Verschießt Augsburg sein Pulver ..?


Überraschend für uns beriefen sich vor kurzem die “Freien Wähler” aus Augsburg (denen durchaus unsere Anerkennung für ihre Wachsamkeit gilt) auf einen zwei Jahre alten, ansonsten nur in der englischen Fassung gelegentlich beachteten Bericht über die Zuordnung der städtischen Legende des Tipsiles als Erfinder des ersten waffenfähigen Schießpulvers in Augsburg. Freilich interessiert sich in Augsburg auch weiterhin niemand für David ben Josef Ha-Tiplisi (1279-1359), noch nicht mal so recht für die kleine Figur mit grünem Turban in der St. Anna – Kirche, die seltsam genug zur Legende passt …  

Anlass war/ist, die geplante Umbenennung des Pulvergäßchen zu Ehren einer anderen, offenbar wesentlich glaubhafteren Legende, nämlich der des seitens der katholischen Kirche 1737 heiliggesprochenen Franzosen Vincent de Paul (1581-1660), der heute als “Begründer” des freilich dann doch erst 1897 entstandenen Caritas angesehen wird. Die Heiligsprechung (oder: Kanonisation) basierte nach katholischem Recht , da es sich bei Paul nicht um einen Märtyrer handelte, auf einem nachgewiesenen “Wunder”, ein “Heilungswunder”, sprich auf mindestens einem angezeigten  “Wunderheilung” das von klerikalen Prüfern in einem umständlichen Verfahren beglaubigt worden sein musste. Eine solche Wunderheilung muss eine medizinische durch Ärzte, Pflege, Ruhe, usw. ausschließen, sondern muss auf dem Gebet eines Kranken beruhen, der sich gedanklich an den Toten wendet und dessen Bitte um Heilung durch den angebeteten Toten vermittelt wird.  Untersucht wurde dazu auch sein zu diesem Zweck eigens zweimal exhumierter Leichnam, der danach (lange vor Lenin) und bis heute in Wachs gegossen in einem gläsernen Sarg in einer Kirche ausgestellt ist, während sein Herz abseits von seinem wachsenem Leichnam in der Zentrale des Vinzentinerinnen-Ordens in Paris getrennt aufbewahrt wird. Augsburg hat der französische Priester und Missionar nie betreten.

Nach dem Stadtrat in Augsburg befasste sich auch die Augsburger Allgemeine mit einem kurzen Artikel mit der Auseinandersetzung, stellt dabei freilich nicht etwa Legende gegen Legende, sondern den “Heiligen” gegen den “Juden”. Da dies in Augsburg keine synonymen Begriffe sind, darf man eine gewisse Voreingenommenheit unterstellen.

Die im Artikel auch wieder zitierte Einschätzung, das Pulvergäßchen habe eine “geringe historische Bedeutung” und die Pulvermühle dort nur von 1398 bis 1434 bestanden, basiert auf einer einzigen zudem ungenauen Quelle und wurde von zahlreichen anderen, auch städtischen Autoritäten widerlegt.

Der Augsburger Stadtarchivar Theodor Herberger, schreibt vor rund 150 Jahren in seinem Buch „Augsburg und seine frühere Industrie“,“…, daß kaum eine andere Stadt gerechtere Ansprüche auf die Fabrikation des Schießpulvers und das Gießen der ersten Kanonen machen konnte, als Augsburg“.

Seine heutigen Amtsnachfolger im Augsburger Stadtarchiv sind nun wahrscheinlich aufgefordert, Herberger und allen anderen früheren Autoren ihren “Irrtum” nachzuweisen, zugunsten eines auswärtigen Heiligen, dem ein bereits zugestandener Straßenname angeblich nicht genügen soll. Freilich wurden gemäß der Stadtbücher in den 1370er Jahren mehrfach Kosten für Büchsen, Schießpulver, Mörser und gegossene Kugeln mit Salpeter und Schwefel verrechnet, was alles keinen rechten Sinn ergibt, wenn erst 1398 eine Mühle entstanden sein soll. Zahlreiche andere Autoren gehen davon aus, dass in Augsburg schon um 1340 eine Pulvermühle bestanden haben soll, jene eben, die die Legende dem Tipsiles zuschreibt, der zu dieser Zeit in Augsburg gelebt haben soll.  

Im Volksmund zeugt die Redensart, „das Schießpulver nicht erfunden haben“ von mangelndem Scharfsinn, weitere Sprichwörter besagen, dass jemand sein „Pulver bereits verschossen“ hat oder „keinen Schuss Pulver wert“ sei. Alles deutet auf praktische Intelligenz, die man hat oder nicht. Diskussionen die sich kaum lohnen, wenn manche heute die Realität etwa danach beurteilen, was bereits bei wikipedia eingetragen ist oder nicht begreifen können, dass es abseits von Zusammenfassungen geläufiger Taschenbücher, Geschichte im Detail doch anders gestaltet geben kann.

Das zeigt sich praktisch auch an anderer Stelle, etwa beim Judenberg, der von intelligenten Leuten in dieser Stadt als „zu hässlich“ angesehen wird und nun zum „Kunstberg“ werden soll, wohl weil auch heute noch das Wort „Kunst“ in den Ohren mancher einen viel besseren Klang hat als das Unwort der Jahre 1933-45 … „Juden“.  Dass Mietek Pemper seligen Angedenkens dort über ein halbes Jahrhundert lebte und sich trotz der finsteren Vergangenheit auch wegen mancher einzigartiger Highlights in der mittelalterlichen Augsburger jüdischen Geschichte , die er gut kannte und schätzte, wohl fühlte, kommt Leuten, die hoffen nur etwas vom eingebildeten Hollywood-Glamour abzukriegen oder christliche Kränze auf sein Grab werfen nicht in den Sinn kommen will.

Artikel der “Augsburger Allgemeinen” Mittwoch, 10. August 2011, S. 38 zum Pulvergäßchen

The city council of Augsburg – in a non-public session – recently had to decide to rename the small Pulvergassel in Augsburg after Vincent de Paul, a legendary French saint whose corpse is exhibited in a glas case in a Paris church while his (physical) heart is in another. Since the current name refers to a medieval powder mill and thus probably also to the legend of “Tipsiles” as first time inventor of weapon grade gun powder (as mentioned also in the Jewish Encyclopedia) there now is a controversy in the council as well as in local papers and polemical commentaries in blogs and discussion groups, whether old reports who held Augsburg in 1340 for the oldest gunpowder fabrication locality in Germany or even Europe are true or if these just are fairy tales invented by Jewish “pseudo-historians” as already anti-Semite Adolf  Stoecker pointed out a hundred years ago. However, obviously of course a faith healing Catholic saint fits much better in Augsburg’s “advertising strategy” to promote as “City of Peace” , but does it mean that all reminiscences or remnants which may conjure up wartime memories miraculously will vanish as the bunny in the top hat ..? In our opinion it does not matter what name the small back alley has. In case of war Augsburg will not be bombed because there was a gunpowder mill in early 14th century and in cases of any epidemic Vincent de Paul also will not work any wonder. History is history and dealing with (own local) history is history as well.

Augsburg in fact was regarded as first or among the first major places of fabrication of weapon grade gun powder as umpteen older books maintain. The fact that local legends refer the invention to a Jew is somewhat unusual and a sophisticated population would be proud of it to have other than Holocaust related stories in their history, but obviously there still is a far bigger lust and hunger for miracles and wonders, … so if one street name for Vincent de Paul is not enough, so give him five.

The local newspaper already opposes “the saint” and “the Jew”, so you all may guess what the decision (wanted) will be, knowing that both terms also in current German – for what reasons ever – still are anything but equivalent.  ;-) 

בסמטה קטנה בהתייחסו אגדה מימי הביניים של ממציא יהודי של אבק שריפה אוגסבורג, עכשיו יהיה שמם לאחר כומר קתולי מצרפת

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