Augsburg: Fluchtpunkt Judenberg


 

 

 Eine weitere Augsburger Stadtlegende aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert schildert den Judenberg als Fluchtpunkt des Raubritters Onsorg aus Wellenburg. Er rettete sich vor den Stadtsoldaten in die Stube des Augsburger Rabbiners Josef ben Aharon יוסף בן אהרון (in der Geschichte „Ben Aron“ genannt, wovon letzteres keineswegs unpassend hebräisch ארון jedoch „Kasten“ oder „Schrank“ heißen würde. Die Indendität des Rabbis ist geklärt, soll in diesem Rahmen aber weiter nicht thematisiert werden). Jahrzehnte vorher, 1348, so die Geschichte soll der (spätere) Rabbi umgekehrt Hilfe und Zuflucht durch den (späteren) Raubritter gefunden haben. Vielleicht tatsächlich auf der Wellenburg, ggf. aber auch in Pfersee. Wir bitten Augenzeugen, uns Auskünfte zu den näheren Abläufen zu berichten. Der Kreuzturm existiert heute nicht mehr, jedoch befindet sich an der Außenmauer des Gartens des Meuting-Hauses eine Hinweis-Tafel, die auf das Turm-Gefängnis verweist und einen anderen prominenten Insassen verweist. Was aus dem Onsorg-Sohn wurde, ist (uns) nicht bekannt.

Im 14. Jahrhundert war’s, da der mächtige Raubritter Hartmann Onsorg von Wellenburg mit seinen Söhnen Jos (Jobst) und Stephan mit der Stadt Augsburg Krieg führte. Er zerstörte die Gartengüter reicher Augsburger, trieb das Vieh von der Weide, senge und brannte nach Herzenslust und brandschatzte die Warensendungen der Großkaufleute. Solch ein Warenzug musste deshalb eine starke militärische Bedeckung mit sich führen, dass er oftmals mehr einem Kriegszug glich als einem friedlichem Kaufmannsgefährt. Das ganze Kaufmannsgut, das im Sommer Anno 1395 auf die Messe nach Nördlingen zog, wurde von dem jungen Jobst Onsorg geraubt, und dies knapp vor dem Wertachbruckertore. Doch bekanntlich geht der Krug ja solange zum Brunnen bis er bricht.

Jungherr Jos kam nicht bis an die Wertach, da holten ihn fünfzig Augsburger Reisige ein, nahmen ihm das Geraubte ab und den jungen Herrn Onsorg gleich mit sich in die Stadt, wo ihm im hohen Heiligkreuzturm ein kleines Kämmerlein bereitet war. Dazu ließ der Rat ihm die Mitteilung zukommen, es müsse am dritten Tag seiner „Fangnuß“ (Haft) sein Haupt vom Halse.

Als diese Dinge der Vater, der alte Onsorg, draußen auf seinem Raubnest zu Wellenburg erfuhr, wurde ihm gar sonderlich um sein raubritterliches Herz. Er machte sich auf den Weg nach der Stadt nach Augsburg. Als Ritter durfte er nicht kommen, denn sonst konnte er die Gastfreundschaft der Augsburger mit seinem Sohne teilen. Da verkleidete sich Herr Hartmann Onsorg als Bauer, nahm der Vorsicht halber im Säckel Gold mit und zog in die Reichstadt, sein Jöslein zu suchen und zu befreien. Aber diesmal ließ die Wunderkraft des edlen, gestohlenen Metalls den Sünder im Stich. Die Augsburger Stadtknechte erkannten trotz der Mummerei den Fuchs und waren ihm auf den Fersen.

Familienwappen (coat of arms) der Onsorg, die früher AUNsorg lauteten und deshalb als erste ein A als Wappen in der Stadt führten.

Herr Hartmann tat sich im Gewirr von Gassen und Gäßchen schwer und geriet bei seiner Flucht unten am Judenberg in ein altes Haus, rannte Treppen und Gänge auf und nieder und kam plötzlich in ein hell erleuchtetes Zimmer, darin ein alter, ehrwürdiger Mann mit langem, wallenden Bart an der Bahre einer Leiche saß. Es war der ehrwürdige Rabbi Ben Aron, dessen treues Weib Rebecca nach 47jähriger glücklicher Ehe nachts zuvor gestorben war. Rabbi Aron und Herr Hartmann kannten sich, doch war das letzte Zusammentreffen nicht recht angenehm; denn eigentlich hatte auch der Rabbi mit dem Raubritter zu sprechen. Aber der Rabbi erkannte die ungemütliche Lage des Onsorg, der den Greis flehentlich bat, ihm beizustehen und ihn zu verbergen. Rabbi Aron sich menschenfreundlich des Verfolgten an, indem er ihn befahl, sich unter die Totenbahre zu legen.

Nicht lange währte es , so kamen Häscher, den alten Orsorg zu suchen, allein vergebens. Fast erschrocken vor der ehrwürdigen Gestalt des Greises an der Totenbahre wagten sie es nicht, weiter vorzudringen, sondern verließen eiligst die Stube, vermeinend in das Haus eines Zauberers geraten zu sein. Der alte Raubritter wusste nicht, wohin ihn die Not gejagt. Der Rabbi setzte sich ruhig und alte Gebete sprechend. Menschenliebe und Dankbarkeit waren es, die das Haupt der Augsburger Juden veranlassten, den Raubritter, den Sohnesliebe in die feindliche Stadt trieb, auf solche Weise zu schirmen. Denn ehedem, als der Rabbi vor 40 Jahren sein Weib heimführte, herrschte die böse Zeit der Judenverfolgung. Da war es Hartmann Onsorg als Junker, der dem jungen Judenpaare die Türen des finsteren Kerkers öffnete, dass es frei ward und nicht wie unzählige Glaubensgenossen auf die blutige Folter gespannt wurde. Heute wusste dem Ritter das der Judengreis zum Dank.

Als lange schon das Gepolter der Stadtschergen auf den engen, wackeligen Stiegen verklungen war, lüftete der Rabbi das Bahrtuch, damit er den Flüchtigen schützend zugedeckt und sprach feierlich:

„Herr Ritter, erhebt euch! Einstens vor Gottes Thron finden wir alle Vergeltung, mehr für die Taten als für blinden Glaubenseifer!“

August Vetter, Alt – Augsburg, B. 1, S. 161 f., Augsburg 1921/28

 

 

 

An urban legend tells the story of robber baron Hartmunt Onsorg (Aunsorg) of Wellenburg (since 1595 the castle is property of the Fugger offspring until today), ca. 5 miles southwest of medieval Augsburg, who in 1395 tried to break his son Jos from jail in Augsburg. Although he disguised as peasant he was recognized and on the run through the old city of Augsburg. As last resort he managed to get upstairs in the house of Rabbi Yosef ben Aharon of Augsburg who in his attic at the Judenberg (which also had been the name of a medieval tax district in the imperial city) mourned and bewailed his wife, who had died after 47 years of marriage the day before. The rabbi knew the robber baron from a previous less joyful encounter – among the traders raided by Onsorg and his sons of course were a number of Jews – but gave him shelter. So the fugitive hided away under the bier of the rabbis wife. When the city soldiers entered the parlor of the rabbi they were somewhat afraid by the scenery and the look of the old venerable and solemn man and assumed him to be a kind of sorcerer or wizard, but however were not interested in searching his rooms. The connection between the two men however g had been deeper. When in late fall of 1348 the Jews of Augsburg were attacked by “noble” villains then squire Hartmunt Onsorg had helped Yosef ben Aharon, the later rabbi of Augsburg and his young fiancée. Thus there has come a full circle. According to the legend as told by local historian August Vetter in 1928, the rabbis words were: “One day before God we will be judged for our deeds not for religious zeal!”  

 

In the months of Elul, just some weeks away from the judgment of the New Year and the approval of Yom Kipur the story of Rabbi Yosef ben Aharon and the robber baron calls up our attention to the fact that secular laws may change in the course of half a century, but the obligation towards our fellow human beings will endure. So if there is an opportunity to help, just do it. Sometimes later, your, your children or grandchildren will benefit from it – when you need it.    

  Today there are no robber barons in Augsburg – and no pious rabbis either – but if you want to stay and rest at “Kichererbse” (chickpea) snack bar at least you will get some פלפל Falafel.

 

One Response to Augsburg: Fluchtpunkt Judenberg

  1. Erlangenblog.net Dein Stadtmagazin !…

    […]Augsburg: Fluchtpunkt Judenberg « Jüdisch Historischer Verein Augsburg[…]…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: