich „noch nie was gehört“.

Die denkwürdige Inschrift lautet:

במצבה הזה

הקורא יחזה שהוא

בעט ברזל נחצב ולציון

הוקם ונצב לראש ר

אלעזר ב’ר קלונימוס

הלוי שנאסף בשנת

ארבעים ותשע לפרט

בירח מרחשון ינוח של

על משכבו אמן סלה

An diesem Grabstein sieht der Leser mit eiserner Feder gehauen und zum Gedenken errichtet und aufgestellt zum Haupt von Rabbi Elieser ben Rabbi Kalonimos ha-Levi, der aufgenommen wurde im Jahr 49 der Zählung im Monat Marcheschwan. Er ruhe in Frieden in seinem Grab. Amen sela

Die Datierung entspricht im christlichen Kalender dem Oktober 1288. Etwas befremdend ist die Einleitung der Inschrift, die „den Leser“ an für sich überflüssig darauf hinweist, dass sie mit einem Eisenstift in den Stein gehauen wurde. Das dürfte jedem bekannt gewesen sein und bei anderen Steinen nicht anders. Aber womöglich gab es einen sachlichen, womöglich beruflichen Grund für die Erwähnung. Jaraczewsky identifiziert  den Adressaten der Denkinschrift jedenfalls als den „Masoretiker“ und „Punktator“ קלונימוס נקדן בן רב אליעזר, dessen Manuskript nach dem Urteil Sachverständiger als „Unicum“ gelte und in der hiesigen Erfurter Ministerial-Bibliothek aufbewahrt werde. Zeitgenössischer Experten deuten die Bezeichnung ר für Rabbi(ner) nicht mehr als solche, sondern als Äquivalent zum deutschen „Herr“, was nun weder richtig noch völlig falsch, aber im Prinzip müßig zu diskutieren wäre. Anders als in der Neuzeit handelte es sich um keine Berufs-, sondern um eine Ehrenbezeichnung, in der Regel vergleichsweise verdient. Bemerkenswert ist zweifellos die Erwähnung des Namens Kalonymos, der nicht zwangsläufig auf die prominente Gelehrten-Familie verweisen muss. Grabstein 48 der Sammlung von Theodor Kroner erwähnt das Fragment einer namentlich nicht überlieferten בת ר קלונימוס הלוי wobei es sich wohl um die Schwester des oben genannten Eleasar handeln könnte.

An anderer Stelle erwähnt Jaraczewsky noch einen weiteren Kalonimos-Stein, der bereits 1794 von J.J. Bellermann  in dessen De Inscriptionibus hebraicis Erfordiae repertis zitiert wurde:

פה נקבר איש

חכם ונבר כא

מחסוד דבר הישיש

משה בר קלונימוס

שכבה נרו והלך לעולמו

ביום ו יד שבט על האבן

נחרט שעסק בגמילות

חסידים וטרח באמונה

והובא לקבורה בשנת

קנ’א לפרט לאלף

הששי תנצבה

 א א א ססס

 

Hier begraben ist der weise, ehrenwert und fromm genannte, der Greis Mosche Sohn des Kalonimos, dessen Licht erlosch und der zu seiner Welt ging, am Tag 6, dem 14. Schwat. Der Stein notiert, dass sein Handeln stets fromm und aufrichtig war. Er wurde ins Grab gebracht im Jahr 151nach der Zählung fürs sechste Jahrtausend …“

Die imposante immerhin 12-zeilige Inschrift ist auf das Jahr 151 datiert, was christlich dem Jahr 1391 entspricht.

Erfurt – “Vor dem Moritztor”

 

Weitere Inschriften:

האבן הזאת הקומה מצבה לראש הבתולה שרה ב’ר יוסף שנאספה בשנה שלישים לאל’ שש מנוחתה בגן עדן

Dieser Stein wurde als Grabmal aufgestellt zum Haupt der Jungfrau Sara, Tochter von Rabbi Josef, die gesammelt wurde im Jahr 30 des sechsten Jahrtausends und die im Garten Eden ruht.“  ( entspricht dem Jahr 1270)

 

באחד ועשרים

יום לירח אייר

נקבר ר יהודא

ב’ר יוסף שנת

שמונים ושמונה

לפרט תנצבה

Am 11. Tag des Monats Ijar wurde begraben Rabbi Jehuda Sohn des Rabbi Josef, im Jahr 88 der Zählung …“ ( = 1328)

* * *

Wie Rabbiner Kroner in seinem Artikel den Chronisten Johann Weinrich zitiert fanden sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf dem Feld des Erfurter Judenkirchhofs noch einige „Leichensteine“ mit hebräischen „Epitaphia“ gefunden. Die meisten der Steine seien aber verbaut worden und so verwundert es nicht, dass immer wieder bei Abbruch- oder Bauarbeiten einzelne Steine oder Fragmente gefunden wurden.  Kroner schaffte es immerhin, die ihm bekannten Inschriften von Grabsteinen und Fragmenten, immerhin 88 an der Zahl zu ordnen und ein Register der hebräischen Abschriften zu erstellen, das gewiss Grundlage sein könnte für eine um neuere Funde ergänzte Fortschreibung sein könnte.

No. 5 in seiner Sammlung ist ein Grabsteinfragment, das auf das Jahr 1251 zurückgeht.

… … …

שרגי בר בנימין

הכהן אשר נפטר

שנת אחת עשר

לאלף ששי בירח

אסף עם צדיקים…

Gewidmet wurde die Inschrift Schragi, dem Sohn von Benjamin des Kohen (Deutung des mit בנ beginnenden Namens), der verstarb im Jahr 11 des sechsten Jahrtausends (= 1251) und der versammelt wurde mit den Gerechten.

Die Nummern 72-75 der „Erfurter Grabsteininschriften“ aus der Sammlung von Rabbiner Kroner: der Junge Mosche Sohn des Jitzchak, gestorben am 10. Sivan 5142, der Junge Schlomo Sohn des Jitzchak, gestorben am 30. Tamus 5142 und der Junge Elischa Sohn des Jitzchak der am Abend des Jom Kipur 5142 starb. Ob alle drei Söhne ein und desselben Jitzchak und damit Brüder waren, ist zumindest möglich. Daneben abgebildet ist die bereits bei Jaraczewsky und hier weiter oben beschriebene Inschrift des Grabsteins von Mosche bar Kalonimos.

 

Quellen:

Jaraczewsky, Adolph: Geschichte der Juden in Erfurt, Erfurt 1868

Kroner, Theodor: Die Geschichte der Juden in Erfurt, Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge in Erfurt am 4. September 1884, Erfurt 1885

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/zoom/633294

Kroner, Theodor: Die Erfurter Grabinschriften. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 33; 1884, S. 349-363

 

* * *

The medieval Jewish Cemetery of Erfurt (so called “Judenkirchhof“, lit. Jews Churchyard) was destroyed by the Christians after the expulsion from the Jews in 1458 and was overbuilt with several structure. However in 1713 there still were some tomb stones with Hebrew inscriptions there, as reports say. Most of the tomb stones however where mis-used as building material within the city. Time and again some grave markers or fragments come to light when there are construction works. In February this year the grave marker of Dulca from 1259, the oldest still exsting grave marker was discovered. 19th century rabbis like Adolph Jaraczewsky and Theodor Kroner fortunately collected some 90 medieval Hebrew grave marker inscriptions known at their time unfortunately the one of R. Jakob Weil who until 1438 was rabbi in Augsburg before he came to Erfurtis not among them. Many of them were placed at the Jewish cemetery at Cyriakstr. but most of them were destroyed during the Nazi rule. Today some of the findings were exhibited in municipal museums, but most are disappeared or hidden. The written collection of Theodor Kroner however was a good starting point for an updated and complemented version of medieval grave markers from Erfurt, freely accessible to the public.

One Response to Der mittelalterliche Judenkirchhof in Erfurt

  1. Margit says:

    Super Fotos!

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