Der alte jüdische Friedhof in Erfurt Cyriakstraße


Die Überreste des ersten nachmittelalterlichen, nunmehr alten jüdischen Friedhofs von Erfurt befinden sich am Platz vor dem 1874 abgerissenen Brühler Tor, dass nach der Erfurter Vorstadt Brühl benannt wurde. Gegenüber des gotischen Sibyllen-Türmchens zwischen den heutigen Häusern der Cyriakstraße 3 und 4 sind seit kurzem zwei Reihen von Grabsteinen aufgestellt, die von dem ursprünglich größerem Gelände des Friedhofs stammten. Entlang der Straße die zur gleichnamigen Cyriakburg führt, deren Name sich von dem griechischen, von Orthodoxen wie Katholiken gleichermaßen verehrten Heiligen Kyriakos ableitet , entstanden ab 1935 Siedlerhäuser. Die jüdische Gemeinde Erfurts wurde damals dazu gezwungen, den Friedhof an die Stadt Erfurt zu „verkaufen“.

Beim alten jüdischen Friedhof in Erfurt: Judas-Kuss hinter Gittern

Den Angaben des früheren Erfurter Rabbiners Jaraczewsky gemäß wurde der jüdische Friedhof im Jahr 1811, damals noch außerstädtisch angelegt. Da aber noch im Jahr 1816 die jüdische Gemeinschaft in Erfurt mit nur 15 Personen noch sehr klein war  – erst um 1820 wurde die Zahl von hundert erreicht – ist es plausibler der Angabe von Wilhelm Horn Glauben zu schenken,  der angibt, der Friedhof sei erst 1832 eingerichtet worden. Unstrittig hingegen ist, dass der Friedhof bereits 1877 belegt war und bei der Thüringer-Halle an der heutigen Werner-Seelenbinder-Straße der neue, heute wieder benutzte Friedhof eingerichtet wurde. Das besagte Türmchen, das neben einer Kreuzigungsszene auch einen sog. „Judas-Kuss“ darstellt, wurde kurz nach der Einrichtung des Friedhofs auf der gegenüberliegenden Straße etabliert. Entlang der heute nicht mehr existierenden Mauern des Friedhofs befanden sich früher über 70 hebräische Grabsteine und Fragmente des mittelalterlichen Judenkirchhofs in der Nähe des ehemaligen Moritz Tors. Von ihnen ist vor Ort nichts erhalten geblieben. Auch der bereits 1926 durch Erfurter Mitglieder des extremen „Wikingerbundes“ massiv angegriffene Friedhof wurde weitgehend zerstört. Von den über 130 Grabsteinen blieb nichts erhalten. Zwar erhielt die jüdische Nachkriegsgemeinde den Friedhof oder Reste des Geländes als Besitz zurück, jedoch wurde sie 1952 abermals, nun von der kommunistischen Regierung zum Verkauf gedrängt. Auf dem restlichen, zuvor noch nicht überbauten oder umgewidmeten Gelände wurden nun Garagen für die örtliche Staatsanwaltschaft ausgeführt. Ein Umstand, der etwaige Einwände wohl von vornherein ausschloss. Die Garagen wurden erst vor einigen Jahren abgerissen. Es folgte die Setzung eines Gedenksteins mit der Inschrift: „Der alte Friedhof der jüdischen Gemeinde Erfurt bestand an dieser Stelle bis 1952. Hier ruhen zahlreiche bedeutende Erfurter Juden. Wir erinnern: Freistaat Thüringen, Landeshauptstaat Erfurt, Jüdische Landesgemeinde Thüringen“.

(based on Google Earth)

Heute sind auf dem schmalen Restgelände neben dem erwähnten Gedenkstein noch etwa zwei Dutzend Grabsteine in zwei Reihen aufgestellt, die sich auf älteren Abbildungen offenbar auf dem neuen Friedhof befanden.  Auch ein zweiter, älterer Gedenkstein mit nur noch schwer zu lesenden Inschrift ist in der vorderen Reihe platziert: „Hier stehen die übriggebliebenen Grabsteine vom alten Friedhof in der Cyriakstrasse, der am 9. November, der Kristallnacht zerstört worden ist.“ Wohl richtig gedeutet liegt demnach die Vermutung nahe, dass mit der „Auflösung“ des Friedhofs im Jahr 1952, die verbliebenen Grabsteine von der Cyriakstraße auf den neuen Friedhof gelangten, wo sie – ohne Gräber – neu aufgestellt wurden. Offenbar um davon abzulenken, dass die endgültige Zerstörung des Friedhofs 1952 geschah, behauptet die Inschrift, der Friedhof sei am 9. November 1938 zerstört worden.

Wie auch immer ist nicht damit zu rechnen, dass die heute aufgestellten Grabsteine mit tatsächlichen Grabplätzen übereinstimmen, weshalb von einer verlautbarten „Rekonstruktion“ kaum die Rede sein kann.

Trotzdem wollen wir für einen ersten Eindruck ein paar der Inschriften wiedergeben:

הילדה פאגעל בכ’ה

בינימין זאב וואלף

נפט’ בשק ג תשרי שנת

תרכט תנצבה

Fanni Wolf

Grabstein des Mädchens Fanni „Fogel“, Tochter des verehrten Herrn Binjamin Seev Wolff, die am heiligen Schabbes dem dritten Tischri im Jahr 629 verstarb. Es war dies der Schabbat Schuwa am dritten Tag des neuen Jahres. Im christlichen Kalender entspricht das Datum Samstag, 10. September 1868.

Grabstein der Fanny Unger, geb. Salzmann aus Frankfurt Oder, Ehefrau des Professors Dr. Ephraim Unger, geboren am 14. November 1804, gestorben am 17. Februar 1832. Ephraim Unger (1789-1870), in Coswig geborener Sohn des ersten neuzeitlichen Bürger Erfurts Salomon David Unger und ersten Vorsitzenden der modernen jüdischen Gemeinde in Erfurt gründete 1820 in Erfurt zusammen mit seinem Bruder David, dem späteren Hofagenten eine mathematische Lehranstalt, aus der später die Realschule hervorging. Wie bereits sein Vater war auch Ephraim Salomon Vorstand der jüdischen Gemeinde von Erfurt. Als 1840 die Synagoge an der Gera von Rabbiner Dr. Ludwig Philipson eingeweiht wurde, war diese noch als privat auf die Namen der Ungers und des späteren Gemeindevorsitzenden Wilhelm Moos eingetragen, da die Gemeinde als solch noch keine “staatliche Anerkennung” hatte.

Weitere Information zu Prfo. Ephraim Salomon Unger nebst Portrait:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ephraim_Salomon_Unger

Gedenkstein für Ludwig Unger, Sohn des Hofagenten D. (vermutlich David) Unger, gestorben am 1. April 1837 (= 25. Adar B 5597).

אשה חשובה וישרה אם נכונה

מ’ לינדל אשת כ’ה יהודא היילעמאן

נפט’ ביום א דרח טבת תרנח לפק

Denkmal für Luise „Lindl“, Ehefrau des verehrten Jehuda Heilemann, die bezeichnet wird als angesehene, teure Frau und treue Mutter. Sie starb am Neumond, dem ersten Tewet des Jahres 658, dem vorletzten Tag des Chanucka und im christlichen Kalender Sonntag, 26. Dezember 1897.

Pictures: Margit Hummel, Yehuda Shenef

3 Responses to Der alte jüdische Friedhof in Erfurt Cyriakstraße

  1. Joshua says:

    In the upper part of your article it is said:

    „Unstrittig hingegen ist, dass der Friedhof bereits 1877 belegt war und bei der Thüringer-Halle an der heutigen Werner-Seelenbinder-Straße der neue, heute wieder benutzte Friedhof eingerichtet wurde.“

    However at the end you quote the grave marker of Mrs. Heilmann who died in 1897. Is it possible that she was buried at this cemetery?

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