Die jüdischen Friedhöfe von Pappenheim


Als Besonderheit Pappenheims befinden sich etwa 400 m nördlich der Altstadt gelegen an beiden Seiten der Bürgermeister-Rukwid-Straße zwei gegenüberliegende jüdische Friedhöfe, die gewöhnlich jedoch als alter und neuer Teil eines Friedhofs bezeichnet werden. Am steil einen Waldhügel aufsteigenden nördlichen Teil befindet sich, unter einem Baum nahe der Straße, eine auf 1950 datierte Erinnerungstafel auf welcher  auf Deutsch geschrieben steht: „Israelitischer Friedhof aus dem 11. Jahrhundert“. Da diese Datierung jedoch sehr singulär ist, war wahrscheinlich, wie auch sonst zu lesen ist, das 14. Jahrhundert gemeint.

Wie dem auch sei, fotografierte Theodor Harburger im Juli 1928 ein Grabsteinfragment (44 x 48 x 9 cm), das sich „im Eigentum“  des Grafen von und zu Pappenheim befand und einem ר נפתלי בר יחיאל (R. Naftali bar Jechiel) gewidmet wurde. Obwohl die hebräische Inschrift nur den Wochentag nennt, aber keine Jahreszahl erhalten geblieben ist, wurde der Grabstein „aus dem 15. Jahrhundert“ stammend aufgefasst.

In Augsburg ist in den städtischen Steuerlisten ab 1377   Gutlin von Pappenheim als Steuerzahler verzeichnet, den hebräische Quellen wenige Jahre später als „יהודה גוטלין ב’ר נפתלי פאפענהיים“ (Jehuda Gutlin bar rabbi Naftali Pappenheim) und als in Augsburg praktizierender Beschneider und Lehrer (מוהל ומורה באוגסבורג) verzeichnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es  mehrere Rabbiner namens Naftali in Pappenheim gab, ist nicht sonderlich groß, weshalb wir annehmen können, dass es sich bei dem nach Augsburg gezogenen und wahrscheinlich um 1390 verstorbenen Juda Gutlin von Pappenheim um den Sohn des am Grabstein in Pappenheim genannten Gelehrten handelte. Dessen Tod müssten wir dann wahrscheinlich im selben Zeitraum vermuten, denkbar vor 1377. Eine Gewissheit darüber gibt es natürlich nicht.

Theo Harburger Photograph from July, 16th, 1928 (CAHJP P 160/317)

Ein weiteres mittelalterliches Grabsteinfragment befindet sich in einem Nebenraum der evangelischen Kirche an der Graf-Carl-Straße, an deren anderen Ende sich anstelle des heutigen Feuerwehrhauses, die vor rund zweihundert Jahren gebaute letzte Synagoge Pappenheims befand. Der Grabstein (ca. 80 x 40 x 10 cm) liebt am Boden unter einem Tisch und besagt in seinem fragmentarischen Zustand wenig mehr, als dass ein namentlich unbekannter Junge im Monat Tischri (September/Oktober) starb. Weitere Angaben wie auch die Jahreszahl fehlen, jedoch ist die Machart des Steines recht typisch für die Zeit des 14. Jahrhundert.

medieval Hebrew tomb stone in a storage room of an old church in Pappenheim

  The Hebrew grave marker under the table and next to a rolled-up carpet

Ob, wie allgemein angenommen, die beiden Grabsteine-Fragmente vom existierenden Friedhof an der Bürgermeister-Rukwid-Straße stammen, ist wenig wahrscheinlich. Sollte es bereits im 14. Jahrhundert einen Friedhof in Pappenheim gegeben haben, wie und warum sollten die Steine dann in den Besitz der Kirche oder in den des Grafen gelangt sein? Die Wiederverwendung eines ehemaligen Grabplatzes ohne vorhandene Steine kann aus halachischen Gründen freilich gänzlich ausgeschlossen werden. Da eine kontinuierliche Nutzung seit dem 14. Jahrhundert wie auch eine Rückkehr auf ein früheres Gräberfeld ausgeschlossen werden kann, ist es plausibler anzunehmen, dass es sich bei den Steinfragmenten um Beutestücke von anderswo abgeräumten mittelalterlichen Friedhöfen handelt. Aus der näheren Umgebung kommen Nördlingen, Augsburg, Nürnberg, Ulm oder auch Regensburg in Betracht.

Sackgasse jüdischer Friedhof / blind end Jewish cemetery

In der Beschreibung des Friedhofs durch den Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern (Michael Trüger, aus der Serie “Jüdische Friedhöfe in Bayern” in “Jüdisches Leben in Bayern“, dem Mitteilungsblatt des Landesverbandes) heißt es: „Während des Naziterrors wurde der alte Friedhof maßlos geschändet und quer durch das Friedhofs-Areal eine Straße angelegt.“

Durch diesen Straßenneubau, wie auch sonst überall zitiert wird, sei der jüdische Friedhof in Pappenheim in seine heutigen beiden Teile getrennt worden. Diese Ansicht ist offenkundig falsch, da die Straße, die zwischen den beiden ummauerten Friedhöfen verläuft bereits auf der selben Streckenführung so bereits auf einer alten Pappenheimer Ortskarte aus dem Jahr 1822 eingetragen ist. Zwar ist nur der untere, neuere Teil dort auch als „Juden-Begräbniss“ eingetragen, doch entspricht die Einfassung des älteren, völlig unstrittigen oberen Friedhofs nahezu unverändert dem heute existierenden Gelände. Die beiden Friedhöfe waren, da der neue erst gerade zu Beginn der 1820er Jahre angelegt wurde, niemals miteinander verbunden und konnten demnach nicht getrennt werden. Weiter heißt es in der Darstellung des Landesverbands: „Der alte Teil des Beth Olam wurde im November 1938 nahezu vollständig zerstört. Die Grabsteine wurden von der Bevölkerung als Baumaterial benutzt. 1940 wurden auf dem Gelände drei kleine Baracken gebaut, die restliche Fläche wurde als Spielplatz profaniert. Nach dem Krieg hat man diese Baracken auf Veranlassung von Dr. Philipp Auerbach s. A. entfernt, einzelne noch vorhandene Grabsteinreste wieder auf den Friedhof gebracht.“

Auch diese Schilderung ist nicht zutreffend. Nicht der alte Teil des Friedhof wurde fast vollständig zerstört, sondern der untere, neue Friedhof, an dessen Eingang noch die originale alte Holztür mit dem markanten Davidstern am Türschloss erhalten geblieben ist. Logischerweise wäre es auch eigenartig gewesen, hätten die damaligen Pappenheimer tatsächlich versucht auf dem steil aufsteigenden, zudem recht steinigen Gelände Baracken errichten wollen.

Die erwähnten „Baracken“ sollen etwa 1950 wieder entfernt worden sein. Auf der bereits erwähnten Gedenkinschrift auf dem gegenüberliegenden Friedhof heißt es: „Die Grabmale hat man während des Dritten Reiches entfernt. Noch vorhandene Denkmale wurden bei Instandsetzung des neueren Friedhofs durch die Bayerische Staatsregierung im Jahre 1950 dort wiedererrichtet.“

Was die Inschrift wie auch die Beschreibung des Landesverbandes außer Acht lässt, ist die offensichtliche Tatsache, dass der neuere der beiden Friedhöfe, entweder in der Nazizeit oder in den Jahren darauf in seinem Umfang drastisch reduziert wurde. Im Vergleich mit der Darstellung Pappenheims im Jahre 1822 durch das Bayerische Vermessungsamt ergibt sich, dass lediglich etwa 1700 der ursprünglichen kartographisch erfassten Fläche von rund 4300 m² (knapp 40 %) erhalten blieb, wovon ein gewisser Teil zusätzlich bepflanzt wurde. Die restlichen 60 % sind heute mit Wohnhäusern bebaut. Siehe Vergleich Vermessungsplan 1822 und aktuelle Luftaufnahme mittels Google Earth (die blaue Umrandung markiert den heute überbauten Teil des neueren jüdischen Friedhofs von Pappenheim).

In Pappenheim there are two Jewish cemeteries on both sodes of one road. According to common believe after 1938 the Nazi devided the cemetery an built a road trough. Actually old maps by the Bavarian land surveying office from 1822  already recorded the very same road. However the newer cemetery, establised about 1820 either in Nazi time or afterwards was robbed some 60 % of its previous space. Today there are (obviously similar) tenement houses.

4 Responses to Die jüdischen Friedhöfe von Pappenheim

  1. yehuda says:

    Der allgemeinen Auffassung soll dieser der ältere der beiden Friedhöfe sein. Dass er steil aufsteigt, war sicher relativ unpraktisch, für Trauernde, ebenso wie für Steinmetze, aber gewiss auch für Vandalen.
    Eingezeichnet ist der Friedhof mit seinen tatsächlichen Konturen ja durchaus auf der Vermessungs-Karte von 1822, jedoch ist nur der untere, neue Friedhof namentlich als solcher bezeichnet. Der Grund dafür ist mir nicht bekannt, aber ich vermute, es liegt daran, dass der neue, gerade eingerichtete Teil als solcher herausgehoben werden.

  2. Margit says:

    Bei genauem Vergleich der Luftaufnahme mit der Karte von 1822 drängt sich der Verdacht auf, dass der obere “alte” Friedhofsteil möglicherweise niemals Friedhof war, sondern als “Depot” für die Steine herhalten musste, auf deren wohl ursprünglichen Standorten nun Wohnbebauung ist. Man sollte sich mal die Frage stellen, wie in diesem steilen unwegsamen Gelände des oberen Teils ein Toter pietätvoll zur Ruhe gebracht werden kann und wie man aus dem felsigen Untergrund ein Grab mit vertretbarem Aufwand ausheben kann. Im neueren Teil stellt sich diese Frage nicht und ausreichend groß war dieses Gelände ursprünglich wohl auch.

    • yehuda says:

      Dass der obere, steil aufsteigende Teil tatsächlich als Friedhofsgelände genutzt wurde, ergibt sich zweifelsfrei aus den Photographien von Theo Harburger (1928). Ich denke auch nicht, dass auf dem alten Teil während der Nazizeit sehr viel mutwillig zerstört wurde, wenn dann sicher nur im flacheren unteren Teil, wo man heute das Dnekmal von 1950 findet.

      Die systematischen Zerstörungen dürften aber zweifellos den neueren Friedhof auf der anderen Seite der – bereits 1822 verzeichneten – Straße stattgefunden haben. Die dort geraubten Steine dürften sicher auch eher aus schwarzen Syenit (“Marmor”) gewesen sein, da sie die anderen Steine überall in der Umgebung haben.

      • Margit says:

        Ist dann der ältere Teil erst nach 1822 entstanden, oder warum ist er nicht in der Karte verzeichnet?

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