eine mittelalterliche Synagoge in Augsburg


Die Erwähnung eines Juden namens Josef aus Augsburg in einer in das Jahr 1212 datierten Würzburger Urkunde gilt allgemein als ältester Beleg für eine jüdische Präsenz in Augsburg. Für das Jahr 1259 ist ein „Judenhaus“ (domus judeorum), 1276 eine Synagoge namentlich genannt. 1290 sind das „Judenbad“ und das „Tanzhaus“ genannt und 1298 findet erstmals der Judenkirchhof genannte Friedhof im Nordwesten der Altstadt Erwähnung. In der Regel ist jedoch relativ unklar, wo die einzelnen Gebäude sich befunden haben, zumal hebräische Quellen ortskundiger Autoren nicht zu Rate gezogen werden.

 Gemäß einer Schilderung aus dem Jahre 1840 ergibt sich freilich eine weit ältere mittelalterliche jüdische Gemeinde, deren Präsenz in der Judengasse, südlich der Bischofsstadt, demnach zumindest in den Beginn des 10. Jahrhunderts zurückreicht. Es ist die Zeit des berühmten Augsburger Bischofs Ulrich (ahd. Vodalrich), der der allgemeinen Auffassung gemäß von 923 bis 973, ein rundes halbes Jahrhundert also Stadtherr des freilich noch sehr kleinen Augsburg war und als Erbauer der ersten Augsburger Stadtmauer gilt, die sich als besserer Schutz vor Angriffen erwies als die bisherigen Palisaden aus Holz. Nicht nur lokale Berühmtheit erlangte die legendäre Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955. Ulrich, der wegen eines wundersam umdisponierten Freitagabendmahl häufig mit einem Fisch dargestellt wird, gilt in der katholischen Tradition als erster Heiliggesprochener.

Der Bericht aus dem „Amtlichen Anzeiger und Intelligenzblatt der königlich Bayerischen Kreishauptstadt Augsburg“ vom Samstag, 11. Juli 1840 (S. 796 f.), widmet sich der offenbar recht abwechslungsreichen Geschichte eines Hauses in der Karlstraße. Das Intelligenzblatt bezieht sich auf das Haus mit der Litera-Nummer D 77, dessen Lage aufgrund entsprechender Pläne zweifelsfrei ermittelt werden kann. Es handelt sich um das zweite Gebäude auf der von West nach Ost führenden Karlstraße, die bis 1825 den Namen Judengasse trug und heute demgemäß wohl etwa mit der Hausnummer 12 (ggf. teilweise auch No. 10), dessen Gebäude freilich ein Nachkriegsbau ist und mit dem geschilderten zuletzt nach einem Besitzer „Memminger Haus“ genannten Vorgänger nichts mehr zu tun hat.

„Historische Nachricht

von einigen alten Denkmälern

in dem Memminger’schen Hause Lit. D Nro. 77“

 

In diesem Hause sind zur ebener Erde, linker Hand noch heut zu Tage dergleichen Denkmäler des Altertums sichtbar, selbe sind auf folgende Weise entstanden: Im Anfang des 10. Jahrhunderts errichteten die Juden allda eine Synagoge, deren Wände sie nach ihrer religiösen Sitte mit verschiedenen Charakteren und Schriften ausschmückten.

Ruhig hielten die hier geduldeten Israeliten ihren Gottesdienst allda über 150 Jahre, als der Herzog Welf im Jahre 1084 durch Verräterei in die Stadt drang und gräusliche Verwüstungen allenthalben veranlasste, wobei unter den zerstörten Häusern auch die Synagoge verwüstet und geplündert wurde. – Die Juden überließen hierauf das Haus samt ihren entweihten Tempel seinem weiteren Schicksal.

Bischof Hartmann räumte das verlassene Haus im Jahre 1270 den Tempelherren, die er in die Stadt brachte, ein; welche letztere es sogleich zu ihrem Gottesdienste herrichten ließen, ohne jedoch die in der Synagoge befindlichen Denkmäler zu entfernen. Nachdem aber gedachte Tempelherren aus Deutschland, und also auch hier aus der Stadt verjagt worden sind, so ist ihr Eigentum im Jahre 1312 von Bischof Friedrich zu einer Kapelle gemacht – und die selbe dem heiligen Laurentius geweiht worden. Auch damals ehrte man das Altertum, und erhielt sie unversehrt. Wie nun im Jahre 1548, daselbst der Gottesdienst aufhörte, und das Benefizium in die Domkirche übertragen worden ist, so wurde das Haus samt der Kapelle 1549 an Herrn Hans Heintzel und seine Ehefrau Katharina Welser, einer hiesigen Geschlechterfamilie verkauft, von welchem es mit dem Hinterhaus auf dem Obstmarkt an ihren Sohn Johann Baptist Haintzel und seiner Ehefrau Veronika Imhof im Jahre 1574 erblich zufiel, von diesem kam es an des letzteren Sohn Sohn Johann Matthias Haintzel 1624. Von diesem im Jahre 1651 auf seine Schwestern Veronika und Regina, nach denselben kam dieses Haus noch in mehrere Hände, während welches 25 Jahre lang (1652-1677) sogar auch ein Weinhaus war, bis es im Jahre 1678 an Esaias Preu, Stubenwirth kam, welcher gedachtes Haus zu einem Fideikommiß machte. Im Jahre 1821 erkaufte Johann Nikolaus Memminger dieses Preu’sche Stiftungshaus, und ließ es in seiner damaligen Gestalt von Grund auf neu erbauen, ohne dass das Altertümlich zu ebner Erde auf irgendeine Weise vernichtet worden wäre. Diese Antiquitäten sind noch täglich zu sehen, welche nun ein Alter von 900 Jahren zählen.

Weitere Quellen für diese Angaben nennt das „Intelligenzblatt“ freilich nicht, jedoch können wir einem Amtsblatt vor 170 Jahren zumindest in Bezug auf die präsente Ortsgeschichte eine gewisse Seriosität unterstellen, da man damals nicht leichtfertig etwas für die nächste Ausgabe schnelllebiger Publikationen verfasste oder den Stand der Erkenntnis fast ausschließlich an wikipedia – Artikeln maß. Wie dem auch sei, sollte es mit der Mitteilung eine Berechtigung haben, wird im Jahre 1840 das besagte Haus „D 77“ als frühere, bereits zu Beginn des 10. Jahrhunderts, aus heutiger Sicht, also vor etwa 1100 Jahren erbaute Synagoge bezeichnet, die bis zum Überfall im Jahre 1084 für rund 150 Jahre als solche benutzt wurde und hernach vom Tempelorden, bis zu dessen Liquidierung im Jahre 1312 benutzt wurde. Danach folgte eine dem Laurentius (einem in die Mitte des dritten Jahrhunderts datierten legendären christlichen Heiligen, der als Märtyrer für den christlichen Glauben gestorben sein soll und in der katholischen Mythologie als Schutzheiliger der Bibliothekare, Bäcker  und Bierbrauer gilt) gewidmete Kapelle. Im 17. Jahrhundert befand sich im Haus eine Weinstube, ehe der Stubenwirt Jesaja Preu es zu einem Stiftungsbesitz (Fideikommiss) machte. 1821 wurde es von Nikolaus Memminger grundlegend erneuert und im Bericht des Jahres 1840 schließlich wird festgestellt, dass offenbar aus der weit früher herrührenden Verwendung als Synagoge noch ausreichende Spuren vorhanden blieben, wie Schriften an den Wänden. Eine bildliche Beschreibung davon ist der „Historischen Nachricht“ leider nicht beigefügt. Da trotz Hinweisen und wenigen Funden aus der römischen Antike die Anfänge der jüdischen Präsenz in Augsburg unklar sind und eher nördlich der Bischofsstadt zu vermuten sind, wäre der Bericht zum Haus D 77 in der früheren Judengasse  auch nicht der Beleg für die erste Synagoge in der Stadt, wohl aber eine weiter zurückreichende als die  fälschlich im Bereich am Obstmarkt vermutete. Im Lapidarium des Maximilianmuseums lagern einige Relikte und Fragmente, die in entsprechenden Bauten integriert sein konnten.

A report in a official Augsburg gazette from July 1840 identifies the “Memminger Haus” (old litera number “D 77”) as old synagogue of Augsburg, established in early 10th century and used for some 150 years until the city was attacked in 1084. The Jews of Augsburg decided to build another but however adjacent synagogue and the old one was used by the Knights Templar (order of the temple) until 1312 when the church exterminated the order and liquidated their property. Afterwards the bulding was used as church for Saint Lawrence, but in later times it also was a wine tavern. In 1821 the building was completely overhauled, but the medieval structure indicating the former synagogue as the report says remained. However in February 1944 almost the entire neighborhood was levelled by aircraft bombs, thus all structure here is postwar as you may see on the picture. However the lapidarium of the city museum has a number of stony remnants and fragments which by style may originate from a medieval synagogue as they  compare to a number of quite similar findings of known medieval synagogues in Germany and Europe.

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