Die alte Mikwe in Erfurt


Die Existenz einer Mikwe gilt in Erfurt etwa ab der Mitte des 13. Jahrhundert als gesichert. Da es nicht schwer zu erraten ist, dass man sie in der Nähe des jüdischen Viertels und notwendigerweise auch nahe an einem Fluss oder Bach bauen musste, fand man 2007 bauliche Überreste direkt hinter der berühmten Krämerbrücke. Bemerkenswert daran ist allerdings, dass es sich dabei weniger um einen Zufallsfund handelte, sondern um einen langjährigen Wunsch, der in Erfüllung ging. Irgendwie. Diese Reste der Ausgrabung sind heute überbaut mit einem Schutzbunker und werden präsentiert als Teil des Netzwerkes „Jüdisches Leben Erfurt“. Besonders hingewiesen wird auf die Möglichkeit, die Besichtigung der „Mikwe“ zusammen mit der „Alten Synagoge“ zu buchen.

Die Informationstafel vor dem Neubau erläutert, dass das „jüdische Ritualbad“ aus dem 13. Jahrhundert stammt und erstmals  1248 erwähnt wurde. Weiter heißt es: „Im Mittelalter war die Umgebung der Mikwe dicht bebaut, hier wohnten Juden und Christen Tür an Tür. Eine heute überbaute Gasse war der kürzeste Weg von der Mikwe zur Alten Synagoge, dem ersten Gotteshaus der jüdischen Gemeinde. Diese Gemeinde wurde 1349 in einem Pogrom ausgelöscht. Juden, die sich ab 1354 in Erfurt ansiedelten, nutzten die Mikwe weiter, während die Alte Synagoge bereits in ein Lagerhaus umgebaut worden war. Der Stadtrat verwies 1453  alle Juden aus Erfurt. Spätestens dann endete die jüdische Nutzung der Mikwe. Das Wasserbecken wurde verfüllt, die Mikwe als Keller genutzt.“

Dass frühere Quellen den Standort der mittelalterlichen Mikwe an anderer Stelle angeben, ficht die heutigen Spezialisten nicht an. Grabungen dort ergaben keinen brauchbaren Fund, sondern nur einen großen Keller aus dem 19. Jahrhundert, der alle möglichen Spuren von Vorgängerbauten getilgt haben soll. Die Möglichkeit aber, dass auch jüdische Tauchbäder wie die Mehrzahl an baulicher Infrastruktur mittelalterlicher Städte nach sechs oder sieben Jahrhunderten (aus allen denkbaren Gründen) womöglich einfach nicht mehr vorhanden sind, hat man offenbar ausgeschlossen. Durchaus kreativ, ging man nun davon aus, dass es in den alten Erfurter Freizinsregistern zu „irrtümlichen Grundstückzuordnung“ gekommen sei. Die Register gaben zwar Straßen an, „die einzelnen Häuser jedoch nicht immer eindeutig“, so die Rechtfertigung. Wie diese Behauptung nun aber für den jetzt bezeichneten Standort sprechen soll, bleibt ein Geheimnis (siehe: „Der unerwartete Mikwe-Fund am Breitstrom“, in: Stadt und Geschichte, Erfurt 2008, Sonderheft  9, S. 9 f.).

Der Fund wurde als Keller freigelegt, die Relikte des vermuteten früheren Bades mussten erst rekonstruiert, bzw. interpretiert werden. Das „Wasserbecken“ (ohne Zu- oder Ablauf) hat grob geschätzt etwa eine Fläche von einen auf eineinhalb Meter, was den Anschein erweckt, als sei das בור טבילה sozusagen umgekippt und auf der falschen Seite gelandet. Da wir davon ausgehen können, dass der früher als Lagerraum verwendete Keller gewiss trocken war, ergibt sich andererseits auch wieder, dass das heute, etwa einen halben Meter hoch stehende Wasser, wohl aus Gründen der Dramatisierung zugelassen wurde, wobei sodann Anhaltspunkte für חורים fehlen.

Über dem freigelegten Gelände erstreckte sich nach dem 15. Jahrhundert ein wohl christlicher Friedhof, wo die Ausgräber etwa 80 Leichen-Funde machten. Auf der Webseite der „Alten Synagoge Erfurt“ wird im Kontext mit der ausgestellten Mikwe sogar ein fachgerecht freigelegtes Skelett präsentiert. Die weiteren Überreste der katalogisierten Toten wurden den Angaben gemäß, auf dem städtischen Friedhof vergraben, da, wie es einigermaßen makaber heißt „ihre wissenschaftliche Auswertung kaum brauchbare Ergebnisse erwarten ließe“ (dto.).

http://www.alte-synagoge.erfurt.de

Passend zum Friedhof ist eine eher untypisches Detail des präsentierten Bades: ein in der Seitenwand verbauter Quaderstein mit einem umgedrehten Ecksteinkopf. Der lockige Kopf trägt eine Mütze und erinnert damit deutlich an antike römische Sarkophage. Man spricht hierbei von einem sog. „Akroterion“ (ἀκρωτήριον), also einen oft zugespitzten Eckstein welcher an der Kante des Sarkophags angebracht oder dort speziell herausgearbeitet wurde. Im Erfurter Keller ist offenbar ein taurischer Kopf zu sehen, bei römischen und griechischen Grabmalen schon recht typisch mit gelockten Haaren und phrygischen Mützen dargestellt.

Die Köpfe an den Ecken der oft recht wuchtigen Steinplatten wurden im antiken griechisch-römischen Bestattungskult als Grabwächter aufgefasst. Ihre apotropäische Symbolik sollte  „böse Geister“ davon abhalten, die Totenruhe der Verstorbenen zu stören oder sich gar der Leichname zu bemächtigen, was im Fall von Erfurt dann offensichtlich nur zeitlich begrenzt klappte.

Taurische Akroterion Maske an einem Sarkophag im Vatikan

Kopie des Kopfes an der Außenseite des Schutzbunkers

In Erfurt wurde die als Steinplastik allen Ernstes als „König David aus dem Alten Testament“ gedeutet, was abermals den Stellenwert Erfurts unterstreiche und in Bezug auf seine neu gefundene Mikwe deren „besondere Stellung unter den Mikwen Mitteleuropas heraushebt“, denn „erstmals wurde an einem jüdischen Ritualbau figürlicher Schmuck nachgewiesen“.

Keine naheliegender Gedanke, aber die Erklärung  ist ebenso einfach wie bestechend: „Die Krone mit Lilienaufsatz ermöglicht eine Interpretation der Plastik als König David. Kunsthistorisch lässt sie sich in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datieren.“

(http://www.erfurt.de/ef/de/erleben/kunst/aktuelles/2010/print_35565.shtml)

Fehlt nur noch eine Erklärung dafür, warum mittelalterliche Juden sich eine David-Figur in Stein gemeißelt haben sollten, obwohl das Judentum wie auch der Islam Skulpturen als Götzenbilder streng verbieten. Als sie sich über das Verbot erst mal hinweggesetzt hatten, überkam sie dann doch eine Art schlechtes Gewissen, weshalb sie den Kopf dann mit der Kinnspitze nach oben, also verkehrt herum eingesetzt hätten? Eine bizarre Vorstellung.

Akroterion an Steinsarkophag im Römischen Museum Augsburg

Ob es sich bei dem ausgestellten Fund wirklich um eine ehemalige Mikwe handelt ist angesichts des Eckkopfstein wenig plausibel, da es im Judentum ein striktes Verbot für die Herstellung und Verwendung einer Skulptur  (פסל) gibt. Da ansonsten an den Begebenheiten und baulicher Substanz mangelt, ist die Präsentation als solche einigermaßen fragwürdig. Selbst wenn tatsächlich Überreste einer mittelalterlichen Mikwe vorhanden, aber dann doch wieder mehrfach überbaut und verändert worden wären, hätte es keine praktischen Nutzen, da keine funktionalen Aspekte vorhanden sind.  Schon ein Bruchteil des dafür ausgegebenen Geldes hätte wohl ausgereicht um der heutigen jüdischen Gemeinde am Juri-Gagarin-Ring eine koschere Mikwe zu besorgen, damit Im Wortsinn “Jüdisches Leben in Erfurt” gedeihen könnte. Es wurde lediglich ein ehemaliger unterirdischer Lagerraum unter Wasser gesetzt und überbaut, wofür zudem auch noch in mehreren Dutzend Fällen die Totenruhe Erfurter Ahnen gestört, zerstört wurde. Angesichts des Sarkophags im Mikwen-Museum könnte man dann fast von Sarkasmus sprechen, wäre es nicht eher eine Farce.

Zweifellos am originellsten ist dabei der Wegweiser zur “Mikwe” im benachbarten Biergarten.

Since last fall Erfurt has another landmark of her Jewish history project, the mikveh discovered in 2007 next to the Krämerbrücke (bridge), which was overbuilt by an protective building similar to Regensburg Marktplatz

In 2007 the news from Erfurt was that the medieval mikveh was rediscovered next to the famous Krämerbrücke at river Gera. After lots of excavation, documentation and construction since last fall there is another piece of Erfurt’s Jewish tourist program. Today the remnants of the basement cellar which once was used as storage room is regarded as Jewish immersion bath first mentioned in Erfurt about the year 1248. Medieval deed mention the bath at another place, at Kreuzstr. 4, what actually does not bother the experts since medieval writers had not the same degree of accuracy as they are today. Diggings there also had no convenient result and just unveiled a 19th century basement.

On the site of the finding for half a millennium there a Christian cemetery and so some eighty skeletons needed to be examined and removed from their burial place. Since their remains were regarded of less important academic value the collected bones were buried at the municipal cemetery.

Although the site is promoted as medieval mikveh, it of course is none. Today however the “mikveh” is overbuilt by a kind of protective shelter, similar to the one, which is similar to the arrangements of Neupfarrplatz in Regensburg. You only can visit the basement when joining a guided group.

Sarcophagus at Vatican, Museo Grogoriano profano (drawing by G. Eichler), note the acroterion mask on the top of the depiction.  Source: http://av.zrc-sazu.si/pdf/50/AV_50_Kastelic.pdf

In the sidewall of the „mikvah“ there is a head shaped corner stone sculpture until late Roman times known as “acroterion” on the top of sarcophagi. Many head shaped cornerstones – as the Erfurt one – quite typical have Phrygian bonnets and curled hair. In ancient Roman and Greek belief system the acroterion was supposed to protect the tomb from violation of graves or even from stealing the corps. Obviously the period of warranty in 2007 already was expired.

The experts from the local monument protection authority however have interpreted the cornerstone as “King David from the Old Testament” and say it underlines the importance of Erfurts Jewish past. For the first time there is an evidence for figural decoration at a Jewish “ritual construction”, what of course would highlight the mikvah of Erfurt among the other mikvot in Central Europe.

14 Responses to Die alte Mikwe in Erfurt

  1. Jerome Taylor says:

    That is just ridiculous. As you pointed out, the cornerstone cannot be Jewish in any sense. Hard to believe that anyone can take this serious.

    Jerome Taylor, Glasgow

  2. Thomas Heunemann says:

    Noch eines. Ich erwähnte Darstellungen der Antike. Ohne einen Zusammenhang konstruieren stelle ich lediglich fest, dass die Darstellung denen der antiken Etrusker ähnelt. Damit will ich in Gottes Namen nicht implizieren, dass dieser Kopf aus dieser Zeit stammt. Ich stelle das nur fest. Vielleicht hat jemand eine Erklärung.

    nur zur Unterstreichung

  3. Thomas Heunemann says:

    Erklären sie mir bitte eines: Wo kommt dieser Kopf her? Der ist definitiv nicht europäisch oder typisch gotisch. Er erinnert eher an Darstellungen der Antike. Also, wo kommt dieser Kopf her. Den finden sie in der Art bestenfalls im nahen Osten. Nicht gerade wissenschaftlich, aber berechtigte Frage. Ich glaube nicht, dass dies nur eine mittelalterliche Wasserentnahmestelle ist. Dafür braucht es auch kein Becken nebst Gewölbe. Sie können gern Zweifel haben, aber ihre Version ist auch nicht wahrscheinlicher.

    • apiskybele says:

      Hätten Sie den Artikel sorgfältig gelesen, könnten Sie die Antwort selbst geben! Solche Köpfe tauchen überall da auf, wo römische Sarkophage waren, Beispiele gibt der Artikel genug. Dieser Kopf stammt dann wohl aus der Erfurter Antike, kam mit den Römern. Hätten Sie Kenntnisse des mittelalterlichen europäischen Judentums, wäre Ihnen sofort klar, dass ein Raum mit heidnischen Skulpturen niemals als Mikwe in Frage gekommen wäre, zumal der blanke Fluss nebenan alle Vorraussetzungen um als Mikwe genutzt zu werden hatte.

      • yehuda says:

        Das liegt daran, dass die damit befassten Leute, weil sie es nicht ander kennen, eine Mikwe nur symbolisch, nicht aber funktional verstehen.

      • Thomas Heunemann says:

        Ich stelle ihre berechtigten Zweifel ob der jüdischen Herkunft nicht mehr in Frage. Offenbar sind die Erfurter in der Vermarktung ihrer Stadt rühriger als die Görlitzer. Ich habe in Görlitz eine Mikwe gesehen, welche in der Tat in 2 Kellergeschossen Tiefe liegt. Diese besitzt Zu-und Abfluss und scheint kaum bekannt, da sie sich unter einem mittelalterlichen Haus befindet, welches zur Zeit ausgebaut wird. Da wurde nicht so ein Aufhebens gemacht.
        Mikwe Görlitz
        Dieser Kopf allerdings wäre wohl der erste Fund, welcher Erfurt eine römisch antike Vergangenheit bescheinigt. Die letzten und wahrscheinlich einzigen “Römer” in Thüringen mögen zur Zeit der Völkerwanderung/ Hunnensturm durchgezogen sein. Und das waren sicherlich auch nur Germanen in Diensten der Römer. Man sollte vielleicht eine Ausstellung “Römisches Leben in Erfurt” ins Leben rufen. Das wäre dann sicherlich eine größere Herausforderung für die Kreativität der Vermarkter als die besagte Ausstellung über jüdisches Leben, welches es ja zweifellos gab.

    • yehuda says:

      Woher kommt der Kopf?”

      Wie schon erklärt handelt es sich um die sehr typische Darstellung eines sog. Akroterions mit phrygischer Mütze, wie man ihn auf den Ecksteinen zahlreicher antiker Sarkophage findet. Ebenfalls bereits gesagt wurde, dass sich unmittelbar auf dem Gelände ein Friedhof befand. Dass der Steinsarkopharg mit den Gräbern etwas zu tun haben wird, ist, wie in unserem Artikel ebenfalls bereits gesagt wurde soz. „naheliegend“. Offensichtlich hat in späterer Zeit jemand den antiken Stein zum Ausbau für seinen Keller benutzt. Das wäre nun gewiss alles andere als ein Einzelfall. Wo nun aber zeitgenössische Experten vor Ort zu dem Schluss kommen, dass hinsichtlich der Gebeine der Verstorbenen eine „wissenschaftliche Auswertung kaum brauchbare Ergebnisse erwarten“ ließen, kann man hier eben bestenfalls nur noch spekulieren.

      Ganz sicher ist aber, dass der Stein definitiv nichts mit einer Mikwe zu tun hatte. Alles andere müssen sie jene fragen, die es trotzdem behaupten.

      -> http://de.wikipedia.org/wiki/Phrygische_M%C3%BCtze

  4. Hannes aus Magdeburg says:

    Danke, für den offenbar einzigen sachlichen Bericht zu dieser Chauce. Für solchen Blödsinn wird unser Geld verprasst und die wenigen echten Juden in der Gemeinde dürfen betteln gehen. Ja, Mahlzeit!

  5. David Hatfield, Wisconsin says:

    ridiculous. This never was a mikvah.

  6. Rudolf aus Erfurt says:

    Vielen Dank für den aufschlussreichen Beitrag. Unglaublich eigentlich, was Wunschdenken alles möglich macht. “Die Juden” werden wohl wieder mal nur benutzt für eigene Interessen und Karrieren. Da muss man sich schämen.

  7. Joshua says:

    King David …!🙂🙂🙂

    That’s exemplary nonsense!

  8. Erfurter says:

    Großartig und wieder genau auf den Punkt gebracht!

    Hoffentlich hat Ihnen trotz der zahlreichen “Meschuggitäten” Erfurt und seine kleine aber feine jüdische Gemeinde, die damit nichts zu tun hat, gefallen.

    Gruß aus Erfurt, Mischa

    • yehuda says:

      Danke, Erfurt hat uns uns durch sehr gefallen, gar keine Frage. Es ist eine spannende und abwechslungsreiche Stadt mit einer reichen Geschichte und lebendigen Gegenwart, weshalb dogamitisierte Spekulationen das Bild nur trüben.

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