Über die jüdische Geschichte von Wertingen


Obwohl mittelalterliche Urkunden eine größere Anzahl von Juden aus Wertingen kennen, bringt kaum jemand den Ort in der Nachbarschaft von Binswangen und Buttenwiesen mit Juden in Verbindung.

Wertingen ist eine kleine Stadt in bayerisch-schwäbischen Landkreis Dillingen, etwa zwischen dem Dreieck Augsburg, Donauwörth und Dillingen gelegen. Nach einem guten Dutzend Eingemeindungen in den 1970er Jahren umfasst der Ort heute etwas weniger als 9000 Einwohner.

Erstmals datiert wird Wertingen in einer Urkunde auf das Jahr 1122, dem Geburtsjahr Kaiser Friedrich Barbarossa, der die kleine Siedlung später auch erworben hat (wohl um 1162). 1268 wird Wertingen nach der Enthauptung des letzten schwäbischen Herzog in Neapel mit Hohenreichen bayrisch, aber aus Geldnot immer wieder mal als Lehen vergeben. 1348 erwirbt Johann Langenmantel (1310-1367), dem auch der benachbarte Ort Binswangen gehörte, wegen seiner Akquisition hernach auch „von Wertingen“ genannt, für 4450 Gulden den Ort mit seinem kleinen Burgschloss. Hundert Jahre nach seinem Tod veräußern die Nachkommen der Langenmantel ihren inzwischen stark ausgebauten Besitz an die Herrschaft von Pappenheim, da sie zu viele Erben haben und eine Aufteilung nur mittels Geld machbar erscheint. Die Pappenheimer erweiterten den Bau. Von ihnen stammt der Schlossanbau um1500 .

Bis etwa 1700 bleiben die Pappenheimer Besitzer des Lehens Wertingen, ehe es für einige Jahre bis 1714 an das böhmische Grafenhaus Lobkowitz gelangte, denen schließlich bis 1768 das Haus Grünberg folgte. Hernach wurde Wertingen nicht mehr als Lehen vergeben sondern einem Pfleggericht unterstellt.

 Im Jahr 1805 siegte die sechste französische Armee bei Wertingen über österreichische Truppen der Division Auffenberg, was als Auftakt zur Schlacht von Ulm verstanden wird und den Sieg der Franzosen einläutete. Demzufolge ist der Name „Wertingen“ auch am Arc de Triomphe in Paris aufgeführt.

Rund hundert Jahre später, 1905 wurde die inzwischen wieder stillgelegte Bahnlinie Wertingen – Mertingen errichtet und 1912 erhielt Wertingen Stromanschluss, was sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt.

In der Nazizeit trumpfte das kleine Wertingen groß auf. Bei der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933 votierten weit überdurchschnittliche 59 % der Wähler des Landkreises Wertingen für die NSDAP, die im Gesamtergebnis nur 43 % erhielt. 32 % stimmten für die Bayerische Volkspartei (BVP), weitere 3 % für die Deutsche Bauernpartei (DBP) und ganze 1.8 % für die SPD. DNVP und KPD erreichten ca. 1 %.

Ein Widerstandnest gegen die Nazis war Wertingen ganz offensichtlich nicht. Dafür wurde es in der Nähe des Judenbergs zwischen Binswangen und Wertingen mit dem Bau zahlreicher Sport- und Freizeitanlagen für die Hitler-Jugend belohnt, die ihre trotzdem überschüssigen Kräfte und Übermut unter fachlicher Anleitung in der fast vollständigen Demolierung des alten jüdischen Friedhofs von Binswangen austobte.

siehe Dokumentation des Friedhofs:

https://jhva.wordpress.com/2010/07/15/der-judische-friedhof-von-binswangen/  (über die Zerstörung des Friedhofs und der Umgang in der Nachkriegszeit)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20308/Binswangen%20Cemetery%20Register.pdf   (Beschreibung der erhaltenen Grabmale)

Der kürzeste Weg zwischen Binswangen und Buttenwiesen, zwei Dörfer mit sehr hoher jüdischer Bevölkerung, führte durch Wertingen. Entsprechend „präsent“ im Sinne von benachbart oder umgeben scheint Jüdisches auch in Wertingen zu sein. Wenn man etwa davon liest, dass sich der Nachwuchs einer Wertinger Partei oder eine Schulklasse mit der „jüdischen Geschichte“ vor Ort befasst, so ist schnell von einem Besuch der ehemaligen Synagoge in Binswangen, des jüdischen Friedhofs dort oder in Buttenwiesen die Rede. Dass Wertingen aber noch vor seinen beiden Nachbarn selbst eine sehr alte jüdische Geschichte hat, scheint mit der Zeit fast vollständig vergessen oder verdrängt worden zu sein.

In seiner 1803 in Landshut erschienenen „Geschichte und Statistik der bayerischen Herrschaft Wertingen“ die dem Untertitel gemäß „ein Beitrag zum bayerischen Staatsrecht“ sein sollte, schilderte der damalige Rechtslizentiat Joseph Mindler seinen Heimatort. Dessen Einwohnerschaft taxierte er just zur Napoleonischen Zeit, zusammen mit den drei unteren Vordörfern der üblichen Schätzung nach (nämlich „von fünf Personen pro Haus“) auf 1300 Einwohner, was bedeutet, dass er 260 Häuser zählte. In seiner Ortsbeschreibung erwähnt er fünf Brauer, die braunes und weißes Bier sieden, vier Metzger, fünf Bäcker, sieben Krämer, zwei Mahlmühlen, die Schleifmühle und eine Holzsäge. Noch zwei der drei Tortürme (die heute alle fehlen) waren damals noch bewohnt. Zur Zeit des Fürsten Lobkowitz hatte dieser am Ort auch das herrschaftliche Brauhaus im Besitz und den Zapfenwirt und das Hirschwirtshaus betreiben lassen. Es ist sicher nicht aus der Luft gegriffen, dabei an das ebenso würzige wie süffige „urböhmische Schwarzbier“ der heutigen tschechischen Brauerei Baron Lobkowitz zu denken, das weit über seine Herkunft hinaus Anerkennung findet.

Mindler, dessen gleichnamiger 1808 geborener Sohn meldete sich 1833 als Jurastudent in München freiwillig zum Militärdienst und gelangte so in das Schutzkorps des griechischen Königs, dem damals gerade 17jährigen Sohn des bayerischen Königs. Er wurde rasch zum Leutnant der griechischen Armee befördert, wechselte hernach aber in den Staatsdienst, wo er zuletzt Kanzleidirektor im griechischen Kriegsministerium war. 1843 musste er im Zuge von politischen Unruhen gegen die Allmacht des bayrisch-griechischen Königs das Land verlassen, kam aber später zurück und entwickelte schließlich eine neugriechische Variante der Stenographie.  Er erlangte eine entsprechende Professur in Athen und nach dem Tod seines Königs im Jahre 1862 wurde Joseph Mindler (Ιωσήφ Μίνδλερ) Leiter des stenographischen Büros im griechischen Parlament. Dort befindet sich heute noch eine Büste zu seiner Würdigung. In Zeiten mancher Verwerfungen zwischen Griechen und Deutschen ist es durchaus interessant gemeinsame Elemente der Geschichte zu beachten, wie sie der in Wertingen geborene und in Athen 1868 verstorbene Mindler verkörpern.

Sein Vater hatte in der Ortsgeschichte von Wertingen des Jahres 1803 auch Juden erwähnt:

Es gibt im Verhältnisse von Wertingen sehr viele Handelsleute darin; zwei Drittel des Handels haben die benachbarten Juden in den Händen: diese dürfen öffentlich in Wertingen verkaufen, und kaufen, was sie wollen; sie handeln mit allen erdenklichen Sachen, selbst mit den Bürgern ungescheut, und wissen sich gut den Geist und Geschmack ihrer Nachbarn zu Nutzen zu machen; indessen jedem andern Christenmenschen das sogenannte Hausieren bei Konfiskation verboten ist.“ (S. 55)

Aus dem Jahre 1597 stammte ein Dekret, dass Juden den Handel in Wertingen verbieten sollte, aber wie so oft war Papier geduldig und Anordnungen dieser Art weltfremd. Die benachbarten Juden stammen – nach Mindlers Einschätzung eine halbe Stunde Fußweg entfernt – aus Binswangen im Westen, aber auch aus dem nördlich gelegenen Buttenwiesen. Der Notiz nach stand ihnen Wertingen, wo sie zwei Drittel der Geschäfte abwickeln, unbeschränkt offen. Es ist denkbar, dass von den sieben oben genannten Krämergeschäften auch einige in jüdischem Besitz oder so doch wenigstens angemietet waren. Wie auch immer gelang es den jüdischen Händlern offensichtlich, die Wünsche ihrer christlichen Kunden in Wertingen zu befriedigen. Interessant ist die nachfolgende Geschichte eines „welschen“ Unternehmer, der vor Ort expandiert:

Seit kurzem handelt in Wertingen ein Handelsmann mit Namen Zenet, ein Wälscher, mit glücklichem Erfolg neben anderem mit Tabak; davon legte er die kleine Fabrike an, wozu ihm die vor mehreren Jahren schon verkaufte Gerichtschreiberei gute Dienste leistet, und beschäftigt damit mehrere Menschen. Die Produkte werden ihm roh von dem eine Stunde entlegenen Orte Dirrheim beigeschafft, wo der Tabak in großer Menge und in guter Qualität gebaut wird. Er handelt damit viel in das Tirol, nach und nach scheint er sich mit seiner Handlung immer mehr zu verbreiten, welches schon geschehen sein würde, wenn nicht der vergangene französische Krieg manches stockend gemacht hätte. Zu Manufakturen scheint die Gegend, oder die Leute nicht aufgelegt zu sein.“

Das genannten Dirrheim ist heute als Oberthürheim, bzw. Unterthürheim, mundartlich aber noch als “Dirre” bekannt. In Wertingen findet sich prominent das Zenetti-Haus, benannt nach dem 1785 geborenen Johann Baptist Zenetti, dem Sohn des aus Italien stammenden Tabakfabrikanten, der zeitweilig bayerischer Innenminister und auch Mitglied der Paulskirchenversammlung im Jahre 1849 war. Sein Sohn Arnold Zenetti (1824-1891) war einige Jahre lang Stadtbaumeister von München und Architekt zahlreicher meist prächtiger Bauten, u.a. des “Hotel Imperial” in Wien.

Noch weiter zurück reichen freilich Belege aus Augsburger Steuerbüchern die zwischen 1377 und 1426 nicht weniger als neun jüdische Steuerzahler als aus Wertingen stammend aufführt: Isaak, Seligman und der junge Seligman aus Wertingen, die Frau des Isak Groß, Falk, Mossun, Jaklin und Jöhlin, sowie Frau Isak und Lazarus aus Wertingen.

Als Steuerzahler notiert wurden freilich nur jene Juden, die in Augsburger entweder Hausbesitzer oder Geschäftsinhaber waren. In der Regel kamen auf jeden von ihnen je nach dem etwa sieben bis zehn zusätzliche Angehörige, wie die Ehefrau, die Kinder, Schwager, Enkel, Bedienstete. Die Anzahl der Juden die in der genannten Zeit von Wertingen nach Augsburg kamen, machte insgesamt dann doch eine beträchtliche Gruppe aus.

(Detail of a painting in a Wertingen Church which showas the skyline of old Augsburg with a burning village in front which probably is Lechhausen)

Wie wir wissen wurde Wertingen 1348 von Johann Langenmantel erworben und ausgebaut. Im selben Jahr wurde gemäß der Notiz im Nürnberger Memorbuch auch die – freilich nicht näher erläuterte – jüdische Gemeinde von Wertingen von den antijüdischen Ausschreitungen im Zuge der Pest-Hysterie jener Zeit erfasst. In den bei weitem meisten Fällen sind die Erwähnungen von jüdischen Gemeinden die wegen angeblicher Brunnenvergiftung und dergleichen Opfer christlicher Fanatiker und Hassprediger wurden, bloße solche, ohne konkrete Nennung von Namen oder sonstigen Daten und deshalb durchaus mit eher legendären Charakter. Andererseits wäre die Notiz doch ein Hinweis auf eine zumindest in weit früherer Zeit bereits vermutete Gemeinde in Wertingen vor 1348.

Es ist gut möglich, dass der Augsburger Geschäftsmann, dessen Familie mit Weinhandel und Geldgeschäften zu den finanzkräftigen Patriziern ihrer Zeit gehörte, wegen entsprechender Ab- und Aussichten auch Juden von Augsburg abwarben, die in späteren Jahrzehnten wieder als Juden von Wertingen nach Augsburg zurückkamen. In weit stärkerem Maße als im eher klischeehaften Geldgeschäft, waren Juden im mittelalterlichen Weinhandel in Europa involviert. Dieser war zwar kein jüdisches Monopol, so aber doch eine große Domäne.

Die zahlreiche Anwesenheit Wertinger Juden in Augsburg binnen fünf Jahrzehnten ist zweifellos sehr auffällig und hat zweifellos mit der alles in allem recht guten Beziehung der Juden und der Langenmantel zu tun. Als letztere 1468 Wertingen aufgeben, existiert die jüdische Gemeinde in Augsburg bereits nicht mehr. Ihre letzten Spuren sind zwei Grabsteine die auf das Jahr 1455 datiert werden müssen. Wenig später sind erste Nachrichten von Juden in Binswangen erhalten. Ab Ende des 15. Jahrhunderts sind rasch anwachsende jüdische Gemeinden in Buttenwiesen und Binswangen bezeugt und das Verbot aus dem Jahr 1597 für Juden in Wertingen zu handeln macht ja auch nur Sinn wenn es vorher möglich war. Wenigstens für die Zeit von 1348 bis in die frühe Neuzeit können wir von einer fast ständigen jüdischen Gegenwart in Wertingen schließen.

Erst 1942 wurden einige Dutzend Juden aus Binswangen und Buttenwiesen mit der Lokalbahn von Wertingen aus auf dem Weg gebracht, der sie ins KZ Piaski bei Lublin ins besetzte Polen brachte. Dies ist nach sechshundert Jahren der vorläufige Schlusspunkt der jüdischen Geschichte in Wertingen und seinen Nachbarorten. Heute siebzig Jahre danach ist zwar überall von „Normalität“ die Rede, jedoch scheint diese nicht den Gedanken einer neuerlichen jüdischen Gemeinde in einem dieser Orte zu beinhalten. Man gibt sich mit auf Staatskosten hergerichteten ehemaligen Synagogen zufrieden, mit Adventskonzerten und ab und zu auch mal eine Gruppe Deutscher die jüdische Hochzeitsmusik aus dem Balkan des vorletzten Jahrhunderts imitieren.

Wertinger Darstellung des Minnesängers Ulrich von Thürheim (ca 1200-1250) , der als (Mit)-Autor der Tristan-Sage und des Rennewart gilt.

siehe: http://archive.org/details/ulrichvontrhei00camp


About Jews in Bavarian Wertingen

Although medieval documents know a larger number of Jews from Wertingen, hardly anyone links the place in the neighborhood of Binswangen and Buttenwiesen with Jews.

Also after a number of incorporations in the 1970s Wertingen still is a rather small town in the Bavarian-Swabian district of Dillingen with less than 9,000 inhabitants.

The Castle of Wertingen after 1348 was built by Johann Langenmantel (lit. “long coat”) from the famous patrician family of Augsburg, who were known for their usually very good relations with the Jews of Augsburg and Swabia. Wertingen for some 120 years remained in the family possession of the Langenmatel. During the time span from 1377 to 1430, in Augsburg tax lists no fewer than nine Jewish taxpayers with the toponym affix “of Wertingen” can be found, which were home and / or business owner and citizen and lived with their families and their servants in the imperial city.  

Although 1597 was pronounced a ban for Jews to trade in Wertingen, this probably had no particular or lasting effect. Binswangen in the west and Buttenwiesen in north of Wertingen were a half or resp. an hour walk from Wertingen. Both villages had a significant Jewish settlements, which at times was the majority of all inhabitants and therefore often were considered as “Judendorf” (Jewish village) and the shortest way to connect Binswangen and Buttenwiesen was Wertingen. So it’s no surprise that Joseph Mindler a Wertingen born lawyer and father of his same named son who later was Greek Parliament stenographer in Athens in 1803 stated in his  Topography of Wertingen that Jews in Wertingen can operate free trade in any way they like and that two-thirds of all trade in the town was Jewish to the satisfaction of their local customers.

Only in 1942, seventy years from now, some forty Jews from the neighborhood were sent via train from Wertingen railroad station on their way to Piaski concentration camp near Lublin in German occupied Poland. Almost all of them perished. In Binswangen the former synagogue in 1996 was redecorated in order to use the building as communal event location, for instance for lectures, classical musical, advent choral or so called Klezmer concerts, etc.

By all accounts there however are obviously no intentions to try for a resettlement of a new Jewish community there.

2 Responses to Über die jüdische Geschichte von Wertingen

  1. Jennifer Cox says:

    Great article !

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