Die “Tauche” von Kriegshaber


Gegenwärtig wird die ehemalige Synagoge von Kriegshaber nach jahrzehntelanger Vernachlässigung saniert, um künftig (2013?) einer Filiale des „Jüdischen Kultusmuseums“ in Augsburg Platz zu bieten.

Um 1570 wird erstmals eine Synagoge in Kriegshaber erwähnt. Die heutige, wohl an selber Stelle gebaute, Synagoge wird auf die Zeit um 1680 datiert und wurde in den 1840er Jahren anstelle eines nicht zustande gekommenen Neubaus, der mit orientalisierenden Fassaden geplant war, dann 1862 und zuletzt um 1910 renoviert. Bis 1940 wurde sie von der (sog. „orthodoxen“) jüdischen Gemeinde genutzt.

Weniger bekannt ist offenbar der Umstand, dass sich auf der Rückseite des Gebäudes die nicht minder alte Mikwe von Kriegshaber befand, die bereits für das Jahr 1700 urkundlich belegt ist, da der damalige Besitzer des Baus dafür einen Gulden jährlich an Bodenzins für den Vogt entrichten sollte (siehe: Sabine Ullmann – Nachbarschaft und Konkurrenz, 1999, S. 160, u.a.).

Im Katasterregister von Kriegshaber des Jahres 1840 beginnt die einstige Kriegshaber Hauptstraße im Westen und ist in Richtung Augsburg durchgehend nummeriert. Die Synagoge hatte deshalb die Hausnummer 3, die Häuser daneben die Nummer 2, und 4. Heute heißt die Hauptstraße längst Ulmer Straße und die Synagoge hat, von Augsburg aus gezählt die Nummer 228. Das frühere Haus 4 der Hauptstraße ist zum heutigen Haus 226 der Ulmer Straße geworden, welches damals im Besitz des Pferdehändlers Emanuel Dick dem Sohn des Josef Dick war. Im Kataster (StAA RA Augsburg-Stadt, Nr. 48) nun ist sozusagen dazwischen als Hausnummer 3 ½  ein weiteres Gebäude angegeben, welches als „Tauche“ der Judengemeinde genannt wird.

Der Begriff „Tauche“ oder „Dauche“ ist nun selbstredend und mit dem überlieferten Zusatz als „Judentauche“ oder „Judendauche“ überall geläufig zur Bezeichnung eines Tauchbades. In den letzten Jahren ist die hebräische Bezeichnung „Mikwe“ vertraut geworden und rivalisiert nur noch gelegentlich mit dem vorher benutzten, jedoch recht eigenartigen, befremdlichen Begriff (jüdisches) „Ritualbad“. In früheren Zeiten jedoch war die geläufige Bezeichnung des halachisch vorgeschriebenen Tauchbades, dass zur Grundausstattung einer jeden intakten jüdischen Gemeinschaft zählt, meist schlicht Dauche oder Tauche genannt. An vielen Orten hat sich im Volksmund die Bezeichnung Judendauche oder Judentauche auch noch gehalten.

Dass es sich nun bei der im Kataster genannten Tauche um die Mikwe der jüdischen Gemeinde von Kriegshaber gehandelt hat, dürfte gänzlich unstrittig sein. Umso verwunderlicher ist es, dass sie ganz offensichtlich nicht Bestandteil der mit Mitteln der Städtebauförderung des Bundes und der Länder, des Bayerisches Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, des Bezirks Schwaben, und der Bayerischen Landesstiftung von der Stadt Augsburg und dem Hochbauamt Augsburg gegenwärtig ausgeführten, zuvor jahre- wenn nicht jahrzehntelang geplanten und von den zuständigen Denkmalschutzbehörden aus Augsburg und München beratenen Sanierung der Synagoge ist. Dabei müsste man vermuten, dass bei historischen Sanierungen zumindest auch ein Blick in alte, frei zugängliche Unterlagen, wie eben in einen Katasterplan eine Grundlage sein sollte.

Zur Tauche gelangte man früher über den Treppenaufgang, der sowohl zum Eingang der Synagoge als auch zur darunter befindlichen Wohnung führte. Ging man von dort aus ein paar Schritte weiter östlich gelangte man zu einem engen Durchgang, der von einem Gitter verschlossen war, vorbei am außen hängenden Erker des Tora-Schreins. Es ist klar, dass dieser Durchgang keinen anderen praktischen Zweck hatte, als auf diese Weise, ohne die Synagoge betreten zu müssen, zunächst zur Tauche zu gelangen.

Dies war offenbar übersehen worden, und so wurden die zuvor noch vorhandenen Reste der früheren Baustruktur achtlos beseitigt. Da wir uns nun aber bereits seit vielen Jahren auch mit der Hausgeschichte der früheren Judengemeinde in Kriegshaber intensiv beschäftigt hatten, sind glücklicherweise noch Photographien der nun abgerissenen Gebäudeteile erhalten.

 

Die darauf angesprochenen Bauarbeiter wussten von nichts und hielten die beseitigten Reste für einen alten Abstellraum, an dessen Platz sich nun freilich Schutt und Geröll der umfangreichen Bauarbeiten auftürmt. Da eine etablierte, wohl schon vor mehr als dreihundert Jahren bis ca. 1940 gebrauchte Tauche an dieser Stelle, auf der Rückseite der Synagoge, unweit vom christlichen Friedhof Kriegshaber, zumindest auch wegen der dafür erforderlichen Wasserversorgung, ortsgeschichtlich auch allgemein von Interesse sein dürfte, bleibt nur die vielleicht vage Hoffnung, dass es irgendwann mal auch Grabungen nach den vermutlich kellertiefen Überresten der Mikwe geben kann und wird.

For some time the restoration and conversion of the former synagogue of the Jewish community of Kriegshaber, which used the building until 1940 is underway. About 2013 there will be a branch of the “Jews Museum” in Augsburg. Unfortunately the activity in the backyard of the synagogue led to the destruction of the last visible remnants of the former Mikveh of the Jewish community, which is first reported in 1700 when a Jew named Victor  had to pay an annual tax of 1 guilder for it. It also is mentioned in early 19th century land register maps. Since Kriegshaber was incorporated to Augsburg only in 1916, back then the village was independent. Today’s Ulmer Str. then was the Hauptstr. (main street) – also the house numbers were different from today. The synagogue for instance then was Hauptstr. 3, today the building is Ulmer Str. 228. However the mikveh now in the official register maps is noted as Hauptstr. 3 ½ and is called “Tauche”, what lit. means to dive or to immerse and in South Germany and Austria was the common name for a mikveh. The existence of the mikveh obviously was unknown to the “experts”, monument consovatoers, local historians as well as to the municipal building owners and apparently was no part of the remedial design – what is the only somewhat rational explanation for this kind of “unnecessary roughness”. On the other hand one would assume that planning of government-funded restoration works at sites of historical value, involve also a detailed previous study of historical records and documents, which are freely accessible. However, since now there is no chance to dip, there will will be a time to dig, some day.

Former Jewish houses in Hauptstr. (now Ulmer Str.) in Krieshaber

3 Responses to Die “Tauche” von Kriegshaber

  1. Margit says:

    Nach Mitteilung der beteiligten Architekten ist die Tauche wohl schon in den Nachkriegsjahren zweckentfremdet worden. Es wurde die Deckplatte einer Dreikammersickergrube unter losem Mauerwerk gefunden. Es sind dann wohl größere Anstrengungen nötig um alte Reste der Tauche zu finden – Ausgang ungewiss!

  2. Joshua says:

    Well that is anything but new. You can read it already here:

    http://www.alemannia-judaica.de/kriegshaber_synagoge.htm

    “An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde zunächst einen Betsaal beziehungsweise seit Ende des 17. Jahrhunderts eine Synagoge (s.u.) sowie eine Schule, ein rituelles Bad (im Keller eines jüdischen Privathauses bei der Synagoge, 1840 in jüdischem Gemeindebesitz und als Wohnhaus mit “Tauche” genannt)”

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