Am Ende doch nur eine Nummer ..?


Menschliches Leben, poetisch formuliert von der Wiege bis zur Bahre, ist einzigartig, zumindest erlebt es jeder so, während jeder (moderne) Mensch das Empfinden kennt, oftmals nur (noch) eine Nummer zu sein, sei es beim Passport, beim Finanzamt, bei den Krankenkassen, als Kraftfahrzeugführer, im Telefonbuch oder als Personal einer Firma und dergleichen mehr.  Was am Ende des Lebens von einem übrig bleibt, wenn auch der eigene Nachwuchs bereits verschieden ist, kann man auf Friedhöfen studieren. Je nach dem Einfallsreichtum oder dem Ausmaß der Trauer sind es Gedichte, Lobpreisungen der edlen Taten, manchmal auch Berufsangaben und Ämter, fast immer aber Namen, Geburts- oder Sterbedaten. Solange die Inschriften nicht überwuchert oder zerbröckelt oder gar der Stein selbst – etwa durch Vandalismus – zerstört ist, bleibt nach Jahren oder Jahrzehnten oft nichts, woran spätere Nachkommen sich orientieren könnten.

Ein Problem, das keineswegs neu ist, wie ein Artikel des Magazins „Israelit“ aus dem Jahr 1902 am Beispiel von Harburg belegt. Der damalige Vorstand der jüdischen Gemeinde von Harburg Gerson Stein hatte vorgeschlagen „auf dem hiesigen israelitischen Friedhof die Nummerierung und Registratur sämtlicher Grabdenkmäler vorzunehmen, um den Besuchern das Auffinden der Grabstädten zu erleichtern und namentlich etwaige defekte Grabdenkmäler zu erneuern.“

Der jüdische Friedhof von Harburg, der damals etwa 500 Grabstätten hatte, hatte inzwischen auch Plätze für Tote aus Mönchsdeggingen und Ederheim, deren Gemeinden dem Artikel gemäß aufgelöst waren. Mit der Aufgabe die Nummerierungen durchzuführen und zu katalogisieren wurde der Lehrer Hermann Rieck beauftragt.

Von Seite vieler Auswärtiger, deren Ahnen im hiesigen Friedhof schlummern, wurde der Kultusverwaltung Harburg, dieses lobenswerten und pietätvollen Unternehmen halber Anerkennung gezollt.“

Gerson Stein von der jüdischen Gemeinde Harburg war nicht der erste, der die Idee der zusätzlichen Grabnummer auf der sonst meist  nicht beschrifteten Rückseite der Grabsteine hatte, aber es war für dokumentarische Zwecke zweifellos eine gute und praktische. Voraussetzung für diesen Nutzen war und ist freilich, der Erhalt der entsprechend erstellten Register und Übersichten. Dies ist heute leider eher selten noch der Fall, da in den späten dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts Nazi-Behörden wie das sog. „Reichssippenamt“ (RSA) in Deutschland und von Deutschen besetzten Gebieten relativ systematisch Archive jüdischer Gemeinden plünderten, um die Unterlagen ihrer rassischen Forschung unterwarfen – u.a. um jüdische Vorfahren nichtjüdischer Deutscher aufzuspüren, relevant für die Vergabe des kleinen oder großen Ariernachweises. Viele der geraubten Geburts-, Heirats-, Sterbe- oder Friedhofsregister, die im thüringischen Schloss Rathsfeld bis in die letzten Kriegswochen hinein, als längst klar war, dass Nazi-Deutschland keinen Bestand haben würde, minutiös abfotografiert wurden, sind verschwunden oder existieren nur noch als Papierkopien der erhaltenen Fotoplatten. Beispielsweise am jüdischen Friedhof von Binswangen ist es, nach aktuellem Kenntnisstand sodann auch so, dass manche der sehr wenigen erhaltenen Grabsteine auf der Rückseite lediglich eben eine solche Grabnummerierung aufweisen. Die auf der Vorderseite befindlichen Metallplatten wurden offensichtlich geraubt, für schändlich Zwecke von lokalen Zeitgenossen, die sich ganz unbefangen an den Grabmalen ihrer bisherigen Nachbarn bereicherten.  In dieser Weise blieb von einigen Juden aus Binswangen nichts anderes übrig als eine verbliebene Nummerierung wie etwa „N 225“, die ohne das Register, für das es angelegt wurde weiter nichts mehr besagt.   

 

„X 225“

without stolen metal plate

Since the metal plate of the grave marker was stolen by Nazi neighbors also the memory has vanished

Probably in mid-nineteen century Jews began to number grave markers on their back with mostly consecutive figures in order to simplify the location of particular tombs for out of town visitors or descendants. The Jewish community of Swabian Harburg in 1902 decided to introduce such numbers also for the purpose in future to be able to restore or replace damaged grave markers. Since during the Nazi time not only many Jewish grave markers but registers as well were destroyed in some cases the backside numbers are the only reference left for us to commemorate. To be nothing more as a meaningless number in an unknown system however is what many contemporaries today fear.

Many thanks toRolf Hofmann for the 1902 “Israelit” article which draws attention to a problem almost everywhere.

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