Isidor Obermayer 1783 – 1862


Vor genau 150 Jahren, wohl am 4. April 1862 starb in Augsburg der Vorsitzende der noch inoffiziellen jüdischen Gemeinde, der Eisenbahnpionier, Händler, Investor und Bankier Isidor Obermayer.

Isidor (Jitzchak bar Jakow) wurde als Sohn von Jakob Obermayer (1755-1828) aus Kriegshaber und Ida Oppenheimer (1765-1845) aus Pfersee geboren und wohnte mit seinen Eltern ab 1804 in Augsburg im dort erworbenen Haus am Obstmarkt, Ecke Hafnerberg. Sein Vater war Geschäftspartner der angesehenen Kaula – Familie aus Hechingen und Stuttgart, die auch in Kriegshaber, dann in Augsburg (und München) präsent waren und gehörte zu jenen jüdischen Bankiers, die sich in jener Zeit für ihre Familien ein bleibendes Wohnrecht in Augsburg erkaufen konnten. Im Jahre 1821 erwarb Isidor, damals bereits erfolgreich als Wechselhändler tätig, das Anwesen Heilig-Grabgasse, Ecke Maximilianstraße, welches den heutigen Augsburger als Standesamt bestens bekannt ist. 1822 wurde er zur Augsburger Börse zugelassen. Isidor Obermayer gilt als einflussreicher Mitbegründer der modernen königlich bayerischen Staatsbank, sowie der 1834 initiierten und im Oktober 1835 eröffneten Bayerischen Hypotheken und Wechselbank, die 1998 mit der Bayerischen Vereinsbank zur „Bayerischen Hypo- und Vereinsbank“ fusionierte und heute noch die fünftgrößte deutsche Bank ist. Als Eisenbahnpionier war Isidor Obermayer maßgeblich verantwortlich für den Ausbau der ersten bayerischen Überlandstrecke zwischen Augsburg und München, wofür er seitens der ausführenden „München-Augsburger Eisenbahn-Gesellschaft“ damit beauftragt wurde aus dem englischen Pionierland höchstpersönlich Schienen und die ersten Lokomotiven zu besorgen. Diese wurden bis 1840 wie vorstellbar ist, recht mühsam und langwierig per Schiff und über Land nach Augsburg, bzw. zu den jeweiligen Streckenabschnitten verbracht. Das damalige erste Augsburger Bahnhofsgebäude beim Roten Tor wird heute als Straßenbahndepot benutzt, ist aber das älteste noch existierende ehemalige Bahnhofsgebäude der Welt. 1846 wurde im Westen der Altstadt das heutige Bahnhofsgebäude errichtet, das eines der ältesten im Betrieb befindlichen ist.

Trotz aller gesellschaftlichen und finanziellen Erfolge – wozu man auch die Verheiratung seiner Tochter Henriette mit dem Erben des mächtigen Kölner Bankhauses von Salomon Oppenheim rechnen kann – gelang es Isidor Obermayer nicht der jüdischen Gemeinde in Augsburg, die nach dem Tod seines Vaters Jakob im Jahre 1828 rapide anwuchs, substantiell zu unterstützen, obwohl es ihm weder an Räumlichkeiten noch an finanziellen Mitteln und auch nicht an Einfluss mangelte. Zeitgenössische Klagen konstatieren, dass die durchaus vermögende Judenschaft in Augsburg keine eigentliche solche sei, da obgleich sie Millionäre und weitere fast ebenso potente Mitglieder habe, noch nicht mal eine kleine Synagoge zustande brachte, wie man sie in jedem Bauerndorf finden könne. Jakob Obermayer wurde von Samson Binswanger, gegen dessen Ansiedlungsrecht in Augsburg er jahrelang und schließlich erfolglos kämpfte, überredet, nun, wo sie dann doch Nachbarn am Obstmarkt geworden waren, eine Betstube für die Juden in Augsburg einzurichten. Es blieb jedoch bei diesem als Übergangslösung gedachten Einrichtung, die nach dem Tod von Jakob Obermayer und Samson Binswanger aufgegeben wurde. Von 1830 an bis zum Tod von Isidor Obermayer fanden die Gottesdienste der Augsburger Juden im Hinterzimmer einer Garküche (heute würde man sagen „Schnellimbiss“) abgehalten (natürlich mit entsprechenden Gerüchen und Geräuschen). Es gab in Augsburg keinen Rabbiner, keine Lehrer für den Unterricht der Kinder und folglich auch keine eigentliche Schule. Der Unterricht wurde von Lehrern aus Pfersee und Kriegshaber erteilt, die eigens dafür nach Augsburg kommen mussten. Entsprechend verhielt es sich mit dem Tauchbad, mit Heiraten, Beerdigungen, usw. Binnen sechs Jahrzehnten hatten die federführenden Obermayer in Augsburg nicht mal Ansätze einer für jede funktionierende jüdische Gemeinde grundlegende Infrastruktur zuwege gebracht. Erst mit Isidors Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) sollten einige dieser Missstände verschwinden, aber auch neue hinzukommen.

Ehemaliges Gartenhaus von Isidor Obermayer am Schwibbogenplatz in Augsburg, heute ein Jugendzentrum

 

Isidor Obermayer starb am Spätabend des 3. April 1862 in seinem Haus in der Maximilianstraße. Sein Tod ist fast untrennbar mit der damaligen Bühnengröße Tenor Theodor Wachtel verbunden.

Der „Schwäbische Kurier (Augsburger neueste Nachrichten)“ berichtete davon, zitierte dabei aber

Aus dem ‚Bayerischen Kurier‘: Der bekannte Tenorist Wachtel, welcher in Augsburg gastierte, war bei dem dortigen Consul Obermayer zu eienr Abendgesellschaft eingeladen. Alles war in der heitersten Stimmung und noch um halb 12 Uhr begeisterte er die Gesellschaft durch das Terzett aus Tell. Er sang eben die letzten Zeilen von dem schönen Liede Arnolds, womit dieser den Tod seines Vaters beklagte: ‚Er fiel, er starb der heiligen Sache, zu seiner Seite stand ihm nicht der Sohn‘ – als Diener in das Zimmer stürzten und Herrn Consul Obermayer zuriefen, er möge schnell in das Zimmer seines Vaters kommen. Der Sohn eilte hinab und fand den geliebten Vater, Herrn Bankier Obermayer vom Schlage gerührt, tot.“

Carl von Obermayer, mittlerweile Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg (das Konsularbüro befand sich im Haus) hatte den damals bekannten Tenor Theodor Wachtel (1823-1893), der wegen einiger Auftritte im Theater in der Stadt weilte und während dessen bei den Obermayers wohnte zu einer Geselligkeit eingeladen. Ob tatsächlich gerade jene Worte gesungen wurden, als die Dienerschaft den Konsul aufschreckte, ist nicht zu bestimmen. Der wahre Kern dürfte freilich in der Ausführung bestehen, dass der Vater starb, ohne dass der Sohn ihm beistand. Isidor Obermayer war bereits seit sechs Jahren Witwer und galt allgemein als kränkelnd. Der Winter 1861/ 1862 war ihm nicht gut bekommen. Nach Angaben des aus Pfersee stammenden Militärarztes David Ullman (1824-1910), dessen Praxis sich am Judenberg befand und der Obermayer behandelte sollte dieser in seinem angeschlagenen Zustand jegliche Anstrengung und Aufregung vermeiden. Bei der Abendgesellschaft an der neben Sängern und Schauspielern „über zwei Dutzend“ Leute aus der feineren Gesellschaft Augsburgs teilnahmen, soll es jedoch hoch hergegangen sein.

Theo Wachtel

Theodor Wachtel (1823-1893) wurde als Sohn eines Kutschers in Hamburg geboren und führte zunächst den Betrieb seines Vaters nach dessen Tod weiter, bis eines Tages, wohl bei einer Fahrt, seine Tenor-Stimme entdeckt wurde. Eine klassische Ausbildung als Sänger erhielt er nicht, doch schätzten Kritiker über Jahrzehnte hinweg seine wohl erhebliche Stimmgewalt, monierten mitunter aber seine wohl eher dürftigen schauspielerischen Qualitäten. Manche verspotteten ihn gar als „jaulenden Kutscher“. Aufgrund seines für den zumindest damaligen „Geschmack“ galt Wachtel jedoch auch als Frauenschwarm und hatte entsprechend viele Verehrerinnen. U.a. sang er bei der Premiere von Wagners „Thannhäuser“ den „Walther“. Zur Zeit seines Besuches im Palais der Obermayer in Augsburg (Carl hatte er in Wien kennen gelernt), sang er an der Wiener Hofoper, wo er bis 1865 blieb. Er trat sicher mehrmals an allen größeren und wichtigen Bühnen im deutschsprachigen Raum auf und war modern interpretiert eine Art „Popstar“ mit eigenen Autogramm-Karten, die man damals freilich noch „Visitenkartenportraits“ nannte. Mehrere Tourneen und Gastspiele führten ihn auch ins Ausland, etwa zu Beginn der 1860er Jahre mehrmals für mehrere Monate nach England, gelegentlich nach Paris oder in den 1870ern auch zweimal in die USA.

In der Woche nach Isidor Obermayers Tod trat Theo Wachtel dann, wie vorgesehen, im Augsburger Stadttheater auf. Das Theater befand sich damals noch am Lauterlech, brannte aber im März 1874 ab. Theaterliebhaber und Förderer, zu denen auch die Obermayers gehörten, unterstützten aber bereits vorher die Pläne zum Neubau eines repräsentativen Theaters, das nun gebaut und 1876 eingeweiht werden konnte. Wachtel bot verschiedene Kostproben, insbesondere aber den „Postillon von Lonjumeau“, eine komische Oper in ein drei Akten von Adolph Adam, die sich in bestimmten Kreisen großer Beliebtheit erfreuten, vergleichbar heutiger „Musicals“. Ein Logenplatz kostete damals stattliche zwei Gulden, im zweiten Rang immer noch ein Gulden und einen halben. Die billigeren Plätze wurden aber offenbar stärker von der jüngsten Preiserhöhung betroffen, als eben jene.

In vielerlei Hinsicht interessant ist hierzu die Kritik der „Neuen Augsburger Zeitung“ vom 8. April 1862:

„Dienstag, 8. April. Zweites Gastspiel des Herrn Theodor Wachtel. Martha, Oper von Fiottow. Ein Unbekannter hat im Briefkasten eines hiesigen Lokalblatts demonstriert, dass die Besitzer der Logen ersten Ranges bei der gegenwärtigen Preiserhöhung eigentlich unverhältnismäßig billig weggekommen sind. Leider Gottes scheinen sie davon gar nicht mal profitieren zu wollen; denn für Herrn Wachtel gewiss eine seltene Erscheinung, gerade der erste Rang war nur schwach besetzt, wozu freilich einige in diesen Tagen neuerdings auftretende Todesfälle etwas beitragen mögen. Der Enthusiasmus für den trefflichen Sänger war aber deshalb nicht geringer, und weniger als dreimaliger Hervorruf nacheinander war gar nicht da. Herr Wachtel sang aber auch danach und besonders in den beiden Arien „Ach so fromm“ und „Mag der Himmel dir vergeben“, entwickelte der Gast seine ganze herrliche Stimmfülle glänzend. Das Ensemble der Oper war ungestört und die Träger der Hauptpartien, Fräulein Klettner, Fräulein Ultsch und Herr Feuerstake, sehr gut, obgleich es nur dem letzteren – der übrigens eine stete Neigung zum Karikieren hat – gelang nach dem Porterlied einen Applaus von dem Publikum zu erobern, das nur für die Töne eines Einzigen Ohren hatte, der eben Wachtel hieß.“

Der Kritik können wir die offenbar auch in Augsburg anzutreffende Bewunderung für Wachtel nachvollziehen. Die etwas makabere Begründung der leer gebliebenen Logen-Plätze mit Todesfällen bezieht sich zweifellos auf Isidor Obermayer. Dass die Abendgesellschaft des Konsuls Obermayer im Hause seines kranken Vaters, in der Etage über dessen Gemächern durch den mitternächtlichen Tod jäh abgebrochen wurde, war der feinen Gesellschaft in Augsburg nicht entgangen, befanden sich unter den Versammelten ja auch Bürgermeister Georg von Forndran und verschiedene andere Honoratioren. Zugegen war freilich auch das damals 24jährige in der Kritik als „gut“ gewürdigte Fräulein Rosalie Ultsch, die eine Liaison mit dem Konsul hatte und später seine Frau wurde. Isidor Obermayer hatte für die Beziehung seines Sohnes zur der aus Bad Kissingen und einfachen Verhältnissen stammenden Schauspielerin und Tänzerin, die er als mäßige Lola Montez – Kopie abtat keinerlei Sympathie. Immer wieder war es zwischen Carl und seinem Vater deswegen auch zu Streitereien gekommen.

Am 7. April veröffentlichte die Neue Augsburger Zeitung eine „Danksagung“ von Carl Obermayer und seinem Kölner Schwager Simon Oppenheim: „Wir fühlen uns gedrungen, für die vielen Beweise der Liebe und Anteilnahme, welche dem Andenken unsers teuren heimgegangenen Vaters und Schwiegervaters, besonders bei dem Begräbnis dargebracht wurden, unseren tiefgefühlten Dank auszusprechen und die Erinnerung daran, die nie erlöschen wird, soll uns aufrichten in unserm großen und gerechten Schmerz – Augsburg, 7. April 1862 – Carl Obermayer, Simon Oppenheim

In der Woche darauf meldete das selbe Blatt: „Herr Banquier Isidor Obermayer hat unter seinen frommen Vermächtnissen auch die „Anstalt für alte und kranke weibliche Dienstboten“ dahier mit einem Legate von 100 Gulden bedacht. Dem edlen Manne sei dafür der tiefsinnigste Dank gesagt – Augsburg, den 15. April 1862, das Comité der Versorgungsastalt alter und kranker weiblicher Dienstboten, Josef G. Dreer, Vorstand

Aus der öffentlichen Magistratssitzung wurde folgendes vermeldet: „Konsul Obermayer (Obermayr) zeigt an, dass sein verstorbener Vater Herr Isidor Obermayer ein Kapital von 500 Gulden legiert habe, aus dessen Zinsen jährlich eine israelitische und wenn eine solche nicht vorhanden ist, eine andere Familie unterstützt werden soll. Derselbe hat ferner dem Frauen-Verein für verehelichte Wöchnerinnen 200 Gulden und den Kinderbewahranstalten 200 Gulden vermacht, was dankbar akzeptiert wurde.“

Schließlich notierte die Neue Augsburger Zeitung auch das finanzielle Erbe, demnach hätte „der dieser Tage dahier Verstorbene Bankier Herr Isidor Obermayr ein Vermögen von mehreren Millionen hinterlassen“.

Grabplatte des Isidor Obermayer am jüdischen Friedhof Kriegshaber Pfersee. Das eigentliche Grabmonument im Obermayer Familienensemble wurde in der Nazizeit zerstört und nach dem Krieg in das Monument am Eingang des Friedhofs verbaut. Dank früherer Aufzeichnungen aus Pfersee ist jedoch der Begräbnisplatz bekannt.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: